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Sozialistische HochschulZeitung 1. Wer hätt’s gedacht, dass in einer Welt jederzeit voller Supermarktregale, immer produktiverer Landwirtschaſt und unbenutzter Arbeitskraſt im Überfluss (und in der Marktwirtschaſt wird mit Reichtum in ganz anderen Dimensionen angege- ben!) die Ernährung der Menschheit „möglich“ ist! Selbstverständlich ist das „möglich“! 2. Wer zum Spenden von Geld aufruſt, dem ist auch geläufig, warum das Mögliche nicht wirklich ist: Wer das Geld nicht hat, um sich das Lebensnot- wendige zu kaufen, kriegt nichts zu beißen. Das hat seinen Grund darin, dass das Lebensnotwen- dige in der Welt der Marktwirtschaſt überhaupt für keinen anderen Zweck produziert wird als für den Verkauf. Wenn aber alles nur zum Geld- erwerb hergestellt wird, und gar nicht erst produ- ziert wird, wenn es sich nicht verkaufen lässt, dann gibt es auch nicht „genug zu essen für alle“. 3. Diese Systemnotwendigkeit der marktwirt- schaſtlichen Armut hält keiner für befassenswert, weil die zivilisierte Menschheit lieber konstruktiv „nach vorn“ denkt und sich fragt, wie man per- sönlich ganz konkret der Armut, die es „nun mal“ gibt wie alles, was sonst so vom Himmel fällt, ent- gegenwirken kann. Der Glaube an das Dogma, „Mit Ihrer Spende“ könne der globalen Markt- wirtschaſt der Hunger weggekauſt werden, feiert in Gestalt der Welthungerhilfe gerade 50jähriges Jubiläum – lässt sich also nicht dadurch beir- ren, dass nach einem halben Jahrhundert Spen- densammeln immer noch inmitten wachsenden Reichtums gehungert wird. Soll jetzt der Aus- schluss der zahlungsunfähigen Hungernden vom Lebensnotwendigen bis in alle Ewigkeit mit priva- ter Mildtätigkeit begleitet werden?? #71 . SOZIALISTISCHE GRUPPE (SG) . HOCHSCHULGRUPPE ERLANGEN/NÜRNBERG WWW.SOZIALISTISCHEGRUPPE.DE . [email protected] GegenStandpunkt Vortrag & Diskussion „Fair Trade“ – kapitalistischer Weltmarkt als Herausforderung an die Konsumentenmoral Donnerstag, 24. Januar, 20 Uhr Künstlerhaus, Weiß. Saal, Königstr. 93, Nbg. Regelmäßig wird der Konsument darüber infor- miert, welche Schweinereien für seinen Konsum- produkten passieren: afrikanische Kindersklaven für die Schokolade; total verarmte Bergleute aus Bolivien oder dem Kongo für Handys und Fest- platten; mies bezahlte, überarbeitete, schließlich bei Brandkatastrophen sterbende Näherinnen aus Pakistan oder Bangladesh für die Klamotten; zum Selbstmord getriebene chinesische Arbeiter für iPhones und iPads; ... Weiter wird mitgeteilt, dass von fehlenden Ar- beitsschutzbestimmungen, von nicht endenden Arbeitstagen und Dumping-Löhnen vor allem im Westen beheimatete multinationale Konzerne profitieren, die mit diesen Methoden ihre Kosten senken und ihre Gewinne machen. So sieht also unsere freie Marktwirtschaft in den Entwicklungs- und Schwellenländern aus: Sie geht buchstäblich über Leichen. Was sagt uns das? Beweisen Kinderarbeit, Arbeitssklaven, Hungerlöhne und regelmäßige Arbeitsunfälle nun, wie viel schlechter der Kapita- lismus im Süden doch ist, oder beweisen die ab- stoßenden Zustände, dass dort dieselbe Rech- nungsweise herrscht und die Menschen dieselbe Rolle als Kostenfaktor des Kapitalreichtums spie- len wie im Norden – nur eben auf Basis geringe- rer Produktivität und Konkurrenzfähigkeit? Und was soll praktisch aus solchen Berichten und der fälligen Empörung folgen? Soll man zum Feind dieser Wirtschaftsweise werden oder zu ih- rem Gewissenswurm? Soll man von unseren glo- bal agierenden Multis Besserung verlangen, etwa dass sie ihre Profitmacherei im Süden so wunder- bar menschenwürdig gestalten wie im Norden? Dass moralische Appelle nichts nützen, weiß jeder; aber auch damit ist noch lange nicht der Stab gebrochen über die kapitalistische Wirt- schaft und ihre Träger: Freiwillig, so viel ist klar, ändern die Kapitalisten gar nichts, man muss sie zwingen. Aber gewissenhafte Konsumen- ten – so die rettende Idee – können sie ja auch zum Besseren zwingen: Die Käufer übernehmen Verantwortung anstelle der wirtschaftlich Verant- wortlichen und verbessern die Welt, indem sie die Macht des kleinen Geldes benutzen, um die Manager des großen Geldes zu erziehen: Beim Einkauf lassen sie Waren, die mit üblen Ausbeu- tungspraktiken hergestellt werden, links liegen und verhelfen den ethisch sauberen Profitma- chern zu ihren Profiten. So viel Einbildung über die eigene Macht, die Welt mit gewissenhafter Auswahl aus dem bun- ten Warenangebot und ein paar Euro höheren Preisen für moralisch einwandfreie Turnschuhe, Handys etc. korrigieren zu können, so viel billiger guter Wille lässt sich auch nicht davon irritieren, dass die global produzierenden Multis inzwi- schen auch diese Produktqualität als Mittel ihrer Konkurrenz entdeckt haben und den Käufer In dem „wissenschaſtspolitischen Kommentar“ zu seinem „Arbeitsbericht Prüfungsnoten an Hoch- schulen im Prüfungsjahr 2010“ stellt der Wissen- schaſtsrat, ein Gremium aus Politikern und hoch- rangigen Wissenschaſtlern, fest, dass „sich die Zensuren an Universitäten, Fachhochschulen sowie staatlich anerkannten Hochschulen in den vergan- genen Jahren deutlich verbessert“ haben (SZ et al., 10.11.2012). Anlass zur Freude? Lernen immer mehr Stu- denten immer mehr in ihrem Studium? Haben sich vielleicht die Lehr- und Lernbedingungen an den Hochschulen stark verbessert? Von wegen! Der Wissenschaſtsrat freut sich nicht über die Meldung, die er da verkündet, son- dern er klagt über „zu gute Noten an Unis“. Da- bei hat dieses Gremium keine einzige der vielen Einserarbeiten angeschaut und womöglich fest- gestellt, dass großartiges Wissen hier nicht vor- liegt und/oder auch gar nicht vermittelt wird. Der Maßstab, an dem die vergebenen Zensuren sich in den Augen des Wissenschaſtsrats blamieren, hat mit Wissen überhaupt nichts zu tun: „Der Vorsitzende des Wissenschaſtsrates, Wolf- gang Marquardt, zeigte sich alarmiert. ‚Der Trend zu besseren Noten darf so nicht weitergehen‘, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Der Bericht des Gre- miums stellt … eine ‚schleichende Noteninflation‘ fest. In den meisten Fällen werde die Notenskala kaum noch ausgeschöpſt. ‚Unterschiede werden häufig nur noch nach dem Komma gemacht‘, sagte Marquardt.“ (SZ) Noten können nur richtig sein, gibt der Vor- sitzende zu Protokoll, wenn „die Notenskala aus- geschöpſt“ wird. Wenn nicht, sieht man daran die Entwertung der Note – die also genau so viel wert ist, wie sie Unterschiede herstellt und gültig doku- mentiert. Dafür also ist dieses krönende Resultat und Ziel der Wissensvermittlung da. Das geht in Ordnung für die freie Wissen- schaſt, die Dienerin der Konkurrenz sein soll und will: einer Konkurrenz von Elite-Azubis, die im Vergleich zu ihren Kommilitonen sich auszeich- nen und ausgezeichnet werden wollen, und vor allem von Arbeitgebern, die für ihre Hierarchie an Arbeits- und Verdienstgelegenheiten eine vor- sortierte Hierarchie an qualifiziertem Material vorfinden wollen. Deutsche Professoren, setzen, sechs! Hochschulen vergeben zu viele gute Noten Spenden gegen Welthunger? Quelle: www.welthungerhilfe.de

