Stalins Krieg 1941

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Werner G. Fischer

Text of Stalins Krieg 1941

1 Berlin, 22. Juni 2011 Werner G. Fischer Berliner Gesellschaft fr Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. 1941 - Stalins Krieg? Auf welchen Krieg und wie bereitete sich die Sowjetunion in den Jahren 1939-1941 vor? Die vorliegende Verffentlichung geht auf einen Vortrag zurck, den der Autor am 8.Mai 2007 vor der Berliner Gesellschaft fr Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. gehalten hat. Aus Anlass des 70. Jahrestags des faschistischen berfalls auf die Sowjetunion hat der Autor seine Ausarbeitungen berarbeitet und zur Verffentlichung mit dem ntigen wissen-schaftlichen Apparat versehen. Generell muss man feststellen, dass das Interesse an dem Thema Sowjetische Vorbereitun-gen auf einen Krieg vor dem 22.Juni 1941 unter den professionellen Historikern und der f-fentlichkeit in Deutschland insbesondere im letzten Jahrzehnt relativ gering geworden ist. Keines der in dieser Zeit verffentlichten Bcher und Artikel zu dem Thema in russischer Sprache wurde bersetzt, geschweige denn die zahlreichen Dokumentenverffentlichungen. Einer der fhrenden Historiker der Bundesrepublik zum Thema Zweiter Weltkrieg, der Lei-tende wissenschaftliche Direktor und Leiter der Abteilung Zeitalter der Weltkriege am Mili-trgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam, Rolf-Dieter Mller schreibt z.B., dass die ff-nung der russischen Archive Anfang der neunziger Jahre viele Hoffnungen geweckt htten. Sensationelle Entdeckungen seien aber ausgeblieben, die wichtigsten Enthllungen seien nur eine Besttigung des im Westen vorhandenen Wissens. Man msse sich daher fragen, ob wir uns nicht eine allzu einseitige Betrachtung des deutsch-sowjetischen Krieges geleistet ha-ben.1 Eine vor allem auf Quellen gesttzte Darstellung wird zu anderen Ergebnissen kom-men mssen. Zu dem Thema gab und gibt es in der Sowjetunion und dem nachsowjetischen Russland (und auch in Deutschland, wenn auch deutlich schwcher) eine seit mindestens 1988 gefhrte Aus-einandersetzung, in der es um zwei eigentlich unvereinbare Thesen geht:Erstens: Stalin hat in den Jahren 1939 bis 1941 zu wenig fr die Vorbereitung der Sowjetuni-on auf eine militrische Auseinandersetzung mit Hitlerdeutschland getan. Dabei ist die ge-genwrtige Auseinandersetzung vor allem in Russland selbst wieder die Fortsetzung einer Debatte von Anfang der 60er Jahre in der Sowjetunion, die durch ein Buch von Aleksander Nekri2 zum 22. Juni 1941 ausgelst wurde. Sie wurde nach 1990, z. B. in dem Buch von Lew Besymenski Hitler und Stalin. Das Pokerspiel der Diktatoren Berlin3, wieder aufge-

