Typisch Evangelisch | Bezirksjournal Kirchenbezirk Muehlacker

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Ausgabe 1-2012, Nr 6

Text of Typisch Evangelisch | Bezirksjournal Kirchenbezirk Muehlacker

  • Frhjahr / Sommer 1/2012

    Der Turmhahn ist zunchst ein Mitglied der Gattung Wetterhahn. Wenn er rich-tig gut geschmiert ist, dann dreht er sich im Wind. Er zeigt dann tatschlich die Windrichtung an. Seit mehr als tausend Jahren gibt es ihn und an ihm konnten die Menschen zum Beispiel die nderung der Windrichtung und damit oft auch eine Wetternderung ablesen. Das heit: Ein Wetterhahn war also in frheren Zeiten ein Messinstru-ment aber natrlich noch viel mehr.

    Denn zu sehen ist ja ein Hahn auf vielen unserer Kirchen. Der Hahn spielt eine wichtige Rolle in einer Bibelgeschichte. Da geht es um Petrus, den Wortfhrer der Jngergruppe, der Fels genannt. Und ausgerechnet zu ihm sagt Jesus: Du wirst mich verleugnen, dreimal, bis der Hahn krht. Und tatschlich: Als Jesus gefangen genommen wird und vor Ge-

    richt steht, da schleicht Pet-rus im Hof herum und wird angesprochen. Du gehrst doch auch zu ihm! Nein, sagt Petrus. Dreimal lgt er, bis der Hahn krht. So hat sich Petrus also im Wind gedreht wie der Hahn oben auf dem Kirchturm. An diese Geschichte erinnert der Wetterhahn auf Kirchtr-men: Er mahnt zur Reue und zum Mut. Und daran, dass wir als Christen es nicht ntig haben, unser Fhnlein immer in den Wind zu hngen, sondern typisch evangelisch wir auf dem Grund der Bibel stehen drfen; auch dann, wenn uns eine harte B ins Gesicht schlgt. Pfarrer Paul Schempp, den Friedemann Glaser in dieser Ausgabe portraitiert, ist ein Zeugnis dafr.

    Es gibt noch weitere Deutungen:

    Der Hahn ist der erste, der das Ende der Nacht ankndigt so wie Jesus Chris-tus die Dunkelheit des Todes besiegt hat. Beide knden also das Licht an.

    Turmhhne sind oft auch Zeitzeugen in luftiger Hh. So mancher Turmhahn sitzt auf einer Kugel, in der Schriftstcke aus dem Zeitge schehen, Urkunden oder auch Mnzen verwahrt sind.

    Heute ziert er vorwiegend evangelische Kirchtrme. Daneben gibt es auch andere Wetterfahnen. Auf manchen Kirchturmspitzen drehen sich in luftiger Hhe ein Schwan, ein Ross oder an die Kste und auf den Inseln ein Schiff. Die meisten katholische Kirchen haben dagegen eine Kreuz an der Spitze.

    Nur nicht Wallenhorst bei Osnabrck. Da ist auf einer katholischen Kirche kein Hahn, sondern eine Henne zu sehen. Warum? Diese alte Kirche hat viele Nachbarkir-chen ausgebrtet, heit es. Was gbe es da passenderes als eine Henne.

    Und die Kirche in Ihrer Nhe? Schauen Sie mal bewusst nach oben. Schauen Sie doch mal bei den Kirchen in Ihrer Region; auch das ist ein Anlass, sich aufzumachen zu einem Sonntagsbesuch bei Freunden (siehe Seite 10). Ein Gesprchseinstieg ist durch den Turmhahn gleich gefunden.

    Quelle: Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten, LVH, 2010 | Jan Linge

    Mehr als nur eine Wetterfahne

    Der Turmhahn

  • 5Iptingen gehrt mit seinen etwa 630 See-len zu den kleinsten Kirchengemeinden im Dekanat Mhlacker. Aber an diesem Dorf knnte man die Kir-chengeschichte der Jahre 1800 bis 1950 exemplarisch erzhlen. Denn immer wie-der lebten und arbeiteten in Iptingen sehr interessante Theologen, die das Profil der Kirche geschrft haben.