GegenStandpunkt Vortrag & Diskussion Sozialistische ... · Noam Chomsky ist schon ein seltener Fall: einer-seits Teil der respektierten akademischen Elite, Unterabteilung Sprachwissenschaft;

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  • Sozialistische HochschulZeitung

    1. Wer hätt’s gedacht, dass in einer Welt jederzeit voller Supermarktregale, immer produktiverer Landwirtschaft und unbenutzter Arbeitskraft im Überfluss (und in der Marktwirtschaft wird mit Reichtum in ganz anderen Dimensionen angege-ben!) die Ernährung der Menschheit „möglich“ ist! Selbstverständlich ist das „möglich“!

    2. Wer zum Spenden von Geld aufruft, dem ist auch geläufig, warum das Mögliche nicht wirklich ist: Wer das Geld nicht hat, um sich das Lebensnot-wendige zu kaufen, kriegt nichts zu beißen. Das hat seinen Grund darin, dass das Lebensnotwen-dige in der Welt der Marktwirtschaft überhaupt für keinen anderen Zweck produziert wird als für den Verkauf. Wenn aber alles nur zum Geld-erwerb hergestellt wird, und gar nicht erst produ-ziert wird, wenn es sich nicht verkaufen lässt, dann gibt es auch nicht „genug zu essen für alle“.

    3. Diese Systemnotwendigkeit der marktwirt-schaftlichen Armut hält keiner für befassenswert, weil die zivilisierte Menschheit lieber konstruktiv „nach vorn“ denkt und sich fragt, wie man per-sönlich ganz konkret der Armut, die es „nun mal“ gibt wie alles, was sonst so vom Himmel fällt, ent-gegenwirken kann. Der Glaube an das Dogma, „Mit Ihrer Spende“ könne der globalen Markt-wirtschaft der Hunger weggekauft werden, feiert in Gestalt der Welthungerhilfe gerade 50jähriges Jubiläum – lässt sich also nicht dadurch beir-ren, dass nach einem halben Jahrhundert Spen-densammeln immer noch inmitten wachsenden Reichtums gehungert wird. Soll jetzt der Aus-schluss der zahlungsunfähigen Hungernden vom Lebensnotwendigen bis in alle Ewigkeit mit priva-ter Mildtätigkeit begleitet werden??

