Lost Voices #2

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2nd issue of the literature and art magazine Lost Voices. With stories, poetry, photos, art and interviews.

Transcript

  • 1LOST VOICES

    2

  • 2Humor ist, wenn man trotzdem lacht.Otto Julius Bierbaum (1865-1910),

    deutscher Schriftsteller

  • 3Liebe Els und Vaus,

    es sollte noch eindrucksvoller, grer und schner werden und das Resultat haltet ihr nun in den Hnden. Jetzt wird sich der ein oder andere fragen: Eindrucksvoller? Wie jetzt? Grer? Wie grer? Grere Buchstaben oder greres Heft, oder was soll hier gemeint sein? Schner? Jetzt vom Layout her, oder wie? Ehlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Was geworden ist, kann ich zu diesem Zeitpunkt mal wieder nur erhoffen. Hoffentlich hat mein Kleingeld ausgereicht, um ein einigermaen anstndiges Heftchen hinzukriegen. Was allerdings jetzt schon feststeht, sind die Texte, Fotos und Kunstbeitrge, die es in diese El Vau geschafft haben. Allen Knstlern ein herzliches Dankeschn fr die zahlreichen Zusendungen. Es ist etwas Wunderbares entstanden. Nun kann ich nur wieder einmal hoffen, dass euch der ganze Salat am Ende auchso gut gefllt. Alles fein gewrzt mit frischen Fotos und scharfer Kunst. Als Kirsche oben drauf zwei kurze Interviews mit der ungarischen Musikercombo Spencer Hill Magic Band, sowie dem kanadischen Gitarrenspieler Robert Malvasio. Ich schtze mal, da sollten alle satt werden. Getrnke muss sich allerdings jeder selbst heranschaffen. Da hat das Kleingeld dann nicht mehr gereicht.

    In diesem Sinne.

    Cheers!- Marc Mrosk (Herausgeber)

    Verantwortlich fr alles hier:Marc MroskElVau@gmx.de (NEUE ADRESSE!)

    Fotos Seite 4 von MM

    wwwwwwwwwwww........myspacemyspacemyspacemyspace comcomcomcom.... //// lostvoicesmagazinelostvoicesmagazinelostvoicesmagazinelostvoicesmagazine

    LOST VOICES AUSGABE ZWEI

    AN DER ECKE 4 - 5Carsten Moll

    ZELLE 1 6 - 9Oliver Unkel, Tobias Sommer,

    Marco Meng, Johannes Witek,

    Vincent E. Noel, Rdiger Sa,

    Ralf Benkard

    ZELLE 2 10 - 11Jrgen Landt, Marcus Mohr,

    Ivar Bahn

    PAPIERKINO 12 Calin Kruse

    MUSIQ 13 - 16Spencer Hill Magic Band

    Robert Malvasio (englisch)

    LVS 17Kunst Carsten Moll (Seite 6, 7, 8, 10, 11)FotosDoris Doppler (Seite 5)Coverfoto und Foto letzte Seite von Calin Kruse

    Alle Rechte der hier aufgefhrten Werke liegen bei den jeweiligen Autoren, Fotografen/ Knstlern

  • 4ANDERECKE

    DIE FINGERKUPPE DES ZEIGEFINGERS DES KANINCHENS DES TODES

    von Carsten Moll

    Schatz, komm mal runter! Schaahaaaatz! Georg, verdammt noch mal! Hrst du denn nicht?Lustlos kommt er die Treppe runtergestapft. Schritt fr Schritt. Das braucht seine Zeit. Dann steht er vor mir.Hi, Georgie-Boy. Siehst ja aus wie tot. Zeit, dass ich dich mal wieder in die Welt der Lebenden bringe! Was?Okay, sagt er. Und: Mama, bin jetzt weg mit Thomas.Sie kommt aus der Kche getrippelt nein! aus dem Keller. Sie kommt also die Kellertreppe hoch getrippelt und stellt sich vor Georg auf. Blickt ihm tief in die Augen.Ist gut, Schatz. Mach keine Dummheiten!Er kriegt einen Kuss auf die Wange, ich einen argwhnischen Blick.Hinaus in die Welt. Zerzaustes schwarzes Haar, hngende Schultern, Hnde in den Hosentaschen, Blick auf den Boden. Und die Unantastbarkeit eines Kino-Rebellen. So geht er die Strae entlang und nimmt scheinbar nichts wahr. Ich dackel ihm nach, beobachte ihn,habe eine Idee! Wir wir gehninpuff.Er bleibt mit einer abgehackten Bewegung stehn und dreht sich langsam zu mir. Meine Wangen brennen, mein Herz rast.Okay, sagt er.Okay?Ja okay.Okay. Gut weit du, ich h ich dachte, das wre jetzt genau das Richtige. Mal richtig die Sau rauslassen. Nach der Sache mit Katia. Das war ja bestimmt nicht leicht fr dich. UndTobi, ist gut. Du brauchst nicht erklren.

