Aspekte der Megalopsychia bei Aristoteles (EN 4,3). ?· Vgl. auch U.Wolf, Aristoteles’ ‚Nikomachische…

  • View
    212

  • Download
    0

Embed Size (px)

Transcript

  • ASPEKTE DER MEGALOPSYCHIA BEI ARISTOTELES (EN 4,3)

    Nachdem Aristoteles im zweiten Buch der NikomachischenEthik die die ethische Tugend () kennzeichnenden Eigen-schaften umschrieben und ihre Definition nher bestimmt hat, be-fat er sich von Buch 3, Kapitel 6 an bis zum Ende des 5. Buches mitdem Auffchern verschiedener einzelner Tugenden, die zur Erhel-lung seiner Tugendlehre dienen. Diese beziehen sich grundstzlichauf andere Menschen, sie sind also strikt soziale Tugenden, so z. B.die Tapferkeit (), die Grozgigkeit ( bezie-hungsweise ), die Gerechtigkeit (), dieMilde () etc.1 Die Megalopsychia besitzt innerhalb dieserReihe von Tugenden in vielerlei Hinsicht einen Sonderstatus: 1) Siebildet in erster Linie einen Bezug zu ihrem Trger selbst, nicht zu an-deren, sie ist also eine eher individuelle Tugend. 2) Sie ist nicht eineganz konkrete, einzelne Tugend, nach der man direkt streben kann,wie das z. B. bei der Tapferkeit der Fall ist. 3) Sie wird in EN von Ari-stoteles mit Ausnahme der Gerechtigkeit am ausfhrlichsten vonallen Tugenden dargestellt. 4) Sie wurde in der Forschung am hu-figsten stiefmtterlich behandelt, beziehungsweise miverstanden.

    Viele Interpreten haben die Megalopsychia nicht wirklichernst nehmen wollen oder einfach unterbewertet beziehungsweiseals etwas hinsichtlich der Ethik Beilufiges betrachtet.2 Manche sahen in ihr eine versteckte Ironie des Aristoteles und humorvolle

    1) Einen besonderen Fall bildet die reziproke Tugend der Freundschaft(). Siehe dazu M. Liatsi, Philia bei Aristoteles: Ethische Tugend oder ueresGut?, in: J. Althoff (Hrsg.), Philosophie und Dichtung im antiken Griechenland,Stuttgart 2007, 121130.

    2) Vgl. z. B. F. Dirlmeier, Nikomachische Ethik (= Aristoteles, Werke in deut-scher bersetzung, begrndet v. E. Grumach, hrsg. v. H. Flashar, Bd. 6), 10., gegen berder 6. durchgesehene, unvernderte Auflage, Berlin 1999 (1956), 370 ff., der jedochmehrere treffliche Bemerkungen beziehungsweise Erluterungen an einzelnen Stellenvon Buch 4,3 macht. Vgl. auch U. Wolf, Aristoteles Nikomachische Ethik, Darm-stadt 2002, 89 f., die sehr skeptisch gegenber der Megalopsychia bleibt, da sie den Ein-druck hat, da die Empfehlung der Ttigkeit gem dieser arete mehr den Vorstel-lungen damaliger Brger gehobener Abstammung entnommen ist und weniger derphilosophischen Konzeption der Realisierung des kalon in ethischen Ttigkeiten.

    RhM 154 (2011) 4360

  • Wendungen oder karikaturistische Zge des Megalopsychos.3 An-dere glaubten voller Abneigung, eine egoistische, eigentlich unmo-ralische, unangenehme Charaktereigenschaft, die mit Hochnsig-keit und Arroganz zusammenfllt, erkannt zu haben.4 Wieder an-dere versuchten scharfsinnig zu zeigen, da der Megalopsychos alsein Vertreter des zu verstehen sei (z. B. Sokrates),5whrend andere im Gegenteil fr die Identitt mit einem Vertreterdes argumentiert haben.6 Manche Interpreten sahenin ihm eine Art Kompromi zwischen einem Vertreter der vita activa und einem solchen der vita contemplativa.7

    Zweck der vorliegenden Arbeit ist nicht, allerlei Kritik zu revidieren und insofern die Megalopsychia zu rehabilitieren. Dasist zum Teil bereits mit Erfolg geschehen.8 Inzwischen liegen kla-re, einsichtsvolle Interpretationen vor, die eine neue Deutung desTextes vorschlagen9 oder auch neue Gesichtspunkte im Rahmender Diskussion in Erwgung ziehen, wie z. B. den Aspekt der hn-lichkeit des Aristotelischen Megalopsychos mit dem PlatonischenPhilosophos und deren systematische Bedeutung.10

    44 Mar i a L ia t s i

    3) So z. B. J. Burnet, The Ethics of Aristotle, London 1900, ad loc. Vgl.H. H. Joachim, Aristotle. The Nicomachean Ethics, Oxford 1951, 125.

