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Thüringer Landtag 6. Wahlperiode Plenarprotokoll 6/43 25.02.2016 43. Sitzung Donnerstag, den 25.02.2016 Erfurt, Plenarsaal Vor Eintritt in die Tagesord- nung Möller, AfD 3515, Zweites Gesetz zur Änderung des Thüringer Architekten- und Ingenieurkammergesetzes 3515, Gesetzentwurf der Fraktion der AfD - Drucksache 6/1399 - ZWEITE BERATUNG Der Gesetzentwurf wird in ZWEITER BERATUNG in namentlicher Abstimmung bei 76 abgegebenen Stimmen mit 8 Jastimmen und 68 Neinstimmen (Anlage) abgelehnt. Brandner, AfD 3515, 3517, Mühlbauer, SPD 3516, 3517, Keller, Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft 3517, Thüringer Energieeffizienzge- setz 3517, Gesetzentwurf der Fraktion der CDU - Drucksache 6/1626 - ZWEITE BERATUNG Der Gesetzentwurf wird in ZWEITER BERATUNG abgelehnt. Harzer, DIE LINKE 3518, 3519,

Thüringer Landtag Plenarprotokoll 6/43 6. Wahlperiode 25.02 · Trinkwasserqualität in den Gemeinden Hohengandern und Kella - Drucksache 6/1780 - 3563, wird von Ministerin Werner

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Thüringer Landtag6. Wahlperiode

Plenarprotokoll 6/4325.02.2016

43. Sitzung

Donnerstag, den 25.02.2016

Erfurt, Plenarsaal

Vor Eintritt in die Tagesord-nung

Möller, AfD 3515,

Zweites Gesetz zur Änderungdes Thüringer Architekten-und Ingenieurkammergesetzes

3515,

Gesetzentwurf der Fraktion derAfD- Drucksache 6/1399 -ZWEITE BERATUNG

Der Gesetzentwurf wird in ZWEITER BERATUNG in namentlicherAbstimmung bei 76 abgegebenen Stimmen mit 8 Jastimmen und68 Neinstimmen (Anlage) abgelehnt.

Brandner, AfD 3515, 3517,Mühlbauer, SPD 3516, 3517,Keller, Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft 3517,

Thüringer Energieeffizienzge-setz

3517,

Gesetzentwurf der Fraktion derCDU- Drucksache 6/1626 -ZWEITE BERATUNG

Der Gesetzentwurf wird in ZWEITER BERATUNG abgelehnt.

Harzer, DIE LINKE 3518, 3519,

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Gruhner, CDU 3519,Mühlbauer, SPD 3522,Möller, AfD 3523,Kobelt, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 3525,Siegesmund, Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz 3526,

Erstes Gesetz zur Änderungdes Thüringer Archivgesetzes

3528,

Gesetzentwurf der Landesregie-rung- Drucksache 6/1713 -ERSTE BERATUNG

Der Gesetzentwurf wird an den Ausschuss für Europa, Kultur undMedien überwiesen.

Krückels, Staatssekretär 3528,Marx, SPD 3529,Kellner, CDU 3529,Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 3531,Brandner, AfD 3532,

Keine weiteren Belastungenfür die Bürger, die Wirtschaftund die Landwirtschaft – daszusätzliche Wasserentnahme-entgelt darf nicht kommen

3534,

Antrag der Fraktion der CDU- Drucksache 6/1641 -dazu: Alternativantrag der Frak-

tion der AfD- Drucksache 6/1685 -

Der Antrag wird abgelehnt.

Der Alternativantrag wird abgelehnt.

Tasch, CDU 3534,Kummer, DIE LINKE 3535,Becker, SPD 3536,Kießling, AfD 3538,Kobelt, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 3539,Dr. Voigt, CDU 3540, 3544,Siegesmund, Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz 3542, 3544,

3544,

Thüringer Gesetz zur DualenHochschule Gera-Eisenach

3545,

Gesetzentwurf der Landesregie-rung- Drucksache 6/1744 -ERSTE BERATUNG

Der Gesetzentwurf wird an den Ausschuss für Wirtschaft und Wis-senschaft überwiesen.

Tiefensee, Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft 3545, 3554,3555,

3506 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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Dr. Voigt, CDU 3546, 3552,3553, 3554, 3554, 3555,

Schaft, DIE LINKE 3548,Mühlbauer, SPD 3549,Brandner, AfD 3550, 3552,

3552,Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 3553,

Mitgliedschaft von Mitgliedernder Landesregierung in Lei-tungs- und Aufsichtsgremienauf Erwerb gerichteter Unter-nehmenhier: Zustimmung des Land-tags gemäß Artikel 72 Abs. 2der Verfassung des FreistaatsThüringen

3555,

Antrag der Landesregierung- Drucksache 6/1761 -

Die Zustimmung wird erteilt.

Möller, AfD 3555,Brandner, AfD 3555,

Fragestunde 3556,

a) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Walk (CDU)Asylbewerber als Informanten des Amtes für Verfassungsschutz- Drucksache 6/1737 -

3556,

wird von Minister Dr. Poppenhäger beantwortet.

Walk, CDU 3556,Dr. Poppenhäger, Minister für Inneres und Kommunales 3556,

b) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Krumpe (fraktionslos)Qualitätssicherung bei der Bereitstellung von Thüringer Daten-Downloaddienstengemäß der INSPIRE-Richtlinie – nachgefragt- Drucksache 6/1743 -

3556,

wird von Ministerin Keller beantwortet. Zusatzfragen. Ministerin Keller macht demFragesteller Abgeordneten Krumpe bezüglich seiner zweiten Zusatzfrage erneutdas Angebot, zur Klärung des Sachverhalts mit den Mitarbeitern des TMIL zusam-menzuarbeiten.

Krumpe, fraktionslos 3556, 3557,3557, 3558,

Keller, Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft 3557, 3557,3558,

c) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Dittes (DIE LINKE)Polizeiliche Personendatenbank im Bereich Fußballfanszene in Thüringen?- Drucksache 6/1759 -

3558,

wird von Staatssekretär Götze beantwortet. Zusatzfrage.

Dittes, DIE LINKE 3558, 3558,

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3507

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Götze, Staatssekretär 3558, 3559,

d) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Dr. Voigt (CDU)Thüringer Ministerpräsident als Schirmherr einer Regierungsinitiative als „neuerstrategischer Ansatz“?- Drucksache 6/1774 -

3559,

wird von Staatssekretär Maier beantwortet. Zusatzfrage.

Dr. Voigt, CDU 3559, 3560,Maier, Staatssekretär 3559, 3560,

e) Die Mündliche Anfrage der Abgeordneten Leukefeld (DIE LINKE)Geplantes Viersternehotel in Oberhof- Drucksache 6/1775 -

3560,

wird von Staatssekretär Maier beantwortet. Zusatzfragen. Staatssekretär Maiersagt der Fragestellerin Abgeordnete Leukefeld die schriftliche Beantwortung ihrerzweiten Zusatzfrage zu.

Mitteldorf, DIE LINKE 3560,Maier, Staatssekretär 3560, 3561,

3561,Leukefeld, DIE LINKE 3560, 3561,

f) Die Mündliche Anfrage der Abgeordneten Floßmann (CDU)Abwasserentsorgung im Landkreis Hildburghausen- Drucksache 6/1776 -

3561,

wird von Staatssekretär Möller beantwortet.

Floßmann, CDU 3561,Möller, Staatssekretär 3561,

g) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Kuschel (DIE LINKE)Kredite für energetische Sanierungsmaßnahmen- Drucksache 6/1779 -

3562,

wird von Staatssekretär Götze beantwortet. Zusatzfragen.

Kuschel, DIE LINKE 3562, 3563,Götze, Staatssekretär 3562, 3563,

h) Die Mündliche Anfrage der Abgeordneten Dr. Scheringer-Wright (DIE LINKE)Trinkwasserqualität in den Gemeinden Hohengandern und Kella- Drucksache 6/1780 -

3563,

wird von Ministerin Werner beantwortet. Zusatzfragen. Ministerin Werner sagt derFragestellerin Abgeordnete Dr. Scheringer-Wright die schriftliche Beantwortung ih-rer beiden Zusatzfragen zu.

Dr. Scheringer-Wright, DIE LINKE 3563, 3564,3564,

Werner, Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie 3563, 3564,3564,

3508 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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i) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Kowalleck (CDU)Facebook und die Persönlichkeitsrechte von Thüringerinnen und Thüringern- Drucksache 6/1786 -

3564,

wird von Minister Lauinger beantwortet. Zusatzfragen.

Kowalleck, CDU 3564, 3565,3566,

Lauinger, Minister für Migration, Justiz und Verbraucherschutz 3565, 3565,3566,

j) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Tischner (CDU)Genehmigung von Schülerauslandsfahrten im Schulamtsbereich Mittelthüringen- Drucksache 6/1787 -

3566,

wird von Staatssekretärin Ohler beantwortet. Zusatzfragen.

Tischner, CDU 3566, 3567,Ohler, Staatssekretärin 3566, 3567,

3567,

k) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Möller (AfD)Ausweisung des ehemaligen Truppenübungsplatzes Tautenhain als Naturerbe- Drucksache 6/1790 -

3567,

wird von Staatssekretär Möller beantwortet.

Möller, AfD 3567,Möller, Staatssekretär 3568,

l) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Bühl (CDU)Mittelverteilung der örtlichen Jugendpauschale in Thüringen- Drucksache 6/1788 -

3568,

wird von Staatssekretärin Ohler beantwortet. Zusatzfragen. Staatssekretärin Ohlersagt dem Fragesteller Abgeordneten Bühl die schriftliche Beantwortung seiner Zu-satzfrage zu.

Bühl, CDU 3568, 3569,Ohler, Staatssekretärin 3568, 3569,

3569,König, DIE LINKE 3569,

m) Die Mündliche Anfrage des Abgeordneten Gentele (fraktionslos)Qualitätsverluste im Schienenpersonennahverkehr in Thüringen?- Drucksache 6/1791 -

3569,

wird von Ministerin Keller beantwortet.

Gentele, fraktionslos 3569,Keller, Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft 3569,

Viertes Gesetz zur Änderungdes Thüringer Flüchtlingsauf-nahmegesetzes

3570,

Gesetzentwurf der Landesregie-rung- Drucksache 6/1753 -

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3509

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ERSTE BERATUNG

Der Gesetzentwurf wird an den Ausschuss für Migration, Justiz undVerbraucherschutz – federführend – und den Innen- und Kommunal-ausschuss überwiesen.

Lauinger, Minister für Migration, Justiz und Verbraucherschutz 3570,Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 3571,Möller, AfD 3573,Berninger, DIE LINKE 3575,Lehmann, SPD 3576,Herrgott, CDU 3577,Brandner, AfD 3579,Marx, SPD 3579,

Zweites Gesetz zur Änderungdes Thüringer Feiertagsge-setzes (Gesetz zur Einführungeines Gedenktages für die Op-fer des SED-Unrechts)

3580,

Gesetzentwurf der FraktionenDIE LINKE, der SPD und BÜND-NIS 90/DIE GRÜNEN- Drucksache 6/1769 -ERSTE BERATUNG

Der Gesetzentwurf wird an den Innen- und Kommunalausschussüberwiesen.

König, DIE LINKE 3580,Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 3581,Brandner, AfD 3583, 3584,

3588,Walk, CDU 3585,Pelke, SPD 3586, 3589,Götze, Staatssekretär 3588,

Zweites Gesetz zur Änderungdes Thüringer Schulgesetzes

3590,

Gesetzentwurf der Fraktion derAfD- Drucksache 6/1762 -ERSTE BERATUNG

Die beantragte Überweisung des Gesetzentwurfs an den Ausschussfür Bildung, Jugend und Sport wird abgelehnt.

Muhsal, AfD 3590, 3597,3598,

Tischner, CDU 3591,Wolf, DIE LINKE 3592,Höcke, AfD 3595,Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend und Sport 3598,

Gesetz zur Verbesserung derFinanzkontrolle hinsichtlichUntreuehandlungen in Thürin-gen

3599,

3510 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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Gesetzentwurf der Fraktion derAfD- Drucksache 6/1758 -ERSTE BERATUNG

Die beantragte Überweisung des Gesetzentwurfs an den Ausschussfür Migration, Justiz und Verbraucherschutz sowie an den Innen- undKommunalausschuss wird jeweils abgelehnt.

Höcke, AfD 3599,Kowalleck, CDU 3600,Dr. Pidde, SPD 3601,Brandner, AfD 3601, 3606,

3606,Krumpe, fraktionslos 3604,Taubert, Finanzministerin 3604,

Gute Bildung braucht starkeSchulleiter

3607,

Antrag der Fraktion der CDU- Drucksache 6/508 -dazu: Beschlussempfehlung des

Ausschusses für Bildung,Jugend und Sport- Drucksache 6/1644 -

dazu: Änderungsantrag der Frak-tion der CDU- Drucksache 6/1649 -

Der Änderungsantrag wird abgelehnt.

Der Antrag wird abgelehnt.

Grob, CDU 3607,Wolf, DIE LINKE 3608,Höcke, AfD 3610,Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 3612,Rosin, SPD 3613,Tischner, CDU 3614, 3620,

3620,Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend und Sport 3617, 3619,

3619, 3619, 3619, 3620, 3620,

Der Forschungs- und Hoch-schulstandort ThüringenBeratung der Großen Anfrageder Fraktion der CDU und derAntwort der Landesregierung –Drucksachen 6/962/1377 – aufVerlangen der Fraktion derCDU

3621,

Unterrichtung durch den Präsi-denten des Landtags- Drucksache 6/1625 -

Die Beratung wird durchgeführt.

Die beantragte Fortsetzung der Beratung im Ausschuss für Wirt-schaft und Wissenschaft wird abgelehnt.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3511

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Muhsal, AfD 3621, 3621,3632,

Mühlbauer, SPD 3623,Schaft, DIE LINKE 3625,Dr. Voigt, CDU 3627,Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 3631,Tiefensee, Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft 3633,

3512 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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Anwesenheit der Abgeordneten:

Fraktion der CDU:

Bühl, Carius, Emde, Floßmann, Geibert, Grob, Gruhner, Herrgott, Heym,Holbe, Holzapfel, Kellner, Kowalleck, Lehmann, Lieberknecht, Liebetrau,Malsch, Mohring, Primas, Scherer, Schulze, Tasch, Thamm, Tischner, Dr.Voigt, Walk, Walsmann, Wirkner, Worm, Wucherpfennig, Zippel

Fraktion DIE LINKE:

Berninger, Blechschmidt, Dittes, Engel, Hande, Harzer, Hausold,Hennig-Wellsow, Huster, Jung, Kalich, König, Korschewsky, Kräuter,Kubitzki, Kummer, Kuschel, Leukefeld, Lukasch, Dr. Lukin, Dr. Martin-Gehl,Mitteldorf, Müller, Schaft, Dr. Scheringer-Wright, Skibbe, Stange, Wolf

Fraktion der SPD:

Becker, Hey, Lehmann, Marx, Matschie, Mühlbauer, Pelke, Dr. Pidde, Rosin,Taubert, Warnecke

Fraktion der AfD:

Brandner, Henke, Herold, Höcke, Kießling, Möller, Muhsal, Rudy

Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:

Adams, Henfling, Kobelt, Müller, Pfefferlein, Rothe-Beinlich

fraktionslos:

Gentele, Helmerich, Krumpe, Reinholz

Anwesenheit der Mitglieder der Landesregierung:

Die Minister Taubert, Keller, Dr. Klaubert, Lauinger, Dr. Poppenhäger,Siegesmund, Tiefensee, Werner

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3513

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Beginn: 9.03 Uhr

Präsident Carius:

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich darfSie bitten, die Plätze einzunehmen. Sie gestattenmir eine Nachbemerkung zu gestern. Die Demons-trationen des gestrigen Abends sind glücklicherwei-se friedlich verlaufen. Ich danke deshalb vor allemden Beamten der Polizei, die für die Absicherungdes Rechts auf Demonstrationsfreiheit gesorgt ha-ben.

(Beifall im Hause)

Nach dem Ende der Demonstrationen habe ich Kol-legen aller Fraktionen auf dem Empfang der TLMgesehen, was mich einerseits amüsiert, anderer-seits auch ehrlich freut. Wir haben eben alle trotzaller Prinzipien auch nur menschliche Bedürfnisse.Sehr schön!

Aus gegebenem Anlass weise ich auch darauf hin,dass das Abgeordnetenhaus ein Parlamentsgebäu-de und keine Litfaßsäule ist. Deshalb haben hierTransparente, Plakate und auch Fahnen, die ausden Fenstern oder an den Wänden hängen, nichtszu suchen. Ich bitte, das künftig zu berücksichtigen.

Jetzt möchte ich noch einmal kurz auf die Debattevon gestern und das Parlament zurückkommen. Ichwill das jetzt ohne Pathos schon noch einmal sa-gen: Für die Schaffung eines solchen Ortes wie die-ses Parlaments haben viele Menschen aus vielenParteien gekämpft, ihre Freiheit riskiert und manchehaben auch ihr Leben verloren. Wir wissen alle,dass ein Parlament ein Ort ist, an dem man unge-straft seine unterschiedlichen Meinungen austragenkann. Das kann eine Zumutung für Regierungensein, das kann auch immer eine Zumutung für je-den Andersdenkenden sein. Für unsere Gesell-schaft ist es aber eine Bereicherung. Es ist der Ort,von dem in unserer Demokratie viel Kraft undMacht ausgeht. Die Abgeordneten haben als Re-präsentanten aller Thüringer eine hohe Verantwor-tung dafür, dass die unterschiedlichen Interessenhier artikuliert werden können. Das kann hart in derSache und auch gern deutlich in der Sprache erfol-gen. Aber vollkommen inakzeptabel und auch un-angemessen ist die gegenseitige Diffamierung. DerVersuch, aus dem politischen Wettbewerber denFeind zu machen, die pauschale Verurteilung, dasgegenseitige Bewerfen mit politischen Kampfbegrif-fen – ich habe nur eine kleine Auswahl –, wie „Na-tionalpopulismus“, „Rassismus“, „nationale Sozialis-ten“, „Rotfaschisten“ – ich könnte das jetzt beliebigfortsetzen –, das ist nicht angemessen für das, wasdie Thüringer von uns richtigerweise erwarten.

(Beifall im Hause)

Für uns im Präsidium ist das nicht immer einfach,damit umzugehen. Eine Orgie von Ordnungsrufenwürde niemandem helfen. Es mag sein, dass man

sich mit solchen Begriffen den Beifall eigener An-hänger sichert. Für den Bürger, der von uns Debat-ten und Entscheidungen erwartet, wirkt das eherabstoßend und auch viele Mitglieder des Hausesbeschämt es.

(Beifall im Hause)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir alle beklagenin diesen Tagen eine zunehmende Gewaltbereit-schaft. Wir verurteilen Gewalt, ganz gleich, vonwem sie ausgeht und gegen wen sie gerichtet istund auch in welcher Form sie ausgeübt wird. Damitwir das glaubwürdig tun können, möchte ich unsnoch einmal ermutigen, dass wir uns in der Wort-wahl mäßigen. Es wird niemand seine Wähler ent-täuschen, wenn er die Beschimpfung weglässt undes mit Argumenten versucht. Ganz im Gegenteil,wenn es uns gelingt, nötige Debatten hier sachlichzu führen, können die Bürger im Land auch stolzauf ihr Parlament sein. Ich würde mich freuen,wenn Sie das heute beherzigen könnten.

(Beifall im Hause)

Vielen herzlichen Dank. Damit kommen wir zurheutigen Sitzung. Ich freue mich, dass wir auf derBesuchertribüne eine Besuchergruppe aus demBerufsschulzentrum in Ilmenau und eine Besucher-gruppe der Regelschule in Bürgel herzlich willkom-men heißen dürfen.

(Beifall im Hause)

Für diese Plenarsitzung hat als Schriftführer nebenmir Platz genommen der Abgeordnete Schaft. DieRednerliste führt der Abgeordnete Tischner.

Für die heutige Sitzung haben sich einige Kollegenentschuldigt, darunter der Abgeordnete Fiedler, derAbgeordnete Höhn, Frau Abgeordnete Meißner,Herr Abgeordneter Wirkner. Die Landesregierungist auch teilweise entschuldigt: Herr Ministerpräsi-dent Ramelow, Herr Minister Prof. Dr. Hoff, Herr Mi-nister Lauinger zeitweise sowie Frau MinisterinTaubert zeitweise.

Wir haben ein Geburtstagskind. Auch das wollenwir nicht unterschlagen. Herzlichen Glückwunsch,lieber Michael Heym, zum heutigen Geburtstag. Al-les Gute!

(Beifall im Hause)

Über das Alter können Sie sich ja dann noch malaustauschen. Er sieht jedenfalls immer viel jüngeraus.

(Heiterkeit im Hause)

Dann kommen wir zur Tagesordnung: Zu den Ta-gesordnungspunkten 17 und 18 wurden jeweilsNeufassungen verteilt.

Die Landesregierung hat mitgeteilt, zum Tagesord-nungspunkt 16 von der Möglichkeit eines Sofortbe-richts gemäß § 106 Abs. 2 der Geschäftsordnung

3514 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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Gebrauch zu machen. Ich frage: Gibt es weitereÄnderungswünsche? Das ist nicht der Fall, sodasswir in die Tagesordnung einsteigen.

Ich rufe auf den Tagesordnungspunkt 4 – bitteschön, Herr Möller?

Abgeordneter Möller, AfD:

Herr Präsident, vorher beantragen wir eine Sonder-sitzung des Ältestenrats, und zwar zur Verletzungder Fassadenhoheit durch Abgeordnete desHauses oder Referenten. Es kann aus unsererSicht nicht sein, wenn die Fassadenhoheit verletztwird und Anweisungen an alle Fraktionen ergehen,solche Verletzungen rückgängig zu machen, eineFraktion oder zwei oder drei Fraktionen dem offen-sichtlich nicht Folge leisten, die anderen aberschon. Das geht einfach nicht.

Präsident Carius:

Gut. Dann würde ich zunächst mal die Geschäfts-führer hier nach vorn bitten. Ich unterbreche die Sit-zung für 5 Minuten, bevor wir dann in der Tages-ordnung fortfahren.

Meine Damen und Herren, ich darf Sie bitten, diePlätze wieder einzunehmen. Wir würden die Sit-zung jetzt gern wieder aufnehmen. Wir haben unsjetzt unter den Parlamentarischen Geschäftsführerngeeinigt, dass alle noch mal in ihre Fraktionen zu-rückgehen und darauf aufmerksam machen, dassdas Heraushängen von Plakaten, Transparentenetc. zu keinem Zeitpunkt im Thüringer Landtag er-laubt ist. Ich würde auch darum bitten, dass dasauch jeder in Zukunft berücksichtigt. Das Quorumfür eine Ältestenratseinberufung ist nicht erreicht,sodass sich eine Abstimmung hierüber auch erle-digt.

Damit rufe ich auf den Tagesordnungspunkt 4

Zweites Gesetz zur Änderungdes Thüringer Architekten-und IngenieurkammergesetzesGesetzentwurf der Fraktion derAfD- Drucksache 6/1399 -ZWEITE BERATUNG

Ich eröffne die Aussprache. Als Erster hat Abgeord-neter Brandner für die AfD-Fraktion das Wort.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Meine Damen und Herren, wir starten ganz sach-lich in den Tag, wie der Präsident sich das ge-wünscht hat, und reden über das Gesetz über dieArchitektenkammer, die Ingenieurkammer und denSchutz der Berufsbezeichnungen, das wir hier inden Landtag eingebracht haben, die Änderungs-

wünsche dazu. Im Landtag selbst gab es dazu kei-ne inhaltlichen Anmerkungen. Es gab nichts daranauszusetzen. Auch danach gab es nichts auszuset-zen. Das Januar-Plenum beschäftigte sich mehr mitFormalien. Eine Ausschussüberweisung fand nichtstatt, woraus wir schließen, dass der Gesetzentwurfeigentlich so in Ordnung ist und einer Zustimmunghier gleich nach dem Ende meiner Rede nichts ent-gegenstehen dürfte. Wenn es Probleme gegebenhätte, hätte man die im Ausschuss besprechenkönnen. Ausschussüberweisung gab es nicht, wirschließen das daraus.

Meine Damen und Herren, im Januar-Plenum ha-ben Sie von den Altparteien unseren Gesetzentwurfgern so tituliert, wie Sie es immer tun, und mit demnebulösen Hinweis auf einen großen Wurf, der an-geblich bald von der Landesregierung oder von denRamelow-Fraktionen zu erwarten ist, abgelehnt.Von diesem großen Wurf können wir allerdingsnichts erkennen. Gar nichts ist erkennbar. Nicht einSterbenswörtchen bisher. Ihre großen Würfe bishersind auch hinlänglich bekannt. Ich sage nur Parla-mentsreform – Frau Rothe-Beinlich ist gerade drau-ßen, wahrscheinlich am Wasserspender. Der Was-serspender ist nach wie vor das einzige, was vonder großen Parlamentsreform in einem Jahr hier indiesem Hause umgesetzt wurde.

