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Sprache und Sprachwandel im 20. Jahrhundert Annatina Seifert Wintersemester 2002 / 2003 5. Semester Prof. Christa Dürscheid Feldmoosstrasse 3 Thema: Politische Sprache 8800 Thalwil Politische Sprache – Theoretische Überlegungen und Analyse einer Bundesratserklärung vom 25. Juni 1940 Thalwil, den 31. März 2003

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  • Sprache und Sprachwandel im 20. Jahrhundert Annatina Seifert

    Wintersemester 2002 / 2003 5. Semester

    Prof. Christa Dürscheid Feldmoosstrasse 3

    Thema: Politische Sprache 8800 Thalwil

    Politische Sprache – Theoretische Überlegungen

    und Analyse einer

    Bundesratserklärung vom

    25. Juni 1940

    Thalwil, den 31. März 2003

  • 2

    1. Einleitung 03

    2. Theoretische Aspekte 04 2.1 Funktionen politischer Sprache und ihr Verhältnis zum politischen

    System 04

    2.2 Ziel und Nutzen der sprachwissenschaftlichen Analyse politischer

    Reden 07

    2.3 Die Bundesratserklärung 08

    3. Beispielanalyse: Die Pilet-Rede 09 3.1 Geschichtlicher Hintergrund und konkret-historische Situation 10

    3.1.1 Die Weltlage und die Situation der Schweiz 10

    3.1.2 Die konkret-historische Situation und die Person Pilet-Golaz‘ 11

    3.2 Linguistische Analyse der Pilet-Rede 12 3.2.1 Schlüsselbegriffe 12

    3.2.2 Rhetorische Figuren 14

    3.2.2.1 Lexikalische Figuren 14

    3.2.2.2 Syntaktische und gedankliche Figuren 16

    3.2.3 Argumentationsanalyse 18

    3.3 Wirkung und Redekritik 19

    4. Schluss 22

    Bibliographie 25

    Anhang: Radioansprache von Pilet-Golaz 28

  • 3

    1. Einleitung „Es waren mutige, nach aussen würdig, nach innen väterlich klingende Worte [...]“ (National-

    Zeitung, 26. Juni 1940). „Der Bundesrat möge uns in einer klaren und weniger blumenreichen

    Sprache sagen, was er will [...]“ (Berner Tagwacht, 27. Juni 1940.) „[...] wirklich kraftvollen

    Äusserungen unserer Landesbehörde [...]“ (Leserbrief in der Neuen Zürcher Zeitung, 29. Juni

    1940.) „Im ganzen hätte die bundesrätliche Rede über das Zu-viel-Reden kürzer sein können

    und dafür aufschlussreicher.“ (Berner Tagwacht, 26. Juni 1940.) - Widersprüchlicher als diese

    Kommentare zu einer Radioansprache vom 25. Juni 1940, gehalten vom damaligen

    schweizerischen Bundespräsidenten Marcel Pilet-Golaz1, könnten die Pressereaktionen auf

    eine Politikerrede kaum sein.

    Solch unterschiedlichen Deutungen stellen keinen Einzelfall dar, sondern sind für politische

    Reden symptomatisch. Weshalb diese Widersprüche und unterschiedlichen Interpretationen

    ein und derselben Rede? Eine mögliche Antwort auf diese Frage könnte in der sprachlichen

    Realisierung der Rede gesucht und – wie ich in dieser Arbeit zu zeigen versuchen werde –

    gefunden werden.

    Die angeführten Beispiele zeigen, dass die Rede eines Politikers nicht von allen Rezipienten

    gleich interpretiert wird. Da sich politische Kommunikation im Allgemeinen und die Form

    der politischen Rede im Besonderen primär in sprachlicher Form konstituiert, beschäftigt sich,

    neben anderen Wissenschaften wie der Soziologie oder der Politologie, auch die

    Sprachwissenschaft mit diesem komplexen Bereich: Ein Zweig der angewandten Linguistik,

    die sogenannte Politolinguistik2, beschäftigt sich mit der Analyse, Kategorisierung,

    Typisierung, Dokumentation und Kritik der Sprache der Politik. Im Rahmen dieser

    empirischen Forschungsrichtung möchte ich mich mit der Problematik politischer Sprache

    auseinandersetzen. In einem ersten Teil werde ich einige theoretische Aspekte der politischen

    Sprache untersuchen und dabei Fragen nach den Funktionen der politischen Sprache, nach

    ihrem Verhältnis zum politischen System und nach dem Ziel und Nutzen

    sprachwissenschaftlicher Beschäftigung mit politischen Texten zu klären versuchen. Die

    Beschreibung der Eigenschaften einer speziellen Form politischer Kommunikation, nämlich

    der Bundesratserklärung3, schliesst dieses Kapitel ab und leitet zum zweiten Teil über. Dieser

    1 Im Folgenden werde ich diese Rede als Pilet-Rede bezeichnen. 2 Bezeichnung nach Burkhardt (1996): Bereich der Sprachwissenschaft, der sich mit der Erforschung von Sprache und Rede in der Politik beschäftigt. Wird teilweise auch Sprache-und-Politik-Forschung genannt. (Girnth, 2002) 3 Synonym zu dem Begriff ‚Bundesratserklärung‘ werde ich ‚Regierungserklärung‘, ‚Bundesratsansprache, ‚Bundesratsrede‘, ‚Regierungsrede‘, ‚bundesrätliche Ansprache‘, ‚bundesrätliche Rede‘ oder ‚Regierungsansprache‘ gebrauchen.

  • 4

    versteht sich als Versuch, die eingangs erwähnte Bundesratsansprache vom 25. Juni 1940

    linguistisch zu analysieren und die im ersten Teil erarbeiteten theoretischen Grundlagen

    anzuwenden.

    2. Theoretische Aspekte 2.1 Funktionen politischer Sprache und ihr Verhältnis zum

    politischen System Als Einstieg in die Thematik der „politischen Sprache“ möchte ich die Frage aufgreifen, was

    eigentlich „politische Sprache“ bedeutet, in welchem Verhältnis sie zum politischen System

    steht und welche Funktionen sie darin innehat.

    Gemäss einer Definition von Armin Burkhardt (1996) beinhaltet der Begriff „politische

    Sprache“ „alle Arten öffentlichen, institutionellen und privaten Sprechens über politische

    Fragen, alle politiktypischen Textsorten, sowie jede für das Sprechen über politische

    Zusammenhänge charakteristische Weise der Verwendung lexikalischer und stilistischer

    Sprachmittel“. (Burkhardt, 1996: 79) Dieser sehr weitgefasste Begriff von politischer Sprache

    umfasst sowohl das Sprechen über Politik, sei es im privaten, sei es im öffentlichen Bereich

    der Medien, als auch die Binnen- und Aussenkommunikation der Politiker.

    Da der Ausdruck „politische Sprache“ den Begriff „Politik“ impliziert, möchte ich den meiner

    Arbeit zugrundeliegende Politikbegriff ebenfalls kurz definieren. Ich schliesse mich Lübbe

    (1975: 107) an, der Politik als „die Kunst im Medium der Öffentlichkeit

    Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen“ versteht, also eine sehr eng gefasste, stark

    kommunikationsorientierte Definition des Begriffs „Politik“ favorisiert. Konstitutive

    Merkmale eines solchen Politikbegriffes sind demnach persuasive Fähigkeiten der Politiker

    und das Gebundensein an die Institution der Öffentlichkeit. In die gleiche Richtung geht

    Dieckmanns Definition: Er bestimmt Politik als „staatliches oder auf den Staat bezogenes

    Reden.“(Dieckmann, 1975: 29) Dass es, ich möchte sagen: leider, neben sprachlichem auch

    noch andere Formen politischen Handelns, wie zum Beispiel Gewalt, gibt, schliesse ich nicht

    aus, ist aber für diese Arbeit nicht relevant.

    Die Definitionen von Lübbe und Dieckmann führen uns direkt zur Frage nach dem Verhältnis

    zwischen Sprache und Politik. Die Forscher4 sind sich weitgehend einig darüber, dass Politik

    4 Für die Bezeichnung „Forscher und Forscherinnen“ und ähnliche Wendungen wird in der Folge einfachheitshalber nur die männliche Form verwendet. Die Weibliche ist dabei aber selbstverständlich immer mitgemeint.

  • 5

    ohne Sprache nicht denkbar ist. Rau formuliert dies so: „(Sprache [meine Hinzufügung])

    spielt in der Politik eine zentrale Rolle. (Sie ist eine [meine Hinzufügung]) der

    Grundbedingungen für alle Politik.“ (Rau, 1996: 19) Schily geht sogar noch weiter und

    postuliert, dass Politik „auf Sprache angewiesen“ ist und „nur durch Sprache existiert“

    (Schily, 2000: 126) Ob jedoch politisches Handeln mit sprachlichem Handeln gleichgesetzt

    werden darf, ist in der Forschung umstritten. Während Politolinguisten, vor allem in

    Anlehnung an sprachhandlungsorientierte Ansätze, dazu tendieren, politische Tätigkeit mit

    sprachlicher Tätigkeit gleichzusetzen, weisen Politikwissenschaftler sprachlichem Handeln in

    der Politik eine untergeordnete Rolle zu.5 (vgl. Girnth, 2002: 2) Ich bin nicht in der Lage,

    diese kontroverse Frage zu entscheiden, gehe jedoch im Folgenden davon aus, dass der

    Sprachgebrauch in der Politik die Voraussetzung für ein gemeinsames Handeln schafft, bzw.

    ein Teil dieses politischen Handelns darstellt.

