myp MAGAZINE #14 feat. Boris

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myp MAGAZINE Ausgabe #14, Thema "Meine Wut" - myp MAGAZINE issue #14, topic "My Fury"

Text of myp MAGAZINE #14 feat. Boris

  • M Y P M A G A Z I N E

  • T H E M Y PAG E S M AG A Z I N E

  • Alles ist wichtig nur auf Stunden.Theodor Fontane

  • Alles ist wichtig nur auf Stunden.

  • MeineWut

    fotografiert von Maximilian Knig

    14

  • Meistens kommst du aus dem Nichts.

    Wie ein Gewitter berfllst du mich, raubst mir den Verstand, den Schlaf, das Lcheln.Und du machst mich blind.

    So blind, dass ich orientierungslos im Gesterntreibe und vergesse, dass es auch ein Heute gibt.

    Ich wei, du wirst einmal vergehen.

    Im Gestern bist du meine Wut.Was du im Heute bist,das wei ich nicht.

    Prolog

  • Inhalt

  • Boris

    Johann PlerPedro PanachAnke NunheimInflectionMetronomyBenjamin HanusMarc Cantarellas-CalvSarah Victoria SchalowJodi MelodyKilian KernerNatalie K & Dirk BruneJohannes HeidnerJakob TemmeI Heart SharksRamona FrauenrathFranziska StetterMarieke FischerLouise BorinskiStefania PopJenny FitzLukas LeisterJonas Meyer

    DankeImpressum

    16

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    118124130136142180186192198228234240246252258266272

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  • Gewidmet dem Vergnglichen

  • Boris Dolinski ist 52 Jahre alt, DJ und lebt in Berl in.

    www.ostgut.de

    Boris

  • Boris

  • Interview & Text: Jonas MeyerFotos: Maximilian Knig

    Reduktion

  • Sonntag, den 26. Januar 2014, um 3:00 Uhr morgens. Wer seinen Blick gerade auf den Mann gerichtet hat, der in der Panorama Bar seit drei Stunden hinter dem Platten-teller steht, kann fr den Bruchteil einer Sekunde beobachten, wie er seinen Kopf zur Seite dreht, die Augen schliet und dabei seinen Oberkrper leicht nach hinten neigt als gbe es da irgendetwas, das ihn halten wrde.

    In diesem Moment breitet sich unter seinem dunklen Bart ein Lcheln aus, das so anders ist als all die vielen Lcheln um ihn herum: Tiefer. Zuversichtlicher. Und geprgt von einem ganzen Leben.

    Elf Wochen spter auf der anderen Seite der Spree. Der Wind ist heute so wild und eisig, als lge Kreuzberg direkt an der Nordsee. Boris, so heit jener DJ aus der Panorama Bar, steigt an der Oberbaumbrcke von seinem Fahrrad und begrt uns freundlich. ber eine kleine Zufahrt zwischen Watergate und Magnet Club schlendern wir gemeinsam in den Innenhof eines groen Gebude-komplexes, wo sich trotzig zwischen kern-sanierten Wohnungen und Bros ein altes Backsteingebude befindet: Das Kesselhaus aus dem 19. Jahrhundert steht heute als Ver-einsheim in der Obhut des Mindpirates e.V. einem Verein und Kunstkollektiv, das sich seit 2008 durch sein vielfltiges Programm zu einer festen Gre des Berliner Kultur- und Nachtlebens entwickelt hat.

    Wir steigen eine kleine Treppe hinab, ffnen die schwere Stahltr am Eingang und betreten den imposanten Innenraum des Kesselhauses: Unter einer knapp zehn Meter hohen Decke erstrecken sich zwischen Stahl und Stein drei Ebenen, die durch gewaltige Fenster mit bunt gefrbtem Glas erhellt werden. Man glaubt fast, in einer kleinen

    Kirche zu sein, wren da nicht die vielen Masken, Fotoprints und Kunstwerke, die das Innere des Vereinsheims der Mindpirates schmcken.