Meine Damen und Herren, am 18. Januar 2016 istdie Umsetzungsfrist für die EU-Berufsanerken-nungsrichtlinie abgelaufen. Zwei Jahre waren davorins Land gegangen, ohne dass auch nur eine derThüringer Landesregierungen – zwischendurch hat-ten ja die Farben gewechselt – einen Vorschlag ge-macht hätte, auf dessen Grundlage eine Diskussionhätte geführt werden können. Staatssekretär Sühlmusste in der letzten Sitzung anerkennen, dass un-ser Gesetzentwurf genau die Punkte aufgreift, diedurch den Landesgesetzgeber umgesetzt werdenmüssen, um gleiche Bedingungen für Thüringer Ar-chitekten und Ingenieure zu ermöglichen, nämlichvon Gesetzes wegen die Möglichkeit zu schaffen,die Haftung für berufliches Fehlverhalten auf dasGesellschaftsvermögen zu begrenzen. Unverständ-lich war dabei aber seine Aussage, dass kein Zeit-druck bestünde. Die Umsetzungsfrist der Berufsan-erkennungsrichtlinie ist abgelaufen. Ich hatte gera-de darauf hingewiesen. Mehr Zeitdruck kann ei-gentlich gar nicht sein, als nach einer abgelaufenenFrist das umzusetzen, was von der EU oder vonhöheren Instanzen verlangt wird. Sie schlafen dafröhlich weiter! Sie können froh sein, dass wir Siemit diesem Antrag geweckt haben. Wir gehen da-von aus, dass, wenn unser Gesetzentwurf nicht an-genommen wird, zwei oder drei Pleni – sagt mandas so? – bzw. Plenarsitzungen später wahrschein-lich ein ähnlicher Gesetzentwurf von Ihnen einge-bracht und dann als der Weisheit letzter Schlussverkauft wird.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3515

(Präsident Carius)

Page 12: Thüringer Landtag Plenarprotokoll 6/43 6. Wahlperiode 25.02 · Trinkwasserqualität in den Gemeinden Hohengandern und Kella - Drucksache 6/1780 - 3563, wird von Ministerin Werner

Meine Damen und Herren, Sie alle von den Altpar-teien haben es bisher nicht für nötig gehalten, denThüringer Architekten und Ingenieuren eine Erleich-terung im Wettbewerb zu verschaffen. Das verste-he, wer will. Wir von der AfD verstehen das nicht.Das ist wirtschafts- und mittelstandsfeindlich, wasSie von den vier anderen Fraktionen hier machen.

(Beifall AfD)

Dabei zeigt unser Gesetzentwurf, dass eine schritt-weise Umsetzung der EU-Richtlinie und zunächstdie Einführung von Vorschriften zur Schaffung derPartnerschaftsgesellschaft mit beschränkter Haf-tung möglich und auch geboten ist. Wir verstehengar nicht, warum hier auf einen angeblichen großenWurf gewartet werden soll, der dann wahrscheinlichim Wasserspender versickert. Noch einmal, meineDamen und Herren: Die aktuelle Gesetzeslage bie-tet bereits vertragliche haftungsbeschränkendeMöglichkeiten für Thüringer Architekten und Inge-nieure. Das ist allerdings kompliziert. Es fehlt inThüringen deshalb die gesetzliche Vorgabe, eineGesellschaft gründen zu können, deren Haftung fürFehler der Berufsausübung auf das Gesellschafts-vermögen begrenzt ist. Das wollen wir von der AfDund sollten auch Sie von den anderen Parteienendlich ändern, weil es im Sinne der Thüringer Ar-chitekten und Ingenieure ist. Sie würden es wahr-scheinlich als alternativlos bezeichnen. Das mussumgesetzt werden in Thüringen, meine Damen undHerren. Den Thüringer Architekten und Ingenieu-ren, die im Wettbewerb mit Berufskollegen im gan-zen Berufsgebiet und auch in Europa stehen, ent-steht dadurch ein Wettbewerbsnachteil. DieserWettbewerbsnachteil kann ein Standortnachteil fürThüringen sein und ist es bereits auch, wenn näm-lich Architekten und Ingenieure nach Bayern, Sach-sen und Sachsen-Anhalt abwandern, weil dort dieGesetzeslage bereits so ist, wie wir sie uns für Thü-ringen wünschen und wie sie in Thüringen umge-setzt werden sollte. Ich appelliere daher an alleFraktionen, die da sind – die Grünen haben geradeeine Auszeit genommen –, also an die vier jetzt hieranwesenden Fraktionen: Lassen Sie – versuchenSie mal, was der Präsident gerade gesagt hat – indiesem sachlichen Fall bei diesem sachlichen Ge-setz, das weder populistisch noch überhaupt an-greifbar ist, mal Vernunft walten in Ihren Fraktionen.

(Heiterkeit Abg. Möller, AfD)

Springen Sie über Ihren Schatten und zeigen Sieden Thüringern, dass Sie imstande sind, für diejeni-gen Politik zu machen, die Sie gewählt haben unddie hier die Steuern zahlen. Auch das dürfte im Sin-ne des Präsidenten sein, dass wir nach außen ver-mitteln: Wir können in der Sache zusammenarbei-ten und vernünftige Dinge umsetzen.

(Beifall AfD)

Verabschieden Sie deshalb mit uns ein Gesetz, dases den Thüringer Freiberuflern ermöglicht, mit glei-chen Chancen in Deutschland und Europa arbeitenzu können. Vielen Dank.

(Beifall AfD)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Brandner. Wir haben mal nach-geschaut: Plenum heißt im Plural im LateinischenPlena, Plenen müsste es aus dem Englischen ent-lehnt sein. Aber vielleicht reicht es auch, wenn wireinfach von künftigen Plenarsitzungen reden. Inso-fern vielen Dank.

Frau Mühlbauer für die SPD-Fraktion, Sie habendas Wort.

Abgeordnete Mühlbauer, SPD:

Guten Morgen, meine sehr geehrten Damen undHerren, meine werten Zuhörer! Schöne Grüße andie Ilmenauer Berufsschule. Guten Morgen, HerrPräsident! Herr Brandner, das war der Wiederho-lungsfall – in der HOAI geregelt, bei Juristen wird erleider immer noch voll bezahlt. Das heißt, Ihr Bei-trag wäre in dem Protokoll der 40. Sitzung, Sei-te 19, komplett nachlesbar gewesen. Das heißt, Siehaben nicht einmal die Gelegenheit genutzt, die An-merkungen, die Kollegin Liebetrau und ich Ihnendas letzte Mal mit auf den Weg gegeben haben,warum Ihr Vorschlag leider hier nicht weiter beratenwerden kann, mitzunehmen. Ich sage es Ihnennoch mal, denn auch in der Wiederholung liegt derLerneffekt, und man sollte es, glaube ich, nie aufge-ben, auch in höheren Altersphasen ist das Lernendurchaus noch möglich. Es geht – für unsere Zuhö-rer – in der EU-Anpassung nicht nur um die Part-nerschaftsgesellschaft mit beschränkter Haftung.Architekten und Ingenieure können leider momen-tan noch nicht wie andere Berufsgruppen eine Part-nerschaftsgesellschaft mit beschränkter Haftunggründen. Ja, da sind wir gefordert und da handelnwir auch und ich weiß auch sehr sicher, dass wirzeitnah hier einen vorgelegten Gesetzentwurf dis-kutieren können. Aber das ist nicht der einzigePunkt, Herr Kollege Brandner, der angepasst wer-den muss. – Um der Frage vorzubeugen, HerrBrandner, bitte erst am Ende meiner Ausführungen,damit wir dann auch den Inhalt komplexer bespre-chen können. – Das ist nicht der einzige Punkt, derangepasst werden muss. Es werden auch andereDinge angepasst. Wir – ich sage es mal einbisschen einfacher – haben den Bachelor-Prozess,den Bologna-Prozess, wir machen jetzt den Bache-lor und den Master. Ich bin ja noch so ein klassi-scher alter Ingenieur, den es heute von der Ausbil-dung her so nicht mehr gibt. Wir wollen, dass unse-re Studienabschlüsse europaweit anerkannt, weitergeformt usw. werden müssen. Auch da ist natürlich,gerade in der Ausbildung und gerade auch in der

3516 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Brandner)

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Anerkennung, Europarecht mit anzupassen unddas ist nicht ganz einfach. Da muss man sich auchmal mit der Bauhaus-Universität verständigen, damuss man andere mit dazu nehmen, wie wir dasdenn machen können, denn wir bilden hervorragen-de Architektinnen und Ingenieure aus. Auch mussman sich mit den Kammern verständigen, was die-se denn wollen, wie wir ausländische Berufsqualifi-kationen anerkennen wollen, wie wir die Berufsbe-zeichnung europaweit einheitlich gestalten wollenund wie wir in dem Zusammenwachsen eines Euro-pas mit unserem guten alten deutschen Werttiteldes Deutschen Diplomingenieurs, Marke Architekt,der hier vor Ihnen steht, umgehen wollen. Das sindalles Dinge, die muss man mit betrachten, da gehtes nicht nur um das Thema Partnerschaftsgesell-schaft. Das haben wir Ihnen das letzte Mal gesagt,nachzulesen, wie gesagt, im Beitrag von Frau Lie-betrau. Ich verweise dazu noch mal auf das Proto-koll der 40. Plenarsitzung, 6. Wahlperiode, Seite 18bis 19, dort ist das verschriftlicht. Aus diesemGrund können wir Ihren Gesetzentwurf leider nichtüberweisen, weil er zu kurz gegriffen ist, nicht voll-umfänglich die Probleme berücksichtigt. Wir erwar-ten zeitnah den Gesetzentwurf der Landesregie-rung und werden uns mit dem Thema beschäftigen.Ein gutes Haus baut man nicht an einem Tag. Lie-ber zweimal über eine Sache nachgedacht und sielangfristig entwickelt als kurzfristig zu kurz geschos-sen. Danke schön, meine Damen und Herren.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Jetzt die Anfrage von Herrn Abgeordneten Brand-ner, die Sie zugelassen haben. Herr Brandner, bit-te.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Es ist eigentlich nur eine Frage, Frau Mühlbauer:Welchen Berufsgruppen von Freiberuflern, die demLandesrecht unterliegen, ist es verwehrt, Partner-schaftsgesellschaften mit beschränkter Haftung zugründen?

Abgeordnete Mühlbauer, SPD:

Das habe ich Ihnen gerade gesagt. Zum momenta-nen Zeitpunkt gilt dieses für Architekten und Inge-nieure nicht. Das ging auch aus meinem Beitrag,glaube ich, vollumfänglich hervor. Herr Brandnerwollte darauf hinweisen, dass ich Ihnen jetzt nochmal sage, für Steuerberater und Juristen funktio-niert das, aber ich bin Gott sei Dank kein Jurist,sondern Architekt. Unsere Brücken halten länger,als manch ein Schreiben eines Juristen.

(Beifall und Heiterkeit DIE LINKE, SPD,BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Aus diesem Grunde dauert es auch eine gewisseZeit länger, die Dinge so umzusetzen, wie wir daswollen. Ich bin ja auch eher für ein Jahrhundertbau-werk zu haben als nur für kurzfristige Rhetorik.Danke schön.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank. Weitere Wortmeldungen aus den Rei-hen der Abgeordneten liegen mir jetzt nicht vor.Das bleibt auch so. Von der Regierung? Frau Mi-nisterin Keller, bitte schön.

Keller, Ministerin für Infrastruktur und Landwirt-schaft:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damenund Herren Abgeordnete, der Architekten- und In-genieurkammergesetzentwurf ist in erster Beratungim Kabinett am Dienstag beschlossen worden. Erwird jetzt dem Landtag zugeleitet, dann kann er indie Anhörung gehen. Er wird jetzt entsprechendden Verbänden zugeleitet, wird dann in den zweitenKabinettsdurchlauf gehen und kann dann zeitnahim Landtag beraten werden. Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Ministerin. Weitere Wortmeldun-gen sehe ich nicht, sodass ich die Ausspracheschließe.

Wir kommen direkt zur Abstimmung über den Ge-setzentwurf der Fraktion der AfD in Drucksa-che 6/1399 in zweiter Beratung.

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: NamentlicheAbstimmung!)

Herr Abgeordneter Möller bittet um eine namentli-che Abstimmung. Also bitte ich die Herren hieroben, die Stimmkarten einzusammeln.

So, wenn nun jeder Gelegenheit zur Stimmabgabehatte – es sieht so aus –, dann schließe ich den Ab-stimmungsvorgang und bitte um Auszählung. Vie-len Dank.

Wir haben ein Ergebnis: Abgegeben wurden76 Stimmen, Jastimmen 8, Neinstimmen 68 (na-mentliche Abstimmung siehe Anlage). Damit ist derGesetzentwurf der Fraktion der AfD in der Drucksa-che 6/1399 mit Mehrheit abgelehnt.

Ich schließe damit diesen Tagesordnungspunkt undrufe auf den Tagesordnungspunkt 5

Thüringer Energieeffizienzge-setz

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3517

(Abg. Mühlbauer)

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Gesetzentwurf der Fraktion derCDU- Drucksache 6/1626 -ZWEITE BERATUNG

Als Erstem erteile ich das Wort Herrn Abgeordne-ten Harzer für die Fraktion Die Linke.

Abgeordneter Harzer, DIE LINKE:

Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Präsi-dent, liebe Kolleginnen und Kollegen – Glück-wunsch, Kollege Heym –, liebe Besucherinnen undBesucher! Energieeffizienzgesetz – ein schönesWort. Es hört sich erst einmal gut an, wenn man soetwas hier im Parlament behandelt, nur hat es na-türlich auch einen entscheidenden Makel. DasEnergieeffizienzgesetz der CDU, welches wir zurBeratung hier haben, richtet sich nur an die Ener-gieeffizienzsteigerung von Gebäuden. Es werdenviele andere Bereiche außen vor gelassen.

Ich will darauf verweisen, liebe Damen und Herrender CDU, Ihre Bundesregierung hat einen nationa-len Energieeffizienzplan gestattet. Bestandteil die-ses nationalen Energieeffizienzplans – ich nehmejetzt nur die Maßnahmen, die schon umgesetzt sindbzw. sich in Umsetzung befinden – ist das, was Siebehandeln wollen, die CO2-Gebäudesanierung, einMarktanreizprogramm zur Nutzung erneuerbarerEnergien, eine Initiative zum Energieeffizienzzu-wachs, die Auditpflicht für Großunternehmen, Ener-gieeffizienzstrategie Gebäude, Energieberatung,Abwärmenutzung, Weiterentwicklung des KfW-Energieeffizienzprogramms, das AnreizprogrammEnergieeffizienz, Unterstützung der Marktüberwa-chung, ein EU-Energielabel, ein nationales Energie-effizienzlabel für Heizungsaltanlagen. Dieses Pro-gramm richtet sich nicht nur an Gebäudeeigentü-mer, sondern generell an Verbraucher, Unterneh-men und Kommunen, damit natürlich auch an dieöffentliche Hand. Aber wie die einzelnen Bestand-teile schon sagen, richtet es sich viel weiter überalldahin, wo Energie verbraucht wird. Überall da sollauch Energie eingespart werden.

Sie schreiben in Ihrem Gesetz, bis 2050 soll derGesamtenergieverbrauch in Gebäuden um 50 Pro-zent gesenkt und zu 50 Prozent durch erneuerbareEnergien sichergestellt werden. Damit bleiben Sieaber deutlich hinter den Zielen dieser Landesregie-rung und dieser Koalition zurück, die sich im Koali-tionsvertrag eine Selbstverpflichtung aufgegebenhat, Thüringen bis 2040 bilanziell zu 100 Prozentmit erneuerbaren Energien zu versorgen.

Dann bin ich bei Herrn Gruhner, der gestern erstwieder gesagt hat: Wir erzeugen ja schon 50 Pro-zent des Stroms in Thüringen aus erneuerbarenEnergien. Das ist richtig, Herr Gruhner. 50 Prozentder in Thüringen erzeugten Energie stammt aus er-neuerbaren Quellen. Aber wir erzeugen nur knapp

60 Prozent unseres eigenen Stroms, den wir ver-brauchen, selber in Thüringen. Circa 40 Prozent im-portieren wir. Wenn man die Leitungen sieht, dannweiß man, wo das herkommt, was wir da importie-ren: Es kommt aus der Braunkohle, es kommt ausJänschwalde und den anderen Bereichen, woStrom erzeugt wird.

Von der Warte aus sind wir also von vielen Punktennoch weit entfernt und haben noch einiges zu tun,vor allem auch darin, dass wir Strom und Energieselber erzeugen. Dazu hat die Landesregierung,hat diese Koalition einiges gemacht, gerade wasdie Gebäudesanierung betrifft. Ich erinnere an dasFörderprogramm für Schulen, in das wir ganz deut-lich mit hineingeschrieben haben, dass es, wenn ei-ne höhere Energieeffizienz am Ende steht, auchmehr Fördermittel gibt. Wir wollen also die vorgege-benen Ziele des EEG unterbieten. Damit gehen wirschon allein mit diesem Programm sehr deutlichviel weiter als die CDU.

Wir denken auch in die andere Richtung. Ich willnur an unseren Antrag „Elektromobilität“ erinnern,den wir im Januar behandelt haben, wo wir uns da-zu verständigt haben, auch den Fuhrpark des Lan-des CO2-neutraler zu gestalten, dort Vorgaben zumachen. Das alles vermisse ich in Ihrem Gesetz, inIhrem Gesetzentwurf, nämlich ein breit gefächertesMaßnahmenpaket, um Energieeffizienz in diesemLande wirklich voranzubringen.

Ich weiß, Sie stellen sich dann immer her und sa-gen: Das ist alles ein Skandal, wenn unsere Ideennicht aufgegriffen werden. Aber es ist kein Skandal,sondern es ist einfach so, dass Ihr Programm bzw.Ihr Gesetz nicht weit genug geht,

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Dann kön-nen wir es ja trotzdem beraten!)

dass Sie immer vergessen, dass es nicht nur umEnergieeffizienz geht, sondern dass auch die Ener-gie, die wir erzeugen wollen, aus erneuerbaren Be-reichen kommen muss. Wenn ich dann solche Ver-anstaltungen sehe wie letztens Ihr Windforum oderWindkraftforum, wo Sie massiv gegen erneuerbareEnergien hetzen – in dem Fall gegen Windkraft –,

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Wir hetzendoch nicht!)

die Vorträge mit „Kettensägen für Windkraft“ undsolche Geschichten – allein schon der Vortragsti-tel –, oder wenn Sie sich Experten holen, die überOffshore-Anlagen debattieren, die in Thüringensehr wirkungsvoll sind, diese Offshore-Windan-lagen, also wo wir ein richtiges Problem haben – dabin ich ganz bei Ihnen, weil wir so viele KilometerKüste haben, wo diese Offshore-Anlagen entstehenkönnen –, dann weiß ich nicht, was Sie eigentlichwollen. Sie wollen auf der einen Seite den Bürgerin-nen und Bürgern dieses Landes verkaufen: Wirkümmern uns, wir sorgen für eine klimafreundliche

3518 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Präsident Carius)

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Zukunft. Auf der anderen Seite fordern Sie die Bür-gerinnen und Bürger dieses Landes über ihre Wind-kraftforen dazu auf, gegen erneuerbare Energienins Feld zu ziehen, gegen erneuerbare Energien zuagitieren und entsprechend auch zu arbeiten. DieFrage ist, Frau Tasch, machen die es selber

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Natürlich!)

oder werden sie mit falschen Argumenten gefüttert.Allein Ihre Auswahl der Experten, die Sie eingela-den haben, ist ja schon sehr trefflich. Wenn ich daden einen Experten, der dann krankheitsbedingtabgesagt hat, den Herrn Sven Johansson, heißt derglaube ich, sehe, der keinerlei fachliche Qualifika-tion hat, irgendwie über Infraschall zu reden, derdann aber zum Beispiel über Infraschall reden soll

Präsident Carius:

Herr Harzer, darf ich Sie bitten, zum Gesetz zurück-zukommen.

Abgeordneter Harzer, DIE LINKE:

– ja, ich komme ja wieder zum Gesetz zurück –,dann zeigt mir das, dass Sie eigentlich kein wirkli-ches Interesse haben, hinsichtlich der Energiewen-de in Thüringen, außer zu reden und Schaufenster-anträge zu machen, überhaupt ein Ziel zu verfol-gen, welches wirklich greifbar ist.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Das ist keinSchaufensterantrag!)

Dann will ich auch an die Klimakonferenz in Pariserinnern, wo sich die Staatengemeinschaft der Weltin Verantwortung für den Klimaschutz Ziele gesetzthat, die deutlich weiter gehen als das, was wir hiermit Ihrem Gesetzentwurf in Thüringen erreichenkönnten. Sie gehen dann noch weiter, Sie machenda noch einen Finanzierungsvorschlag mit einemrevolvierenden Fonds, dass Sie sagen, das Geld,was wir im Jahr einsparen, das geben wir in einenFonds, der dann diese Maßnahmen finanziert. Ersteinmal ist es laut Haushaltsordnung gar nicht mög-lich, das jedes Jahr zu machen, denn wenn ich ein-mal eingespart habe, muss ich dann bei einer ver-nünftigen Planung das Jahr darauf den Haushalts-ansatz nehmen, der auch erreichbar ist und nicht ir-gendwelche Fantasieplanungen. Wenn ich dann inIhrem Gesetz lese, 1 Prozent jährlich einzusparen,und Sie beziffern oder Ihr Fraktionsvorsitzender be-ziffert dann vorige Woche auf diesem Windenergie-forum dieses 1 Prozent an Kosten im Land mit 12bis 15 Millionen Euro, dann frage ich mich: Gebenwir wirklich jedes Jahr so viel Geld aus? Das wärenja bei 12 bis 15 Millionen Euro, wenn das 1 Prozententspricht,

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Zur Sachesprechen!)

1,2 bis 1,5 Milliarden Euro, die wir jedes Jahr hin-sichtlich der Energie im Land ausgeben. Also ichhabe im Haushalt dieses Landes keinen Titel ge-funden, der in dieser Größenordnung Energiever-bräuche ausweist. Von der Warte aus muss ich sa-gen: Das ist ein Schaufensterantrag,

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Also das istja ungeheuerlich!)

der auch mit vielen falschen Zahlen arbeitet. Daherbleibt uns nichts weiter übrig, als diesen Entwurfabzulehnen. Vertrauen Sie darauf: Sie kriegen vonuns ein Klimagesetz vorgelegt, was deutlich breitergefächert ist, was deutlich mehr umfasst und woSie, wenn Sie dann ehrlich in sich gehen, auch amEnde zustimmen können und Ihre Ziele deutlichverbessert wiederfinden. Danke schön.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Da wartenwir doch mal ab!)

Präsident Carius:

Danke schön, Herr Harzer. Als Nächster hat Abge-ordneter Gruhner für die CDU-Fraktion das Wort.

Abgeordneter Gruhner, CDU:

Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen undHerren! Lieber Kollege Harzer, dass Sie sich hierfast die Hälfte Ihrer Rede damit beschäftigt haben,welche Referenten wir auf unserem Windkraftforumeinladen, zeigt im Kern eigentlich, dass Sie in derSache hier kein einziges Argument vorzutragen ha-ben.

(Beifall CDU)

Das Einzige, was Ihnen einfällt, ist, Referenten vonDialogveranstaltungen der CDU-Fraktion schlecht-zureden. Ich kann Ihnen nur sagen, das ist ein ganzschlechter Stil und das zeigt eigentlich, wo Sie inder Debatte stehen. Ihnen geht es nicht um Sachar-gumente. Ihnen geht es eigentlich im Kern nur da-rum, tatsächlich auch mit Dreck zu werfen. Daskann man durchaus so sagen, wenn man daraufblickt, was Sie im Vorfeld unseres Windkraftforumshier fabriziert haben.

Dann will ich zu Ihnen auch sagen: Sie haben gera-de eben eigentlich genau das Argument geliefert,warum unser Thüringer Energieeffizienzgesetz, sowie es aufgestellt ist, richtig ist. Sie haben gesagt,es gibt im Bund schon einen nationalen AktionsplanEnergieeffizienz, der eine ganz breite Palette anMaßnahmen zur Energieeffizienz bereithält. Das istrichtig, in der Tat. Gerade weil es ihn gibt und erschon eine ganze Reihe an Maßnahmen vorsieht,macht es Sinn, dass wir in Thüringen nicht doppeltund dreifach auf das draufpacken, was der Bund

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3519

(Abg. Harzer)

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ohnehin schon macht. Deswegen kann ich Ihnennur sagen: Das, was Sie hier vorgetragen haben,war eigentlich das beste Argument dafür, dass un-ser Gesetz in die richtige Richtung geht.

(Beifall CDU)

(Zwischenruf Abg. Harzer, DIE LINKE: Des-wegen können wir ja nicht hinter dem Bundzurückbleiben!)

Dann will ich Ihnen auch sagen, Sie haben hier ge-rade ausgeführt, wir würden überhaupt nicht da-rüber reden, dass wir auch aus erneuerbaren Ener-gien das Land versorgen wollen. Auch da habenSie offensichtlich das Gesetz nicht gelesen. Ich willes noch einmal nennen: In unserem Gesetz steht,gerade auch mit Blick auf die Landesimmobilien,dass wir sagen, perspektivisch sollen 70 Prozentder Energieversorgung bei den Landesimmobilienaus erneuerbaren Energien kommen. Wenn dasnicht ehrgeizige Ziele sind, dann frage ich michdoch wirklich. Deswegen habe ich hier nicht wirklicherkannt, warum Sie sich der Debatte verschließen.Ich will noch einmal ausdrücklich sagen: Wir habenein gutes Gesetz vorgelegt, weil wir auf die Prinzi-pien Freiwilligkeit, Wirtschaftlichkeit, Sozialverträg-lichkeit und Technologieoffenheit setzen. Ich glaubeim Übrigen, dass wir damit mehr Tempo in dieEnergiewende bringen als Sie mit Ihren sechs Elek-troautos und zwei Gummikarren, die Sie im letztenJahr gefördert haben,

(Beifall CDU)

die zwei Gummikarren, die elektrisch betriebensind, mit denen sie jetzt auf der EGA irgendwelcheRechen und Schaufeln hin- und herfahren. Ich glau-be, unser Gesetz bringt da schon einen substan-zielleren Beitrag.

