Differenzialdiagnose bei Lidtumoren

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  • | Der Ophthalmologe 52002394

    Durch Inspektion, Palpation und spaltlampenmikroskopische Untersuchung kn-nen viele Lidtumoren eingeordnet werden. Wesentlich sind anamnestische Daten,wie z. B. Wachstumsgeschwindigkeit des Tumors, Alter und andere bereits bekannteErkrankungen des Patienten. Ein schnelles Wachstum innerhalb von 8 Wochen oderweniger kann charakteristisch sein fr ein Keratoakanthom, whrend das Basaliomsich ber viele Monate hin langsam entwickelt. Pilomatrixom, Dermoidzyste, Mol-luscum contagiosum und kapillre Hmangiome treten hufiger im Kindesalter auf.Tumoren des Oberflchengewebes (Papillom, seborrhoische Keratose, aktinische Ke-ratose u. a.) und maligne Lidtumoren (Basaliom, Talgdrsenkarzinom, Plattenepi-thelkarzinom, Merkel-Zell-Karzinom u. a.) kommen hufiger bei Patienten jenseits

    des 50. Lebensjahres vor. Bei Verdacht auf einen malignen,metastasierungsfhigen Lidtumor (z. B. Talgdrsenkarzi-nom, Merkel-Zell-Karzinom, Melanom) sollten ebenfalls ei-ne Palpation und Ultraschalluntersuchung praurikulrerund submandibulrer Lymphknoten durchgefhrt werden.Seltener sind Untersuchungen durch Ultraschall, Computer-tomographie und Kernspintomographie indiziert, um auchdie weitere Abgrenzung des Prozesses zur Orbita hin zu kl-ren.

    Hufigkeit einzelner gutartiger und bsartigerLidtumoren

    Fr die klinische Differenzialdiagnose ist es hilfreich, eineVorstellung von der Hufigkeit einzelner Lidtumoren zu ha-ben.Aufgrund von Untersuchungen bei 3.850 Lidtumoren ander Augenklinik mit Poliklinik der Universitt Erlangen-Nrnberg waren die hufigsten gutartigen Lidtumoren:Chalazion (32%), seborrhoische Keratose (21%), squamsesPapillom (12%) und melanozytre Nvi (10%). Die brigengutartigen Prozesse traten seltener auf: Zysten (apokrine undekkrine Hydrozystome, epidermale Einschlusszysten, Reten-

    Hufige gutartigeLidtumoren: Chalazion, seborrhoi-sche Keratose,squamses Papillom,melanozytre Nvi

    Ophthalmologe 2002 99:394413DOI 10.1007/s00347-002-0608-y

    Springer-Verlag 2002

    Prof. Dr. Leonard M. HolbachAugenklinik mit Poliklinik, Universitt Erlangen-Nrnberg, Schwabachanlage 6, 91054 Erlangen,E-Mail: leonard.holbach@augen.imed.uni-erlangen.de

    RedaktionF. Grehn Wrzburg

    Unter stndiger Mitarbeit von:A. Kampik MnchenH.Witschel Freiburg

    Die Beitrge der Rubrik Weiter- und Fort-bildung sollen dem Facharzt als Repetitoriumdienen und dem Wissenstand der Facharzt-prfung fr den Arzt in Weiterbildungentsprechen. Die Rubrik beschrnkt sich aufgesicherte Aussagen zum Thema.

    L. Holbach C. Cursiefen A. Jnemann A.Viestenz A. NasrAugenklinik mit Poliklinik der Universitt Erlangen-Nrnberg

    Differenzialdiagnose bei LidtumorenTeil I

    Tabelle 1Hufigkeit benigner Lidtumoren(n=2943)

    1. Chalazion (32%)2. Keratosen (23%): seborrhoische

    und invertierte follikulre3. Papillom (12%)4. Melanozytrer Nvus (10%)5. Apokrine und ekkrine Hydro-

    zystome (5%)6. Epidermale Einschlusszyste (4%)7. Granulome (4%): pyogene,

    Fremdkrper-, Paraffingranulome8. Dermoidzyste (3%)9. Keratoakanthom (2%)

