Mythos Des Funktionalismus

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Kunst; Funktionalismus; 20. Jahrhundert; Modernismus

Text of Mythos Des Funktionalismus

  • Bernhard E. Brdek Vom Mythos des Funktionalismus In: Vom Mythos des Funktionalismus. 1997. Franz Schneider Brakel (Hg.). Kln: Verlag der Buchhandlung Walther Knig. S. 7-16. Verffentlichung auf der Homepage des Studienbereichs Industrial Design der hgkz mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers. Alle bei Franz Schneider Brakel.

    Kaum ein Begriff hat die Debatte des Designs im 20. Jahrhundert derart dominiert wie der des

    Funktionalismus. Seit den 20er Jahren also seit der Zeit des Bauhauses in Weimar und

    Dessau wurde mit dem Begriff "funktional" eine Produktkultur beschrieben, die zwar in

    Deutschland schon berwunden ist oder gar bereits vergessen zu sein scheint, die aber im

    Ausland immer noch das Bild des deutschen Designs prgt. Es ist dort weitgehend unbemerkt

    geblieben, da im Lande Goethes und Beethovens in den 80er Jahren ein Designbegriff

    korrumpiert wurde, der bis dahin die Identitt der Produktgestaltung ausmachte.

    Dem vermeintlich "neuen deutschen Design" (1), das sich insbesondere durch seine radikalen

    Attacken gegen den Funktionalismus profiliert hat, ist es allerdings nicht gelungen, etwas

    dauerhaft Neues zu entwickeln. Gegen etwas zu sein, ist eben nur die eine Seite der Medaille.

    Die groe Chance, das neue deutsche Design mit den sich rasant entwickelnden neuen

    Technologien (gemeint sind die sogenannten C-Technologien wie zum Beispiel Computer

    Aided Design oder Computer Aided Manufacturing) zu verbinden, wurde noch nicht einmal

    ansatzweise erkannt, geschweige denn auch nur experimentell versucht. "Die deutsche Schule

    der Schweier und Black & Decker-Werkler", wie sich Layla Dawson (2) einmal sarkastisch

    ausdrckte, war eben weitgehendst technologiefeindlich eingestellt. Die Krnung ihres

    gestalterischen Handelns sahen ihre Protagonisten dann erreicht, wenn ihre noch lackfeuchten

    Produkte den Weg in ein Kunstgewerbemuseum gefunden hatten.

    Nun geht es mir hier nicht darum, erneut das Hohelied des Funktionalismus anzustimmen.

    Diese Melodie und alle Refrains kennen wir zu gut. Auch mchte ich keinesfalls die schon oft

    erzhlte Geschichte des Funktionalismus repetieren. Hierzu gibt es gengend Publikationen,

    auf die ich verweisen kann (3). Vielmehr scheint es mir reizvoll zu sein, einfach einmal ganz

    weit zurckzuschauen also der Frage nachzugehen, was Funktionalismus einmal war.

  • 2

    Allenthalben wird ja das Ende der Welt der Gegenstnde proklamiert. Man erzhlt uns, da

    wir im Zeitalter des Digitalen, der Entmaterialisierung oder gar bereits der virtuellen Realitt

    leben. Aber diese Behauptungen sind genauso widersprchlich wie die benutzten Begriffe.

    Entweder ist nmlich das Jetzt real oder virtuell. Beides zusammen kann es nicht sein.

    Verschwinden wir also bereits im Cyberspace, wie uns die Apologeten der "Beschleunigten

    Neuen Medien", wie Florian Rtzer und Norbert Bolz, permanent glaubhaft machen wollen,

    oder bleiben doch noch ein paar Gegenstnde brig? Ich will versuchen, diese und andere

    Fragen zu beantworten und dabei relativ geschwind durch die Zeiten zu eilen. Der

    Funktionalismus galt, zumindest im deutschsprachigen Raum, ber Jahrzehnte hinweg als das

    erkenntnistheoretische Credo des Designs. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg

    begrndete sich darauf das "Prinzip der Guten Form". Da dabei die Form immer nur

    funktional verstanden wurde, rhrte wohl vom schlechten Gewissen mancher Designer her.

    Sie frchteten, als "Frisre" zu gelten, wie sie Max Bill spter einmal bezeichnete. Die

    Formgebung allein reichte eben nicht aus, lag sie doch zu nahe an der kunstgewerblichen

    Tradition, die man abschtteln wollte. Da aber Formgebung auch Sinngebung bedeuten

    knnte, fr diese Erkenntnis war die Zeit noch nicht reif genug.

    Wie sehr die Funktion die Form bestimmen kann, zeigte sich in eindrucksvoller Weise an den

    Entwurfsbeispielen der Ulmer Hochschule fr Gestaltung. Die akribisch durchgefhrten

    Funktionsanalysen fhrten zu weitestgehend hnlichen formalen Lsungen. Die Ausnahme

    bildeten die Projekte Walter Zeischeggs, der seine bildhauerische Tradition nie verleugnete.

    Der Begriff "Funktion" ist mehrdeutig. Die allgemeine Bedeutung des Wortes meint laut

    Brockhaus-Enzyklopdie (19. Auflage) "Aufgabe, Ttigkeit, Stellung (innerhalb eines

    greren Ganzen)", womit eigentlich schon deutlich wird, da es sich um eine Beziehung

    handelt.

    Zum Begriff des "Funktionalismus" heit es im Brockhaus: "Gestaltungsprinzip der modernen

    Architektur und des modernen Designs: Die Erscheinungsform eines Bauwerkes oder eines

    Gebrauchsgegenstandes wird aus seiner Funktion abgeleitet, das heit, alle Teile eines Baues

    oder eines Produktes werden ihrem Zweck entsprechend gestaltet. Form und Funktion sollen

    eine Einheit bilden."