    Wie wir gesehen haben, besteht zwischen einem politischen System und der darin zur

    Anwendung kommenden politischen Sprache eine enge Wechselwirkung. Süssmuth drückt

    dies folgendermassen aus: „Insofern ist der öffentliche Sprachgebrauch immer auch

    Seismograph des Zustandes unseres demokratischen Gemeinwesens. Er ist Ausweis der

    Freiheit des einzelnen wie gesellschaftlicher Gruppen in der parlamentarischen Demokratie.“

    (Süssmuth, 1996: 17) Vergleicht man demokratische Gesellschaften mit autoritären Regimes,

    wird schnell deutlich, dass sich die elementaren Unterschiede dieser beiden

    Regierungsformen auch in der jeweiligen politischen Sprache niederschlagen. Die

    Unterdrückung und Gleichschaltung wird in totalitären Regimes auch sprachlich realisiert:

    „So haben die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung nicht ohne Grund auch

    sprachliche Zwangsmassnahmen ergriffen, haben die Verwendung bestimmter

    Bezeichnungen erzwungen, den Gebrauch anderer Ausdrücke unter Strafe gestellt. [...] (Auch

    [meine Hinzufügung]) in der damaligen DDR (gab es [meine Hinzufügung]) durchaus

    massive Versuche einer Sprachlenkung der Bevölkerung durch ideologisch-terminologische

    Indoktrination.“ (Süssmuth, 1996: 17) Während also in einem totalitären System auch die

    öffentlich-sprachliche Freiheit eingeschränkt ist, zeichnet sich eine pluralistische Demokratie

    genau dadurch aus, dass sie „durch heterogene Begriffe und Konzepte der einzelnen

    gesellschaftlichen Gruppen wie ihrer Dispute und Kontroversen um die Verwendung

    bestimmter Begriffe geprägt ist.“ (Süssmuth, 1996: 17)

    5 Geht man nämlich davon aus, dass politisches Handeln mit sprachlichem Handeln identisch ist, hört Politik dort auf, wo sie sprachlos wird. (vgl. Girnth, 2002: 2) Diese Position vertreten zum Beispiel Dieckmann (1975: 29) und Grünert (1974: 1)

  • 6

    Die Frage nach den Funktionen politischer Sprache wurde und wird von den Politolinguisten

    verschieden beantwortet. Während bei Dieckmann (1981) die Funktion des öffentlich-

    politischen Sprechens explizit darin besteht, „beim Adressaten, den Bürgern oder Teilgruppen

    der Bürger, Zustimmung für politische Ziele, Programme, Massnahmen zu erlangen [...]“

    (Dieckmann, 1981: 138), misst Klein (1995) der Persuasion weniger Gewicht bei und nennt

    als erste Funktion der politischen Kommunikation, den Politikern und deren Parteien zu

    politischem Erfolg zu verhelfen.(vgl. Klein 1995: 92) Nach der Grice’schen Theorie lautet die

    Maximenformel für politisches Sprechen bei Dieckmann: Spreche so, dass du deine Zuhörer

    überzeugst!6, bei Klein jedoch: Spreche so, dass du politisch erfolgreich bist und setze „soviel

    Persuasivität (ein [meine Hinzufügung]), wie unter den gegebenen Umständen politisch

    zweckmässig“ (Klein, 1995: 93) ist. Demzufolge lautet das oberste Ziel politischer

    Kommunikation bei Dieckmann ‚Persuasion‘, bei Klein ‚politischer Erfolg‘. Für Klein ist die

    Persuasion nur eines von mehreren Mitteln zur Erreichung dieses Ziels. Klein argumentiert,

    dass der im Gefolge der neuen Medien wesentlich veränderte öffentlich-politische

    Sprachgebrauch zwangsläufig auch andere Ziele verfolgt und nach anderen Kriterien verfährt,

    als die antike Redekunst und deren Nachfolgetheorien.

    Insgesamt lässt sich also sagen, dass die gesellschaftlich-politische Wirklichkeit und die

    politische Sprache sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Ich vertrete den Standpunkt,

    dass die Sprache nicht nur irgendein Werkzeug der Politik ist, sondern diese erst ermöglicht,

    da die Politik „durch Sprache entworfen, vorbereitet, ausgelöst, von Sprache begleitet,

    beeinflusst, gesteuert, geregelt, durch Sprache beschrieben, erläutert, motiviert, gerechtfertigt,

    verantwortet, kontrolliert, kritisiert, be – und verurteilt“ (Grünert 1983: 43) wird.

    Obwohl in der heutigen Zeit das oberste Ziel aller Politiker politischer Erfolg ist und die

    Sprache die Funktion hat, bei der Erreichung dieses Ziels mitzuhelfen, möchte ich doch

    darauf hinweisen, dass die Persuasion nach wie vor die dominierende Funktion der politischen

    Sprache darstellt. Denn letztendlich bedeutet politischer Erfolg nichts anderes als langfristig

    wirksame Persuasion, sei es für konkrete Ziele, sei es für einzelne Kandidaten oder für

    Parteiprogramme. Funktionen wie ‚informieren‘ oder ‚integrieren‘ sehe ich als Mittel zur

    Erreichung der Persuasion an.

    6 Dem liegt folgendes, von Grice formuliertes Kooperationsprinzip zugrunde: „Mache deinen Gesprächsbeitrag jeweils so, wie es von dem akzeptierten Zweck oder der akzeptierten Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird.“ (Grice1979: 248)

  • 7

    2.2 Ziel und Nutzen der sprachwissenschaftlichen Analyse

    politischer Reden Die in der Einleitung zitierten Kommentare zur Pilet-Rede verdeutlichen, dass die politische

    Sprache für den Bürger oft undurchschaubar, zweideutig oder schlicht unverständlich ist. Dies

    hat widersprüchliche Deutungen ein und derselben Rede zur Folge, welche Verwirrung stiften

    und dazu führen können, dass viele Bürger den Politikern mehr und mehr Aufmerksamkeit

    und Vertrauen entziehen. Wenn der Staatsbürger einer Demokratie die Sprache der Politiker

    nicht mehr versteht oder ihr prinzipiell nicht mehr vertraut, besteht die Demokratie nur noch

    auf dem Papier, eine aktive Beteiligung des Bürgers am Staatsgeschehen ist nicht mehr

    möglich. Johannes Bock (1982) formuliert diesen Missstand in seinem Buch Zur Inhalts- und

    Funktionsanalyse der Politikerrede; Ein Beitrag zur Verbesserung der Kommunikation

    zwischen Staatsbürger und Politiker folgendermassen: „[...] es (darf [meine Hinzufügung]) in

    einer parlamentarische Demokratie nicht darum gehen [...], die politische Beteiligung des

    Staatsbürgers auf formalisierte Wahlakte zu beschränken. Vielmehr erfordert eine politische

    Partizipation des Bürgers auch die Fähigkeit, den direkten Repräsentanten des

    Politikgeschehens, den Politiker, so gut zu verstehen, dass eine eigene Urteilsbildung und eine

    Entscheidungsfindung für oder gegen eine Sache, für oder gegen den betreffenden Politiker

    generell möglich werden.“ (Bock, 1982: 1) Zur Beseitigung dieses Problems, schlägt Bock

    vor, dass „die politische Sprache für den einzelnen Bürger durchschaubarer, verstehbarer und

    kritisierbarer gemacht werden“ (Bock, 1982: 1) sollte. Genau darin sehe ich die Hauptaufgabe

    linguistischer Beschäftigung mit politischer Kommunikation. Indem wir Techniken, Prozesse

    und Strategien des politischen Sprachgebrauchs offenlegen, ermöglichen wir eine objektivere

    Beurteilung politischer Texte und helfen den Bürgern, eigene Entscheidungen in politischen

    Belangen zu treffen. Keineswegs können linguistische Analysen verschiedenen

    Interpretationen politischer Texte und Reden vorbeugen, da diese immer zu einem grossen

    Teil von der jeweiligen Weltanschauung geprägt sind. Sie können jedoch jedem einzelnen das

    Werkzeug in die Hand geben, die Interpretationen anderer in Frage zu stellen und eine eigene

    Deutung zu versuchen. Man ist nicht mehr so leicht durch gekonnte Rhetorik zu beeinflussen.

    Wer kennt das Gefühl nicht, den geschickten Formulierungen der Politiker wehrlos

    ausgeliefert zu sein? Besonders bei politischen Fragen, die uns direkt betreffen, fällt es uns oft

    schwer, uns ein adäquates Bild der Lage zu machen. Mir ist es schon oft so ergangen, dass ich

    sowohl den Argumenten der Befürwortern einer politischen Streitfrage als auch jenen der

    Gegner beipflichtete, da beide so geschickt und überzeugend vorgetragen wurden. Als ich

    mich dann für die Pro- oder die Kontraseite entscheiden sollte, fiel mir dies äusserst schwer.

  • 8

    Kenntnisse über die rhetorischen Strategien und sprachlichen Mittel könnten in einem solchen

    Fall helfen, eine rationale Entscheidung aufgrund möglichst objektiver Informationen zu

    fällen.

    Das Dekodieren von politischen Äusserungen fällt vielen schwer. Die Beispielanalyse der

    Pilet-Rede im zweiten Teil dieser Arbeit wird zeigen, wie komplex ein solcher politischer

    Text aufgebaut sein kann und wie schwierig seine Dekodierung für die damaligen Bürger

    gewesen sein muss, welche die Ansprache nur einmal im Radio hörten. Zudem fehlte ihnen

    die zeitliche Distanz, die das Durchschauen der Strategien ebenfalls erleichtert. Den Zweck

    einer Analyse historischer Politikerreden sehe ich darin, den Sinn für die sprachliche

    Komplexität solcher Reden zu schärfen, um auch aktuelle politische Sprechakte mit einer

    gewissen wissenschaftlichen Distanz betrachten und analysieren zu können.

    2.3 Die Bundesratserklärung Der Begriff ‚politische Sprache‘ umfasst viele verschiedene Formen politischen

    Sprachgebrauchs. Dazu zählt, als Unterform der Politikersprache, auch die

    Regierungserklärung, die, repräsentiert durch die bundesrätlichen Radioansprache zum

    Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich, Gegenstand meiner Beispielanalyse

    sein wird. Ich möchte deshalb diese Textsorte etwas genauer definieren.

    Der Terminologie Burkhardts folgend, bezeichnet „Politikersprache“ „die

    Aussenkommunikation der durch den (befristeten) Besitz öffentlicher Ämter definierten

    Personengruppe“. (A. Burkhardt 1996: 81) Die Bundesratserklärung ist eine spezielle Form

    dieser Politikersprache. Ihr Emittent ist ein Mitglied der Exekutive eines Staates7. Es handelt

    sich also hierbei um das Zusammenfallen der Institution und der Person des jeweiligen

    Bundesrats als Urheber. Der Sprecher repräsentiert einerseits sich selbst und kann für das

    Gesagte „politisch und sogar straf- und zivilrechtlich verantwortlich gemacht werden“

    (Girnth, 2002: 73), andererseits aber auch den Staat. Diese doppelte Urheberschaft ist eine

    wesentliche Eigenschaft der Regierungserklärung. Als Folge davon muss die

    kommunizierende Regierungsperson nicht nur für sich sprechen, sondern immer auch die

    Maxime: ‚Spreche so, dass du der Institution, deren Rollenträger du bist, nicht schadest’

    befolgen. Bei der Beurteilung einer Bundesratsrede muss dieser Aspekt dementsprechend

    ebenfalls beachtet werden. (vgl. Klein 1995: 77 – 78)

    7 In diesem Fall der Schweiz.

  • 9

    Ein weiteres Merkmal der Regierungserklärung ist ihre fehlende Spontaneität. Die Rede wird

    im Normalfall vorbereitet, niedergeschrieben und dann abgelesen. Stilistisch gesehen ist eine

    solche Rede in einer gehobenen Standardsprache gehalten. Inhaltlich handelt es sich bei den

    Regierungserklärungen oft um Lagebeurteilungen oder Zukunftsperspektiven, um

    rückwirkende Rechtfertigung oder Erklärung und Legitimierung des zukünftigen Handelns.