    # 71 . S o z i a l i S t i S c h e G r u p p e ( S G ) . h o c h S c h u l G r u p p e e r l a n G e n / n ü r n b e r G

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    GegenStandpunkt Vortrag & Diskussion

    „Fair Trade“ –kapitalistischer Weltmarkt als Herausfor derung an die Konsumentenmoral

    Donnerstag, 24. Januar, 20 UhrKünstlerhaus, Weiß. Saal, Königstr. 93, Nbg.

    regelmäßig wird der Konsument darüber infor-miert, welche Schweinereien für seinen Konsum-produkten passieren: afrikanische Kindersklaven für die Schokolade; total verarmte bergleute aus bolivien oder dem Kongo für handys und Fest-platten; mies bezahlte, überarbeitete, schließlich bei brandkatastrophen sterbende näherinnen aus pakistan oder bangladesh für die Klamotten; zum Selbstmord getriebene chinesische arbeiter für iphones und ipads; ...

    weiter wird mitgeteilt, dass von fehlenden ar-beitsschutzbestimmungen, von nicht endenden arbeitstagen und dumping-löhnen vor allem im westen beheimatete multinationale Konzerne profitieren, die mit diesen Methoden ihre Kosten senken und ihre Gewinne machen. So sieht also unsere freie Marktwirtschaft in den entwicklungs- und Schwellenländern aus: Sie geht buchstäblich über leichen.

    was sagt uns das? beweisen Kinderarbeit, arbeitssklaven, hungerlöhne und regelmäßige arbeitsunfälle nun, wie viel schlechter der Kapita-lismus im Süden doch ist, oder beweisen die ab-stoßenden zustände, dass dort dieselbe rech-nungsweise herrscht und die Menschen dieselbe rolle als Kostenfaktor des Kapitalreichtums spie-len wie im norden – nur eben auf basis geringe-rer produktivität und Konkurrenzfähigkeit?

    und was soll praktisch aus solchen berichten und der fälligen empörung folgen? Soll man zum Feind dieser wirtschaftsweise werden oder zu ih-rem Gewissenswurm? Soll man von unseren glo-bal agierenden Multis besserung verlangen, etwa dass sie ihre profitmacherei im Süden so wunder-bar menschenwürdig gestalten wie im norden?

    dass moralische appelle nichts nützen, weiß jeder; aber auch damit ist noch lange nicht der Stab gebrochen über die kapitalistische wirt-schaft und ihre träger: Freiwillig, so viel ist klar, ändern die Kapitalisten gar nichts, man muss sie zwingen. aber gewissenhafte Konsumen-ten – so die rettende idee – können sie ja auch zum besseren zwingen: die Käufer übernehmen Verantwortung anstelle der wirtschaftlich Verant-wortlichen und verbessern die welt, indem sie die Macht des kleinen Geldes benutzen, um die Manager des großen Geldes zu erziehen: beim einkauf lassen sie waren, die mit üblen ausbeu-tungspraktiken hergestellt werden, links liegen und verhelfen den ethisch sauberen profitma-chern zu ihren profiten.

    So viel einbildung über die eigene Macht, die welt mit gewissenhafter auswahl aus dem bun-ten warenangebot und ein paar euro höheren preisen für moralisch einwandfreie turnschuhe, handys etc. korrigieren zu können, so viel billiger guter wille lässt sich auch nicht davon irritieren, dass die global produzierenden Multis inzwi-schen auch diese produktqualität als Mittel ihrer Konkurrenz entdeckt haben und den Käufer →

    In dem „wissenschaftspolitischen Kommentar“ zu seinem „Arbeitsbericht Prüfungsnoten an Hoch-schulen im Prüfungsjahr 2010“ stellt der Wissen-schaftsrat, ein Gremium aus Politikern und hoch-rangigen Wissenschaftlern, fest, dass „sich die Zensuren an Universitäten, Fachhochschulen sowie staatlich anerkannten Hochschulen in den vergan-genen Jahren deutlich verbessert“ haben (SZ et al., 10.11.2012).

    Anlass zur Freude? Lernen immer mehr Stu-denten immer mehr in ihrem Studium? Haben sich vielleicht die Lehr- und Lernbedingungen an den Hochschulen stark verbessert?

    Von wegen! Der Wissenschaftsrat freut sich nicht über die Meldung, die er da verkündet, son-dern er klagt über „zu gute Noten an Unis“. Da-bei hat dieses Gremium keine einzige der vielen Einserarbeiten angeschaut und womöglich fest-gestellt, dass großartiges Wissen hier nicht vor-liegt und/oder auch gar nicht vermittelt wird. Der Maßstab, an dem die vergebenen Zensuren sich in den Augen des Wissenschaftsrats blamieren, hat mit Wissen überhaupt nichts zu tun:

    „Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Wolf-

    gang Marquardt, zeigte sich alarmiert. ‚Der Trend zu besseren Noten darf so nicht weitergehen‘, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Der Bericht des Gre-miums stellt … eine ‚schleichende Noteninflation‘ fest. In den meisten Fällen werde die Notenskala kaum noch ausgeschöpft. ‚Unterschiede werden häufig nur noch nach dem Komma gemacht‘, sagte Marquardt.“ (SZ)

    Noten können nur richtig sein, gibt der Vor-sitzende zu Protokoll, wenn „die Notenskala aus-geschöpft“ wird. Wenn nicht, sieht man daran die Entwertung der Note – die also genau so viel wert ist, wie sie Unterschiede herstellt und gültig doku-mentiert. Dafür also ist dieses krönende Resultat und Ziel der Wissensvermittlung da.

    Das geht in Ordnung für die freie Wissen-schaft, die Dienerin der Konkurrenz sein soll und will: einer Konkurrenz von Elite-Azubis, die im Vergleich zu ihren Kommilitonen sich auszeich-nen und ausgezeichnet werden wollen, und vor allem von Arbeitgebern, die für ihre Hierarchie an Arbeits- und Verdienstgelegenheiten eine vor-sortierte Hierarchie an qualifiziertem Material vorfinden wollen.