    Wow, ich hab gehrt, die machen da wirklich alles mit einem

    Wir sind dann da. Also nicht sofort. Erst sind wir noch unterwegs, aber da passiert nichts.Wir sind dann da. Der Puff hier ist so ein eine Art Hochhaus, ein gelbes halt und vor alle Fenster sind Vorhnge gezogen und so. Ich bin ganz ungeduldig und wibbelig. Ich seh zu Georg, der steht ganz still da und scheint erstmal zu warten, bis ich mich eingekriegt hab. Ja, das hab ich jetzt. Wir knnen reingehn.Da drinnen ist so eine Art Tresen mit einem blonden Mdchen dahinter. Nein! Einer blonden Frau einer blondierten Frau.Na, was wollt denn ihr Sen? Das hrt sich komisch an, wie sie das so sagt. Ich starre ihr wie blde auf die BrsteBrsteBrste.Ficken, sagt Georg. Als htte er eine Cola bestellt.Dann alles ganz schnell und Treppen hoch und wir stehn vor roten Tren. Klopfklopf er. Klopfklopf ich.

    Und dann? Ich bin schnell wieder drauen und will auch gar nix drber erzhlen. Hocke mich vor das Zimmer, wo Georg drin ist. Nach einem abgeknabberten Fingernagel wird da auch schon die Tr aufgerissen und Georg kommt vollkommen nackt rausgestrzt.Du ekliges Schwein! Schreit die Nutte von drinnen und schleudert Georgs Sachen raus.Du mieses kleines Schwein. Waaaaaaaaah! Die Nutte wird immer hysterischer, komm lass uns abhauen, Fabi!Was hast du denn gemacht?

  • 5Halt die Fresse und lauf jetzt lieber,die Nutte ruft nach irgendeinem Knut.Knuuuut! Knuuuuuut! Stech den Wichser ab!

    Wir gehen einfach ins nchste Zimmer. Da liegt ne dicke Hure aufm Bett und lackiert sich die Fungel mit blauem Nagellack. Die mustert uns ganz ruhig, whrend wir whrend wir aus dem Fenster klettern. An so nem Rohr runter. Unten, da ist ein Hinterhof, da zieht Georg sich an und wir rennen weg.

    Was hast du denn jetzt gemacht mit der? Komm, sag schon!Er ginst nur und sagtIch hab ihr das Herz gebrochen.Ts Mann, Alter, was hast du gemacht? Sag mal!Wir gehen durch die Staen. Die Straen sind leer und wir folgen einer Spur von zerstampften Kaugummis auf dem Asphalt.Ach komm, erzhl schon.Dann klingelt Georgs Handy. Er holt es raus und erstarrt. Ddddd. Er geht ran, mit viel zu hoher StimmeHi wie gehts?Ich kann Katia durch das Handy hren. Wie sie schweigt. Ein Schnaufen, dannHallo. Gut. Es geht mir gut. Wirklich. Schorschi, ich ruf nur an, weilWart mal kurz. Ben, lass mich ma kurz allein.Ich dreh mich um, geh ein paar Meter die Strae entlang. Er muss da noch irgendwo in meinem Rcken sein, aber er ist still und ich bin einsam. Ich kann Katia nicht mehr hren, also kann Georg ihr auch nicht antworten. Ich knnte weggehen und sagen, das alles hier, der ganze traurige Tag ist niemals passiert. Ich renne los ber den festgetretenen Kaugummi nein! das tu ich nicht.

