Die entwicklungspsychologische Perspektive – Eine kleine

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  • Gerhard Liska

    White Paper

    Die entwicklungspsychologische Perspektive Eine kleine Anleitung zur Weisheit, fr Fhrungskrfte und andere Menschen

  • Einleitung

    In diesem Aufsatz beschftige ich mich mit der Frage wie und worin es sich fr Fhrungskrfte lohnt, sich weiter fortbilden zu wollen. Mein Interesse gilt dabei nicht so sehr der jungen Fhrungskraft sondern der bereits erfahrenen, lteren Fhrungskraft. Ich gehe also davon aus, dass ein bestimmtes Wissens- und Erfahrungsniveau in Bezug auf Fhrungstechniken und -tools bereits vorhanden ist.

    Dynamische und hochgradig vernetzte, komplexe Handlungskontexte fordern Fhrungskrfte heute ungleich mehr als noch vor zehn Jahren. Trotz zunehmender Widersprchlichkeiten wird erwartet, dass sie dabei dennoch entscheidungsfhig bleiben. Das Bild der umsichtig, voraus-schauend und verantwortungsvoll agierenden Fhrungskraft taucht hier auf.

    Es geht aber nicht nur um die erweiterte Perspektive in Bezug auf Fhrung. Das lterwerden an sich bringt eine Flle neuer Herausforde-rungen und Themen, die zur Reflexion einladen. So wird die Frage der Sinnerfllung im beruflichen wie im privaten Lebensbereich mit zuneh-mendem Alter bedeutsamer. Hier schwingt mehr das Bild des weisen Alten, der weisen lteren mit, die gerne um Rat gebeten werden. Zusammengenommen verlangt dies nicht nur die bloe Verfeinerung vorhandener Fertigkeiten und die Vertiefung gelernten Wissens, sondern die Fhigkeit Probleme und Zusammenhnge aus einer bergeordneten, holistischen Perspektive wahrzunehmen und zu denken. Das erfordert allerdings auch eine neue Art von Wissen.

    Wir werden uns dem Thema von zwei Seiten her nhern. Einerseits wollen wir das Konstrukt der Weisheit zum Ausgangspunkt unserer berlegungen nehmen. Folgende Fragen leiten uns dabei: Bedeuten Weisheit und weise handeln das gleiche? Oder, anders herum: Gibt es einen Unterschied zwischen dem Hauptwort und dem Zeitwort?Andererseits wollen wir uns mit der Frage auseinandersetzen ob und wie sich unser Bewusstsein ber die Lebensspanne hinweg entwickelt. In der Psychologie wird dies als entwicklungspsychologische Perspektive bezeichnet.

    In dieser Weise ist der Aufsatz auch gegliedert. Zuerst geht es um Weisheit und weise sein, anschlieend um den entwicklungspsycholo-gischen Blick und abschlieend darum welche Schlsse daraus fr den persnlichen Entwicklungsweg gezogen werden knnen. Und es wird deutlich werden, dass die beiden hier diskutierten Zugnge einander ergnzen und umfassen und letztlich in dieselbe Richtung zeigen.

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    Komplexe Handlungskontexte

    stellen an Fhrungskrfte besondere

    Anforderungen.

  • Was ist Weisheit?

    Fragen wir uns zuerst also was genau unter Weisheit verstanden wird. Weisheit ist ja ein schillernder Begriff in den viel hineingelegt werden kann. In der Regel wird sie mit Wissen in Verbindung gebracht.

    Weisheit beschreibt Expertise in den fundamentalen Pragmatiken des Lebens, eine dialektische Balance die es erlaubt das eigene Handeln in einem greren und umfassenderen sozialen Kontext zu verorten, so eine Definition (Staudinger & Drner 2007, 662).

    Dabei geht es um eine Integration von affektiven und kognitiven Aspekten der menschlichen Persnlichkeit als Antwort auf die Heraus-forderungen, Probleme aber auch glcklichen Momente des Lebens. Dies erfordert kognitive Fhigkeiten und Kompetenzen auf unter-schiedlichen Ebenen. Das sogenannte Berliner Weisheitsparadigma beschreibt fnf unterschiedliche kognitive Kompetenzebenen in Bezug auf Weisheit (Staudinger & Drner 2007, 672):

    1. Umfangreiches Selbst- und Erfahrungswissen als tiefgehende Einsicht in die eigenen Ziele, Emotionen und Kompetenzen. 2. Interpersonelles Wissen zum Aufbau und Erhalt von Beziehungen und Emotionsausdruck bzw. -regulation.3. Kontextbezogenheit als Fhigkeit ber Grnde des eigenen Verhaltens und der eigenen Gefhle reflektieren zu knnen, sich der Abhngigkeit von anderen bewusst sein und die Einbettung in einen bergeordneten Kontext wahrnehmen knnen4. Werterelativismus und Selbstrelativierung als Fhigkeit, sich selbst wie andere aus distanziertem Blickwinkel sehen zu knnen sowie Akzeptanz und Toleranz fr eigene Werte und die Werte anderer.5. Ambiguittstoleranz als Fhigkeit die Unwgbarkeiten im eigenen Leben und der eigenen Entwicklung zu erkennen und damit umgehen zu knnen.

    Weisheit bentigt eine ausgewogene Balance der unterschiedlichen Kompetenzebenen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass diese Wissens- aspekte nicht unbedingt Teil blicher Curricula in Management- ausbildungen sind. Wir knnen hier von weisheitsrelevantem Wissen sprechen. Dabei ist die Wissenskomponente jedoch nur eine Seite der Medaille.

