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Sozialistische Alternative Solidarität - soal.ch 2004_2.pdf1 SoAL/Solidarität – Oktober 2004 Nr. 43/26 Sozialistische Alternative Solidarität Oktober 2004 Nr. 43/26 Liste gegen

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    SoAL/Solidarität – Oktober 2004 Nr. 43/26

    Sozialistische Alternative

    Solidarität

    Okt

    ober

    200

    4 N

    r. 43

    /26

    Liste gegen Armut und Ausgrenzung 3

    Hände weg von den IV-Renten 4

    Montagsproteste gegen Hartz IV 6

    Regionales Sozialforum 7

    Interview Roter Faden 8

    Was kostet ein Mensch?

    Integration – ein Synomym für Zwang? 2

    Weil in der bestehenden Gesellschaft die Welt eineWare ist und die Menschen ebenso, lautet die Antwortauf soziale Bedürfnisse jeder Art: Was kostet es, wasnutzt es? Rechte wie linke Parteien tragen gemein-sam die Politik des Sozialabbaus und der Aushöhlungdes öffentlichen Dienstes mit und argumentieren mitangeblichen Sachzwängen. Was in Deutschland of-fensichtlich ist, gilt auch für die Schweiz: Weder dieSozialdemokratie noch die Grünen bieten eine grund-sätzliche Alternative zur neoliberalen Politik mit ihreraggressiven gesellschaftlichen Umverteilung. Immerweitere Lebensbereiche wie Bildung, Umweltschutzund soziale Sicherheit werden zurzeit radikal danachbewertet, was für die „Wirtschaft“ und damit für die gutverdienenden und besitzenden Schichten rentiert.Wie Arbeitsbedingungen gestaltet werden, wie Er-werbsarbeit verteilt und was produziert wird, hängt an-geblich vom Markt ab und nicht davon, welche Art vonErwerbs- und Nichterwerbsarbeit gesellschaftliche Kräf-te fordern. Welcher Lebensstandard Erwerbslosen,Kranken, alten Menschen zugestanden wird, hängt an-geblich vom Budget ab und nicht davon, für welcheGrundversorgung sich die Gesellschaft entscheidet.Wie viele Flüchtlinge aufgenommen werden, hängt an-geblich von Kapazitäten ab und nicht davon, ob sichgesellschaftliche Kräfte für das Grundrecht von Flücht-lingen auf Schutz und Unterhalt einsetzen. Wie Ver-kehr gestaltet wird, hängt angeblich vom Wettbewerbab und nicht davon, welche Transportmittel die Gesell-schaft für vertretbar hält.Die Hauptlast politischer und wirtschaftlicher Weichen-stellungen in den reichen Industriestaaten trägt zwarnach wie vor die Bevölkerung des Südens und Ostens.Doch auch in Westeuropa wächst die Zahl der Men-

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    Integration – einSynonym für Zwang?

    Nach dem Integrationsbericht, den wir in unse-rem Bulletin 33/16 kritisch beleuchtet haben, legtBasel-Stadt nun das Integrationsgesetz vor. DerGrundtenor ist derselbe geblieben.

    Nach einem Bekenntnis zu Chancengleichheit, Ge-genseitigkeit und „gemeinsamen Grundwerten“ voneinheimischer und immigrierter Bevölkerung folgt eineAuflistung der verschiedenen Bereiche, in denenMassnahmen ergriffen werden sollen. Die einzige grif-fige Bestimmung betrifft die Sprachkenntnisse undandere Integrationsbemühungen der MigrantInnen.Denn die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung kannan die Bedingung geknüpft werden, dass ein Sprach-und Integrationskurs besucht wird. Explizit formu-liert ist der Anspruch, MigrantInnen die Spielregelnder schweizerischen Gesellschaft beizubringen unddie „tatsächliche Gleichstellung von Mann und Frau“durchzusetzen – worauf wir für Einheimische ja nochimmer warten. Gleichzeitig beschränkt sich die poli-tische Diskussion bis tief in SP-Kreise ungeniert aufden wirtschaftlichen Nutzen verschieden kategorisier-ter AusländerInnen, der entscheiden soll, wer in derSchweiz leben dürfen soll und wer nicht.Die so genannte Integration ist aufs engste verknüpftmit Zwang und ihrem Gegenkonzept, der Ausgren-zung. Bei Nichtbefolgung so genannter Integrations-angebote droht der Ausschluss. In der Migrations-politik werden Sprache und z.T. Emanzipationszielezu Kriterien pervertiert, um Menschen nach ihremwirtschaftlichen Nutzen zu selektieren. Selbst diegeplante Rückschaffung wird neuerdings als In-tegrationsangebot verkauft. Dieselbe Logik machtsich in der Sozialpolitik breit, wo Versicherungsleis-tungen zunehmend an Arbeitszwang, oft unter aus-gesprochen prekären Bedingungen, gekoppelt wer-den.Sollte das Ziel der „Integrationspolitik“ irgendwanntatsächlich eine gleichberechtigte „Teilhabe am wirt-schaftlichen, sozialen und kulturellen Leben“ sein,könnten wir einige Anregungen beisteuern. Wie wärees beispielsweise mit einem gesetzlichen Mindest-lohn für alle Branchen, der Regularisierung aller SansPapiers und Schwarzarbeitenden, dem gezieltenAufbrechen der sozialen Segregation in den Wohn-quartieren durch billige, qualitativ hochwertige Woh-nungen, der Beschäftigung von Flüchtlingen in ihrenursprünglich gelernten Berufen, geregelten Arbeits-zeiten, einem flächendeckenden Kinderbetreuungs-angebot und gleicher politischer Rechte für Migran-tInnen? Zugegeben, der Haken dabei ist, dass dieMigrantInnen nicht mehr so gut für die Bereicherungder schweizerischen Wirtschaft und für politischeDemagogie herhalten könnten.