    4) Vgl. z. B. bereits J. A. Stewart, Notes on the Nicomachean Ethics of Ari-stotle, Vol. I, Oxford 1892, 335. Zuletzt aber auch D. Bostock, Aristotles Ethics,Oxford 2000, 50. Hierzu siehe ausfhrlich W. F. R. Hardie, Magnanimity in Ari-stotles Ethics, Phronesis 23, 1978, 6379, bes. 6567.

    5) R.-A. Gauthier, Magnanimit. Lidal de la grandeur dans la philosophiepaienne et dans la thologie chrtienne, Paris 1951, bes. 114 ff. Vgl. R.-A. Gauthier /J. Y. Jolif, Lthique Nicomaque. Introduction, traduction et commentaire, Lou-vain / Paris 21970, Bd. II, 272298.

    6) Vgl. Hardie (wie Anm. 4), bes. 7073.7) Vgl. L. Arnhart, Statesmanship as Magnanimity: Classical, Christian and

    Modern, Polity 16, 1983, 263283, bes. 267: Aristotelian magnanimity has two faces, one political and one philosophic. A. Tessitore, Reading Aristotles Ethics.Virtue, Rhetoric, and Political Philosophy, New York 1996, 2835, bes. 33, fhrtdiesbezglich vorsichtig aus, da there is merit, although unequal, in both of theseviews and Aristotles account is deliberately open ended.

    8) Vgl. H. J. Curzer, Aristotles Much Maligned Megalopsychos, Austral-asian Journal of Philosophy 69, 1991, 131151.

    9) Vgl. z. B. die philosophische Einfhrung von S. Broadie in: S. Broadie /C. Rowe, Aristotle, Nicomachean Ethics, Oxford 2002, 2932. Vgl. zuletzt die ein-fhlsame Deutung von M. Pakaluk, The Meaning of Aristotelian Magnanimity, Ox-ford Studies in Ancient Philosophy 26, 2004, 241275, der die Megalopsychia alsan attitude of aspiration interpretiert.

    10) Vgl. E. Schtrumpf, Magnanimity, , and the System of Ari-stotles Nicomachean Ethics, Archiv fr Geschichte der Philosophie 71, 1989, 1022.

  • Es ist hier auch nicht unsere Absicht, alle relevanten Passagen,wie z. B. Buch 4,3, erneut zu interpretieren und einzelne Stellen,die einer weiteren Erluterung bedrfen, ausfhrlich zu behandeln.Unsere einzige Intention ist, anhand des uns berlieferten Textesden wesentlichen Sinn der Megalopsychia zu erhellen und ihreFunktion im Gesamtkonzept der Aristotelischen Ethik angemes-sen zu bestimmen.

    I

    Die Megalopsychia ist gem der Aristotelischen Tugendleh-re die Mesotes, also die richtige Mitte zwischen den Extremen desZuviel (!) der und des Zuwenig (") derMikropsychia.11 $ (dummstolz) ist derjenige, der sich selbsthoher Dinge fr wert hlt, ohne es aber wirklich zu sein (1123b8 f.:% & ' () + ' , $). Mikropsychos(kleingesinnt) ist dagegen der, der sich selbst geringerer Dinge frwert hlt als ihm in Wirklichkeit zukommen (1123b9 f.: % - - [scil. () +] / 0 ). Das richtige Ma vertritt nun der Megalopsychos, der sich hoher Dinge frwert hlt und auf den das auch wirklich zutrifft (1123b2: 1 2 3 % ' !) + 0 4). Dies scheintdie allgemein gltige Meinung zu sein (1), die auch Aristotelesaxiomatisch annimmt.

