Zur pathologischen Beeinflussung des Oberkieferwachstums —speziell vom chirurgischen Standpunkt

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  • Joachim und Elsa Gabka, Zur patholog. Beeinflussung des Oberkieferwachstums usw. 239

    diluviale Mensehenkind genau dieselbe Bedeutung gehabt wie fiir das rezente Mensehenkind heute der Durehbruch des 1. Molaren mit dem 6. Lebensjahr.

    AbsehlieBend zu diesem Thema sei mir gestattet, die Wiedergabe einer Rekon- struktion des kindliehen Unterkiefers E I I yon Ehr ingsdorf /Weimar zu bringen (Abb. 13). So h/itte der Unterkiefer ausgesehen, wenn nieht post mortem die reehte Seite und die Z/ihne im linken Seitenzahngebiet verlorengegangen wfiren.

    P~ M. M~ M~ #n Durchbruch, '{ ( L._J~

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    Abb. 13. Unterkiefer Ehringsdc*rfII. bpie~zelbildlieh rek~mstruiert yon ],:Stzschke. l/ekon~truiel'te Teile sind leicht getSnt

    $chrffttum 1. Virehow. H., Dis mensehliehen Skelettreste aus dem I~mpfesehen Brmh im Tra-

    vertin yon Ehringsdorf bei Weimar. Jena 1920. - - 2. Weinert . H., Der Seh/idel des eis- zeitliehen Mensehen yon Le Moustier. Berlin 1925. - - 3. Gor janowid -Kramberger , Der diluviale Menseh yon Krapina. Wiesbaden 1909.

    An~chrift des Verf. : I ludolstadt/Thi ir i l lg(m, August-]3ebel-Str. 15

    Aus der Kieferehirurgiseh-orthoptidischen tteilstg~tte SchloB Whalhvitz bei Leipzig ((]hefarzt : Prof. Dr. Dr. Wol fgang gosentha l )

    und aus der Universitt~tsklinik ftir Kiefer- und Gesichtsehirurgie der 0harit6 Berlin (Direktor: Prof. Dr. Dr. Wol fgang Rosenthal)

    Zur pathologischen Beelnflussung des Oberkieferwaehstums -- speziell vom ehirurgisehen Standpunkt 1)

    1. Teil

    Yon Doz. Dr. Dr. reed. habil. Joachim Gabka und Dr. Dr. reed. Elsa Gabka, Berlin

    Mit 86 Abbildungen

    Jeder EinfluB, der zu einer Hemmung oder einer unphysiologischen FSrderung des Oberkieferwachstums ffihrt, ist von ausschlaggebender Bedeutung fiir die Gestaltung des Mittelgesichts. Eine Abweichung yon der normalen Entwick lung

    1/Preisar'oeit, eingereieht zum wissenschaftlichenWettbewerb der ,,Deutschen Gesellschaft fiir Kieferorthopgdie" (Abgabetermin 1. April 1956).

    16"

  • 240 Fortschritte der Kieferorthop/~die Bd. 18 It. 3 (1957)

    hat gerade hier weittragende Bedeutung. Wir wissen, dab ganz allgemein gesehen die k6rperliehe Verfassung eines Mensehen yon Kindheit an sein psyehisehes Verhalten bestimmt. Ob ein Menseh in irgendeinem Sinne sehSn oder hgl~heh ist aueh wenn es sieh um ein k6rperliehes Gebreehen handelt -- er wird unter stgndigem Kontakt fiir die Art des Gefiihls seines Iehs, naeh seiner kSrperliehen Erseheinung also, modelliert werden und wird mit seinem -4ugeren seeliseh ver- waehsen, so dab K6rpergestalt und Seele letztlieh zusammengeh6ren, ,,aueh wenn sie es in ursprtinglieher Bildung gar nieht w/iren" ( Jaspers). Es wird also dureh rein kSrperliehe Deformierungen die iiugere Gestalt eines Mensehen veriindert, die Physiognomie also sekundgr wesentlieh beeinflul3t, woraus oft eine erhebliehe Ver- i~nderung der individuellen Pers6nliehkeit des betroffenen Mensehen resultiert.

