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Entwicklung von Professionalität zwischen Allmacht ... · PDF file 19/01/2011  · Entwicklung von Professionalität zwischen Allmacht, Ohnmacht und Burnout Heidi Kloppert, StJA Duisburg

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    Bericht Forum 5 (Bundesforum Vormundschaft/Pflegschaft Dresden 2010) Entwicklung von Professionalität zwischen Allmacht, Ohnmacht und Burnout Heidi Kloppert, StJA Duisburg Alwin vor der Brüggen, StJA Münster Detlef Heddier, KrJA Borken Moderation: Hans-Werner Pütz, LVR, Köln (Bericht) Moderator Hans-Werner Pütz vom LVR-Landesjugendamt Rheinland und überregionalen Arbeitskreis der Amtsvormünder in NRW begrüßte die anwesenden 39 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Zunächst verwies er auf die unterschiedlich anzutreffenden Strukturen in den Jugendämtern und verdeutlichte den geplanten Ablauf der 2 Stunden. Zu Beginn wurde anhand eines Modells mit aufgebauten Spielfiguren veranschaulicht, wie sich die Zahl von 50 Mündeln in Relation zu 100 Mündeln darstellt. Eine Karikatur, per Bea- mer an die Wand projiziert, machte das oft vergebliche Bemühen um positive Arbeitsergeb- nisse deutlich.

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    Die Anwesenden wurden, gebeten, ihre Vorstellungen vom idealen Amtsvormund und die notwendigen persönlichen Voraussetzungen für eine qualitativ gute Vormundschaft auf Mo- derationskarten zu schreiben. Jeder hatte die Möglichkeit, mehrere Anforderungen zu be- nennen. Die grobe Sortierung der anschließend eingesammelten Karten mit den genannten Anforde- rungen ergab letztlich folgendes Bild der wesentlichen genannten Kompetenzen: Kompetenzen (Prozessqualität)

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    Persönliche Voraussetzungen: - Interesse, Empathie, Parteilichkeit, Wohlwollen an/für Kinder/Jugendliche - Pädagogische Kompetenzen - Verwaltungs/-rechtliche Kompetenzen - Bereitschaft zur fachlichen/persönlichen Weiterentwicklung/Fortbildung - Kritikfähigkeit - Reflexion der eigenen Persönlichkeitsstruktur („(Ich bin) Alles, aber kein Vormund“) Im Folgenden wurden noch einige wesentliche Arbeitsbedingungen vorgestellt, die zur Ent- wicklung von Professionalität vorhanden sein müssen: Äußere Bedingungen (Strukturqualität) - Unterstützung / Rückendeckung durch Vorgesetzte (Fürsorgepflicht) - angemessene Bezahlung - Fortbildung ergänzend zur eig. Fachlichkeit - Fähigkeit/Möglichkeit sich zu „vernetzen“ - Supervision - Austausch mit anderen Vormündern Basierend auf sieben Grafiken, in denen Arbeitsplatzstrukturen (Mischarbeitsplätze) und Fallzahlbelastungen in der Vormundschaft abgebildet wurden, stellte Herr Pütz die Ergebnis- se einer aktuellen Umfrage bei den Jugendämtern in NRW vor, um ein Bild der „Ist-Situation“ zu geben. Nachstehend sind zwei Grafiken abgebildet, die sich auf die Fallzahlen in der Amtsvormundschaft beziehen.

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    Nach Klärung der Zusammenhänge von Fallzahlen zu Arbeitszeit, Mischarbeitsplätzen und unterschiedlichen Belastungen in Relation zu Größe des Jugendamtes herrschte spürbare Betroffenheit im Plenum. Anstelle der vorgesehenen Power-Point – Präsentation von Auszügen aus den NRW Quali- tätsstandards für Vormünder wurde auf die wesentlichen Erkenntnisse des NRW Arbeitskrei- ses der Amtsvormünder zu optimalen Arbeitsweisen hingewiesen, die auch in den aktuell herausgegebenen „Qualitätsstandards für Vormünder“ veröffentlicht worden sind In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Arbeit oft durch nicht abgestimm- te Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren erschwert wird. Die Kooperation zwischen ASD und Amtsvormund könnte besser sein. Ferner bedürfen die Familiengerichte unbedingt einer Rückmeldung über Arbeitsüberlastungen in der Amtsvormundschaft, um die Bestellautomatik des Jugendamtes zu hinterfragen. Ebenso sollten sich die Familiengerichte über die Kapazitäten des Jugendamtes vergewissern. Überlastungen müssen unbedingt auch der Leitung angezeigt werden. Die nachstehenden Inhalte (in einer Power-Point-Präsentation vorgestellt) fassen vereinfacht die Merkmale und Wirkungszusammenhänge von Burnout im Arbeitsfeld der sozialen Tätig- keiten zusammen:

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    1. Entwicklung von Professionalität ...zwischen All macht, Ohnmacht und Burnout

    2. Burnout - Definition „Zustand spiritueller mentaler und körperlicher Erschöpfung, ohne Hoffnung und ohne Energie, und man glaubt, das wird sich nie mehr ändern“ (Kubbassek, Ben; 2001).

    3. „Burnoutsyndrom“ - Sozialforschung Seit ca. 20 Jahren Forschungen zum „Burnout“ – beschrieben als schleichender inne- rer Prozess des Ausbrennens bedingt durch Verschleißerscheinungen der Arbeits- welt - gekennzeichnet durch Erkrankungen, Stresssymptome, starke körperliche und seeli- sche Erschöpfung, Depressionen, Angstzustände,... Besonders gefährdet: Fachkräfte aus sozialen Arbeitsfeldern

    4. (Einige) Arbeitsbedingungen von Fachkräften in der sozialen Arbeit Balanceakt zwischen Nähe und prof. Distanz Hilfsbedürftigkeit und Erwartungshaltung von Klienten Gefühle hoher Verantwortlichkeit für Lebensschicksale (je nachdem - Tiefe Einblicke in schwierige Lebensumstände Konfrontation mit Armut, Verwahrlosung, Vernachlässigung, Gewalt, psychi- schen/Erkrankungen, biografischen Brüchen, ...)