    schen, die in immer prekäreren Verhältnissen leben.In der Schweiz bereiten Bund und Kantone mit Zustim-mung aller Regierungsparteien weitere massive Kür-zungen im Sozialbereich vor. Gleichzeitig erhöhen sieden Druck auf BezieherInnen von Sozialleistungen undRenten, die schon heute auf einem ausgesprochenbescheidenen Niveau liegen. Einen vorläufigen Höhe-punkt der Entsolidarisierung bildet der Entscheid,AsylbewerberInnen, deren Gesuch abgewiesen wird,jede Form von Unterstützung zu entziehen.In Basel ist mit der Armutskonferenz von unten eineKraft entstanden, in der sich Armutsbetroffene selbstorganisieren und über die Liste 13 ihre Anliegen in denWahlkampf tragen. Der Widerstand gegen den Sozial-abbau und Alternativen zu Erwerbslosigkeit und Armutwerden auch am Regionalen Sozialforum im Novem-ber einen wichtigen Themenschwerpunkt bilden. Wirunterstützen beide Initiativen mit dem Anspruch, dasRecht aller auf soziale Sicherheit zu verteidigen undgrundsätzliche Alternativen zur Verwertungslogik derkapitalistischen Gesellschaft zur Diskussion zu stel-len. Wir rufen Interessierte und Betroffene auf, sich demWiderstand gegen Sozialabbau, Repression und dieVerschärfung der Asyl- und Migrationspolitik anzu-schliessen und die bestehenden Foren zu nutzen, uman der Entwicklung von grundsätzlichen Alternativenmitzuwirken.

    4.–5. Dezember 20046. Sozialistisches Forum:Soziale SicherheitDas nächste Sozialistische Forum von SoAL/Solidari-tät, Collectif pour une Alliance Socialiste Vaud (CAS)und solidaritéS Genf und Neuchâtel ist dem Themasoziale Sicherheit und den neoliberalen Angriffen aufdie Sozialversicherungssysteme gewidmet. Eingeladenwerden ReferentInnen aus Frankreich und Deutschland.Die Diskussionen finden im Plenum und in Arbeits-gruppen statt. Für Übersetzung ist gesorgt. Das ge-naue Programm wird Anfang November vorliegen, Wün-sche und Anregungen können schon jetzt forumliertwerden (laufende Infos unter www.soal.ch).

