Die altersabhängige Makuladegeneration — eine Übersicht

Embed Size (px)

Text of Die altersabhängige Makuladegeneration — eine Übersicht

  • 1 Institut fr Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Goethe-Universitt Frankfurt 2 B.Sc. Informatik, Mediengestalter

    Die altersabhngige Makuladegeneration eine bersicht Johannes Steinberg1, Stefanie Uibel1, Thomas Berndt2, Daniel Mller1, David Quarcoo1, David A. Groneberg1

    J. Steinberg, S. Uibel, T. Berndt, D. Mller, D. Quarcoo, D. A. Groneberg: Die altersabhngige Makuladegeneration eine bersicht. Zbl Arbeitsmed 61 (2011) 270286

    Schlsselwrter: Altersabhngige Makuladegeneration Erblindung Zentralskotom Epidemiologie Ursachen Diagnose Therapie

    Zusammenfassung: Aufgrund lter werdender Belegschaften spielt die altersabhngige Makuladegeneration (AMD) eine immer grere Bedeu-

    tung in der Arbeitswelt. Dabei handelt es sich um eine typischerweise bei Menschen ab dem 60. Lebensjahr auftretende Erkran-kung der Augen, bei der es durch Vernderungen der Netzhaut zu einem progressiven Sehverlust kommt. Sie ist in der westlichen Welt fhrende Ursache fr Neuerblindungen und steht noch vor der diabetischen Retinopathie und dem Glaukom. Es handelt sich bei diesem Krankheitsbild um eine globale, sowohl fr das Individuum, als auch fr die Gemeinschaft schwerwiegende Erkrankung mit steigender Prvalenz, fr die es mittlerweile zwar Therapie-, jedoch keine Heilungsmglichkeiten gibt.

    Dieser Artikel soll dabei helfen, sich einen berblick ber den aktuellen Wissensstand zur altersabhngigen Makuladegene-ration zu verschaffen.

    Age-related macular degeneration

    J. Steinberg, S. Uibel, T. Berndt, D. Mller, D. Quarcoo, D. A. Groneberg: Age-related macular degeneration. Zbl Arbeitsmed 61 (2011) 270286

    Key words: age-related macular degeneration blindness central scotoma epidemiology causes diagnosis therapy Summary: The age-related macular degeneration (AMD) is an eye disease, which becomes more and more important in our aging

    society, accompanied by an increasing relevance in occupational medicine. It causes a progressive loss of vision due to retinal changes. In the Western world, the AMD is the leading reason for acquired blindness, ahead of the diabetic retinopathy and the glaucoma. These days the AMD is a global medical problem with, as well for the individual, as for the society, disastrous consequences with rising prevalence and no effective medical cure.

    This article provides a review of the current knowledge about the age-related macular degeneration.

    Die Autoren:

    Johannes Steinberg Stefanie Uibel Daniel Mller David Quarcoo David A. Groneberg Institut fr Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Goethe-Universitt Frankfurt Theodor-Stern-Kai 7 60590 Frankfurt am Main

    Thomas Berndt B.Sc. Informatik Mediengestalter Friedrich-Engels-Str. 48 14482 Potsdam

    270 Continuing Medical Education bersicht: Die altersabhngige Makuladegeneration

    1. Einleitung Aufgrund lter werdender Belegschaf-

    ten spielt die altersabhngige Makula -degeneration (AMD) eine immer gre-re Bedeutung in der Arbeitswelt. Sie kann in Form von langsam progredien-ten, langsamen Sehvernderungen bis hin zur raschen beidseitigen Erblindung auftreten. Eine frhe Diagnose kann da-bei einen entscheidenden Einfluss auf

    die Lebensqualitt und Arbeitsfhigkeit des Betroffenen haben. Der folgende Ar-tikel bietet eine bersicht zu Diagnose, Epidemiologie und aktuellen Therapie.

