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Rupert Berndl Kindheit von 1943 bis 1948 in Passau und C are- P akete B ombenalarm

Bombenalarm und Care-Pakete - gietl-verlag.de · Rupert Berndl Bombenalarm und Care-Pakete Kindheit von 1943 bis 1948 in Passau

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  • Rupert Berndl

    Kindheit von 1943 bis 1948 in Passau

    undCare-PaketeBombenalarm

  • Rupert Berndl

    Bombenalarm und Care-Pakete

    Kindheit von 1943 bis 1948 in Passau

  • Rupert Berndl

    Kindheit von 1943 bis 1948 in Passau

    undCare-PaketeBombenalarm

  • 1. Auflage 2016

    ISBN 978-3-86646-755-2

    SdOst-Verlag in der Battenberg Gietl Verlag GmbH, Regenstaufwww.gietl-verlag.de

    Alle Rechte vorbehalten.

    Titelbild: Eisenbahnbrcke, Stadtarchiv Passau; Junge, Rupert Berndl

    Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet ber http://dnb.dnb.de abrufbar. ISBN 978-3-86646-755-2

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    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort ............................................................................................... 7Wir kannten es nicht anders............................................................... 10Eltern in schwierigen Zeiten............................................................... 12Vater und Mutter ............................................................................... 14Jugend und Erziehung whrend der NS-Zeit ...................................... 17Sicherheit fr Grostadtkinder die Kinderlandverschickung............ 19Fronturlaub ....................................................................................... 20Russischer Besuch.............................................................................. 22Vaters Heimkehr ................................................................................ 23Bombenalarm Sirenen und Luftschutzkeller .................................... 25Die Pfannkuchen Story ...................................................................... 35Russen oder Amerikaner? .................................................................. 36

    Hamsterfahrten ............................................................................... 39Tiefflieger.......................................................................................... 43Die Radtour .................................................................................... 47

    Das Kriegsende unruhige Zeiten................................................... 54Die letzten Kriegstage in offiziellen Zahlen ........................................ 54Chaos auf der Eisenbahnbrcke ......................................................... 57Glck und Pech ein tragischer Unfall ............................................... 62Plnderer........................................................................................... 63Gesprengte Brcken........................................................................... 64

    Kriegsende und die ersten Wochen danach .................................... 65Passau wird eingenommen................................................................. 65Probleme mit der Munition ................................................................ 68Spannende Tage ................................................................................ 69Die Pontonbrcke ein schwimmender Behelf ................................... 70berfahrt in der Zille ......................................................................... 72Plnderungen Folge groer Not....................................................... 74Die GIs unsere Besatzer ................................................................... 78Flchtlinge und Vertriebene............................................................... 82

  • Das groe Aufrumen ........................................................................ 84Alternative Energie Holzvergaser .................................................... 85

    19451948 die Nachkriegszeit........................................................ 90Entnazifizierung eine heikle Prozedur ............................................. 90Widerstand ........................................................................................ 92Die allgemeine Versorgungslage......................................................... 94Krankheiten brechen aus.................................................................... 97Erneut beginnt das Hamstern............................................................. 97Selbstversorger haben es gut............................................................ 100Sammler und Jger .......................................................................... 103Der Tante-Emma-Laden................................................................. 104Der Biertransport............................................................................. 105Schule damals.................................................................................. 106Kalte Klassenzimmer........................................................................ 111Schulweg alles zu Fu ................................................................... 112Die Schulspeisung......................................................................... 113Hilfe aus Amerika die Care-Pakete................................................. 114

    Spielsachen Mangelware ............................................................ 116Kriegsspielzeug................................................................................ 116Unsere Spiele in der Nachkriegszeit ................................................. 117Kleidung Not macht erfinderisch ................................................... 123Die Whrungsreform ....................................................................... 124

    Schlussgedanke.............................................................................. 126

    Anhang ........................................................................................... 127Erfindungsreich und aus der Not geboren einige interessante Rezepte aus der Kriegs- und Nachkriegszeit (19431948)................ 127

    Quellenangaben..............................................................................132Bildnachweis ...................................................................................133Dank ................................................................................................133

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  • VorwortDer Begriff Kriegskinder wird im heutigen Sprachgebrauch blicherwei-se verwendet, wenn von den zwischen 1930 und 1945 Geborenen die Redeist. Versucht man zu erfassen, wie Kinder den Zweiten Weltkrieg und diedarauf folgenden Nachkriegsjahre erlebten, so scheint diese Zeitspanne zugro. Denn es liegt auf der Hand, dass beispielsweise 1015-Jhrige denKrieg mit all seinen Auswirkungen und Folgen weit intensiver und bewuss-ter erlebten, als Kleinkinder. Ganz zu schweigen von den in den letztenKriegsmonaten Geborenen, die allenfalls vage Erinnerungen an die sptenNachkriegsjahre haben drften. Gerade in den einzelnen kindlichen Ent-wicklungsstufen weisen Wahrnehmung, Aufnahmefhigkeit, Urteilsver-mgen und emotionale Einordnung des Erlebten sehr groe Unterschiedeauf. Mchte man dem Phnomen nachspren, wie junge Menschen denKrieg durchlebten, scheint es sinnvoll, einen jeweils entsprechend krze-ren Geburten-Zeitrahmen zu whlen.

