Georg Dientzenhofer (1643 - 1689) - ?· Dr. Thomas Korth Georg Dientzenhofer (1643 - 1689) I. Georg…

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  • Dr . Thomas Korth

    Georg Dientzenhofer (1643 - 1689)

    I.Georg Dientzenhofer, den die Kunstgeschichte zu dengroen Architekten des 17. Jahrhunderts in Deutschlandzhlt, war nach seinem Tod am 2. Februar 1689 schnellvergessen. Erst die Forschung des 19. Jahrhunderts ent-deckte ihn wieder, doch hat es die moderne Kunstwissen-schaft des 20. Jahrhunderts bis jetzt nicht vermocht, seinWerk einigermaen vollstndig zu erforschen und darzu-stellen.Die wegen ihres dreiblttrigen Grundrisses so bekannteund volkstmliche Wallfahrtskirche zur hll. Dreifaltigkeit,die Kappel bei Waldsassen in der Oberpfalz, war zwarschon 1837 durch Joseph Brenner als Werk Georgs be-kannt gemacht worden, doch gelang es erst JosephBraun 1910 das eigentliche Hauptwerk, die ehemalige Je-suitenkirche Namen Jesu, die heutige Martinskirche inBamberg, als Schpfung des Meisters zu erkennen. EinJahr zuvor, 1909, hatte die Kunstdenkmlerinventarisa-tion der Oberpfalz, Georg als Baumeister von Teilen desJesuitenkollegs in Amberg und als Verfasser unausge-fhrter und verschollener Plne fr die Pfarrkirche vonAuerbach aufgesprt. Mit diesem bescheidenen Werk-verzeichnis, zwei Kirchenbauten, einer nicht berliefertenKirchenplanung und einem Profanbauunternehmen er-schien Georg dann 1913 in Thieme und Beckers Knstler-lexikon. Seither hat sich unsere Kenntnis vom Schaffendieses Architekten nicht mehr erweitert, sieht man von derzweifelhaften Zuschreibung zweier Grundrisse fr dasfrstbischfliche Lustschlo Seehof bei Bamberg durchMargarete Kmpf 1956 ab.Ungeklrt ist in der Literatur bis heute der knstlerischeAnteil Georgs am Bau des Klosters und der Kirche der Zi-sterzienser von Waldsassen, wo er - wie man seit Brenner

    wei - als Polier und Maurermeister ttig war. Unerkanntauch seine Beteiligung an der Planung und an der Ausfh-rung des Prmonstratenserklosters von Speinshart; derBenediktinerabtei von Weiennohe und an der liebfrau-enkirche in Arnberg, Ttigkeiten, von denen der Bauherrder Kappei, Pfarrer Paulus Eckardt 1684 in einem Brief andas bischfliche Konsistorium in Regensburg berichtete.Gnzlich unbekannt als Werke Georgs blieben schlielichTeile des Benediktinerklosters Michelfeld und die 1905abgebrochene Pfarrkirche von Falkenberg. Nicht errtertwurde auch die Frage, ob Georg die Wallfahrtskirche vonTrautmannshofen, deren Bau er - wie seit einer Untersu-chung von Walter Boll aus dem Jahre 1961 bekannt ist -1686 von seinem jngeren Bruder Leonhard bernahm,nicht doch selbst plante. Und schlielich untersuchteauch niemand, was im sogenannten Dientzenhofer-Skiz-zenbuch des Bayerischen Nationalmuseums Mnchenals Erfindung Georgs gelten knnte.Das schnelle Vergessen und das langsame Wiederent-decken des Werkes von Georg Dientzenhofer hngt un-mittelbar mit dem unglcklichen Schicksal des Knstlersselbst zusammen: Der begabte Baumeister wurde nur 45Jahre alt und mute der Nachwelt fast alles unvollendethinterlassen. Doch nicht blo der frhe Tod, auch diespte berufliche Karriere ist schuld am bescheidenen Um-fang des Oeuvres. Denn erst ab dem 39. Lebensjahr wares Dientzenhofer vergnnt, aus der Anonymitt einesMaurergesellen herauszutreten und als selbststndigerMeister eigene Werke in Angriff zu nehmen. Nur siebenJahre standen ihm fr sein Schaffen zur Verfgung - inAnbetracht der oft jahrzehntelangen Bauunternehmun-gen jener Zeit eine lcherlich kurze Zeitspanne. Auch daGeorg berwiegend in der Oberpfalz auf dem Lande ttig

