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G roß denken, das ist wichtig für jun- ge Unternehmer. Gerade in einer so flirrenden, tosenden Stadt wie New York, in der immer Druck ist, immer Alarm und in der die Wirklichkeit schon derart gigantisch daherkommt, dass Träume es schwer haben mitzuhalten. Es ist deshalb nur allzu verständlich, dass Oliver Kray am Ende eines langen Ta- ges um 23 Uhr in einem Restaurant in Man- hattan gleich zwei Hauptgerichte bestellt. Pfannkuchen mit gebratenem Speck. Dazu einen Burger mit Pommes frites und Krautsalat. Kray schafft von beidem nur die Hälfte, aber das ist egal. Groß denken, darauf kommt es an in dieser Stadt. Beim Essen, beim Geschäftemachen, immer. »New York ist ein Fluss, der schneller fließt, als du schwimmen kannst«, sagt Kray. Er redet gern in Bildern. Oder: »Du wirst wie eine Maus in die Milch gewor- fen, jetzt musst du strampeln und Butter machen.« Kray, 37, weicher Blick, gegeltes Haar, ist seit Anfang vorigen Jahres in New York, um mit seinem Unternehmen MyPostcard zu expandieren. Sein Geschäft ist das Ver- schicken von Postkarten. Kunden wählen online aus fast 10000 Motiven aus oder laden ein eigenes Foto hoch, plus Gruß- botschaft. Kray druckt und versendet es per Post, in Europa für 1,99 Euro, in den USA für 1,99 Dollar. Damit erwirtschaftet er rund fünf Mil- lionen Euro Umsatz im Jahr. Weil er alles wieder investiert, macht er, wie viele Start- ups, keinen Gewinn. Zum Erfolg des Unternehmens soll auch der MyPostcard-Song beitragen, Kray hat ihn mit einem Mitarbeiter geschrieben. Er handelt davon, wie Postkarten die Welt verändern. Kray will dazu ein Video pro- duzieren. Am liebsten in einer New Yorker U-Bahn-Station, wie Michael Jackson damals mit seinem Song »Bad«, aber die Drehgenehmigung der Subway-Verwal- tung würde 10000 Dollar kosten. Kray überlegt nun, am Times Square zu filmen, mit ein paar Hundert Leuten, die Post- karten in die Luft werfen, eine Flash- mob-Agentur könnte sie anheuern. Sollte auch das nicht klappen, wird Kray den nächsten Einfall haben, bestimmt. Er hat jeden Tag welche. Seit er in den USA ist, noch zahlreicher als zuvor. »Nicht viel labern, einfach machen«, sagt Kray. »Bum, bum, bum!« Amerika hat Deutsche von jeher ange- zogen. Als Sehnsuchtsort, als Verheißung auf ein besseres Leben. Schwimmkurs in Soho Gründer Deutsche Start-ups wollen von New York aus den US-Markt erobern. Die drängendsten Fragen lauten: Woher kommt das Kapital? Und wie spricht man mit einem Amerikaner?

Schwimmkurs in Soho - Magnus Resch · Manche tun das auch, vor allem Tech-Fir - men. Aber hier in New York sitzt das Geld. Venture-Capital, Risikokapital, vor allem die großen Banken

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Text of Schwimmkurs in Soho - Magnus Resch · Manche tun das auch, vor allem Tech-Fir - men. Aber hier in...

  • G roß denken, das ist wichtig für jun-ge Unternehmer. Gerade in einerso flirrenden, tosenden Stadt wieNew York, in der immer Druck ist,

    immer Alarm und in der die Wirklichkeitschon derart gigantisch daherkommt, dassTräume es schwer haben mitzuhalten.

    Es ist deshalb nur allzu verständlich,dass Oliver Kray am Ende eines langen Ta-ges um 23 Uhr in einem Restaurant in Man-hattan gleich zwei Hauptgerichte bestellt.

    Pfannkuchen mit gebratenem Speck.Dazu einen Burger mit Pommes frites undKrautsalat. Kray schafft von beidem nurdie Hälfte, aber das ist egal. Groß denken,darauf kommt es an in dieser Stadt. BeimEssen, beim Geschäftemachen, immer.

