Pigmentstörungen

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  • DOI: 10.1111/j.1610-0387.2009.07137.x Akademie 187

    The Authors Journal compilation Blackwell Verlag GmbH, Berlin JDDG 1610-0379/2010/0803 JDDG | 32010 (Band 8)

    English online version on Wiley InterScience

    JDDG; 2010 8:187203 Eingereicht: 9.2.2009 | Angenommen: 21.4.2009

    ZusammenfassungDas Hautkolorit ist eine extrem individuelle Erscheinungsform und wird vonzahlreichen Genen kontrolliert. Die fast unendlichen Variationen der Hautfarb-tne werden nicht durch die Zahl der Melanozyten sondern durch die Anzahlund Gre der Melanosomen bedingt. Pigmentstrungen knnen durch fehler-hafte Auswanderung der Melanoblasten von der Neuralleiste, durch einen ge-strten Transfer von reifen Melanosomen in die umliegenden Keratinozyten,durch eine Strung der Melaninsynthese oder auch durch einen verzgertenAbbau oder Abtransport von Melanin entstehen. Auerdem knnen immunolo-gische oder toxische Einflsse durch Zerstrung von Melanozyten zu Pigment-verschiebungen fhren. Pigmentstrungen werden in Hyper- und Hypopig-mentierungen eingeteilt und knnen angeboren oder erworben auftreten undsich lokalisiert oder diffus manifestieren. Hypopigmentierungen bei Geburt treten entweder als rein kutane Erkrankungen auf wie beim Piebaldismus, odersie knnen auch einen Systemcharakter aufweisen wie beispielsweise beimMenkes-Syndrom oder der Phenylketonurie. Umschriebene Hypo- und Hyper-pigmentierungen im Kindesalter gelten als Markervernderungen wie z. B. dieEschenblatt-artigen Hypopigmentierungen bei der tubersen Sklerose bzw. dieCaf-au-Lait-Flecken bei der Neurofibromatosis Recklinghausen. Die hufigsteautoimmun induzierte Hypopigmentierung ist die Vitiligo. Generalisierte diffuseHyperpigmentierungen sind selten primr genetisch bedingt, sie sind meistAusdruck einer erworbenen Erkrankung wie Morbus Addison, sekundre H-mochromatose bei gestrter Hmosynthese und/oder Hmolyse und hufigenBluttransfusionen oder Ausdruck einer Autoimmunerkrankung wie primr bilire Zirrhose. Die Therapie der Pigmentstrungen ist nach der Ursache zu rich-ten, wobei kosmetisch befriedigende Resultate oft schwer zu erreichen sind.

    SummarySkin color is highly individual and the variations are controlled by numerousgenes. The different skin colors result from the size and number ofmelanosomes and do not mirror the amount of melanocytes. Disorders of pig-mentation can result of migration abnormalities of melanocytes from the neu-ral crest to the skin during embryogenesis. In addition, impairment ofmelanosome transfer to the surrounding keratinocytes, an alteration inmelanin synthesis and a defective degradation or removal of melanin may leadto abnormal skin pigmentation. Immunologic or toxic mediated destructions

    Facharztwissen

    RedaktionProf. Dr. Jan C. Simon,

    Leipzig

    Keywords disorder of pigmentation hypopigmentation hyperpigmentation genodermatosis melanocytes melanosomes

    Schlsselwrter Pigmentstrungen Hypopigmentierung Hyperpigmentierung Genodermatosen Melanozyten Melanosomen

    Pigmentstrungen

    Disorders of Pigmentation

    Susanna K. Fistarol, Peter H. ItinDermatologische Universittsklinik Basel, Schweiz