    Deutsche Professoren, setzen, sechs!Hochschulen vergeben zu viele gute Noten

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    Quelle: www.welthungerhilfe.de

  • Die Bürger von „God’s own Country“ haben O bama wieder zum Präsidenten gewählt. In sei-nem politischen Programm mag es Differenzen zu seinem republikanischen Herausforderer gege-ben haben, in seiner Kernbotschaft ist er sich mit ihm einig. Mit amerikanischer Schnörkellosigkeit haben beide im Wahlkampf ausgebreitet, was der Inhalt der demokratischen Freiheit ist, die alle Bürger Amerikas als ihr eigenes pursuit of hap-

    piness ausleben dürfen. Das hat in Amerika drei Namen: „Jobs, Jobs, Jobs!“

    Ein „job“ – das ist der Inbegriff gelebter ame-rikanischer Freiheit. Einen solchen zu suchen, zu finden und nach Kräften auszufüllen, ist das Recht jedes freien Amerikaners – schon gleich, wenn im Land Krise ist. So kümmert er sich um nichts als sich selbst und alles, was ihm wichtig ist: Das im Job erworbene Einkommen ist, egal

    wie hoch oder niedrig es ausfällt, sein Eigentum, von dem er mit seiner family autonom lebt. Ab-gesehen von der Bank, an die er seine Kredite ab-stottert, ist er der Herr über sein per Einkommen aus seinem Job bezahltes home, welches sein castle und das mit seiner gun zu verteidigen sein verfas-sungsmäßiges Recht ist.

    Als diesen autonomen Schmied seiner happi-ness haben ihn die Präsidentschaftskandidaten

    Klarstellung im US-Wahlkampf: Politische Macher, die über ihn herrschen, und kapitalistische Dienstherren, die ihn benutzen – das ist es, was ein freier Amerikaner braucht

    mit „social responsibility“-zertifikaten umgarnen. das hält man offenbar nicht für einen hohn auf das ursprüngliche kritische anliegen, sondern für seinen erfolg.

    über identität und unterschied des Kapitalismus in seinen zentren und in seiner peripherie; über Macht und ohnmacht des Konsumenten, über kritische Verantwortung für den Globus und bra-ve Mitmacherei daheim – gibt es einiges zu er-läutern.

    Audiomitschnitte der GegenStandpunkt- Veranstaltungen im Internet: http://doku.argudiss.de

    Die SHZ und alle Termine per Email – abonniert unseren Newsletter unter:www.sozialistischegruppe.de

    Noam Chomsky ist schon ein seltener Fall: einer-seits Teil der respektierten akademischen Elite, Unterabteilung Sprachwissenschaft; andererseits ein weltweit bekannter linksradikaler Kritiker; einerseits ein bekennender Anarchist, der mit seiner Kritik den üblichen Rahmen anteilneh-mender Verbesserungsvorschläge sprengt; ande-rerseits ein Intellektueller, der darauf besteht, mit seinen anarchistischen Ansichten genau das zu vertreten, worum es jedem Menschen von Natur aus geht – um die Freiheit nämlich. Die beinhal-tet für ihn ein ganzes Lebensprogramm, die He-bung eines inneren Schatzes an materiellen und moralischen Eigenschaften und Fähigkeiten. Von daher betrachtet er die Welt des Kapitalismus dar-aufhin, ob er in ihr seine emphatische Vorstellung menschennatürlicher Bestimmung zur Freiheit

    wiederfindet. Die Antwort, die er in unzähligen Vorträgen und Schriften ausbreitet, fällt äußerst negativ aus. Die Verhältnisse – vor allem in den USA – weichen flächendeckend von dem schönen Selbstbild einer Heimstätte der freien Selbstbe-stimmung ab: In den „freien Marktwirtschaften“ herrscht Tyrannei; die „demokratischen Insti-tutionen“ sind leere Hülsen für die Diktatur der Reichen; die „freie Weltordnung“ ist ökonomisch ein Raubzug, politisch eine einzige Unterdrü-ckung von Staaten und Völkern. Kapitalistische Gesellschaft, bürgerliche Demokratie, Imperialis-mus, alles was Chomsky da in den Blick nimmt, dient nur als Material und Bebilderung des einen negativen Urteils: Bürgerliche Demokratie, kapi-talistische Marktwirtschaft und imperialistische Staatenkonkurrenz sind nicht das, was sie zu sein vorgeben; sie sind das Gegenteil: eine einzige Ver-hinderung des menschlichen Freiheitsstrebens, ein einziger Bruch des Freiheitsversprechens der Demokratie. Nichts von dem, was die ökono-misch und politisch Mächtigen anstellen, bleibt von dieser Kritik verschont – und nichts von dem, was das Treiben dieser Mächtigen wirklich bestimmt, vermag seinen Glauben an dieses Ver-sprechen zu erschüttern. Wie untauglich eine sol-che Kritik ausfällt, darüber bietet Chomskys Werk ein Lehrstück.

    2012 bekommt die EU den Friedensnobelpreis. Den Grund erläutert der Vorsitzende des Nobel-komitees, Thorbjørn Jagland, bei der Preisverlei-hung: Europa sei von einem Kontinent des Krie-ges zu einem Kontinent des Friedens geworden. Das sei keine Selbstverständlichkeit.

