Die Autorin - .Midnight by Ullstein Originalausgabe bei Midnight Midnight ist ein Digitalverlag der

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  • Die AutorinMareike Albracht wurde 1982 gebo-ren. Die ausgebildete Diplom-Fi-nanzwirtin ist Mutter von drei Kin-dern und lebt mit ihrer Familie imSauerland. Dort beschloss sie, ihrenKindheitstraum zu verwirklichenund ihre Liebe zur Heimat mit ihrerLeidenschaft fr das Schreiben zukombinieren. 2016 belegte sie dendritten Platz auf der Shortlist des Kri-mi-Stipendiums der MrderischenSchwestern.

    Das BuchWeil Kommissarin Anne Kirsch ihre Befugnisse bei ihrem letztenFall berschritten hat, wird sie von ihrem Vorgesetzten zu einerTeambildungsmanahme ins Sauerland geschickt. Durch Zufall er-fhrt sie dabei von seltsamen Vorfllen auf dem Mittelaltermarkt inObermarsberg. Ein Mann wird von einem historischen Brandeisengeblendet aufgefunden. Kurz darauf entdeckt die Polizei eine Lei-che. Anne wird als Vertreterin der Mordkommission offiziell zu denErmittlungen hinzugezogen. Sie bekommt den Tipp, dass die Flleverschiedenen Sagen aus der Region hneln. Doch pltzlich ver-schwinden zwei weitere Menschen, und Anne und ihr Team geratenunter Zeitdruck Von Mareike Albracht sind bei Midnight in der Ein-Fall-fr-An-ne-Kirsch-Reihe erschienen: Katz und Mord DornentodErzhl mir vom Tod

  • Mareike Albracht

    Erzhl mir vom TodEin Sauerland-Krimi

  • Midnight by Ullsteinmidnight.ullstein.de

    Originalausgabe bei MidnightMidnight ist ein Digitalverlag

    der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinSeptember 2017 (1)

    Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017

    Umschlaggestaltung:zero-media.net, MnchenTitelabbildung: FinePic

    Autorenfoto: Erich Latzelsberger

    ISBN 978-3-95819-128-0

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    http://midnight.ullstein.de

  • PrologDie Vitrine steht offen, und es brennt kein Licht im Heimatmuseum.Doch ich muss nichts sehen, um mich orientieren zu knnen. Oftgenug war ich mit Vater hier, musste mir die Beine in den Bauchstehen und ruhig sein, whrend er mit anderen Erwachsenen sprach.

    Heute Nacht ist er nicht da. Niemand ist da.Ich trete nher, betrachte das Schwert einen Moment, um den

    Augenblick hinauszuzgern, bevor ich die Hand ausstrecke und mitden Fingerspitzen ber die kalte Klinge fahre. Ich habe mir vorge-stellt, wie es sein wird, doch reicht meine Vorstellung nie an dieWirklichkeit heran.

    Ich muss Dinge berhren. Fhlen. Das war schon immer so.Das ist auch der Grund, warum ich die Geschichtsbcher meines

    Vaters verbrannt habe. Ich wusste, welche ihm die liebsten waren.Danach verteilte ich die verkohlten Reste auf seinem Schreibtisch.Ich wollte sehen, wie er wei vor Zorn wurde, wollte ihn brllenhren, aber noch mehr wollte ich seine Hand auf meinem Gesichtspren. Ich wollte, dass er mich endlich sah. Und tatschlich wurdeer wei, so wei wie unsere gehkelten Gardinen. Doch er schlugmich nicht, sondern packte mich nur und schleifte mich ins Gste-bad. Dort schloss er mich ein.

    Ich streiche noch einmal ber die Klinge, dann greife ich nachdem goldenen Heft. Ich wusste, dass das Muster rautenfrmig ist,doch erst jetzt wird es unter meinen Hnden Wirklichkeit. DasSchwert Karls des Groen. Ich schliee meine Finger um den Griffund hebe es aus der Vitrine. Ich werde das Schwert. Werde er.

    Ich denke an Hannah Wicke und ihre Geschichten. Ich wei allesber Karl den Groen. Als Kinder haben wir immer in HannahsLaden gesessen, die Bonbons gelutscht, die sie uns geschenkt hat.Dann erzhlte sie uns Sagen und Legenden. Sie erzhlte von der

  • Burg auf dem Eresberg. Einer groartigen Festung, die das Heilig-tum der Sachsen beheimatete, die Irminsul. Sie erzhlte von einergroen Belagerung, von erbitterten Kmpfen und einer gnadenlo-sen Schlacht. Von Karl dem Groen, der mit seiner Streitmacht denBerg bezwang und die Festung belagerte.

    Tagsber waren wir viele Kinder. Abends schlich ich mich oftalleine aus dem Haus. Dann klopfte ich an die Fenster von HannahsZimmer, das ber dem Laden lag. Dafr musste ich auf eine Mauerklettern. Kurz darauf ffnete sie mir und lie mich zu ihren Fensitzen, wenn sie Socken strickte. Dabei erzhlte sie, und manchmallegte sie ihr Strickzeug beiseite und strich mir mit der Hand berden Kopf. Um dieses Streicheln zu spren, kam ich Abend frAbend wieder.

    Ich umschliee die Klinge mit meiner Hand, fahre an ihr entlang.Ganz leicht nur, bis ich das Brennen spre. Auch das Blut ist dunkel.Aber das macht nichts. Ich fhle es.