(Beifall CDU)

Wir haben dieses Gesetz auch deswegen in denMittelpunkt gestellt – ich will es noch einmal wieder-holen, ich habe es in der ersten Lesung schon ge-sagt –, weil wir der Überzeugung sind, dass Ener-gie, die nicht verbraucht wird, auch nicht produziertwerden muss. Deswegen ist es wichtig, dass wirdiese Säule der Energiewende auch hier in den Mit-telpunkt stellen. Ich will noch einmal einzelne Stich-worte unseres Gesetzes nennen und da vielleichtauch noch auf die eine oder andere Frage von Ih-nen eingehen. Wir haben gesagt, wir verankerneinen Energieeffizienzfonds in unserem Gesetz. Siehaben gesagt, mit Blick auf den Landeshaushaltwären das alles Fantasievorstellungen, was wir hieraufgeschrieben hätten. Also wenn man heute dieZeitungen liest, glaube ich, ist der Einzelplan derUmweltministerin eine einzige Fantasievorstellungmit Blick auf den Landeshaushalt. Darin stehen 10bis 12 Millionen Euro – ich habe es in der letztenSitzung schon gesagt – für den Hochwasserschutz,den Sie überhaupt nicht in irgendeiner Form abge-

sichert haben. Gestern haben Sie gesagt, heutekann man es lesen, jetzt machen Sie dafür ein ei-genes Gesetz. Es ist schon bemerkenswert, dassSie nicht in der Lage sind, Ihren Haushalt seriös mit10 bis 12 Millionen Euro zu untersetzen, dass Siedafür jetzt ein eigenes Gesetz brauchen.

(Zwischenruf Abg. Adams, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Reden Sie mal zum Thema!)

(Zwischenruf Abg. Harzer, DIE LINKE: ZumThema!)

Ich kann Ihnen nur sagen: Wenn jeder Minister indieser Regierung anfängt, für 10 oder 12 MillionenEuro in seinem Haushalt ein eigenes Gesetz in die-sem Land einführen zu wollen, da sage ich nur „Gu-te Nacht!“ Also reden Sie nicht davon, dass wirFantasievorstellungen mit Blick auf den Landes-haushalt machen. Die größte Fantasievorstellung,die finden Sie im Einzelplan von Frau Siegesmund.

(Beifall CDU)

(Zwischenruf Abg. Dr. Lukin, DIE LINKE: Ander Haushaltsdebatte haben Sie sich ja nichtbeteiligt!)

Nächstes Stichwort: Wir haben gesagt, wir wollenein Entwicklungskonzept für die Landesimmobilien.Auch da kann ich von der Landesregierung bishernoch nichts erkennen. Wir haben gesagt, wir wollenein Monitoring in Bezug auf Energieeinsparungentatsächlich auch gesetzlich verankern und wir wol-len gesetzlich verankerte Förderinstrumente undeben auch Quartierslösungen. All das sind Punktein unserem Gesetz, wozu ich nur sagen kann, dasses sich da gelohnt hätte, darüber zu diskutieren, imÜbrigen auch mit der Maßgabe, dass das nicht derWeisheit letzter Schluss sein muss, sondern natür-lich auch mit der Maßgabe, dass auch wir gesagthätten: Wenn es hier weitere Vorschläge und Punk-te gibt, muss man darüber reden. Aber Sie habensich von vornherein dieser Debatte verschlossen.Ich kann es noch mal wiederholen: Das ist schlicht-weg schlechter Stil, dass Sie der größten Opposi-tionsfraktion hier im Hause verwehren, eine sach-kundige Diskussion in den Fachausschüssen desLandtags über ein wahrlich umfängliches Gesetz zuführen. Das ist schlechter Stil und deswegen will ichIhnen auch noch mal den Spiegel vorhalten. Kolle-ge Mohring hat das in der letzten Debatte auchschon gemacht, ich wiederhole es noch mal. Ich willnoch mal Ihren Koalitionsvertrag zitieren, man kannes nicht oft genug machen, weil Sie offensichtlichvöllig vergessen haben, was da drin steht. In IhremKoalitionsvertrag steht: „Wir wollen in der Landes-politik eine neue Kultur des Zuhörens und Mitma-chens etablieren,

(Beifall DIE LINKE)

die auf die konstruktive Suche nach der besten Lö-sung für die in Thüringen lebenden Menschen setzt

3520 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Gruhner)

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und diejenigen zusammenführt, die Thüringen ge-meinsam voranbringen wollen. Wir bilden eine Lan-desregierung, die sich auch denen zuwendet, dieandere Überzeugungen und Ideen haben. Wir tre-ten mit ihnen in den Dialog und suchen nach ge-meinsamen Wegen.“ Ich kann nur feststellen:Schall und Rauch!

(Beifall CDU, AfD)

(Zwischenruf Abg. Adams, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Ihr Gesetz ist es nicht?!)

Das ist das, was in Ihrem Koalitionsvertrag steht,und diese Verweigerungshaltung, die zieht sich wieein rot-rot-grüner Faden durch Ihre gesamte Regie-rungspolitik. Kollege Harzer hat das Stichwort„Windkraftausbau“ genannt. Sie reden unsere Dia-logveranstaltungen schlecht. Wir reden wenigstensmit den Menschen. Sie dagegen verweigern Siesich auch in diesen Fragen. Sie bügeln Petitionenab, Sie bügeln Anträge im Parlament ab, wo es umdie vernünftige Suche nach Mindestabständen zwi-schen Windrädern und Wohnbebauung geht. Alldas machen Sie und das zeigt Ihre Ignoranz beimThema „Energiepolitik“.

(Zwischenruf Abg. Harzer, DIE LINKE: Mitwem reden Sie denn? Mit wem reden Siedenn, mit den Genossenschaften?)

Kollege Harzer, Sie können gleich noch mal hiervortreten, jetzt habe ich das Wort und Sie beruhi-gen sich – okay?

(Beifall CDU)

Ihre Verweigerungshaltung setzt sich beim Thema„Gebietsreform“ fort. Da nützt es auch nicht, dassder Innenminister hier gestern aus seinem Kalendervorgetragen hat, wo er demnächst alles Terminehat. Ja, wo der Innenminister alles Termine hat, hatnoch lange nichts mit Bürgerbeteiligung zu tun.

(Beifall CDU, AfD)

Deswegen ist auch das ein Beispiel, wo Sie sichabsolut verweigern.

Dritter Punkt – und da sind wir wieder bei diesemGesetz: Sie bügeln auch dieses Gesetz einfach ab,ohne dass Sie die Debatte in den Fachausschüs-sen suchen. Da kann ich Ihnen nur sagen: Sie ver-weigern damit nicht nur der größten Oppositions-fraktion in diesem Haus die Debatte, sondern Sieverweigern damit auch denjenigen die Debatte, diesich mit diesen Themen auch außerhalb diesesParlaments auseinandersetzen. Sie verweigern derWirtschaft die Debatte um diese Fragen, Sie ver-weigern Verbänden die Debatte um diese Fragenund Sie verweigern auch Bürgern und Bürgerinitiati-ven die Debatte um diese Frage. Diese Möglichkeithätte es eben auch im Rahmen von Ausschussbe-ratungen gegeben. Deswegen kann ich nur sagen:Sie sind sehr, sehr schnell zur Arroganz der Macht

gekommen, so schnell kann man gar nicht schau-en.

(Beifall CDU)

Ich finde, das hat nichts mit Ihrem Koalitionsvertragzu tun, rein gar nichts.

Und warum verhalten Sie sich so? Ich habe es ge-sagt: Weil Sie eben offensichtlich nicht an der Sa-che orientiert sind, weil Sie keine differenzierteSachargumentation wollen, sondern weil Sie ein-fach ohne Rücksicht auf Verluste Ihre ideologischePolitik durchziehen wollen. Auch da kann ich nursagen: Wer sich so verhält, hat in Wahrheit keineArgumente. Sie wollen Beteiligung nur dann, wennes Ihnen in Ihr eigenes Konzept passt.

Dann will noch sagen: Sie bügeln nicht nur unsereVorschläge einfach ab, sondern Sie bringen selberauch nicht wirklich konstruktive Vorschläge ein. Siemachen Ihre Hausaufgaben nicht.

(Beifall CDU)

Ich habe es schon mehrfach hier gesagt, ich wie-derhole es noch einmal: Sie haben für Ende 2015in Ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, ein Ener-gie- und Klimaschutzkonzept vorzulegen. Das ha-ben Sie bis zum heutigen Tag nicht gemacht. Undjetzt heißt die Argumentation der zuständigen Mi-nisterin: Ja, Moment mal, wir legen jetzt erst malunser Klimaschutzgesetz vor und im Anschluss da-ran legen wir unser Konzept vor, wie wir die Ener-giepolitik im Freistaat aufstellen wollen. Das findeich eine bemerkenswerte Logik. Sie machen erstein Gesetz und danach machen Sie ein Konzept.

Vielleicht gilt auch da, dass Sie erst mal den erstenSchritt vor dem zweiten Schritt machen. Halten Siesich erstens an Ihren Koalitionsvertrag, tun Sie,was dort drinsteht, und gehen Sie in einer vernünfti-gen Sachlogik vor wie in jedem Politikfeld! Erstmacht man sich ein Konzept und dann rammt mankonkrete Pfeiler mit konkreten Gesetzen ein, damitman das, was man im Konzept stehen hat, auchtatsächlich mit Gesetzen untersetzen kann. Daswäre logische und seriöse Politik und die kann manbei Ihnen nur vermissen.

(Beifall CDU)

Deswegen finde ich es bemerkenswert, dass Siesozusagen ohne abgestimmtes Konzept durch dasLand rennen, ohne dass Sie wissen, mit welchenEnergieträgern Sie hier tatsächlich vorankommenwollen und auch in welchem Verhältnis, ohne dassSie wissen, wie Sie Netzausbau, Speichermöglich-keiten mit dem in Einklang bringen wollen. All dassind Fragen, die man zunächst erst mal in einemabgestimmten Konzept beantworten muss, wennman denn tatsächlich bis 2040 bilanziell zu100 Prozent Versorgung aus erneuerbaren Ener-gien kommen will. Auch das bleiben Sie sozusagenvöllig schuldig.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3521

(Abg. Gruhner)

Page 18: Thüringer Landtag Plenarprotokoll 6/43 6. Wahlperiode 25.02 · Trinkwasserqualität in den Gemeinden Hohengandern und Kella - Drucksache 6/1780 - 3563, wird von Ministerin Werner

Deswegen kann ich nur sagen: Bevor Sie einfachdas abbügeln, was die Opposition hier wirklich kon-struktiv im Hause einbringt, machen Sie erst mal Ih-re eigenen Hausaufgaben, bringen Sie Konsistenzin Ihre Politik, tun Sie das erst mal, was Sie mitBlick auf Beteiligungskultur im Koalitionsvertrag an-gekündigt haben, und tun Sie auch das, was Sie inSachfragen im Koalitionsvertrag mit konkreten Zeit-plänen untersetzt haben! Das bleiben Sie allesschuldig. Deswegen kann ich nur sagen, schlechterStil und schlechte Arbeit, die man Ihnen attestierenkann. Schönen Dank.

(Beifall CDU)

Präsident Carius:

Danke schön, Herr Gruhner. Als Nächste hat FrauAbgeordnete Mühlbauer für die SPD-Fraktion dasWort.

Abgeordnete Mühlbauer, SPD:

So, noch mal einen wunderschönen guten Morgenallen zusammen! Herr Gruhner, haben Sie dennFraktionsvorstandswahlen? Ich bin ja total begeis-tert von Ihnen; das war ja eine Bewerbungsrede fürden Fraktionsvorstand bei Ihnen. Parteitag steht,glaube ich, auch nicht an. Aber, Herr Gruhner, daswar gute Parteischule. Das heißt, Sie haben unsmal so ein bisschen einen Rundumblick aus Sichtder Opposition gegeben, eine kleine Haushaltsde-batte, die zum Zeitpunkt des Haushalts leider ge-fehlt hat.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Aber es ist Hoffnung, dass im nächsten Haushaltvon Ihnen doch das eine oder das andere kommt.Das heißt, ich freue mich auf den

(Zwischenruf Abg. Emde, CDU: Haben Sieauch was zur Sache zu sagen, Frau Mühl-bauer?)

nächsten Doppelhaushalt. Da scheint dochdurchaus noch das eine und das andere Talent inden Reihen der CDU zu schlummern, was wir nochnicht so richtig erkannt haben.

(Heiterkeit CDU)

Aber lassen Sie mich zwei, drei Dinge sagen, dennSie haben ja auch noch nicht so umfänglich vomGesetz her zur Gebietsreform gesprochen. Er hatzum Hochwasserschutz gesprochen, er hat zumLandeshaushalt gesprochen. Warum nicht zu IhremGesetzesentwurf? Das erkläre ich Ihnen nachher.Ich kann es nämlich fachlich erklären – das ist näm-lich das Schöne an der Sache –, warum Sie nichtzu Ihrem Gesetz gesprochen haben. Aber noch malganz kurz: Ich möchte mich herzlich bei der Minis-terin Siegesmund für den Hochwasserschutz be-

danken, denn wir müssen Hochwasser im Auge ha-ben, wenn es nicht da ist.

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Ich habeHochwasser im Auge, wenn Sie reden, FrauMühlbauer, die ganze Zeit!)

Wir haben erst kürzlich große Schäden in diesemFreistaat Thüringen gehabt und da müssen wir Vor-sorge treffen. Das ist eines der wichtigen Themen,die wir angehen wollen und müssen. Diesbezüglichwerden wir auch noch mal darüber reden. HerrGruhner, wenn Sie nasse Füße haben in Ihrem Ort,werden Sie das auch anders sehen als zu Zeiten,wo das Wasser nicht steht.

Jetzt noch mal herzlichen Dank, meine werten Kol-leginnen und Kollegen; wir lehnen es ab. Ich sageauch noch mal ganz kurz, warum wir es ablehnen.Ja, es ist richtig, ich hätte mich persönlich vor fünfJahren gefreut, wenn wir jemals so einen modernenenergetischen Ansatz aus Ihren Reihen gehört hät-ten. Deswegen ist auch die CDU in der Weiterent-wicklung. Da bin ich ja froh, aber Ihr Antrag, Ihr Ge-setz ist zu kurz gegriffen. Lassen Sie mich das malbitte anhand Ihrer Äußerungen – auch aus demletzten Plenum, auch hier wieder das Protokoll –mit ein, zwei, drei Zitaten belegen. Ich hoffe, Sie er-lauben es mir, Herr Präsident. Sie haben erstensgesagt: „Die Energiewende muss auf allen Gebie-ten vorangetrieben werden“. Das ist vollkommenrichtig.

Nun sage ich, warum dieses Argument auf Ihr Ge-setz nicht greift. Die Energiewende wurde bis jetztnur auf dem einen Thema, und zwar der Gebäu-desanierung, vorangetrieben. Die Gebäudesanie-rung – vor allem, wenn es die Lebensdauer und dieLebensphase des Gebäudes betrifft – ist ebennicht, wie Sie sagen, energieeffizient. Die ist eseben nicht, weil ich auch die Herstellung desDämmstoffes im Rahmen der Energiewende be-trachten muss.

Zweites Zitat: In den letzten 25 Jahren haben wir inGebäude saniert. Das ist richtig, aber wir habenweder die Kredite abfinanziert, noch haben wir dieMöglichkeiten, in Größenordnungen diesen Wohn-gebäudebestand weiter zu dämmen, weiter instandzu setzen, weil unsere Gebäudeeigentümer nicht inder Lage sind, diese Renditen auf dem Markt zu er-wirtschaften – außer man hat ein Objekt in Jena,aber im Regelfall eben nicht – und weil die Gebäu-de nicht noch ein zweites Mal beliehen oder kredi-tiert werden können – zweites Argument.

Drittes Argument: Wir bedienen uns hier – und dasmöchte ich ganz deutlich sagen, ich wehre mich da-gegen. Eine der größten CO2-Produzenten sind In-dustrie, Handwerk, Gewerbe. Dort – und das sindnicht leer stehende, unbeheizte Lagerhallen, wieSie auch in einer Ihrer Äußerungen beim letztenMal erwähnt haben – haben wir die Möglichkeiten,

3522 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Gruhner)

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dort ist es richtig und dort ist es wichtig, mit Ener-gieeffizienzmaßnahmen reinzugehen und umzuge-hen. Dort müssen wir explizit nachsteuern, nicht im-mer bei dem kleinen Wohnungseigentümer, Haus-eigentümer, bei den Wohnungsgesellschaften. Dortist es nicht richtig.

Der zweite und letzte Punkt – da kann der KollegeKobelt jetzt mich böse angucken, das ist meine per-sönliche, tiefe Auffassung – sind Wohngebäude.Wenn ich in einem Haus, in einem Gebäude lebenwill, möchte ich ein Fenster aufmachen, bin ich einMensch mit einer normalen Nutzung. Das heißt,man ist mit einer technisierten Dämmung auch ir-gendwo am Ende angelangt.

Nicht umsonst haben wir relativ viele Erkrankun-gen, die aus Raum- und Raumumluftgiften kom-men. Da müssen wir nachdenken und auch andersnachsteuern. Deswegen – schöner Ansatz, zu kurzgedacht, fachlich mit Fragezeichen zu versehen –:Das Klimagesetz – ich hoffe dann, Herr Gruhner,Sie bringen sich auch mit der gleichen Leiden-schaft, Energie und Engagement mit ein – muss ananderen Bereichen nachsteuern. Wir brauchenQuartierslösungen. Wir brauchen Produktion derErneuerbaren. Wir brauchen den Gewerbebereich.Wir brauchen den Verkehr, über den wir nachden-ken müssen. Diese ganzen Dinge, diese Bausteinemüssen zusammengesetzt werden, um tatsächlichdie Energiewende zu erreichen.

Diesbezüglich freue ich mich, wenn vonseiten desHauses der Gesetzentwurf vorgelegt wird, freuemich auf die Debatte. Ich bin mir sicher, dass einegroße Mehrheit in diesem Haus diese Ziele auchgemeinsam verfolgen will. Es tut mir leid – netterkleiner Versuch im ersten Anfang, zu kurz gewor-fen, aber wir machen gemeinsam weiter. Das wirdschon noch mit Ihnen, Herr Gruhner. Danke schön.

(Beifall DIE LINKE, SPD)

Präsident Carius:

Danke schön, Frau Mühlbauer. Als Nächster hatAbgeordneter Möller für die AfD-Fraktion das Wort.

Abgeordneter Möller, AfD:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolle-ginnen und Kollegen, liebe Gäste, zum Energieeffi-zienzgesetz der CDU ist bereits alles in der erstenBeratung gesagt worden, jedenfalls alles Wesentli-che. Wer von demografieorientierten Energiekon-zepten, effizienzorientiertem Liegenschaftsmanage-ment oder Nachhaltigkeit spricht, ohne näher zu er-läutern, was er darunter konkret versteht, derversteckt sich hinter leeren Worthülsen. Statt dieDinge beim Namen zu nennen, werden in diesemGesetzentwurf Begriffe gestapelt. Immerhin, 13 Malerwähnt die CDU-Fraktion das Wort des Konzeptsauf den Seiten ihres Gesetzentwurfs. Allein das

schlüssige Konzept selbst, das fehlt. Wir haben je-denfalls keins erkennen können. Ich will Ihnen dasmal deutlich machen, indem ich diesen Entwurf mitIhnen durchgehe.

§ 1 erschöpft sich in der Darstellung planwirtschaft-licher Ziele, die mit einem Schuss Zahlenmagie ge-würzt werden. Bis 2050 soll der Gesamtenergiever-brauch um mindestens 50 Prozent abgesenkt wer-den und zumindest 50 Prozent durch erneuerbareEnergien sichergestellt werden. Dann, meine Da-men und Herren von der CDU, kommt der ersteBrüller. Das Ganze soll nämlich freiwillig, wirtschaft-lich und sozial verträglich sein. Klar, die Leute wer-den freiwillig ihr Haus in Plaste einpacken und frei-willig ihren Nachbarn den Überbau für ein viertelMeter dicke Dämmplatten zur Verfügung stellen.Freiwillig werden sie auch auf Glühlampen verzich-ten. Schreien vor Glück werden sie über die lang-sam heller werdenden Quecksilberenergiesparfun-zeln.

(Heiterkeit AfD)

Dann gibt es natürlich auch noch für die Besserver-dienenden – Stichwort sozial verträglich – LED-Leuchten, die ein Zigfaches dessen kosten, was ei-ne Glühlampe mit der vergleichbaren Leuchtkraftgekostet hat. Die Leute werden sich natürlich auchweiterhin über die unglaublich effizienten Fotother-mieanlagen freuen, die sie sich aufs Dach schrau-ben wollen müssen, wenn sie ein Haus bauen zumBeispiel. Die machen im Sommer, wenn es brütendheiß ist und die Sonne scheint, brühwarmes Was-ser und im Herbst und im Winter ist es dann halt einbisschen kühler. Das ist eine ganz tolle Sache.

(Beifall AfD)

Man muss eben nur seine Bedürfnisse ein bisschenumstellen. Jetzt werden Sie vielleicht sagen, diemüssen doch keine Fotothermie für 5.000 Euro nut-zen, die können doch auch für 30.000 Euro eineErdwärmepumpe bauen oder für 40.000 Euro eineKWK-Anlage in den Keller stellen. Da haben Sienatürlich recht. Das geht. Aber Freiwilligkeit ist nachunserer Auffassung nicht die Wahl zwischen denverschiedenen möglichen Übeln. Sozial verträglichist diese Art zu bauen sicherlich auch, denn wer einniedriges Gehalt hat – und das sind in unseremLand sehr viele – und dank der hohen Abgabenlastwerden sich die Normal- und Geringverdiener so-wieso nicht mit diesem Problem auseinandersetzenmüssen. Es kann sich in diesem Land sowieso nurder Besserverdiener leisten, aber eben nicht derNormalverdiener.

(Beifall AfD)

Das ist offensichtlich die sozial verträgliche Kompo-nente des Gesetzentwurfs. Klar, auch eine Gas-brennwerttherme für 3.000 Euro würde eigentlichvöllig ausreichen, um ein Haus oder eine Wohnungzu beheizen. Das gebe auch angenehme Nebenef-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3523

(Abg. Mühlbauer)

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fekte, zum Beispiel, dass die kommunalen Stadt-werke oder Regionalversorger wirtschaftlich effi-zient ausgelastete Gasnetze hätten. Aber mit sol-chen schnöden Gasbrennwertthermen kriegt maneben nicht solche utopischen Energieeinsparzielehin, wie sie die CDU hier formuliert und dem Landeaufbürden möchte.

Gehen wir weiter im Gesetzentwurf und kommen zu§ 2 und § 3. Ihr § 2 Abs. 3 regelt, dass bei allen Ge-setzen und sonstigen rechtlichen Regelungen dieEnergieeffizienz, die Energieeinsparung, die erneu-erbaren Energien berücksichtigt werden sollen. Dasist Ihnen so wichtig, dass Sie das Ganze dann imnächsten Absatz, nämlich in § 3 Abs. 1, im Grundegenommen mit etwas anderen Worten noch malwiederholen. Mit irgendwas muss man ja den Ge-setzentwurf vollschreiben, wenn einem nichts Bes-seres einfällt. Dann stoßen Sie im nächsten Absatzmit Ihrem Wunsch nach einer umfassenden Evalu-ierung aller Vorschriften des Landes eine Jahrhun-dertaufgabe an.

(Zwischenruf Abg. Gruhner, CDU: Aller ein-schlägigen Vorschriften!)

Es ist ja sonst nichts los im Land, Herr Gruhner.

(Zwischenruf Abg. Gruhner, CDU: Richtig le-sen!)

Zuständig soll übrigens das Ministerium von FrauSiegesmund sein. Ich sage es mal so: Zumindestdem Detail könnte man durchaus was Positives ab-gewinnen, denn solange Frau Siegesmund evalu-iert, kann sie nichts Schlimmeres anstellen.

(Beifall AfD)

Wenn das also das Ziel Ihres Gesetzentwurfs war,dann hätten Sie mal mit uns reden müssen, dannhätten wir es unterstützt.

(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN: Darauf verzichten wirgern!)

Der dritte Absatz des § 3 enthält dann wieder bahn-brechend neue Regelungen, nämlich zum drittenMal in vier Absätzen wird wortreich erläutert, dassbei allen Gesetzen und sonstigen rechtlichen Rege-lungen die Energieeffizienz und die Energieeinspa-rung berücksichtigt werden sollen. Nur die erneuer-baren Energien haben Sie diesmal zu erwähnenvergessen. Ich grübele heute noch, ob das Vorsatzoder Ermüdungserscheinungen beim Referentenoder dem energiepolitischen Sprecher der CDU wa-ren.

Kommen wir nun zu Ihrer Forderung nach Förde-rung. Los geht es damit in § 2 Abs. 1. Da sollen Ge-bäudeeigentümer mit Förderinstrumenten des Lan-des unterstützt werden. Förderfähig soll laut § 4 üb-rigens alles sein, was Energie einspart, die Ener-gieeffizienz steigert oder zur Netzentlastung führt.

Nach diesem unendlich weiten Verständnis vonFörderfähigkeit wäre sogar die Kappung des Netz-anschlusses der Staatskanzlei während der nächs-ten dreieinhalb Jahre förderfähig.

Als einschränkendes Korrektiv greifen Sie dann un-ter anderem auf die ebenso uferlose Worthülse derfehlenden Nachhaltigkeit zurück, die Sie natürlichebenfalls nicht definieren oder erklären. Wer amEnde bestimmt, was nachhaltig ist und was nicht,das machen Sie wiederum nur zum Teil klar. Essind jedenfalls nicht die Gerichte, denn einenRechtsanspruch auf Förderung, den schließen Sieaus. Also lassen Sie mich es mal folgendermaßenzusammenfassen: Was gefördert wird, das soll ir-gendwer in der Landesregierung bestimmen, natür-lich auf Kosten des Steuerzahlers, der Spielraumdabei soll uferlos sein und die Entscheidung sollnicht gerichtlich überprüft werden. Ja, das klingtverdammt nach Erich Honecker, muss ich Ihnen sa-gen, liebe Kollegen von der CDU.

(Beifall AfD)

Vor dem Hintergrund dieses etwas absolutistischgeratenen Förderregimes erschließt es sich unsnicht, welchen Sinn der § 5 machen soll, der danneine Bereitstellung von umfassenden Informationenzu den gesetzlichen Rahmenbedingungen und För-dermöglichkeiten fordert. Es reicht bei diesem Kon-zept doch eigentlich der kurze Hinweis: Wer För-dermittel will, der gehe bitte zu Frau Siegesmund.Sie entscheidet dann, ob es was gibt, und wenn ja,wie viel – und damit basta.

