ntiziganismus ¢â‚¬â€œ Alltagsrassismus licherweise von dem indischen ¢»Sindh¢« und weist auf die indischen

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    Die Alltagssprache ist voller abwertender und deshalb ausgrenzender diskriminieren- der Redewendungen. Da kommt einem manches »spanisch«vor, da sieht es aus wie bei dem »Polacken«oder jemand wird zum »Spasti«. Rassistisch sind solche Äußerun- gen, wenn mit ihnen nicht nur generalisie- rende Abwertungen vorgenommen werden, sondern die Zuschreibung von negativen oder sogar minderwertigen Eigenschaften und Verhaltensweisen zusätzlich auf geneti- sche Unterschiede zurückgeführt werden – was biologisch gesehen jedoch gar nicht geht. Redewendungen wie »herumzigeu- nern«, »Zigeunerleben«, ja selbst der Aus- druck »Zigeuner« bis hin zu Karnevalsrufen wie »Zack-Zack-Zigeunerpack« sind Zeichen eines »Antiziganismus« und damit spezifi- scher Vorurteile gegen die Minderheit der Sinti und Roma. Damit verbunden ist die Bezeichnung dieser Minderheit als Auslän- der, obwohl sie seit mehr als 600 Jahren in Deutschland leben und hier sesshaft gewor- den sind. Allerdings sollte man wissen, dass ihre Vorfahren 300 Jahre lang offiziell keine Erlaubnis zur Ansiedlung in Deutschland bekamen, sondern nur eine Genehmigung zu ambulantem Gewerbe. Solche Vorurteile zerstören die Möglichkeiten, Menschen in ihrer Individualität persönlich kennen zu lernen und tragen zur Ausgrenzung bei. Die Blickrichtung soll auf diesem Weg auf die Vorurteilsgeschichte der Mehrheitsgesell- schaft und auf die Reflexion des eigenen Umgangs mit Ängsten (und romantischen Wunschvorstellungen) gerichtet werden.

    Eine 1992 durchgeführte Umfrage des Allensbacher Instituts für Meinungsfor- schung zeigte, dass 64 Prozent der Deut- schen eine negative Meinung über Roma

    hatten – ein höherer Prozentsatz als über jede andere ethnische oder religiöse Gruppe. Eine Untersuchung des EMNID Instituts von 1994 zeigte, dass etwa 68 Prozent der Deutschen keine Sinti und Roma als Nach- barn haben wollen. Eine 1995 an deutschen Schulen durchgeführte Umfrage wies deut- liche Anti-Roma Einstellungen auch unter der jüngeren Generation nach: 38 Prozent der Studenten im Westen und 60,4 Prozent in Ostdeutschland hatten negative Einstel- lungen gegenüber Sinti und Roma. Eine Studie des Europäischen Migrationszen- trums (EMZ) in Berlin aus 2001 zeigte ein Muster fortdauernder Vorurteile gegenüber sowie Ausgrenzung von Sinti und Roma auf.

    Gleichzeitig besteht auf offizieller Ebene eine Tendenz, das Bestehen von Diskrimi- nierung gegenüber Minderheiten zu leug- nen und gegen Minderheiten gerichtete Ein- stellungen gleichzusetzen mit denen gegen Ausländer, ungeachtet der Tatsache, dass solche Einstellungen oftmals gegen Minder- heitenangehörigen gerichtet sind, die so- wohl im Besitz eines deutschen Passes sind als auch auf eine längere Familienge- schichte in Deutschland zurückblicken als manche andere deutsche Familie. So behan- deln öffentliche Einrichtungen wie das Bun- desministerium des Innern und die Aus- länderbeauftragten die Angelegenheiten von Minderheiten und von Ausländern als zusammengehörig .