    Folgen wir nun der Aristotelischen Argumentation: Zur Me-galo-psychia gehrt, wie schon der Name sagt, das groe Formatbeziehungsweise das Groe (1123b6: 5 6 -, vgl. 1123a34 f.). Davon wird ausgegangen: Megalopsychosist, wer nach dem Groen strebt, das Groe verlangt und bean-sprucht, vorausgesetzt, da er es auch verdient (vgl. 1123b15 f.).Mehr noch: Der Megalopsychos erachtet das Groe fr ange -messen und fordert nicht nur das Groe, sondern das Grte(1123b16: 1 [. . .] 7 ' + ). Das tut er nach

    45Aspekte der Megalopsychia bei Aristoteles (EN 4,3)

    11) Wir beschrnken uns hier auf die Aristotelische Behandlung der Mega-lopsychia im Rahmen der Nikomachischen Ethik. Zu einem Vergleich des Megalo -psychia-Konzepts zwischen der Nikomachischen Ethik (4,3) und der EudemischenEthik (3,5) siehe D. A. Rees, Magnanimity in the Eudemian and NicomacheanEthics, in: P. Moraux / D. Harlfinger (Hrsgg.), Untersuchungen zur EudemischenEthik. Akten des 5. Symposium Aristotelicum, Berlin 1971, 231243.

  • Verdienst (1123b14: - ). Als seine zweite Prmisse dientdie allgemein akzeptierte und weit verbreitete Auffassung, da die in Hinsicht auf die ueren Gter12 ausgesprochen wird(1123b17: 6 - ) 5 ) '). Da das Grteunter den ueren Gtern die Ehre (6 ) ist (1123b20 f.: - 5 2 $ + ) +), ist es folgerichtig die Ehre,und zwar die groe Ehre, wonach der Megalopsychos verlangt unddie er fr sich in Anspruch nimmt.13

    Die Ehre sei ihrer Bestimmung entsprechend das Gut, dasdie Menschen den Gttern zusprechen, das Gut, das am meistendie Mchtigen begehren, und das Gut, das die Belohnung und denPreis der besten Taten darstellt (vgl. 1123b18 ff.). In diesem einenSatz lt Aristoteles die auerordentliche Bedeutung der Ehre imganzen antiken griechischen Bewutsein widerspiegeln: von Ho-mer14 bis zu seiner Zeit. Selbst Macht und Reichtum, wie Aristote-les feststellt, sind um der Ehre willen erstrebenswert (1124a17 f.: 85 1 7 % $ 5 2 8'). Hinge-gen ist die Ehre, wie er an anderer Stelle ausfhrt, um ihrer selbstwillen begehrenswert, wie auch ferner natrlich um der Eudaimo-nia willen. Denn sie ist ein unentbehrlicher Bestandteil der Eudai-monia (1097b25).

    Die Argumentation des Aristoteles wird fortgefhrt: Wenn esgilt, da der Megalopsychos der grten Dinge (+ )wrdig ist, und wenn nur dem Besten die grten Dinge ge-bhren, dann mu der Megalopsychos der Beste (0) sein(vgl. 1123b27 f.). Die Logik ist klar: Nur der Beste verdient das Beste, nur dem Grten eignet das Grte. Und jetzt kommt diefr Aristoteles ganz wichtige Gleichsetzung: Der 0 ist der. Der 0 + kann nur der sein. Wenn

    46 Mar i a L ia t s i

    12) Die Gter (') werden nach Aristoteles, der Platonischen Aufteilungfolgend, in die krperlichen, die seelischen und die sogenannten ueren eingeteilt(vgl. 1098b12 ff.). Zu diesen letzteren gehrt die gute Abstammung (9), derReichtum ($), die politische Macht (2 ) beziehungsweise dersoziale Status, die Freunde (), die guten Kinder (9) und die Ehre ().

    13) Siehe bereits 1107b21 ff., wo im Rahmen der Darstellung einer Tugen-den-Liste ausgefhrt wird, da es bei der Megalopsychia 7 & 2 7 geht, und zwar 7 2 '.

    14) Vgl. z. B. A. W. H. Adkins, Honour and Punishment in the HomericPoems, BICS 7, 1960, 2332; ders., Homeric Values and Homeric Society, JHS 91,1971, 114; D. L. Cairns, Aidos. The Psychology and Ethics of Honour and Shamein Ancient Greek Literature, Oxford 1993.

  • jemand also