In § 6 geht es dann übrigens weiter mit den Lan-desimmobilien. Hier tauchen plötzlich Zahlen auf.Doch wer nun aufgeregt Substanz im Gesetzent-wurf der CDU erwartet, der wird bitter enttäuscht.Nein, das nächste utopische Ziel wird präsentiert.Der Energieverbrauch in Landesimmobilien soll bis2050 um 70 Prozent gesenkt werden. Wesentlichist hierfür die Raumwärme, das wissen Sie sicher-lich, die den größten Anteil am Energieverbrauchim Gebäudesektor stellt. Der spezifische Endener-gieverbrauch für Raumwärme und Warmwasser hatsich von 2008 bis 2013 insgesamt um 2,8 Prozentverringert, und zwar aufgrund kostenintensiver perGesetz und Verordnung erzwungener Maßnahmen.Diese real erzielte Einsparung von 0,5 Prozent-punkten pro Jahr, die wollen Sie jetzt vervierfachen,und zwar freiwillig, wirtschaftlich und sozial verträg-lich. Ich muss Ihnen sagen, Herr Gruhner, wer sol-che Zahlenspiele macht, da kann ich langsamverstehen, warum der Kollege Mohring gern mitden Grünen koalieren möchte. in Sachen fehlenderRealitätsbezug stehen Sie denen schon ziemlichnah.

(Beifall AfD)

Was die CDU unter Freiwilligkeit versteht, das wirdin § 8 deutlich. Da geht es um die Wärmeversor-

3524 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Möller)

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gung im Verbund mit Kraft-Wärme-Kopplung. DieErarbeitung eines Konzepts soll freiwillig sein. Inder Realität endet die Freiwilligkeit da auch schon,denn Wärmeversorgungsnetze funktionieren wegenihrer hohen Kosten in der Regel nur bei Anschluss-und Benutzungszwang. Zwang ist das Gegenteilvon freiwillig, Herr Gruhner. Das Problem wird in Ih-rem Gesetzentwurf aber ignoriert bzw. schweigenSie sich darüber aus. Sie überlassen es den Kom-munen, den Bürgern diese unangenehme Botschaftzu vermitteln. Das ist aus unserer Sicht nicht lauter.

Zu guter Letzt schließt der Gesetzentwurf dannnoch mit der Festlegung, dass im Rahmen derInitiative für den energetischen Stadtumbau konkre-te Umsetzungsschritte im Dialog mit Verbändenfestgelegt werden sollen. Das freut diejenigen, dievon Subventionen und vom Zwang zu Energieeffi-zienz leben. Das sind mittlerweile ganze Wirt-schaftszweige. Und es freut natürlich auch diehochaktiven Lobbyisten, wie zum Beispiel von derDENEFF, die dann beim nächsten landesweitenUmverteilungsprojekt von unten nach oben mitre-den dürfen. Wer bei solchen Gesprächsrunden übli-cherweise nicht vertreten war, jedenfalls in der Ver-gangenheit, das sind die einfachen Bürger unseresLandes. Das sind die Bürger, die eben keine Pro-jektentwickler sind, keine Vermieter oder Energie-wendesubventionsabgreifer sind. Die haben näm-lich kein Interesse an diesen kostenintensivenZwangsmaßnahmen, die am Ende mit Steuergel-dern oder durch Umlagen finanziert werden, mitGeld also, was für andere dringende öffentliche Be-lange oder eben in der persönlichen Haushaltskas-se fehlt. Wir als AfD sind angetreten, dies zu än-dern. Bezogen auf den Gesetzesentwurf bedeutetdas, diesen in aller Deutlichkeit abzulehnen. Denn,wer Energieeffizienz möchte, der sollte erst einmalnahe liegende Potenziale heben, bevor er utopi-sche Ziele definiert, zum Beispiel werden durchelektrische Geräte im Stand-by in Deutschland jähr-lich bis zu 20 Milliarden Kilowattstunden verbraucht.Hier erreicht eine einfache Verhaltensänderung vielmehr Einsparpotenzial und es kostet nichts. DasGleiche gilt für den Umgang mit Wärme in Gebäu-den der öffentlichen Hand. Wie oft ist zu sehen,dass die Türen in den Büros öffentlicher Verwal-tungsgebäude offen stehen, während die Heizungim Zimmer an ist. Wie oft ist in öffentlichen Gebäu-den die Heizung auf Volllast und gleichzeitig stehenFenster stundenlang offen. Diese Art von verant-wortungslosem Umgang mit Energie in öffentlichenGebäuden konnte jeder, der mit offenen Augendurchs Leben geht, schon wahrnehmen. Das ist derGrund, warum wir der Meinung sind, dass man sichstatt um das nächste Bürgerbelastungsgesetz na-mens Energieeffizienzgesetz lieber um diesesEnergieeffizienzpotenzial kümmern sollte, und da-mit habe ich Ihnen dann auch schon den Gegen-entwurf der AfD-Fraktion erklärt. Vielen Dank.

(Beifall AfD)

Präsident Carius:

Vielen Dank. Aus den Reihen der Abgeordnetenhabe ich noch eine Wortmeldung. Herr Kobelt, bitteschön.

Abgeordneter Kobelt, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damenund Herren! Herr Möller, es fällt mir zugegebener-maßen recht schwer, aber ich zwinge mich wirklichdazu, jeder Ihrer Reden die ganze Zeit zuzuhören,und ich habe wirklich sehr darauf geachtet und wie-der mal ist es so in dem Energiethema, dass Sieviel kritisieren, aber keinen einzigen eigenen Vor-schlag machen. Null Vorschläge, null Ahnung, nullKonzepte, das war heute wieder eine typische AfD-Null.

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Aber lassen Sie mich noch kurz zu dem Antrag vonder CDU kommen. Sehr geehrter Herr Gruhner, ichkann ja verstehen, dass Sie die Arbeit der Landes-regierung als Oppositionspartei oder in Ihrer Rolle,die Sie vielleicht sehen, im Energiebereichschlechtmachen müssen und dass Sie auch Dingekritisieren, die Sie nicht gut finden. Aber wenn Siehier sagen, dass sich in Bezug auf die öffentlichenGebäude von Rot-Rot-Grün noch kein einziger An-trag, noch keine einzige Diskussion ergeben hatund noch nichts passiert ist, dann ist das einfach ei-ne Lüge, die man hier nicht so stehen lassen kann.Denn es ist noch keine zwei Monate her, dass wirhier im Landtag über Vorbildwirkung öffentlicherGebäude debattiert haben. Und es gab einen Land-tagsbeschluss mit großer Mehrheit von Rot-Rot-Grün, wo wir beschlossen haben, dass alle Neu-bauten, die Landesimmobilien sind, CO2-neutral ge-baut werden,

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Ihr habtdoch gar nichts gebaut!)

dass die, die saniert werden, 40 Prozent unterEnEV sind. Das sind Beschlüsse, die wir hier imLandtag gemeinsam gefasst haben. Ich glaube,entweder waren Sie nicht da oder Sie wollen esnicht wahrhaben. Das Gleiche hat auch für die öko-logische Ausrichtung der Schulbauförderung gegol-ten. Wenn es Schulen gibt, die diese Standardseinhalten, bekommen sie eine höhere Förderung,80 Prozent. Daran gibt es ein starkes Interesse imLand und da können Sie nicht sagen, dass wir inden öffentlichen Gebäuden oder im Gebäudebe-reich nichts getan haben, das können wir einfachnicht so stehen lassen, das ist nur Polemik und istkeine Sachdiskussion.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3525

(Abg. Möller)

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Aber lassen Sie mich bitte kurz zu Ihrem Hauptar-gument kommen: Warum beschäftigen wir unsnicht intensiver mit Ihrem Antrag? Die Frage istrecht einfach zu beantworten. Sie haben ganz klargeschrieben, Ihre Ziele in diesem Antrag lauten:50 Prozent erneuerbare Energien bis 2050. Dassind noch 35 Jahre. Jetzt fragen sich viele: Woherwollen Sie eigentlich in 35 Jahren noch so vielBraunkohle, so viel Uran, so viel Atomenergie undso viel Öl nehmen, um diese 50 Prozent, die übrigbleiben, zu füllen? Da sagt selbst die Bundesregie-rung mit der Kanzlerin: Wir haben uns zum Ziel ge-setzt, bis 2050 80 Prozent CO2 einzusparen und –ich zitiere –, „dazu wollen wir nahezu vollständigauf erneuerbare Energien umstellen“. Jetzt könnenwir uns sicherlich streiten. Heißt „nahezu vollstän-dig“ 80 Prozent, 90 Prozent, 95 Prozent? Auf jedenFall heißt es nicht 50 Prozent, wie Sie es hier in Ih-rem unambitionierten Antrag vorgeschlagen haben.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Daher haben wir uns ganz klar als rot-rot-grüneKoalition zum Ziel gesetzt, bis 2040 100 Prozent er-neuerbare Energie in Thüringen umzusetzen. Dasgeht weit über Ihren unambitionierten Vorschlag hi-naus und deshalb müssen Sie doch auch verste-hen, dass wir sagen: Wenn die Zielrichtung schonfalsch ist – das ist maximal die Hälfte von unserenZielrichtungen, von dem, was die Bürgerinnen undBürger erwarten, denn es hat in allen Wahlpro-grammen gestanden und es steht im Koalitionsver-trag –, dann müssen Sie doch eingestehen, dasswir nicht in fünf Ausschüssen noch darüber debat-tieren können. Wenn die Zielrichtung falsch ist,müssen wir Ihren Antrag ablehnen und das ist be-rechtigt und das kann man auch verstehen. Unter-stützen Sie uns dabei, ambitioniertere Ziele umzu-setzen! Da haben Sie unsere Unterstützung. Leidermüssen wir Ihren Antrag ablehnen. Danke.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Nein, daskann man nicht verstehen!)

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Frau Ministerin Siegesmund jetzt für die Landesre-gierung.

Siegesmund, Ministerin für Umwelt, Energieund Naturschutz:

Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen undHerren! Herr Möller, Sie tappen ja energiepolitischkomplett im Dunkeln – wo immer er gerade ist, ander Debatte will er nicht teilnehmen.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Und nicht nur energiepolitisch haben wir von derAfD eigentlich nichts anderes erwartet. Ich will Ih-

nen drei Punkte sagen, mit denen Sie sich wenigs-tens mal annähernd beschäftigen müssten:

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: Mach ich!)

Es ist schön, dass Sie der Debatte wieder beiwoh-nen.

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: Für Sie im-mer!)

Als Erstes habe ich wahrgenommen, dass Sie derkompletten Landesverwaltung unterstellen, dass sieHeizung an und Fenster auf hinkriegt. Lesen Siemal mindestens den ersten und zweiten Umweltbe-richt meines Hauses und Sie werden sehen, dassdie komplette Landesverwaltung in den vergange-nen Jahren sehr wohl und sehr bewusst darauf ge-achtet hat, wie sie Energiekosten einsparen kann.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Es ist eine Unterstellung für die vielen Menschen,die im Sinne des Landes arbeiten, dass Sie mei-nen, ihnen unterstellen zu müssen, dass sie nichtwissen, wie Energie eingespart und Energieeffi-zienz betrieben werden kann.

Dann finde ich sehr spannend, dass Sie sagen: MitStand-by kommen wir weiter. Ich würde wirklichgern von Ihnen wissen, ob Sie ein einziges Pro-gramm kennen, zum Beispiel den Stromspar-Check, den die Caritas macht, wo es genau um sol-che Dinge geht, miteinander zu sprechen. Sie er-wähnen nicht mal, dass es so etwas gibt, sondernSie tun so, als ob Stand-by eine Erfindung der AfDwäre. Das gab es schon vor Ihnen, wie vieles ande-re auch. Sie blenden völlig aus – als ob es die letz-ten 20 Jahre energiepolitisch nicht gegeben hätte –,dass es so etwas wie ein Erneuerbare-Energien-Gesetz gibt, dass es einen Ausstieg aus der Atom-energie gibt,

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: Da hatte ichdie Redezeit nicht!)

dass es Klimakonferenzen gegeben hat. Wenn Sieden Anspruch haben, energiepolitisch in irgendei-ner Form diesem Parlament und den Abgeordnetenhier etwas mitteilen zu wollen, dann müssen Sie ir-gendwie auch an das andocken, was Realität ist.Fangen Sie doch damit einfach mal an!

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Es beginnt im Übrigen bei den Begriffen: Das Wort„Fotothermie“ gibt es nicht, das heißt Solarthermie.Und die DENEFF gibt es auch nicht – das ist dieDENA.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wenn Sie ernst genommen werden wollen, meinesehr geehrten Damen und Herren der AfD, dannbemühen Sie sich wenigsten redlich, hier etwas

3526 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Kobelt)

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vorzutragen, was wir ernst nehmen können. Im Üb-rigen: Sie diskreditieren nicht nur die ThüringerLandesverwaltung, Sie diskreditieren das, worüberwir gestern hier diskutiert haben, sämtliche Bürger-energiegenossenschaften.

(Beifall SPD)

Sie haben all jene Bürgerinnen und Bürger in Thü-ringen, die sich damit beschäftigen, Solarthermie,Fotovoltaik oder andere energiepolitische Projektevoranzutreiben, gerade als Energiesubventioniererund Projektentwickler diskreditiert, denen es nurdarum geht, Manna, Manna zu machen. Man denktüber andere nur so viel Schlechtes, wie man selbertun kann, meine sehr geehrten Damen und Herren.Deswegen bin ich der festen Überzeugung: Sie tap-pen im Dunkeln wie bei jedem anderen Thema, wo-mit sich die AfD beschäftigt.

Das musste ich einfach mal loswerden, weil ich eswirklich bitter finde, wie Sie meinen, sich an dieserDebatte immer beteiligen zu müssen.

In der Hinsicht danke ich der CDU, die einen Dis-kussionsvorschlag vorgelegt hat. Herr Gruhner, dasLeben und die Welt sind nicht schwarz-weiß. Wirhaben uns hier sehr wohl intensiv mit Ihrem Ge-setzentwurf in der ersten Lesung beschäftigt. JedeFraktion hat sowohl bei der ersten Lesung, auchjetzt hier vorgetragen, wo die Probleme liegen. Gutgedacht ist eben nicht gut gemacht. Wenn Sie die-sen Energiesparfonds wollen, warum haben Sienicht einen einzigen Änderungsantrag zum Doppel-haushalt 2016/2017 gestellt und da eingepreist?Wenn Sie der Ansicht sind, dass Sie hinter die Bun-desgesetzgebung beim Thema „Erneuerbare“ zu-rückfallen wollen, dann müssen Sie es wenigstensauch gut begründen und das macht Ihr Gesetznicht. Wenn Sie nicht zur Kenntnis nehmen, dasses auf Bundesebene gerade eine EEG-Novelle gibt,die weitestgehend alle Ihre Punkte, die Sie im Ge-setz stehen haben, ausräumt, dann lassen Sie dasdoch nicht einfach an sich vorbeiziehen, sondernnehmen Sie das doch zur Kenntnis, dass wir unssehr wohl mit Ihrem Gesetzentwurf beschäftigt ha-ben und dass ich es Ihnen hoch anrechne, dass Siedas Thema „Energieeffizienz“ für sich entdecken –aber wenn, dann muss man es halt auch richtig ma-chen.

Es stellt sich auch weiterhin die Frage nach der in-haltlichen Bestimmtheit Ihres Gesetzes. Sie habenIndustrie und Verkehr ausgeblendet. Sie haben sichnur auf einen Teilaspekt konzentriert. Sie haben dieFördermaßnahmen des Bundes und des Landesvöllig ausgeblendet. Das Energieeffizienzprogramm„GREEN invest“ – 59 Millionen Euro schwer, vonden Wirtschaftsverbänden in Thüringen gelobt, ent-sprechend auch mit hohen Antragsnachfragen ge-würdigt – läuft; Energieeffizienz in Thüringen, ins-besondere bei Unternehmen, aber auch in den

kommunalen Unternehmen läuft. Darüber kann ichIhnen gern berichten.

Energieeffizienz kann zu einer echten Erfolgsge-schichte werden, wenn wir sie in den bestimmtenFokus rücken, wo sie auch hingehört, wenn wir dieUnternehmen, die beispielsweise energieeffizienterbei Wärmepumpen und anderen Stellen werdenwollen, noch unterstützen, und das tun wir schon.Ich finde es schade, dass Sie das völlig ausblen-den.

Und deswegen, weil Ihr Gesetz keine inhaltlicheBestimmtheit hat, weil es hinter die Prämissen so-gar der jetzigen Bundesregierung zurückfällt, weiles die Thüringer landestypischen Bedingungen, in-klusive Förderprogramme, die wir schon haben,komplett ignoriert, ist es ein Energieeffizienzbrem-sengesetz, was Sie uns vorgelegt haben. So gutgemeint es ist, es ist an dieser Stelle kein wirklicherGewinn für das Thema.

Zum Klimagesetz: Sie haben gefragt, wann eskommt. Ich bin Ihnen immer sehr dankbar, HerrGruhner, dass Sie quasi der Wächter über denKoalitionsvertrag sind und uns regelmäßig daranerinnern, was noch zu tun ist. Ich bin genauso un-geduldig wie Sie.

(Heiterkeit CDU)

Das Klima- und Energiegesetz kommt und es wirdeben mehr sein als die von den Ländern Schleswig-Holstein, NRW und vielen anderen vorgelegten Kli-magesetze, die sich vor allen Dingen auf CO2-Re-duzierung konzentriert haben. Wir wollen schon inThüringen ambitionierter sein und es wird einenRahmen, einen regulatorischen Rahmen geben,den wir Ihnen vorschlagen, und dann, Herr Gruh-ner, wenn der Rahmen vorgeschlagen ist, werdenwir uns ausreichend Zeit nehmen, im Rahmen derDiskussion zur integrierten Energie- und Klimastra-tegie mit einem Maßnahmenpaket, viel Bürgerbetei-ligung berücksichtigend, über jede einzelne Maß-nahme zu diskutieren.

(Zwischenruf Abg. Gruhner, CDU: Sie lachenja selbst!)

Da freue ich mich auf Ihre rege Beteiligung. Herzli-chen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Ministerin. Weitere Wortmeldun-gen aus dem Plenum sehe ich nicht. Damit schlie-ße ich die Aussprache und wir kommen zur Abstim-mung über den Gesetzentwurf der Fraktion derCDU in der Drucksache 6/1626 in zweiter Beratung.Wer dafür ist, den bitte ich jetzt um das Handzei-chen. Das sind die Stimmen aus der CDU-Fraktionplus Herrn Abgeordneten Krumpe. Gegenstimmen?

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3527

(Ministerin Siegesmund)

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Die kommen aus den Koalitionsfraktionen und derAfD-Fraktion. Damit mit Mehrheit abgelehnt.

Ich schließe diesen Tagesordnungspunkt und rufeauf den Tagesordnungspunkt 6

Erstes Gesetz zur Änderungdes Thüringer ArchivgesetzesGesetzentwurf der Landesregie-rung- Drucksache 6/1713 -ERSTE BERATUNG

Die Landesregierung wünscht das Wort zur Be-gründung. Herr Staatssekretär Krückels, bitte, Siehaben das Wort.

Krückels, Staatssekretär:

Herr Präsident, meine Damen und Herren Abgeord-neten! Liebe Frau Walsmann, ich habe ja heuteMorgen noch in der Zeitung gelesen, dass Sie sichschon zum Thema geäußert haben; insofern darfich darauf auch noch mal eingehen.

Ihnen liegt der Gesetzentwurf der Landesregierungzum Ersten Gesetz zur Änderung des Thüringer Ar-chivgesetzes vor. Wir haben das Konzept der Re-gierungskommission zur Reform der Thüringer Lan-desverwaltung, das Reformkonzept 2020, das imJahre 2013 vorgestellt worden ist, also unter der al-ten Landesregierung, vom 8. November 2013 zumAnlass genommen, eine kostenneutrale Organisa-tionsänderung mit dem Ziel vorzunehmen, eine leis-tungsfähige und effizientere Landesarchivverwal-tung zu schaffen.

Unter Berücksichtigung dieses Konzepts und auchder ersten Schritte dieses Konzepts wird die Zu-sammenlegung der sechs selbstständigen Staats-archive – das sind das Hauptstaatsarchiv Weimar,das Staatsarchiv Altenburg, das Staatsarchiv Go-tha, das Staatsarchiv Greiz, das Staatsarchiv Mei-ningen und das Staatsarchiv Rudolstadt – zu einerBehörde, dem Landesarchiv Thüringen, vollzogen.Die bisher selbstständigen Staatsarchive werdenals Abteilungen Eingang in diese neue Landesar-chivverwaltung finden. Voraussetzung für dieseNeuordnung ist die Änderung des Thüringer Archiv-gesetzes, da in den §§ 8 und 9 festgelegt ist, dassdas Hauptstaatsarchiv Weimar und die Staatsarchi-ve als öffentliche Archive des Landes Thüringen fürdas Archivgut des Landes, für das von ihnen über-nommene Archivgut des Bundes sowie für ihnenangebotenes sonstiges öffentliches und kommuna-les Archivgut zuständig sind. Dabei, und das möch-te ich ausdrücklich betonen, bleiben die fachlichenZuständigkeiten und die regionalen Einbindungender bisher sechs selbstständigen Staatsarchive alskulturelle Einrichtungen vor Ort selbstverständlichauch nach der Neuordnung erhalten. Sie werden,wenn auch als Abteilungen, weiterhin als Ansprech-

partner in der Region fungieren. Mit dieser Verän-derung der Organisationsstruktur der Staatsarchivewerden die Zuständigkeit und Verfahrensabläufe fürdie Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben unsererMeinung nach sehr deutlich optimiert. Durch eineeinheitliche Leitung lässt sich das staatliche Archiv-wesen besser koordinieren. Ich bin überzeugt, dassdie Aufgaben in den einzelnen Standorten besser,kostengünstiger und effizienter durchgeführt wer-den können, wenn zentrale, archivübergreifendeAufgaben in einer Behörde zusammengeführt wer-den. Das ist das, glaube ich, was man klassisch un-ter Synergieeffekten begreifen kann und wenn ar-chivfachliche Konzepte und Strategien einheitlichfür alle Standorte erarbeitet und umgesetzt werden.

Die einzelnen Archivstandorte können sich mit ih-rem Personal auf ihre Kernaufgaben konzentrieren.Sie gewinnen Luft, um beispielsweise die Beständezu erschließen und moderne Findhilfsmittel bereit-zustellen, mehr konservatorische Maßnahmendurchzuführen, den Bestand zu ergänzen und Aus-künfte zu erteilen. Für die Wahrnehmung als histori-sche, weil historisch bedingt und gewachseneStandorte, resultierend aus der ResidenzstrukturThüringens, behalten die Archivstandorte die Be-zeichnung „Staatsarchiv“ verbunden mit dem Orts-namen.

(Beifall SPD)

Die Standorte sind auch deshalb wichtig, weil durchsie die regionale Geschichte präsent ist, was hof-fentlich weiterhin die Bevölkerung vor Ort und auchgerade Schulen zu nutzen wissen. Da die Stand-orte erhalten bleiben, ergeben sich auch keine Ver-änderungen der Arbeitsorte der Mitarbeiterinnenund Mitarbeiter.

(Beifall SPD)

Sehr geehrte Damen und Herren, ich denke, damitleistet die Staatskanzlei in ihrer Zuständigkeit einennicht wahnsinnig riesigen, aber – ich sage mal –einen kleineren Beitrag zur Modernisierung undVerbesserung der Verwaltungsstruktur, wie es sichdie Landesregierung vorgenommen hat. Ich dankefür Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Staatssekretär Krückels. Ich er-öffne damit die Aussprache und Frau AbgeordneteWalsmann hat als Erste das Wort.

(Zwischenruf Abg. Walsmann, CDU: Nein!)

Dann Frau Abgeordnete Marx für die SPD-Fraktion.

3528 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Präsident Carius)

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Abgeordnete Marx, SPD:

Herr Präsident, verehrte Kolleginnen und Kollegen,wir sind bei der Änderung des Thüringer Archivge-setzes, dem Gesetzvorschlag der Landesregierung.Dieser Gesetzentwurf sieht vor, dass das Haupt-staatsarchiv Weimar mit den Staatsarchiven Alten-burg, Greiz, Gotha, Meiningen und Rudolstadt zueinem neuen Landesarchiv Thüringen zusammen-gefasst werden soll, wobei aber, das ist schon malsehr wichtig, die einzelnen Standorte beibehaltenbleiben.

(Beifall SPD)

Der Leiter des neuen Landesarchivs soll ein Dienst-vorgesetzter aller Mitarbeiter der neuen Einrichtungwerden. Vorgesehen ist dafür erst einmal wahr-scheinlich der Leiter des Hauptstaatsarchivs Wei-mar. Die bisherigen Leiter der Staatsarchive wür-den nach diesem Gesetzentwurf Abteilungsleiterdes neuen Landesarchivs werden und Vorgesetzteder Mitarbeiter ihrer jeweiligen Dienststelle, also derbeibehaltenen anderen Archive. Wie gesagt, dassollen keine Nebenstellen werden. Das ist schonmal sehr wichtig, weil in der Presse von Opposi-tionsabgeordneten wohl jetzt andere Befürchtungengeäußert werden.

Die mit der vorliegenden Novelle intendierte Schaf-fung eines Thüringer Landesarchivs ist per senichts Ungewöhnliches. Ähnlich strukturierte, durchdie Zusammenfassung zuvor eigenständigerStaatsarchive entstandene Landesarchive gibt esbereits in sieben anderen Bundesländern. In Ba-den-Württemberg, in Hessen, Niedersachsen,Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsenund Sachsen-Anhalt haben wir auch schon ein Lan-desarchiv mit Unterarchiven oder Nebenarchiven.In all diesen Ländern ist es bei der Errichtung desjeweiligen Landesarchivs natürlich auch erst einmalzu durchaus kontroversen fachlichen und politi-schen Debatten gekommen. Im Fokus hat aber je-des Mal die Frage gestanden, wie die Kompetenz-verteilung zwischen der geplanten neuen Zentraledes Landesarchivs und den jeweiligen Einzelstand-orten erfolgen muss, damit standortübergreifende,archivfachliche, organisatorische und administrativeEntscheidungen gebündelt werden, gleichzeitigaber auch ein nötiger Entscheidungsspielraum vorOrt erhalten bleibt.