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    Die Sozialistische Alternative/Solidarität engagiert sichseit mehr als 10 Jahren für eine radikale Alternativezur kapitalistischen Profitwirtschaft, die immer mehrMenschen, die nicht mehr maximal ausbeutbar sindoder sein wollen, aus der Erwerbsarbeit herausdrängt.Wer sich nicht der Profitlogik des Kapitals unterwerfenwill und nicht zu jedem Lohn erwerbstätig sein kannoder will, wird rücksichtslos zur Armut gezwungen undgesellschaftlich ausgegrenzt.Die Lebensbedingungen sollen mit dem Abbau derSozialleistungen bei Invalidität, Alter, Erwerbslosigkeitetc. so sehr verschlechtert und die Betroffenen soweitausgegrenzt werden, dass sie bereit sind, auch nochso schlechte Erwerbsarbeitsbedingungen zu akzeptie-ren. Lohnarbeit oder Gosse!Gleichzeitig zeigt der Blick nach Deutschland, wo einmassiver Abbau der sozialen Sicherung durch die rot-grüne Regierung (Hartz I-IV) stattfindet, was für dieSchweiz ebenfalls in etwa zu erwarten sein wird. Esgeht nicht nur um Sparmassnahmen hie und da, son-dern um eine grundsätzliche Umgestaltung der sozia-len Absicherungssysteme und eine Anpassung an daskapitalistische, neoliberale Wirtschaftsmodell.Das Thema Armut und Ausgrenzung, das die Liste 13in Basel prominent und glaubwürdig aufwirft, gehörtdeshalb zu den Schlüsselthemen des Widerstandsgegen den kapitalistischen, neoliberalen Umbau un-serer Gesellschaft und stellt die bürgerlichen Spar- undAbbauprojekte (AHV und IV-Kürzungen, kantonaleSparprogramme 1+2 etc.) grundsätzlich in Frage.Die Liste 13 ist aus der Armutskonferenz von untenentstanden, einer Selbstinitiative von Betroffenen. Wirhoffen, dass die Wahlbeteiligung hilft, dass sich Be-troffene über den Wahltermin hinaus selbst organisie-

    SoAL/Solidarität unterstützt dieListe 13 gegen Armut und Ausgrenzung

    ren und für ihre Anliegen mit Aktionen eintreten. Fürden Aufbau des Widerstandes von Betroffenen ist füruns die Präsenz im Parlament nicht Voraussetzung,aber sie bietet eine mögliche Plattform.Die Grünen und die SP werfen der Liste vor, die „Linke“zu schwächen. Für einen möglichen Verlust von Stim-men der im Parlament ver-tretenen „linken“ Partei-en ist jedoch nichtdie Liste 13, son-dern die mangeln-de Glaubwürdig-keit der linken/grünen Parteienverantwortlich. DieSozialdemokrati-sche Partei hat sichder bürgerlichen, neo-liberalen Politik ange-schlossen und die grüne Par-tei möchte dabei ihre Regierungspartnerin sein. Wirengagieren uns für die Neugründung einer kämpferi-schen, antikapitalistischen Kraft. Eine neue Kraft kannaber nur aus neuen Bewegungen von Betroffenen ent-stehen, die ihr Schicksal in die eigenen Hände neh-men und daraus einen radikalen gesellschaftlichenUmbau entwickeln und nicht aus elektoraler Erbsen-zählerei.

    In unserer Zeitungsbeilage und auf der Webseitewww.liste13.ch.vu finden sich weitere Informationenzu den KandidatInnen und den Forderungen der Listegegen Armut und Ausgrenzung und zur Armutskonfe-renz von unten.

    Liste13

    Armut und Reichtumin Musik und Worten

    Benefizkonzert von 13 MusikerInnenaus verschiedenen europäischenLändern für die Liste 13 gegen Ar-mut und Ausgrenzung . Organi-siert von Musicaventure.

    22. Oktober, 20.00 UhrMatthäuskircheBasel Feldbergstrasse 81

    Freier Eintritt – Spenden erwünscht

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    SoAL/Solidarität – Oktober 2004 Nr. 43/26

    Der Bundesrat und die darin vertretenen Partei-en wollen mit der 5. IV-Revision alte und neueIV-Renten massiv kürzen. Mit dem Finanzaus-gleich (Abstimmung 28. November) und den kan-tonalen Sparprogrammen rollen auf Invalideweitere Verschlechterungen zu.

    Der Bundesrat hatder Öffentlichkeit am28. April seine Plänezur 5. IV-Revision vor-gestellt und am24. September dieVorlage in die V er-nehmlassung ge-schickt. Im Vergleichzum Frühjahr wurdedie Vorlage noch ein-mal verschärft. Zu-dem soll die Revisionbeschleunigt durchdas Parlament ge-bracht werden. Ver-schärfung und Be-schleunigung gehen auf eine Absprache aller Bundes-ratsparteien (SVP, FDP, CVP, SP) zurück.

    Ein Viertel weniger Rente!