  • 3

    Diese enge Begriffsbestimmung des Funktionalismus fhrte zu einer gravierenden

    Fehleinschtzung. Die Debatte hierzu kann aber als abgeschlossen gelten. Das Schlagwort

    "form follows..." ist in der postmodernen Beliebigkeit seiner vielfachen Abwandlungen zur

    Platitde verkommen:

    Ron Arad: Form follows motion Elizabeth Garouste/Mattia Bonetti: Form follows impression

    GINBANDE: Form follows concept Konstantin Grcic: Form follows addition Massimo losa

    Ghini: Form follows speed Danny Lane: Form follows crash Xavier Mariscal: Form follows

    comic Jasper Morrison: Form follows utilism Marc Newson: Form follows streaming Denis

    Santachiara: Form follows animation Borek Sipek: Form follows poetry Philippe Starck:

    Form follows STARCK ZEUS: Form follows strength (4)

    Das 20. Jahrhundert neigt sich dem Ende zu. Der Funktionalismus starb bereits zu Beginn der

    80er Jahre. Die Moderne wurde gleich mitbegraben. Die Postmoderne bernahm die Regie

    und proklamierte die Endzeit: das Ende der Geschichte, das Ende der Philosophie, das Ende

    der Kunst, das Ende der Musik, das Ende der Literatur... berall geht es wohl zu Ende ein

    guter Grund mehr, noch einmal zurckzublicken.

    Zum Thema des Funktionalismus reicht es jedoch nicht, auf den Beginn dieses Jahrhunderts

    zurckzuschauen. Der Blick mu weiter zurckreichen. Und da es das Design ja noch gar

    nicht so lange gibt, mchte ich den Versuch unternehmen, das Thema des Funktionalismus

    mit Hilfe "der Mutter aller Knste" der Baukunst neu auszuleuchten. Schlielich wurde

    und wird ein Groteil der Designgeschichte von Architekten geschrieben. Ob frher Louis

    H. Sullivan, Peter Behrens, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Frank Llyod Wright,

    Charles Eames oder heute Mario Botta, Hans Hollein, Alessandro Mendini, Ettore Sottsass jr.,

    Stefan Wewerka und viele andere mehr: Meistens waren und sind es Architekten, die

    entscheidende Beitrge zum Design geleistet haben.

    Konsequenterweise habe ich mir als Fhrer durch die Jahrhunderte einen Architekten

    ausgewhlt. Genauer gesagt, einen der berhmtesten Baumeister der Antike, der zugleich

    einer der besten Architekturhistoriker aller Zeiten war: Marcus Vitruvius Pollio, kurz Vitruv

    genannt. Mit seiner Hilfe will ich versuchen, das Thema "Funktionalismus" durch die vier

    Antiken zu verfolgen, um den drei Modernen zu mnden.

  • 4

    Die Ursprnge des funktionalen Bauens bei Vitruv

    Authentische Nachrichten ber Vitruvs Leben liegen nicht vor. Man nimmt heute an, da er in

    der Zeit von 80 bis 10 vor Christus in Rom gelebt hat. Er diente dem Kaiser Augustus als

    Knstler, Ingenieur und Kriegsbaumeister und mu viel in der damals bekannten Welt

    herumgereist sein, kannte er doch die Geschichte und Bedeutung der unterschiedlichsten

    Bauwerke.

    Vitruv war ein universeller Geist. Seine Persnlichkeit wird heute mit der Leonardo da Vincis

    verglichen, der gern als "Urahn des Designs" (5) apostrophiert wird. Wie viele Bauwerke er

    geplant hat, ist nicht bekannt. Nachgewiesen ist lediglich eine Basilika in Fanum am

    Adriatischen Meer. Die eigentliche Bedeutung Vitruvs beruht denn auch auf seinen

    Aufzeichnungen, die zu den ltesten berlieferten Schriften der Architektur gehren.

    Seine "Zehn Bcher ber die Baukunst" sind als ein umfassendes Regelwerk zu verstehen.

    Zwei Zahlen unterstreichen die zentrale Bedeutung dieses Mannes und seines Werkes fr die

    Geschichte der Architektur: Heute noch existieren 55 Handschriften der "Zehn Bcher", deren

    lteste bis ins 9. Jahrhundert zurckreichen, und bis heute sind ungefhr 80 vollstndige

    Neuausgaben in allen europischen Sprachen erschienen.

    Im ersten Kapitel des ersten Buches beschreibt Vitruv das "Wesen der Baukunst und die

    Ausbildung der Baumeister" und er stellt hohe Ansprche. Das Knnen der Architekten

    msse zwei Gebiete umfassen, nmlich Praxis und Theorie. Nur wer beide im gleichen Mae

    beherrsche, erreiche sein Ziel, und zwar schneller und mit grerem Erfolg. Ein Architekt

    msse so Vitruv knstlerisch wie auch wissenschaftlich interessiert sein. Denn weder Talent

    ohne Wissen noch Wissenschaft ohne Talent knne einen gereiften Knstler hervorbringen.

    Auch solle der Architekt sprachlich gewandt sein, zeichnen knnen, die Geometrie

    beherrschen sowie die Gesetze des Sehens und der Mathematik. Er solle geschichtliche und

    philosophische Kenntnisse besitzen, einiges von der Musik (Akustik) verstehen und die

    Heilkunde (Hygiene) kennen. Schlielich mten ihm gesetzliche Vorschriften gelufig sein,

    und er solle etwas von Sternkunde und den Gesetzen der Astronomie verstehen.

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