    Auch wenn eine gute Regierungsansprache strukturell dialogisch aufgebaut sein sollte, wird

    sie meist monologisch realisiert, für die Zuhörer besteht keine Möglichkeit zu diskutieren,

    nachzufragen oder zu widersprechen. Im heutigen Zeitalter der Massenmedien wendet sich

    eine bundesrätliche Ansprache prinzipiell immer an sämtliche Bewohner eines Landes. Diese

    Addressatengruppe ist bereits in sich äusserst heterogen. Rechnet man damit, dass die Rede

    auch in ausländischen Medien ausgestrahlt und rezipiert wird, erweitert sich das

    Adressatenspektrum noch um ein Vielfaches. Man kann hier also definitiv von einer

    „Adressatenpluralität“ (Klein, 1995: 79) sprechen. Zentraler Aspekt dabei ist, dass der

    sprechende Politiker nie im Voraus genau weiss, wer seine Rede rezipieren wird. Darin liegt

    auch ein wesentlicher Grund dafür, dass solche Reden oft ziemlich vage und zweideutig sind.

    Eine Bundesratserklärung ist also eine Unterform der Politikerrede und zeichnet sich durch

    ihre doppelte Urheberschaft, ihre fehlende Spontaneität, ihre monologische Realisierung,

    sowie ihrer Mehrfachadressiertheit aus. Sie hat stark appellativen Charakter und behandelt

    aktuelles Geschehen oder entwirft Zukunftsperspektiven.

    3. Beispielanalyse: Die Pilet-Rede Die bis anhin herausgearbeiteten Grundlagen und Aspekte politischer Sprache möchte ich nun

    exemplarisch auf eine Rede anwenden. Bei der Beispielrede handelt es sich um die

    Radioansprache des damaligen schweizerischen Bundespräsidenten Marcel Pilet-Golaz8 vom

    25. Juni 1940. Er reagierte damit auf den Waffenstillstand zwischen den Achsenmächten und

    Frankreich und dem damit verbundenen dringenden Bedürfnis der schweizerischen

    Bevölkerung, die Einschätzung und die Position ihrer Regierung dazu zu kennen. Pilet-Golaz

    hielt die Rede auf französisch, Bundesrat Philipp Etter auf Deutsch und Bundesrat Enrico

    Celio auf Italienisch.

    Methodisch angelehnt an ein lexikalisch-semantisches Verfahren9 werde ich besonders die

    Schlagwörter und die Euphemismen analysieren. Das Schwergewicht meiner Analyse wird

    8 Der Wortlaut der deutschen Version der Pilet-Rede ist im Anhang aufgeführt. 9 Für eine Darstellung der verschiedenen Methoden vgl. Burkhardt, 1996: 90 – 91.

  • 10

    jedoch auf der pragmatisch-textlinguistischen Analyse liegen. Dabei wird vor allem die

    rhetorische Analyse und die Argumentationsanalyse zum Tragen kommen. Die rein

    linguistische Analyse werde ich mit der, für die richtige Interpretation der sprachlichen Daten

    notwendige, Beschreibung des geschichtlichen Hintergrunds und der konkret-historischen

    Situation, sowie mit der Analyse der Wirkung der Rede ergänzen und mit einer Redekritik

    abschliessen.

    3.1 Geschichtlicher Hintergrund und konkret-historische

    Situation 3.1.2 Die Weltlage und die Situation der Schweiz Der Frühsommer 1940 brachte den völligen Sieg der Achsenmächte in Westeuropa. Die

    beiden neutralen Staaten Norwegen und Dänemark wurden von Hitler besetzt. In einem

    Blitzkrieg eroberte er halb Frankreich, wobei er die sogenannte ‚Maginot-Linie‘ über die

    neutralen Staaten Niederlande und Belgien umging. Am 10. Juni 1940 trat Italien an der Seite

    Deutschlands in den Krieg ein. Frankreich unterschrieb am 24. Juni das

    Waffenstillstandsabkommen mit Deutschland und Italien.

    Am 19. Juni erhielt Bundespräsident Pilet-Golaz eine Protestnote von Nazideutschland, in

    welcher sich Hitler über die seiner Meinung nach unrechtmässigen Abschüsse deutscher

    Flieger durch die schweizerische Fliegerabwehr beschwerte und gleichzeitig eine

    unmissverständliche Kriegsdrohung aussprach. In der Schweiz erwartete man 1940 jederzeit

    einen deutschen Angriff. General Guisan und der Bundesrat glaubten dann jedoch, mit dem

    Waffenstillstandsabkommen zwischen den Achsenmächten und Frankreich sei die akute

    Gefahr eines Militärschlages gegen die Schweiz vorbei und beschlossen eine teilweise

    Demobilmachung. Dabei schickte sich Hitler gerade im Juni 1940 an, seinen Plan, die

    Schweiz zu erobern, in die Tat umzusetzen. Am 22. Juni 1940 begann der effektive

    Aufmarsch gegen die Schweiz. Hitler war nach der Niederlage Frankreichs und den

    Kriegseintritt Italiens in der Lage, die Schweiz von allen Seiten gleichzeitig anzugreifen. Die

    Heere standen bereit und warteten nur auf den Befehl. Doch bekanntlich blieb dieser Befehl

    aus. Nur wussten die Menschen in der Schweiz dies damals nicht, weshalb die Entscheidung,

    die Armee in einer Zeit grösster Angriffsgefahr teilweise zu demobilisieren aus unserer

    heutigen Sicht erstaunlich anmutet.

    Die Schweiz war im Juni 1940 also militärisch eingekreist und konnte von den

    Achsenmächten beliebig politisch und wirtschaftlich erpresst werden. Diese höchst explosive,

  • 11

    heikle Situation darf man bei der Analyse der Pilet-Rede auf keinen Fall aus den Augen

    verlieren.

    3.1.2 Die konkret-historische Situation und die Person Pilet-Golaz‘ Im Jahre 1940 hatte der Waadtländer Marcel Pilet-Golaz das Amt des Bundespräsidenten

    inne. Der ausgesprochen intellektuelle Mann galt als bester Redner der französischen Schweiz

    (vgl. Bucher, 1993: 509) Obwohl ihm ein autoritäres Temperament nachgesagt wird, hat er

    die schweizerischen Institutionen gelten lassen, jedoch mehr Handlungsspielraum für die

    Regierung angestrebt. (Bucher, 1993: 512)

    Da nicht nur der Urheber, sondern auch der Redner bei einer Radioanprache von zentraler

    Bedeutung ist, möchte ich hier kurz auf Bundesrat Philipp Etter zu sprechen kommen,

    welcher die Rede auf Deutsch verlas. Er strebte eine autoritäre Demokratie und die

    „Ausweitung der Regierungsbefugnisse“ (Bucher, 1993: 524) an, weshalb Worte wie „eigene

    Machtbefugnisse“ (Pilet-Rede, Satz 25), in der französischen Version nur „prise d’autorité“,

    aus seinem Munde schwergewichtig anmuten mussten.

    Um eine Politikerrede zu interpretieren, ist es wichtig, die Intentionen und Ziele des Redners

    zu rekonstruieren. Zentraler Punkt der ganzen Ansprache sollten die kommenden

    Schwierigkeiten der schweizerischen Wirtschaft sein. Es galt, den bundesrätlichen Willen zur

    Bekämpfung der drohenden Arbeitslosigkeit kundzutun und die Bevölkerung auf weitere

    materielle Opfer vorzubereiten. An zweiter Stelle stand wohl die Absicht, dem Defätismus,

    der die Schweiz nach der Niederlage Frankreichs erfasst hatte, entgegenzuwirken und

    trotzdem die stufenweise Demobilisation anzukündigen. Weitere Ziele waren die Beruhigung

    der Bevölkerung, die Rechtfertigung der bundesrätlichen Vorgehensweise und nicht zuletzt

    die Beschwichtigung des mithörenden Hitlerdeutschlands. (vgl. Bucher, 1993: 537 und 545 –

    547; Fenner / Werlen, 1987: 60) Bei der Ausarbeitung der Ziele berieten die damaligen

    Bundesräte Minger und Etter sowie der Nationalrat Gut den Bundespräsidenten, weshalb,

    obschon der Gesamtbundesrat vor der Verlesung nicht kontaktiert wurde, die Rede nicht als

    Alleingang Pilet-Golaz‘ bezeichnet werden kann. Als Autorschaft wird dann im Text selbst

    nur zweimal „ich“ (Pilet-Rede, Satz 1 und 27) verwendet, sonst spricht Pilet-Golaz in „wir“-

    oder „er“- (gemeint der Bundesrat) Form.

    Ein weiterer wichtiger Aspekt, den es bei der Analyse zu beachten gilt, ist die

    Zusammensetzung der Adressaten und deren Stimmung und Erwartung zum Zeitpunkt der

    Rede. Zu Beginn der Rede rechtfertigt sich der Bundesrat für sein langes Schweigen, was

    darauf hinweist, dass er für das Ausbleiben einer bundesrätlichen Stellungnahme kritisiert

  • 12

    worden war. Die Thematik des „lieber handeln als reden“ durchzieht dann auch als Leitmotiv

    den gesamten Text. (vgl. Pilet-Rede: Abschnitt II., XI., XV.) Kennzeichnend für die damalige

    Stimmung in der Schweiz sei, so Bucher (1993: 538 – 539), die allgemeine Desorientierung

    und Verunsicherung gewesen, die durch die militärischen Erfolge Hitlerdeutschlands noch

    verstärkt worden wären. Es habe in weiten Kreisen der Bevölkerung ein starkes Bedürfnis

    nach einer starken Führung und ein steigendes Misstrauen gegen die traditionellen

    politischen Institutionen gegeben. Man kann also davon ausgehen, dass der Grossteil der

    Bevölkerung auf ein beruhigendes, klares Zeichen wartete und vom Bundesrat einen

    eindeutigen „Appell zum Widerstand und Durchhaltewillen“ (Die Schweiz im zweiten

    Weltkrieg, 1990: 38) sowie eine bestätigende Zusage zu den für die Schweiz zentralen

    Werten, wie Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie erwartete. Wie die unterschiedlichen

    Reaktionen auf die Rede im Kapitel 3.4 zeigen werden, kann aber auf keinen Fall von einem

    homogenen Publikum ausgegangen werden. Zudem war Pilet-Golaz zum Zeitpunkt der Rede

    nicht nur Bundesratspräsident, sondern auch Aussenminister, weshalb er mit grosser

    Wahrscheinlichkeit damit rechnen musste, dass seine Rede auch in Deutschland vernommen

    werden würde. Viele behaupteten später, die Rede sei unter „dem Diktat der Wilhelmstrasse“

    (Bucher, 1993: 549) entstanden und sei eine „Anbiederungsrede an Berlin“ gewesen. (Bucher,

    1993: 554)

    Mit den obigen Bemerkungen zum Entstehungshintergrund der Rede habe ich zu zeigen

    versucht, dass die Bedingungen, unter welchen die Rede entstand - akute militärische

    Bedrohung, drohender Defätismus, Verunsicherung der Bevölkerung, wirtschaftliche Krise -

    den Emittenten dazu zwang, nach verschiedenen Seiten im Voraus Kompromisse einzugehen

    und dementsprechend vorsichtige Formulierungen zu verwenden.

    3.2 Linguistische Analyse der Pilet-Rede Die linguistische Analyse der Rede möchte ich mit einer semantischen Untersuchung der

    zentralen Begriffe beginnen, um darauf einige rhetorische Figuren, und

    Argumentationsstrategien herauszuarbeiten.