    Die Behinderten-Selbsthilfe Schweiz (AGILE) schreibtin ihrer Stellungnahme zur 5. IV-Revision: „Es ist zubefürchten, dass die Vorlage zu einer tief greifendenSparvorlage wird, welche hinter einigen netten und guttönenden Massnahmen versteckt werden soll.“ Der ge-plante Rentenabbau ist massiv1:- Abschaffung der Zusatzrenten für Verheiratete. In

    der letzten IV-Revision im Frühling 2003 wurden be-reits die Zusatzrenten für NeubezieherInnen abge-schafft. Jetzt sollen sie auch bei den laufenden Ren-ten gestrichen werden. Die Streichung der Zusatz-renten für Verheiratete bedeutet eine Kürzung ihrerIV-Renten um ein Drittel bis Viertel: ein Abbau von113 Millionen Franken (jeweils jährlich).

    - Streichung des Karrierezuschlages: Bei Renten fürBehinderte unter 45 Jahren wird eine mögliche Ver-

    dienstzunahme bei längerer Berufsarbeit mit einemFaktor bei der Rentenhöhe gutgeschrieben. DieserFaktor soll gestrichen und die Rente nur noch aufGrund des letzten Lohnes berechnet werden: einAbbau von 74 Mio. Franken.

    - Medizinische Massnahmen für die berufliche Ein-gliederung sollen gestrichen werden, in der Hoffnung,das Krankenkassen in Zukunft einspringen. Es istvorauszusehen, dass durch diese Privatisierung ei-nes Teils der Eingliederungsmassnahmen von denprivaten Krankenkassen weniger Kosten übernom-men werden: ein Abbau von 74 Mio. Franken.

    - Eine IV-Rente soll zukünftig erst nach drei Beitrags-jahren, also drei Jahren Erwerbstätigkeit, gewährtwerden. Das trifft vor allem Jugendliche und auslän-dische ArbeiterInnen: ein Abbau um 18 Mio. Fran-ken.

    - Die Rentenhöhe soll neu ausschliesslich auf Grunddes vorher erzielten Einkommens und nicht mehrauf Grund des Durchschnittes aller Löhne (inkl. mög-licher Lohnsteigerungen) berechnet werden. Diesführt zu kleineren Renten insbesondere bei Frauenund Jugendlichen. Die Behindertenselbsthilfe AGI-LE bezeichnet diese Abbaumassnahme als „schlichtfrauenfeindlich“.

    - Der Mindestsatz für T aggelder (30 Prozent desHöchstbetrages) für Behinderte, die vorher nicht be-rufstätig waren (vor allem Jugendliche und Frauen),soll abgeschafft werden. Die Taggelder der IV beiEingliederungsmassnahmen sollen zudem generellauf das Niveau der Arbeitslosengelder gekürzt wer-den: eine Rentenkürzung von 35 Mio. Franken.

    - Der Invaliditätsgrad soll bei Neurenten niedriger an-gesetzt werden; vermehrt sollen nur (niedrigere) Teil-renten gewährt werden.

    Zwangsmassnahmen für Neuinvalide

    Mit verschiedenen Zwangsmassnahmen will der Bun-desrat die Zunahme der NeurentnerInnen um minde-stens 10 Prozent senken. Diese Massnahmen werdenmit schönen Namen wie „Früherkennung“ oder „Integra-tionsmassnahmen“ kaschiert. Der Bundesrat machtaber schon in seinen schriftlichen Erklärungen zurRevision deutlich, dass es ihm nicht um eine Unter-stützung von Behinderten bei der Suche nach rarenErwerbsjobs geht. „Kommt eine versicherte Person ihrerMitwirkungspflicht im Rahmen der Integrationsmass-nahmen nicht nach, indem sie beispielsweise einezugewiesene Stelle oder Beschäftigung verweigert,können die Taggelder analog der Arbeitslosenversiche-rung eingestellt werden.“ Die Streichung von Taggeldernbei mangelnder „Mitwirkung“ wird in der bundesrätlichenStellungnahme mehrfach erwähnt und lässt keine Zwei-fel am Zwangscharakter dieser Massnahmen. Schliess-

    Hände weg von den IV-Renten undder Behindertenunterstützung

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    SoAL/Solidarität – Oktober 2004 Nr. 43/26

    Impressum

    Herausgeberin:SoAL/Solidarität, Postfach 4070,4002 Basel, PC 40-11638-2Website: www.soal.che-mail: [email protected]

    lich ist das Ziel dieser Revision, bei Behindertenrenten311 Millionen jährlich zu sparen. Bereits heute gibt esBerichte von Betroffenen, die von den kantonalen IV-Stellen unter Androhung von Beitragskürzungen zu Jobsgezwungen werden, die hauptsächlich beweisen sol-len, dass kein Anspruch auf IV besteht. Mit einer sogenannten „Verfahrensstraffung“ will der Bundesratzudem den Zugang zu Rekursverfahren erschweren undallfällige Rekurse auf nationaler Ebene kostenpflichtigmachen.