    Nach einem kurzen Rundgang machen wir es uns auf der untersten Ebene gemtlich. Je nach Veranstaltung wird dieser Raum auch als Tanzflche genutzt und so gibt es hier sogar eine kleine Bar samt Mini-Mischpult. Boris nimmt auf einem Hocker in der Mitte des Raums Platz, schaut sich neugierig um und lchelt uns an.

    Jonas:Du bist in den 60er Jahren in Neuklln auf-gewachsen. Welche Bilder hast du im Kopf, wenn du an deine Kindheit und Jugend denkst?

    Boris:Da entstehen in meinem Kopf keine wirk-lich spektakulren Bilder: Wie alle anderen Kinder habe auch ich auf der Strae gespielt und bin ganz normal zur Schule gegangen. Auergewhnliche Erinnerungen gibt es bei mir erst ab dem Jahr 1981: Ich hatte gerade die Schule abgeschlossen und wollte eigent-lich studieren, doch dafr war mein Abi zu schlecht. Also habe ich ein paar Monate lang gejobbt und dann gemeinsam mit einem guten Freund beschlossen, drei Monate lang Sri Lanka zu bereisen. Wir wollten uns damals beide eine Auszeit gnnen und so weit wegfahren, wie es mit unseren finan-ziellen Mitteln nur mglich war. Wir hatten damals eine superschne Zeit, das Land war einfach paradiesisch.Als ich 1982 nach Berlin zurckkam, fing ich wieder an, in verschiedenen Jobs zu arbeiten. Lange hat es mich aber nicht hier gehalten und so bin ich Mitte 1983 nach Bar-celona gezogen.

  • Jonas:Ist es dir schwer gefallen, so pltzlich alle Zelte in deiner Heimatstadt Berlin abzubre-chen?

    Boris.Nee, fr mich war absolut klar: Ich zieh jetzt nach Amerika und das wars.

    Jonas:New York war ja immer schon der Inbegriff von Sehnsucht.

    Boris:Und frher noch viel mehr als heute! Damals kannte man ja nicht so viel von der Stadt. Man wusste ber New York nur das, was man mal in einer Zeitschrift gelesen oder im TV gesehen hatte. New York wirkte damals wesentlich geheimnisvoller als heute es gab ja auch kein Internet, das es einem ermglichte, mal eben virtuell die Stadt zu erkunden.

    Jonas:War New York damals nicht auch wesentlich gefhrlicher als heute?

    Boris:Ich empfand New York nie als gefhrlich. Natrlich passierte in dieser Metropole so einiges, aber das Image einer gefhrlichen Stadt wurde auch sehr stark von den Medien gezeichnet. Und auerdem: Wenn man aus Berlin stammt, was soll da in New York noch wirklich gefhrlich sein? Ich jedenfalls sah nie so aus, als wrde ich aus einem Milieu kommen, bei dem es sich lohnen wrde, mich zu berfallen.

    Jonas:Du hattest auch das extreme Glck, nicht alleine dort zu sein in New York kann man sich schnell einsam und verloren fhlen.

    Boris:Stimmt, aber ich hatte nie wirklich ein Problem damit, die Stadt auch alleine zu erkunden. Auerdem hat es auch nur ein halbes Jahr gedauert, bis ich wieder in Berlin war: Mein Visum lief Anfang 1985 ab, ich musste also zurck nach Deutschland.

    Jonas:Hat es dich sehr geschmerzt, New York wieder verlassen zu mssen?

    Boris (zgert einen Augenblick):Hmm nein, eigentlich nicht. Es war damals natrlich schon ein absolut umwerfendes Gefhl, als 24jhriger Berliner nach New York zu kommen und pltzlich nur noch Hochhuser zu sehen. Aber ich hatte in der kurzen Zeit ja auch nicht wirklich Fu fassen knnen in der Stadt, weshalb es auch nicht schlimm war, wieder zurck nach Berlin zu gehen.

    Jonas:Da stehst du Anfang 1985 pltzlich wieder da...