    Johann Georg Rapp (1757-1847) etwa, ein radikaler Pietist, der Anfang des 19. Jahrhunderts mit ber siebenhundert Anhngern aus ganz Sddeutschland in die USA auswanderte und dort christliche Gemeinschaftssiedlungen grndete (Har-mony, Economy und New Harmony).

    Johann Christoph Blumhardt (1805-1880), der neu die Verbindung von Heil und Heilung entdeckte, war Pfarrver-weser 1837/8 in Iptingen, bevor er dann nach Mttlingen und nach Bad Boll ging.

    Und schlielich Paul Schempp (1900-1959), der Kopf des kirchlichen Wider-standes in Wrttemberg whrend der NS-Zeit. An ihn soll hier besonders erinnert werden.

    Geboren in Stuttgart als Sohn eines Kauf-manns, erlebte Schempp den 1. Weltkrieg zwar nicht mehr selbst als Soldat, aber die unruhigen Jahre der Revolution und des Beginns der Weimarer Republik. Von 1918 bis 1922 studierte er Theologie in Tbingen, Marburg und Gttingen und wurde wie so viele seiner Kommi-litonen durch Karl Barths Dialektische Theologie geprgt, die radikal mit dem Kulturprostestantismus der Kaiserzeit gebrochen hatte.

    Von Stuttgart nach Iptingen

    ber verschiedene Stationen als Vikar, Repetent und Pfarrer wurde er 1931 Religionslehrer am Olgastift in Stuttgart, einem Gymnasium fr Mdchen. Schon wenige Wochen nach Hitlers Machtantritt 1933 sagte Schempp sehr hellsichtig: Ich gehe jetzt zu meinen zuknftigen Krieger-witwen worauf er von seinem brau-nen Schuldirektor denunziert und aus dem Staatsdienst fristlos entlassen wurde.

    Zum 1. Oktober 1933 wurde Paul Schempp als Pfarrverweser nach Iptingen geschickt. Hier hat er sich mit seiner Frau und spter vier Kindern sehr wohlgefhlt. Und viele ltere Iptinger erinnern sich noch gut an diesen Pfarrer, der so ganz anders war als die Pfarr-Herren seiner Zeit: Ein guter Sportler, einer, der mit den Sorgen der Menschen im Dorf vertraut war, der auch einmal ein Bier am Feier-abend mittrank und mit den Konfirman-den Radausflge machte. Aber auch ein guter Prediger und einfhlsamer Seelsor-ger.

    Paul Schempp im Kirchenkampf

    Die Zeit in Iptingen war fr Paul Schempp freilich vor allem geprgt durch den Kampf um den Weg der Kirche in der NS-Zeit. Der Iptinger Pfarrer schloss sich der Bekennenden Kirche an und predig-te auf deren erster Bekenntnissynode in Barmen, wo auch die Theologische Erklrung gegen die Deutschen Christen verabschiedet wurde, die wir heute noch im Evangelischen Gesangbuch finden (EG 836). Diese Deutschen Christen wollten den Glauben an Jesus verbinden mit der nationalsozialistischen Ideologie und z.B. das Alte Testament ganz abschaffen oder alles Undeutsche aus der Kirche entfernen.

    Paul SchemppQuelle: Landeskirchliches Archiv

    Kirchengeschichte im Kirchenbezirk

    Paul Schempp und der Kirchenkampf in Iptingen

  • von Personen

    7 Fragen beantwortet von Martin Schlntz | Oberderdingen

    Herr Schlntz, was ist fr Sie typisch evangelisch?

    SCHLNTZ Dass die Auslegung der Bibel im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht ja, das ist fr mich typisch evangelisch. Und viel gute Kirchenmusik ist fr mich auch ein evangelisches Markenzeichen. Typisch Evangelisch wahrscheinlich mische ich das ein bisschen mit typisch wrttembergisch ist fr mich auch die Nchternheit der Gottesdienste, die ich sehr schtze.

    Ist es etwas Besonderes oder anderes, ein Pfarrmann zu sein?