    Deshalb mchte ich bei den folgenden Erzhlungen, den geschildertenEpisoden und authentischen Berichten den Zeitkreis enger ziehen undmich auf die Kriegsgeneration beschrnken, die zwischen 1938 und 1943das Licht der in arge Unordnung geratenen Welt erblickte. 1940 geboren,erinnere ich mich vor allem an die beiden letzten Kriegsjahre und dieschwere Nachkriegszeit. Zahlreiche unvergessliche, oftmals dramatischeErlebnisse haben sich offensichtlich so tief in die kindliche Psyche einge-graben, dass sie sich immer noch deutlich vor dem geistigen Auge abzeich-nen. Und je intensiver ich mich mit dieser lngst vergangenen Zeit beschf-tige, umso mehr Bilder drngen mit erstaunlich klaren Details an die Ober-flche.

    Meine frhesten Erinnerungen reichen zurck in die Zeit, als ich so umdie drei Jahre alt war. Vage Bilder, Situationen, kurze Ablufe sind es, dieda auftauchen. Derlei Sequenzen werden ab dem vierten Lebensjahr zu-nehmend konkreter, detaillierter, umfangreicher. Ab diesem Alter nimmtdie Anzahl der Erinnerungsbilder stndig zu. Sie werden dichter, prziserund werden begleitet von Geruschen, von Lrm und Worten, von einerVielzahl unterschiedlichster Sinneseindrcke. Selbst Gerche sind im Ge-dchtnis erstaunlich gut haften geblieben. Nur ganz allmhlich gesellt sichzu diesen Wahrnehmungen zunehmend das gesprochene Wort. Es sind die

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  • berwiegend ganz persnlichen Erlebnisse, die ich hier aufzuzeichnen ver-sucht habe. Sie bilden die Grundlage dieses Buches. Dabei ist natrlich dieGefahr ziemlich gro, dass das eigene Erleben mit den Erzhlungen derEltern und Verwandten, mit den Familienfotos verschwimmt. Diese Gefahrhlt sich jedoch insofern in Grenzen, da in unserer Familie erstaunlicher-weise nur selten und dann auch nur eher andeutungsweise ber dieseschlimme Zeit gesprochen wurde.

    Gut 70 Jahre nach dessen Ende sind die Spuren des Zweiten Weltkriegsimmer noch nicht verweht, sind die Erinnerungen daran noch nicht gnz-lich verblasst. Die Verletzungen und Wunden von damals haben sich nurlangsam geschlossen und in Narben verwandelt. So gesehen leben wirnach wie vor in einer Art Nachkriegszeit. Die Auseinandersetzungen mitdem Krieg, seinen verheerenden Folgen und mit dem Nationalsozialismusbeeinflussen und bestimmen letztlich bis in die Gegenwart herauf die europische Politik, unser gesellschaftliches Miteinander und nicht zuletztauch unser kulturelles Leben. Es gibt kaum eine ffentliche Gesprchs-oder Diskussionsrunde, in der nicht auch die leidvolle Vergangenheit angesprochen wird. So lassen beispielsweise auch viele knstlerische Ar-beiten in ihrem Gegenwartsbezug Anspielungen auf die NS-Zeit erahnen.

    Umso merkwrdiger ist es, dass sich die Generation, die in dem gewhl-ten Zeitfenster geboren wurde, nach wie vor recht zurckhaltend undschweigsam zeigt. Und nun sterben sie langsam aus, die Kriegskinder. Allein zwischen 2012 und 2014 sind 1,4 Millionen Angehrige der 1930bis 1945 Geborenen verstorben. Rund 9,8 Millionen von ihnen leben noch.In wenigen Jahren werden die letzten Zeitzeugen der Kriegs- und Nach-kriegsjahre weg sein und den nachfolgenden Generationen hnlich fremderscheinen wie die Vertreter anderer lngst vergangener Zeitepochen.Wenn diese Generation nun geht, verliert sich auch das, was diese Frauenund Mnner erlebt haben: die Erinnerungen an dramatische Geschehnisse,an Angst und Schrecken, an Hunger und Not. Empfindungen und Bilder,die viele von ihnen tief in sich verschlossen hielten. Meist aus Scheu, dasseventuell alte seelische Wunden wieder aufbrechen knnten. Sicherlichaber auch aus dem Gefhl heraus, dass das Durchstandene wahrscheinlichniemanden interessieren wrde.

