Und Gott schuf Darwins Welt - Wort und ?· Und Gott schuf Darwins Welt ... warum sollte es ein Problem…

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  • WORT UND WISSEN

    Und Gott schuf Darwins Welt

    Rezension von Reinhard Junker und Henrik Ullrich

    Hemminger H (2009) Und Gott schuf Darwins Welt.Der Streit um Kreationismus, Evolution und In-telligentes Design. Gieen: Brunnen.

    Hansjrg Hemminger, habilitierter Biologe undWeltanschauungsbeauftragter der EvangelischenLandeskirche in Wrttemberg, ist als Kritiker desKreationismus im Allgemeinen und der SG Wortund Wissen im Besonderen bekannt. Ende 2007 ver-ffentlichte er bereits eine ausfhrliche StreitschriftMit der Bibel gegen die Evolution (EZW-Text Nr.1951 ). Viele Teile von Hemmingers neuem Buch ent-sprechen dem EZW-Text oder sind ihm hnlich, sodass zunchst auf unsere diesbezgliche Stellung-nahme verwiesen werden soll.2 Alle dort angefhr-ten fachlichen Kritikpunkte bleiben in HemmingersBuch unbeachtet; die kritisierten Ausfhrungenwerden weitgehend unverndert wiederholt (z. B.ab S. 96, ab S. 132 und ab S. 140). Dies ist insofernkonsequent, als Hemminger ebenfalls wiederholt:Die Abstammungstheorie lsst sich vernnftiger-weise und in Kenntnis ihrer Dokumente nichtbestreiten, sofern man der menschlichen Vernunftberhaupt zutraut, rationale Erklrungen fr Na-turvorgnge zu finden. Eine wissenschaftliche Dis-kussion ber diese Frage ist berflssig (S. 103).Die Evolutionstheorie ist also fr Hemminger nichtmehr hinterfragbare Grundlage fr die Diskussionder Beziehung von christlichem Glauben und Na-turwissenschaft. Der Kritik an dieser Position stellter sich in diesem Buch praktisch nicht.

    In dem Buch Und Gott schuf Darwins Weltgeht Hemminger zunchst auf aktuelle ffentlicheAuseinandersetzungen ber den Kreationismusunter der berschrift Kreationismus im Aufwindein.3 Es folgt ein Blick in die Geschichte des Verhlt-nisses von Bibeltext und Weltwissen. Das dritteKapitel Die Bibel und die Angst vor der modernenWelt bringt weitere historische Betrachtungen,stellt verschiedene Formen des Kreationismus unddie Sintflut-Geologie vor, und es wird die Situationin Deutschland und die SG Wort und Wissen be-handelt. In den weiteren Kapiteln wird die Evoluti-

    onstheorie erlutert und es werden einige Inhaltedes Kreationismus und des Intelligent-Design-An-satzes kritisiert. Es folgt ein Kapitel Wissenschaftund Ideologie, in welchem vor allem atheistischeIdeologien kritisch beleuchtet werden, und schlie-lich das Thema Perspektiven fr das Gesprch mitder Naturwissenschaft.

    Die folgende Stellungnahme zu HemmingersBuch erfolgt aus der Sicht der StudiengemeinschaftWort und Wissen, auf deren Arbeit der Autor anvielen Stellen eingeht. Auf dem Klappentext wirddem Leser unter anderem versprochen, dass er nachLektre des Buches Bescheid wei, welche prgende

  • WORT UND WISSEN

    Rolle die Studiengemeinschaft Wort und Wissen inEuropa einnimmt.