1 Rolf-Dieter Mller: An der Seite der Wehrmacht. Hitlers auslndische Helfer beim Kreuzzug gegen den Bol-schewismus 1941-1945, Berlin 2007, S.8. 2 Nekri , Aleksandr: 22 ijunja 1941, Moskva 1965. In deutscher bersetzung und mit zustzlichen Materialien ber die damalige Debatte versehen:Nekritsch, Alexander/Pjotr Grigorenko: Genickschu. Die Rote Armee am 22. Juni 1941. Hrsg. und eingeleitet von Georges Haupt. Wien/Frankfurt/ Zrich 1969. 3 Besymenski, Lew: Stalin und Hitler : Das Pokerspiel der Diktatoren.Berlin 2002. (Archive des Kommunis-mus, Pfade des XX. Jahrhunderts ; 1). Original: Bezymenskij, Lew: Stalin pered schvatkoj, Moskva 2000. 2 griffen. Im besonderen wird Stalin vorgeworfen, die Warnungen durch die Nachrichtendienste und aus dem Ausland nicht beachtet zu haben. Zweitens: Stalin stand im Juni 1941 kurz vor einem Angriff auf Deutschland. Die zweite These wurde durch das Buch Der Eisbrecher (deutsch 1987, in Russland 1992) des sich Viktor Suvorov nennenden Vladimir Rezun, eines 1978 nach Grobritannien desertierten Hauptmanns der sowjetischen Militraufklrung, erneut angestoen. Auf ein wissenschaftli-ches Niveau gehoben wurde diese These durch eine Handvoll revisionistische Historiker der Bundesrepublik und sterreichs im Gefolge des Historikerstreits seit 1985 (u.a. Joachim Hoffmann, Walter Post, Ernst Topitsch und Werner Maser).4 Seit etwa 1990 wird die Debatte ber diese These mit kaum noch zu berschauenden Verffentlichungen als ungeplante Dis-kussion (so der Titel eines Sammelbandes von 1995)5 in der Sowjetunion und in deren Nach-folgestaaten geradezu erbittert gefhrt. Allein Suvorov hat seit 1992 in russischer Sprache mit inzwischen 5 Bchern eine Millionenauflage, die gegenwrtigen russischsprachigen wissen-schaftlichen Verffentlichungen haben Auflagen von 2000 5000 Exemplaren, oder sogar noch weniger.6 Grundlage der Analyse sind zeitgenssische Dokumente der sowjetischen Fhrung und in einigen Fllen Erinnerungen beteiligter Politiker und Militrs. Diese sind aber auerordentlich kritisch zu bewerten und mssen immer mit den Dokumenten der Jahre 1939-1941 selbst ver-glichen werden. Schwerpunkt der Darlegungen ist die Entwicklung des militrischen Instru-ments der Sowjetunion, der Roten Arbeiter- und Bauern-Armee (auf Russisch: Krasnaja Rabocaja-Krestjanskaja Armija RKKA bzw. Krasnaja Armija KA), denn wie der Krieg die Fortsetzung der jeweiligen Politik ist, so ist die Beurteilung des Krieges bzw. die Vorbe-reitung auf einen Krieg ohne die Analyse des militrischen Instrumentes unvollstndig. Dane-ben werden die konomischen, die auenpolitischen und die geheimdienstlichen Vorausset-zungen fr die entsprechenden Entwicklungenbehandelt, soweit sie unmittelbaren Einflu hatten. Die Entwicklung der Roten Armee und deren politisch-militrischen Fhrung Die Rote Armee als militrisches Instrument der Politik der sowjetischen Fhrung hat in der Periode seit 1930 eine immer bedeutendere Rolle gespielt. Einerseits war dies der Entwick-lung der internationalen Lage geschuldet, vor allem seit 1933 mit der Entwicklung des ag-gressiven faschistischen Deutschlands, aber auch der Entwicklung in Asien, wo Japan expan-