    »New York ist ein Fluss, der schnellerfließt, als du schwimmen kannst«, sagtKray. Er redet gern in Bildern. Oder: »Du

    wirst wie eine Maus in die Milch gewor -fen, jetzt musst du strampeln und Buttermachen.«

    Kray, 37, weicher Blick, gegeltes Haar,ist seit Anfang vorigen Jahres in New York,um mit seinem Unternehmen MyPostcardzu expandieren. Sein Geschäft ist das Ver-schicken von Postkarten. Kunden wählenonline aus fast 10000 Motiven aus oderladen ein eigenes Foto hoch, plus Gruß-botschaft. Kray druckt und versendet esper Post, in Europa für 1,99 Euro, in denUSA für 1,99 Dollar.

    Damit erwirtschaftet er rund fünf Mil-lionen Euro Umsatz im Jahr. Weil er alleswieder investiert, macht er, wie viele Start-ups, keinen Gewinn.

    Zum Erfolg des Unternehmens soll auchder MyPostcard-Song beitragen, Kray hatihn mit einem Mitarbeiter geschrieben. Er

    handelt davon, wie Postkarten die Weltverändern. Kray will dazu ein Video pro-duzieren. Am liebsten in einer New YorkerU-Bahn-Station, wie Michael Jackson damals mit seinem Song »Bad«, aber dieDrehgenehmigung der Subway-Verwal-tung würde 10000 Dollar kosten. Krayüberlegt nun, am Times Square zu filmen,mit ein paar Hundert Leuten, die Post -karten in die Luft werfen, eine Flash -mob-Agentur könnte sie anheuern. Sollteauch das nicht klappen, wird Kray dennächsten Einfall haben, bestimmt. Er hatjeden Tag welche. Seit er in den USA ist,noch zahlreicher als zuvor. »Nicht viel labern, einfach machen«, sagt Kray. »Bum,bum, bum!«

    Amerika hat Deutsche von jeher ange-zogen. Als Sehnsuchtsort, als Verheißungauf ein besseres Leben.

    Schwimmkurs in SohoGründer Deutsche Start-ups wollen von New York aus den US-Markt erobern. Die drängendsten

    Fragen lauten: Woher kommt das Kapital? Und wie spricht man mit einem Amerikaner?

  • Im 19. Jahrhundert waren es Millionendeutsche Auswanderer, die über den At-lantik flohen, vor Missernten oder weil sieals Juden in ihrer Heimat verfolgt wurden.Manche gründeten Unternehmen, die heu-te noch Weltmarken sind. Levi Strauss wareiner von ihnen, Miterfinder der Jeans, Levi’s. Oder, im Nachgang weniger rühm-lich, die fränkischen Brüder Lehmann, deren Bank vor nunmehr zehn Jahren dieglobale Wirtschaft in den Abgrund riss.

    Die jungen deutschen Unternehmer, dieheute in den USA etwas werden wollen,leiden keine Not. Sie geben auch nichtgleich ihr altes Leben auf, die meisten pen-deln zwischen den Welten. Ihre Heimat istihnen als Spielfeld zu klein geworden, siedenken global, so sind sie aufgewachsen.

    Alle setzen sie Hoffnungen in die USA,Donald Trump hin oder her. Sie glaubenan den amerikanischen Traum. Daran,dass jeder es schaffen kann. In New York.Überall.

    Die jungen Deutschen könnten ins Sili-con Valley ziehen, das Gründerparadiesauf der anderen Seite Amerikas, wo Un-ternehmertum zur Religion geworden ist.Manche tun das auch, vor allem Tech-Fir-men. Aber hier in New York sitzt das Geld.Venture-Capital, Risikokapital, vor allem

    die großen Banken. Und ohne Investorengeht nichts.

    In New York gibt es etwa halb so vieleStart-ups wie im Silicon Valley, mehr als7000 sollen es aktuell sein. Sie haben sichin den angesagten Stadtteilen angesiedelt,in Brooklyn, der kleinen, raueren Schwes-ter Manhattans, oder in Soho, wo man aufder Straße ständig über ein Filmteam oderein Modeshooting stolpert. Wie viele deut-sche Gründer darunter sind, kann niemandgenau sagen. 100, vermuten manche, an-dere 200. Mindestens sind es 64.