    „Scheininvalide“ und dieZunahme der IV-RentnerInnen

    Die Ursachen für die grosse Zunahme der anerkann-ten IV-RentnerInnen wird bei den Betroffenen selbstgesucht. Die SVP hat dies mit ihrer „Scheininvaliden“-

    Kampagne bisher am aggressivsten vorgebracht, aberauch alle anderen bürgerlichen Kräfte bis hin zur SPsehen das Problem ausschliesslich bei den Betroffe-nen. Mit Rentenkürzungen und als „Früherkennung“ oder„Integration“ versteckten Zwangsmassnahmen soll derRentenbezug möglichst unzugänglich und unattraktivgemacht werden. Von den etablierten Parteien sprichtniemand mehr von den eigentlichen Ursachen für dieZunahme: von der krank machenden Erwerbsarbeitdurch die Zunahme von Stress und prekären Arbeits-verhältnissen, der Entlassung von Arbeitskräften, dienicht 150 Prozent leistungsfähig sind, der Abschiebungvon Erwerbslosen und SozialhilfeempfängerInnen in dieIV durch die zuständigen Ämter und den ebenfalls krankmachenden Lebensbedingungen von Armutsbetroffe-nen. Angesichts dieser verschärften Bedingungen inder Arbeitswelt und der steigenden Erwerbslosigkeitmit Dauerarbeitslosen kann es nicht verwundern, dassdie Zahl der Invaliden ansteigt.

    Finanzausgleich und Kürzungender Invalidenunterstützung

    Die Kürzung der Unterstützung für behinderte Menschenist bereits voll im Gang. Verschiedenen Behinderten-heimen und -werkstätten werden heute schon die Un-terstützungsgelder gekürzt (als Folge der Sparmass-nahmen der Kantone und der 4. IV-Revision). EinzelneGemeinden nutzen zudem ihren Spielraum bei denErgänzungsleistungen für IV-RentnerInnen maximalaus, um die Beiträge an armutsbetroffene Invalide zukürzen. Mit dem Finanzausgleich zwischen Bund undKantonen (NFA) drohen weitere massive Kürzungender Invalidenunterstützung. Einerseits sollen die Einglie-derungs- und Betreuungsmassnahmen für Invalide inHöhe von rund 2 Milliarden an die Kantone übertragenwerden. Es ist kaum anzunehmen, dass unter demheutigen Spardruck die Kantone diese Mehrkostenübernehmen werden. Andrerseits will der Bund dieKantonsbeiträge an die Invalidenversicherung abschaf-fen. Ob diese Mehrkosten wirklich vom Bund übernom-men werden, ist mehr als fraglich. Deshalb ist zu be-fürchten, dass die Invalidenunterstützung bei dieserNeuverteilung der Kosten unter die Räder der Sparpro-gramme von Bund und Kantonen gerät. Die Mehrheitder Behindertenorganisationen ruft deshalb am 28. No-vember zu einem NEIN zum Finanzausgleich auf.

    1 Eine volle IV-Rente liegt heute zwischen 1075.- und 2150.- sFr.,Viertels-, Halb- und Dreiviertelsrenten sind entsprechend nochniedriger.

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    SoAL/Solidarität – Oktober 2004 Nr. 43/26

    Montagsproteste gegen Hartz IVDa sind sie wieder , die Montagsproteste. Natür-lich sofort angefeindet und delegitimiert von Be-rufs-(Ex-)BürgerrechtlerInnen und den Leuten derprofessionellen, parlamentarischen Politik – undnicht zuletzt von den Medien. Doch die Mehrheitvon unten lässt sich davon wenig beeindruckenund demonstriert fleissig weiter.