    Evolutionslehre = Naturwissenschaft

    Das ganze Buch durchzieht ein grundlegender kate-gorialer Fehler: Hemminger setzt die Akzeptanz desEvolutionsparadigmas mit der Akzeptanz von Na-turwissenschaft gleich. Diese Gleichschaltung ist ausmehreren Grnden sachlich falsch. Auch ohne dasParadigma Evolution gelang und gelingt eine er-folgreiche Naturwissenschaft. Evolutionsforschung,als methodisches Instrument, nutzt zwar wie jedeUrsprungs- und Naturgeschichtsforschung natur-wissenschaftliche Elemente, ist aber keine reine Na-turwissenschaft, sondern eine historische Wissen-schaft mit dem Ziel der Rekonstruktion von Natur-geschichte. Die falsche wissenschaftstheoretischeWeichenstellung erfolgt bereits auf der ersten Seiteanhand eines kommentierten Briefes und durchziehtdas ganze Buch. Dazu nur einige Beispiele: DerSchpfungsglaube habe fr den Kreationismus nurdann eine vernnftige Grundlage, wenn man dieNaturwissenschaft verwerfe (S. 17). Der Streit mitder Naturwissenschaft konzentriert sich auf die Bio-logie, (S. 70). Wort und Wissen sehe sich in derPflicht, groe Teile der Naturwissenschaft, bis hinzur Geologie und Physik, pauschal abzulehnen;Wort und Wissen sei zur Feindschaft mit der Wis-senschaft gezwungen (S. 85). Kreationist undNaturwissenschaftler werden in einen Gegensatzgebracht (S. 86). Denn ein Glaube, der sich gegendie Wissenschaft wendet, ist ein Glaube, der sichselbst missversteht (S. 161). Die Naturwissenschaftwird grundstzlich als Problem fr den Glaubengesehen mit der stillschweigenden Folgerung, dassdie Christenheit ohne moderne Naturwissenschaftbesser dran wre (S. 183). Man zahle den Preiseiner falschen Frontstellung gegen die Wissenschaft(S. 189).4

    Immer wieder erscheint Naturwissenschaft oderWissenschaft in Hemmingers Buch faktisch als et-was objektiv Vorgegebenes, vllig unabhngig vonsubjektiven Elementen, wie ein absoluter Mastab,der das weitere Denken und das Wie des Glaubensbestimmt. Speziell der Naturwissenschaft wird da-mit ein Stellenwert und eine Qualitt zugebilligt, dieihr nicht zukommen. Zum einen, weil sie nur einWerkzeug ist, mit dem man unter der Leitung ver-schiedener Paradigmen Daten gewinnen und Wie-

    Fragen beantworten kann. Sie ist aber kein Werk-zeug, mit dem alleine Ursprungsfragen (Woher-Fragen) sicher beantwortet werden knnen. Zumanderen, weil Naturwissenschaft von Menschenbetrieben wird, die in einem soziokulturellen Kon-text stehen, und daher weder wertfrei noch voraus-setzungslos mit den Fakten und ihrer Interpretationumgehen. Auch der Verweis auf den methodischenReduktionismus hebt diese Zusammenhnge nichtauf. Insbesondere in der Ursprungsfrage sind welt-anschaulich geprgte Vorgaben, in denen die natur-wissenschaftliche Praxis eingebettet ist, unvermeid-lich und erweisen sich als motivierende Faktoren inder Forschung.

    Die Studiengemeinschaft Wort und Wissen hatsich zu ihrem Verhltnis zur Naturwissenschaft klarpositioniert.5 Kein Wort dazu von Hemminger.6 WerWort und Wissen kennt, wei, dass die Ergebnisseder Naturwissenschaft erst genommen werden, soernst, dass die daraus folgenden eigenen offenenFragen angesichts des momentanen naturwissen-schaftlichen Kenntnisstandes ausdrcklich formu-liert werden.