    Das ist schon eine seltsame Leistung, für die die EU da geehrt wird: Krieg zu unterlas-sen. Dafür sollen sich sechs Jahrzehnte lang die Staatschefs der zunächst west- und südeuropä-ischen, dann auch osteuropäischen Staaten ge-troffen und riesige Institutionen gegründet ha-ben, damit sie etwas nicht tun? Dennoch wird mit diesem Lob der EU eine bemerkenswerte Auskunft über die Staaten gegeben, die sich in der EU zusammenschließen. Denn welche Staa-ten verdienen schon einen Preis dafür, dass sie im Umgang miteinander von Militäreinsätzen die Finger lassen und Abstand nehmen davon, dass sie einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche legen? Nur Staaten, die praktisch bewie-

    sen haben, dass sie im Interesse ihrer Macht über jede Menge Leichen gehen, die buchstäblich alles dafür getan und gegeben haben, die Macht der anderen zu zerstören und die eigene um die Po-tenzen der Verlierer zu vergrößern. Und nur bei Staaten, die nach wie vor große Ziele in der Welt-politik verfolgen und ihre Nachbarn, auf deren Potenzen sie sich dafür angewiesen wissen, mit aller Macht für die eigene Größe und die eigenen Ziele zu funktionalisieren suchen, nur bei denen ist es eine lobenswerte Leistung, dass sie dafür ei-nen Weg ohne kriegerischen Terror gegeneinan-der gefunden haben. EU-Präsident van Rompuy und EU-Kommissionspräsident Barroso drücken auf ihre Art diese imperialistische Zwecksetzung der zur EU zusammengeschlossenen Staaten aus, wenn sie in ihrer Dankesrede hervorheben: „Un-ser europäisches Einigungsprojekt ist kein Selbst-zweck, sondern ein Mittel zu höheren Zielen. Es bringt das Streben nach einer kosmopolitischen Ordnung zum Ausdruck.“

    Die EU bekommt den Friedensnobelpreis: kein Kompliment an die EU-Staaten!

    Dieser Artikel ist im Internet verfügbar – unter ...

    www.gegenstandpunkt.com

    ... und außerdem im neuen Heft der Zeitschrift GegenStandpunkt abgedruckt. Weiterer Inhalt:

    arbeit und reichtum (V - Vi, neufassung)Der Weltmarktpreis und produktivkraft der arbeit im internationalen Vergleich – arbeit und armut als Mittel der Staatenkonkurrenz

    Die amerikanische Immobilienkrise: eine bilanz aufstieg und Fall des hypothekenkredits

    Im Buchhandel erhältlich:Erlangen: Ex Libris, Bismarckstr. 9 Fürth: Edelmann, Fürther Freiheit 2A Nürnberg: Bahnhofsbuchhandlung / Rüssel, im Frankenzentrum / Jakob, Hefnersplatz 8

    GegenStandpunkt 4-12iSSn 0941-5831100 Seiten€ 15.–

    Noam Chomsky:Radikale Kritik aus und an dem Land der unbegrenzten Freiheit

  • Der religiöse Inhalt der Kulthandlung ...

    Ein Kölner Gericht erklärt das religiös motivierte Wegschneiden der Vorhaut bei Jungen für straf-bar. Weder das Urteil noch das davon angestoßene öffentliche Rechten benötigen für die Kritik an der Kulthandlung auch nur ein einziges Argument ge-gen ihr religiöses Motiv. Im Gegenteil: Die religi-ös-weltanschauliche Botschaft, die diese Körper-verletzung von anderen Tattoos unterscheidet, ist nicht nur bekannt, sondern es wird ausdrücklich Respekt angemahnt und bezeugt dafür, dass der Initiationsritus „für Juden und Muslime mehr als ein frommer Brauch“ und „aus der Sicht der je-weiligen Religionen eine Auszeichnung ist“ (FAZ, 29.6.12). Schließlich geht es genau darum auch bei der christlichen Taufe, wo auch keiner der Be-schneidungskritiker fragt, was es an einem Neu-geborenen eigentlich schon auszuzeichnen gibt. Gefeiert wird nämlich die Ehre, dem Kollektiv zugewiesen zu werden, das der Herrgott dafür vorgesehen hat, auf der Welt für den Glauben an ihn Reklame zu machen.

    Die besondere Beziehung zum höchsten Herrn, die einen vom Rest der Menschheit abhebt, bean-spruchen alle Weltreligionen für sich. Den Juden ist für diese Idee der passend unbescheidene Aus-druck vom auserwählten Volk Gottes eingefallen. Das Verhältnis der Auswahl steht da schon etwas auf dem Kopf: Nicht der Gläubige ist so frei, sich seine Religion samt dazugehöriger Gottheit zu wählen, sondern umgekehrt. Der Glaube soll sei-ne Unanfechtbarkeit bereits aus der Vorstellung gewinnen, dass man sich ihn nicht aussuchen kann, sondern von dem Gott, den man sich ein-bildet, dafür ausgesucht wird, sein Anhänger zu sein.

    Diese Verkehrung der eigenen Freiheit in einen Akt göttlicher Verfügung gehorcht der inneren Logik dieser irrationalen Denkart, die der Glau-be ist. Wer sich in seinem religiösen Denken von allen wirklichen Bestimmungen frei macht und sich von dem Bedürfnis leiten lässt, hinter all den weltlichen Interessen, Zwecken und Ansprüchen, mit denen er es zu tun bekommt, einen letzten Grund, einen absoluten Sinn zu finden, der nicht an jenen Interessen auszumachen ist, die sein Le-ben beherrschen, der kann diesen Sinn nur einem Zweck zuschreiben, den kein Mensch sich setzen

    kann, sondern der dem Menschen selbst gesetzt, vorgegeben ist. So landet das Bedürfnis, mit der Welt, auch und gerade wenn sie voller Not, Elend und Gewalt ist, seinen persönlichen Seelenfrieden zu machen, an sich selbst eine über den Dingen stehende Zufriedenheit mit ihnen herzustellen, bei der Einbildung einer höchsten überirdischen Instanz, die alle irdischen Geschicke in der Hand hat; die einen Plan hat, der gerade auch dann, wenn der Mensch ihn nicht begreift, einem hö-heren Wozu und Weißwarum folgt. Sich in die-ser Vorsehung aufgehoben zu wissen, stiftet das grundsätzliche Einverständnis mit Gott und der Welt.

