Der Einfluß der Muskulatur auf den Füllungszustand der Capillaren

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Text of Der Einfluß der Muskulatur auf den Füllungszustand der Capillaren

  • (Aus dem Pathologischen Institut des Allgemeinen Krankenhaases Barmbeck- Hamburg [Direktor: Prosektor Dr. Gerlach].)

    Der Einflul~ der Muskulatur auf den Fiillungszustand der Capillaren.

    Von Dr. A. Jores.

    (Eingeg

  • A. 5ores: EinfluB der Muskula~ur auf den Fiillungszus~and der Capillaren. 173

    rein theoretisch schwer zu entseheiden, denkbar sind jedenfalls beide MSglichkeiten. Spalteholz vertr i tt die letztere Ansehauung, doch ohne sich hierbei auf Versuche stfitzen zu kOnnen. Die anderen f/Jr die Arterien wichtigen lV[omente, wie Wandstgrke und Binnendruck, fallen ja ffir die Capillaren ohne weiteres fort.

    Die Beobachtungen, die sich fiber diese Frage in der L i teratur niedergelegt finden, sind recht sp/irlieh und teilweise widersprechend. Sie stfitzen sich alle auf direkte Beobachtungen am arbeitenden Muskel und berficksichtigen z. T. auch nur die StrSmungsverh~ltnisse in den Arterien und Venen.

    So linden wir bei Kau/mann die Angabe, dab beim arbeitenden Museulus masseter vom Pferd das Blut bei jeder Kontraktion aus den Venen ausgepreBt wird, also eine Art Venenpuls entsteht, was mit der Annahme einer Kompression gerade auch der kleinsten Gef/~Be in gutem Einklang stehen wiirde. Bei Heile- mann, der den Musculus submaxillaris yore Frosch unter dem Mikroskop beob- achtete, linden wir die Angabe, dab in den parallel zur l%serrichtung verlaufenden Venen eine Stase auftritt, die beim Tetanisieren des Muskels bis zur riickl/~ufigen ]3ewegung des Blutes fiihren kann. In den parallel den gr66eren Arterien ver- ]aufenden Venen beobaehtete er eine anfangs vermehrte StrOmungsgeschwindig- keit, die aber beim Tetanisieren sehr bald abnimmt und geringer wird als in der Ruhe. Eine Deutung dieser Erscheinungen gibt Heilemann nicht und lal3t es often, ob dies durch die besonderen Verh/~ltnisse des von ihm untersuchten Muskels bedingt ist oder andere Ursachen hat. Den n/~ehstliegenden Schlul3, dab bei der Kontraktion durch den auf die Zwischenr/~ume ausgefibten Druck zun/~chst, wie ja auch Kau[[mann beobaehtete, das ven6se Blut ausgepregt wird (vermehrte StrSmungsgesehwindigkeit) und dann durch vollst~ndige Kompression der Meinsten Gef/~Be in den grSBeren Venen eine Stase auftritt, macht er nieht, t3ber das Ver- halten der Capillaren selbst ist naeh den vorliegenden Arbeiten schwer ein Urteil zu gewinnen. Arbeiten von Kau//mann und Gaskell spreehen yon einer starken Erweiterung, Heilemann beobaehtete eine vermehrte Schl/~ngelung, keine Volumen- zunahme, wohl Zunahme der StrSmungsgeschwindigkeit, und Spalteholz lolgert, worauf oben schon hingewiesen ist, aus den vorliegenden Angaben und einer rein theoretisch mathematischen Bereehnung, die, wie er selbst zugibt, jeder ex- perimentellen Grundlage entbehrt, dab auf die parallel zur Muskelfaser ver- laufenden Capillaren, und das ist die fiberwiegende Anzahl, bei der Kontraktion kein Druek ausgeiibt wird. Er sagt dartiber, dab ,,bei der Xontraktion im all- gemeinen die fl/~chenhaften Zwischenfelder grSger werden und die kSrperlichen Zwischenr~ume sieh an GrOBe gleieh bleiben".