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  • Es ist schon einigermaen erstaunlich, dass sich die Betroffenen mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen nur selten, und wenn berhaupt, erstso spt zu Wort melden. Die Grnde dafr sind vielschichtig. Zum einenmag man es irgendwie als Aufgabe empfinden, gegen Ende des Erwachse-nenalters eine Art Bilanz zu ziehen, das Erlebte zu sortieren und einzuord-nen. Zum anderen hatten die meisten der zwischen 1938 und 1943 Gebo-renen eigentlich nie so recht Zeit, ber das Vergangene gro nachzuden-ken, eigene Befindlichkeiten zu reflektieren. Sie sind hineingeboren in eineEpoche, in der es vordringlich um das berleben ging. Sie haben als Kinderin der Regel gut funktioniert, lernten sich anzupassen, waren eher unauf-fllig. Die Schule wurde als groe Chance begriffen. Nach ihren Empfin-dungen und Erlebnissen hat zunchst niemand gefragt. Sie sind ins Berufs-leben eingetreten, haben beim Wiederaufbau zugepackt, haben eine Familie gegrndet, ein Haus gebaut und mit einem gewissen Selbstver-stndnis ihr Leben gemeistert. Die tglichen Anforderungen nahmen sievoll und ganz in Anspruch. Die Deutschen, die den Zweiten Weltkriegberlebten, gelten ganz allgemein als ausgesprochen tchtig, fleiig undgeradezu unverwstlich. Sie waren es schlielich, die das Land wiedernach vorne brachten. Da war keine Zeit, Erinnerungen nachzuhngen.Und jetzt sind sie alle in Rente. Die Kinder sind aus dem Haus. Und auf ein-mal stellen die meisten von ihnen fest, dass sich immer hufiger das Kindvon damals meldet. Vllig unerwartet kehren Erinnerungen zurck: dieNchte im Luftschutzkeller, die Zerstrungen, das Sirenengeheul. Bei man-chen drngen die schrecklichen Erlebnisse von Evakuierung, von Fluchtund Vertreibung aus den vermeintlich fest zugedeckelten Tiefen der Psyche an die Oberflche des Bewusstseins. Vor allem den Kindern in denStdten waren Angst, Hunger und Klte stndige Begleiter. Sie kanntenkein normales Leben. Das Spielen im Freien war zu gefhrlich, die Woh-nungen boten keinen ausreichenden Schutz. Viele Tage und Nchte muss-ten sie in Luftschutzkellern zubringen. Die Bilder von Not, Zerstrung undTod brannten sich als dramatische Bilder unauslschlich in die kindlichenSeelen. Die moderne Psychologie bezeichnet das als Traumatisierung.

    Vor allem in den lndlichen Gebieten, die vom direkten Kriegsgeschehennicht oder nur wenig berhrt wurden, blieben den Kindern der angespro-chenen Generation diese schlimmen Erlebnisse weitgehend erspart. Sie

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  • hatten kaum Not, hatten berwiegend ausreichend zu essen, hatten einDach ber dem Kopf und waren geborgen in ihren Familien. Der Krieg hin-terlie hier in den kindlichen Seelen keine groen bleibenden Schden.

    Das Schicksal der Kriegskinder verlief also individuell ganz unterschied-lich. Trotzdem haben sie eines gemeinsam: Der Krieg hat sie nachhaltiggeprgt.

    Derzeit jhren sich zum 70. Mal Kriegsende beziehungsweise Nach-kriegszeit, und deshalb berichten die Medien vermehrt ber diese tiefgrei-fenden Wendepunkte in der europischen Geschichte. Das mag auch einGrund dafr sein, dass in denen, die diese Zeit noch bewusst erlebten,lngst vergessen geglaubte Bilder wieder hochkommen, Erinnerungenwach werden. Allenthalben mischt sich auch das Bedrfnis dazu, Erlebtesan die nachkommende Generation weiterzugeben. Durchaus getragen vondem Empfinden, durch die Schilderung dieser harten Zeiten nachdenklichzu machen.

    Vielleicht ist es gerade in unseren Tagen wichtig, von den Schrecken desKrieges und seinen schlimmen Folgen, dem Elend, von ngsten und Ent-behrungen zu erzhlen. In Anbetracht der bengstigend vielen Krisenher-de, die zunehmend unseren gesamten Globus berziehen, der zahllosenFlchtlinge, die Schutz suchen vor Gewalt und Terror, knnten die Berich-te der Kriegskinder-Generation dazu beitragen, die Sinne der Nachgebo-renen zu schrfen fr den Erhalt des Friedens. Eines Gutes, das es unein-geschrnkt zu bewahren gilt.

    Wir kannten es nicht andersAch die armen Kinder! Was die im Krieg alles durchmachen mussten.Mitleid und Bedauern schwingen bei diesen Feststellungen mit, wenn sichdas Gesprch um unsere Generation dreht. Objektiv betrachtet mag dasauch durchaus zutreffen. Subjektiv, also aus dem Blickwinkel der zwischen1938 und 1943 Geborenen gesehen, trifft das verstndlicherweise eigent-lich nicht zu. Wir waren in diese schwere Zeit hineingeboren. Wir kanntenja nur den Krieg mit all seinen Begleiterscheinungen. Im Gegensatz zu un-seren Eltern waren uns die Vorzge einer angenehmen Friedenszeit nichtbekannt. Die Voraussetzungen fr ein abwgendes Vergleichen zwischender Kriegszeit mit all ihrem Elend, ihren vielfltigen Entbehrungen und