    Mit der Behauptung, Wort und Wissen sei Feindder Wissenschaft, formuliert Hemminger einenschwerwiegenden, unberechtigten Vorwurf.Schwerwiegend ist dieser Vorwurf, weil er dazubeitrgt, dass die Studiengemeinschaft und die vonihr vertretene traditionelle christliche Sicht (direkteSchpfung durch Gottes Wort) in der ffentlichkeitin den Zusammenhang von Wissenschaftsfeindlich-keit und sogar Demokratiefeindlichkeit gert, wie esin den letzen Jahren in vielen Pressetexten zumAusdruck gebracht wurde.7 Diese Entwicklungmssen Christen mit Sorge zur Kenntnis nehmen,zumal keineswegs nur Kreationisten Zielscheibedieser unerhrten Unterstellung sind. In Wirklich-keit ist der ganz berwiegende Teil aktueller wissen-schaftlicher Forschung von der Ursprungsfragevllig unberhrt. Die Diskussion um Evolution,Design und Kreationismus berhrt gerade diejeni-gen Wissenschaftsfragen berhaupt nicht, von de-ren Ergebnissen unsere Gesellschaft z.B. in Medizinund Technik profitiert. Zudem geht der Fortschrittder Wissenschaft keineswegs automatisch mit einemFortschritt in Ursprungsfragen einher! Die Unter-stellung, Wort und Wissen sei wissenschaftsfeind-lich, ist eine Herabwrdigung, die ein Feindbild er-zeugt, aber keinerlei sachliche Grundlage hat.

    Die feste Verknpfung von Naturwissenschaftmit dem Evolutionsparadigma fhrt zum zentralen

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    antikreationistischen Motiv Hemmingers: Kreationismussei ein Hindernis fr den Glauben (S. 78) und wrdees den religionsfeindlichen Ideologen leicht machen,gegen den Glauben zu polemisieren. Machen wir esihnen in Gottes Namen schwer (S. 65; vgl. auch S.95 und Anm. 7). Doch der Preis, den Hemmingerdafr zahlt, ist hoch: das in der Bibel gegebene WortGottes geht als Mastab verloren zusammen mit denInhalten, die es als Christ zu bezeugen gilt. Daraufkommen wir im Folgenden zu sprechen.

    Theologische Fragen

    Nur an wenigen Stellen geht Hemminger auf dietheologische Problematik einer Schpfung durchEvolution ein. Er erwhnt auf S. 84ff. die Rechtfer-tigungsbotschaft des Neuen Testaments und denZusammenhang zwischen Adam und Christus.Diesem Argument gesteht er theologische Ernsthaf-tigkeit zu, behauptet dann aber, dass sich dahinterein fundamentalistisches Schriftverstndnis ver-berge, das die Bibel zur Norm fr historische undnaturwissenschaftliche Fragen macht, weit jenseitsder Glaubensaussagen und ohne einen Zusammen-hang mit ihnen (S. 85). Hemminger fhrt fort: Dennwarum sollte es ein Problem sein, dass Paulus imRmerbrief seine Botschaft vom alten Menschen, frden Adam steht, und vom neuen Menschsein inChristus mithilfe der geschichtlichen und natur-kundlichen Vorstellungen seiner Zeit formuliert?Die Antwort auf diese rhetorische Frage ist: Paulusverknpft ausdrcklich den historischen Adam mitdem historischen Jesus und seinem Heilswerk. DieAussagen des Apostels machen keinen Sinn, wennAdam keine historische Person war. Wenn aberHemminger meint, dass es die Person Adam als er-sten Menschen nicht gegeben hat, dann hat sichPaulus geirrt. Folglich ist eine damit gekoppelte zen-trale Aussage des Neuen Testaments in Frage ge-stellt. Warum lenkt Hemminger von diesem zentra-len theologischen Tatbestand den Leser durch dasKampfwort Fundamentalismus ab?

    Diese Thematik wurde an anderen Stellen viel-fach ausfhrlich behandelt.8 Hemmingers Ausein-andersetzung damit beschrnkt sich aber nur aufdie Formulierung einiger rhetorischer Fragen. SeineBehauptung, die Paulusworte im Rmerbrief wr-den von Wort und Wissen historisierend gedeu-tet, stellt den Sachverhalt auf den Kopf. Es ist exege-tisch klar: Paulus versteht Adam genauso als histo-

    rische Person wie Jesus Christus, denn der Apostelstellt Adam und Christus einander gegenber.9

    Hemmingers Hinweis, es sei hufige Auslegung,dass Adam das Menschsein an sich meine (S. 84),wird nicht belegt. Bei Rmer 5,12ff. ist die DeutungAdam = Menschheit exegetisch ohnehin nichtmglich. Eine ernsthafte Auseinande