    Die andere Seite ist die Handlungskomponente. Im Handeln manifestiert sich was in der Folge als weise bezeichnet wird. Rein intellektuelles Wissen ist daher zu wenig um auch als weise wahr- genommen zu werden. Vielmehr geht es darum das theoretische Wissen in praktisch orientiertes Erfahrungswissen umzuwandeln. Nur wenn wir die dem intellektuellen Wissen zu Grunde liegende Wahrheit fr uns selbst erfahren und damit in einen inneren Bezug zu uns setzen, kann eine Transformation des Bewusstseins stattfinden. Weise sein

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    Weisheit: Integration von affektiven und

    kogniviten Aspekten der menschlichen

    Persnlichkeit

  • offenbart sich in der Reflexion der persnlichen Erfahrungen in diesem Prozess (Ardelt 2004). Es baut sich ein spezifischer Wissensbereich auf, der auf Erfahrung beruht.

    Intellektuelles Wissen und erfahrungsbezogenes Wissen unterscheiden sich in verschiedenen Punkten. Die folgende Tabelle (Tabelle 1) fasst diese zusammen (nach Ardelt 2000):

    Tabelle 1: Unterschiede zwischen intellektuellem und erfahrungs-bezogenem Wissen (nach Ardelt 2000)

    Intellektuelles Wissen schafft Kompetenz. Diese ist notwendig um es in einem Fachbereich zur Meisterschaft zu bringen. Der Schritt zur Weis-heit braucht dann allerdings noch eine Relativierung des erworbenen Wissensschatzes. Das Entwicklungsziel in spteren Jahren fokussiert also weniger auf die Verbreiterung des Wissens, als vielmehr darauf dieses Wissen unter dem Aspekt der Weisheit neu auszurichten (Thornton 1986). Effektives Handeln in den sozialen Rollen, das ja das Ziel des Kompetenzerwerbs ist, formt die Basis auf der anschlieend die erfahrungsbezogenen Wissensbereiche aufsetzen. Damit erweitert sich der Fokus von der individuellen ich-bezogenen Perspektive zu einer kollektiven und universalen Perspektive.

    Abbildung 1 arbeitet diese Zusammenhnge heraus und versucht auf-zuzeigen welche Wissensaspekte in welchem Lebensabschnitt bedeut-sam sind. Die horizontale Achse zeigt einen Ausschnitt aus der Lebens-spanne (hier: Zwischen 25 und 65 Jahren) whrend auf der vertikalen Achse unterschiedliche Wissensaspekte aufgetragen sind. Deutlich kommt dabei zum Ausdruck wie sich das Wissen ber die Lebens- spanne hinweg weiter entwickelt, mit unterschiedlichen Schwerpunkten in verschiedenen Lebensphasen. In diesem Sinne lsst sich der Dreischritt von Kompetenzerwerb ber Meisterschaft hin zu Weisheit als Verschiebung der Wissensinhalte lesen.

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  • Abbildung 1: Unterschiedliche Wissensarten ber die Lebensspanne hinweg

    Der Entwicklungsprozess als Fhrungskraft wird auch als persnlicher Entwicklungsprozess verstanden (Kouzes & Posner 2002, 298). Unterschiede im Fhrungsverstndnis und in der Fhrungsperformance stehen mithin in einem Zusammenhang mit der entwicklungspsycho- logischen Reife einer Fhrungskraft (Harung et.al. 2009, 874). Die Art und Weise wie eine Fhrungskraft als Mensch sich selbst sieht, mit anderen interagiert und sich die Welt erklrt, beeinflusst wie die Rolle der Fhrungskraft wahrgenommen und gelebt wird. Dies betrifft grundlegend den Unterschied zwischen Ich-bezogener und kollektiv fokussierter Perspektive. Manche Fhrungskrfte agieren in ihrer Rolle effektiver als andere. Sie handeln bewusster und ganz- heitlicher, verorten den Unternehmenserfolg in einem umfassenderen Kontext und schreiben die Ttigkeit des Fhrens ber die Organisa- tionsgrenzen hinaus in die Gesellschaft fort. Kurz, manche Fhrungs-krfte verstehen die Ttigkeit des Fhrens in einem umfassenderen Sinne. Am fachlichen und methodischen Wissenshintergrund der Fhrungskrfte scheinen sich diese Unterschiede in der Effektivitt des Handelns nicht festmachen zu lassen. Fhrungskrfte in Unternehmen und Organisationen sind heute in der Regel fundiert ausgebildet was ihr Wissen und ihre skills, mithin ihr intellektuelles Wissen, betrifft. Es scheint mehr um eine qualitative Erweiterung im Wahrnehmen und Verstehen der Welt zu gehen, also um weisheitsrelevantes und erfahrungsorientiertes Wissen.

    Die auf den folgenden Seiten vorgestellte entwicklungspsychologische Perspektive erffnet die Mglichkeit die wahrgenommene Diskrepanz besser zu verstehen. Sie geht davon aus, dass sich Wissenserwerb und

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  • in der Folge die Entwicklung des Bewusstseins auf zwei recht unter-schiedlichen Ebenen vollzieht: (1) In die Breite oder horizontal und (2) transformational oder vertikal. Die folgende Abbildung fasst die Unter-schiede zwischen vertikaler und horizontaler Entwicklung anschaulich zusammen.

    Horizontale Entwicklung bedeutet