    3.2.1 Schlüsselbegriffe Die Verwendung der Kategorie „Schlüsselwörter“ stellt in wissenschaftlicher Hinsicht einige

    Probleme, lässt sie sich doch nicht operationalisieren, d. h. sie lässt kein „so eindeutiges

    Klassifizieren von Wortmaterial zu, dass verschiedene Personen damit zu genau gleichen

  • 13

    Ergebnissen kämen.“ (Bachem, 1979: 63) Auch ist die Terminologie für die Bezeichnung

    solcher Wörter, die „komplexe Wirklichkeit, vereinfachend, man könnte auch sagen

    verdichtend“ (Girnth, 2002:52) darstellen, nicht einheitlich. Neben den Begriffen

    „Schlüsselwörter“ und „Hochwertwörter“ existieren auch die Bezeichnungen „Symbolwort“,

    „Schlagwort“, „hochaggregierte Symbole“, „Grundwerte-Lexeme“ oder „Leitvokabeln“. (vgl.

    Girnth, 2002: 52) Ich verzichte hier auf die nähere Unterscheidung dieser Begriffe10 und

    werde im Folgenden den Begriff Schlüsselwort für all jene Begriffe verwenden, die einen

    komplizierten, oft abstrakten Sachverhalt auf das Typische kondensieren, Identität stiften oder

    sich gegen andere Gruppen abzugrenzen helfen und oft zu einem bipolaren

    Wirklichkeitsentwurf verwendet werden. Die Schlüsselwörter stehen demnach für einen sehr

    positiven (Miranda) oder einen extrem negativen (Anti-Miranda) Wert (vgl. Girnth, 2002:

    53). Für die Schweiz prototypische Miranda sind zum Beispiel „Neutralität“,

    „Unabhängigkeit“, „Demokratie“, „Freiheit“ und „Solidarität“. Im Anschluss möchte ich

    einige in der Pilet-Rede in Erscheinung tretende Schlüsselwörter semantisch analysieren.

    Dabei darf natürlich nicht vergessen werden, dass sich vor allem die konnotativen Merkmale

    dieser Schlüsselbegriffe mit der Zeit verändern und von Individuum zu Individuum

    verschieden sein können.

    Schon das erste Wort der Radioansprache von Bundespräsident Pilet-Golaz, die Anrede

    „Eidgenossen“ (Pilet-Rede: Satz 1) hat Schlüsselwortcharakter, ähnlich wie die Begriffe

    „Schweizervolk“ (Pilet-Rede: Satz 5) und „wir Schweizer“(Pilet-Rede: Satz 7). Denotativ

    meinen diese Begriffe lediglich „Bewohner bzw. Staatsbürger der Schweiz“. Diese Begriffe

    haben in unserem Zusammenhang aber noch zahlreiche andere, konnotative Merkmale. Sie

    weckten in den Adressaten der Pilet-Rede höchstwahrscheinlich Gefühle des Stolzes, der

    Zusammengehörigkeit, der Geborgenheit. Positive Werte, wie eine ruhmreiche gemeinsame

    (wenn auch legendenhafte) Geschichte, Eigenständigkeit, Unabhängigkeit, Freiheit und

    Demokratie schwangen in ihnen mit. In der damaligen Krisenzeit mussten diese Miranda eine

    noch viel stärkere Wirkung gehabt haben als heute. Sie verkörperten das Zusammenrücken in

    der schwierigen Zeit und die gegenseitige Solidarität. Pilet-Golaz greift diese Werte mit den

    Ausdrücken „Tiegel des nationalen Interessens“ (Pilet-Rede: Satz 60), „Einigkeit“ (Pilet-

    Rede: Satz 50) und „Vaterland“ (Pilet-Rede: Satz 66) mehrmals auf.

    Da sich Pilet-Golaz bewusst gewesen sein musste, dass seine Rede auch von

    Nichtschweizern, sprich von den Achsenmächten, gehört wurde, belegt er auch jene mit

    einem positiv konnotierten Hochwertwort. Er spricht von den „drei grossen Nachbarn“ (Pilet-

    10 Mehr dazu siehe Girnth, 2002: 52 – 54.

  • 14

    Rede: Satz 7). Mit diesem Begriff drückt er aus, dass er zu den Achsenmächten eine

    „nachbarschaftlich-gute“ Beziehung wünscht und unterstreicht das Abhängigkeitsverhältnis

    gegenüber den, wirtschaftlich und militärisch, „grossen“ Nachbarstaaten Deutschland und

    Italien.

    Zwei wichtige Schlüsselworte des Textes sind „Arbeit“ und „Ordnung“ (Pilet-Rede: Satz 50,

    51 und 53) Im Zeichen der herrschenden Unsicherheit und der drohenden Arbeitslosigkeit

    hatten diese Begriffe starken Hochwertwortcharakter. Sie bilden dann auch Schlüsselpunkte

    der Pilet-Rede. Mit „Arbeit“ assoziierten die Adressaten Auskommen, Sicherheit, Normalität,

    wirtschaftliche und soziale Existenz. Der Begriff „Ordnung“ musste ihnen ebenfalls das

    Bewusstsein von Sicherheit geben und beabsichtigte, ihr starkes Bedürfnis nach einer sicheren

    politischen Führung zu befriedigen. Die heute wohl eher verpönte Vorstellung des fleissigen,

    ordentlichen Schweizers sollte den damaligen Menschen bestätigen und beruhigen.

    An dieser Stelle wäre auch die Überlegung interessant, welche Schlüsselbegriffe in der Rede

    nicht vorkommen. Einige Kritiker der Rede vemissten nämlich zentrale schweizerische

    Miranda, wie zum Beispiel „Demokratie“, „Neutralität“ oder „Unabhängigkeit“. Auf diesen

    Punkt werde ich im Kapitel 3.3 zurückkommen.

    3.2.2 Rhetorische Figuren In einer politischen Rede finden sich in fast jedem Satz rhetorische Figuren, sei es, dass sie

    der Redner mit Absicht verwendet, sei es, dass er sie unbewusst benutzt. Ich möchte hier nur

    jene Redefiguren untersuchen, die in meinem Beispieltext eine wichtige Rolle spielen. Dies

    ist zum einen die Metapher mit ihrer Sonderform, der Personifikation, und der Euphemismus,

    also Figuren des lexikalischen Bereichs, zum anderen syntaktische und gedankliche Figuren

    wie die Anapher, die Zweier- und Dreiergruppen, der Vergleich, die Anspielung, der Anruf

    und die rhetorische Frage.

    3.2.2.1 Lexikalische Figuren

    Metaphern sind ein wichtiger Bestandteil unseres alltäglichen, literarischen und auch

    politischen Sprachgebrauchs. Um eine Politikerrede zu analysieren, ist eine bewusste

    Dekodierung der wichtigsten Metaphern und Bilder unerlässlich. Bachem formuliert dafür

    folgende Strategie: „ Dieses Zeichen kann an dieser Stelle nicht meinen, was es konventionell

    bedeutet. Ich kann es also nicht automatisch dekodieren. Was es an dieser Stelle meint,

    kombiniere ich aus dem Kontext.“ (Bachem, 1979: 50)

  • 15

    Ich möchte hier einige Metaphern etwas näher beschreiben. Da sind zum Beispiel Ausdrücke

    wie „das Stillschweigen beobachtet“ (Pilet-Rede: Satz 2), „der Lauf der Dinge“ (Pilet-Rede:

    Satz 4), „stufenweise Demobilmachung“ (Pilet-Rede: Satz 14), „ins Auge fassen“, „auf die

    wir Gewicht legen“ (Pilet-Rede: Satz 45), und „in der Hoffnung wiegten“(Pilet-Rede: Satz

    47), welche im Allgemeinen gar nicht mehr als Metaphern wahrgenommen werden, da sie

    zum Teil bereits lexikalisiert sind. Auffälligere und daher wohl auch wirksamere Metaphern

    stammen zum Beispiel aus dem Gebiet des Krieges und der Armee. Da gibt es die

    Personifikationen „unser Weltteil bleibt im Alarmzustand“ (Pilet-Rede: Satz 13) und „Da der

    Krieg nicht mehr an unsern Grenzen toben wird [...]“ (Pilet-Rede: Satz 14), und die

    Metaphern „in die Zukunft marschieren“ (Pilet-Rede: Satz 31) und „die Ereignisse

    marschieren schnell“ (Pilet-Rede: Satz 59). Eindrucksvolle Metaphern, die abstrakte

    Sachverhalte wirkungsvoll veranschaulichen und konkretisieren, sind auch „den Weg des

    Friedens“ (Pilet-Rede: Satz 7) beschreiten, „Europa [...] muss [...] sein neues Gleichgewicht

    finden [...]“(Pilet-Rede: Satz 18), „den alten Menschen ablegen“ (Pilet-Rede: Satz 37), „das

    tägliche Brot sichern“ (Pilet-Rede: Satz 23), „die Tradition, diesem belebenden Safte, der aus

    den Wurzeln der Geschichte heraufsteigt“ (Pilet-Rede: Satz 30), und „im Dienste aller

    Schweizer, die Söhne ein und desselben Bodens, Ähren desselben Feldes sind“ (Pilet-Rede:

    Satz 57). Diese Metaphern haben für den Redner den Vorteil, dass er keine langen, konkreten

    Ausführungen und Erklärungen vorbringen muss, sondern ein plakatives, knappes Bild,

    dessen Inhalt jedoch sehr vage ist, verwenden kann, welches leichter im Bewusstsein seiner

    Hörer haften bleibt. Es geht zum Beispiel aus der Rede nicht genau hervor, wie der „alte

    Mensch“, den es „abzulegen“ gilt, aussieht oder wie sich der Redner das „neue

    Gleichgewicht“ Europas vorstellt. Im Falle von „Weg des Friedens“ (Pilet-Rede: Satz 7) hat

    die Metapher auch Euphemismuscharakter, denn sie umschreibt ja eigentlich die mit

    Waffengewalt eingeforderte und alles andere als freiwillige Kapitulation Frankreichs. Diese

    Beispiele zeigen bereits, dass sich die verschiedenen rhetorischen Figuren teilweise

    überschneiden oder ergänzen. Ähnlich verhält es sich mit den Argumentationsstrategien, die

    oft von rhetorischen Figuren unterstützt oder gänzlich durch sie realisiert werden.

    Eine weitere wichtige, besonders für eine Lagebeurteilung zentrale rhetorische Figur ist der

    Euphemismus, welcher „unliebsame Sachverhalte mit angenehmen Assoziationen“ (Bachem

    1979: 58) versieht oder schreckliche Dinge beschönigt. Obwohl Pilet-Golaz explizit

    behauptet, dass der Bundesrat die Wahrheit „ohne Beschönigung und ohne Zaghaftigkeit“

    (Pilet-Rede: Satz 35) sagen wird, benutzt er vor allem zu Beginn seiner Rede die

    Euphemismen „tragischer Film auf der Weltleinwand“ (Pilet-Rede: Satz 2), und „gewaltiges

  • 16

    Ereignis“ (Pilet-Rede: Satz 5), anstelle von „blutigem, unrechtmässigem Eroberungskrieg der

    Achsenmächte“. Auch wenn er von „angehäuften Ruinen und Menschenverluste(n)“ (Pilet-

    Rede: Satz 7) spricht, muss man diese Ausdrücke als beschönigend bezeichnen.