    Sie gehen auf die Strasse: Arbeitslose, Angestellte,Selbstständige, Sozialhilfebeziehende – kurz gesagt:Betroffene aus allen Kreisen und Schichten. Es ist er-freulich, dass sich nach 15, 20 Jahren der Politik desSozialabbaus nun endlich Betroffene aus der häusli-chen Isolation wagen. Sie gehen auf die Strasse undschreien oder schweigen ihren Unmut heraus. Erstaun-lich bei diesen aktuellen Protesten ist vor allem, dasssie sich wie ein Lauffeuer auch in kleineren Städtenausbreiten und erfrischend unprofessionell organisiertsind. Diesmal spielen die grossen Städte nicht dieVorreiterrolle.Zudem offenbart sich eine enorme Skepsis gegenüberallen etablierten Parteien und den Gewerkschaften. DasVertrauen in dieses parlamentarische System und diepolitischen Strukturen strebt dem Nullpunkt zu.Dies kann als Chance wie als Gefahr begriffen werden.Zunächst die Gefahren: Die Bewegung wird aus allenmöglichen Richtungen instrumentalisiert. Bundesweitsind rechte AktivistInnen unterwegs und versuchen, dieDemonstrationen zu unterwandern und für ihre Zwek-ke und Parolen zu missbrauchen. In manchen Ortengelingt es den Rechten, sich mit ihren Transparentenan die Spitze zu setzen, in anderen Orten werden sieaus der Menge gedrängt. Dabei ist beinahe allen klar,dass sich die Probleme nicht durch den Rückzug aufden Nationalstaat lösen lassen. Doch Lösungen hatbisher kaum jemand anzubieten. Und damit kommenwir zur anderen Seite der Instrumentalisierungsversu-che.Den geringen Organisationsgrad und die mangelndepolitische Erfahrung der meisten AkteurInnen ausnut-zend, treten Organisationen auf den Plan, die seit Jahr-zehnten keinen Fuss auf den Boden bekommen ha-ben. Sie bemühen sich, mit scheinbar demokratischenMitteln ihre eigenen Interessen durchzusetzen und dieDynamik der weiteren Entwicklung zu bestimmen. Dashat in einigen Städten bereits zur Spaltung der Protes-

    te geführt und macht ihre Organisation, Fortsetzungund Zielführung schwieriger.Die politischen Alternativen sind rar . Kippt Hartz IV,kippt auch die Bundesregierung, und die nachfolgendeRegierung setzt die gleiche Politik fort. Wirklich alter-native parlamentarische Kräfte sind weit und breit nichtin Sicht. Die Gewerkschaften sind unschlüssig unduneins, propagieren alte Konzepte und warten darauf,dass sich die Bewegung totläuft.In den alten Bundesländern sehen bisher noch wenigedie Dringlichkeit, über ausserparlamentarischen Druck

    eine wirkliche Änderung der politischen Situation her-beizuführen. Die Linke ist uneins und hat aus denSozialforen und Vernetzungen der vergangenen Jahrenoch nicht genügend Kraft für einen konzertiertenVorstoss geschöpft.Doch auch ein anderes Szenario ist denkbar. Die kom-menden Monate bieten genug Gelegenheiten, die Pro-teste am Lodern zu halten.Selbst wenn die Demonstrationen nach weiteren zwei,drei Wochen an Dynamik verlieren, werden im Okto-ber die Zuwendungsbescheide für das Arbeitslosen-geld II verschickt. Dann erfahren Arbeitslosen- undSozialhilfeempfängerInnen, wieviel Geld sie ab Januartatsächlich bekommen, was eine weitere Protestwellenach sich ziehen kann.Diese Zeit können die lokalen Sozialforen, Gewerk-schaften und Nichtregierungsorganisationen nutzen,um sich zu vernetzen und eine Diskussion über tat-sächliche Alternativen in Gang zu bringen. Das beginntbei der Absenkung des Spitzensteuersatzes, geht überGrundeinkommen und endet mit der solidarischen Ein-fachsteuer. Gelingt es ausserdem, Arbeitslosen- undMigrantInnenverbände mit ins Boot zu holen und dieglobale Perspektive in der Diskussion zu halten, kanndas der Anfang einer wirklich neuen Qualität sozialerBewegung sein.

    Karsten Bretschneider (Attac Dresden)Der Kommentar wurde der Sozialistischen Zeitung (SoZ)entnommen (www.soz-plus.de) und von uns gekürzt.

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    SoAL/Solidarität – Oktober 2004 Nr. 43/26

    12.–13. November 20042. Regionales Sozialforum

    Samstag, 13. November 2004, 9 bis 18 UhrWorkshops und Plenumsdiskussionen im Gewerk-schaftshaus, Rebgasse 1Vormittag: Internationale Verflechtungen- Agrobusiness und dessen Auswirkungen – das Bei-

    spiel Syngenta- Tickt Swatch richtig? Steuerhinterziehungen im glo-

    balen Wirtschaftsraum- Schweizerische Asylpolitik- Palästinasolidarität und die Rolle der Schweiz

    Nachmittag: Soziale Sicherheit- Ungleichheit vor Alter, Krankheit und Tod- Sozialarbeit zwischen Armutsverwaltung und eman-

    zipatorischen Ansprüchen- Gesichertes Grundeinkommen – Visionen, Strate-

    gien, Ziele- Strategien gegen Entlassungen: Kündigungsverbot,

    Entlassungssteuer, Struktur- und Bildungsfonds- Soziale Ökonomie

    Termin vormerken! Das definitive Programm folgtMitte Oktober.