    Boris:Ja, aber Berlin ist Gott sei Dank eine Stadt, in der man immer wieder neu anfangen kann. Vor allem damals war es noch eine totale Schneewittchen-Stadt im Tiefschlaf, in der man billig leben konnte und leicht einen Job finden konnte. So habe ich bald angefangen, unter anderem in der Oranienbar zu arbeiten. Das hat mich fr ein paar Monate ber Wasser gehalten. Alles war damals neu in meinem Leben: neuer Job, neue Wohnung, neuer Mitbewohner der hatte mich brigens als einziger vorher in New York besucht, was ich sehr cool fand. So sind wir richtig gute Freunde geworden. Mein Mitbewohner war es auch, der mich im September 1985 gefragt hatte, ob ich nicht Lust htte, gemeinsam mit ihm ber Weih-nachten und Silvester wieder nach New York zu fliegen und dort richtig einen drauf zu machen. Natrlich habe ich ja gesagt.

    1985 hatte man das Gefhl,alles sei irgendwie eingeschlafen.

  • Ursprnglich wollten wir nur drei Wochen bleiben, aber kurz nach Silvester haben wir feststellen mssen: Es ist einfach viel zu geil hier, wir machen gerade die beste Clu-berfahrung unseres Lebens! Also haben wir kurzerhand unseren Aufenthalt auf Mrz verlngert.

    Jonas:Aber auch im Mrz bist du nicht zurckge-kommen.

    Boris:Nein, mein Kumpel ist zwar zurckgeflogen, aber ich fands viel zu aufregend und bin geblieben. Es hatten sich zu der Zeit auch einfach schon zu viele Dinge in meinem Leben manifestiert.

    Jonas:Wie meinst du das?

    Boris:Ich hatte Anfang 1986 bereits ein WG-Zimmer in Brooklyn fr sagenhaft billige 100 $ pro Monat! Auerdem hatte ich als Abrumer in einem Lunch-Restaurant gear-beitet und dort 250 $ in der Woche verdient, was zum berleben absolut gereicht hat. Dadurch hatte ich in gewisser Weise ein geregeltes Leben. Auerdem hatte ich neue Freunde gefunden und konnte flieend Eng-lisch. So ist Berlin in meinem Kopf immer weiter in den Hintergrund gerckt. Und so beschlich mich der Gedanke, dass ich ja vielleicht doch mehr oder weniger sesshaft werden knnte.

    Jonas:Sesshaft werden mit 24 Jahren? Das klingt dann doch eher etwas konservativ.

    Boris:Wir reden von sesshaft werden in New York! Das ist einfach eine Metropole, die um ein Vielfaches grer ist als Berlin und dement-sprechend auch etwas anderes anzubieten hat. Um es in einem Satz zu sagen:

    New York ist eine Potenzierung von Berlin.brigens meine ich mit sesshaft werden, dass ich ein Gerst hatte, mit dem ich mich sicher fhlte und mein Leben genieen konnte: Ich konnte hier tausend Leute ken-nenlernen und alles mitnehmen ohne zu denken, nur Besucher zu sein und bald wieder gehen zu mssen. Fr mich war das eine optimale Basis.

    Jonas:Whrend andere in deinem Alter also bereits an Reihenhaus und Kinder gedacht haben, hast du in New York quasi in einem stn-digen Jetzt gelebt.

    Boris:An Reihenhaus oder Kinder habe ich nie gedacht, so ein Leben auf Nummer sicher kam fr mich einfach nicht in Frage auch wenn ich im Jahr 1982 mal fr einige Monate als Sachbearbeiter bei einer Krankenkasse gearbeitet hatte. Man wollte mich sogar bernehmen und bot mir 14 Monatsgehlter und flexible Arbeitszeiten an. Aber irgendwie wollte ich so ein Leben nicht.

    Jonas:Was wolltest du denn?

    Boris:Ich wollte mich nicht festsetzen, sondern Abenteuer erleben auch in Bezug auf das Nachtleben. In Berlin war die Clubszene zwar Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre noch richtig aufregend, aber 1985