    Was somit die Identität jeder religiösen Ge-meinde ausmacht, ist das Selbstbewusstsein, kei-nen Geringeren als den obersten Weltenlenker persönlich zum Chef zu haben – und den bzw. das beansprucht jede Gemeinde exklusiv für sich. Wer sich als Mensch so entmündigt, dass er sich als Erfüllungsgehilfe eines lebenslänglichen Auftrags begreift, wer sich so erniedrigt, dass er verglichen mit seinem Herrn und Schöpfer eine gottserbärmliche Kreatur darstellt – ein derart ohnmächtiger Knecht erhöht sich genau dadurch, dass er dem konkurrenzlos Allmächtigen dienen darf, dem alle unterworfen sind, selbst die, die das nicht wissen oder glauben. Daraus speist sich das unerschütterliche Rechtsbewusstsein des Glau-bensmenschen, im Leben zwar manchen Fehltritt tun zu können, dank seiner Zugehörigkeit zum einzig richtigen Glaubensverein und in seinem Gottesdienst aber einem unfehlbaren Weg und Willen zu folgen.

    *Diese eigentümliche, sinnstiftende Dialektik von Unterwerfung und höchstem Rechtsbewusstsein bestimmt nicht zufällig auch die Initiationsriten als solche: Wie die christliche Taufe wird die Be-schneidung am Kind vorgenommen, bei den Ju-den am neugeborenen, bei den Muslimen auch etwas später. Dieser Vollzug am unmündigen Subjekt erfüllt seinen Tiefsinn als vorbewusster, vorwillentlicher Akt jenseits jeder Berechnung, als den ihn die Eltern am Novizen vollstrecken las-sen, so wie er an ihnen selbst vollstreckt wurde. Die Beschneidung soll, indem sie die Markierung durch ein bleibendes Körpermal setzt, der Zuge-hörigkeit zur religiösen Herde zudem die unabän-

    derliche Qualität des Biologischen, die Authenti-zität des Naturmerkmals verleihen.

    Egal, wie weit die jeweilige Initiation da geht, der Religionsbeitritt ist in den Augen des Gläu-bigen nichts Willkürliches, sondern erhält in der Kulthandlung den Symbolgehalt des Auftrags von ganz oben, des Auserwählt-Werdens. Was den Willen des Herrn angeht, verbietet sich der Ver-dacht der Willkür sowieso, weshalb die Gläubigen in der Verantwortung stehen, sich der Gnade die-ser Auswahl durch ihre Gottesfurcht würdig zu erweisen, sie sich verdienen zu müssen. Wer so in der Pflicht ist, kann mit dem Opfer als Beweis sei-ner Dienstbarkeit nicht früh genug anfangen, am besten, bevor er selber das überhaupt will. Dies-bezüglich mag die Beschneidung, die angeblich in

    der abrahamitischen Tradition von Menschenop-fer und Kastration bereits eine vergleichsweise zi-vile Aufweichung darstellt, manchem modernen Glaubensmenschen immer noch als archaisch roh und unzeitgemäß erscheinen, aber der Stellenwert von Demut und Opferbereitschaft im religiösen Menschen- und Weltbild sollte auch ihm vertraut sein.

    *Die religiöse Sittlichkeit im Volk ist bei der

    Nachtrag zum Inhalt des Beschneidungsstreits: Vorhaut zwischen Seelenheil und Körperverletzung

    d i S K u S S i o n S V e r a n S ta lt u n G i n n ü r n b e r G

    Der technische Fortschritt im Kapitalismus und seine Folgen für die Arbeit – kein SegenDienstag, 22. Januar, 20 Uhr, Stadtteilzentrum Desi, Brückenstraße 23

    Der Termin findet wöchentlich statt. Aktuelles Thema jeweils unter: www.sozialistischegruppe.de

    angesprochen, und sie haben ihm versprochen, dass sie mit all der Macht, die in dem von ihnen verteidigten bzw. angestrebten Amt liegt, dafür sorgen werden, dass der hardworking American auch die opportunities bekommt, sich einen job zu suchen, in dem er dann hart arbeiten und Geld verdienen kann. Das ist eine Ansage von entwaff-nender Klarheit.

    Anders, als dass mächtige Männer sich ihrer annehmen, ist diese ganz private Autonomie frei-er Eigentümer anscheinend überhaupt nicht zu leben. Die Wahlkämpfer haben sich in ihrer Wer-bung an das Wahlvolk gewendet als eine Ansamm-lung ohnmächtiger Gesellen, von Hanswursten, die auch und gerade in ihrem elementarsten Le-bensinhalt – dem Konkurrenzkampf um einen Job, ohne den im Reich marktwirtschaftlicher Freiheit keine Existenz zu haben ist – vollständig abhängig sind von den Bedingungen, die die Po-litik ihnen dafür serviert. „Für euren Job braucht

    ihr mich an der Macht“ – so haben Obama und Romney die Adressaten ihrer Wahlkampagnen als abhängige Objekte der Entscheidungen staat-licher Amtsträger angesprochen, die über nichts von dem selbst zu bestimmen haben, was ihnen an Umständen und Mitteln ihres Lebenskamp-fes entgegentritt. Regiert werden die Lebensver-hältnisse von den Mächtigen der Politik, die ihre Macht dafür einzusetzen versprechen, dass der gute Amerikaner in seiner Ohnmacht wieder eine Perspektive hat und „Jobs geschaffen“ werden – von tüchtigen amerikanischen Unternehmern. Das ist die zweite, ebenso fundamentale und umfas-sende Abhängigkeit, auf die Obama und Rom-ney ihr Publikum mit allem Nachdruck gestoßen haben: Die ganze zupackende Art, die die Ame-rikaner in ihren eigenen Augen so sympathisch macht, lebt davon, dass sie sich für irgendeinen kapitalistischen Profiteur nützlich macht. Ohne einen Kapitalisten, der ihn für sein business be-

    nutzen kann, steht der Amerikaner dumm da und auf der Straße – mit all seinem Tatendrang, seiner unverletzlichen Freiheit und mitten in dem ganzen Reichtum des reichsten Landes der Welt. Das spricht aber überhaupt nicht gegen diese Unterordnung aller Anstrengungen unter die Gewinnkalkulation kapitalistischer Unter-nehmen, sondern dafür, dass die Unternehmer dann auch alles vorfinden, was sie brauchen, um ihrem Dienst als nationale Job-Maschine nach-zugehen.