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  • einer harmonisch heiteren und sorglosen Friedenszeit war uns schlichtwegnicht mglich. Frieden hatten wir bis dahin eben nicht erlebt. Unser Lebenwar von den unmittelbaren Auswirkungen und den Folgen des Kriegsge-schehens bestimmt. Krieg war Alltag. Das Schlange stehen vor den Geschften war fr uns somit ganz normal. Im Gegensatz zu den Erwach-senen vermissten wir eigentlich nichts. Schokolade, Orangen und Bananengab es nicht und kannten wir nicht, also gingen sie uns auch nicht ab.Ebenso verhielt es sich mit dem Begriff Angst. Wir hatten eigentlich keineAngstgefhle, wenn die Sirenen heulten und der enge, stickige Luftschutz-raum im Kellergeschoss mglichst rasch aufgesucht werden musste. Ichempfand das immer eher als ein spannendes Spiel, eine Art Wettrennen inden Keller. Wir waren als Kleinkinder gar nicht in der Lage, die stets dro-henden Gefahren richtig einzuschtzen. Lediglich das eigenartige Verhal-ten der Eltern, vor allem der Mutter beunruhigte und ngstigte mich. Dieaufkommende Hektik, wenn im Volksempfnger die Marschmusik ver-stummte und stattdessen diese tiefen, traurigen Tne aus dem Lautspre-cher erklangen, berlagert von einer scharfen Stimme, die irgendetwasvermeldete, das ich nicht verstand. Verwirrend waren auch das Gejammer,das Klagen der Erwachsenen und ihre angstvollen Augen. Als kleines Kindkann man die Befindlichkeit der Menschen berwiegend nur aus derenMimik und Gestik schlieen. Das gesprochene Wort und die daraus sicherschlieenden Zusammenhnge lassen sich, bedingt durch die nur all-mhlich fortschreitende Entwicklung des rationalen Denkens, erst mit denJahren voll umfnglich ber die Sprache erfassen. So sind es also fast aus-schlielich stark beeindruckende Ereignisse, die in Form von Bildern undfilmartigen Ablufen im Gedchtnis haften bleiben. Eine nicht selten rela-tiv dichte Folge von ungewhnlichen oder dramatischen Ereignissen, wiesie Kriegszeiten unweigerlich mit sich bringen, hat sich in den Tiefen derkindlichen Psyche unauslschlich festgesetzt. Szenen, an die sich Erwach-sene vielleicht gar nicht erinnern, weil sie bestimmte Situationen andersbeurteilen als Kinder und damit auch anders einschtzen und empfinden.So erklrt sich auch, dass in den Kpfen der Kriegskinder in der Regel sehrviel mehr Bildmaterial abgespeichert ist, als bei Gleichaltrigen, die in ge-ordneten, vergleichsweise ruhigen Friedenszeiten aufwuchsen oder auf-wachsen.

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  • Wenn ich mich ganz bewusst an die Kriegszeit zu erinnern versuche, sotauchen vor meinem geistigen Auge zwar auch verschiedene feste Bilderauf, berwiegend jedoch filmartige Bildsequenzen unterschiedlicher Ln-ge. Eine zeitliche Zuordnung fllt dabei schwer, weil ich damals als Kindverstndlicherweise nicht in der Lage war, die Chronologie der Ablufeund Handlungen in eine folgerichtige Zeitstellung zu bringen. Nur durcheinen Abgleich des Erlebten, begleitet von meinen abgespeicherten Emp-findungen und Sinneseindrcken, wie Tag, Nacht, Klte, Schnee oder Son-ne mit den offiziellen Daten und historisch gesicherten Zeitangaben, gelang es weitestgehend, das Erlebte in einen chronologischen Kontext, ineine logische Abfolge zu stellen.

    Im Folgenden mchte ich nun versuchen, meine mehr oder weniger pr-zisen Erinnerungen an die Zeit zwischen etwa 1943 und der Whrungs -reform 1948 widerzugeben. Also meine ganz persnlichen Erlebnisse ausdiesen Jahren so zu beschreiben, wie ich sie damals als kleiner Junge emp-fand. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass meine Geschichten sozusagenlediglich exemplarischen Charakter haben knnen. Denn jedes Kind unse-rer Generation hatte natrlich seine ganz eigenen Erlebnisse. Die Gemein-samkeiten liegen wohl in den ueren Gegebenheiten, im Kriegsgeschehenund seinen vielfltigen Auswirkungen.

    Eltern in schwierigen ZeitenIm Gegensatz zu heute waren die Mtter damals fast ausnahmslos nichtberufsttig. Sie versorgten den Haushalt und kmmerten sich um die Kin-der. Kindergrten waren noch nicht blich, und die wenigen, die es gab,wurden in den letzten Kriegsjahren berwiegend geschlossen. Unverhei-ratete junge Frauen wurden als Flakhelferinnen (Flak = Fliegerabwehr -kanone) eingesetzt oder zur Produktion von Munition und anderemKriegsgert herangezogen.