    3.2.2.2 Syntaktische und gedankliche Figuren

    Drei der auffälligsten syntaktischen Figuren in der Pilet-Rede sind die Anapher, die

    Verwendung von Zweier- und Dreiergruppen und die Antithese. Aber auch Vergleiche,

    Anspielungen, Anreden, Ausrufe und rhetorische Fragen finden sich in diesem Text.

    Die Anaphern und die Zweier- und Dreiergruppen verstärken die Wirkung des Gesagten.

    Durch diese Figuren wird eine Botschaft dem Zuhörer eingehämmert. Durch ihre Strukturen

    scheinen sie logisch und zwingend. Eine antithetisch aufgebaute Anapher findet sich zum

    Beispiel in Abschnitt fünfzehn, wo es heisst: Nicht schwatzen, sondern denken;

    Nicht herumdiskutieren, sondern schaffen;

    Nicht geniessen, sondern erzeugen,

    Nicht fordern, sondern geben. (Pilet-Rede: Satz 38)

    Der Aufbau ‚nicht x, sondern y‘ wird viermal wiederholt, die jeweilig für x und y eingesetzten

    Begriffe einander gleichgesetzt, die Botschaft durch die Struktur verstärkt. Ein ähnliches

    Prinzip liegt auch Abschnitt fünfundzwanzig zugrunde: Bleibt ruhig, wie auch er ruhig ist!

    Bleibt fest, wie auch er fest ist!

    Habt Vertrauen, wie auch er Vertrauen hat (Pilet-Rede: Satz 63 - 65)

    Die Verwendung von Zweier- oder Dreiergruppen dient ebenfalls der Verstärkung. Sie kann

    mit einem Parallelismus gekoppelt sein, wie bei den folgenden Beispielen: „auf der Erde, auf

    dem Meere und in der Luft“(Pilet-Rede: Satz 17), „geistig und materiell, wirtschaftlich und

    politisch“ (Pilet-Rede: Satz 19), „Ohne schmerzhafte Verzichte und ohne schwere Opfer“

    (Pilet-Rede: Satz 20), „auf unseren Handel, auf unsere Industrie, auf unsere Landwirtschaft“

    (Pilet-Rede: Satz 21) und „an die Enterbten, an die Schwachen, an die Unglücklichen“ (Pilet-

    Rede: Satz 41). In den Gruppen können aber auch ähnliche oder synonyme Adjektive

    aneinandergereiht werden, um ihnen mehr Nachdruck zu verleihen, wie bei „beraten,

    diskutieren und abwägen“ (Pilet-Rede: Satz 25) oder noch deutlicher bei „erklären, erläutern

    und begründen“ (Pilet-Rede: Satz 58).

    Pilet-Golaz arbeitet in seiner Rede oft mit Antithesen. Im bereits erwähnten Abschnitt

    fünfzehn beispielsweise stellt er die Verben „schwatzen“ und „denken“, „herumdiskutieren“

    und „schaffen“, „geniessen“ und „erzeugen“ und schlussendlich „fordern“ und „geben“

    einander als Gegensätze gegenüber. Ebenfalls als Antithesen tauchen auch mehrmals die

  • 17

    Bereiche Vergangenheit und Zukunft auf: „von der Vergangenheit in die Zukunft“ (Pilet-

    Rede: Satz 31), „wehmütig rückwärts zu schauen [...] (den [meine Hinzufügung]) Blick [...]

    nach vorwärts wenden [...]“ (Pilet-Rede: Satz 32 – 33) und „würdig der Vergangenheit, [...]

    beherzt in die Zukunft“ (Pilet-Rede: Satz 69).

    Weniger häufig, dafür an entscheidender Stelle verwendet der Emittent unserer Rede einen

    Vergleich. Gleich zu Beginn der Rede umschreibt ein Vergleich euphemistisch die jüngsten

    Ereignisse mit „wie ein tragischer Film auf der Weltleinwand“ (Pilet-Rede: Satz 69).

    Viel Kritik erntete die Aufforderung, zur „inneren Wiedergeburt“ und zum „Ablegen des

    alten Menschen“ (Pilet-Rede: Satz 36 – 37), die dahingehend gedeutet wurde, dass der

    Bundesrat sich auf die Anpassung seiner Politik an die Hitlerdeutsche Ordnung vorbereite. In

    Wahrheit aber handelt es sich hierbei um biblische Anspielungen, um Aussprüche des

    Apostels Paulus. (vgl. Bucher, 1993: 555) Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass rhetorische

    Figuren ihre Wirkung auch verfehlen können, wenn sie zum Beispiel, wie hier, auf nicht

    allgemein Bekanntem aufbauen.

    Die letzten drei Figuren, die ich hier behandeln möchte, dienen vor allem dem Aufbau einer

    Verbindung zwischen dem Emittenten und den Rezipienten. Es handelt sich dabei um

    Anreden, Ausrufe und rhetorische Fragen, die eine gewisse Dialogizität schaffen möchten,

    Diese ist jedoch nur oberflächlich gegeben, denn zu einem wirklichen Dialog kann es in

    diesem Fall schon aufgrund der Textsorte (Regierungserklärung) und des Mediums

    (Radioansprache) nicht kommen.

    Anreden leiten die Rede ein und schliessen sie ab: „Eidgenossen“ (Pilet-Rede: Satz 1 und 58)

    und „Schweizer, meine Brüder“ (Pilet-Rede: Satz 69). Aufrufe hingegen finden sich überall

    dort, wo der Redner die Dringlichkeit und Wichtigkeit der jeweiligen Botschaft betonen

    möchte. Nachdem Pilet-Golaz aufgezeigt hat, dass neue Zeiten anbrechen werden, die eine

    Veränderung der eigenen Gewohnheiten nötig machen, ruft er aus: „Sei dem wie es wolle!“

    (Pilet-Rede: Satz 29) Auch die Schlüsselworte „Arbeit“ und „Ordnung“, die in der

    Argumentation des Redners zentral sind, treten in einem elliptischen Ausruf auf. (Pilet-Rede:

    Satz 52 und 54).

    Die rhetorische Frage soll den Rezipienten zum Nachdenken anregen. Eine Antwort des

    Hörers wird nicht erwartet und eine explizite Antwort durch den Redner erübrigt sich

    meistens, jedoch nicht immer. Im zweiten Satz seiner Rede greift Pilet-Golaz rhetorisch

    geschickt die Frage auf, die sich die Bewohner der Schweiz zu diesem Zeitpunkt

    wahrscheinlich stellten und beantwortet sie gleich darauf:

  • 18

    „Wusste denn der Bundesrat nichts zu sagen, angesichts der Ereignisse, die sich wie ein tragischer Film auf der Weltleinwand abwickelten? Der Bundesrat musste denken, vorsehen,

    Beschlüsse fassen, handeln; er konnte jetzt nicht Reden halten [...]“ (Pilet-Rede: Satz 2 - 4).

    Die hier angeführten rhetorischen Mittel spielen auch bei den Argumentationsstrategien eine

    wichtige Rolle, weshalb ich teilweise im nächsten Kapitel auf sie zurückkommen werde.

    3.2.3 Argumentationsanalyse Vier Muster dominieren die Argumentation der Pilet-Rede, nämlich die Strategie des Einheit-

    und Identitätsschaffens, die Strategie zu zeigen, dass Handeln besser ist als Reden, die

    Strategie, entfernte Vergangenheit, nahe Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit

    positiven oder negativen Assoziationen zu belegen und die Strategie des Gefahren-Aufzeigens

    und Opfer-Verlangens. Am Rande kommen auch die Strategie der Beschönigung und

    Beschwichtigung (Pilet-Rede: Abschnitt V.), der Berufung auf eine Autorität („Fragt die

    Sportsleute: Sie wissen dies schon lange“ – Pilet-Rede: Satz 49) und der

    Wahrheitsversprechung (Pilet-Rede: Abschnitt XIII.) zum Zuge.

    Beinahe jede persuasive Rede versucht, den Adressaten ein Gefühl der Einigkeit, des Stolzes

    und der Identität zu vermitteln, um einerseits Sympathie zu erlangen und andererseits eine

    affirmative Grundstimmung zu erzeugen. Ich möchte dies Strategie hier nicht weiter erläutern

    und verweise auf die Schlüsselwortanalyse in Kapitel 3.2.1, S. 13.

    Eine weniger übliche, für diese Rede jedoch bezeichnende Strategie besteht darin, die

    Adressaten davon zu überzeugen, dass Reden halten und diskutieren, eigentlich Grundwerte

    und Voraussetzungen einer direkten Demokratie, den Anforderungen der Zeit nicht mehr

    genügten. Mittels der Wiederholung innerhalb der Sätze durch Zweier- und Dreiergruppen

    (vgl. Seite 16) und satzübergreifendes Wiederaufgreifen dieser Thematik (Pilet-Rede: Satz 24,

    56 und 58) versucht die Rede, einerseits bereits vergangenes und andererseits zukünftiges

    Schweigen zu rechtfertigen. Dahinter steht wahrscheinlich die Absicht, die bereits

    vorhandenen Vollmachten der Regierung zu legitimieren und ihre Machtbefugnisse in

    Zukunft evtl. sogar auszuweiten. Symptomatisch für diese Strategie ist folgende Behauptung,

    mit welcher der Redner eigentlich von vornherein die Wirksamkeit seiner momentanen

    Beschäftigung, nämlich eine Rede halten, verneint: „[...] man liebt das Reden bei uns viel zu

    sehr, das den Lauf der Dinge um keinen Zollbreit zu beeinflussen vermag.“ (Pilet-Rede: Satz

    2) Ein Zeitungskommentar aus dem Sommer 1940 sprach dann auch von einer „Rede über das

    Zu-viel-Reden“ (Berner Tagwacht, 26. Juni 1940.), was zeigt, dass auch den damaligen

    Rezipienten diese Strategie als für die Rede typisch ins Auge gefallen ist.

  • 19

    Bei der genaueren Lektüre des Textes ist mir aufgefallen, dass Pilet-Golaz subtil versucht, die

    Entwicklung der schweizerischen Kultur und Lebensweise als eine Abfolge von einer ehemals

    guten, unschuldigen, fleissigen Gesellschaft, zu einer zu verurteilenden jüngeren

    Vergangenheit und schliesslich zu einer Gegenwart zu charakterisieren, in welcher es gilt,

    einerseits Veränderungen und Anpassungen vorzunehmen und andererseits sich auf die guten

    Werte der früheren Gesellschaft zu besinnen, um zu einer besseren Zukunft mit den guten

    alten, aber auch positiven neuen Werten zu gelangen. (Pilet-Rede: Satz 18, 19, 28, 30 – 33, 36

    – 37, 47, 59 – 60 und 69) Dieses Argumentationsmuster hat, meiner Meinung nach, ebenfalls

    die Kritik an der Gegenwart und eine Rechtfertigung zukünftiger Veränderungen zum Ziel.