    Um diese Frage experimentell zu untersuehen, stehen zwei Wege offen, der der direkten Beobachtung des arbeitenden lV[uskels unter dem Mikroskop und der mit Hilfe yon In jekt ionsprgparaten fiber die jeweilige Ffi l lung der Capitlaren AufsehluB zu erhalten, wie er bereit~ yon Krogh zu Feststel lung des Durchblutungsgrade~ des Muskels vor und naeh der Arbeit beschritten worden ist. Der erstere Weg wurde yon mir anfiinglieh versueht, doeh bald verlassen, da sich so kein sicheres Urteil gewinnen 1/~6t. E inmal versehiebt sich das Objekt dauernd, zum anderen gibt die Beobachtung nur Aufschlul fiber die oberflgchliehen Gef/~le, die aber wieder infolge ihrer Lage lange nicht

  • 174 A. Jores:

    so stark einer eventuellen Kompressionswirkung ausgesetzt sind wie die tiefer gelegenen. Der zweite Wet mit Hilfe yon In jekt ionsprgparaten erwies sich als ~ehr brauchbar, da er auBerdem noch den Vorteil bietet, die Ergebnisse dm'ch Auszghlen der jeweils offenen Calaillaren zahlen- mgl]ig zu erhgrten. Als Injektionsfli issigkeit gelangte eine gesgttigte L6sung yon Trypanblau in physiologischer KochsalzlSsung zur Ver- wendung. Es ergab sich dabei nur die Schwierigkeit, auf den Muskel einen Kontraktionsreiz auszutiben, der die muskulgren Elemente der Capillaren nieht mitbetrifft . Das diirfte an sieh kaum m6glich sein und nur so zu umgehen, dab man die Capillaren vergiftet und sie so aussehaltet, was zudem noeh den Vorteil bietet, dag so das ganze Capillarnetz often ist, was ja sonst naeh de~) Arbeiten yon Krogh nut nach der Arbeit der Fal l ist. Als Capillargift stand mir das yon Heubner eingehend untersuehte ,,Goldsalz" (Natriumgoldehlorid) nieht in Form eines einwandfreien Prgparates zur Verfiigung, doeh erwies sieh mir eine 2proz. L6sung yon Goldehlorid als sehr brauehbar. Naeh In- jektion einer t(idlichen Dosis (7 mg Gold pro Kilogramm) gehen Kanin- ehen unter den yon Heubner beschriebenen fiir die Capil larvergiftung eharakteristisehen Erseheinungen zugrunde. Die Untersuehung der inneren Organe ergibt starke Blutfiille und parenehymat6se Blutungen, besonders in Lunge und Leber.

    Im einzelnen gestalteten sieh die Versuche folgendermalten:

    Bei einem Kaninehen wurde in Urethannarkose, die dureh leiehte Ather- narkose noeh etwas vertieft war, naeh Laparotomie in die reehte Arteria iliaea eine Glaskaniile eingebunden und 15--20 eem der oben angegebenen Trypan- blaulSsung hindurehgespritzt. Einige Muskelstiieke aus der Adduetorengruppe, die meistens die beste Injektion zeigte, wurden herausgesehnitten und in Formalin gelegt. :Die Muskeln sehen dabei glasig, blaBblau aus. Links wurde dieselbe Operation vorgenommen, nut vor der Trypanblauinjektion 3 eem der Goldehlorid- 16sung gespritzt. Die Muskulatur ist yon intensiv blauer Farbe. Einige der Strieke wurden gleich fixiert, andere sofort in physiologisehe KochsalzlSsung eingelegt und faradiseh gereizt,, worauf schon eine dentliche Xontraktion eintrat. Dureh langsames Hinzugiegen yon FormMin gelang hier die ]q'ixierung in leicht kontra- hiertem Zustand meist gut. Von jedem Versuehe wurden 2 Sttieke in Gelatine eingebettet, yon jedem dieser Stiicke 5 Schnitte angefertigt und ungefgrbt unter- sucht. Die Capillaren heben sieh dabei deutlieh als blaue Punkte ab. In den mit Goldsalz vergiftetcn Fgllen ist fast j ede Fibrille von weir offenen Capillaren flankiert, teilweise auch ringfSrmig umgeben. Bci den faradiseh gereizten Stricken ist die Zahl und vor allem auch die Weite der Capillaren bedeutend geringer. DaB in diesen Fgllen tatsgehlieh eine Kontraktion vorhanden ist, geht daraus hervor, da[~ der Durehmesser jeder einzelnen Fibrille bedeutend grSl~er ist als im Ver- gleiehsprgparat. Das mSge dureh einige Zahlen belegt werden. So ergibt sich z. B. als Mittelwert yon 50 Messungen der grSgte Durchmesser:

    gercizt ungereizt (grbBter Durchmesser)