    Die schier grenzenlose Zahl an vielfltigsten Fertiggerichten, die heutedie Arbeit in der Kche erleichtern und den Zeitaufwand beim Zubereitenvon Speisen auf ein Minimum reduzieren, gab es in dieser Zeit nicht einmalansatzweise. Die Hausfrau verbrachte in der Regel tglich viele Stundenam Herd, um aus den vergleichsweise wenigen Grundnahrungsmittelnschmackhafte und abwechslungsreiche Gerichte zu zaubern. Selbst die

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  • Babynahrung musste nach bewhrten Rezepten selbst gefertigt werden.Die Wsche, Kleidung und auch die Stoffwindeln wurden in der Wasch -kche im Keller ausgekocht, am so genannten Waschtisch krftig mit Seifegebrstet, im kalten Wasser geschwenkt, ausgewrungen und zum Trock-nen auf die Wscheleine gehngt. Knochenarbeit. Waschmaschine, Trock-ner, Geschirrsplmaschine, Fn und Kchenmaschinen Fehlanzeige.Hausfrau und Mutter war ein absoluter Fulltimejob. Und nachdem die weitberwiegende Mehrheit der Mnner zum Kriegsdienst eingezogen war,lastete darber hinaus auch noch die gesamte Verantwortung fr die Familie auf den Schultern der Frauen und Mtter. Zu der tglichen Sorgeum das berleben der Kinder und der Alten gesellte sich die stndige Angstum ihre Mnner, Brder und Vter. Viele Frauen mussten in diesen schwe-ren Zeiten mit auerordentlichen Herausforderungen fertig werden. Vorallem in den Stdten, die unter den frchterlichen Bombardierungen undden schlimmen Auswirkungen eines erbarmungslosen Krieges vergleichs-weise am meisten litten.

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    1| Kriegshilfsdienst 1944, Scheinwerferbatterie zum Erfassen feindlicher Flugzeuge beiNacht, vielfach Frauenarbeit

  • Die weit berwiegende Anzahl der wehrfhigen Mnner, unserer Vter,war zum Kriegsdienst einberufen worden. Sie sahen ihre Familien nur ganzselten. Je hher in den letzten Kriegsjahren die Verluste an der Front wur-den, umso mehr Mnner wurden zu den Waffen gerufen. Jetzt bliebenauch die Bauern und Knechte nicht mehr verschont, die bisher wegen derdringend notwendigen Produktion von Lebensmitteln auf den Hfen unabkmmlich schienen. So wurden nun vor allem die unverheiratetenjungen Frauen und Mdchen in die vakanten Arbeitspltze gezwungen.Sie arbeiteten berwiegend in der Landwirtschaft und in der Rstungsin-dustrie. Bald schon gab es in den Grostdten nur noch Trambahnschaff-nerinnen, sa eine Frau im Leitstand der Lokomotive. Schlielich wurdesogar das Beschftigungsverbot fr verheiratete Frauen aufgehoben unddurch ein Pflichtjahr in der Haus- oder Landwirtschaft ersetzt.

    Vater und MutterMein Vater Rupert Berndl kam 1909 als Sohn eines Zollsekretrs in Ludwigs-hafen am Rhein, also in der zu dieser Zeit bayerischen Pfalz, zur Welt. Nachwenigen Jahren wurde mein Grovater an die Zollstation nach Eisenstein ander Grenze zur Tschechoslowakei versetzt.

    Im Anschluss an die Volksschule besuchte Vater die Glasfachschule in Zwiesel. Die Ausbildung hier musste er jedoch nach einigen Jahren wieder ab-brechen, da Grovater an das Hauptzollamt in Passau versetzt wurde. Die Familie zog in ein Haus in der Lederergasse, das bald schon erworben werdenkonnte. Nach dem Abschluss einer Zimmererlehre wurde Vater an einer Inge-nieurschule in Regensburg ausgebildet. Als junger Bauingenieur war er zunchst beim Bau der Autobahn am Chiemsee und einige Zeit spter beimBau des Krankenhauses in Passau beschftigt, ehe er als Beamter in die Diens-te der Deutschen Reichsbahn eintrat. Bald nach Kriegsbeginn wurde ihm dieLeitung eines Bauzugs bertragen, den er in den Kriegsjahren im Rang einesOberleutnants bei den Eisenbahnpionieren fhrte. Hier im Osten bestand seineund seiner Mnner Arbeit vor allem im Umspuren der breiteren russischenSpur auf die schmlere westeuropische Spur breite, um den Nachschub mitallen mglichen Gtern zur Front zu gewhrleisten. Demzufolge waren die Eisenbahnbauzge stets unmittelbar hinter der vordersten Front im Einsatz.

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  • Die Gefahren, die damit verbunden waren, lagen auf der Hand und waren natrlich auch meiner Mutter sehr bewusst.

    Vaters Bauzug musste aufgrund der militrischen Lage im Winter1944/45, wie alle anderen militrischen Einheiten auch, den Rckzug antreten. Die extreme Klte und der viele Schnee setzten ihm und seinen Leu-ten arg zu. Sie kamen durch die weiten Ebenen Russlands nur langsam voranund landeten endlich im ausgehenden Winter 1945 in Regensburg. Hier wardiese Eisenbahnpioniereinheit zusammengestellt worden und hier endete zu-nchst auch ihr Einsatz. Zurckgekehrt nach Passau, hatte Vater mit einemTeil seiner verbliebenen Mannschaft dafr zu sorgen, dass die Gleisanlagenhier einigermaen betriebsbereit blieben. Vor allem nach den stndig zuneh-menden Bombenangriffen auf den Passauer Bahnhof hatten die Zerstrungenin dessen Umgriff ein Ausma angenommen, das vernnftige Reparaturar-beiten kaum mehr zulie. Zudem mangelte es an den ntigen Maschinen,Transportmitteln und Baumaterialien.