    Sie stehen auf einer Liste, die der Ger-man Accelerator zusammengestellt hat,wörtlich: der deutsche Beschleuniger. EineEinrichtung, die vom Bundeswirtschafts-ministerium unterstützt wird und deut-schen Start-ups im Ausland auf die Beinehelfen soll. Der German Accelerator sitztin einem Coworking-Gebäude in Soho, indem Firmen in zwergenhaften Glaskasten-büros aufeinanderhocken, aber die Dach-terrasse mit Blick auf das One World TradeCenter für alles entschädigt.

    Wer für das Programm angenommenwird, bekommt ein Glaskastenbüro miet-frei, mindestens für drei, maximal für neunMonate. Außerdem einen Mentor und dieMöglichkeit, an Seminaren teilzunehmen.

    Dort lernen die Neuankömmlinge, dassdas amerikanische Arbeitsrecht sich etwain Sachen Kündigungsschutz komplett vondem deutschen unterscheidet. Dass sie sich,um an ein Visum zu kommen, am besteneinen Anwalt nehmen. Dass ihr deutscherFührerschein in New York nur kurze Zeitgültig ist. Und, ganz wichtig: wie sie richtigpitchen, also einem potenziellen Investorihre Geschäftsidee präsentieren.

    Beim Pitch sollen sie möglichst natürlichwirken. So lehrt es Joe, ein Kommunika -tionsexperte, der ein Einstecktuch trägtund mit seinen großen Gesten selbst eherunnatürlich wirkt. Er lässt seine KlientenKurzvorträge halten über ihr Geschäfts-modell. Sie sollen ein Problem benennenund darlegen, warum ausgerechnet sie dieLösung dafür haben.

    Christian Busch leitet das New YorkerBüro des German Accelerator. 45 Unter-nehmen hat er hier in den vergangenenJahren durchgeschleust. Die Hälfte davonhabe sich anschließend in New York nie-dergelassen, sagt Busch. Von denen wie-derum sei nur einigen wenigen die Pusteausgegangen.

    Im April haben wieder sechs Start-upsbei ihm angefangen. Darunter eines, dasmithilfe von Kameras auswertet, wer in

    Gründer Kray, Onlinehändlerin Faulhaber: Rein in den Flieger, raus aus dem Flieger

  • Bahnhöfen oder Kaufhäusern vor großenBildschirmen mit Werbung stehen bleibt,Frauen, Männer, Alte, Junge – und wielange. Und ein Start-up, das eine Softwareentwickelt hat, die Ärzten die Kommuni-kation mit ihren Patienten erleichtern soll.

    Oliver Kray, der Postkartenhändler, hatvoriges Jahr neun Monate lang an demProgramm teilgenommen. Sein Büro hater heute noch auf der Etage des GermanAccelerator, seit Oktober auf eigene Kos-ten. Die Berliner Zentrale von MyPostcardumfasst 250 Quadratmeter, dort sitzen 20 Leute. In New York sind es 8 Qua -dratmeter für 5 Mitarbeiter, zu monatlich2100 Dollar Miete.

    An der Wand hängen drei Uhren. Siezeigen die hiesige Zeit, die deutsche – unddie im Silicon Valley, wo der German Accelerator ebenfalls Räume hat, ziemlichhohe, mit großen, weißen Wänden zumBekritzeln. Dorthin hat Kray sich neulichfür eine Woche verzogen, um sich eineneue Firmenstruktur auszudenken. DreiTage und drei Nächte schrieb und zeich-nete er. In seinem Büro hätte er das nichthingekriegt, glaubt er. »In einem kleinenRaum kann man keine großen Ideen haben.«

    Kray war früher Graffitikünstler undFassadenmaler. Für Daimler gestaltete erden weltgrößten Mercedes-Stern, 60 Me-ter Durchmesser, für den AutoverleiherSixt besprühte er zwei Türme am Flugha-fen Berlin-Tegel. Er entwarf Kinoplakate.Designte Gläser und Tapeten. Gründeteein Label für Kindermode und eine Social- Media-Agentur. Bis er sich im Griechen-landurlaub fragte, warum eigentlich kaumnoch jemand Postkarten schreibt.