    Im Wahlkampf haben Obama und Romney ihre autonomen Amis also darauf angesprochen, dass sie nichts weiter sind als unselbständige An-hängsel staatlicher Macht und privatkapitalisti-scher Gewinnrechnungen; dass mithin das ganze Lebensglück, das aus ihrer gelebten amerikani-schen Freiheit herausspringt, nichts weiter ist als ein Derivat staatlicher und unternehmerischer De-finitions- und Entscheidungsmacht. ●

  • wirklichen Herrschaft im Prinzip gern gese-hen. Die Zeiten, zu denen sich die reale Macht ihrerseits mit Gottes Gnadentum legitimiert hat, sind hierzulande zwar vorbei, aber unter der Be-rufung auf einen höchsten Wert und Auftrag tut es auch ein moderner, säkularer Staat nicht. Kei-ner verzichtet auf eine ideelle Begründung seiner hoheitlichen Gewalt, die mehr als nur ein zweck-rationaler Apparat sein will. Auch der bürgerli-che Staat kann jedenfalls mit einer religiös-irra-tionalen Geistesausstattung seiner Bürger etwas anfangen, er weiß sie zu schätzen als Bindemittel zwischen Volk und Herrschaft. In der Freiheit, sich die Welt religiös zu deuten, unterwirft sich der Gläubige zwar einem anderen, seinem absolu-ten Herrn, schafft es aber zugleich, sich auf seine Lebenswirklichkeit einen ganz persönlichen Sinn zu reimen, der im Normalfall seine Loyalität auch zur realen Obrigkeit einschließt. Insofern und so-lange diese Spielart der Affirmation funktioniert, hat die Einbildung, in der speziellen Mission ei-

    nes Außerirdischen unterwegs zu sein, ihren an-erkannten Platz im bürgerlichen Gemeinwesen.

    ... und die rechtsstaatliche Kritik daran

    Angesichts des einvernehmlichen Verhältnisses, das Staat und Religion pflegen – man weiß, was man aneinander hat – und angesichts des Res-pekts, den der religiöse Gehalt der Beschneiderei genießt, fragt sich, was denn Vertreter unseres Rechts an dieser Kulthandlung stört. Auf den ers-ten Blick mag es wie eine Unangemessenheit, wie eine Themaverfehlung anmuten, wenn Richter von einem strafbaren Fall von Körperverletzung sprechen, wo es den Veranstaltern des Events doch um die göttliche Gnade ewigen Seelenheils zu tun ist. Wo sie das Signum der Auserwähltheit zelebrieren, fällt den Herren vom profanen Recht ein, dass es weh tut.

    Was aber so daneben aussieht, ist eben die Fas-sung des religiösen Akts als Tatbestand des Rechts,

    eine praktisch sehr gültige Verfremdung des The-mas also. Und der merkt man schnell an, dass es da im Kern nicht ums Wehtun geht. Wenn Vertreter des bürgerlichen Rechts den religiösen Ritus ins Visier nehmen, werden da nicht einfach Vorhäute beschnitten, sondern mit ihnen Rechte. Insofern rührt die juristische Betrachtung und Behand-lung der Glaubenspraxis – mag sie sich auch am kleinsten Zipfel festmachen – schnell ans Grund-sätzliche, was auch die Reaktion von entrüsteten Rabbinern und muslimischen Oberhäuptern deutlich macht. Die wollen sich vom Staat nicht die Leviten lesen lassen, verbieten sich jede Ein-mischung in ihr Treiben – und missverstehen das Recht auf freie Religionsausübung, wenn sie mei-nen, dass diese den Staat nichts anginge.

    Denn der Staat, der der Religion ein eigenes Grundrecht zugesteht, mit dem er ihre Freiheit schützt, legt sie damit auf den Gebrauch dieser Freiheit fest. Diese Festlegung hat es in sich. Zwar darf jeder glauben, an wen oder was er will, wie er auch meinen darf, was er mag. Damit gilt die religiöse Meinung aber genau so viel, nämlich nicht mehr als eine unter vielen Meinungen, die im doppelten Wortsinn gleich gültig, also gleich-gültig und auf praktische Folgenlosigkeit festge-legt sind. Der weltanschauliche Absolutismus der Religionen verträgt sich im Grunde schlecht mit so einem Relativismus und Pluralismus, aber sich in eben diese Gleichgültigkeit der Religionen ein-zureihen, mutet der säkulare Staat den von ihm zugelassenen Kirchen zu. Diese dürfen die Selbst-feier der Frömmigkeit ihrer Schafe organisieren, ihnen vorbeten, dass ihr Gott über allem steht, und sich als seine Vertretung auf Erden vereins-intern sonst was anmaßen. Klar muss aber sein, dass sie dabei nur eine private Lebensanschau-ung vertreten und betreuen, während die staat-liche Hoheit als solche unangetastet über all den sinnhaltigen Weltbildern steht. Als Freiheit, als staatliche Erlaubnis, sie ausüben zu dürfen, ist die Religion somit herabgestuft, ist die Kirche dem Rechtsstaat untergeordnet und so fürs bürgerliche Gemeinwesen funktionalisiert.