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    2| Bauzug bei Umspurarbeiten, Nhe Swerdlovsk, Russland

  • Meine Mutter Ida Berndl, geborene Riedl, wurde 1910 als Tochter eines Eisenbahninspektors geboren und wuchs in Pfarrkirchen auf. Sie besuchtedort die Hhere Mdchenschule. Nach deren Abschluss zog sie mit ihren Elternnach Passau, die eine Dienstwohnung am Spitzberg bezogen hatten, und fandAnstellung bei einer Spedition. Nach wenigen Jahren aber wurde sie 1937dann der Hitlerjugend (HJ)-Dienststelle Passau zugewiesen. Diese leitete da-mals Herr Wirthensohn, den Erzhlungen meiner Mutter nach ein sehr ange-nehmer, menschlicher Vorgesetzter. Mehrfach musste sie an HJ-Ferienlagernder jngsten Gruppe als Betreuerin teilnehmen und war fr die kleinen Bubenoftmals Mutterersatz, wenn diese das Heimweh allzu sehr plagte. Eng verbun-den mit der HJ-Dienststelle scheint der in dieser Zeit von offizieller Seite alsrecht aktives Mitglied der NSDAP geschtzte Lehrer Max Mattheis zu sein. Seine meist in Mundart verfassten Gedichte und Erzhlungen passten wohlinhaltlich und sprachlich in das zweifelhafte Weltbild der nationalsozialisti-schen Machthaber. Da meine Mutter unsere niederbayerische Mundart inWort und Schrift beherrschte, wurde sie von Fall zu Fall dazu abgestellt, dieTexte von Max Mattheis druckreif in die Schreibmaschine zu tippen.

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    3| Mutter mit Kinderwagen, Passau Angerstrae

  • 1936/37 hatten sich meine Eltern kennengelernt und gingen 1938 denBund der Ehe ein. 1940 erblickte ich das Licht der Welt. Mitten im Krieg. Ichwuchs ohne Geschwister auf, was ich eigentlich immer bedauerte. Alle meineSchulkameraden hatten Brder und Schwestern. Ich nicht. Ich beneidete sie,aber manch einer beneidete wiederum mich. Vor allem, wenn es, was auch im-mer, zu teilen galt.

    Jugend und Erziehung whrend der NS-ZeitBei allen Urteilen ber die Ansichten der Kriegskinder-Generation und diewertende Einschtzung ihres Sich-Einfgens in die Gesellschaftsordnungnach Kriegsende, darf man nicht auer Acht lassen, dass viele der Jungenund Mdchen ideologisch vorgeprgt waren. Denn in einem Gesetz von1936 wurde verpflichtend festgelegt, dass die gesamte deutsche Jugendin der Hitlerjugend zusammengefasst wird. Der Verband fr die Jungennannte sich Hitlerjugend (HJ), fr die Mdchen wurde der Bund Deut-scher Mdel(BDM) eingefhrt. Diese Einrichtungen bernahmen die ge-samte Erziehung auerhalb des Elternhauses und der Schule. Auf diese

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    4| BDM und HJ, Passauer Spielschar, Frstenzell

  • Weise wurde die Freizeit der Kinder total kontrolliert und zur Vermittlungnationalsozialistischer Ideologien missbraucht. Zentrales Anliegen der nationalsozialistischen Erziehung war die Vorbereitung auf den Einsatz imKrieg, entweder als Soldat oder als Hausfrau und Mutter an der so genann-ten Heimatfront. Zur Umsetzung dieses Zieles war der NS-Staat bestrebt,die Erziehung der Kinder und Jugendlichen der Einflussnahme durch dasElternhaus zu entziehen und auf staatliche Institutionen zu verlagern. Vorallem Eltern, die das Naziregime in ihrem Innersten ablehnten, sollte wei-testgehend jede Mglichkeit genommen werden, ihre Kinder entsprechendzu beeinflussen. In vielen Familien wurden kritische uerungen zum politischen Geschehen vor den Kindern vermieden. Zu gro war die Angstvor unbedachten Bemerkungen der Kinder in der Schule und in den Jugendverbnden. Die Furcht vor einer unbeabsichtigten Denunziationwar gro.

    Anfang 1939 wurden smtliche zur HJ in Konkurrenz stehende Jugend-organisationen, vor allem die kirchlichen, verboten. Gleichzeitig erklrteman die Mitgliedschaft in der HJ und die Teilnahme an deren Veranstal-tungen, wie Sportfesten, Heimabenden, Ausflgen und mehrtgigen Fahr-ten, zur Pflicht. Natrlich bten Sommerlager und hnliche Aktivittenauf die Jugendlichen, die ansonsten Ferienfahrten nicht kannten, einen besonderen Reiz aus. Gefhrt wurden die Kindergruppen von lteren Jugendlichen. Nicht selten herrschte hier ein militrischer Drill.