    SCHLNTZ Ja, es ist etwas Besonderes. Man steht viel mehr in der ffentlichkeit, ist viel mehr im Fokus. Manchmal wird man gefragt, ob es nicht schwierig ist fr einen Mann, im Schat-ten seiner Frau zu stehen. Aber damit habe ich wirklich keinerlei Schwierig-keiten. Eher damit, dass auf die Pfarrfa-milie halt immer ein bisschen besonders geschaut wird. Insgesamt ist zu spren, dass ein Pfarr-mann kein Einzelfall mehr ist und sich die Gesellschaft auch daran gewhnt hat.

    Wenn Sie von Oberderdingen her in den Kirchenbezirk hinein schauen, was gefllt Ihnen am Evangelischen Kirchenbezirk Mhlacker?

    SCHLNTZ Die Landschaft, wenn ich ehr-lich bin. Ich bin hier in der Nhe aufge-wachsen und Fahrten durch den Kirchen-bezirk fhren mich wieder in heimische Gefilde. Davon abgesehen habe ich hier im Bezirk schon einige sehr schne Kirchengebude entdeckt, das Kloster Maulbronn gefllt mir gut, aber auch die Waldenserkirchen und ihre Geschichte, die Diefenbacher Kirche finde ich sehr schn zum Beispiel. Oberderdingen finde ich natrlich beein-druckend und ich geniee es sehr, dort wohnen zu knnen.

    Ihre Frau leitet und gestaltet eine der gro-en Kirchengemeinden unseres Bezirks vergleichbar einer Filiale eines Unterneh-mens. Wie gestalten sich hier Familie und Beruf?

    SCHLNTZ Wir sind ja nun schon einige Jahre verheiratet und meine Frau ist ja auch schon einige Jahre Pfarrerin, sodass wir schon viel Gelegenheit hatten, dieses besondere Leben kennenzulernen. Es gestaltet sich je nach Lebenssituation und ich denke auch, je nach Pfarrstelle anders. Frher war ich selbst voll berufs-ttig und da war es oft schwierig, gemein-same Zeit zu finden.Jetzt in Oberderdingen bin ich Haus-mann, bin viel mehr zu Hause und dadurch sehr viel mehr mit dem Pfarramt und seinen Aufgaben und Auswirkungen konfrontiert. So kommt es, dass wir hier einige Dinge durchaus auch als Team anpacken und nicht mehr so sehr trennen zwischen Privatem und Beruf. Dass meine Frau die Pfarrerin ist und ich der Hausmann, dass wir also die Rollen getauscht haben, klappt eigentlich gut, wir sind in dieser Hinsicht halt auch schon lange eingespielt.

    Sind Sie fr die Menschen vor Ort Herr Schlntz oder der Herr Pfarrer, ver-gleichbar zur Frau Pfarrer, der Ehefrau eines Pfarrers?

    SCHLNTZ An der Stelle mache ich gern den kleinen Scherz: Ich bin Herr Pfar-rerin als Pendant zur blichen Frau Pfarrer.Aber natrlich sprechen mich die Leute nicht wirklich so an. Meistens sagen Sie Herr Schlntz oder auch Herr Grefe-Schlntz. Wenn jemandem der Name nicht gleich zur Hand ist, sagt mancher schon auch mal Herr Pfarrer, aber es ist immer klar, wie es gemeint ist.

    Typisch evangelisch? Im Gegenber zur rmisch-katholischen und auch zu manch anderer Kirche sind Pfarre-rinnen typisch evangelisch: Frauen im Talar, Frauen auf der Kanzel, Frauen als Leiterinnen einer Gemeinde oder eines Kirchenbezirks. Seit 1968 ordiniert die Evangelische Landeskirche Frauen zu Pfarrerinnen.

    Sieben Fragen beantwortet Martin Schlntz, Ehemann von Pfarrerin Ditta Grefe-Schlntz, Oberderdingen. Er gibt einige Einblicke, wie es ist als Pfarrmann - auch das ist typisch evangelisch.

    Weiteres zum Thema Frauenordina-tion findet sich auf der Internetseite des Evangelischen Kirchenbezirks Geislingen unter www.kirchenbezirk-geislingen.de/

    cms/startseite/aktuelles/kirche/

    frauenordination

    Dort wurde das Eingangszitat entnommen.

  • 8Frhja