    Er glaubt an sich, er glaubt an MyPost-card. Kray hat alles hineingesteckt, zweiBausparverträge, seine Rentenversiche-rung. Er will keine Rente, er will doch Mil-lionär werden. Sein Vorbild als Unterneh-mer ist Richard Branson, Gründer einerFluglinie und Besitzer einer Insel.

    Als Kray voriges Jahr nach New Yorkkam, fühlte er sich allerdings erst mal wieein Praktikant. »Egal, was du vorher ge-macht hast: Du fängst hier noch mal beinull an.« Sein Englisch war lausig, er nahmUnterricht. Er legte sich einen Elektro -roller zu, mit dem er seither durch dieStadt saust. Und er beging Fehler.

    Einer davon: Kray ließ sich von einerPR-Agentur über den Tisch ziehen, die eineKampagne für ihn entwickeln sollte. Viel-leicht hatte er auch nur das Kleingedrucktenicht gelesen. Jedenfalls rechnete die Agen-tur jedes Treffen, jedes Vorgespräch ab, 350 Dollar die Stunde, 10000 Dollar ins-gesamt, zur Kampagne kam es nie.

    Ein anderer Fauxpas: Kray war anfangszu forsch mit amerikanischen Mitarbei-tern, weil ihm nicht klar war, dass man Kri-tik in den USA eher durch die Blume an -

    bringt, gern bei einem netten Essen. Esgab Tränen.

    »Man kann hier ziemlich viel falsch ma-chen«, sagt Irene Fuchs. Sie arbeitet beider deutsch-amerikanischen Außenhan-delskammer (GACC) in New York undhilft deutschen Gründern beim Eintritt inden US-Markt. Die meisten von ihnen sei-en überrascht, wie anders hier Kommuni-kation funktioniere, sagt sie. Etwa bei derSuche nach Investoren.

    »Beim ersten Treffen geht Höflichkeitvor Ehrlichkeit«, so Fuchs. PotenzielleGeldgeber vermitteln dem Gründer zu-nächst das Gefühl, sie fänden seine Ge-schäftsidee großartig: »Amazing!« Dergeht aus dem Termin heraus im Glauben,einen Förderer gefunden zu haben. Da-nach hört er womöglich nie wieder vonseinem Gesprächspartner.

    Ein weiteres Missverständnis: Vieles,was in Europa groß und wichtig erscheint,spielt für US-Investoren keine Rolle. Wersich damit brüstet, dass er die finnischeRegierung zu seinen Kunden zähle, be-kommt schon mal zur Antwort: Finnland?Wie viele Einwohner hat das – 5,5 Millio-nen? Weniger als New York City?

    Auch Deutschsein an sich ist kein Wert.Amerikaner lieben Germany, die Brezeln,

    das Bier, das schon. Sie achten die deut-sche Ingenieurskunst, viele von ihnen ha-ben deutsche Wurzeln, aber am Ende zähltnur eines: Wie geil ist die Geschäftsidee?

    Und noch etwas: »Deutsche unterschät-zen gern, wie teuer New York ist«, sagtFuchs. Wer ein WG-Zimmer in Manhattanwill, muss dafür schon mal 1500 Dollarbezahlen. »Vielen geht das Geld aus.«

    Die Sorge mit der Miete hat KonstantinMehl, 29, zumindest nicht. Wenn er inNew York ist, kommt er bei seinem BruderBernhard in Brooklyn unter. Beide sindUnternehmer. Bernhard produziert mit sei-nem Start-up Kisi elektronische Türschlös-ser und wohnt dauerhaft hier, Konstantinnur gelegentlich.

    Hauptsitz seines Unternehmens KaiaHealth ist München, sein Kompagnon Ma-nuel Thurner und er haben es 2016 gegrün-det. Voriges Jahr sind sie in den amerika-nischen Markt eingetreten. Im Novemberwurden sie von der GACC als bestesNewcomer-Start-up ausgezeichnet.