    10. Molluscum contagiosum (2%)11. Hmangiom (2%)12. Pilomatrixom (1%)

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    tionszysten, Dermoidzysten), Granulome (pyogenes Granu-lom, Fremdkrpergranulom, Paraffingranulom), Kerato-akanthom, vaskulre Tumoren (kapillre Hmangiome),Haarfollikeltumoren (Pilomatrixom, Trichoepitheliom, Tri-chofollikulom), neurogene Tumoren (Neurofibrom, Schwan-nom), Schweidrsentumoren (Syringom, ekkrines Akro-spirom,pleomorphes Adenom u.a.), infektise und entznd-liche Pseudotumoren (Molluscum contagiosum, pseudo-rheumatoide Kntchen u. a.; Tabelle 1).

    Die hufigsten malignen Lidtumoren waren das Basali-om (91%), Talgdrsenkarzinom (4%), Plattenepithelkarzi-nom (2%), malignes Melanom der Lidhaut (2%), Merkel-Zell-Karzinom (0,5%), Metastasen (0,2%) und Adenokarzi-nom der Schweidrsen (0,1%; Tabelle 2). Diese Zahlen sindnur fr Mitteleuropa von Bedeutung. In Indien und Chinasteigt z. B. die Hufigkeit von Talgdrsenkarzinomen auf bis

    zu 30% der malignen Tumoren an.

    Histopathologische Klassifizierung (WHO 1998) von Lidtumoren und TNM-Klassifizierung

    Die klinische Diagnose stimmt beim Basaliom, auch beim erfahrenen Kliniker, nur inbis zu 90% mit der histopathologischen berein. Deshalb erfordert die klinische Diag-nose in der Regel eine histopathologische Besttigung. Histopathologische Befundeknnen auch dazu dienen, das klinische Bild zu erklren. Des Weiteren sind sie we-sentlich fr eine mikroskopisch kontrollierte Exzision im Gesunden.Verfgbare Me-thoden hierzu umfassen das Schnellschnittverfahren (Gefrierschnitte), die Mohs-Technik und/oder das zweizeitige Vorgehen (Paraffinschnitte). Bei Letzterem kann

    Der hufigste maligne Lidtumor ist das Basaliom

    Die klinische Diagnose erfordert eine histopathologische Besttigung

    Tabelle 2Hufigkeit maligner Lidtumoren(n=907)

    1. Basaliom (91%)2. Talgdrsenkarzinom (4%)3. Plattenepithelkarzinom (2%)4. Malignes Melanom der Lidhaut (2%)5. Merkel-Zell-Karzinom (0,5%)6. Adenokarzinom der Schweidrsen

    (0,2%)7. Metastase (Schilddrse, Lunge,

    Mamma u. a.; 0,2%)

    Tabelle 3TNM-Definition zur klinischen und pathologischen Stadieneinteilung von Lidtumoren

    Primrtumor (T): Tx: Primrtumor kann nicht nachgewiesen werdenT0: Ein Hinweis auf PrimrtumorTis: Carcinoma in situT1: Tumor jeder Gre, ohne Invasion des Tarsus oder mit Lokalisation

    entlang des Lidrandes, 5,0 mm oder kleiner im grten Durchmesser

    T2: Tumorinvasion des Tarsus oder im Bereich des Lidrandes, mehr als 5,0 mm, aber nicht mehr als 10,0 mm im grten Durchmesser

    T3: Der Tumor zieht die gesamte Augenliddicke ein oder im Bereich des Lidrandes, mehr als 10,0 mm im grten Durchmesser

    T4: Tumorinvasion benachbarter StrukturenT4a: Conjunctiva bulbiT4b: Sklera/Bulbus oculiT4c: Weichteilgewebe der OrbitaT4d: Perineurale InvasionT4e: Invasion von Knochen/Periost der OrbitaT4f: Cavum nasi/NasennebenhhlenT4g: Zentralnervensystem

    Regionale Nx: Regionale Lymphknoten knnen nicht nachgewiesen werdenLymphknoten (N): N0: Keine Metastase im Bereich der regionalen Lymphknoten

    N1: Metastase im Bereich regionaler Lymphknoten

    Fernmetastasen (M): Mx: Fernmetastasen knnen nicht nachgewiesen werdenM0: Keine FernmetastasenM1: Nachweisbare Fernmetastasen

  • | Der Ophthalmologe 52002396

    der chirurgisch entstandene Defekt mit Epigard vorbergehend gedeckt werden, biseine endgltige plastische Rekonstruktion erfolgt.