    *Die rechtsgelehrte Art, wie sich dieser staatliche Anspruch an die Religion vorträgt, besteht hier darin, die gewiss respektierte Religionsfreiheit an einem anderen Grundrecht, dem auf körper-liche Unversehrtheit, zu relativieren. An dem re-ligiös motivierten Eingriff drängt sich zunächst einem Richter, dann dem Gesetzgeber die Frage auf, welches Recht hier mehr verletzt wird oder zu schützen ist: das des Kindes auf Unversehrtheit oder aber, im Verbotsfall, das der Eltern, ihr Kind religiös aufzuziehen. Auf Rechtsdeutsch heißt das „Kollision zweier Rechtsgüter“ – und dann wird abgewogen und einige Wochen lang tobt ein hef-tiger öffentlicher Streit, in dem die Beteiligten sich wechselseitig die Höchstwerte Kindeswohl, elterliches Sorgerecht und religiöse Selbstbestim-mung um die Ohren hauen, bis dann der Bundes-tag ein Gesetz erlässt, das die Luft aus der Sache herauslässt. Das Gesetz hält nämlich jeden Bezug zum religiösen Anlass und Inhalt draußen, fasst Beschneidung generell als „Körperverletzung“, die aber – solange sie „fachgerecht“ durchgeführt wird – straffrei und den Eltern der beschnitte-nen Kinder anheimgestellt bleiben soll. Somit regelt der Staat die Angelegenheit, indem er die Rechtsaffäre auf eine Frage des medizinischen Handwerks bzw. der adäquaten Ausbildung der Beschneider herunterfährt.

    SoZIALISTISCHE GRUPPE (SG)HoCHSCHULGRUPPE ERL ANGEN/NüRNBERG

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    c/o Studierendenvertretung turnstr. 7, erlangen

    eiS; ViSdp: e. piendl-witzke c/o turnstr. 7, erlangen

    d i S K u S S i o n S V e r a n S ta lt u n G i n e r l a n G e n

    Kritik der Marktwirtschaft – zum Verhältnis von Arbeit und Reichtum im Kapitalismus

    Ginge es im wirtschaftsleben der nationen darum, dass die Menschen sich mit minimalem aufwand optimal versorgen, dann würde die bedarfslage ermittelt und eine für die bereitstellung der notwen-digen und wünschbaren Güter zweckmäßige arbeitsteilung organisiert. alle ökonomischen probleme wären solche der arbeitsorganisation, der passenden technik und des reibungslosen Güterverkehrs; intelligente Menschen, die in der herrschenden Marktwirtschaft die absurdesten und kompliziertesten „produktions-“ und „absatzstrategien“ planen und durchführen müssen, hätten nur noch die vergleichs-weise geringfügige Frage zu beantworten, wie ein gesellschaftlicher reichtum menschenschonend herzustellen und allgemein verfügbar zu machen ist. Kein Mensch würde problematisieren, ob „das überhaupt geht“, weil der gesellschaftlich gesetzte zweck die antwort wäre.

    in der Marktwirtschaft geht es anders zu – und übrigens fragt niemand, „ob das geht“, geschweige denn, dass ein zweifel an der geltenden gesellschaftlichen zwecksetzung laut würde, bloß weil das, worum es allen geht, für ganz viele leute überhaupt nicht in erfüllung geht. da geht es darum, Geld zu verdienen, und zwar möglichst viel. in diesem ziel verstehen sich alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft bestens; „einkommensschwache“ und „besserverdienende“, Mittelständler und Gewerk-schafter, Kapitalisten und beamte sind sich einig und finden es das natürlichste von der welt, dass gearbeitet und gewirtschaftet, produziert und gedienstleistet wird, um an einen lohn, einen erlös, ein honorar, ein Gehalt – kurzum: an Geld zu kommen.

    an was sie dann mit ihrem Geld kommen, das ist allein ihre Sache. denn im Geld verfügen sie über ein Stück reale Freiheit: über die – freilich begrenzte – Möglichkeit aller Genüsse; über Mittel des zu-griffs auf eine unerschöpfliche warenwelt. das ist die gute Seite, die jeder am Gelderwerb schätzt. Mit der Kehrseite machen die erwerbstätigen, jedenfalls in ihrer übergroßen Mehrheit, freilich auch sehr rasch bekanntschaft: wenn die Geldsumme aufgebraucht ist, ist es auch mit dem freien zugriff vorbei. Vorhanden sind die begehrten und benötigten Güter nach wie vor; nur verfügbar sind sie nicht. die im Geld gewährte Möglichkeit der befriedigung aller bedürfnisse ist noch lange nicht die wirkliche auch nur eines einzigen.

    praktisch lösen sich deswegen die meisten probleme des großen teils der Menschheit in das eine problem auf, mehr Geld zu verdienen. dieser praktischen notwendigkeit der Marktwirtschaft kommen die leute nach – und beschweren sich dabei bitterlich über zumutungen, die ihnen das System des freien Geldverdienens beschert: über zu hohe preise, zu viel Stress am arbeitsplatz, über zu geringes entgelt für ihre leistungen und überhaupt über die ungerechte Verteilung des reichtums. diese art des Kritisierens taugt aber nichts. denn über der Klage über lauter Missverhältnisse nehmen sie eines nicht in den blick, nämlich welcher logik preise, arbeitsplätze, lohnzahlungen und die Verteilung des reichtums tatsächlich gehorchen.

    in unserer diskussionsveranstaltung wollen wir uns den begriff dieser logik erarbeiten und damit klären, warum derselbe imperativ des Geldverdienens für manche wachsenden reichtum und für viele einen lebenslangen Kampf um ihren lebensunterhalt beinhaltet.

    Montag, 28. Januar, 19 UhrSprecherrat (1. oG), Turnstr. 7, Erlangen