(Beifall DIE LINKE, SPD)

Das ist uns sehr wichtig. Zentralisierung und Effi-zienzsteigerung können wir befürworten. Zentralis-mus und unnötige Bürokratisierung lehnen wir aller-dings ab. Auf diesen Nenner lassen sich auch bis-her gefundene Lösungen anderer Bundesländer beider Schaffung von Landesarchiven bringen. Wirwollen deswegen als Regierungskoalition bei derweiteren Beratung des von der Landesregierungvorgelegten Gesetzentwurfs stark darauf achten,

dass wir dieses Ziel auch hier erreichen. Dahernehmen wir – und das sage ich hier ganz offen –die fachlichen Vorbehalte, die aus den Reihen derArchivarinnen und Archivare an uns herangetragenworden sind, sehr ernst und wollen sie berücksichti-gen. Da geht zum einen die Sorge um, dass künftigjeder Bleistift bei der Zentrale in Weimar bestelltund abgerechnet werden müsste. Zum anderenwird befürchtet, dass es eventuell gar keinen Spiel-raum mehr für eigenständige, ganz auf die jeweiligeLokal- und Regionalgeschichte fokussierende For-schungspublikations- und Ausstellungsvorhabengeben werde oder etwa, dass die kleineren Stand-orte gar schon wie zu DDR-Zeiten zu reinen Au-ßenstellen des Hauptstaatsarchivs Weimar degra-diert werden könnten. Diese Sorge wollen wir denbisherigen fünf Staatsarchiven gern nehmen, denneinen Rückfall in den 1990 glücklicherweise über-wundenen Archivzentralismus plant weder die Lan-desregierung noch wir als Koalitionsfraktion.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Wir wollen daher den Gesetzentwurf im zuständi-gen Europa- und Kulturausschuss fachlich weiter-diskutieren und dort auch eine Anhörung zur Novel-lierung durchführen. Dabei wird es aus Sicht meinerFraktion insbesondere um die Frage gehen, ob estatsächlich genügt, alle Details zur Struktur und Or-ganisation des künftigen Landesarchivs in einernachgelagerten Geschäftsordnung zu regeln, wiedas bisher die Landesregierung wohl plant, oder obes nicht doch sinnvoller ist, einzelne Parameter be-reits im Archivgesetz festzuschreiben.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

In diese Diskussion geht meine Fraktion ergebnis-offen hinein und in diesem Sinne freuen wir unsauch auf die weitere Beratung der Novelle imFachausschuss und beantragen die Überweisungan diesen.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Marx. Das Wort erhält nun Abge-ordneter Kellner für die CDU-Fraktion.

Abgeordneter Kellner, CDU:

Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen,meine sehr geehrten Damen und Herren, die Lan-desregierung hat das Erste Gesetz zur Änderungdes Thüringer Archivgesetzes heute vorgelegt. DieAbschaffung der seit der Gründung des LandesThüringen bewährten Eigenständigkeit der sechsThüringer Staatsarchive soll damit erfolgen, indemman – und der Meinung bin ich schon – hier etwas

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3529

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zentralisiert. Das, was immer abgestritten wurde,wird meiner Ansicht nach mit dem Gesetzentwurfauf den Weg gebracht. Es wird hier zentralisiert unddie sechs Staatsarchive werden in ihrer Eigenstän-digkeit beschnitten. Es wird ja auch angeführt, Zieldes Entwurfs sei die Gewährleistung einer effizien-teren und einheitlichen Arbeitsweise in der staatli-chen Archivverwaltung. Da stellt sich natürlich fürmich die Frage: Wurde bis jetzt in den Staatsarchi-ven nicht effizient gearbeitet? Die Frage drängt sichauf und auch in der Einführung des Staatssekretärsist die Antwort offengeblieben, wie er sich denn dieEffizienz vorstellt. Er hat zwar Beispiele genannt,ich komme gleich darauf zurück, die es aber meinerAnsicht und meinem Kenntnisstand nach schonlange gibt. Aus unserer Sicht geht es hier in Rich-tung Zentralisierung. Auch hier wurde das Regie-rungskonzept 2013 – was damals von der Landes-verwaltung erarbeitet und vorgestellt wurde, das so-genannte blaue Wunder, so haben wir das ja ge-nannt –, das 2013 als Entwurf aufgelegt wurde, hierals Erstes als Argument angeführt, wonach das derUrsprung war. Wir haben das damals bewusst nichtgenommen. Das hatte auch seinen Grund. 2013 istes vorgeschlagen worden von einer Expertenkom-mission, die aus unserer Sicht nicht die Expertenwaren, die wir letztendlich dafür brauchten. Dabraucht man nämlich eine ganze Menge Fach-kenntnis und auch regionale Kenntnisse und daswurde an der Stelle nicht mit berücksichtigt. Deswe-gen wurde es auch nicht umgesetzt. Deswegenliegt es auch noch nach wie vor, das blaue Wunder,bei uns in der Schublade. Sie haben es jetzt raus-geholt und meinen, Sie müssten damit was Neuesgestalten, was sich aus unserer Sicht aber bewährthat. Ich bleibe dabei, dass es eine Zentralisierungwird und eine Beschneidung der einzelnen Staats-archive. Auch wenn in § 8 Ihres Gesetzentwurfsfestgelegt wird, dass zukünftig alles Archivgut überWeimar eingebracht werden soll und dann wahr-scheinlich die Aufteilung der einzelnen Staatsarchi-ve weitergeführt wird, ist das natürlich bürokrati-scher Aufwand, den man mir so nicht erklärenkann, dass das alles kostenneutral vonstattenge-hen soll.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, auch wasangeführt wurde, dass man effektiver arbeitenkann, indem man mehrere Sachen zusammenmacht oder zusammenführt, muss ich sagen, dasist schon lange der Fall. Die Staatsarchive arbeiteneng zusammen, man hat eine gemeinsame IT-Technik, Verwaltung, Soft- und Hardware, man hateinen gemeinsamen Fuhrpark, man hat Hausmeis-terdienste, man hat auch konservatorische Werk-stätten gemeinsam. Man hat schon sehr viel zu-sammengeführt, insgesamt neun Aufgaben werdenvon diesen sechs Staatsarchiven regelmäßig undständig gemeinsam verwaltet und erarbeitet. An derStelle weiß ich nicht, was da an Erneuerung kom-men soll. Mir erschließt sich das, ehrlich gesagt,

überhaupt nicht, weil das, was Sie aufgeführt ha-ben, schon seit Jahren Bestand ist.

Ich will noch auf eines hinweisen: Die Eigenständig-keit hat natürlich auch den Vorteil für die einzelnenStaatsarchive, dass sie schnell und effizient in denRegionen arbeiten können. Sie sind Anlaufstellenetwa für Bürger und Vereine, die für Ausstellungenund Veranstaltungen Hilfe und das entsprechendeFachwissen haben möchten. Das können sie sichdann in dem Staatsarchiv holen. Das hat sich inden letzten Jahren sehr bewährt, die kurzen Wegeund vor allem die freie Hand, die das einzelneStaatsarchiv in der Region hat, auch über das Per-sonal zu verfügen, entsprechendes Budget zu ha-ben und auch entscheiden zu können, was wichtigund was weniger wichtig ist.

Bei dem Entwurf, den Sie vorgelegt haben, gehtdas alles in Richtung Weimar. Man muss erst inWeimar beantragen, auch wenn das jetzt immer gutklingt, dass man sagt, die sind alle noch in Gotha,die sind auch noch in Altenburg, die sind auch nochin Greiz und das Personal bleibt auch hier. Daswird schon mal bejubelt, dass das Personal dableibt. Es soll zum Schluss trotzdem Weimar ent-scheiden, weil die Häuser kein eigenes Budget ha-ben. Ob das Personal da bleibt oder nicht da bleibt,das weiß ich nicht. Das entscheidet Weimar.

(Zwischenruf Abg. Mitteldorf, DIE LINKE: Er-zählen Sie doch nicht so einen Quatsch!)

Zumindest steht nichts im Gesetz, dass ein Budgetin den einzelnen Staatsarchiven vorhanden ist oderbleibt und dass das Personal dort auch Bestandhat, das steht nicht im Gesetz. Da muss ich sagen,darauf sollte man schon achten, dass es zukünftigso festgelegt wird, dass es auch bleibt. Über eineVerordnung, liebe Kolleginnen und Kollegen, kannman vieles regeln. Da braucht man auch uns in die-sem Haus nicht mehr. Davor möchte ich an derStelle warnen, dass man nicht rechtzeitig daraufachtet, dass so was, wenn man so was machenwill, auch in das Gesetz kommt, dass die Sicherheitin diesen einzelnen Staatsarchiven auch zukünftigbleibt.

Was mir noch aufgefallen ist – ich habe auch mitden Betroffenen gesprochen –, man hätte erwartenkönnen, dass Sie im Vorfeld mit den Betroffenensprechen,

(Zwischenruf Abg. Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Aber bitte, Herr Kellner, jetztwird es aber peinlich!)

die Landesregierung.

Das ist wohl nicht passiert, ich weiß nicht warum.Vielleicht hat man Angst, das zu hören, was mannicht hören will, doch es ist nicht im Vorfeld gespro-chen worden. Aber das haben wir heute schonmehrfach gehört, dass nicht mit Betroffenen ge-

3530 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Kellner)

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sprochen wird. Das zieht sich, wie Herr KollegeGruhner sagt, als rot-rot-grüner Faden durch dieganze Regierungszeit.

(Zwischenruf Abg. Adams, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Warum glauben Sie, das behaup-ten zu müssen?)

Also auch hier an der Stelle ist man gut beraten, mitden Kollegen im Vorfeld zu sprechen. Wir habendas getan. Wir werden auch darauf achten, dassentsprechend die Staatsarchive nicht beschnittenwerden und für die Regionen auch der Ansprech-partner und der Anlaufpunkt bleiben, den sie in denletzten zurückliegenden 20 Jahren hatten. Dafürwerden wir sorgen. Ich freue mich auf die Diskus-sion im Ausschuss. Wir unterstützen, den Gesetz-entwurf an den Ausschuss zu verweisen, möchtenaber auch sagen, dass entsprechende Fachleutedann in einer umfangreichen Anhörung gehört wer-den, die uns – so denke ich mal – in der Auffassungunterstützen, dass die Staatsarchive weitestgehendeigenständig bleiben müssen – im Interesse unse-rer Regionen, im Interesse Thüringens. VielenDank.

(Beifall CDU)

Präsident Carius:

Danke schön, Herr Kellner. Als Nächste hat Abge-ordnete Henfling für die Fraktion Bündnis 90/DieGrünen das Wort.

Abgeordnete Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN:

Also Herr Kellner, ich muss mich schon sehr wun-dern. Ich fand schon Ihre Verlautbarung über diePresse weit weg von fachlicher Kommentierungdieses Gesetzes.

(Beifall DIE LINKE)

Aber bei dem, was Sie jetzt hier noch mal ange-bracht haben, da stelle ich dann auch die Lesekom-petenz infrage.

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Ich glaube, Sie machen als CDU-Fraktion nicht daserste Mal einen Gesetzentwurf, den Sie hier vorle-gen. Dann wissen Sie sicherlich auch, dass es Din-ge gibt, die untergesetzlich geregelt werden, dieman nicht in ein Gesetz reinschreibt. Wenn man ei-ne Leitung hat und wenn man Abteilungsleiter hat,dann schreibt man nicht noch mal extra in das Ge-setz rein, dass die Abteilungsleiter übrigens auchdie Vorgesetzten des Personals sind. Sie müssenuns auch nicht für dumm halten. Erstens gab essehr intensive Gespräche sowohl von Abgeordne-ten als auch vonseiten der Staatskanzlei mit denBetroffenen in den Staatsarchiven.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Es ist also schlicht und ergreifend eine Unwahrheit,zu behaupten, es gäbe keine Gespräche. Außer-dem sind Anregungen, soweit ich das weiß, ausden Staatsarchiven bereits in diesen Gesetzentwurfeingeflossen. Das ist also einfach nicht wahr, wasSie hier sagen.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Ja, wir verstehen die Sorge der Archive, dass sieihre eigene Identität erhalten wollen, dass Sie re-gional verankert sein wollen. Das ist uns übrigensauch wichtig, Herr Kellner. Deswegen sind wir daauch mit großem Bedacht herangegangen. Wir se-hen aber nicht – im Gegensatz zu Ihnen –, warumdie Staatsarchive ihre regionale Identität und ihreVerankerung verlieren sollten. Haben Sie irgendwogelesen, dass wir eine Abteilung, ein Archiv in ir-gendeiner Stadt schließen wollen? Das steht nichtin diesem Gesetz drin.

(Zwischenruf Abg. Kellner, CDU: Habe ichauch nicht gesagt!)

Na doch, Sie reden die ganze Zeit von: Es werdensich Wege verändern. Warum sollen sich denn We-ge verändern? Die Staatsarchive bleiben an Ortund Stelle. Es wird diese Staatsarchive weiterhingeben und sie werden auch regional verankert seinund werden dort auch ihre Arbeit weitermachendürfen.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Wir werden natürlich darauf achten, dass geregeltist, dass diese zukünftigen Abteilungen dann auchentsprechend eine Hoheit haben und vor Ort auchhandlungsfähig sind. Frau Marx hat es doch eigent-lich relativ deutlich gesagt: Nein, wir wollen nicht,dass jeder Bleistift von Weimar genehmigt werdenmuss, und das ist auch nicht das Ansinnen diesesGesetzentwurfs, Herr Kellner.

(Zwischenruf Abg. Kellner, CDU: Steht aberdrin!)

Es steht nicht drin, Herr Kellner, das ist einfachnicht wahr. Deswegen noch mal: Lesekompetenz!

(Beifall DIE LINKE)

Schauen Sie es sich bitte noch mal ganz genau an.Ich kann es Ihnen ansonsten auch noch mal vorle-sen: „Die Abteilungsleiter/die Abteilungsleiterinnensind die Vorgesetzten der in ihrer Abteilung tätigenMitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Näheres zu Struk-tur und Organisation regelt die Geschäftsordnungdes Landesarchivs.“ Das ist üblich; man schreibtnicht in ein Gesetz rein, dass sie übrigens auchnoch Haushaltskompetenz haben. Das wird unter-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3531

(Abg. Kellner)

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gesetzlich geregelt und das müssten Sie eigentlichwissen.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, uns sinddiese Staatsarchive sehr wichtig. Sie sind das Ge-dächtnis unserer Gesellschaft.

(Beifall SPD)

Sie sorgen für eine vielfältige Kulturlandschaft. Dasist eine der wichtigen Aufgaben, die sie machen.Sie machen diese Aufgabe oft sehr leise und manbekommt manchmal auch nicht mit, was für einewichtige und wertvolle Aufgabe sie leisten.

(Beifall SPD)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, grund-sätzlich wissen wir natürlich, dass die Archivarinnenund Archivare und die Leiterinnen und Leiter derStaatsarchive hier in den letzten Jahren schon sehrviel Kooperationswillen gezeigt haben; das stelltauch niemand infrage. Das heißt, beispielsweisedie Digitalisierungsstrategie ist in Weimar angesie-delt – da macht man sich Gedanken darum –, an-sonsten gibt es eine gute Zusammenarbeit der un-terschiedlichen Standorte. Wir wollen gern dieseSynergieeffekte, wie Herr Staatssekretär das vorhinauch schon erwähnt hat, optimieren. Ich glaube, daist noch ein bisschen Luft nach oben. Auch HerrStaatssekretär hat gesagt: Es ist ein kleiner Beitrag.Ich sehe das auch als einen kleinen Beitrag. Aber,liebe CDU, Sie schreien immer nach einer Verwal-tungsreform.

(Zwischenruf Abg. Kellner, CDU: Nein!)

Doch! Sie sagen ja, wir können keine Gebietsre-form machen, wir müssen erst eine Verwaltungsre-form machen.

Ich meine, Sie können sich auch einfach an dieWorte von Herrn Paczulla halten, vielleicht einfachmal einen Schritt zurückzugehen, mal tief durch-zuatmen und sich zu überlegen, was Sie denn nuneigentlich kritisieren.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Das hat er ja heute in der OTZ schön zusammen-gefasst; das würde Ihnen vielleicht auch an dieserStelle guttun.

Ich glaube, es ist ein kleiner Beitrag, und wir wer-den die Anregungen und die Probleme der Men-schen, die dort in den Archiven arbeiten, natürlichberücksichtigen. Natürlich werden wir das diskutie-ren. Aber nichtsdestotrotz ist es doch sinnvoll zuschauen, wo man noch mehr Synergieeffekte fin-den und schaffen kann und wo man – insbesonderein den Bereichen der Beschaffung – noch Optimie-rungsbedarf hat.

Wir begrüßen also grundsätzlich erst mal diesesGesetz und freuen uns auf die Debatte in dem da-für zuständigen Ausschuss. Ich glaube, dass wiram Ende auch mit den Betroffenen ein gutes Ge-setz vorlegen werden. Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Danke schön, Frau Henfling. Nun hat das Wort Ab-geordneter Brandner für die AfD-Fraktion.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Meine Damen und Herren, mit diesem Gesetzent-wurf greift die Landesregierung ein Vorhaben auf,das bereits die vormalige Landesregierung betrie-ben hat und das zurückgeht auf Vorschläge einersogenannten Expertenkommission aus dem Jahr2013 zur damals schon im Gespräch befindlichenFunktional- und Gebietsreform. Man nennt dieseStudie auch „Blaues Wunder“, Kollege Kellner hattedarauf hingewiesen. Man weiß, dass aus den Re-formplänen, die in der Schrift niedergelegt sind,nichts wurde. Das lag auch daran, dass diese Plä-ne im Ansatz dilettantisch waren, was damals einProfessor Hesse nachgewiesen hat, der uns nunvon der aktuellen Landesregierung als die Kory-phäe im Bereich kommunaler Reformen verkauftwird und das wohl auch ist, das kann man unge-straft so sagen.

Die Verfasser dieses scharf kritisierten „BlauenWunders“ schlugen seinerzeit unter anderem ge-nau das vor, was wir jetzt hier im Gesetz finden,nämlich die Staatsarchive in Gotha, Altenburg,Greiz, Meiningen und Rudolstadt mit dem Weima-rer Hauptstaatsarchiv zu einem Landesarchiv zu-sammenzufassen. Genau diesem, durch die Kory-phäe Hesse scharf kritisierten Vorschlag folgt jetztdie Ramelow-Regierung und versucht, das Ganzeals Bestandteil ihrer Verwaltungs-, Funktional- undGebietsreform zu verkaufen. Das muss man unsmal erklären, wie so etwas sein kann.

Die Staatsarchive sollen nun zu einer Gesamtbe-hörde mit zentraler Leitung jedoch unter Beibehal-tung der bisherigen Standorte zusammengefasstwerden. Da fragt man sich schlicht: Warum? Beiden Vorschlägen des „Blauen Wunders“ war es et-was anders. Da ging es in der Hauptsache aus-drücklich um Stellenabbau und um Einsparungen.Im Ramelowschen Entwurf heißt es dagegen nebu-lös, dass man eine effizientere und einheitliche Ar-beitsweise der Archivverwaltung erwarte. Man er-wartet also irgendetwas. Wie schön. Wer tut dasvon uns nicht? Aber kann die Regierung auch ir-gendetwas belegen? Was heißt denn – die Antwor-ten darauf werden hoffentlich gleich kommen – „ef-fizienter“? Das kann ja nur auf Stelleneinsparungen

3532 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Henfling)

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hinauslaufen. Aber warum sagt man das dann soverschleiert und tut so wie bei der Theaterreform,dass keine Stellen wegfallen würden? Kein Wort zuStellenwegfall im Rahmen dieser Archivreform.

(Beifall AfD)

Ob und wie welche Rechnung aufgehen soll, sagtdie Regierung auch nicht. Wahrscheinlich weiß siees selbst nicht, aber das kennt man ja inzwischen,dass irgendetwas behauptet wird, erwartet wird undpassieren tut dann meistens entweder nichts oderdas Gegenteil.

Neben einer erwarteten effizienteren Arbeitsweisewird eine einheitliche Arbeitsweise angestrebt. Dasist klar. Für die Gleichmacher der Links-Grünenmuss immer alles schön einheitlich, uniform sein,Gleichschritt gewissermaßen. Aber im Archivwe-sen, meine Damen und Herren, kommt es nicht aufeine einheitliche Arbeitsweise an, sondern vielmehrdarauf, dass Archive die ihnen obliegenden Aufga-ben effektiv erledigen. Offenbar hat die Regierungda Zweifel. Ich nicht. Ganz im Gegenteil. Die Thü-ringer Archive machen eine sehr gute Arbeit unternicht ganz einfachen Bedingungen. Sie leisten nichtnur eine sehr gute, sondern auch eine sehr wichtigeArbeit für unser Land, denn sie schützen und arbei-ten unser historisches, kulturelles und politischesErbe auf, sie pflegen es und leisten wichtige Beiträ-ge zur Geschichtsforschung. Vielen Dank von die-ser Stelle den Archivmitarbeitern in Altenburg, Go-tha, Greiz, Meiningen, Rudolstadt und Weimar. Ma-chen Sie weiter so auf diesem bewährten Weg!

(Beifall AfD)

Kommen wir zurück zum Regierungsentwurf. Die-ser Entwurf lässt vieles im Unklaren. Wie etwa ver-hält es sich mit möglichen negativen Folgen? Be-deutet die Zusammenfassung zu einem Landesar-chiv nicht vielleicht auch eine Verengung des wis-senschaftlichen Fokus auf die Perspektive einesoder des Leitungsstandortes? Führt die Zusam-menlegung nicht zu einer Vernachlässigung der Ar-chivbelange der Abteilungsstandorte und vor allem:Bedeutet die Zusammenlegung nicht auch eineVerlängerung von internen Wegen und Abläufenund wird sie dadurch nicht sogar weniger effizient?Diese Fragen stehen zur Klärung an.

Zudem ist es denkwürdig, dass der Regierungsent-wurf plötzlich entgegen der ursprünglichen Kritikdes Professor Hesse, der ja die Koryphäe ist, da-von spricht, es gäbe keine Alternativen. Das kannman nur behaupten, wenn man wie Merkel, Rame-low & Co. in der Vorstellung lebt, dass die eigenenAuffassungen und Politikansätze alternativlos sei-en. Die Behauptung, es gäbe keine Alternative, of-fenbart eine erschreckende Eindimensionalität, diewir von der Regierung kennen und finden sie wie-der niedergeschrieben in diesem Gesetzentwurf.Alternativen gibt es eigentlich immer. Alternativlos

wird in Deutschland regiert nach dem Motto: „Wennes sein muss, mit dem Kopf durch die Wand“ und„Hauptsache gegen Recht und Gesetz“. Diese Poli-tik ist nicht die Politik der Alternative für Deutsch-land.

(Beifall AfD)

Sie sehen daher, es gibt immer Alternativen. Undwie der Zufall es will, meine Damen und Herren,steht eine personifizierte direkt gerade vor Ihnenund spricht zu Ihnen.

Im vorliegenden Fall und bezogen auf das Gesetzist eine Alternative, die bewährten Strukturen beizu-behalten.

Sehr verwunderlich ist deshalb auch, dass dieStaatsarchivreform nach Auffassung der Regierungkeine Kosten nach sich ziehen soll. Keine, das be-deutet nach Adam Ries – oder Adam Riese, wie ergelegentlich genannt wird –: null Euro.

Meine Damen und Herren, will uns die Regierungfür blöd verkaufen? Kennen Sie eine Behördenre-form, die keinen einzigen Euro gekostet hat? Dassoll den Bürgern weisgemacht werden? Oder flun-kern Sie da etwas herum, Frau Taubert? Haben Sieausgerechnet, dass dabei keine Kosten rauskom-men? Also, ich bin gespannt, ob das dann eintritt.Nein, ich bin eigentlich gar nicht gespannt, sondernich bin überzeugt davon, dass es nicht eintritt, wasSie uns da vorgaukeln. Das heißt, die Regierungmuss gründlich nachliefern und nachbessern, wasdieses Gesetz angeht.

(Beifall AfD)

Die AfD-Fraktion, Sie werden es an meinen Ausfüh-rungen bemerkt haben, Frau Mühlbauer – ach, Ent-schuldigung, Sie lesen Zeitung, Entschuldigung,das habe ich nicht gesehen –, spricht sich nichtgrundsätzlich gegen das Vorhaben aus. Wir möch-ten aber schon wissen, wozu das alles gut sein soll,welche nachteiligen Folgen erwartet werden und obdiese nachteiligen Folgen hinreichend bedachtsind. Vor allem möchten wir wissen, was es wirklichkostet, und nicht, was Sie uns hier vorflunkern.Wenn die Regierung das alles klären und erklärenkann, verweigert sich die AfD-Fraktion dem Vorha-ben nicht. Wir werden aber umgekehrt keiner Re-form zustimmen, die am Ende nur bewährte und ef-fektive Strukturen zerstört und dann auch nochSteuergeld kostet. Das ist übrigens auch genau un-ser Ansatz bei der Gebietsreform. Gelegenheit zurKlärung bietet die Ausschussdiskussion und daherträgt die AfD eine Überweisung an den Ausschussmit. Vielen Dank.

(Beifall AfD)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3533

(Abg. Brandner)

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Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Brandner. Weitere Wortmeldun-gen liegen mir nicht vor, sodass wir direkt zur bean-tragten Ausschussüberweisung kommen.