    Die gleichen Ziele wie die beiden letzten Argumentationsstrategien verfolgt die Strategie des

    Gefahren-Aufzeigens und Opfer-Verlangens. Die drohenden wirtschaftlichen und politischen

    Schwierigkeiten rechtfertigen, der Argumentation der Pilet-Rede folgend, materielle Opfer

    und politische Veränderungen, sprich die Ausweitung der bundesrätlichen Vollmachten.

    (Pilet-Rede: Satz 9 – 13, 19 – 20, 22, 39 und 45)

    3.3 Wirkung und Redekritik In diesem Kapitel möchte ich kurz auf die verschiedenen Punkte eingehen, welche an der

    Pilet-Rede kritisiert wurden und anschliessend meine allgemeine Redekritik äussern.

    Mit den Reaktionen, welche die Pilet-Rede in der Öffentlichkeit hervorrief, könnte ein ganzes

    Buch gefüllt werden. Je nach Einstellung und Beurteilung der Rede lassen sich eine Unmenge

    negativer Pressestimmen, aber auch eine Vielzahl positiver Kommentare finden. Unter den

    Historikern, mit den Hauptvertretern Erwin Bucher (1993) einerseits und Edgar Bonjour

    andererseits (1974), ist ein regelrechter Streit darüber entbrannt, ob die Pilet-Rede eine

    positive oder eine negative Auswirkung auf die Stimmung der damaligen Bevölkerung hatte,

    ob sie anpasserisch war oder nicht und ob sie als der Situation angemessen bezeichnet werden

    kann oder nicht: „Was für unklare Phrasen des höchsten Magistraten nach mehreren Wochen des Schweigens

    [...] Man kann diese Rede nur verstehen, wenn man annimmt, Pilet habe in erster Linie als

    Aussenminister zum Ausland gesprochen und nicht als Landesvater zum eigenen Volk.. ( E.

    Bonjour, zit. nach Fenner / Werlen 1987: 68)

    „Die Historiker sind sich heute weitgehend einig, dass diese Rede nicht als anpasserisch

    bezeichnet werden darf.“ ( E. Bucher, zit. nach Fenner / Werlen 1987: 68)

  • 20

    Ich möchte jedoch nicht weiter auf diesen Historikerstreit eingehen und hier nur die

    wichtigsten Kritikpunkte aus den Zeitungskommentaren mit dem Originaltext und den

    Ergebnissen meiner linguistischen Untersuchung in Zusammenhang bringen.

    Einige Stellen und Begriffe lösten in der Bevölkerung heftigen Protest aus, andere, vor allem

    das Versprechen, Arbeit für alle zu beschaffen, stiessen allgemein auf Zustimmung (vgl.

    Schweizer Woche Nr. 31: 1989). Die Basler AZ schreibt am 26. Juni: Die Erkenntnis, dass

    unverzügliche Arbeitsbeschaffung „für das Land von kapitaler Bedeutung ist“, versöhnt mit

    vielem.“ Kritik erntete das Fehlen der Worte „Demokratie“ und „Unabhängigkeit, dann aber

    vor allem die Tatsache, dass der Bundesrat „auf Grund eigener Machtbefugnis“ (Pilet-Rede:

    Satz 26) handeln möchte und nicht immer alles „erklären, erläutern und begründen“ (Pilet-

    Rede: Satz 58) zu können glaubt. Inhaltlich wurde zudem die „Anbiederung“ und Anpassung

    an Berlin kritisiert. Allgemein mangelte es der Rede für viele Rezipienten an Klarheit und an

    konkreten Vorschlägen. Statt Beruhigung herrschte vielerorts Verwirrung: „ [...] eine

    Radioansprache, die das Schweizer Volk vollends verunsicherte. Weite Bevölkerungskreise

    konnten sich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Bundesrat eine Anpassung an Hitlers

    Europa vorbereite.“ (Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg, 1990: 45)

    Tatsächlich scheint mir der Vorwurf der fehlenden Klarheit nicht ganz aus der Luft gegriffen.

    Diese Vagheit und Zweideutigkeit ist jedoch zu einem guten Teil durch die Redesituation, die

    Adressatenpluralität und die Textsorte erklärbar. Denn die ganze Rede baut darauf auf, nur

    grobe Züge, Rahmenbedingungen und abstrakte Ideen zu vermitteln, es fehlen fast gänzlich

    konkrete Angaben oder Vorschläge. Es ist zum Beispiel von „anderen Grundlagen“ (Pilet-

    Rede: Satz 18) die Rede, wobei der Hörer keine Ahnung hat, wie diese aussehen werden.

    Auch wie er sich die „innere Wiedergeburt“ (Pilet-Rede: Satz 36) oder die „seelischen und

    materiellen Schmerzen“ (Pilet-Rede: Satz 39) vorzustellen hat, geht aus dem Text nicht

    hervor. Der Rede muss jedoch in diesem Zusammenhang zugute gehalten werden, dass sie

    dies auch gar nicht intendiert und detailliertere Angaben von anderen Instanzen zu erwarten

    waren.

    Aus meiner heutigen Sicht macht Pilet-Golaz in seiner Radioansprache nicht zu viele und

    nicht zu wenige Zugeständnisse an Deutschland, vor allem, wenn man die grosse Gefahr, in

    welcher die Schweiz damals schwebte und die prekäre Wirtschaftslage mit in Betracht zieht.

    Doch zu entscheiden, ob man damals auf die euphemistische Darstellung der Situation in

    Frankreich oder auf das Umgehen der für Hitler provozierenden Worte „Demokratie“ und

    „Unabhängigkeit“ hätte verzichten können, ist nicht möglich.

  • 21

    Die ebenfalls heftig umstrittene Formulierung „eigene Machtbefugnis“ (Pilet-Rede: Satz 26)

    kann, meiner Meinung nach, aus der Rede so gedeutet werden, dass der Bundesrat eine in

    allen Bereichen autoritärere Regierung anstrebte. Ob er dies nur in der momentanen

    Krisensituation für angebracht hielt oder auch in Zukunft wollte, ist aus dem Text nicht

    ersichtlich. E. Bucher (1993: 546) behauptet, dass im Text der Zusammenhang zwischen

    Arbeitsbeschaffung und eigener Machtbefugnis offensichtlich sei. Zwar trifft dies für die

    Abschnitte elf und zwölf zu, der Grundtenor des „handeln ohne zu erklären“, bezieht sich

    jedoch nicht überall nur auf die wirtschaftlichen Probleme der damaligen Gegenwart. In Satz

    58 beispielsweise ist nicht mehr explizit von der Arbeitsbeschaffung die Rede: „Eidgenossen, an Euch ist es, nun der Regierung zu folgen als einem sicheren und

    hingebenden Führer, der seine Entscheidungen nicht immer wird erklären, erläutern und

    begründen können.“ (Pilet-Rede: Satz 26)

    Die Reaktionen der Presse darauf waren deshalb auch nicht nur positiv:

    „Darum sagen wir: Arbeitsbeschaffung: jawohl, mit Begeisterung; Gleichschaltung: nein, dagegen werden wir uns mit Klauen und mit Zähnen wehren. [...] Demokratie und

    Unabhängigkeit sind für unser Land unlösbar miteinander verbunden. Die Schweiz wird frei

    und demokratisch sein, oder sie wird nicht sein. (Berner Tagwacht 27 Juni 1940 Nr. 148)

    „Er soll es (gemeint: mit den ungehemmten Entscheidungsbefugnissen auskommen [meine

    Hinzufügung]) probieren, aber natürlich im Rahmen seiner Vollmachten, die ihm large erteilt

    worden sind. Über die Probezeit hinaus soll er jedoch nichts präjudizieren, sondern gemäss der

    Bundesverfassung, auf die er vereidigt ist, die künftige Staats- und Wirtschaftsgestaltung den

    demokratischen Instanzen überlassen. [...] Miteinander reden, wie es sich unter Eidgenossen

    gehört, ist nicht „schwatzen“, wie man nach der bundesrätlichen Radiorede glauben könnte.“

    (Basler Nachrichten, 29. / 30. Juni 1940: Nr. 176)

    Interessant ist, dass die Rede in der französischen Originalversion, verlesen von Pilet-Golaz,

    weit weniger negative Reaktionen auslöste, als die deutsche Fassung, welche von Bundesrat

    Etter vorgetragen wurde. Hans Rudolf Kurz (In: Der Bund, 27. 01. 1978, zit. nach Fenner /

    Werlen 1987: 68) erklärt dies damit, dass der deutsche Text die Menschen, bewusst oder

    unbewusst, an das verhasste Nazivokabular erinnerte. Ausdrücke, wie „Führer“ (Pilet-Rede:

    Satz 58) oder „in Umbruch begriffene Welt“ (Pilet-Rede: Satz 33) untermauern dieses

    Argument. Anstelle des letzeren Begriffs heisst es im französischen Original nämlich nur „à

    la restauration du monde disloqué“, also „Wiederherstellung der aus den Fugen geratenen

    Welt“. E. Bucher (1993: 544 – 545) begründet diese unterschiedliche Aufnahme der beiden

    Versionen damit, dass es sich erstens bei der deutschen Fassung um eine teilweise

    sinnverzerrende Übersetzung und um eine unangebrachte Wort-für-Wort Übertragung der

    typisch französischen Rhetorik gehandelt habe und zweitens, dass Philipp Etter die Rede mit

  • 22

    einer „Grabesstimme“ (Bucher, 1993: 545) verlas, wohingegen Pilet-Golaz einen „eher

    lockeren Ton“ (Bucher, 1993: 545) wählte.

    Eine linguistische Analyse und Bewertung darf meiner Meinung nach die politischen und

    ethischen Inhalte nicht tangieren Dies stellt sich bei einer genaueren Betrachtung als

    schwierig heraus, ist doch jeder Forscher selbst ein Wesen mit subjektiven Theorien und

    Standpunkten, die sich nie gänzlich beiseite schieben lassen. Bei der Beurteilung der Pilet-

    Rede werde ich mich deshalb auf das Kriterium der Persuasion konzentrieren.

    Es stellt sich die Frage, inwieweit die Persuasion geglückt ist, bzw., um mit Klein zu

    sprechen, ob die Rede politischen Erfolg zu gewährleisten vermochte. Betrachtet man den

    Versuch, Deutschland mit dieser Rede zu beschwichtigen, muss man gestehen, dass die

    Persuasion geglückt ist. Im Inland hingegen scheint die Rede nur teilweise und nicht für alle

    akzeptabel gewesen zu sein. Leider ist es heute fast unmöglich zu entscheiden, ob die

    Menschen sich damals durch die Rede beruhigt fühlten. Besonders die deutsche Übersetzung

    hätte klarer und eindeutiger formuliert werden können, auch ohne Hitler damit zu

    provozieren. Der Versuch, die Alleingänge der Regierung als notwendig und richtig

    darzustellen, scheint mir nicht gelungen zu sein, da die Argumentation zu deutlich einen

    Grundwert der Demokratie, die breite Diskussion, abwertet und die Menschen so

    verunsichern und verärgern musste. Gelungen ist dem Bundesrat aber, der Bevölkerung

    seinen guten Willen zur Arbeitsbeschaffung kundzutun und sie in dieser Hinsicht zu

    beruhigen. Hätte die Rede klarer gemacht, dass ihr Hauptinteresse der Arbeit galt, hätten

    einige Missverständnisse vermieden werden können. Besonders Abschnitt vierzehn und

    fünfzehn sind da nämlich äusserst verfänglich.