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  • war, wirkte sich nachteilig aus, wurde doch dort sein gro-es Talent kaum wirklich gefordert. Die Bamberger Jesui-tenkirche zeigt eindrucksvoll, zu welchen Leistungen derMeister in einer knstlerisch anspruchsvolleren Atmo-sphre fhig war, wo er sich Konkurrenten wie dem Wrz-burger Hofbaumeister Antonio Petrini zu stellen hatte.Ursache des schnellen Vergessens ist schlielich aberauch Georgs "altertmliche" Kunst. Der Architekt hat sichvon der rckwrtsgewandten, von Vorbildern des spten16. Jahrhunderts abhngigen Baukunst seiner Lehrer inPrag noch nicht lsen knnen. Zwar nahm er bemerkens-wert frh Elemente der modernen Kunst Borrominis inRom auf, doch berwiegt der sptmanieristische Einfluoberitalienischer Provenienz. Immerhin aber zeigt die ge-legentliche Bezugnahme auf Borromini , da Georg gleichseinem jngeren Bruder Christoph in Prag durch die An-wendung borrominesker Formen und die Rezeption derArchitektur Guarinis in Turin zu Neuem htte vorstoenknnen. So aber deckte sich Georg Dientzenhofers Todmit dem Ende einer Epoche und es fiel ein desto tiefererSchatten auf sein Werk. Von Fischer von Erlach, dem Be-grnder des zentraleuropischen Sptbarocks, der 1687in Wien antrat, hat Dientzenhofer gewi nichts mehr ge-hrt.

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    Georg entstammte mit seinen vier jngeren Baumeister-Brdern Wolfgang, Christoph, Leonhard und Johann ei-ner buerlichen Familie aus der Gegend von Bad Aiblingim bayerischen Oberland. Der Vater bewirtschaftete denHof Oberulpoint bei Litzeldorf, in den er 1642 eingeheira-tet hatte. Ein Jahr spter, am 11. August 1643 kam Georgzur Welt. Als der Knabe elf Jahre alt war bersiedelte dieFamilie auf den noch heute fast unverndert erhaltenenHof Gugg bei Flintsbach. Hier erblickten die jngeren Ge-schwister das Licht der Welt, als letzter Johann, der Bau-meister des Domes zu Fulda, der Klosterkirche von Banzund des Schlosses Pommersfelden. Wahrscheinlichsollte Georg den Hof bernehmen, doch es kam anders:1665, Georg war inzwischen 22 Jahre alt, verkaufte derVater den Gugghof, wenngleich er ihn, vermutlich alsPchter, bis zu seinem Tod 1673 bewirtschaftete. Fr dieShne bedeutete dies, da es nichts zu erben und zubernehmen gab. Sptestens jetzt mssen die lteren