    Schatz, komm mal runter! Schaahaaaatz! Benjamin, verdammt noch mal! Hrst du denn nicht?Was ist denn?Kannst du mal bitte die Splmaschine ausrumen?

  • 6HOFFNUNG(Oliver Unkel)

    Du willst Freitagabend ausgehendu willst fr immer gehenausbrechen aus diesem Zirkusdu willst fr immer gehendu siehst es in meinen Augenhabe mich in deiner Verwirrung verlorendu darfst nicht alles glauben und hoffe, dass es besser wird

    Du willst den rzten glaubenSie sagen, es wird bessersiehst die vielen Schmerztablettenstarren dich mit ihrer bunten Farbe anSchwester Morphium und ihr leerer BlickUnd ich weiss, das Spiel ist verlorenDie Wahrheit schmerzt immer sehrdas erste Mal sehe ich jemanden sterben Und noch heute ist seine Stimme in meinem Kopf

    Du willst an Religion glaubenAber jeder schreibt die Geschichte andersAn den Glauben klammern bringt nichtsdu schaust in den Himmelglaubst an die Ufos aus deiner Kindheitich denk manchmal beobachtet er micher ist befreit von seinen Schmerzenich hoffe, er hat seinen Frieden gefunden

    Du willst die Leiter hochsteigenwillst ins groe Nichts schauenstellst dein Leben in Fragestellst die Religion in Fragealle haben Sex, nur du nichtalle haben Beziehungen, nur du nichtalle haben Freunde, nur du nichtich will heut abend ausgehenich will fr immer gehen

    ZELLE 1SPIELPLATZ(Tobias Sommer)

    in das Haus meiner Kinder eingezogen ein kurzer Stoppletzte Ausfahrt vor der Abzunungden Rucksack fr eine Reise geleert erwartet der Parkettboden den ersten Besucher seit nur noch Grundmauern die Rume bildenich puste Bekanntes aus Ruvon verbrannten Fotos Initialen auf Porzellan und Lehnsthleam Kchentisch fordern das Erinnerndoch ich weigere mich und gehe auf den Balkon suche unverbrauchte Luft sehe den Ort der brig bliebmeine Kindheit zwischen Schaukel und Rutschedie Mauer aus Gefhlsklte brckeltund im Sandkasten eine Coladoseauf die man treten muss

  • 7STRASSENBAHN

    Von Marco Meng

    Als er auf die Strae trat, sprach ihn ein Bettelkind an:Wenn du Gott eine Frage stellen knntest, welche wrdest du stellen?Fast entsetzt wendet er sich ab und schreitet weiter den Trottoir hinab. Einige Meter weiter dreht er sich noch einmal um, aber das Kind ist verschwunden. War das etwa das Kind, das immer verschwand, nachdem es gefragt hatte, welche Frage man stellen wrde? Er bestieg die Straenbahn und zog die Zeitung aus der Jackentasche. Tschetschenien-Veteranen bieten ihre Dienste an. Fr ganz schwierige Flle. Eine Prostituierte sucht einen Freier: Tamara, talentiert, tabulos, taub. Die Straenbahn ruckelte zu sehr, er steckte die Zeitung fort und wurde pltzlich all dieser mrrisch dreinblickenden Gesichter seiner Mitpassagiere gewahr. Wahrscheinlich hatte er selbst kein frhlicheres. Das bewahrte einen allerdings davor, von jemandem angesprochen zu werden, und er wollte ja auch viel lieber seine Ruhe haben. Wie alle hier. Wie berhaupt jeder und berall. Drauen schneite es. An der nchsten Ecke lief wieder dieser Mensch herum, eine lebende Litfasssule mit Reklame an Brust und Rcken. Wie schlecht musste es einem gehen, damit man so etwas all die Tage lang tat? Jemand schob ihn barsch zur Seite.Muss aussteigen, hrte er. Die Tr ffnete sich, kalte Luft strmte herein. Endlich wurde sie wieder geschlossen. Die Fahrt ging weiter. Die Straenbahngesellschaft warnt vor falschen Kontrolleuren. So stand es angeschrieben. Zwlf Buchstaben. Kontrolleure. Rckwrts: Eruellortnok. Der Mann vor ihm stank penetrant nach Schwei. Und das durch die dicke Winterjacke! Was fr ein Glck, dass wi