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    Nicholas & Victor

    Die Laufbahn von Nicholas Negroponte und Victor Gruen zeigt beispielhaft das Mitwirken der Utopie beim Planen zum Bauen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

    An der Arbeit, bei der Sache

    Das Raumprogramm und der Lageplan liegen auf dem Tisch. Der Entwerfer wendet die Aufmerksamkeit in der Regel sogleich dem Verhältnis zwischen dem Bedürfnis und dem dafür verfüg- baren Rahmen zu. Dass bei dieser Ausrichtung auf das Ziel zusätz- lich ein Rückenwind bläst, ist eine Gunst, die beschleunigend wirkt und beglückt. Es kann sich dabei um eine Utopie handeln, ein Ideal. Wegleitende Vorstellungen sind im Leben überhaupt ein Beweggrund, der uns als Antrieb zum Ticken bringt. So lässt sich beispielsweise die unvergessliche Sicht vom Gornergrat mit dem Entwurf einer Alpinen Architektur von Bruno Taut verbinden. Zu einer schöpferischen Tat kommt es bei der gelungenen Ver- mittlung zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit. Man stellt sich das leicht vor.

    Es gibt betont eigenständige Utopien, die sich selbst genügsam auf gar nichts einlassen. Sie sind und wirken wie von einem anderen Stern. Die Beziehungsarmut ist der Preis, den sie für ihre leichtfüssige Unbekümmertheit bezahlen. Ihre Ferne kommt Architekten nicht entgegen. Die suchen nämlich eine Nähe, aus der eine Wechselwirkung zwischen dem Denkbaren und dem Machbaren möglich wird. Mit dieser erspriesslichen Umgangs- form sind sie bestrebt Vorstellungen baubar, benützbar und auch bezahlbar machen. Auch das ist nicht ganz leicht.

    Als gedankliches Modell ist die Utopie der Gegenspieler der Umstände. Sie führt die baukünstlerische Herausforderung herbei, ist die Vorgabe des anzustrebenden Gestaltungsziels. Sie weicht der Gewissheit, sobald das Vorgestellte hergestellt ist und sich beim Betrieb bewährt.

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    Die Hochkultur der Moderne in der endlich gewordenen Welt

    Die Gegenwart ist der verbindliche Rahmen zu dieser Auseinander- setzung. Die Moderne wird umfassend als die neue Hochkultur gesehen. Nach einer ersten Beschleunigung um 1850 hat sie sich allmählich weiter entwickelt. Unsere Stadt und unser Land sind beide an dieser Entwicklung mit beteiligt. Meine Väter, um 1900 geboren, waren 1925 auch die Gründungsväter der Neuen Archi- tektur.

    Wenn die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts um 1950 eine einschneidende Veränderung der Lage brachte, so war es das sich immer deutlicher abzeichnende Bewusstsein für die Endlich- keit, die Störbarkeit, auch die Zerbrechlichkeit der Welt, in der wir leben. Die unerschütterliche Natur, die menschlichen Unfug fortwährend ausgleicht, hat etwas von ihrer Mächtigkeit einge- büsst. An ihre Stelle ist ein Grosshaushalt getreten, der sich um das Gleichgewicht kümmert. Nachhaltigkeit ist bloss ein anderer und genauer Ausdruck dafür. Diese einschneidende Verlagerung wurde 1945 mit dem Abwurf der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki ausgelöst. Sie beendeten den Zweiten Weltkrieg. Machen wir uns nichts vor: Die Menschheit hat damit ein Werkzeug geschaffen, mit dem die ganze Erde vernichtet werden kann. Die alles entscheidende Schlacht ist bisher ausge- blieben; aber die Bedrohung bleibt.

    Nicholas Negroponte: Volkscomputer wie Volkswagen

    «Der taiwanische Computerhersteller Quanta hat vor einer Woche in einem Werk in China die Massenproduktion des XO-Note- book-Computers aufgenommen. Der XO wurde von Computer- spezialisten im Umfeld des Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt. Treibende Kraft hinter dem Projekt ist der emeritierte MIT-Professor Nicholas Negroponte. Ziel ist es, die Schulbildung von Kindern in der Dritten Welt dank einem billigen, robusten Computer zu verbessern.» (S.B. in NZZ Nr. 264/2007.) Neben dem MIT arbeitet Rem Koolhaas im andern grossen Haus in Cambridge, Mass. an seinem Harvard Project on the City.