    Mehl und Thurner wollen mit künst -licher Intelligenz Rückenschmerzen thera-pieren – oder diesen vorbeugen. Ihre Appschickt dem Nutzer nicht nur Tipps für

    Übungen aufs Handy, sondern überwachtab August auch per Kamera, ob er sie rich-tig ausführt. Das weiß die App, weil Kaiamehrere Tausend Probanden beim Trai-ning gefilmt und damit seine Datenbankgefüttert hat.

    Mehl sagt, als er in den USA angefangenhabe, habe er sich zunächst direkt an Pa-tienten wenden wollen. Juristen rieten ab:Das Risiko, von enttäuschten Kunden ver-klagt zu werden, sei zu hoch. In Amerikakann das schnell gehen. Daher wirbt Kaiaauch nicht mit dem expliziten Verspre-chen, Leidende schmerzfrei zu machen.Es wäre eine Einladung zum Rechtsstreit.

    Mehl und Thurner sind erfahren im Auf-bau von Unternehmen. 2014 gründetendie beiden den Lieferdienst Foodora, einerfolgreiches deutsches Start-up. Bereitsein Jahr später verkauften sie an den Konkurrenten Delivery Hero. Das Unter-nehmen sei ihm zu groß geworden, sagtMehl. Und als ihm wieder einmal sein Rücken Probleme machte, kam er auf dieIdee mit Kaia.

    Mehl sagt, der Umgang der deutschenStart-upper miteinander sei in New Yorkein anderer. »In Deutschland arbeitet manschon mal gegeneinander. Hier hält manzusammen.«

    Wer einige Zeit in New York ist, trifftzuhauf Deutsche, die irgendwas gründenoder gegründet haben, online oder in derechten Welt.

    Den jungen Bayern, der Baseballkap-pen verkauft, auf denen nicht etwa »NewYork« steht, sondern »New fuckin’ York«.Die beiden Studienfreunde aus Rheinland-Pfalz, die den Döner nach Amerika brin-gen wollten, doch weil der nur so mittelankam, änderten sie das Konzept ihrerRestaurants und servieren nun gesunde,leichte Kost in Schüsseln. Zwei Schwesternaus Franken haben in Brooklyn einenWaschsalon eröffnet, der zugleich ein Caféist, in dem auch Modeschauen stattfinden.Eine Badenerin verschickt Englischkurseper App.

    Rund 90 Prozent der Gründer sindMänner. Irene Fuchs von der GACC sagt,sie würde gern ein Programm anbieten fürFrauen, »aber wir kriegen einfach nichtgenügend zusammen«. Es liege, vermutetsie, an der immer noch schweren Verein-barkeit von Unternehmensgründung undKinderwunsch.

    Zu den wenigen Gründerinnen in NewYork zählt die Frankfurterin Nina Faul -haber, 30. Ihr früheres Leben bestand ausZahlen, sie arbeitete in London für die In-vestmentbank Goldman Sachs und für dasUnternehmen Index Ventures, das seinGeld ins Start-ups steckt. Dabei kam ihrdie Idee, selbst eines zu gründen, gemein-sam mit ihrer Goldman-Kollegin Meg He.

    Ihre Firma Aday entwirft Sportkleidung,die auch fürs Büro passt. Zielgruppe ist

    »Egal, was du vorher gemacht hast: Du fängst hiernoch mal bei null an.«

  • die viel beschäftigte Frau. Rein in den Flie-ger, raus aus dem Flieger. Termine hier,Termine dort, zwischendurch ein bisschenWorkout.

    Bestseller ist eine weiße Bluse, die hin-ten länger ist als vorn. Atmungsaktiv, knit-terfrei. Gefolgt von einer schwarzen Jacke,gefertigt aus 41 zerkleinerten Plastikfla-schen. Denn nachhaltig sollen Adays Tex-tilien möglichst auch sein. Verkauft wirdonline.