    Da der Aufbau des Gesiehtssehi~dels und damit der formgewordene Ausdruek des Individuums sowohl von endogenen als aueh yon exogenen Einfliissen ab- hiingig ist, wird es immer eine der Hauptaufgaben der therapeutisehen Forsehung sein, die kausalen Zusammenhgnge des jeweiligen Leidens zu eruieren. Es ist daher versti~ndlieh, dab gerade im Hinbliek auf die therapeutisehe Beeinflussung die Forsehung der exogenen Krankheitsursaehen in den letzten Jahren in den Vordergrund geriiekt ist. Hier hat es sieh nun gezeigt, dab wir heute nieht mehr exakt endogene und exogene Faktoren voneinander abgrenzen k/Snnen, die gleieh den Begriffen Erbmasse und Umwelteinfliisse in ihrer Auswirkung oftmals kon- fluieren. Gerade unsere modernen genetisehen Arbeiten beriehten immer wieder yon den iiberrasehenden experimentellen Ergebnissen, die fast iibereinstimmend aussagen, dag Anlage und guBerer EinfluB die jeweilige Entwieklung zusammen beeinflussen, und es entspreehend der daraus resultierenden Konstitution in dem einen Fall zu einem {~'berwiegen der exogenen Umwelteinfliisse kommt, im an- deren jedoeh die vererbte endogene Disposition so stark ist, dab die Reizsehwelle fiir die Wirkung der yon augen kommenden Sehiiden nieht iibersehritten wird.

    Unsere Arbeit unternimmt nun den Versueh, Formver/inderungen des Ober- kiefers zu bespreehen, die dureh versehiedene Krankheitsbilder endogenen und exogenen Charakters zustande gekommen sind. Wir konnten hierbei nur aus- wghlend vorgehen, da die Fiille des Themas dazu zwingt, bestimmte Grenzen zu ziehen. Wir haben uns einzelne Gruppen und Fiille herausgegriffen, die besonders zu morphologisehen Umwandlungen neigen und deren kausale Zusammenh/inge offensiehtlieh sind.

    Vonder kieferorthopgdisehen Therapie wissen wir, dab naeh MSgliehkeit ein funktioneller Reiz im Knoehengewebe gesetzt wird, der unter dem Einflug der muskultiren Beanspruehung die beteiligten Knoehenbglkehen mikrodimensional beeinflugt. Es kommt dadureh zu einer Ersehfitterung der angrenzenden Kno- ehenzellen die ihrerseits gezwungen sind, einen Umbauprozeg durehzumaehen. Roux sieht darin das Wesen des funktionellen Reizes im Knoehensystem, und wir bezeiehnen es als ein {)bersehreiten der spezifiseh-physiologisehen Reiz- sehwelle. Zu einer morphologisehen Vergnderung des Knoehens - also aueh zu einer Deformierung - mug in jedem Fall ein bestimmter Sehwellwert erreieht werden. Wird jedoeh bei dieser Umgestaltung der Reiz dann untersehwellig, h6rt die Knoehenumbildung auf und es tritt ein Ruhestadium ein, d.h. also, dab die sog. funktionelle Anpassung vollzogen ist. Diese besonders yon der Hi*upl- sehen Sehule pathohistologiseh gesieherten Tatsaehen beweisen, dab zur thera- peutisehen Beeinflussung immer ein gewisser stiirkerer Reiz vorhanden sein muB, ebenso wie nur ein soleher in der Lage ist, eine morphologisehe Veriinderung des Mittelgesiehts hervorzurufen.

  • Joachim und Elsa Gabka, Zur patholog. Beeinflussung des Oberkiefcrwachstums usw. 941