  • 188 Akademie

    JDDG | 32010 (Band 8) The Authors Journal compilation Blackwell Verlag GmbH, Berlin JDDG 1610-0379/2010/0803

    of melanocytes can end in pigmentation disorders. Disorders of pigmentationare classified in hypo- or hyperpigmentation which can occur as a genetic oracquired disease. They can manifest locally or diffuse. Congenital hypopigmen-tations can be restricted to the skin as in piebaldism or they represent a sys-temic disease as in Menkes disease or phenylketonuria. Localized hypo- orhyperpigmentations in children may serve as markers for systemic diseases.Ash-leaf hypopigmentations are characteristic for tuberous sclerosis and morethan 5 caf-au-lait spots suggest neurofibromatosis 1 (von Recklinghausen dis-ease). The most common autoimmune-induced depigmentation is vitiligo.Generalized hyperpigmentation only rarely reflects a primary genetic disorderbut is most often from acquired diseases as in Addison disease, secondaryhemochromatosis or primary biliary cirrhosis. Treatment of pigmentation disor-ders are based on a diagnosis which sometimes allow a specific intervention.Cosmetically acceptable results are difficult to obtain.

    EinleitungDefinition und AbgrenzungDie normale Hautfarbe wird vorwiegend durch den Pigmentgehalt bestimmt. Diewichtigsten Pigmente fr das Hautkolorit sind Melanin, Hmoglobin in oxygenierterund reduzierter Form sowie das Karotin [1]. Weiterhin beeinflussen Dicke der Epi-dermis und Gefversorgung, Anzahl, Lumenweite und Reagibilitt der Blutgefssein der Dermis das Erscheinungsbild und den Farbton der Haut [2].Die Melaninpigmente des Integuments werden in den epidermalen Melanozyten gebil-det. Melanozyten entstammen entwicklungsgeschichtlich der Neuralleiste und sind inder Basalzellschicht der Epidermis gelegen [3]. Spezialisierte Organellen in den Melano-zyten synthetisieren das Melanin, welches sie ber Dendriten in Form von ausgereiftenMelanosomen an durchschnittlich 36 Keratinozyten abgeben. Melanin wird mit Hilfedes Enzyms Tyrosinase aus Tyrosin ber Dopa und Dopachinon synthetisiert. In dermenschlichen Haut sind drei verschiedene Melanine zu unterscheiden. Das Eumelanin,mit einer braunen bis schwarzen Farbe, das Phomelanin, welches rot bis gelblich im-poniert und die Trichrome, welche mehrere chemisch gut definierte Varianten darstel-len. Das Ausma der Melaninproduktion wird durch das Gen fr den Melanocortinre-zeptor 1(MC1R) festgelegt [4]. MC1R ist ein beim Menschen auf dem Chromosom16, Genlocus q24.3, codierter transmembraner G-Protein-gekoppelter Rezeptor, der inMelanozyten exprimiert wird, die Hautbrunung (Empfindlichkeit fr Hautbestrah-lung und Sonnenbrand) kontrolliert, mageblich Haut- und Haarfarbe beeinflusst so-wie das Melanomrisiko mitbestimmt. Variationen in der Hautfarbe zwischen einzelnenPersonen und Rassen werden durch die Zahl und Gre der ausgereiften Melanosomenbestimmt und nicht durch die Melanozytenzahl. Das Verhltnis von Melanozyten zuBasalzellen betrgt 1 : 4 bis 1 : 9 je nach Krperregion, jedoch unabhngig von der Eth-nie. Das Gesicht weist mit 2 900 249/mm2 die hchste Melanozytendichte auf,whrend diese am Oberarm mit 1 100 215/mm2 am geringsten ausgeprgt ist.Die Melaninsynthese wird beeinflusst durch genetische Faktoren und weist einestarke individuelle, familire und ethnische Variabilitt auf. Zustzlich spielen UV-Exposition, hormonelle Faktoren und biochemische Substanzen eine Rolle. Die hy-pophysren Hormone wie Melanozyten-stimulierendes Hormon (MSH, Melatonin),-Lipotropin und in geringerem Masse auch adrenocorticotropes Hormon (ACTH)weisen Melanozyten-stimulierende Aktivitt auf. Melatonin in hheren Dosierungenfhrt zu einer schmutzig braun-grauen Hautfarbe.Eine Verminderung der Melanozytenzahl und/oder reifer Melanosomen, beziehungs-weise ein gestrter Transfer der reifen Melanosomen in die umliegenden Keratino-zyten, fhren zu einer Hypopigmentierung, welche diffus oder umschrieben, angebo-ren oder erworben sein kann und einem bestimmten Verteilungsmuster folgt. Eineverstrkte Bildung des Melanins durch verstrkte Aktivitt der Melanozyten und derTyrosinase, aber auch verzgerter Abbau und Abtransport des Melanins fhren zu ei-ner Hyperpigmentierung (metastasierendes Melanom, T-Zell-Lymphom vom Bacca-reda-Szary-Typ, Kala-Azar, Morbus Addison). Sind groe Teile des Integuments be-troffen, spricht man von einer Melanodermie. Erworbene Pigmentstrungen werdenim Rahmen chemischer oder physikalischer Ursachen als umschriebenes Leukodermbzw. Melanoderm bezeichnet.