    Die Klassifizierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) [2] liefert Richtli-nien fr die histopathologische Einordnung der Lidtumoren. Mithilfe der TNM-Klas-sifizierung durch die Weltgesundheitsorganisation und das American Joint Comitteeon Cancer kann die Erfassung des klinischen und histopathologischen Stadiums ma-ligner Lidtumoren besser standardisiert und vergleichbar gemacht werden (Tabel-le 3).

    Die Klassifizierung der WHO liefert Richtlinien fr die histopathologischeEinordnung der Lidtumoren

    Tabelle 4Praktische Differenzialdiagnose von Lidtumoren nach dem ueren Erscheinungsbild

    I. Erhabene Tumoren des Oberflchengewebes1. Mit intakter, papillomatser oder glatter

    OberflchePapillomSeborrhoische KeratoseVerruca vulgarisInvertierte follikulre KeratoseCornu cutaneumAktinische Keratose(Nicht pigmentierter Nvus der Lidkante)

    2. Mit Krater und/oder UlzerationInvertierte follikulre KeratoseKeratoakanthomEpidermoidzysteTalgdrsenzysteMolluscum contagiosumNodulres BasaliomPlattenepithelkarzinomTalgdrsenkarzinomChalazionTrichilemmom

    II. Flache vernarbende Tumoren, oft mit pseudoentzndlichem ErscheinungsbildFibrosierendes Basaliom (Morpheabasaliom)Talgdrsenkarzinom(pagetoid)Aktinische (senile) KeratoseXeroderma pigmentosum

    III. Subkutane Knoten und Strnge mit HauteigenfarbeDermoidzysteSchweidrsentumorenHaarfollikeltumorenNeurale TumorenParaffingranulomLymphangiomChalazionPseudorheumatoide KntchenPleomorphes AdenomPilomatrixom

    Nach H. Witschel

    IV. Pigmentierte bzw.farbige Tumoren1. Gelblich

    XanthelasmaParaffingranulomTalgdrsenhyperplasie, -adenomXanthogranulomFibrses HistiozytomMultiple SyringomeAmyloidoseLipoidproteinose (Urbach-Wiethe)Subepidermale Kalzinose

    2. Rtlich-blulich-livideMerkel-Zell-KarzinomHmangiomVarixVense AnomaliePilomatrixomKaposi-SarkomEkkrines AkrospiromApokrines Hydrozystom (eingebluteteMoll-Zyste)Hmolymphangiom (eingeblutet)Chalazion

    3. Brunlich-schwrzlichSeborrhoische KeratoseInvertierte follikulre KeratosePigmentiertes BasaliomLentigo malignaPigmentierter melanozytrer Nvus,blauer NvusMalignes Melanom

    V. Zystisch wirkende TumorenMoll-Zyste (apokrines Hidrozystom)Ekkrine Zyste (ekkrines Hidrozystom)TalgdrsenretentionszysteEpidermoidzysteZystisches Basaliom

    VI. VerschiedenesMetastasenLymphomePlasmozytomeAmyloid u. a.

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    Gliederung der Lidtumoren nach dem ueren Erscheinungsbild

    Im Rahmen der vorliegenden Arbeit knnen wir nur auf die hufigsten Lidtumoreneingehen. Fr eine ausfhrlichere Darstellung wird auf die Lehrbcher verwiesen [1,8, 16, 18, 19]. Fr den klinischen Alltag empfiehlt sich eine Gliederung nach dem u-eren Erscheinungsbild der Tumoren (Tabelle 4),da dies fr die angewandte Differen-zialdiagnose hilfreich ist.Um berschneidungen und Wiederholungen zu vermeiden,werden wir im Folgenden nur ausgewhlte hufigere und wichtigere Lidtumoren her-vorheben und diese nach anatomischer Lokalisation oder Herkunft einteilen.

    Benigne Tumoren der Epidermis

    Sie zhlen zu den prominenten Prozessen des Oberflchengewebes.

    Papillom

    Papillome (Abb. 1) zeigen meistens eine intakte papillomatse Oberflche. Sie s