Orientalische Stadt Soziale Differenzierung Problematik Marokko

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Text of Orientalische Stadt Soziale Differenzierung Problematik Marokko

Philipps-Universitt Marburg FB Geographie WS 02/03 MS Landeskunde des Maghreb Leitung: Prof. Dr. Pletsch / Dr. Jungmann Bearbeitung: Timo Cyriax

Seminararbeit ber

Die orientalische Stadt II Soziale Differenzierung und Problematik

Gliederung: 1. 2. Einleitung Modelle und Entwicklungsschemata 2.1 2.2 2.3 2.4 3. Das Idealschema der islamisch-orientalischen Stadt Das Modell einer orientalischen Stadt unter westlich-modernem Einflu Das Modell der Stadt des islamischen Orients Das Schema der Stadtentwicklung in Marokko

Ethnische Differenzierung 3.1 3.2 Privatsphre und ffentlichkeit Erwnschte Formen der Segregation Konkrete ethnische Differenzierung die Quartiersbildung 3.2.1 Beispielquartiere ethnischer Minderheiten Judenviertel (Mellahs) und Christenviertel 3.2.2 Die villes nouvelles Europische Stadtviertel in Abgrenzung zur Medina

4.

Soziokonomische Differenzierung 4.1 Die Medina Vernderung der Zusammensetzung der Bevlkerung und Problematik 4.1.1 Traditionelle Einwohnerschaft 4.1.2 Die heutigen Bewohner der Medina 4.2 4.3 Bidonvilles, die spontan Siedlungen Elendsviertel und Slums? Cits der Massenwohnungsbau

5. 6. 7.

Ausblick Trends und Entwicklungen in der orientalischen Stadt Fazit Literatur

2

1.

Einleitung

Schwerpunkt dieser Arbeit soll es sein, die charakteristischen Merkmale der orientalischen Stadt (insbesondere im Maghreb) in generalisierender und beispielhafter Form darzustellen. Zunchst wird dabei auf die verschiedenen Modelle fr die orientalische Stadt eingegangen, in denen die sozialrumliche Differenzierung und die Wanderungsbewegungen dargestellt werden. In der Folge wird dann die ethnische und die soziokonomische Differenzierung in bezug auf einzelne Gebiete und Quartiere der orientalischen Stadt dargestellt werden. Dabei sollen sowohl die ethnische Quartiersbildung (Judenviertel, Christenviertel, die europische ville nouvelle) als auch die soziokonomische Entwicklung der Medina und der auerhalb liegenden neuen Viertel, insbesondere der Bidonvilles nher betrachtet werden. Abschlieend wird in einem Ausblick die Zukunft der orientalischen Stadt angesprochen werden. Dabei soll insbesondere die Tendenz zur berbevlkerung der orientalischen Stdte und die damit verbundenen Probleme der Beschaffung von Wohnraum und Arbeitspltzen sowie die Zukunft der Stadtentwicklung besondere Beachtung erfahren.

2.

Modelle und Entwicklungsschemata der orientalischen Stadt

Zunchst bietet es sich an, fr die orientalische Stadt (im Besonderen in den Lndern des Maghreb) charakteristische Gliederungsformen und Differenzierungen aufzuzeigen. Fr die Stadt des islamischen Orients sind im deutschsprachigen Raum vor allem drei Modelle und ein Entwicklungsschema besonders erwhnenswert.

2.1

Das Idealschema der islamisch-orientalischen Stadt

Ganz wesentlich fr eine erste Darstellung ist dabei das Idealschema der islamischorientalischen Stadt von DETTMANN (1969). Neben den charakteristischen Bauelementen der zentralen Moschee und des Haupt-Bazars (suq) ist dabei fr dieses Referat vor allem die Existenz zahlreicher Wohnquartiere, die durch eine starke ethnische oder konomische Differenzierung und Segregation gekennzeichnet sind, entscheidend. Man kann innerhalb der orientalischen Stadt von einer starken Viertelsbildung ausgehen. Dies wird ermglicht 3

beziehungsweise begnstigt durch den Sackgassengrundri der Medina der orientalischen Stdte, da durch die Abgeschlossenheit der einzelnen Stadtteile eine Segregation untersttzt sowie verstrkt wird und auch gewnscht ist (dazu im weiteren Verlauf dieser Arbeit mehr).

Abb. 1 / Quelle: Heineberg (2001)

2.2

Das Modell einer orientalischen Stadt unter westlich-modernem Einflu

Als zweites Stadtmodell soll das von SEGER ab dem Jahre 1975 entwickelte Modell einer orientalischen Stadt unter westlich-modernem Einflu erwhnt werden. Im Unterschied zum Idealschema der islamisch-orientalischen Stadt von DETTMANN (1969) besitzt die Stadt hier bereits zwei Zentren. Neben dem alten Stadtkern der Medina kommt ein zweiter Mittelpunkt, nmlich der unter westlich-modernem Einflu entstandene CBD hinzu. 4

Abb. 2 / Quelle: Heineberg (2001)

Neben dem Fakt der Zweipoligkeit ist besonders die soziale Differenzierung innerhalb dieses Modells erwhnenswert. Als wesentliches Element dieses Stadtmodells lsst sich zunchst festhalten, da die Stadt in einen europischen und einen arabischen Teil aufgeteilt ist. Die Europisierung, die neue Lebens- und Arbeitswelt ist mit dem System der alten islamischen Stadt keine Synthese eingegangen, wir knnen bestenfalls von einer Symbiose sprechen.1 Es kommt also zu keiner Vermischung der Lebensweisen von europischen Einwanderern und der ursprnglichen Bevlkerung, sondern zunchst zu einem Nebeneinander in den Bereichen Leben, Bauen, Wohnen und Arbeiten. SEGER geht zudem fr die in den Randgebieten der orientalischen Stdte liegenden Wohngebiete nicht mehr nur von einer ethnischen Aufgliederung der Wohngebiete, sondern ebenfalls von einer auf konomischen Gesichtspunkten basierenden rumlichen

Differenzierung aus. Die Unterschicht und untere Mittelschicht sind in diesem Modell vorwiegend in der Medina sowie den angrenzenden, jngeren Vierteln angesiedelt. Auerdem wohnen viele Einwohner der Unterschicht in an diese Quartiere angrenzenden Slumbereichen. Mittel- und Oberschicht dagegen sind in diesem Modell in den naturrumlich gnstigeren Standorten (Hanglagen usw.) zu finden. Die besten Standorte werden dabei durch Villenviertel besetzt, angrenzend finden sich direkt die Quartiere der Mittelschicht.