Es ist die Überweisung an den Ausschuss für Euro-pa, Kultur und Medien beantragt worden. Wer dafürist, den bitte ich jetzt um das Handzeichen. Dassind die Stimmen aus allen Fraktionen. Gegenstim-men? Enthaltungen? Das ist nicht der Fall. Damitist der Gesetzentwurf an den entsprechendenFachausschuss zur Weiterberatung überwiesen.

Ich würde jetzt, da wir uns verständigt haben, dasswir den Tagesordnungspunkt 13 am Vormittag auf-rufen, den Tagesordnungspunkt 13 aufrufen

Keine weiteren Belastungenfür die Bürger, die Wirtschaftund die Landwirtschaft – daszusätzliche Wasserentnahme-entgelt darf nicht kommenAntrag der Fraktion der CDU- Drucksache 6/1641 -dazu: Alternativantrag der Frak-

tion der AfD- Drucksache 6/1685 -

Die Fraktion der CDU wünscht das Wort zur Be-gründung. Frau Abgeordnete Tasch hat das Wort,bitte schön.

Abgeordnete Tasch, CDU:

Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, dieCDU-Landtagsfraktion hat bereits im Januar einenAntrag vorgelegt, der darauf abzielt, das vom Um-weltministerium geplante Wasserentnahmeentgeltnicht einzuführen. Bereits bei der Verabschiedungdes Doppelhaushalts 2016/2017 haben wir kritisiert,dass eine Einnahme von 12 Millionen respektive10 Millionen Euro aus einer Wasserentnahmeabga-be geplant ist, ohne dass vom zuständigen Ministe-rium die rechtlichen Voraussetzungen dafür ge-schaffen worden sind. Die inzwischen vorliegendenÄußerungen von Wirtschaftsminister Tiefensee undder SPD-Landtagsfraktion zeigen uns, dass wir mitunserem Nein zum sogenannten Wassercent aufder richtigen Seite stehen. Jetzt ist die Einsicht fürdie Regierungskoalition der erste Weg zur Besse-rung. Heute hat sich auch die Ministerin schon inder Zeitung geäußert.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ganze Verfah-ren ist schon kurios angesichts der Tatsache, dassThüringen den geringsten Pro-Kopf-Verbrauch anTrinkwasser hat, für den die Verbraucher auchnoch mit den höchsten Wasserpreisen in Deutsch-land zur Kasse gebeten werden. So wurde auf An-frage unserer Fraktion an das Umweltministeriumerklärt, dass die Erhebung des Wassercents dem

Freistaat zunächst einmal Geld kostet, und zwarsind 180.000 Euro pro Jahr an Personalkosten inder Landesverwaltung angesetzt. Hinzu kommennoch die Sachkosten in unbekannter Höhe. Nunwurden die Einnahmen aus dem Wassercent schonmal im Doppelhaushalt eingepreist, obwohl das Ge-setz noch nicht kam. Da sagen wir, das hat mitHaushaltswahrheit und Haushaltsklarheit nichts zutun. Dann wurde die Einnahme von 12 Millionen auf10 Millionen Euro runtergerechnet – wie, das ent-zieht sich unserer Kenntnis.

Im Doppelhaushalt 2016/2017 sind etwa 35 Millio-nen Euro für die Gewässerunterhaltung und denHochwasserschutz und circa 1,8 Millionen Euro fürden präventiven Hochwasserschutz eingeplant.Das ist auch richtig und wichtig. Dafür gibt es zahl-reiche Zuschüsse aus EU-Mitteln. Nun sollen fürdieses Haushaltsvorhaben noch Gelder aus demBereich der Gesellschaft eingetrieben werden, dienichts mit dem Hochwasserschutz zu tun haben.

Eine weitere Erhöhung des Wasserpreises für dieprivaten Verbraucher und die wasserintensive In-dustrie ist unserer Meinung nach fahrlässig undschädigt nachhaltig die mittelständische ThüringerWirtschaft. Deshalb haben wir auch diesen Antragheute eingeführt. Nun ist aus der Regierungskoali-tion zu hören: Wenn der Wassercent nicht durchzu-setzen ist – was wohl so kommt –, sollte sich dasUmweltministerium noch eine andere Art von Ein-nahme einfallen lassen. Da gibt es ja verschiedeneVorschläge, die hier die Runde machen. Ich glaube,Herr Kummer wird uns dann auch noch einen Vor-schlag sagen. Wir sagen, dass das eine Art derTäuschung von Bürgern und der Wirtschaft ist, diemit uns nicht zu machen ist. Wir lehnen jede wieauch immer geartete zusätzliche Abgabe im Be-reich der Entnahme von Grund- und Oberflächen-wasser in Thüringen ab, um damit die Zuschüssefür den Hochwasserschutz zu erwirtschaften.

(Beifall CDU)

Seriöse Haushaltspolitik sieht anders aus. Vor we-nigen Wochen ist hier der Doppelhaushalt verab-schiedet worden und wie gesagt, dieses Verfahrenhat mit Haushaltswahrheit und Haushaltsklarheitnichts zu tun. Wir bitten natürlich alle um Zustim-mung zu diesem Antrag. Ich bin mal gespannt, wiesich die Regierungskoalition verhält, diejenigen, diedas auch nicht wollen. Danke schön.

(Beifall CDU, AfD)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Tasch. Ich frage, ob die AfD-Fraktion das Wort zur Begründung des Antragswünscht. Das ist nicht der Fall. Die Landesregie-rung hat angekündigt, von der Möglichkeit einesSofortberichts gemäß § 106 Abs. 2 der Geschäfts-ordnung keinen Gebrauch zu machen, sodass ich

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hiermit die Aussprache direkt eröffne. Ich erteiledem Abgeordneten Kummer für die Fraktion DieLinke das Wort.

Abgeordneter Kummer, DIE LINKE:

Vielen Dank, Herr Präsident. Frau Tasch, vielenDank für Ihren Antrag.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Bitte schön!)

Ich fand das schon sehr interessant, was Sie unseben dargestellt haben. Dass das Umweltministe-rium in gewissen Finanznöten ist, ist kein Wunder.Wenn man sich ansieht, wie der Zustand der Ge-wässer und wie der Zustand der Hochwasser-schutzanlagen in Thüringen ist, dann muss manverzeichnen, dass hier in den letzten 25 Jahren,Frau Tasch, nicht wesentlich besser gewirtschaftetwurde als zu DDR-Zeiten. Wir haben massive Defi-zite in der Gewässerunterhaltung und wir habeneinen katastrophalen Zustand bei vorhandenenHochwasserschutzeinrichtungen, bei Dämmen, beiDeichen. Wenn man sich das ansieht, was hier anInvestitionsstau besteht, dann ist klar, dass in Zu-kunft deutlich mehr Geld eingesetzt werden muss,um diesen Investitionsstau zu beseitigen.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sie haben, Frau Tasch, zu Recht darauf hingewie-sen, dass in Thüringen der Wasserpreis besondershoch ist und dass es deshalb – das ist auch unsereAuffassung – nicht vertretbar ist, den ThüringerWasserkunden mit noch höheren Wasserpreisen zubelasten.

(Beifall SPD)

Aber, Frau Tasch, worin liegt die Ursache dieserhohen Wasserpreise? Ich kann mich noch sehr gutan die Diskussion um die Notwendigkeit der Errich-tung der Talsperre Leibis erinnern.

(Zwischenruf Abg. Mühlbauer, SPD: Ichauch!)

Die Talsperre wurde gebaut. Die Entscheidung zuihrem Bau wurde getroffen, da war schon klar, dassman die Schmalwassertalsperre, die die gleicheWasserkapazität vorhält wie die Talsperre Leibis,nicht mehr benötigt für die Wasserversorgung. Wirhaben solche gigantischen Überkapazitäten nachder Wende in Thüringen geschaffen, wo absehbarwar, dass weder die Industrie noch die Bevölkerungso viel Wasser benötigen, wie das zu DDR-Zeitender Fall war.

(Beifall DIE LINKE)

Diese Überkapazitäten führen dazu, dass wir heutesolche finanziellen Probleme haben, dass wir heutederartig hohe Wasserpreise haben, meine Damenund Herren. Das ist die Katastrophe, die aber nichtdurch die heutige Regierung verschuldet wurde.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Jetzt ist die Frage, wie man sich dem Problemmangelhafter Gewässerunterhaltung und mangel-hafter Unterhaltung von Hochwasserschutzeinrich-tungen nähert. Ich gebe zu, ich fand es auch nichtschön, dass das Umweltministerium einen altenVorschlag von Jürgen Reinholz aufgegriffen hat,von der damaligen CDU-Regierung, ein Wasserent-nahmeentgelt einzuführen. Wir hatten das zu Oppo-sitionszeiten auch schon kritisiert und haben ge-sagt, uns fehlt dort die Lenkungswirkung. Uns fehltvor allem deshalb die Lenkungswirkung, weil wireben in Thüringen keinen Mangel an Wasser ha-ben. Wir haben auch keinen Grundwasserkörper,der bezüglich der mengenmäßigen Situation in ei-nem schlechten Zustand ist. Das war die Diskus-sion, in die wir dann auch gegangen sind innerhalbder Koalitionsfraktionen, wo unsere Fraktion gesagthat, wir sehen die Notwendigkeit, dass das Umwelt-ministerium mehr Mittel zur Verfügung gestellt be-kommt, wir würden aber einen anderen Weg favori-sieren. Und diesen anderen Weg hat die CDU-Fraktion putzigerweise mit dem Abwassercent be-schrieben, meine Damen und Herren. Ein Abwas-sercent war es wirklich nicht, was wir vorgeschla-gen haben. Wir haben vorgeschlagen, eine Grund-wasserbelastungsabgabe zu erheben, und uns da-bei an den Vorgaben zur europäischen Wasserrah-menrichtlinie orientiert. Es gibt in Thüringen etwa40 Prozent der Grundwasserkörper, die den gutenZustand nach der Wasserrahmenrichtlinie verfeh-len, und das verfehlen sie aus zwei Gründen: a)aus Gründen der Belastung aus Altbergbau vor al-lem und aus aktuellem Bergbau und b) aus Über-schreitung der Nitratwerte. Diese beiden Problem-bereiche wollten wir mit dieser Grundwasserbelas-tungsabgabe in den Fokus nehmen und kamen zuder Überzeugung, dass es möglich ist, die diffusenEinträge aus Kalihalden zu berechnen, die vor al-lem in Nordthüringen erfolgen, aber die auch imRaum des Werkes Werra von der Halde Heringen,die zum Teil auf Thüringer Boden liegt, erfolgen,und dass diese diffusen Einträge zu einer Grund-wasserbelastungsabgabe führen könnten, diegleichzeitig die positive Lenkungswirkung hat, dassdie Haldenabdeckung deutlich schneller vorange-trieben würde. Wir hätten hier auch einen klarenAnsprechpartner, nämlich die LMBV als hundert-prozentige Bundestochter, die zwar für die Halden-abwässer in Nordthüringen Abwasserabgabe zahlt,aber keine Finanzen zur Sanierung der Grundwas-serkörper bereitstellt, die ebenfalls durch diese Hal-den belastet werden. Der zweite Ansprechpartnerwäre natürlich Kali+Salz im Bereich des WerkesWerra.

Die Frage der Nitratbelastung war nicht so einfachzu lösen. Wir haben uns bei unserem Vorschlag ander Novelle der Düngemittelverordnung orientiert.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3535

(Präsident Carius)

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Hier sagt der Bund in § 13 der Novelle der Dünge-mittelverordnung, dass diejenigen Landwirtschafts-betriebe, deren Hoftorbilanz drei Jahre in Folgeausweist, dass mehr Nitrat auf dem Acker verblie-ben ist, als durch die Ernte wieder reingeholt wird,von den Ländern zusätzlich zur Verantwortung zuziehen sind. Gerade hier sollte unser Vorschlag zurGrundwasserbelastungsabgabe ansetzen und pa-rallel zum Instrument der Abwasserabgabe eineLenkungswirkung entfalten. Ich glaube, es wärennicht allzu viele Landwirtschaftsbetriebe betroffengewesen und auch die ersten Gespräche, die wirmit dem Bauernverband geführt haben, warendurchaus so, dass der Bauernverband gesagt hat,dass man sich das vorstellen könnte.

Meine Damen und Herren, das war ein Vorschlag.Sie wissen, es hat sehr intensive Gespräche gege-ben. Es hat Workshops gegeben, die sich mit denFragen beschäftigt haben, und es gibt jetzt eineneue Idee, einen Vorschlag, dass also auch dieÜberschüsse des Jahres 2015, die das Land hatte,zur Finanzierung der Hochwasserschutzmaßnah-men herangezogen werden können. Ich finde esgut, wenn Geld bereitgestellt wird, um die Defizitein der Unterhaltung, die, wie gesagt, von der Vor-gängerregierung verursacht wurden, zu beseitigen.Ich bin gespannt auf die Diskussion zu diesem neu-en Lösungsweg und ich hoffe, dass wir das zeitnahzu einem guten Ergebnis führen werden. Von derWarte her kann ich sagen, dass wir den Antrag derFraktion der CDU sehr beruhigt ablehnen können,weil a) die von Ihnen geäußerten Befürchtungennicht eintreten werden und weil b) unsere Regie-rung den Hochwasserschutz sehr ernst nimmt undMaßnahmen ergreifen wird, um die Unterhaltungs-defizite vergangener Zeit aufzuarbeiten. Dankeschön.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion der SPD hat Abgeordnete Beckerdas Wort.

Abgeordnete Becker, SPD:

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Sehrgeehrte CDU-Fraktion, ich hätte mir gewünscht, Siehätten den Antrag heute einfach zurückgenommen.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Das wäre japeinlich gewesen!)

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Das wäre ja auch gegangen. Dann hätten wir unsZeit gespart und es wäre nicht notwendig gewesen,in diesem Ausmaß noch darüber zu reden. Wir ha-ben ja noch viele Tagesordnungspunkte, dann wä-

ren wir vielleicht noch zur Milch gekommen. Alsoreden wir über den Wassercent, den es nicht gebenwird.

Immer wenn es Hochwasser in Thüringen oder inder Bundesrepublik gibt, wird laut danach geschrienund gesagt, wir müssen etwas tun. Leider geht dasaus den Köpfen über den Zeitraum immer sehrschnell wieder verloren. Wenn wie jetzt drei Jahreins Land gegangen sind, wird meistens der Hoch-wasserschutz ein bisschen hinten angestellt. Dasist – Herr Kummer hat es schon gesagt – in denletzten 25 Jahren leider öfter passiert. Das mussman so sagen.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Gewässerzweiter Ordnung!)

Sonst wären die Zustände in Thüringen andere undwir hätten gerade bei den Gewässern zweiter Ord-nung auch einen anderen Zustand, wenn die vor-hergehenden Landesregierungen ihren Aufgabenwirklich nachgekommen wären.

Eins will ich deutlich sagen: Die SPD-Fraktion stehtzum Hochwasserschutz, steht zu den Thüringerin-nen und Thüringern. Wir müssen beim Hochwas-serschutz einen guten Mix finden zwischen demtechnischen Hochwasserschutz und dem Flüssen-wieder-Raum-Geben. Aber auch da, Frau Tasch,brauchen wir wirklich Ihre Unterstützung, dennbeim Thema „Raum geben“ gab es in der CDU-Fraktion gleich den Aufschrei: Wir gehen da an Flä-chen ran, die gute Ackerböden sind. – Wir müssenalle Kompromisse machen!

(Beifall SPD)

Wir müssen auch bereit sein, mit allen zu reden, dieBürgerinnen und Bürger mitzunehmen – was Sie jajetzt laufend einfordern. Dann müssen wir für Thü-ringen wirklich einen flächendeckenden Hochwas-serschutz machen und wirklich umsetzen und nichtnur darüber reden, auch in den nächsten Jahrenumsetzen.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Wir nehmeneuch beim Wort!)

Dafür brauchen wir Geld. Das ist keine Frage. Da-für ist es auch wichtig, dass wir die Grundlagenschaffen und uns darin einig sind, dass Hochwas-serschutz Geld kostet. Was die SPD-Fraktion nichtganz so glücklich fand, ist, den Hochwasserschutzmit dem Wassercent zu verbinden. Das war nichtrichtig. Die Exekutive hat das gemacht und die Le-gislative hat da ein bisschen widersprochen. Das ist– glaube ich – das gute Recht des Parlaments undder frei gewählten Abgeordneten, auch mal andererMeinung zu sein als diese Regierung. Das stehtuns einfach zu und das haben wir auch immer sodeutlich gesagt. Der Wassercent steht auch nichtim Koalitionsvertrag – ich will nicht darauf rum-hacken –, denn die SPD-Fraktion hatte schon bei

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(Abg. Kummer)

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den Koalitionsverhandlungen dazu Einwände erho-ben. Frau Tasch, die SPD-Fraktion war es auch inder letzten Legislaturperiode, die mit dafür gesorgthat, dass Herr Reinholz seinen Wassercent schnellwieder einpackt.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Wir auch!)

Ja, ich gebe gern zu, das war gemeinschaftlich.Dann war er wieder vom Tisch. – Aber es ist ausdem Ministerium heraus vollkommen verständlich,dass sie Wege suchen, um Mittel zu finden, um denHochwasserschutz zu begleiten und auch umzuset-zen. Herr Kummer hat schon viel dazu gesagt, dassdas in den letzten Jahren nicht passiert ist. Mit Ge-wässern zweiter Ordnung meine ich auch: Natürlichgehören die den Kommunen, aber das Land hat na-türlich eine Pflicht und ist natürlich in der Verant-wortung zu helfen. Wir können ja die Kommunennicht mit den Gewässern zweiter Ordnung alleinelassen – warum sie auch immer damals übertragenwurden, das wissen wir auch noch nicht ganz ge-nau, auf welcher Grundlage. Das geht ja auchnicht.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Da gibt esFörderprogramme!)

(Beifall DIE LINKE)

Ja, es gibt Förderprogramme, die aber nicht odernur ganz schlecht abgerufen werden. Ich habe ex-tra noch mal nachgeguckt, Frau Tasch. Da gibt esProbleme, dass die Kommunen diese nicht in An-spruch nehmen können. Dort müssen wir neue We-ge suchen, damit die Kommunen besser an dasGeld kommen, das schon im Landeshaushalt ein-gestellt war – da haben Sie vollkommen recht –,was aber nur bedingt abgeflossen ist durch die Un-terhaltungsverbände und durch die Kommunen. Dabesteht noch Handlungsbedarf.

Großen Handlungsbedarf gibt es natürlich auch anGewässern erster Ordnung. Darüber haben wir inden letzten Jahren auch schon massiv diskutiert.Angefangen hat es mit der Unstrut. Da hatte VolkerSklenar noch die Oberhand. Das ist dann soschnell wegen vieler Widerstände wieder eingestelltworden. Es waren gute Konzepte. Da war es wirk-lich so, dass wir den Auen und den Flüssen wiederRaum geben wollten – das war mit der CDU nichtmachbar. Und das holt uns immer wieder ein. Wirhaben da wirklich als Thüringer Zeit verschlafen,wo wir schon in die richtige Richtung hätten arbei-ten können.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Das ist an Ihnen gescheitert. Das muss ich immerwieder sagen. Da kamen die Betonköpfe da obenzusammen und dann hatten wir nicht die Macht unddie Chance als Thüringer Landtagsabgeordnete,wirklich voranzukommen. Das tut mir leid. Man

muss es auch immer abwägen. Es geht nicht alles,aber man muss es abwägen untereinander. Das istleider nicht geglückt in den letzten Jahren. Deshalbbin ich froh und dankbar, dass wir uns jetzt demHochwasserschutz widmen und auch ein Pro-gramm aufstellen, was unter Ihrer Regierung schonangefangen wurde. Nach dem Hochwasser 2013 istes unter Minister Reinholz schon in Gang gesetztworden, das ist wohl wahr. Aber es wird jetzt durchdiese Landesregierung auch etwas anders weiter-entwickelt und überarbeitet und nach vorn getrie-ben, das ist auch in Ordnung. Dafür brauchen wirGeld. Da gibt es jetzt Wege und ich bin gespannt,wie das Gesetz aussehen wird. Wir sind da zu jederDiskussion bereit. Aber ich bin erst mal froh undglücklich, dass dieser Wassercent jetzt vom Tischist und dass es dadurch auch keine Belastungen fürdie Wirtschaft und für die Bürgerinnen und Bürgergibt.

Ich hätte das nämlich als Doppelbelastung für dieBürgerinnen und Bürger gesehen. Einmal der Was-serpreis, der enorm hoch ist, wo ich leider auch mitan dem Bau von Leibis beteiligt war. Das ist einesmeiner Projekte, wie auch der Generalvertrag, aufdie ich nicht stolz bin, muss ich so sagen, als Land-tagsabgeordnete. Aber wir haben sie nun mal undwir haben viel zu viel Wasser in Thüringen und die-ses Wasser ist viel zu teuer. Deshalb hat die SPD-Fraktion auch von Anfang an gesagt, wir habenProbleme mit dem Wassercent. Wir sehen dennicht als richtigen Weg, auch nicht als Steuerung.Wir haben auch keine Grundwasserkörper, diewirklich unter dem Mangel von Wasser leiden, son-dern wir haben eher, was Herr Kummer schon ge-sagt hat, Verunreinigungen von Grundwasserkör-pern – und da müssen wir einen Schutz einfüh-ren –, wir haben aber nicht zu wenig Wasser inThüringen.

Das kann sich durch die Wetterkapriolen vielleichtändern, aber im Moment gibt es keinen Bedarf,einen Wassercent einzuführen. Wir sind auf einemguten Weg und jeder kann sicher auch mal unter-schiedlicher Meinung sein und einen Diskussions-prozess führen, wo nicht alle einer Meinung sind.Ich finde das in Ordnung und ich finde auch, wir ha-ben das in der Koalition jetzt gelöst und es gibtneue Wege, um ans Ziel zu kommen, da sind wir imDiskussionsprozess. Ich glaube auch, dass der Dis-kussionsprozess tragen wird und dass wir eine Lö-sung finden werden. Ich bin da sehr optimistisch.Herr Tiefensee hatte ja auch Probleme mit demWassercent und Frau Keller hatte auch angeführt,dass sie Probleme mit dem Wassercent hat. Jetzthaben wir eine Lösung, wir sind auf einem gutenWeg und ich glaube, wir können Ihren Antrag gutenMutes ablehnen – von der AfD will ich da gar nichtreden, das lohnt sich ja sowieso nicht. Danke.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3537

(Abg. Becker)

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Vizepräsidentin Jung:

Das Wort hat Abgeordneter Kießling, Fraktion derAfD.

Abgeordneter Kießling, AfD:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Abgeordnete,liebe Zuschauer auf den Tribünen! Es ist ja nett,dass Sie sagen, der AfD-Antrag lohnt sich über-haupt nicht, also erst mal pauschal abgelehnt, tolleSache. So sieht die Diskussionsfreudigkeit aus, sowird das umgesetzt, was Herr Ramelow gesagt hat,man redet mit jeder Fraktion hier. Aber wir merkenja, Sie reden nicht mit jedem.

(Zwischenruf Abg. Becker, SPD: Ja. Das istauch gut so!)

Sie machen einfach Ihren Stil und gut ist.

Aber deswegen sind wir ja da, um Ihnen einbisschen was zu sagen, nämlich: Das Schauspielder Koalition um die Wasserentnahmeabgabe zeigteine Verantwortungslosigkeit, die schon als grobfahrlässig bezeichnet werden muss. Es darf nichtsein, dass die SPD mit dem Leben der Menschenspielt und den Hochwasserschutz in Thüringen ver-hindert. Das Finanzministerium hat diesen Haushaltvorgelegt, die SPD hat für diesen Haushalt ge-stimmt, die SPD hat diesen Haushalt entsprechendso aufgestellt und den Hochwasserschutz an dieWasserentnahme gekoppelt. Wenn der Hochwas-serschutz jetzt nicht verbessert wird, wenn jetztnicht etwas passiert und die Menschen verletzt wer-den, dann muss sich die SPD auch den Vorwurf ge-fallen lassen, dass sie selbst für diese Misere mit-verantwortlich ist.

Zuerst schlägt die rot-rot-grüne Regierung fast dasgesamte verfügbare Geld Thüringens in die Asylpo-litik, zig Millionen fließen in den nächsten Jahren inUnterbringung und Betreuung von Asylbewerbernin den Einrichtungen des Landes, teilweise zwangs-weise aufgrund der falschen Politik von der liebenFrau Angela Merkel.

(Beifall AfD)

Da werden zum Beispiel Standards und Pauscha-len erhöht, wie gesagt, Sie stecken in den nächstenJahren immer mehr Geld, nämlich zig Millionen, indie Asylpolitik, und nachdem Sie das wichtigste Po-litikziel hier in Thüringen umgesetzt haben, ist dieKasse leer. Für Staatsaufgaben wie den Hochwas-serschutz steht dann natürlich nichts mehr zur Ver-fügung. Deshalb müssen Sie eine neue Einnahme-quelle erschließen; an der erhöhten Grunderwerbs-steuer und an den gekürzten Mittelzuweisungen fürdie Kommunen versuchen Sie, das Land gesundzu-stoßen.

Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen fürden Hochwasserschutz muss der Freistaat jetzt dieWasserentnahmeabgabe erheben oder was auch

immer, denn wir kriegen ja nur mit, dass man sichneue Wege suchen will. Aber wir werden vielleichtvon der Landesregierung nachher hören, was danun rauskommen soll. Weil nämlich die Kassen leersind, weil für die Asylpolitik dort entsprechend ge-plündert wurde, muss nun zwangsweise neues, fri-sches Geld beschafft werden, um den Hochwasser-schutz zu gewähren, was in Wirklichkeit eigentlicheine versteckte Asylsteuer ist.

Hätten Sie noch ein bisschen Geld für den Hoch-wasserschutz übrig gelassen, so wäre diese neueAbgabe nicht nötig gewesen. Das ist das erste Mär-chen, das sie den Menschen erzählen, mit demHochwassercent käme mehr Geld für den Hoch-wasserschutz in die Kassen. Diese Abgabe wäreaber nicht nötig, wenn Sie das Geld nicht für ande-re Dinge ausgegeben hätten oder ausgeben wür-den.