    Bald werde ich aus dem Schatten hervortreten und dir zeigen, werich wirklich bin. Meine Vision offenbaren. Ich denke an das, waskommen wird. Ich denke an dich, und mein Krper bebt vor Erre-gung. Du liegst auf dem Bett, und dein rotes Haar fllt wie einVorhang auf deinen Rcken. Du bist nackt, drehst dich um undsiehst mich an. Deine Augen sind meine Einladung. Du hast michverhext. Bist in meinen Kopf gekrochen wie eine Schlange und hastmeine Gedanken vergiftet, damit ich nur noch an dich denken kann.

    Du denkst, du httest mich um den Finger gewickelt, glaubst, ichsei dir hrig. Aber du tuschst dich in mir, Schtzchen, und wie dudich tuschst! Du siehst nur das, was ich die Welt sehen lasse. EineRolle, die ich spiele, die ich in einer kalten Kindheit erlernt habe, biszum Erbrechen.

    Du hebst die Hand und streichelst dich, dabei siehst du michunverwandt an. Du hltst meinen Blick fest. Denkst, du wrdest

  • mich gefangen nehmen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Aber daswirst du schon noch sehen.

  • Kapitel 1Mittwoch, 30. August

    Die letzten Zeilen des Stundenliedes verklangen, und Finn setztesein Horn an die Lippen, um zusammen mit den anderen ein letztesMal hineinzustoen. Der Ton hallte weit durch die Nacht, durchdie Straen und Gassen von Obermarsberg. Ein Gru an eine ver-gangene Zeit. An die Geschichte, die hier auf dem Eresberg sogegenwrtig war wie an keinem anderen Ort, den er kannte.

    Die dreizehn Nachtwchter standen im Halbkreis um das Hausvon Winfried Raschke, bekleidet mit schwarzen Mnteln, Leinen-hemden, schwarzen Hosen und Hten und leuchtend rotenStrmpfen. Die Lichter ihrer Laternen erhellten die Strae. Als derHrnerton verklungen war, trat Finns Vater Norbert vor. Es gabkeinen Anfhrer unter den Zunftbrdern, doch htte es ihn gege-ben, dann wre er es gewesen. Wenn er sprach, lauschten alle. Woer stand, gruppierten sich die anderen im Kreis um ihn.

    Norbert gratulierte Winfried zum sechzigsten Geburtstag. In ei-ner kurzen Rede sagte er den Zunftbrdern, wie viel es ihm bedeu-tete, wenn sie zusammen waren und die Traditionen aufrechter-hielten.

    Noch vor einigen Jahren kamen die Leute auf die Strae, um dieNachtwchter zu hren. Heute lassen sie die Rolllden herunter.Er deutete auf ein Haus, dessen Fenster verrammelt waren, als er-warteten die Bewohner eine Heuschreckenplage.

    Manche sehen nicht ein, wie wichtig es ist, die eigene Geschichteam Leben zu erhalten. Sie ist es, was die Oberstadt einzigartig macht.Unsere Identitt, unser Lebenselixier.

    Er erzhlte noch einiges mehr, aber Finns Aufmerksamkeit lieschlagartig nach, als sich die Haustr hinter Winfried ffnete und

  • Kanea herauskam. Fast htte er sie nicht wiedererkannt und starrtesprachlos auf den modernen Kurzhaarschnitt mit den einrasiertenMustern am Hinterkopf. Was zum Teufel hatte sie gemacht? Dasletzte Mal, als er sie gesehen hatte, war sie noch blond gewesen. Ihreneue Frisur gefiel ihm nicht, nein, ganz und gar nicht.

    Trotzdem klopfte sein Herz unvernnftig schnell, als sie mit ei-nem Tablett vorbeikam.

    Magst du eine Cola trinken? Oder Bier? Das gibts da hinten beimeinem Vater.

    Eine Cola ist gut, danke. Fr einen kurzen Moment berhrtensich ihre Fingerspitzen. Eine peinliche Pause entstand. Dann hobWinfried Raschke seine Bierflasche. Auf euch, Zunftbrder!

    Finn sah seinen Vater in einer frhlichen Runde stehen und ge-sellte sich dazu. Norbert gab eine Anekdote zum Besten: Damalssuchten die Nachtwchter die Wohnungen von Frischverheiratetenheim. Jede Stunde versammelten sie sich vor den Husern, wennmglich unter dem Schlafzimmerfenster. Dann tuteten sie, damitdie neuen Eheleute in ihrer Hochzeitsnacht nicht einschliefen.Schlielich sollten in Obermarsberg Kinder geboren werden. Ichfinde, wir sollten diese Tradition wiederaufleben lassen.

    Die anderen lachten, und Finn stimmte mit ein, obwohl er wusste,dass das Thema einen ernsten Hintergrund hatte. Norbert machtesich Sorgen, da viele junge Leute die Oberstadt verlieen und wieberall in Deutschland zu wenig Kinder geboren wurden. Vor einpaar Jahren hatte die Grundschule deswegen schlieen mssen.

    Die Nachtwchter tranken aus und traten den Heimweg an. NurFinn blieb zurck und half Kanea und ihrem Vater, die Glser undFlaschen einzusammeln. Die ganze Zeit hoffte er, Winfried wrdeendlich ins Haus gehen. Aber als es so weit war, wusste er nicht,worber er reden sollte.

    Du hast noch gar nichts zu meiner neuen Frisur gesagt. Sielchelte und drehte den Kopf. Gefllt es dir?

  • Ist mal was anderes.Was sollte er sonst auch sagen? Es war passiert und nicht mehr

    zu ndern. Jetzt musste man zweimal hinsehen, um die Kanea zuerkennen, mit der er aufgewachsen war. Ein wildes Mdchen mitblonden Zpfen wie kleine Rattenschwnze. Die Knie stndig auf-geschrft. Im Sommer hatte sie fr sich und Finn Eis aus der gutgefllten Khltruhe ihrer Eltern geklaut. Eine gute