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    Er deutet die afrikanische Grossstadt Lagos als Telekom-Favela mit Satellitenschüsseln auf allen Wellblechdächern. Nicholas Negroponte ist seit vierzig Jahren beharrlich bei seiner Sache. Für IBM schrieb er Urban 5, ein frühes CAD Versuchsprogramm. 1970 kam die Veröffentlichung von «The Architecture Machine,» seinem bekennerhaften Hauptwerk, und das Medienlabor am Massachusetts Institute of Technology wurde zur beständigen Wirkungsstätte. Seine Diagramme zeigen den Menschen eingebun- den in ein Zwiegespräch mit der Maschine. Im Ruhestand kam da noch eine soziale Koponente hinzu, die mit dem NZZ-Zitat belegt ist.

    Victor Gruen und Fort Worth

    Für die Darstellung seines Plans der Zwillingsstadt von Dallas bekam der Vater der amerikanischen Einkaufszentren im Mai 1956 zehn Seiten im ‹Architectural Forum.› Davon wurde nichts gebaut, was den utopischen Grundzug des Fort Worth Plans belegt. Jedoch: Die visionäre Vorwegnahme erwies sich als derart zwingend, dass sie trotzdem zur verbindlichen Blaupause zum Ausbau der Stadtzentren in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jh. wurde. Max Frisch hat damals in der ‹Weltwoche› darüber berichtet, nachdem er Victor Gruen getroffen hatte.

    Der texanische Plan hat seinen Schwerpunkt im Aussenraum, bei der Umwandlung der Strassen und dem Verkehr darin. Da kommen Fussgängerinseln über Parkebenen mit Zubringerstrassen vor. Das hat es bisher in der Neuen und der Alten Welt noch nicht ge- geben; aber das ist dann überraschend schnell gekommen. Auch die noch ganz junge Sihlcity ist mit ihrem Erfolg ein vernehmbarer Nachhall zu diesem frühen Plan.

    Wolkenbügel und Wöschi

    Zur nachindustriellen Neuüberbauung des Seeufers in Zürich Wol- lishofen der AGPS Architekten ist El Lissitzkys Wolkenbügel von 1924 der utopische Vorläufer. Es gibt da eine Übereinstimmung

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    in der Hinwendung zur Strasse mit der Auskragung. So bringen sich die Fortbewegung und der Aufenthalt in beiden Fällen gegen- seitig zur Geltung.

    Geschossgärten

    Ein Aussenraum mit einem Garten darin kann in städtischen Mehrfamilienhäusern zu einem Teil der Wohnung werden. Le Corbusier fand seine Vorstellung des Geschossgartens im Alter von �5 Jahren schon 1922. Seine Verwertung des klösterlichen Anschauungsunterrichts in der Certosa die Firenze blieb dann in seiner Laufbahn eine unerreichbare Utopie. Das löste sich erst lange 6� Jahre später auf, als Martin Spühler 1985 nach dem Erfolg im Selnau-Wettbewerb die Neuauflage des Weltwunders der hängenden Gärten baute.

    René Furer, Dozent für Theorie der Architektur an der ETH Zürich, 1968–1994.

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    Bildlegenden

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    1 Entwurf zu einer Wohnkapsel von Archigram 2 Die Wohnebene von Superstudio � Nicholas Negroponte: Die Interaktion von Mensch und Maschine, 1970 4 Superstudio: Vollkommene Städte 5 Die Wohnebene von Superstudio

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    1 Frei Otto: Stadt in der Arktis 2, � Vor 40 Jahren: Das CAD-Programm Urban 5 von Nicholas Negroponte für IBM 4 9999 vergrünt Florenz und Venedig 5 Dennis Crompton: Computer City, 1964 6 Londons Barbican Center 7 Theo Hotz: Sihlcity 8 St. Gallen: Der Nutzungsverband zwischen Stadion und Einkaufszentrum 9 Londons Barbican Center 10 Nicholas Negroponte: Die Interaktion von Mensch und Maschine, 1970

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    1 AGPS Architekten: Wöschi Wollishofen 2 El Lissitzky: Der Wolkenbügel, 1924 � Die Wohnebene von Superstudio 4 Le Corbusier: Immeuble-Villas, 1922 5 Martin Spühler : Geschossgärten in der Selnau 6 Nicholas Negroponte: Die Interaktion von Mensch und Maschine, 1970