    Grunds~tzlieh kann dieses Thema jedoch nieht nur vom Blickpunkt der Orthodontie beleuehtet werden. Es liegt vie]mehr im ~Vesen der funktionellen Entwicklung, dab sieh die vielfaltigsten Einflfisse und pathologischen Geschehnisse auf den Gesiehtssch~tdel und besonders auf die Bil3verh~ltnisse auswirken k6nnen. Gerade hier mul~ beaehtet werden, dal3 auch im Kiefer-Gesiehtsbereieh mit Phanokopien, d. h. mit gestaltliehen Ver~nderungen durch eimrandfreie ~uBere Reize gerechnet werden mug, die man bislang nur endogenen Einfltissen zusehrieb. Durch die bisher in dieser Richtung getatigten Experimente, die sieh besonders am Gesichtsseh~tdel auswirkten, konnten beispielsweise pathologische Form- ver~tnderungen, wie eine Azephalie, Anenzephalie, eine Zyklopie, die verschie- densten Spaltbildungen, F~lle yon Dysostosis mandibu]ofaeialis nsw. hervor- gerufen werden. So gelang aueh den Verfassern, wie an anderer Stelle ausftihrlieh berichtet werden wird, die Erzeugung verschiedener Ph~nokopien durch die Toxo- p]asmose bei M~usen und Ratten. Insbesondere fiel dabei die H~ufung yon Chei]o- und Uranosehismen auf sowie interessanterweise verschiedene sehwerere Xiefer- anomalien. Hinsiehtlieh der Atio]ogie und Genese der pathologischen Bil3formen miissen wir heute also mit einer Summe vieler Faktoren reehnen und mit Fak- toren, die teilweise sehon intrauterin zur Entfaltung kommen.

    ~Venn wir in dieser Arbeit die Einfltisse der versehiedensten Krankheitsbilder auf den Oberkiefer bespreehen, so sol] dieses nur im Hinb]iek auf die Verquickung der somatischen Medizin und der Psyehopathologie mit besonderer Beriicksieh- tigung der Entwieklungsgesehichte geschehen. ~Vir m/issen uns darfiber klar sein, dal] die sog. Anomalien pathologisch-anatomische Ver~nderungen der nor- malen Morphologie des K6rpers sind, die im Hinblick zur Teratologie, zu der sie jg an sieh gerechnet werden miissen, fiber die physiologisehe Variationsbreite des Individuums hinausgehen und somit - wenn aueh die VaI'iabilit/i~ keil~e enger~ Grenzen setzt gewisse Funktionsst6rungen mit sieh bringen mfissen. Die bio- genetisehe Entwieklung dieser Abnormit/iten 1/tBt sieh nun jedoeh nicht dureh eine einmalige Inspektion oder Diagnoseste]lung abseh/itzen. Gerade die exakten Forsehungen yon Baume, Korkhaus . A. M. Schwarz , die zmn Studium der Entwieklungsvorg~mge der endogenen und exogenen Einflfisse auf die Kieferform als exakteste Methode Reihenuntersuehungen -- gewissermaBen .,Zeitlupen- aufnahmen der Entwieklung" - heranzogen, haben unser therapeutisches Riist- zeug erheblieh erweitert. Dieser Gesiehtspunkt erseheint uns yon gr6Bter Be- deutung; wir sind deshalb iihnlieh wie diese Autoren vorgegangen.

    Vom chitin giseh en Standpunkt aus fielen uns bestimmte Kieferanomalien auf, die oft die Psyche des Patienten tangierten. Wir entsehlossen uns daher, im Rahmen dieser Arbeit insbesondere aueh die Einfliisse unserer thergpeutisehen MaBnahmen, n~mlieh die der ehirurgischen Eingriffe und Plastiken auf die Kiefer-Ge- sichtsschadel zu zeigen und dureh zwei Spezialreihenuntersuehungen zu erg/~nzen.

    Wenn die Allgemeinprophylaxe auch das Ziel jeder Therapie sein wird, ist gerade die Problematik dieses Themas so aul3erordentlieh vielf/iltig und diffiziler Natur, dab wir - wie aus den sp/iter zu besehreibenden Ffillen ersiehtlieh wird -- leider nieht immer sagen k6nnen, dab man der prophylaktisehen Forderung ge- reeht wird. Bei manehem Fall h/itten termingereehte, d. h. entweder friihere oder spiitere Eingriffe weitgehende Besserungen gebraeht und eine Entstellung ver- mieden. Diese Fehlgriffe hier besonders kritiseh herauszustellen, ist ein Haupt- zweek unserer Arbeit. In der Folge wollen wir nun die einzelnen Krankheitsbilder, die wir jedoeh nur ganz kurz umreigen, bespreehen und dabei die teils f6rdernden, teils hemmenden Einflfisse auf das Oberkieferwaehstum besonders herausarbeiten.