Es ist eine Unverantwortlichkeit dieser Koalition,den Hochwasserschutz von den Einnahmen ausdem Wassercent abhängig zu machen, aus dieserneuen Einnahmequelle, die nun kommen soll.Hochwasserschutz bedeutet den Schutz der Men-schen, des Lebens und ihres Eigentums. Auf die-sen Schutz haben Sie Ihren Amtseid geschworen.Aber was machen Sie? Sie stellen den Hochwas-serschutz unter Vorbehalt. Wir können wirklich nurhoffen, dass Thüringen nicht von einem Hochwas-ser heimgesucht wird. Dieses Land steht völlig un-vorbereitet da. Die Katastrophe des Jahres 2013hat es gezeigt. Damals sind Schäden in Höhe von430 Millionen Euro entstanden, aber Rot-Rot-Grünmacht den Hochwasserschutz nicht zu einer derwichtigsten Aufgaben des Landes.

(Beifall AfD)

Sie ignorieren einfach Ihre Pflicht. Schon der Vor-behalt ist eine Fahrlässigkeit, die nicht zu duldenist. Es darf einfach nicht sein, dass nicht ausrei-chend Geld aus dem vorhandenen Steueraufkom-men bereitgestellt wird, um diese Staatsaufgabe zufinanzieren. Wir haben jetzt wieder neuerlicheSteuereinnahmen. Eventuell könnte man auch et-was davon für den Hochwasserschutz mit verwen-den. Aber das sei einmal dahingestellt. Die SPDblockiert den Hochwasserschutz. Das ist in unserenAugen ein gefährliches Spiel mit dem Leben derMenschen, die hier leben.

Frau Taubert und Herr Hey, Sie werden sich dieFrage nach der Beantwortung gefallen lassen müs-sen, wenn Thüringen nicht auf das nächste Hoch-wasser vorbereitet ist. 90 Prozent der Hochwasser-schutzanlagen entsprechen nicht dem erforderli-chen Zustand. Sie betreiben hier Parteispielchen,wie wir mitbekommen. Zuerst verweigert MinisterinTaubert die Steuermittel für den Hochwasser-schutz, statt genug Mittel bereitzustellen. Dannzwingt das Finanzministerium das Umweltministe-rium, den Wassercent zu erheben. Die SPD hat

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diesem Haushalt und damit der Wasserentnahme-gebühr zugestimmt. Und dann stellt sich die SPDhin und verweigert den Wassercent. Wir werden dieMenschen im Land stets daran erinnern, wer denHochwasserschutz verhindert hat. Wir fordern dieseLandesregierung unverzüglich auf, sofort alle Maß-nahmen zu ergreifen, um die Mittel für den Hoch-wasserschutz zur Verfügung zu stellen.

(Beifall AfD)

Stellen Sie den Bürgern ihr Geld aus den Steuer-mitteln zur Verfügung, es ist Ihre Pflicht. KommenSie Ihrer Pflicht nach und spielen Sie nicht mit derExistenz der Menschen. Das Hochwasser aus demJahr 2013 sollte Ihnen eine Lehre sein. Der Antragder CDU ist gut, geht aber in unseren Augen nichtweit genug. Wenn Sie nur feststellen lassen wollen,reicht das nicht. Daher haben wir einen Alternativ-antrag eingebracht. Wir fordern die Landesregie-rung damit zu konkreten Handlungen auf. Wir bittenSie daher auch, liebe CDU, unserem Alternativan-trag zuzustimmen, wenn auch Sie den Schutz derBürger vor Hochwasser befürworten.

Dieser Schutz vor Hochwasser gilt auch für Asylbe-werber und für Flüchtlinge – das nur mal am Randebemerkt, liebe rot-rot-grüne Regierung. Nicht, dassSie uns wieder vorwerfen, wir würden hier rassisti-sche und populistische Anträge einbringen.

Nur zur Erinnerung: Es gibt mehr als 43 Fließge-wässer in Thüringen mit mehr als 20 KilometernVerlauf. Zusätzlich gibt es in Thüringen noch über47 bedeutende Standgewässer. Hier wird immervon der Möglichkeit ausgegangen, dass entspre-chend Hochwasser auftritt. Nach dem verheeren-den Hochwasser von 2013 sind noch immer Anträ-ge auf Fluthilfe offen. In der Zwischenzeit warenfast 90 Prozent der knapp 4.300 Anträge bearbei-tet, teilte das Infrastrukturministerium in Erfurt mit,nachzulesen in der TA vom 26.01. dieses Jahres.Bis Ende des vergangenen Jahres seien allein ausdem Ausbauhilfefonds rund 170 Millionen Euro be-willigt worden. Mehr als 20.000 Haushalte warendamals direkt und auch indirekt von dieser Katas-trophe betroffen. Damals ist der Bund bei den Kos-ten mit eingesprungen. Doch wie wird es beimnächsten Mal aussehen? Wird da der Bund aucheinspringen? Das letzte Hochwasser hat siebenMenschenleben bundesweit gefordert. An der Wei-ßen Elster und der Pleiße im Osten Thüringensrichtete das Hochwasser sehr große Schäden an,wobei die Städte Greiz, Berga/Elster und Gera be-sonders betroffen waren, ebenso viele Dörfer indem flachen Altenburger Land, in der Pleißenaue,wie Ponitz, Gößnitz, Großstöbnitz, Lehndorf,Mockern, Saara, Windischleuba, Treben und auchSerbitz, wo es zu Evakuierungen kam. In Gößnitzmussten zum Beispiel alle 650 Bewohner der In-nenstadt und auch in Serbitz alle 150 Einwohnerdes Ortes in Sicherheit gebracht werden. Wollen

Sie das beim nächsten Mal wirklich verantworten,wenn sich hier nichts tut?

Wir fordern Sie daher auf, unserem Alternativantragzuzustimmen und hier entsprechend schnellstmög-lich den Hochwasserschutz für Thüringen zu ge-währleisten. Vielen Dank.

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat Abge-ordneter Kobelt das Wort.

Abgeordneter Kobelt, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Da-men und Herren, die Rhetorik von der AfD ist füruns

(Zwischenruf Abg. Kießling, AfD: Das war ei-ne Rede!)

nicht mehr zu ertragen. Nicht nur, dass Sie in derletzten Sitzung schon gefordert haben, den Renn-steig nicht mehr wirtschaftlich zu fördern, weil esdie Fortsetzung der Balkanroute ist, kommen Sieheute wieder mit Ihren abstrusen Argumenten, dassdie Flüchtlinge, die vor Krieg fliehen,

(Unruhe AfD)

verantwortlich für Hochwasserschäden sind, die inThüringen auftreten. Das ist zynisch, menschenver-achtend und heizt letztendlich auch Gewalt an

(Zwischenruf Abg. Kießling, AfD: Ach, hörenSie doch auf!)

und das können wir nicht hinnehmen.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

(Zwischenruf Abg. Kießling, AfD: Hören Siedoch mal richtig zu!)

Zur Sache: Hochwasserschutz ist natürlich für unsGrüne außerordentlich wichtig. Es steigen geradein jüngster Vergangenheit Starkregen, Unwetterund die Hochwasserereignisse stetig an. Gleichzei-tig sind Flüsse eingeengt, Auen bebaut oder mitlandwirtschaftlichen Flächen belegt. Es sind sich al-le Fachexperten einig: Um das zu verhindern, müs-sen wir Geld in die Hand nehmen, wir müssen Flüs-sen wieder mehr Raum geben. Hier haben wir aucheine Verantwortung für die Menschen, Unterneh-men und Sachwerte, die ausreichend mit Vorsorgeversorgt werden sollen.

(Zwischenruf Abg. Kießling, AfD: Machen Siemal!)

Und was Hochwasser und seine Folgen bedeutet,kann das Beispiel 2013 zeigen. Allerdings gibt es

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3539

(Abg. Kießling)

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so einen Begriff, der heißt Hochwasserdemenz.Das heißt, dass man immer nur von dem Problemaktuell berichtet oder daran denkt, wenn der Scha-den unmittelbar aufgetreten ist. Ich denke aber,nachhaltige Politik schaut weiter, nimmt sich dieBeispiele, die in der Vergangenheit aufgetretensind, zum Anlass, um auch nachhaltig in die Zu-kunft zu schauen. Wenn wir das Ereignis von 2013sehen, erinnern Sie sich vielleicht noch, was dort indem Jahrhunderthochwasser an Schäden an Saa-le, Werra und Weißer Elster entstanden sind. Diehaben sich immerhin auf 350 Millionen Euro sum-miert. Das zeigt: Wenn man zu wenig in den Hoch-wasserschutz investiert, werden die Kosten viel hö-her sein, die dann letztendlich auch der Steuerzah-ler zu tragen hat.

(Zwischenruf Abg. Kießling, AfD: Dann stim-men Sie dem AfD-Antrag zu!)

Wer keine Vorsorge beim Hochwasserschutz trifft,handelt unserer Meinung nach nicht nur verantwor-tungslos, sondern stellt Bürger, Wirtschaft undLandwirtschaft im Schadensfall vor noch größere fi-nanzielle Probleme, als sie die Investitionen jetztwären. Deshalb brauchen wir Mittel, nicht nur fürden Neubau von Hochwasserschutzmaßnahmen,sondern auch für die Gewässer- und Deichunterhal-tung. Von 430 Deichkilometern in Thüringen sind90 Prozent sanierungsbedürftig. So sind wir nichtgewappnet für die nächste Hochwasserwelle, mei-ne sehr geehrten Damen und Herren.

(Zwischenruf Abg. Kießling, AfD: Das habeich gesagt!)

Liebe CDU, Sie haben uns in den letzten JahrenZustände hinterlassen, unter denen das Land beiHochwasserschäden leidet.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Ach, Leute,jetzt übertreibt mal nicht!)

Uns fehlen flächendeckend Verbände und Geld, diesich systematisch um die Probleme des Hochwas-serschutzes vor Ort kümmern und das müsstedoch, Frau Tasch, eigentlich auch zur Stärkung desländlichen Raums, zum Schutz der Bevölkerung imländlichen Raum auch in Ihrem Interesse sein, dassdort viel mehr Geld investiert wird.

Wir als Grüne stehen für eine gute finanzielle Aus-stattung für den Hochwasser- und den Gewässer-schutz. Wir als Fraktion unterstützen eindeutig dasHochwasserschutzkonzept, was 280 Millionen Euround immerhin über 3.200 Einzelmaßnahmen um-setzen möchte und dazu brauchen wir auch finan-zielle Beteiligung. Jetzt können Sie natürlich sagen,die 10 Millionen Euro im Jahr, das hat keine großenAuswirkungen, das ist nur ein geringer Teil vondem Programm. Da möchte ich Ihnen kurz sagen,was es für Folgen an konkreten Projekten oderauch an Kofinanzierungen hat, wenn wir auf dieseEinnahmen oder diese Gegenfinanzierung verzich-

ten würden. Es besteht die Gefahr, dass wir circa31 Millionen Euro EFRE-Mittel zurückzahlen müs-sen, weil einfach schon geplante Projekte dann in-frage stehen. Es entfällt Hochwasserschutz an Wei-ßer Elter, Pleiße in Gera und Greiz, zum Schutz derStadt, aber auch zum Schutz von Opel in Eisenach.Die Deichrückverlegungen können zum Beispiel inder nördlichen Gera-Aue nicht umgesetzt werden.Die Kürzungen bei Instandsetzungen von Hoch-wasserschutzanlagen müssten durchgeführt wer-den. Wir könnten die Talsperren mit Hochwasser-rückhaltefunktionen nicht an den Stand der Technikanpassen. Weiterhin würde Geld für Gewässerun-terhaltung gerade in den Kommunen fehlen.

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Das wollenSie alles mit 10 Millionen umsetzen?)

Ja, Frau Tasch, das hat damit zu tun, dass es auchBundes- und Europafördermittel gibt, die dadurchnicht mehr abgerufen werden können.

(Zwischenruf Abg. Schulze, CDU: Aber dasbedenkt man doch vorher!)

Diese Mittel, die dann verloren gehen, summierensich bis 2021 auf immerhin 100 Millionen Euro. Dassind 100 Millionen Euro fehlende Sicherheit derMenschen, 100 Millionen Euro fehlender Umwelt-schutz, 100 Millionen Euro aber auch fehlenderSchutz der Landwirtschaft und 100 Millionen Eurofehlende Vorsorge für den Mittelstand. Das wäreaus unserer Sicht verantwortungslos. Wir stehen füreine nachhaltige Politik und wir sagen als Grüneauch ganz klar: Diese 10 Millionen Euro pro Jahrwerden und müssen kommen. Da stehen wir in derVerantwortung für einen verantwortungsvollenHochwasserschutz. Nur so können wir das Ge-samtprojekt bis 2021 auch vollständig umsetzen.

Wir sind hier als Koalition auf einem guten Weg.Wir werden uns dazu verständigen, diese finanziel-len Mittel bereitzustellen. Da bin ich mir ganz si-cher. Daher brauchen wir Ihren Antrag nicht undmüssen diesen ablehnen. Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die CDU-Fraktion hat Abgeordneter Dr. Voigtdas Wort.

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, werte Kolleginnenund Kollegen, seit Wochen diskutieren wir über dengrünen Wassercent. Aber der grüne Wassercent istja nur ein Beleg für eine Debatte, die wir in vielenFeldern führen: Gebietsreform, Filtererlass, Erhö-hung der Grunderwerbsteuer, Brenntageverbot undjetzt der Wassercent. All das ist ein Generalangriffauf Eigentümer, all das ist ein Generalangriff auf

3540 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Kobelt)

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den ländlichen Raum und deswegen lehnen wir dasab.

(Beifall CDU, AfD)

(Zwischenruf Abg. Adams, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Hochwasserschutz auch!)

Werte Frau Ministerin Siegesmund, ich nehme Ih-nen aufrichtig und ehrlich ab, dass Sie an einerVerbesserung des Hochwasserschutzes in Thürin-gen interessiert sind. Das habe ich selber erlebt, sieist auch im Land unterwegs und begutachtet das.Das ist nicht zu kritisieren, das finde ich wichtig undist auch richtig, dass eine Ministerin sich das an-schaut.

(Zwischenruf Abg. Adams, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Nur finanzieren wollen Sie esnicht!)

Kollegin Becker hat zu Recht gesagt, dass es frag-lich ist, ob man das inhaltliche Thema „Hochwas-serschutz“ damit verknüpfen kann, einen Wasser-cent zur Finanzierung heranzuziehen. Das ist Ihr ei-gener Koalitionspartner, Herr Adams, und da kannich nur sagen: Diese Bemerkung, Frau Becker, istrichtig. Es ist unseriös, das eine mit dem anderenzu verbinden, weil ich glaube, Hochwasserschutzist richtig.

(Zwischenruf Abg. Becker, SPD: Das habeich nicht gesagt!)

Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, denLeuten über den Wassercent in die Tasche zu grei-fen.

(Beifall CDU, AfD)

Wenn ich mir das anschaue – der Wassercent ist jagestern jetzt zurückgezogen worden –, konnten dieArgumente ja offensichtlich auch nicht in der Koali-tion die Partner überzeugen. Da ist schon ordent-lich Schiffbruch erlitten worden. Werte Frau Ministe-rin, ich kann nur sagen, in der Debatte um denWassercent haben Ihre Koalitionspartner Sie ganzschön nass gemacht. Und das ist natürlich etwas,wo ich glaube, dass wir in der Sachfrage auch nochmal hinschauen müssen.

(Beifall CDU)

(Zwischenruf Abg. Kobelt, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Das war vielleicht Ihr Stil, unserernicht!)

Ja, Herr Kobelt, bleiben Sie doch mal ruhig, Sie ha-ben doch gerade geredet, es ist alles in Ordnung.Ich habe notiert, dass Sie heute vollkommen inSchwarz gekleidet sind. Mir scheint das entwederdamit zu tun zu haben, dass gestern der Wasser-cent nicht gekommen ist und zurückgezogen wur-de, oder es ist eine Ansage an die heutige Debatte.

(Zwischenruf Abg. Kobelt, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Das hat mit gutem Stil zu tun!)

Und wenn ich mir anschaue, wie der Haushalt – aufden haben Sie ja Bezug genommen – Ihrer Ministe-rin aussieht, dann kann ich nur sagen: Es ist schoneine Frage von haushalterischer Seriosität, wennman eine Einnahme in einer Höhe von 12 MillionenEuro budgetiert, die über den Wassercent kommensoll, die mal mir nichts, dir nichts fast 10 Prozentdes eigenen Haushaltstitels ausmacht. Das findeich jetzt, offen gestanden, finanzpolitisch unseriösund das hätten Sie hier auch mal sagen können,Herr Kobelt.

(Beifall CDU, AfD)

Und ich will das vielleicht nur noch mal dazu sagen:Es ist ja auch eine Frage von Durchsetzungsfähig-keit. Sie haben den Haushalt um 1 Milliarde Euroerhöht und jetzt stellen Sie sich hierhin und sagen:Ja, wir haben die 10 Millionen oder 12 MillionenEuro für den Hochwasserschutz nicht gehabt.

(Zwischenruf Abg. Adams, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Will die CDU jetzt die Aussetzungbeantragen? Sie sind acht Wochen zu spät!)

Das ist doch bitte schön nicht ernst zu nehmen. –Ja, Herr Adams, Sie können doch gern noch malreden. – Ich kann nur sagen, dass an der Debatteum den Wassercent eines deutlich wird, nämlichdass Sie als Koalition, gerade wenn es um die Fra-ge von Bürger- und Wirtschaftsfeindlichkeit geht,wenn es um die Frage der Gängelung der Landwirt-schaft geht, wenn es um die Frage der Mehrbelas-tung für Bürger und Unternehmen geht, wenn esum die Frage von Zuverlässigkeit geht, einfach zei-gen, dass Sie es nicht können, weil Sie offensicht-lich immer als erste Konsequenz den Leuten in dieTasche greifen wollen. Das ist aus Sicht der CDU-Fraktion der falsche Weg.

(Beifall CDU)

Es ist auch eine Frage von Seriosität, dass manvorher ankündigt, was man tut. Ich habe mir IhrenKoalitionsvertrag noch mal genau angeschaut undda ist von einer zusätzlichen Abgabe – nennt mansie jetzt Wasser- oder Abwassercent – nirgendwodie Rede. Trotzdem finden diese Mehrbelastungenstatt. Das ist auch eine Frage von verantwortlicherPolitik, dass sich Menschen auch darauf verlassenkönnen, dass das, was drei Partner miteinanderverabredet haben, am Ende gilt. Aber es kann nichtsein, dass eine Ministerin zur Finanzierung vonSpezialprojekten, die sie sich selbst ausgeguckthat, weil sie sich vielleicht in den Haushaltsver-handlungen nicht durchsetzen konnte, dann nochein zusätzliches Leistungsgesetz auf den Wegbringt, um den Leuten nachträglich in die Tasche zugreifen. Das ist der falsche Weg und das müssenSie auch anerkennen. Offensichtlich konnten Siedamit auch nicht in der Koalition punkten.

(Beifall CDU)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3541

(Abg. Dr. Voigt)

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Ich will das vielleicht noch mal aus der Sichtweiseder Wirtschaft im Freistaat diskutieren, weil das na-türlich auch eine Mehrbelastung für die wirtschaftli-chen Vertreter und eine Mehrbelastung für dieLandwirtschaft bedeutet, und das in einer Zeit, inder wir ohnehin ein schwaches Wirtschaftswachs-tum in Thüringen haben. Wir hatten im letzten Jahrdas drittschlechteste Wirtschaftswachstum in ganzDeutschland. Das zeigt offensichtlich, dass hier imFreistaat einiges in der Wirtschaftspolitik auch vorden Baum läuft. Die Argumente für den Wassercentliegen auf der Hand: Wir haben die höchsten Was-serpreise in Deutschland. Es hat keine ökologischeLenkungswirkung.

(Zwischenruf Abg. Kuschel, DIE LINKE: Dasist aber Ergebnis der CDU-Politik!)

Wenn wir uns das alles anschauen, dann ist einesfestzuhalten: Es ist auch für die Wirtschaft schäd-lich, was Sie dort planen. Ich kann nur hoffen, dassSie auch bei den nächsten Planungen eines weite-ren Gesetzes darauf achten, dass diejenigen, diediesen Staat tragen – nämlich die Bürger und dieWirtschaft –, nicht über Gebühr zusätzlich belastetwerden.

Wenn Sie sich anschauen, die Einnahmen für denHochwasserschutz sind im Freistaat da. Wir habeneinen Hochwasserschutz, wofür der Bund und dieEuropäische Union umfassend Mittel zur Verfügungstellen; Frau Becker hat das in ihrer Rede auch be-merkt. Die Argumentation – ich will es nur noch malsagen – ist natürlich schon auch scheinheilig. Siehaben einen Haushalt um rund 1 Milliarde Eurogesteigert, Sie finden dort Millionen für Elektromobi-lität, Sie finden dort Geld für Extravaganzen wieeinen staatlich geförderten Demonstrationstouris-mus

(Beifall AfD)

und Sie haben neue Stellen und Stabsstellen ge-schaffen. Aber Sie haben nicht das Geld, um Hoch-wasserschutz zu betreiben! Das ist doch, offen ge-standen, eine Scheinheiligkeit in der Debatte unddas müssen Sie doch auch selbst anerkennen.

(Beifall CDU, AfD)

Wenn man sich hier die Frage stellt, was die Abga-be für den Wirtschaftsstandort bedeutet hätte, dannist eines klar: Sie bedeutet Wettbewerbsnachteilezu unseren Nachbarstaaten Hessen und Bayern,aber sie bedeutet vor allen Dingen auch einen un-mittelbaren Eingriff in die Wettbewerbsfähigkeit un-serer Industrie hier vor Ort. Ich habe mir die Stel-lungnahmen der Industrie- und Handelskammernangesehen, die schreiben dann, in der chemischenIndustrie würden durch den Wassercent Belas-tungen von jährlich bis zu 100.000 Euro pro Unter-nehmen entstehen. Dann heißt es in einer weiterenStellungnahme, Unternehmen aus dem Bereich derZellstoff- und Papierherstellung müssten sogar mit

zusätzlichen Kosten von jährlich etwa 400.000 Eurorechnen. Selbst der Kollege Hey hat schnell be-merkt, dass mit dem Wassercent viele kleine Thü-ringer Brauereien vor dem Aus stehen würden.Egal wie man sich dem Thema nähert, Hauptsacheman kommt zu der Konsequenz, dass es ein unmit-telbarer Eingriff in die Wirtschaftsfähigkeit unsererUnternehmen hier im Freistaat ist. Die IHK hat dasGanze als „schallende Ohrfeige“ bezeichnet.

(Zwischenruf Abg. Kuschel, DIE LINKE: Alsodie CDU führt nur noch Phantomdebatten!)

All das sind Punkte, bei denen eindeutig klar ist:Der Wassercent ist der falsche Weg. Genau ausdem Grund haben wir den Antrag als CDU-Fraktiongestellt. Offensichtlich hat unsere Initiative auch da-zu beigetragen, dass der Denkprozess bei denKoalitionspartnern vorangekommen ist und derWassercent jetzt einkassiert worden ist.

Ich kann nur eines sagen, liebe SPD-Fraktion: IhrNein zum Wassercent können Sie jetzt daran prü-fen, dass Sie bei dem CDU-Antrag mit Ja stimmen,weil das natürlich auch ein Beleg dafür ist, dass wirein für alle Mal klarmachen: Wir wollen keinennachträglichen Griff in die Tasche der Bürger undUnternehmen. Ich glaube, damit ist diese Debatte,liebe Frau Becker, auch heute genau richtig undhätte nicht zurückgezogen werden müssen, weil sieauch eines deutlich zeigt: Sie zeigt, dass es in derSachpolitik falsch ist, was Sie tun, aber es zeigtauch, dass es im Vorgehen falsch ist, was Sie tun,weil Sie nicht mit den Leuten, die betroffen sind, da-rüber reden. Das ist der große Fehler Ihrer Politik.Schönen Dank.

(Beifall CDU, AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Aus den Reihen der Abgeordneten liegen mir jetztkeine weiteren Wortmeldungen mehr vor. Frau Mi-nisterin Siegesmund, Sie haben für die Landesre-gierung das Wort.

Siegesmund, Ministerin für Umwelt, Energieund Naturschutz:

Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen undHerren, liebe Gäste auf der Tribüne, zur besten Pri-metime, die der Thüringer Landtag zu bieten hat –kurz vor der Mittagszeit – beschäftigen wir uns mitdem schönen Thema „panta rhei“ und der Überset-zung dessen. Eine Möglichkeit, wie Heraklit esübersetzt hat: Wir steigen in denselben Fluss unddoch nicht in denselben, wir sind es und wir sind esnicht. Beim Ziel sind wir sehr beieinander.