    Seit dem ersten Weltsozialforum in Porto Alegre sindweltweit unzählige Sozialforen entstanden, die sich mitden Auswirkungen der globalisierten Wirtschaft und derneoliberalen Politik auseinandersetzen. In Fortsetzung des letztjährigen Regionalen Sozialforums in Basel stehenbei dieser zweiten Ausgabe zwei Themenstränge im Zentrum: die Frage der sozialen Sicherheit und internationaleVerflechtungen der Schweiz. Europaweit – und darüber hinaus – werden gegenwärtig die Systeme sozialer Sicherheit,das Bildungswesen, der Gesundheitsbereich etc. nach neoliberalen Kriterien umgebaut. Nicht ohne auf zum Teilmassiven Widerstand der Bevölkerung zu stossen.Welche Form von gesellschaftlichem Zusammenhalt wollen wir, welche politischen und wirtschaftlichen Forderun-gen leiten sich daraus ab? Und wie sehen diese Forderungen aus, wenn wir die Interessen von Menschen ausanderen Ländern mit einbeziehen, die mit schweizerischen Konzernen und Banken oder mit der schweizerischenAsyl- und Aussenpolitik konfrontiert sind?

    Freitag, 12. November 2004, 20 UhrPodiumsdiskussion im Gundeldinger Feld, Dorn-acherstrasse 192Nein, diese Suppe ess ich nicht … !Alternativen zum Sozial- und BildungsabbauWas in den Küchen neoliberaler Politik zusammenge-braut wird, stösst in vielen europäischen Ländern aufWiderstand: In Deutschland Montagsdemos gegenHartz IV, in den Niederlanden Proteste gegen Sozial-abbau, in der Schweiz Komitees gegen Bildungsab-bau, die Armutskonferenz und Mobilisierungen gegendie Aushöhlung des öffentlichen Dienstes. Wir disku-tieren mit VertreterInnen der Protestbewegungen ausDeutschland und der Schweiz über ihre Strategien ge-gen die laufende Demontage des Sozial- und Bildungs-wesens und Alternativen dazu.

    März 2005Informationsreise für Frauen nach Palästina/IsraelDas Palästina-Komitee Basel organisiert im März 2005 eine Informationsreise für Frauen nach Israel und in dasbesetzte Westjordanland. Ziel der Reise ist es, die Realität palästinensischer Frauen in Israel und unter israeli-scher Besatzung in ihrer Komplexität kennenzulernen. Geplant sind Begegnungen mit verschiedenen Frauen undProjekten, von Bäuerinnen oder Beduininnen über Flüchtlinge und politische Aktivistinnen bis zu Fachfrauen fürGender Studies u.ä. Daneben sind zwei theoretische Inputs zur Frage des Zionismus und des Rückkehrrechtsvon Flüchtlingen vorgesehen.Die Reise soll die Möglichkeit bieten, sich ein Bild überdie Verhältnisse vor Ort zu machen und darauf aufbau-end allenfalls einen konkreten Austausch und Solidari-tätsarbeit zu entwickeln. Das Programm bietet genü-gend Raum, sich in der Gruppe über die persönlichenErfahrungen und Eindrücke auszutauschen und auf in-dividuelle Fragestellungen einzugehen.Die Kosten der Reise betragen rund 1600.- Fr . inkl.Flug. Vorbereitungstreffen finden bereits im Herbst statt.Kontakt: [email protected] oder Tel. 061 321 17 01.

    Regionales

    Sozialforum Basel

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    SoAL/Solidarität – Oktober 2004 Nr. 43/26

    Interesse an unserer Arbeit?Schreib an SoAL/Solidarität, Postfach 4070, 4002 Basel oder [email protected]

    Geld stinkt – wir machen’ s sauber!Warenannahme unter PC 40-11638-2

    Der Rote Faden:antikapitalistisch und basisdemokratisch

    Grischa: Und sich mit dem Neoliberalismus angefreun-det hat. Wir glauben an eine andere, gerechtere Wirt-schaft, in der zum Beispiel in Steuerfragen ganz an-ders gedacht wird, als dies die SP tut. Ich schaue auchnicht nur die SP Schweiz an. In Deutschland ist sie janoch katastrophaler als in der Schweiz.