4 Hoffmann, Joachim: Die Angriffsvorbereitungen der Sowjetunion 1941, in: Bernd Wegner (Hg.): Zwei Wege nach Moskau. Vom Hitler-Stalin-Pakt zum ,,Unternehmen Barbarossa", Mnchen 1991, S.367-388Hoffmann, Joachim: Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945, 2. Aufl. Mnchen 1995; Post, Walter: Unternehmen Barbarossa; Hamburg/ Berlin/ Bonn 1995; Topitsch, Ernst: Stalins Krieg - Die sowjetische Langzeitstrategie gegen den Westen als rationale Machtpolitik. Herford 1993; Maser, Werner. Der Wortbruch. Hitler, Stalin und der Zweite Weltkrieg, Mnchen 1994. 5 Nevein, V.A. (Hg.): Gotovil li Stalin nastupatel'nuju vojnu protiv Gitlera? Nezaplanirovannaja diskussija. Sbornik materialov, Moskva 1995 6 Zur Diskussion in Russland siehe u.a.: Meltjuchov, M. I.: Predistorija velikoj otecestvennoj vojny, in: Istoriceskie issledovanija v Rossii. Tendencii poslednich let. in: G.A. Bordjugov (Hg.): Istorieskie issledovanija v Rossii. Tendencii poslednich let , Moskva 1996, S.278-307;Vo,Stefan:StalinsKriegsvorbereitungen1941:erforscht,gedeutetundinstrumentalisiert. Eine Analyse postsowjetischer Geschichtsschreibung. Hamburg 1998, behandelt recht polemisch eine Vielzahl von russischen Verffentlichungen, gibt fr die militrische Seite aber wenig her, da er keine Kenntnisse ber die Probleme besitzt; Schtzler, Horst: Der Groe Vaterlndische Krieg.Neue Sichten und Einsichten in Russland und seiner Geschichtsschreibung, Berlin 2010 behandelt die gesamte Periode 1939-1945. 3 siv wurde. Andererseits bot die forcierte Industrialisierung die materielle Grundlage fr die Umwandlung der Roten Armee zu einer modernen Armee. Das war eine komplizierte Ange-legenheit. Ich kann hier nicht darauf eingehen, dass es z.B. Anfang der dreiiger Jahre zu ei-ner heftigen Auseinandersetzung zwischen Stalin und dem damaligen stellvertretenden Volkskommissar fr Verteidigung Tuchaevskij, weil Forderungen nach einem so rasanten Ausbau der Roten Armee gestellt habe, die die Industrialisierung schwer beeintrchtigt htte. Ob das Auswirkungen auf den spteren Fall Tuchaevskij hatte , mag dahingestellt sein. 7

Zum Verstndnis der Entwicklung der sowjetischen Vorbereitungen auf den Krieg ist es not-wendig, die politischen Fhrungsorgane zu betrachten, also das, was in der deutschen Histo-riographie als Kriegsspitzengliederung bezeichnet wird. Meines Erachtens ist es unzurei-chend, alles auf einen mystifizierten Stalin zu reduzieren, obwohl natrlich Stalin unbestritten eine entscheidende Rolle in den Fragen Militr und Krieg einnimmt. Fr die Beurteilung der politischen Vorgnge in der sowjetischen Fhrung gibt es eine ausgezeichnete russische Ver-ffentlichung von Oleg Chlewnjuk8, die auerdem noch in einer hervorragenden deutschen bersetzung vorliegt.Bezeichnend fr Zeitraum 1939 - 1941 ist,dass das Politbro der KPdSU (14 Mitglieder und Kandidaten) seit dem Ende der dreiiger Jahre kaum noch zu formellen Sitzungen zusam-menkam (1937: 7 Sitzungen; 1938:5 Sitzungen; 1939: zwei, am 29.1.und am 17.12.), sondern sich in wechselnden Zusammensetzungen mit einem Kernbestand um Stalin und Molotov traf. Bei militrischen Fragen entschieden im wesentlichen 6 von den 14 Mitgliedern des PB (Sta-lin, Molotov, Voroilov, Kaganovi, Berija und Malenkov). Gleichzeitig wurden die meisten Beschlsse (meist als gemeinsame Beschlsse des ZK und des Rates der Volkskommissare ausgewiesen) in der Mehrheit im Umlaufverfahren gefasst. In der Anlage 01 ist die Struktur Politbro /Rat der Volkskommissare als oberste Entscheidungsspitze dargestellt. Im April 1937 wurde der seit 1923 existierende Rat fr Arbeit und Verteidigung der UdSSRaufgelst und ein Komitee fr Verteidigung (Komitet oborony, KO) der UdSSR beim Rat der Volkskommissare der UdSSR gebildet. Dem neuen Komitee gehrten u.a. an: W.M. Molotov (Vorsitzender), J.W. Stalin, L.M. Kaganovi, K.J. Voroilov, A.I. Mikojan, A.A. danow, N.I. Jeov, spter an dessen Stelle Berija. Im Unterschied zu den frheren In-stitutionen verfgte das Verteidigungskomitee ber einen bedeutenden administrativen Appa-rat (1939 etwa 250 Mitarbeiter), der Fragen der Mobilmachung und Ausrstung der Armee sowie der Vorbereitung der Volkswirtschaft auf die Mobilmachung zur Errterung im Komi-tee vorzubereiten und auerdem die Durchfhrung der Beschlsse des Komitees fr Verteidi-gung zu berwachen hatte. Die T