    5. Äußere Bedingungen sozialer Arbeit enge personelle Ressourcen Verschärfung sozialer Problemlagen bei Klienten steigende Fallzahlen Druck und Belastungen in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen

    6. Sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze Hauptsächlich zwei Ansätze werden vertreten: - Persönlichkeitszentrierte Ansätze (Burisch, Freudenberger u.a.) – Relevant: Persönlichkeit /-sstruktur - Und sozial-, arbeits- bzw. organisationspsychologische Ansätze (z.B. Cher- niss,Maslach u. Jackson u.a.) – Relevant: Institution u. Arbeitsfeld

    7. Zusammenhänge - Faktoren Persönlichkeit /-struktur: zu hohe Ansprüche an sich selbst, mangelnder Ausgleich, sich nicht abgrenzen kön- nen, eigene Erziehung, keine Trennung von Privatem und Arbeit, Einzelkämpfermen- talität, Konfliktvermeidung, sich unersetzlich machen, keine Pausen, sich selbst nicht wichtig nehmen, ... und Arbeitsbedingungen: zu hohe Fallzahlen, hoher Erfolgsdruck, schwierige Arbeitsbedingungen, Probleme mit Kosten-/Leistungsträgern, schwierige Arbeitsmarktlage, Druck von „oben“, schlechtes Arbeitsklima, wenig Feedback, fehlende Fortbildung, mangelndes Fach- wissen, fehlende Supervision, Mobbing, Überstunden, Mehrfachbelastungen, fehlen- de Anerkennung, keine beruflichen Weiterentwicklungsperspektiven, ... und gesellschaftliche Faktoren, die beides beeinflussen

    8. „Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe.“(Sprich wort) SELBSTFÜRSORGE??

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    9. „Die gute Nachricht“ für Veränderungen

    „Wir haben zwar nicht immer Einfluss auf differenzierte und umfassende Veränderun- gen von Arbeitsbedingungen, Strukturen am Arbeitsplatz und familiären/häuslichen Anforderungen und Pflichten, aber immer die Möglichkeit, unseren Blick darauf zu verändern ... und so sukzessive Veränderungsprozesse in kleinen Schritten einzulei- ten.“ (Poulsen, I. in: Burnoutprävention im Berufsfeld Soziale Arbeit, 2009).

    10. Acht Säulen der Burnoutprävention (I. Poulsen) Selbsterkenntnis – Bewusstheit / Bewusstsein – innere Klarheit Grenzen erkennen und setzen können, Nein sagen Gelassenheit und Optimismus Hobbys, Ausgleich, Sport Gute Kollegen/- innen, gutes Team Um Hilfestellung bitten können Soziale Netzwerke, Freunde, Familie Humor, Spaß und Freude – These: Auf Dauer gesunderhaltend sind die vorhandenen Lebenseinstellungen, Hal- tungen, Handlungsweisen die es allein mit vorhandenen Stressfaktoren im berufli- chen Alltag aufnehmen können.

    Dies vor allem vor dem Hintergrund struktureller Defizite und den Grenzen persönlicher Kompensation. Vielfaches Kopfnicken und „Kulissengeflüster“ zeigte, dass die Darstellung voll ins Schwarze traf. So war es sehr wesentlich, intensiv und gemeinsam auf die Möglich- keiten zur persönlichen Verhinderung der Symptome einzugehen. Auch hier war die Wiedererkennung mit der örtlichen Situation spürbar. Im zweiten Teil schilderten zuerst Frau Kloppert vom Jugendamt der Stadt Duisburg, an- schließend Herr Heddier, Kreisjugendamt Borken und zum Schluss Herr vor der Brüggen vom Jugendamt der Stadt Münster, die Ausgangssituation, den Prozess und die weitere Entwicklung von strukturellen und personellen Veränderung im Aufgabengebiet in ihren je- weiligen Jugendämtern. Alle genannten Vormünder gehören dem überregionalen Arbeits- kreis der Amtsvormünder in NRW an. Die drei Präsentationen sind beigefügt. Frau Kloppert konnte auf eine komplette Strukturänderung im Jugendamt Duisburg, ange- stoßen durch die Praktiker, aber auch von der Leitung gewollt, verweisen. Die Trennung von Beistandschaften und Vormundschaften wurde vollzogen. Die Vormünder sind als selbstän- dige Einheit in der Abteilung tätig. Ganz anders vollzog sich der Wandel im Kreisjugendamt Borken. Offensichtlich wirkte der Vortrag von Detlef Heddier, der die konsequente Ablehnung der Übernahme nicht mehr zu tragender Verantwortung aufgrund zu hoher Fallzahlen darstellte und die den Vorgesetzten zu leistenden Unterschriften zwang bis hin zu der angestrebten vollzogenen Umstrukturie- rung /Personalerhöhung - auf einige der Anwesenden ermutigend. Den Abschluss bildete die Darstellung von Alwin vor der Brüggen aus Münster. Hier war An- stoß der Neuausrichtung die bis dahin bestehende fachliche Anbindung der Vormundschaft, die als neuer selbständiger Aufgabenbereich herausgelöst und profiliert wurde, um geset- zeskonform zu arbeiten. In Münster wird seit der Neuausrichtung das sog. „Viersäulenmodell der Vormundschaft“ umgesetzt.