    Wie wollt ihr euch konkret engagieren?

    CS: Wir fahren zweigleisig. Wir diskutieren verschie-dene Theorien und versuchen gemeinsam ein Gesell-schaftsmodell zu erarbeiten. Andererseits helfen wirmit, Demonstrationen zu organisieren, wir machen Flug-blätter zu verschiedenen Themen, z.B. zum Irakkrieg.Jetzt vor den Abstimmungen über die Einbürgerungenhaben wir ein Strassentheater gemacht. Eigentlich wol-len wir beides ausgeglichen machen, nicht nur Theo-retisches, sondern auch Aktives.David: Man kann auch sagen im kleineren Rahmen,z.B. durch kleine Flugblattaktionen jüngere Leute neuansprechen und Bewusstsein schaffen. Wir wissenVieles noch nicht und wollen uns durch die verschie-denen Richtungen ja auch ergänzen.

    Und wie kann Mann und Frau bei euch mitmachen?

    CS: Es ist jede/r willkommen, der/die sich für antikapi-talistisch und basisdemokratisch hält. Man kann unseinfach kontaktieren und in die Sitzungen reinschauen.Und wer es interessant findet, kann mitmachen.David: Es braucht keine politische Erfahrung und manmuss sich auch nicht auskennen. Es braucht einegewisse Grundtoleranz und ein Interesse an einer so-zialen, linkeren Politik. Man kann einfach reinschauenund schauen, was so läuft.

    Was erwartet ihr von Mitgliedern? Was erwartet ihr fürein Engagement?

    CS: Es braucht sicher ein gewisses Engagement, sichZeit zu nehmen, an die Sitzungen zu kommen, mitzu-arbeiten, mitzudiskutieren und auch innerhalb der Grup-pe Aufgaben zu übernehmen. Es braucht Interesse ander allgemeinen Politik und den gesellschaftlichenVerhältnissen.

    Die Gruppe Roter Faden kann per E-mail [email protected] oder per Post unter Roter Fadenc/o SoAL/Solidarität, Postfach 4070, 4002 Basel kon-taktiert werden.

    Seit letzten Frühling trifft sich regelmässig dieGruppe Roter Faden . Sie möchte junge Aktivis-tInnen ansprechen, die eine radikale Alternativezum kapitalistischen System suchen. Wir sprachenmit CS, David und Grischa vom Roten Faden überihre Ziele.

    Es gibt bereits verschiedene Jugendgruppen, warumhabt ihr noch zusätzlich den Roten Faden gegründet?

    CS: Am Anfang standen persönliche Bekanntschaf-ten. Ich habe aber den Eindruck, dass in Basel keineGruppe existiert, die die gleiche Zusammensetzungwie wir hat, die Jugendliche aus verschiedenen linkenStrömungen umfasst.David: Wir haben uns durch einen Kollegen einmal zuacht im Volkshaus getroffen und festgestellt, dass wirgerne eine solche linke Gruppe gründen wollen, dienicht einfach definiert ist als anarchistisch oder sozia-listisch. Es gibt heute nicht wirklich eine solche Grup-pe. Es ist auch eine offenere Gruppe und die Leuteselber sind noch nicht so gefestigt und entwickeln inder Gruppe erst ihre Einstellungen.

    Was habt ihr denn für längerfristige Ziele?

    Grischa: Ein längerfristiges Ziel von uns ist sicher, ak-tiv in der Antiglobalisierungsbewegung mitzumachen.Auch eine stärkere Linke zu schaffen, nicht auf demNiveau der SP, sondern wirklich wieder etwas Neues,wie es auch mit den verschiedenen Sozialforen geradeentsteht.

    Was soll denn neu sein?

    David: Wir fangen alle neu an und sind jung. Wir wol-len auch junge Leute ansprechen, die heute noch garnicht aktiv sind, die aber einfach Interesse haben unddie die Linke links der SP wieder aufbauen wollen. Wirwollen etwas ernsthaft anfangen, und nicht wieder nurzu viert bleiben.

    Gibt es einen Minimalkonsens in der Gruppe?

    David: Ich würde sagen, jedeR ist antikapitalistisch ein-gestellt.CS: Und Basisdemokratisch.David: Nicht so wie die SP, die in diesem System ar-beitet und nur den Kapitalismus ein bisschen zu ver-bessern versucht.