    Alles in allem möchte ich behaupten, dass es sich bei der Pilet-Rede nicht um ein

    Meisterwerk der Rhetorik, jedoch in Anbetracht der damaligen Krisensituation um eine zwar

    vorsichtige und etwas vage, aber nichtsdestotrotz gelungene Gradwanderung zwischen den

    verschiedenen Adressatenerwartungen handelt.

    4. Schluss Ausgehend von der Frage nach den Funktionen politischer Sprache und ihrem Verhältnis zum

    politischen System habe ich zu zeigen versucht, dass die Sprache ein wesentlicher Bestandteil

    der Politik, ja sogar eine ihrer Grundbedingungen ist und dass Politik und politische Sprache

    sich gegenseitig stark beeinflussen. Da die Sprache das wichtigste Mittel der Persuasion im

    politischen Handeln darstellt, muss jeder Politiker ein Mindestmass an rhetorischen

  • 23

    Fähigkeiten aufweisen, um politisch erfolgreich zu sein. Aber nicht nur der Politiker muss

    diese rhetorischen und dialektischen Techniken und Strategien beherrschen, auch sein

    Publikum muss diese zu dekodieren verstehen, da es sonst keine Möglichkeit hat, an der

    Gestaltung der politischen Wirklichkeit mitzuwirken. Ich schliesse mich deshalb einem eher

    didaktischen Ansatz der Politolinguistik an und sehe die Aufgabe einer linguistischen Analyse

    darin, den Rezipienten die Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, eine Politikerrede, eine

    politische Diskussion oder eine politische Mitteilung dekodieren zu können, um ihnen die

    Bildung einer eigenen Meinung zu ermöglichen. Während eingangs vorwiegend von

    politischer Sprache im Allgemeinen die Rede gewesen ist, habe ich meine Aufmerksamkeit

    im zweiten Teil auf die Regierungserklärung als spezielle Textsorte politischer Sprache

    fokusiert. Nach einer Definition dieser Form politischer Sprache, welche aufzeigte, dass es

    sich bei einer Regierungserklärung um eine Rede mit doppelter Urheberschaft, fehlender

    Spontaneität, Mehrfachadressiertheit und monologischer Realisierung handelte, ging ich dazu

    über, die erarbeiteten theoretischen Erkenntnisse in einer Beispielanalyse anzuwenden. Neben

    der linguistischen Analyse, welche den Kernpunkt dieses zweiten Teils bildet, versuchte ich

    durch die Beschreibung des historischen Kontextes und der Redesituation, sowie durch eine

    der sprachlichen Untersuchung nachgestellte Analyse der Wirkung der Rede die sprachlichen

    Ergebnisse in einen konkreten Zusammenhang zu stellen und zu ergänzen. Die linguistische

    Analyse beschäftigte sich hauptsächlich mit der Schlüsselwortanalyse, gefolgt von der

    Beschreibung der wichtigsten rhetorischen Figuren und Argumentationsmustern. Es stellte

    sich heraus, dass die Schlüsselwörter und rhetorischen Figuren, wie Metaphern,

    Euphemismen, Anaphern, Zweier- und Dreiergruppen, Antithesen, Anreden, Ausrufe und

    rhetorische Fragen, im Dienste der Argumentation stehen, also als Mittel zur Realisierung

    bestimmter Argumentationsstrategien bezeichnet werden können. Vier Muster schienen mir

    für die Beispielrede typisch. Der Urheber, Bundespräsident Pilet-Golaz versuchte, seine

    Zuhörer davon zu überzeugen, dass sie, erstens, Teil einer Wir-Gruppe seien, auf die es stolz

    zu sein gilt, zweitens, dass es in der Krise besser sei, zu handeln, anstatt zu reden, was der

    Bundesrat auch zu tun gedenke, drittens, dass sie sich in einer Zeit befänden, welche die

    Chance biete, die jetzigen schlechten Gewohnheiten abzulegen, zu früheren guten Formen

    zurückzufinden und sich an die neue Situation anzupassen und viertens, dass die nahe Zukunft

    Gefahren bereithalte, die ihnen Opfer abverlangen werden. In einer abschliessenden

    Beurteilung der Beispielrede komme ich zum Schluss, dass die Rede rhetorisch nicht immer

    ganz gelungen, in Anbetracht der historisch-konkreten Umstände aber verständlich und

    gerechtfertigt ist. Die eingangs gestellte Frage nach den Gründen für die verschiedenen

  • 24

    Interpretationen ein und derselben Rede erklärt sich durch die aufgrund der

    Adressatenpluralität notwendigen Vorsichtigkeit und Zweideutigkeit der Formulierungen.

    Interessant wäre es nun, in einer weiterführenden Arbeit die hier isoliert betrachtete

    Beispielrede in einen grösseren Zusammenhang mehrerer Reden zu stellen und die

    Entwicklung der Sprache politischer Reden in der Schweiz bis heute zu untersuchen.

  • 25

    Bibliographie Bachem, Rolf (1993): Einführung in die Analyse politischer Texte, München, R. Oldenbourg

    Verlag.

    Bock, Johannes (1982): Zur Inhalts- und Funktionsanalyse der Politikerrede; Ein Beitrag zur

    Verbesserung der Kommunikation zwischen Staatsbürger und Politiker, Frankfurt am Main,

    Haag und Herchen Verlag.

    Bonjour, Edgar (1974): Geschichte der schweizerischen Neutralität: vier Jahrhunderte

    eidgenössischer Aussenpolitik, Basel, Helbing und Lichtenhahn, Band 7.

    Bucher, Erwin (1993): Zwischen Bundesrat und General; Schweizer Politik und Armee im

    Zweiten Weltkrieg, Zürich, Orell Füssli Verlag.

    Burkhardt, Armin (1996) Politolinguistik. Versuch einer Ortsbestimmung. In: Klein, Josef /

    Diekmannshenke, Hajo (Hg.) (1996): Sprachstrategien und Dialogblockaden. Linguistische

    und politikwissenschaftliche Studien zur politischen Kommunikation, Berlin / New York, S.

    75 – 100.

    Dieckmann, Walther (1969): Sprache in der Politik; Einführung in die Pragmatik und

    Semantik der politischen Sprache, Heidelberg, Carl Winter Universitätsverlag.

    Dieckmann, Walther (1981): Politische Sprache, politische Kommunikation; Vorträge,

    Aufsätze, Entwürfe, Heidelberg, Carl Winter Universitätsverlag.

    Fenner, Martin / Werlen, Iwar (1987): Sprache und Politik in der Schweiz, Zürich, sabe

    Institut für Lehrmittel.

    Geissner, Hellmut (1975): Rhetorik und politische Bildung, Kronberg, Scriptor Verlag

    (Literatur + Sprache + Didaktik 7).

  • 26

    Girnth, Heiko(2002): Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die

    linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation, Tübingen, Niemeyer Verlag

    ( Germanistische Arbeitshefte; 39).

    Grice, H. Paul (1979): Logik und Konversation. In: Georg Meggle (Hg.): Handlung,

    Kommunikation, Bedeutung, Frankfurt am Main, (Theorie), S. 243 – 265.

    Grünert, Horst (1974): Sprache und Politik. Untersuchungen zum Sprachgebrauch der

    ‚Paulskirche‘, Berlin / New York. (Studia Linguistica Germanica 10).

    Grünert, Horst (1983): Politische Geschichte und Sprachgeschichte. Überlegungen zum

    Zusammenhang von Politik und Sprachgebrauch in Geschichte und Gegenwart. In: SuL, Nr.

    52, S. 43 – 58.

    Jarren, Otfried, Sarcinelli Ulrich, Saxer Ulrich (Hg.) (1998): Politische Kommunikation in der

    demokratischen Gesellschaft; Ein Handbuch, Opladen / Wiesbaden, Westdeutscher Verlag.

    Klein, Josef (1995): Politische Rhetorik. Eine Theorieskizze in Rhetorik-kritischer Absicht mit

    Analysen zu Reden von Goebbels, Herzog und Kohl. In: SuL, 26. Jahrgang, Nr. 75 / 76, S. 62

    – 99.

    Klein, Josef (1998): Politische Kommunikation – Sprachwissenschaftliche Perspektiven. In:

    Jarren, Otfried, Sarcinelli Ulrich, Saxer Ulrich (Hg.) (1998): Politische Kommunikation in der

    demokratischen Gesellschaft; Ein Handbuch, Opladen / Wiesbaden, S. 186 – 210.

    Kopperschmidt, Josef (1976, 2. Auflage): Allgemeine Rhetorik; Einführung in die Theorie der

    Persuasiven Kommunikation, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz, W. Kohlhammer Verlag

    (Sprache und Literatur 79).

    Kunz, Matthias (1998): Aufbruchstimmung und Sonderfall – Rhetorik; Die Schweiz im

    Übergang von der Kriegs- zur Nachkriegszeit in der Wahrnehmung der Parteipresse 1943 –

    1950, Bern, Schweizerisches Bundesarchiv (Bundesarchiv Dossier 8).

  • 27

    Lübbe, Hermann (1975): Der Streit um Worte. Sprache und Politik. In: Kaltenbrunner, Gerd-

    Klaus (Hg.) (1975): Sprache und Herrschaft. Die umfunktionierten Wörter, München, S. 87 –

    111.

    Ottmers, Clemens (1996): Rhetorik, Stuttgart / Weimar, J. B. Metzler (Sammlung Metzler:

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    Rau, Johannes (1996): Politikersprache und Glaubwürdigkeit. In: Böke, Karin, Jung,

    Matthias, Wengeler Martin (Hg.) (1996): Öffentlicher Sprachgebrauch, praktische,

    theoretische und historische Perspektiven, Wiesbaden, Westdeutscher Verlag.

    Schily, Otto (2000): Sprache und Politik, In: Eichhoff-Cyrus, Karin M. (Hg.), Die deutsche

    Sprache zur Jahrtausendwende. Sprachkultur oder Sprachverfall?, Mannheim. Zürich,

    Dudenverlag, (Thema Deutsch, Band 1).

    Süssmuth, Rita (1996): Öffentlicher Sprachgebrauch in der Demokratie – Anmerkungen aus

    politischer Perspektive. In: Böke, Karin, Jung, Matthias, Wengeler Martin (Hg.) (1996):

    Öffentlicher Sprachgebrauch, praktische, theoretische und historische Perspektiven,

    Wiesbaden, Westdeutscher Verlag.

    Ohne Namen (1990): Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg, Winterthur, Neue Helvetische

    Gesellschaft.

  • 28

    Anhang Radioansprache von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz vom 25. Juni

    1940

    I. Abschnitt 1. Eidgenossen

    Ihr fragt Euch gewiss schon, warum ich so lange – während vollen sieben Wochen - das

    Stillschweigen beobachtet habe.