    2. Anatomischer berblick 2.1 Die Retina

    Die Retina stellt als Netzhaut die in-nerste Schicht des menschlichen Auges dar und dient der Lichtwahrnehmung.

    Am hinteren Pol des Auges, auch Fun-dus genannt, setzt sie sich aus zehn Schichten zusammen und leitet die von ihr registrierten optischen Signale in Form von elektrischen Impulsen ber den Nervus opticus an hhere visuelle Zentren des Gehirns (Abbildung 1). Funktionell kann die Retina im Bereich des Fundus in zwei Ebenen untergliedert werden: in das Stratum pigmentosum,

  • welches aus dem retinalen Pigment -epithel (RPE) besteht, und dem darun-ter, also zum Glaskrper hin, liegenden Stratum nervosum, das sowohl Sinnes- (Stbchen und Zapfen) als auch Sttz- (Mllerzellen) und Nervenzellen (Bipo-lar-, Amakrin-, Horizontal-, Ganglien-zellen) enthlt. Oberhalb des RPE be -findet sich die Bruch-Membran. Bei ihr handelt es sich um eine dnne, semiper-meable Membran, welche sich aus zwei kollagenen und einer elastischen Schicht zusammensetzt. Nach auen schliet sich die Choroidea, eine pigment- und gefreiche Aderhaut, an (Augustin 2007).

    2.2 Die Makula Am hinteren zentralen Pol der Retina

    temporal des Sehnervenkopfes (Papilla nervi optici) und innerhalb der groen Gefarkaden, bestehend aus den Veno-lae temporalis retinae inferioris et supe-rioris, befindet sich die Makula lutea (= gelber Fleck). Bei ihr handelt es sich um einen histologisch definierten Be-reich, mit einem Durchmesser von ca. 5,5 mm, welcher die hchste retinale Konzentration an Photorezeptoren auf-weist (Abbildung 2). Zudem enthlt sie, im Gegensatz zum extramakulren reti-nalen Gewebe, mehr als eine Schicht an Ganglienzellen und eine starke Anhu-

    fung des Pigments Xanthophyll. Auf Grund dieser anatomischen Besonder-heiten ermglicht die Makula eine hochauflsende, zentrale Sehschrfe. Im Zentrum der Makula befinden sich wei-tere abgrenzbare Bereiche, in denen die Lichtwahrnehmung durch Verlagerung von neuroretinalen Schichten und die Umstrukturierung der neuronalen Ver-schaltungen weiter optimiert wird (Augustin 2007, Kanski 2007).

    3. Klassifikation: Altersabhngige

    Makuladegeneration (AMD) Die AMD ist eine, vorwiegend bei

    ber 60-jhrigen, hufig mit progressi-

    Abbildung 1: Schematische Darstellung der Retina (CH = Choroidea; BM = Bruchmembran; RT = Retina; GK = Glaskrper; RPE = Retinales Pigmentepithel; PH = Photorezeptorschicht; G = uere Gliagrenzmembran; K = uere Krnerschicht; P = uere plexiforme Schicht; IK = Innere Krnerschicht; IP = Innere plexiforme Schicht; GA = Ganglienzellschicht; NF = Nervenfaserschicht; IG = Innere Gliagrenzmembran; 1 = retinale Pigmentepithelzelle; 2 = Stbchen; 3 = Zapfen; 4 = Horizontalzelle; 5 = Mller-Zelle; 6 = Bipolarzelle; 7 = Amakrin-Zelle; 8 = Ganglienzelle)

    Figure 1: Illustration of the retina (CH = Choroid; BM = Bruch's membrane; RT = Retina; GK = Vitreous humor; RPE = Retinal pigment epithelium; PH = Photoreceptor layer; G = External limiting membrane; K = Outer nuclear layer; P = Outer plexiform layer; IK = Inner nuclear layer; IP = Inner plexiform layer; GA = Ganglion cell layer; NF = Nerve fiber layer; IG = Inner limiting menbrane; 1 = Pigment epithelium cell; 2 = Rod cell; 3 = Cone cell; 4 = Horizontal cell; 5 = Mller cell; 6 = Bipolar cell; 7 = Amacrine cell; 8 = Ganglion cell)

    Zbl Arbeitsmed 61 (2011) 270286 271

  • vem Sehverlust und meist beidseitig in der Macula lutea auftretende Stoffwech-selstrung der Photorezeptoren und des retinalen Pigmentepithels mit Ansamm-lung von Lipofuszingranula in den Pig-mentepithelzellen und hyalinen Ablage-rungen in der Bruch-Membran (Burk & Burk 2005).