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    Brder ihre Maurerlehre begonnen haben. Sie taten dies,wie spter auch die jngeren Brder, in Prag und nicht inder bayerischen Heimat. In der bhmischen Hauptstadtist Georg allerdings erst im Jahre 1677 durch eine Paten-schaft urkundlich nachweisbar. Ein Jahr spter, 1678, hei-ratete die lteste Schwester Anna in Prag Wolfgang Leuth-ner, einen Bruder des bekannten Prager Baumeisters Ab-raham Leuthner. Da damals alle Brder Hochzeitsgstegewesen seien, wie berall in der Literatur zu lesen steht,ist aber eine Legende, denn die Heiratsmatrikel nenntnicht einen einzigen von ihnen. Kurz nach Annas Heirat,1679, reiste Georg mit dem zweitltesten Bruder Wolf-gang in die Heimat. Die beiden lieen sich auf dem Land-gericht in Aibling Geburtsbriefe ausstellen, da sie sich alsBrger niederlassen wollten, Georg in Prag und Wolfgangin dem nordbhmischen Stdtchen Arnau an der Eibe.Es ist nicht bekannt, bei welchem Meister Georg gelernthat. Wahrscheinlich war es einer der in Prag zahlreich ver-tretenen Italiener wie Carlo Lurago, dessen Baukunst sp-ter fr die Waldsassener Klosterkirche vorbildlich wurde.Die Verschwgerung mit Abraham Leuthner und die Tat-sache, da Georg seit 1682 als Konsorte Leuthners inWaldsassen ttig war, lt eine Beschftigung im Bauge-schft dieses Grounternehmers so gut wie sicher er-scheinen. Als Lehrmeister kommt der nur drei Jahre ltereArchitekt aber wohl kaum in Frage. Freilich drfte Leuth-ner Einiges zur architektonischen Bildung Georgs beige-tragen haben, denn der Prager hat, wie sein 1677 erschie-nenes Architekturbuch beweist, die Traktatliteratur, ins-besondere des italienischen Seicento gut gekannt. EineReise Leuthners nach Rom ist nachgewiesen - vielleichtging Georg mit ihm.In Waldsassen heiratete Dientzenhofer am 25. August1682 die Metzgerstochter Maria Elisabeth Hager. Die Ehehatte auch einen beruflichen Aspekt, denn sie war Voraus-setzung fr die Meisterwrde, die Georg ebenfalls noch1682 in der oberpflzischen Hauptstadt Amberg, derenBrgerrecht er zugleich erwarb, erlangte. Obgleich Am-berger Brger und Meister in der dortigen Maurerzunft,behielt Georg zeitlebens seinen Wohnsitz in Waldsassenbei. Hier wurden ihm von seiner Frau drei Tchter und einSohn geboren. Zwei der Kinder, darunter der Sohn, star-ben frh. Nur vom dritten Kind, der Tochter Gertrud, gibtes noch ein spteres Lebenszeichen: sie verehelichte sich1709 in Bamberg.

  • Kappei, Wallfahrtskirchezur HI. Dreifaltigkeit.Erbaut vonGeorg Dientzenhofer1685-1689

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  • Als ltester Sohn trug Georg Dientzenhofer nach dem fr-hen Tod des Vaters eine besondere Verantwortung fr dieFamilie. hnlich den italienischen Bauleuten mit ihremausgeprgten Familiensinn begann Georg sogleich,nachdem er Meister geworden war, seine Brder zu lan-cieren und jenen Dientzenhofer-Clan zu installieren, des-sen Einflubereich schlielich von Bhmen ber die Ober-pfalz bis nach Franken reichte und der das Baugeschehenin diesen Gebieten weitgehend beherrschte.Schon 1683 rief Georg seinen damals 23jhrigen BruderLeonhard und setzte ihn als Polier beim Klosterbau inSpeinshart ein. Nach seiner Heirat mit einer weiteren Ha-ger-Tochter in Waldsassen wurde Leonhard ebenfallsAmberger Brger und Meister in der dortigen Zunft. AlsGeorg den Auftrag fr den Bau der Bamberger Jesuiten-kirche erhielt, berief er Leonhard von Speinshart ab undbeorderte ihn nach Bamberg, eine uerst glckliche Ent-scheidung, denn dem tchtigen Bruder gelang es sehrschnell, das Bauwesen in diesem frnkischen Hochstiftan sich zu ziehen. Schon ein Jahr nach Georgs Tod warLeonhard patentierter frstbischflicher Hofbaumeisterund bekleidete damit ein Amt, das ber Johann und des-sen Sohn Justus Heinrich mehr als ein halbes Jahrhundertin der Familie Dientzenhofer blieb.Neben Leonhard protegierte Georg auch Christoph, demer 1683 die Polierstelle am Klosterbau in Waldsassen ver-schaffte. Christoph hatte freilich schon 1685 die Mglich-keit, eine Prager Baumeisterwitwe mit einem ansehnli-chen Betrieb zu heiraten, so da er versorgt war. Auchdieser Bruder entwickelte sich schnell zu einem groenArchitekten, ja er darf als der bedeutendeste der fnf Br-der gelten, wurde er doch in Prag und Bhmen mit sogroartigen Werken wie der Niklaskirche auf der PragerKleinseite und der Klosterkirche von Bi'evnov der ersteHauptmeister des bhmischen Barocks des 18. Jahrhun-de