    Unterschiede der Hautfarbe zwischeneinzelnen Personen und Rassen wer-den nicht durch die Melanozyten-quantitt sondern durch Zahl undGre der Melanosomen bestimmt.

    Eine Verminderung der Melanozyten-zahl und/oder reifer Melanosomen,beziehungsweise ein gestrter Trans-fer der reifen Melanosomen in dieumliegenden Keratinozyten, fhrenzu einer Hypopigmentierung

    Eine verstrkte Bildung des Melaninsdurch verstrkte Aktivitt der Melano-zyten und der Tyrosinase, aber auchverzgerter Abbau und Abtransportdes Melanins fhren zu einer Hyper-pigmentierung

    Pigmentanomalien knnen lokalisiertoder diffus, kongenital oder erworbensowie mit oder ohne systemische Be-gleiterscheinungen auftreten.

    Das Ausma der Melaninproduktionwird durch das Gen fr denMelanocortinrezeptor 1(MC1R) fest-gelegt

  • Diagnostisches VorgehenDie Dermatologie kennt ber 4 000 Krankheiten. Zahlreiche Dermatosen sind miteiner Vernderung der Hautfarbe verbunden. Die diagnostischen Abklrungsschrittebasieren auf Expertenmeinungen und institutionellen Erfahrungen. Eine Validierungdieser diagnostischen Manahmen nach den Prinzipien der evidenzbasierten Medizinexistiert bis anhin noch nicht.Es ist kaum mglich alle Entitten simultan zu kennen und deshalb ist eine systema-tische Diagnostik entscheidend. Krankhafte Pigmentvernderungen sollten nach ei-nem Algorithmus analysiert werden, um die prinzipielle Einordnung der Krankheitzu ermglichen (Abbildung 1). Diese Einteilung basiert auf einer systematischenAnamnese und einer standardisierten Ganzkrperuntersuchung. Erst danach solltenweiterfhrende und z. T. kostenintensive Abklrungen angeschlossen werden.

    AnamneseDie Anamnese eruiert das familire Auftreten, den Zeitpunkt und die Dynamik derPigmentvernderung. Zustzlich interessieren Hinweise betreffend Beeinflussung desAllgemeinbefindens oder Pathologien an anderen Organen [5, 6]. Es mssen Medi-kamente oder der Kontakt mit beruflichen Lsungsmitteln erfragt werden, welche zuHyperpigmentierungen und aufgrund toxischer Wirkungen auf Melanozyten zu Hy-popigmentierungen fhren knnen (Tabelle 1).

    Klinische UntersuchungAufgrund von Anamnese und klinischer Untersuchung muss prinzipiell entschiedenwerden, ob eine Hyper- oder eine Hypopigmentierung vorliegt, ob sie angeboren