    Fr die AMD existieren momentan diverse Klassifikationssysteme (Bird et al. 1995, Klein et al. 1991). Eines der ge-bruchlichsten ist das der Age-Related Eye Disease Study Group des National Institute of Health (ARED_Study_Group 2000). Nach dieser Klassifikation wird die AMD in eine frhe-, eine inter-medire-, eine fortgeschrittene, nicht neovaskulre- und in eine fortge schrit -tene, neovaskulre AMD unterteilt.

    Bei der frhen Form sind im Rahmen der ophthalmoskopischen Untersu chung kleine bis mittelgroe Drusen zu beob-achten. Dabei handelt es sich um gelb -liche Anhufungen von Stoffwechsel -endprodukten und abgestoenen Zell-membranbestandteilen der Photorezep -tor-Zellen (nhere Begriffserluterung siehe Alterungsprozesse). Sind Drusen ophthalmoskopisch erkennbar, haben sie einen Durchmesser von ca. 25 m (Abbildung 3).

    In der frhen Form der AMD treten in der Regel weniger als 20 von ihnen auf (Sarks et al. 1999). Zudem sind Altera-tionen des retinalen Pigmentepithels in Form von Hyper-, aber auch Hypopig-mentationen zu beobachten. Man nimmt an, dass diese Pigmentvernderungen eine Folge chronischer Entzndungs-reaktionen sind (de Jong 2006). Die Wahrscheinlichkeit, dass retinale Vern -derungen in Form einer AMD auftreten, steigt mit Zunahme der Drusendurch-messer und der Zunahme der pigment-vernderten Areale der Makula (Klein et al. 2002). Mindestens eine groe Druse, mehrere mittelgroe Drusen und flchige, das Zentrum der Makula ver-schonende, Atrophien des RPE sind bei der intermediren Form der AMD zu finden. Werden zentrale, makulre Be-reiche in das Krankheitsbild einbe -zogen, liegt bereits das Stadium der fortge schrittenen AMD vor.

    Im fortgeschrittenen Stadium der AMD wird eine atrophe trockene von

    Abbildung 2x: Augenhintergrund mit Makula (gelber Kreis).

    Figure 2: Fundus with Macula (yellow circle)

    Abbildung 3x: Augenhintergrund mit Drusen (schwarze Pfeile)

    Figure 3: Fundus with drusen (black arrows)

    Abbildung 4x: Fortgeschrittene, atrophe AMD mit Drusen (schwarze Pfeile) und zentra-ler Atrophie (weier Pfeil).

    Figure 4: Advanced atrophic AMD with drusen (black arrows) and central atrophy (white arrow)

    Abbildung 5x: Fortgeschrittene, exsudative AMD mit Blutung (schwarzer Pfeil) um einer Neovaskulari -sationsmembran (weier Pfeil).

    Figure 5: Advanced exudative AMD with bleeding (black arrow) around a neo -vascularization membrane (white arrow)

  • einer exsudativen feuchten Form unter-schieden, wobei es auch Wissenschaftler gibt, die bezweifeln, dass es sich bei den beiden Formen berhaupt um dieselbe Erkrankung handelt (Zarbin 2004). Zwi-schen beiden Formen besteht ein flieen-der Wechsel: die trockene Form kann in eine feuchte Form der AMD bergehen und vice versa. Auch das Auftreten bei-der Formen in e