    »Sinti und Roma« ist die Selbstbezeichnung einer überwiegend in Europa beheimateten Minderheitengruppe von ca. 12 Millionen Menschen. Das Wort »Roma« meint »Men- schen« (männlich Singular Rom, weiblich Singular Romni). Das Wort »Sinti« (Einzahl Sinto, weiblich Sintezza) stammt mög-

    ntiziganismus – AlltagsrassismusA Erarbeitet von Andreas Hoffmann-Richter. Redaktion: Hartmut Rupp

    Theologisch-didaktische Überlegungen

  • licherweise von dem indischen »Sindh« und weist auf die indischen Vorfahren dieser Minderheit. Die Sinti und Roma sind wohl besonders um 800 und 1000 n. Chr. aus ihrer ursprünglichen Heimat in Nordwest- indien ausgewandert oder durch zuströ- mende Araber bzw. Perser zur Auswande- rung gezwungen worden. Das Wort »Roma« im weiteren Sinn kann als allgemeine Selbstbezeichnung angesehen werden, Sinti als spezielle Selbstbezeichnung der früh in den deutschen Sprachraum einge- wanderten Teilgruppe. Eine zweite und engere Verwendung des Wortes »Roma« hat sich im speziellen Sprachgebrauch der deutschen Sinti für die überwiegend erst nach 1840 nach Deutschland Eingewander- ten eingebürgert. In Deutschland leben der- zeit etwa 50000 Sinti und 20000 Roma in diesem engeren Sinne. Sinti und Roma haben eine eigene Sprache, das »Romanes«, das sich aus dem Sanskrit entwickelt hat.

    Sinti und Roma verstehen die Bezeich- nung »Zigeuner« als diskriminierend. Hier klingen für sie die Vorurteile der Mehr- heitsbevölkerung an. Diese Bezeichnung dient nach ihrer Erfahrung zur Diskrimi- nierung. Das Wort »Zigeuner« stammt nicht aus dem Romanes und wird heute von der Antiziganismusforschung überwiegend als geschichtlich je verschieden gefülltes (per- sisches, griechisches usw.) Sammelwort der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung für Pro- jektionen auf und Vorurteile gegen die Min- derheit verstanden.

    Sinti und Roma sind um 1400 nach Mit- teleuropa eingewandert und wurden seit- dem auch hierzulande diskriminiert und im Dritten Reich wie Juden verfolgt, in Kon- zentrationslager deportiert und ermordet. Zu konstatieren ist, dass dieser – letztlich trotz allen Erklärungsversuchen nicht be- greifbare – Völkermord immer noch nicht ausreichend beachtet wird und die alten Klischees noch immer wirken. Der Rechts- schutz der Minderheit reicht noch immer nicht aus.

    Die kulturelle Identität der Sinti und Roma gründet in der eigenen Sprache, in der je eigenständigen Verbindung von Ab- grenzung und Aufnahme von Kulturelemen- ten der Mehrheitsbevölkerung und in der Erfahrung Jahrhunderte langer Verfolgung. Sie ist unter anderem gekennzeichnet durch einen reichen Schatz an Erzählungen, Mär- chen und Liedern, durch künstlerische, be-

    sonders musikalische und handwerkliche Traditionen (wie Kupfer- und Goldschmie- dekunst, Korbflechterei, Holz- und Leder- bearbeitung). Entgegen allen Vorurteilen sind Sinti und Roma in Deutschland und anderen Ländern ebenso sesshaft wie die Mehrheitsbevölkerung.

    Schülerinnen und Schüler dürften an den Vorurteilen, möglicherweise auch an der Fremdenangst Anteil haben. Sie haben sich in der Regel mit der Geschichte und mit dem Leben von Sinti und Roma noch nicht auseinandergesetzt. Für sich selbst nehmen die Schülerinnen und Schüler zu Recht Ein- maligkeit, Besonderheit und Gleichheit in Anspruch, letztlich also Menschenwürde. Es wird darauf ankommen sie in dieser Sicht zu bestärken, gleichzeitig aber darin zu ver- gewissern, dass dieser Anspruch für alle Menschen gilt, gerade auch für solche, die anders sind und anders wirken. Dazu be- darf es der Auseinandersetzung mit Prinzi- pien moralischen Handelns und des empa- thischen Nacherlebens diskriminierender Erfahrungen. So kann eine »Ideologie« (Erikson) reifen, in der alle Menschen als Ebenbild Gottes gesehen werden, die Res- pekt verdienen und Beistand brauchen, wenn ihnen Menschenwürde und selbstver- ständliche Menschenrechte vorenthalten werden.