    Voriges Jahr kursierte eine Umfrage,der zufolge Deutsche nicht mehr so vielLust hätten, in den USA zu gründen, ausAngst vor dem neuen US-Präsidenten Do-nald Trump. Aber davon ist wenig zu spü-ren. »Das schert hier keinen so richtig«,

    sagt Christian Busch vom German Acce-lerator. Die Bewerberzahlen für sein Pro-gramm seien konstant.

    Die Geschichte der amerikanischenStart-ups ist auch eine Geschichte der Einwanderer. Rund die Hälfte der neuenUnternehmen im Silicon Valley wurdevon Migranten mitgegründet. Andere Entrepreneurs haben zumindest auslän -dische Vorfahren. Apple-Gründer SteveJobs – Sohn eines Syrers. Facebook-Grün-der Mark Zuckerberg – Nachfahre vonDeutschen.

    Figuren wie Jobs oder Zuckerberg sindes, von denen Geschäftsleute noch heutelernen. Etwa, dass Gründer selbst die bes-ten Testimonials für ihre Start-ups sind.

    Sie sind ihre eigenen Stars. Im besten Fallhaben sie noch den passenden Namen. Sowie Magnus Resch, 33. Magnus, lateinischfür groß.

    Resch ist ein geschickter Selbstverkäu-fer. Haare in Richard-David-Precht-Länge,Brille, wacher Blick, niemals nachlässig gekleidet.

    Aufgewachsen in Düsseldorf, hat Reschin St. Gallen, London und Harvard Wirt-schaft studiert, in Hongkong promoviert,seit 2014 wohnt er in New York. Sein Zielist es, den Kunstmarkt aufzumischen, mit-hilfe einer App. Weil Reschs Selbstbe-wusstsein nicht gerade klein ist, hat er sienach sich benannt.

    Magnus, die App, funktioniert so: Be-sucher einer Galerie fotografieren mit ih-rem Smartphone ein Kunstwerk. Die Appverrät ihnen den Namen des Werks unddes Künstlers – und den Preis, der bei an-deren Galerien üblich ist oder zuletzt beiAuktionen erzielt wurde. Magnus ist lautResch die weltweit größte Datenbank fürKunst, mit zehn Millionen Bildern.

    Noch ist das Angebot gratis, das Geldkommt von Investoren. Seit Februar ist da-runter ein ziemlich populärer Kunstsamm-ler: der Schauspieler Leonardo DiCaprio.Wie das kam, will Resch nicht verraten.Auch nicht, wie viel Kontakt die beidenhaben.

    Resch war 16 Jahre alt, als er sein erstesBild kaufte. Und 20, als er sein erstes Bildverkaufte. Sein Buch über die Gründungeiner Galerie nennt er die »Bibel für Gale-risten«. Er lehrt an der Columbia Univer-sity. Von der verglasten Frontseite seinesApartments aus sieht er das Empire StateBuilding, an der Wand hat er alte Schwarz-Weiß-Fotos: Mick Jagger, Andy Warholoder ein Mitgründer des Studio 54. AlleBilder wurden bei ihm im Viertel aufge-nommen oder stehen in Bezug dazu, zujedem kann Resch eine Geschichte erzäh-len. Nichts ist Zufall, alles durchdacht.Resch wirkt wie ein lebender Algorithmus.

    Mithilfe seiner App soll der Kunstmarkttransparent werden, aber der hat daranwenig Interesse. Galeristen und kosten-pflichtige Konkurrenten liefen Sturm,kaum war die App auf dem Markt. Sie sa-hen Urheberrechte verletzt, Magnus flogfür einige Zeit aus dem App Store, hattedadurch aber beste Publicity.

    Um seine App zu bewerben, drehteResch einen Werbespot. Darin stolziert erdurch eine Galerie und erklärt, wie Ma -gnus funktioniert. Am Ende reitet er in gel-bem Regenmantel auf einem Esel davon.

    Doch selbst ein Tausendsassa mussKompromisse eingehen. Reschs ursprüng-licher Plan für die Schlusspointe des Spotsließ sich aus Tierschutzgründen nicht umsetzen: Eigentlich wollte er auf einemElefanten reiten. Alexander Kühn

    Kunstdatenbank-Gründer Resch: Wie ein lebender Algorithmus