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    5| HJ, Zug mit Trommlern, Passau

  • Auch in anderen Bereichen wurden die Kinder und Jugendlichen ver-pflichtend eingesetzt. Hufig wurden sie auf die Strae geschickt, umscheinbar kriegswichtige Sammlungen durchzufhren. Dabei wurde nichtnur Geld, sondern auch Kleidung fr Bedrftige und Wintersachen fr dieFrontsoldaten gesammelt. Sie trugen Altmetall zur Wiederverwertung inder Rstungsindustrie zusammen und sammelten Kruter, wie Arnika, Kamille und Brennnessel, zur Herstellung von Arzneien und Salben. Dieim BDM organisierten Mdchen wurden als Aushilfskrfte in Kindergrtenund Lazaretten verpflichtet oder sprangen wegen des zunehmenden Leh-rermangels als Hilfslehrerinnen ein. In den letzten Kriegswochen wur-den Hitlerjungen sogar zum Wehrdienst herangezogen und als Flakhelfereingesetzt. Zu Beginn des Jahres 1940 wurden schlielich auch die 10 bis14-Jhrigen in die Kinderverbnde der HJ gezwungen. Die Buben warenim Jungvolk, die Mdchen im Jungmdelbund organisiert. Dabeimussten die Kinder bei ihrer Aufnahme in einen der Verbnde den Treue-schwur auf den Fhrer ablegen und bekamen einheitliche Uniformen zu-geteilt. Wer keiner dieser Organisationen angehrte, war in der Berufswahlstark eingeschrnkt beziehungsweise durfte nicht studieren. Jdische oderbehinderte Kinder und Jugendliche wurden nicht in die HJ aufgenommen.

    Sicherheit fr Grostadtkinder die KinderlandverschickungBereits ein Jahr nach Kriegsbeginn musste die Regierung erkennen, dassvor allem die deutschen Stdte mit Einrichtungen der Rstungsindustrieoder solche, die als Verkehrsknotenpunkte bedeutsam waren, vom Bom-benkrieg besonders bedroht waren. Folglich setzte ab Ende 1940 die Eva-kuierung der Kinder aus den gefhrdeten Orten ein. Diese vorsorglicheManahme bezeichnete man als Kinderlandverschickung. Das WortEvakuierung vermied man ganz bewusst, um keine ngste aufkommenzu lassen. Oftmals wurden ganze Klassenverbnde in Jugendherbergen,Klster und Schulen auf dem Land verfrachtet. Kleinere Kinder brachte dieso genannte Volkswohlfahrt in Pflegefamilien unter. Verstndlich, dassdie Trennung von der Familie stets mit viel persnlichem Leid verbundenwar. Zunehmend weigerten sich die Mtter, ihre Kinder unbekanntenFremden anzuvertrauen. Insgesamt wurden bis Kriegsende ber zwei Mil-lionen Kinder auf diese Weise evakuiert.

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  • So gesehen hatte ich einfach groes Glck, dass ich die Kriegsjahre inder kleinen, strategisch wenig bedeutsamen Stadt Passau verbringen durf-te. Wohlbehtet und umsorgt von meiner Mutter. Die Beziehung zwischenuns beiden war verstndlicherweise sehr eng.

    FronturlaubIn den Kriegsjahren befand sich Vater mit seinem Bauzug in Russland undkam hchstens zwei mal im Jahr nach Hause. Manchmal blieb er zwei Wochen hier, meistens jedoch fiel der Urlaub krzer aus. Im Sommer 1943war er, bis zum Rckzug gegen Ende des Jahres 1944, zum letzten Mal aufHeimaturlaub bei uns. In einem Rucksack und seinem hlzernen Offiziers-koffer hatte er allerhand Lebensmittel mit nach Hause transportiert. Mehl,Zucker, Konserven, Fett in Dosen. Fr Mutter wahre Schtze in diesen Not-zeiten. Schtze, die fr mich als kleiner Dreiksehoch jedoch vllig un-wichtig waren. Ich interessierte mich nur fr die Bonbons, die Vater auchmitgebracht hatte. Die waren echt von allergrter Bedeutung. Bunt wa-ren sie und eingewickelt in durchsichtiges Papier. Derlei Leckereien warenmir vllig fremd. Sigkeiten gab es bei uns schon einige Zeit nicht mehr.Wahrscheinlich habe ich Papa mit vielen Fragen zu den Bonbons gelchert,denn wenn ich auf seinem Scho sa, erzhlte er mir viel ber die Bonbonsund ihre Entstehung. Er berichtete von einer groen Fabrik mit hohen Tr-men, in die ber einen riesigen Trichter stndig Zucker eingefllt wurde,und von vielen Rdern, die sich ohne Unterlass drehten, worauf untendurch eine glnzende ffnung Tag und Nacht diese herrlich sen, farbi-gen Bonbons herauspurzeln wrden. Dann sprach er von Getreidefeldern,deren Ende man wegen ihrer unermesslichen Gre nicht sehen konnte.Diese wenigen, mrchenhaft klingenden Erzhlungen konnte ich mit mei-ner kindlichen Phantasie erfassen. Sie beschftigten mich offensichtlichso sehr, dass sie sich zu phantastischen Bildern formten, die sich bis heutebewahrt haben. So verband sich bei mir mit dem ansonsten recht abstrak-ten Begriff Krieg, in den mein Vater nach wenigen Tagen wieder ziehenmusste, eher Angenehmes. Umso weniger verstand ich Mutters Abschieds-trnen, als wir dem Zug nachwinkten, in dem Vater ins schiere Schlaraf-fenland zurckkehren durfte. Bonbons in Flle, reichlich zu essen, riesigeKornfelder. Ebenso wenig konnte ich Mutters ngstliche Reaktion richtig