    Die vorgeschlagene Unterrichtseinheit will mit ihren Bausteinen sensibel machen für den alltäglichen Rassismus gegenüber Sinti und Roma und damit Hilfestellung geben, weitere Formen von Diskriminie- rung und Rassismus im Alltag zu ent- decken. Es gilt Ursachen und Wirkungen herauszuarbeiten und dabei auch christ- liche – kirchliche – Anteile zu entdecken. Wie bei dem Genozid an Juden haben auch hier die christlichen Kirchen und Gemein- den überwiegend geschwiegen. Schließlich soll es darum gehen, auf der Grundlage einer biblisch begründeten Menschenwür- de eigene Handlungsmöglichkeiten zu ent- decken und zu bestimmen.

    Die Unterrichtseinheit nimmt Ansätze der Lehrplaneinheit Gymnasium 10.6.W. »Christen gegen den Rassismus« auf (Lehr- plan von 1994) und liefert sowohl konkrete als auch aktuelle Inhalte für den Erwerb einer ethischen Kompetenz, wie sie in den

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  • Bildungsplänen in Baden-Württemberg von 2004 für das Gymnasium und die Haupt- schule beschrieben sind:

    »Schülerinnen und Schüler können zen- trale ethische Aussagen der Bibel … in eine normenkritische Urteilsbildung einbezie- hen« und »kennen daraus sich ergebende Herausforderungen für die eigene Lebens- führung und die Mitgestaltung der Gesell- schaft« (Bildungsplan für das Gymnasium Klasse 10).

    »Schülerinnen und Schüler kennen Wei- sungen der jüdisch-christlichen Tradition für das Handeln der Menschen … und kön- nen sie auf aktuelle Problemfelder bezie- hen«, sie »wissen, dass sie immer Teil einer Gemeinschaft und mit ihrem Handeln für sich und andere verantwortlich sind. Sie sind in der Lage sich in andere Menschen einzufühlen. Sie sehen Möglichkeiten ande- ren Menschen zu helfen« (Bildungsplan für die Hauptschule Klasse 9).

    Die Unterrichtseinheit gliedert sich in fol- gende Aspekte: ) Diskriminierung und Alltagsrassismus

    bei uns ) Rassismus gegen Sinti und Roma ) Ursachen und Folgen des Antiziganis-

    mus in Deutschland ) Handlungsmöglichkeiten.

    Literatur

    FÜR DIE HAND DER LEHRERINNEN UND LEHRER

    Awosusi, A. (Hg.): Zigeunerbilder in der Kinder- und Jugendbuchliteratur, Heidelberg 2000.

    Dies.: Die Musik der Sinti und Roma. 3 Bände, Hei- delberg 1996–1998.

    Dies.: Stichwort Zigeuner. Zur Stigmatisierung von Sinti und Roma in Lexika und Enzyklopädien, 1998.

    Ehmann, A. / Bamberger, E. (Hg.): Kinder und Jugendliche als Opfer des Holocaust, Schriften- reihe des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg 1995.

    Hackl, E.: Abschied von Sidonie, Zürich 1989 (dazu: Fischer R. / Krapp G.: Abschied von Sidonie, Lehrerheft mit Unterrichtsvorschlägen, Mate- rialien und Schülerheft).

    Krausnick, M.: Wo sind sie hingekommen? Der unterschlagene Völkermord an den Sinti und Roma, Gerli