    2. Wusste denn der Bundesrat nichts zu sagen, angesichts der Ereignisse, die sich wie ein

    tragischer Film auf der Weltleinwand abwickelten?

    II. Abschnitt 3. Der Bundesrat musste denken, vorsehen, Beschlüsse fassen, handeln;

    4. er konnte jetzt nicht Reden halten, - man liebt das Reden bei uns viel zu sehr, das den Lauf

    der Dinge um keinen Zollbreit zu beeinflussen vermag.

    III. Abschnitt 5. Wenn sich der Bundesrat heute neuerdings an das Schweizervolk wendet, so geschieht es

    deshalb, weil ein gewaltiges Ereignis eingetreten ist, das weittragende Folgen haben wird:

    IV. Abschnitt 6. Frankreich hat soeben den Waffenstillstand mit Deutschland und Italien abgeschlossen.

    V. Abschnitt 7. Welches auch die Trauer sein mag, die jeden Christ angesichts der angehäuften Ruinen und

    Menschenverluste erfüllen mag, so bedeutet es doch für uns Schweizer eine grosse

    Erleichterung zu wissen, dass unsere drei grossen Nachbarn nun den Weg des Friedens

    beschritten haben;

    8. diese Nachbarn, mit denen wir so enge geistige und wirtschaftliche Beziehungen pflegen,

    diese Nachbarn, die im Geiste auf dem Gipfel unserer Berge – in Himmelsnähe –

    zusammentreffen und deren Kulturkreise uns jahrhundertelang bereichert haben, wie die vom

    Gotthard herabsteigenden Ströme ihre Ebenen befruchteten.

    VI. Abschnitt 9. Diese Beruhigung – das dürfte wohl das zutreffende Wort sein – ist natürlich, menschlich,

    insbesondere bei bescheidenen Neutralen, die bisher in jeder Hinsicht verschont geblieben

    sind.

  • 29

    10. Wir dürfen uns indessen dadurch nicht täuschen lassen.

    11. Uns nun den Illusionen eines sorgenlosen Glückes hinzugeben, wäre gefährlich.

    12. Es wird auf die soeben erlebte Gegenwart eine allzuschwere Zukunft folgen, als dass wir

    gleichgültig in die Vergangenheit zurückfallen könnten.

    VII. Abschnitt 13. Waffenstillstand bedeutet noch nicht Friede, und unser Weltteil bleibt im Alarmzustand.

    VIII. Abschnitt 14. Da der Krieg nicht mehr an unseren Grenzen toben wird, können wir allerdings

    unverzüglich eine teilweise und stufenweise Demobilmachung ins Auge fassen.

    15. Diese wird aber unserer grundlegend veränderten nationalen Wirtschaft heikle Aufgaben

    stellen.

    16. Die zum Wohlstande der Völker so notwendige internationale Zusammenarbeit ist noch

    lange nicht wieder hergestellt.

    17. Grossbritannien verkündet seinen Entschluss, den Kampf auf der Erde, auf dem Meere

    und in der Luft fortzusetzen.

    18. Bevor Europa wiederum zum Aufstiege gelangen kann, muss es sein neues Gleichgewicht

    finden, welches zweifellos sehr verschieden vom bisherigen und auf anderen Grundlagen

    aufgebaut sein wird, als auf jenen, die der Völkerbund trotz seiner vergeblichen Bemühungen

    nicht zu errichten vermochte.

    IX. Abschnitt 19. Überall, auf allen Gebieten – geistig und materiell, wirtschaftlich und politisch – wird die

    unerlässliche Wiederaufrichtung gewaltige Anstrengungen erfordern, die, um wirksam zu

    sein, sich ausserhalb veralteter Formeln zu betätigen haben werden.

    20. Dies kann nicht ohne schmerzhaft Verzichte und ohne schwere Opfer geschehen.

    X. Abschnitt 21. Es sei beispielsweise auf unseren Handel, auf unsere Industrie, auf unsere Landwirtschaft

    hingewiesen.

    22. Wie schwer wird ihre Anpassung an die neuen Verhältnisse werden.

    23. Sofern wir jedermann – und das ist erste Pflicht – das tägliche Brot sichern wollen,

    welches den Körper ernährt und die Arbeit, die die Seele stärkt, werden Hindernisse zu

    beseitigen sein, die man noch vor weniger als einem Jahre für unübersteigbar gehalten hätte.

  • 30

    XI. Abschnitt 24. Zur Erreichung dieses Ergebnisses – das für die Rettung des Landes von kapitaler

    Bedeutung ist – werden wichtige Entscheidungen nötig sein.

    25. Und zwar nicht etwa solche, über die wir vorher lange beraten, diskutieren und abwägen

    können.

    26. Also Beschlüsse, die gleichzeitig überlegt und rasch auf Grund eigener Machtbefugnis zu

    fassen sein werden.

    XII. Abschnitt 27. Ja, ich sage in der Tat: Eigene Machtbefugnis.

    28. Denn, seien wir uns dessen bewusst, die Zeiten, in denen wir leben, werden uns

    zahlreichen früheren, behaglichen, lässigen – ich möchte beinahe sagen „altväterischen“

    Gewohnheiten entreissen.

    29. Sei dem wie es wolle!

    30. Wir dürfen ausgefahrene Wege nicht verwechseln mit der Tradition, diesem belebenden

    Safte, der aus den Wurzeln der Geschichte heraufsteigt.

    31. Die Tradition erfordert im Gegenteil Erneuerungen, weil es nicht in ihrem Wesen liegt, an

    Ort und Stelle zu verharren, sondern mit Einsicht und Vernunft von der Vergangenheit in die

    Zukunft zu marschieren.

    32. Es ist nicht der Augenblick, wehmütig rückwärts zu schauen.

    33. Der Blick muss sich nun entschlossen nach vorwärts wenden, um mit allen unseren

    bescheidenen, aber dennoch nützlichen Kräften mitzuwirken an der Wiederherstellung der in

    Umbruch begriffenen Welt.

    XIII. Abschnitt 34. Der Bundesrat hat Euch die Wahrheit versprochen.

    35. Er wird sie Euch sagen, ohne Beschönigung und ohne Zaghaftigkeit.

    XIV. Abschnitt 36. Der Zeitpunkt der inneren Wiedergeburt ist gekommen.

    37. Jeder von uns muss den alten Menschen ablegen.

    XV. Abschnitt 38. Das bedeutet:

    Nicht schwatzen, sondern denken;

    Nicht herumdiskutieren, sondern schaffen;

    Nicht geniessen, sondern erzeugen,

  • 31

    nicht fordern, sondern geben.

    XVI. Abschnitt 39. Gewiss wird dies nicht ohne seelische und materielle Schmerzen und Leiden gehen.

    XVII. Abschnitt 40. Verbergen wir uns dies nicht: Wir werden uns Einschränkungen auferlegen müssen.

    41. Wir werden, bevor wir an uns selbst denken, nur an uns selbst, an die andern denken

    müssen – ausserhalb und innerhalb unserer Grenzen – an die Enterbten, an die Schwachen, an

    die Unglücklichen.

    42. Es wird nicht genügen, einen Teil unseres Überflusses als Almosen hinzugeben;

    43. Wir werden ganz sicherlich gezwungen sein, auch einen Teil dessen hinzugeben, was wir

    bisher als für uns notwendig hielten.

    44. Das ist nicht mehr die Gabe des Reichen, sondern das Scherflein der Witwe.

    XVIII. Abschnitt 45. Wir werden sicherlich auf viele Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten verzichten

    müssen, auf die wir Gewicht legen, weil sie eine unbewusste Kundgebung unseres Egoismus

    sind.

    46. Statt einer Verarmung wird dies für uns eine Bereicherung bedeuten.

    XIX. Abschnitt 47. Wir werden wiederum zur gesunden Gewohnheit zurückkehren, viel zu werken und uns

    für einen bescheidenen Erfolg abzumühen, während wir uns bisher in der Hoffnung wiegten,

    grosse Erfolge mit wenig Mühe zu erzielen.

    48. Erwächst nicht die Freude nur aus der Anstrengung?

    49. Fragt die Sportsleute: Sie wissen dies schon lange!

    XX. Abschnitt 50. Eher als an uns selbst und an unser Wohlbehagen, werden wir eben an die anderen und an

    ihre wesentlichen Bedürfnisse denken.

    51. Das ist die wahre Solidarität, diejenige der Tat und nicht der Worte und Umzüge,

    diejenige, die die nationale Gemeinschaft durch Arbeit und Ordnung, diese beiden grossen

    schaffenden Kräfte, einbettet in das Vertrauen und in die Einigkeit.

    XXI. Abschnitt 52. Die Arbeit!

  • 32

    53. Der Bundesrat wird sie dem Schweizervolke unter allen Umständen beschaffen, koste dies

    was es wolle.

    XXII. Abschnitt 54. Die Ordnung!

    55. Sie ist uns angeboren und ich bin überzeugt, dass sie ohne Schwierigkeiten mit Hülfe aller

    guten Bürger aufrecht erhalten bleiben wird.

    XXIV. Abschnitt 56. Diese werden es auch verstehen, dass die Regierung handeln muss.

    57. Ihrer Verantwortung bewusst, wird sie ihre Pflicht erfüllen, nach Aussen und nach Innen,

    über den Parteien stehend, im Dienste aller Schweizer, die Söhne ein und desselben Bodens,

    Ähren desselben Feldes sind.

    58. Eidgenossen, an Euch ist es, nun der Regierung zu folgen als einem sicheren und

    hingebenden Führer, der seine Entscheidungen nicht immer wird erklären, erläutern und

    begründen können.

    59. Die Ereignisse marschieren schnell: Man muss sich ihrem Rhythmus anpassen.

    60. Auf diese Weise, und nur so werden wir die Zukunft bewahren können.

    XXV. Abschnitt 61. Persönliche, regionale und parteiliche Meinungsverschiedenheiten werden sich

    verschmelzen im Tiegel des nationalen Interesses, dieses höchsten Gesetzes.

    XXVI. Abschnitt 62. Schliesst Euch zusammen hinter dem Bundesrate!

    63. Bleibt ruhig, wie auch er ruhig ist!

    64. Bleibt fest, wie auch er fest ist!

    65. Habt Vertrauen, wie auch er Vertrauen hat!

    66. Der Himmel wird uns seinen Schutz auch weiterhin angedeihen lassen, wenn wir uns

    dessen würdig zu erweisen wissen.

    XXVII. Abschnitt 67. Mut und Entschlossenheit, Opfergeist, Selbsthingabe, das sind die rettenden Tugenden.

    68. Durch sie wird unser freies, menschenfreundliches, verständnisvolles, gastliches

    Vaterland seine brüderliche Mission weiter erfüllen können, die von den grossen

    europäischen Kulturen beeinflusst ist.

  • 33

    XXVIII. Abschnitt 69. Schweizer, meine Brüder, würdig der Vergangenheit, wir wollen beherzt in die Zukunft

    schreiten.

    XXIX. Abschnitt 70. Gott möge über uns wachen.