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  • einschtzen, wenn gelegentlich ein Brief von der Front kam. Weder ihreTrnen noch ihren Kummer konnte ich deuten, der dann immer aus ihrenAugen sprach. Verstehen konnte ich Mutters Reaktion zwar nicht, aber esmachte mich auch traurig.

    Irgendwann kam dann ein Brief an, der Mama in helle Aufregung ver-setzte. Papa hatte die Ruhr, eine lebensbedrohliche Infektionskrankheit.Er rang mit dem Tod. ber lange Wochen hrte Mutter nur von Dritten,dass Papas Gesundheitszustand unverndert sei. Bis dann nach etwa dreiMonaten die erlsende Nachricht von einem seiner Kollegen berbrachtwurde, dass er sich auf dem Weg der Besserung befnde. Er hatte es ge-schafft, wie er kurz darauf selber schrieb. Viele Jahre spter, als ich lngstin der Lage war, die Zusammenhnge zu begreifen, erzhlte mir Vater vondieser leidvollen Zeit, als er zwischen Leben und Tod schwebte. Einem russischen Kriegsgefangenen, der zusammen mit einer groen Anzahl anderer Vaters Bauzug als Zwangsarbeiter zugewiesen war, hatte er seinLeben zu verdanken. Der verstand es nmlich, ihn mithilfe eines altbe-whrten russischen Hausrezeptes zu heilen: Speck und Schnaps. Nicht nuraufgrund dieses Erlebnisses sprach Papa Zeit seines Lebens mit Respektvom russischen Volk. Zumindest jene, die bei ihm arbeiteten, schilderte erals hilfsbereit, fleiig und dankbar. Den Leuten ging es offenbar vergleichs-weise gut bei Vaters Bauzug. Sie mussten zwar krperlich schwer arbeitenwie die gesamte Mannschaft, bekamen aber die gleiche Verpflegung wiedie Eisenbahnpioniere. Auerdem sorgte Papa dafr, dass sie, untermanchmal nicht ganz legaler Umgehung eines entsprechenden Verbotes,warme, vor der extremen Klte in den Wintermonaten schtzende Klei-dung bekamen. Einigen von ihnen hat er vielleicht auch das Leben gerettet,da er sie als dringend erforderlich fr die planmigen Umspurarbeitendeklarierte und sie damit vor einer berstellung in eines der Gefangenen-lager bewahrte, in denen allzu viele Gefangene zugrunde gingen. ObwohlVater recht hufig von seinen Kriegserlebnissen berichtete wahrschein-lich um seine dramatischen Erlebnisse auf diese Weise zu verarbeiten sprach er ber diese Umstnde und Begebenheiten so gut wie nie. Dass sei-ne Erzhlungen jedoch der Wahrheit entsprachen, wurde durch ein Erleb-nis besttigt, an das ich mich wegen seiner Auergewhnlichkeit noch guterinnern kann.

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  • Rupert Berndl, 1940 in Passau geboren, schildert ausder Sicht eines Kindes anhand einzelner Episoden undErinnerungsbilder die Zeit der letzten Kriegsjahre, erzhlt von Bombenalarm und Luftschutzkeller, vonAngriffen der Tiefflieger und Hamsterfahrten, berichtetvon den Wirren des Umbruchs und der Not der Nach-kriegszeit bis hin zur Whrungsreform 1948. Dabei

    zitiert er einzelne Erinnerungsbilder, beschreibt Erlebnisse und Episoden,wie er sie als Kind erlebt hatte. Geschehnisse, wie sie wahrscheinlich diemeisten der zwischen 1938 und 1943 Geborenen in groer individuellerVielfalt erlebten und die sich tief in die kindliche Psyche eingegraben haben.Zum besseren Verstndnis der allgemeinen Lebensumstnde in diesem Zeit-raum beschreibt der Verfasser aber auch die jeweiligen politischen und geschichtlichen Gegebenheiten und Hintergrnde. Im Anhang finden sichexemplarisch etliche interessante Rezepte aus diesen Notzeiten, die deutlichmachen, mit welchem Einfallsreichtum es den Hausfrauen und Mttern immer wieder gelang, aus den wenigen, rationierten Lebensmitteln wohl-schmeckende Gerichte zu zaubern.

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