    1.0,8 10,6 18,5 12,8

  • Der Einflug der Muskulatur auf den Fiillungszustand der Capillaren. 175

    Die Fiillung und Weite der Capillaren im ruhenden Muskel ist noch etwas geringer als im kontrahierten Muskel nach Goldchloridvergiftung.

    Um diese Ergebnisse auch zahlenm/il3ig zu belegen, wurden etwa um die ]-I~lfte verkleinerte Gcsichtsfelder eines jeden Pr~tparates ausgez~hlt und die I)urchsehnitts- werte in folgender Tabelle zusammengestellt. Da von jedem l~Iuskel 2 Stficke eingebettet und yon jedem Block wieder 5 Schnitte angefertigt wurden, stellen die folgenden Zahlen den Durehsehnittswert -con je 100 AuszAhlungen dar.

    Anzahl der Capillaren :

    Nach Vergiffung mit Gold- 2~'ach Vergiftung und elek- Ruhender Muskel chlorid tr iseher Reizung

    0,6 1,4

    31,5 21,1 18,8 19,9

    4,6 3,9 2,6 8,6

    Die Zahlenuntersehiede zwischen der Capillarfiillung des gereizten und ungereizten Muskels sind derart grog, da6 sie wohl augerhalb der Fehlergrenze, wie sic dureh die Versehiedenheit der jeweils im Sehnitt getroffenen Stelle bedingt ist, liegt, so dab nur die M6glieh- keit tibrig bleibg, daft diese Untersehiede auf die Kontraktion zurtiek- zuftihren sind. Da6 tatsi~ehlieh eine vollstgndige L~hmung der musku- lgren Elemente der Capillaren vorlag und diese nieht mehr auf die elektrisehe Reizung angesproehen haben, seheint mir vor allem daraus helvorzugehen, daft sieh im ruhenden und unbeeinflu6ten Muskel die Capillarftilhmg als noeh geringer erwies. Wenn die Capillaren noeh auf den Reiz angesprochen h/itten, so wS~re doeh zum mindesten zu erwarten, da6 sieh die Zahlen ftir den ruhenden und gereizten Muskel deekten, wenn nieht noeh geringer wS~ren.

    Aueh eine andere Beobaehtung spriebt in demselben Sinne. So fand sieh in der Randpartie eines Sehnittes, der yon einem gereizten Muskel stammte, eine Stelle, die eine sehr gute Capillarfiillung zeigte. Eine Messung der durehschnittliehen Dieke der Muskelfibrillen ergab hier ffir die gut geffillte Partie 13,0, fiir die iibrigen weniger gut ge- fiillten Partien 18,5, so daft eine unmittelbare Abh~tngigkeit der Dieke der Fibrillen und der Capillarfiillung zu bestehen seheint.

    So wird dureh diese Experimente der eindeutige ]3eweis erbraeht, daft dutch jede Muskelaktion die feinsten Blutgefitfte komprimiert werden.

    2. Die Verh~ltn isse am Herzmuske l .

    Dieselben Verhiiltnisse, wie sie oben fiir den Skelettmuskel unter- sucht sind, sollen im folgenden noch ffir den Herzmuskel gepriift werden. Die genaue Kenntnis des Verhaltens der Herzcapillaren in Systole und Diastole dfirfte aueh hier einen nicht geringen Wert fiir die Be- urteilung der Zirkulations- und StoffwechselvorgSmge haben, tJber

  • ]76 A. Jores:

    die Kreislaufverh/~ltnisse am Herzmuskel liegen recht eingehende Untersuchungen vor, doch betreffen diese mehr die Verh~ltnisse der Arterien und Venen. Auch beim Herzmuskel gibt die