1

aus SEGER (1975), S. 36

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Zwischen den Vororten der hheren Schichten und dem CBD sind in diesem Modell Mietshuser angesiedelt, die ber mehrere Geschosse verfgen und somit wie die Villenviertel der neuen Stadtentstehung zuzurechnen sind.

2.3

Das Modell der Stadt des islamischen Orients

Als dritte verallgemeinernde Darstellung der rumlichen Differenzierung soll das Modell der Stadt des islamischen Orients, das von EHLERS im Jahre 1993 verffentlicht wurde, dargestellt werden.

EHLERS hat dabei die Differenzierung der orientalischen Stadt sowohl hinsichtlich soziokonomischer, baulicher als auch funktionaler Merkmale skizziert. Zu bemerken ist hierbei, da seine Annahmen auf dem Modell von SEGER basieren und groe hnlichkeit mit dessen Merkmalen aufweisen. Das wesentlich Neue an dem dritten Modell ist hierbei das Auftreten von Strmen, die die Beziehungen der einzelnen rumlichen Gebiete und damit auch der Schichten in privater als auch geschftlicher Hinsicht darstellen. Bezglich der Differenzierung der Wohnquartiere ist zu sagen, da auch in diesem Modell von einer starken Segregation ausgegangen wird. Unterschicht-Viertel sind rumlich weit entfernt von den Oberschicht-Villenvierteln, grenzen jedoch an Slums, weitere UnterschichtViertel oder Mittelschichtwohngebiete an. Die Slums selbst lassen sich vor allem in rumlicher Nhe zu Industriegebieten finden. Hier ist die Nhe zum Arbeitsplatz entscheidender Faktor fr die Errichtung von provisorischen Bauten (weitere Ausfhrungen dazu weiter unten).Die Villenvororte der Oberschicht finden sich dagegen auch hier in landschaftlicher attraktiver, vom Stadtzentrum nicht weit entfernter, aber abgegrenzter Lage. In ihrer Nhe befinden sich vor allem moderne Einkaufszentren und sogar ganze Einkaufsgebiete. Auch in diesem Modell befinden sich die Mittelschichtviertel im Umfeld von CBD und Oberschichtvierteln.

6

Abb. 3 / Quelle: Heineberg (2001) 7

2.4

Das Schema der Stadtentwicklung in Marokko

Abb. 4 / Quelle: Ehlers (1984)

Erwhnt werden mu auch das Schema der Stadtentwicklung in Marokko (EHLERS 1984). In dieser Darstellung skizziert EHLERS die vier verschiedenen Phasen der baulichen Vernderung sowie des Wanderungsverhaltens innerhalb der marokkanischen Stadtgebiete. Phase I dieses Schemas stellt den ursprnglichen Typ der marokkanischen Stadt vor der Protektoratszeit dar. Auerhalb der Medina finden sich nur einige Douars (= Drfer, lndliche Siedlungen). In der zweiten Phase (zeitlich definiert als die Protektoratszeit bis zum Ende des zweiten Weltkrieges) zeigt sich in der Darstellung dann eine Zuwanderung durch Europer (v.a. Franzosen), die mit dem Zweck der deutlichen Abgrenzung zur Medina eine sogenannte ville nouvelle erbauten. Die in Phase I bereits bestehenden Elemente (Medina und Douars) bleiben zunchst unverndert.

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In Phase III (nach Ende des zweiten Weltkrieges bis zum Ende der Protektoratszeit) zeigt sich bereits eine starke Ausdifferenzierung des Schemas und eine grere Zahl von Wanderungsstrmen. Whrend der Zuwachs durch europische Einwanderer in die ville nouvelle zunimmt, zeigen sich erstmals auch Wanderungsstrme, die unter die Land-StadtWanderung innerhalb Marokkos fallen. Diese Zuwanderung vom Land geht dabei in Richtung einer zweiten, neu errichteten ville nouvelle, in der nunmehr auch Marokkaner leben knnen und drfen, sowie insbesondere auch in die Medina und die in der Nhe der ville nouvelles entstehenden Bidonvilles (bidon = Kanister). Auch Teile der Douars sind mittlerweile durch die Stadterweiterung berprgt und in die expandierenden Neustdte integriert worden. Phase IV (seit Ende der Protektoratszeit) zeigt dann eine weitere Zunahme der Komplexitt von Wanderung und Bebauung. Es zeigt sich, da der Zustrom vom marokkanischen Land weiterhin zugenommen hat und sich mittlerweile in alle Stadtgebiete ergiet. Konsequenz ist, da aufgrund der zunehmenden Bevlkerungsdichte in der Medina eine Abwanderung der dort lebenden Marokkaner in Richtung der ville nouvelle der Europer erfolgt, die ihrerseits nach Ende der Protektoratszeit Frankreichs wieder in groen Zahlen in ihre Heimatlnder abwandern. Die Gre und Anzahl der villes nouvelles u

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