(Zwischenruf Abg. Dr. Voigt, CDU)

Herr Voigt, bei der Frage, wie haushaltspolitischeSeriosität geht, trennen uns nämlich die Wege.Wenn Sie Ihre Kritik zur Diskussion um den Dop-

3542 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Dr. Voigt)

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pelhaushalt 2016/2017 hätten verpacken können,wäre das ein echter Mehrwert für das Land gewe-sen. Die CDU hätte gezeigt, dass sie ihre haus-haltspolitische Kompetenz nicht völlig an den Nagelgehängt hat. Warum gibt es eigentlich auch bei die-sem Thema keinen Änderungsantrag von Ihnen?Sie müssen mir irgendwann einmal erklären, ob Siejetzt weiter dabei bleiben wollen, Fundamentalop-position zu machen oder ob Sie irgendwann auchwieder konstruktiv an der Seite in diesem Parla-ment sind.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich will zi-tieren: „Hochwasserschutz darf kein kurzfristigesHandeln nach Hochwasserkatastrophen sein. Esgilt vielmehr, sich kontinuierlich mit Tatkraft demHochwasserrisiko zu stellen und dies zu steuern“.Dieser Satz stammt aus der Regierungserklärungvon Frau Ministerpräsidentin Lieberknecht vom20. Juni 2013 nach dem letzten Jahrhunderthoch-wasser. Wir erinnern uns, dass es in diesem Jahr-hundert schon drei Jahrhunderthochwasser gege-ben hat. Das Jahrhunderthochwasser im Jahr 2013hat in Thüringen Schäden von mehr als 450 Millio-nen Euro verursacht, übrigens vor allen Dingenauch im Bereich der Wirtschaft – Schäden, die wirbis zum heutigen Tag noch beseitigen. Damals,meine sehr geehrten Damen und Herren, waren wiruns partei- und übrigens auch fraktionsübergreifenddarin einig, dass Thüringen deutlich mehr Geld inden Hochwasserschutz investieren muss. NebenEU- und Bundesmitteln, die nach dem Hochwasser2013 auch nochmals aufgestockt wurden, das waruns allen bewusst, brauchen wir auch zusätzlicheLandesmittel, um etwas im Hochwasserschutz inThüringen bewegen zu können.

Damit komme ich auch zur zweiten Falschannahmevon Ihnen, Herr Voigt. Ja, es ist richtig, dass dieEU- und Bundesmittel gestiegen sind. Damit steigtzum einen der Kofinanzierungsanteil des Landes.Aber Sie müssen auch die Frage stellen: Was dür-fen wir mit diesen EU- und Bundesmitteln machen?Damit dürfen wir vor allen Dingen neue Hochwas-serschutzprojekte bauen, aber die 430 KilometerDeiche, von denen Sie uns nach 25 Jahren CDU90 Prozent in einem desolaten Zustand hinterlas-sen haben, können wir mit diesen EU- und Bundes-mitteln nicht sanieren. Deswegen braucht das LandThüringen mehr Geld aus Landesmitteln für denHochwasserschutz.

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Deswegen stellte sich mir schon in den vergange-nen Wochen im Lichte der Diskussion um den Was-sercent die Frage, ob man gelegenheitsmäßig im-mer dann, wenn die Katastrophe eintritt, darüber re-det und ob man zwischen den beiden Hochwasser-ereignissen – ich bin mir sicher, das nächste Hoch-wasserereignis kommt – vergessen hat, worum es

geht. Die Große Anfrage meiner Fraktion zur Was-ser- und Abwasserpolitik in Thüringen ergab, dassdie CDU-geführten Landesregierungen der Vorjah-re im Schnitt gerade einmal 13 Millionen Euro jähr-lich in den Hochwasserschutz investiert haben. Ver-gleiche mit anderen Bundesländern ergaben, dassThüringen damit bei den Investitionen für Hochwas-serschutz mit deutlichem Abstand immer Schluss-licht war.

Spitzenreiter war Bayern mit 120 Millionen Euro.Sachsen-Anhalt und Sachsen, vergleichbar in ihrerTopografie und der Frage, wo wir vorsorgen müs-sen, haben jährlich 30 bzw. 65 Millionen Euro aus-gegeben. Sachsen hat allein im Jahr 2015 150 Mil-lionen Euro dafür ausgegeben. Auch da gab es ei-ne entsprechende Steigerung. Aber wenn sie daseinmal auf die Jahre 2013 und 2014 runterrechnenund sehen, dass das Land Thüringen unter IhrerVerantwortung höchstens ein Drittel dessen inves-tiert hat, was man in Sachsen und Sachsen-Anhaltausgegeben hat, müssen Sie sich nicht wundern,dass diese Landesregierung – ja – einen riesigenNachholbedarf beim Thema Hochwasserschutzsieht. Das ist Verantwortung für die Menschen inThüringen. Der Verantwortung stellen wir uns undda suchen wir auch nach Instrumenten.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, schon inder gemeinsamen parlamentarischen Diskussiondamals im Juni 2013 hat Herr Mohring – der Frak-tionsvorsitzende – zusätzliche Landesmittel in Höhevon 10 Millionen Euro gefordert. Offensichtlich hatman 2013 erkannt, dass man diese Landesmittelzusätzlich dauerhaft braucht.

Die Aufgabe dieser Landesregierung ist es, nichtnur diese 10 Millionen Euro zu suchen, sondernauch endlich das zu tun, was längst überfällig ist,einen Hochwassermanagementplan auf den Wegzu bringen, der uns absichert. Das haben wir getan,meine sehr geehrten Damen und Herren. Darüberdiskutieren wir, über das Thüringer Landespro-gramm „Hochwasserschutz“, das Sie hätten erar-beiten müssen, das Sie jahrelang verschlafen ha-ben, das haben wir auf den Weg gebracht bzw.bringen es jetzt auf den Weg.

In Richtung meiner geneigten Koalitionsfraktionenwill ich zurechtrücken, wo denn die Erkenntnis ge-wachsen ist, dass man diese 10 Millionen Euro –gefordert von der CDU – tatsächlich mehr aus Lan-desmitteln braucht, woher dann am Ende des Ta-ges eigentlich die Idee kam, diese 10 MillionenEuro aus Landesmitteln über den Wassercent ein-zuwerben. Liebe Frau Becker, es ist mitnichten eineIdee des Umweltministeriums gewesen und daswissen Sie auch.

(Zwischenruf Abg. Emde, CDU: Oh, Streit inder Koalition?)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3543

(Ministerin Siegesmund)

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(Beifall CDU)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, einesmuss man wissen: Jeder Euro, den Sie nicht inHochwasserschutz investiert haben, jeder Euro, deram Ende Schäden verursacht, jeder Euro, den Siezurückgehalten und für andere Dinge, zum BeispielWahlkampfgeschenke im Bereich Abwasser, aus-gegeben haben, hätte sich am Ende mal sechsoder mal neun ausgezahlt. Es gibt eine Studie derEU, die heißt „Economic and Social Benefits of En-vironmental Protection [...]“. Darin ist eine Kosten-Nutzen-Analyse aufgemacht worden. Jeder Euro,der in Hochwasserschutz investiert wird, so heißtes darin, spart zwischen 6 und 9 Euro Wiederauf-bau. Genau darum geht es, zum einen klug zu in-vestieren und zum anderen damit auch präventivtätig zu werden mit dem Landesprogramm „Hoch-wasserschutz“. Nicht nur, dass wir uns der Verant-wortung stellen und mehr investieren wollen, nein!Wir wollen nicht einfach mehr investieren und dasWeiter-so, was die CDU jahrelang im Hochwasser-schutz in Thüringen betrieben hat, fortsetzen.Durch einzelne Maßnahmen, die Sie umgesetzt ha-ben, ist es ja noch schlimmer geworden.

(Zwischenruf Abg. Primas, CDU: Wir habendas gemacht?)

Durch das Einengen von Flüssen – Sie habenknapp 90 Prozent der Flüsse ihres natürlichenFlussbettes in Thüringen enthoben – erhöhen Siedie Fließgeschwindigkeit und schippen im ZweifelLändern wie Sachsen-Anhalt – also unseren Unter-liegern – das Wasser im Hochwasserfalle schön vordie Nase. Das ist genau das, was wir nicht mehrmachen wollen, sondern wir wollen ein vernünftigesAustarieren. Wir wollen Flüssen mehr Raum geben.Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, daskostet und es kostet was, weil es uns das auch wertist.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Zur Finanzierung stehen, um das noch mal deutlichzu machen, aus europäischen Mitteln bis 202092 Millionen Euro für Neubauprojekte zur Verfü-gung. Ich muss das noch mal betonen: 92 MillionenEuro! Warum streiten die sich dann um 10? Weil esNeubauprojekte sind. Zudem nutzen wir Bundes-mittel über die Gemeinschaftsaufgabe zur Verbes-serung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes,sogenannte GAK-Mittel – die übrigens mein Vor-gänger dafür ausdrücklich nicht verwandt hat, auchein Versäumnis von Ihnen –, für die Finanzierungvon Hochwasserschutzmaßnahmen. Das sind jähr-lich immerhin 3 Millionen Euro.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das nationale Hochwasserschutzprogramm gibtuns die Möglichkeit, zusätzliche Mittel in Höhe von24,5 Millionen Euro nördlich von Erfurt akquirierenzu können. Auch diese Mittel stehen für Neubau-

projekte zur Verfügung. Mit dem Landeshaushalt2015 hat die rot-rot-grüne Regierung also schondeutlich draufsatteln können. Wir haben die GAK-Mittel wieder zur Verfügung gestellt, wir haben denBedarf deutlich angezeigt.

Vizepräsidentin Jung:

Frau Ministerin, gestatten Sie eine Anfrage des Ab-geordneten Voigt?

Siegesmund, Ministerin für Umwelt, Energieund Naturschutz:

Sehr gern.

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Recht herzlichen Dank, Frau Ministerin. Trifft es zu,dass das Landesprogramm „Hochwasserschutz“von Ihrem Vorgänger mit dem damaligen Finanzmi-nister Voß vollumfänglich behandelt und durchfi-nanziert bis zum Jahr 2022 festgezurrt war? Trifftes zu, dass das momentan nicht der Fall ist?

Siegesmund, Ministerin für Umwelt, Energieund Naturschutz:

Es trifft leider nicht zu, dass das Landesprogrammvollumfänglich bis 2021 ausfinanziert ist, so langegilt es nämlich. Das hat auch mein Vorgänger nichtanberaumt, weil sie da nämlich die entsprechendenEtatpositionen mit entsprechenden Ausweisungenim Haushalt bereits hätten vormarkieren müssen.Das heißt: Nein, es ist durch die Vorgängerregie-rung nicht ausfinanziert worden. 3.200 Maßnahmenbis 2021, da kommt auch eine stattliche Summe zu-sammen, das kann ich Ihnen versichern.

Mein Herz, meine sehr geehrten Damen und Her-ren, hängt nicht am Wassercent, mein Herz hängtan der Frage, dass wir stabilen standardisiertenHochwasserschutz in Thüringen haben, weil dasunsere Verantwortung ist.

(Zwischenruf Abg. Emde, CDU: GeordneterRückzug nennt man das!)

Und ja, der kann nicht nach Kassenlage passieren,und deswegen werden wir jetzt mit einem Hoch-wasserschutzfinanzierungsgesetz das Ganze auchdahin gießen, wohin es gehört, nämlich in feste ge-setzliche Säulen. Zwei Dinge will ich noch mal sa-gen, um die geradezurücken, die nicht funktionie-ren: Das eine – und wir haben das in den letztenTagen und Wochen mehrfach diskutiert – ist es,einen Wassercent oder eine quantitative Abgabe –die es im Übrigen in 13 Bundesländern gibt und womir kein Wirtschaftsunternehmen bekannt ist, wasdanach pleitegegangen ist oder das Land verlassenhat – mit einer qualitativen Idee, nämlich einem so-genannten Verursacherprinzip, zu koppeln. Das

3544 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Ministerin Siegesmund)

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funktioniert nicht. Selbst in der LAWA, der Landes-arbeitsgemeinschaft für die Wasserfachleute, ha-ben wir das diskutiert und auch umfänglich mit an-deren Juristen und rechtlichem Sachverstand. Diesist derzeit nicht möglich. Das Zweite, was ich nochmal geraderücken möchte und was hier vorhin imRaum stand, ist, dass wir uns sicher sein können,dass unser Grundwasserkörper dauerhaft in derQualität, wie wir ihn heute haben, auch tatsächlichin zehn oder 20 Jahren vorzufinden ist. Das istfalsch, diese Annahme ist falsch. Der Vorsitzendedes Thüringer Klimarats, Prof. Totsche, hat sicherst jetzt an die Landesregierung mit einem Memo-randum gewandt, wo er deutlich macht – ich zitie-re –: „Das Memorandum durchzieht die Sorge umdie nachhaltige Sicherung des Grundwasservor-kommens in Thüringen und deren vielfältige Bedro-hungen, neben dem Boden die am stärksten be-drohte Georessource insbesondere infolge des Kli-mawandels.“ Wir werden noch genug Diskussionenhier zu führen haben über die Qualität unseresGrundwasserkörpers und was das eigentlich heißt,übrigens auch für die Landwirtschaft in Thüringen,meine sehr geehrten Damen und Herren.

Um das Ganze abzurunden: Wir werden Ihnen inden kommenden Wochen einen Vorschlag machen,wie wir das Ganze auf stabile Füße stellen können.Politik ist dann entscheidungsstark, wenn sieBlockaden löst. Ich bin mir sicher, dass uns das ge-lingt und hoffe, dass wir mit dem Umsetzen desThüringer Landesprogramms „Hochwasserschutz“all jene längst überfälligen Maßnahmen in Angriffnehmen können, die die CDU in den letzten 25 Jah-ren mindestens halbherzig angegangen hat, mankönnte auch sagen, größtenteils verschlafen hat.Herzlichen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

(Zwischenruf Abg. Tasch, CDU: Das stimmtja so nicht!)

Vizepräsidentin Jung:

Es liegen jetzt keine weiteren Wortmeldungen mehrvor. Es ist auch keine Ausschussüberweisung be-antragt. Deswegen stimmen wir über den Antragder Fraktion der CDU in Drucksache 6/1641 ab.Wer für den Antrag stimmt, den bitte ich um dasHandzeichen. Gegenstimmen? Stimmenthaltun-gen? Bei den Jastimmen der CDU-Fraktion und derfraktionslosen Abgeordneten und den Gegenstim-men der Fraktionen Die Linke, Bündnis 90/Die Grü-nen, SPD und Stimmenthaltungen

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: Gegenstim-men!)

– Gegenstimmen der AfD-Fraktion ist der Antragabgelehnt.

Wir kommen zur Abstimmung über den Alternativ-antrag der Fraktion der AfD. Wer dem seine Zu-stimmung gibt, den bitte ich um das Handzeichen.Das sind die Stimmen der Fraktion der AfD. Gegen-stimmen? Das sind die Stimmen der anderen Frak-tionen und Abgeordneten des Hauses. Damit ist derAlternativantrag der Fraktion der AfD in Drucksa-che 6/1685 abgelehnt.

Bevor ich den Tagesordnungspunkt 7 aufrufe,möchte ich Ihnen bekannt geben, dass wir danachden Tagesordnungspunkt 23 aufrufen und danachin die Fragestunde überleiten. Das zum Ablauf.

Ich rufe auf den Tagesordnungspunkt 7

Thüringer Gesetz zur DualenHochschule Gera-EisenachGesetzentwurf der Landesregie-rung- Drucksache 6/1744 -ERSTE BERATUNG

Wünscht die Landesregierung das Wort zur Be-gründung? Herr Minister Tiefensee, Sie haben dasWort.

Tiefensee, Minister für Wirtschaft, Wissenschaftund Digitale Gesellschaft:

Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen undHerren Abgeordneten, sehr verehrte Bürgerinnenund Bürger! Meine Damen und Herren, Ihnen liegtder Gesetzentwurf zur Einrichtung der DualenHochschule Gera-Eisenach auf dem Tisch. Ich be-danke mich im Vorfeld sehr für eine konstruktiveZusammenarbeit mit allen Gremien, damit dieserGesetzentwurf, dessen Zielrichtung bereits im Koa-litionsvertrag verankert ist, jetzt auf den Weg ge-bracht werden kann. Ich bitte Sie um Zustimmung,und wenn Sie die Zustimmung geben, dann wirddie Familie der Thüringer Hochschulen größer. Ausneun Universitäten und Hochschulen werden zehn.

Wir können diesen Gesetzentwurf mit drei Stich-worten überschreiben. Es geht um Aufwertung, umAufwuchs und um Attraktivität. Wir wollen denStandort der bisherigen Studienakademie Thürin-gen mit ihren zwei Standorten Berufsakademie Ge-ra, Berufsakademie Eisenach aufwerten. Wir wer-den über einen Aufwuchs an finanziellen Mittelnsprechen und wir reden über die Erhöhung der At-traktivität sowohl für die Bewerber und Absolventenals auch für die beiden Städte.

Wie ist die derzeitige Situation? Die Studienakade-mie mit ihren zwei Standorten bietet einen dualenBachelorstudiengang an, der sich aller höchster Be-liebtheit erfreut. Die Praxispartner entsenden Stu-dierende an die Studienakademie, die sehr eng ver-zahnt mit ihrem entsendenden Betrieb sind, eineAusbildung erfahren, die sehr stark an der Praxis

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3545

(Ministerin Siegesmund)

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orientiert ist, mit einem Wechsel zwischen Lehreund den Lehrstunden vor Ort, die zu einem Bache-lor führt, der einem Hochschulabschluss gleichwer-tig ist.

Wir erfreuen uns nicht nur einer hohen Nachfrage,sondern wir sehen auch, dass dieser Studiengangeins zu eins Früchte trägt in der täglichen Arbeit.Diejenigen, die in die Studienakademie kommen,sind gestandene Männer und Frauen mit Berufser-fahrung und sie gehen gestärkt wieder in den Berufzurück. In der Regel sind sie noch stärker an Thü-ringen gebunden. Sie bleiben hier und tragen zurWertschöpfung bei. Das muss nicht nur einen Wirt-schaftsminister, sondern auch einen Wissen-schaftsminister interessieren.

Warum, so könnte man fragen, brauchen wir jetztdieses Gesetz? Stichwort „Aufwertung“: Es gibt einpaar Nachteile, die wir zur Kenntnis nehmen unddie begründen sich darin, dass die Abschlüssezwar gleichwertig sind, aber doch immer die Frageim Raum steht, sind sie auch vollwertig. Wieso habtihr einen Abschluss einer Studienakademie undnicht den einer Hochschule? Kann ich mich wirklichdarauf verlassen, dass es ein vollwertiger Ab-schluss ist? Und da interessiert dann am Ende we-nig die Diskussion darüber, ja, es ist ein gleichwerti-ger, sondern es geht nicht zuletzt auch darum, dassman einen eindeutigen Beweis in Form eines Ab-schlusses bietet.

Wir wollen, indem wir jetzt die duale Hochschuleeinrichten und damit die Studienakademie in denGeltungsbereich des Hochschulgesetzes überfüh-ren, das ganz klare Signal geben, das ist ein voll-wertiger, nicht nur ein gleichwertiger, sondern einvollwertiger Abschluss.

Was hat das mit dem Aufwuchs zu tun? Ein zweiterwesentlicher Vorteil ist, dass Sie bereits im Haus-haltgesetz für die Jahre 2016/2017 und später inder in der Rahmenvereinbarung niedergelegtenPhase bis 2019 dieser Hochschule gewährt haben,dass sie im vollen Sinne in die Gemeinschaft derHochschulen aufgenommen wird. Das bedeutetnämlich, dass sie nicht nur ihr Budget im Rahmendes Hochschultitels zugewiesen bekommt, sonderndass sie auch an der jährlichen Steigerung um je-weils 4 Prozent partizipiert. Das bedeutet in Abso-lutzahlen, dass aus einem Haushaltvolumen von7,9 Millionen Euro derzeit ein Aufwuchs von 1,5 Mil-lionen Euro in der Phase der Zeitspanne bis 2019entsteht.

Das Dritte, die Attraktivität: Attraktiv ist zunächsteinmal für diejenigen, die sich bewerben und denAbschluss an der dualen Hochschule machen, dasssie sich, wie ich bereits ausgeführt habe, mit einemvollwertigen Abschluss am Arbeitsmarkt zeigenkönnen. Aber ich bin auch besonders froh, dass wirin den beiden Städten – Sie wissen, mein Herzschlägt aus biografischen und sonstigen Gründen

ganz besonders für Ostthüringen und für meine Ge-burtsstadt Gera – jetzt zwei neue Hochschulstand-orte haben. Die Trias aus Gera und Eisenach undder Hochschule Schmalkalden, die in dieser Koope-ration eng ist, wertet diese drei Standorte, insbe-sondere Gera und Eisenach, noch einmal auf.

(Beifall DIE LINKE, SPD)

Das können diese Städte sehr dringend gebrau-chen. Bei all den Änderungen werden wir auf Be-währtes nicht verzichten, meine Damen und Her-ren. Wir werden auch weiter den engen Praxisbe-zug der dualen Hochschule gewährleisten. Wir wer-den – und das ist eine Abweichung von der Regelin den anderen Hochschulen – die Praxispartnerauch in den Gremien finden und wir werden beibe-halten, dass wir eine ganz besondere Art des Stu-diums, nämlich diese Dualität aus Theorie und Pra-xis, auch in der Zukunft haben werden. Ich bin si-cher, dass wir als zweites Bundesland in der Bun-desrepublik mit dieser Form des Angebots zu-kunftsweisend sind. Ich wünsche den drei Stand-orten, insbesondere Gera und Eisenach, dass nachVerabschiedung dieses Gesetzes und einer Phaseder Überführung möglichst schnell eine ganz hoheund neue Qualität der Lehre und der Praxis ange-boten werden kann. Ich wünsche mir, dass esNachahmer an anderen Hochschulstandorten gibt,die – auf welcher Art auch immer – in diesen Ko-operationsverbund mit eintreten, und ich wünschtemir, dass in der Bundesrepublik insgesamt dieseVorgehensweise Schule macht. Ich schränke aller-dings ein: Es ist ein Wettbewerbsvorteil, den Thü-ringen hat und den wir in der Zukunft ausnutzenwerden.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Herzlichen Dank für Ihre Mitarbeit. Ich wünschtemir, dass wir heute dieses Gesetz auf den Wegbringen. Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Abgeord-neter Dr. Voigt, Fraktion der CDU.

(Zwischenruf Abg. Huster, DIE LINKE: Mario,du findest das gut, oder?)

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Das ist ja unstrittig. Ich bin ein großer Fan der dua-len Hochschule.

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolle-ginnen und Kollegen, Thüringer Gesetz zur DualenHochschule Gera-Eisenach, es ist ein sehr guter

3546 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Minister Tiefensee)

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Tag für Thüringen, dass dieses Gesetz heute hiervorliegt,

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

weil die neue duale Hochschule einerseits Beweisdafür ist, dass sich die Berufsakademien seit ihrerGründung 1998 wirklich exzellent in Thüringen be-währt haben. Aber es ist eben auch Ausweis dafür,dass die Zukunftsfähigkeit einer Hochschule, diesehr eng an der Praxis dran ist, auch mit dem Mo-dell der dualen Hochschule verknüpft ist. Ich kanndas ehrlich sagen: Es hat mich sehr gefreut, es warin der letzten Legislatur schon ein harter Kampf, dieduale Hochschule in die Hochschulstrategie zu be-kommen. Sie steht drin und sie wird jetzt mit einemGesetzentwurf auf den Weg gebracht. Das stärktGera, das stärkt Eisenach, das stärkt Thüringen,aber vor allen Dingen gibt es eine neue Hoch-schule, eine neue Hochschule ist geboren. Ich glau-be, das ist ein guter Weg für die Hochschulland-schaft im Freistaat.

Wenn man sich das ansieht, dann sind die Zahlenerdrückend positiv. Die Berufsakademien haben ei-ne enge Bindung an den Freistaat. Ein Großteil der-jenigen, die hier studieren – 80 Prozent –, kommenaus Thüringen selbst, der Rest kommt aus dem mit-teldeutschen Raum. Das heißt, wir haben auch einesehr enge regionale Bindung. Ich habe selber auchschon Studenten der BA von Unternehmensseiteher betreuen dürfen. Ich kann sagen, dass die Pra-xisausbildung und die Einbindung der Partner sehrgut funktionieren. Das ist ein wichtiger Beleg dafür,dass Wissenschaft und Wirtschaft sich gut mitei-nander vernetzen und dafür Sorge tragen, dass jun-ge Menschen hier in der Region bleiben und soqualifiziert werden, dass wir es auch ermöglichen,dass sie neben einer guten Anbindung an ein Un-ternehmen gleichzeitig aber auch einen wissen-schaftlichen Weg aufrechterhalten bekommen, densie vielleicht auch später noch einmal fortführenkönnen. Das ist eine Form einer modernen Modula-risierung, die wir im Freistaat brauchen. Ich glaube,dass die duale Hochschule auch ein Kassenschla-ger wird und Thüringen über die Grenzen des Frei-staats hinaus bekannter machen wird. Denn, wennman sich die unterschiedlichen Modelle anschaut,die es in Deutschland gibt – sei es in Baden-Würt-temberg, in Sachsen oder auch in Berlin –, dannhat das Thüringer Model schon eine Eigenart, diees sehr erfolgreich macht, einerseits wegen der en-gen Vernetzung, andererseits wegen des sehr kon-zentrierten Studienangebots. Wenn man sich an-schaut: Von den Absolventen, die die bisherige Be-rufsakademie und zukünftige duale Hochschuleverlassen, sind 35 Prozent Ingenieurwissenschaft-ler, 50 Prozent Betriebswirte, 15 Prozent Sozialpä-dagogen, also auch ein ganz klar abgrenzbaresProfil, wo man sagt, wir wollen hier auch für denPraxistest werben. Deswegen wird es von unserer

Fraktion eine Unterstützung für diesen Gesetzent-wurf geben. Wir werden auch eine Beschleunigungbei den Anhörungen im parlamentarischen Verfah-ren mitmachen.

Da beginnt aber der Kritikpunkt, Herr Minister. Siehaben ein halbes Jahr verspielt, diesen Gesetzent-wurf auf den Weg zu bringen. Er war in der Hoch-schulstrategie 2014 klar beschrieben. Wir hatten ei-ne klare Zielmarke: Zum 01.01.2016 sollte es dieseduale Hochschule geben. Wir sind jetzt nach dem01.01.2016. Das wollen wir im parlamentarischenProzess gern teilen, da möchten wir auch gern mitan Bord kommen. Aber ich glaube, hier hätten wirschneller sein können.

Ich freue mich, dass wir es im Haushaltsgesetzschon verankert haben, dass die duale Hochschuleetatisiert ist. Mit den am Ende knapp 10 MillionenEuro im Jahr 2017 ist es auch eine vernünftige Eta-tisierung. Jetzt wird es sicher noch ein paar Detail-fragen über die Behandlung der Professoren ge-ben. Es wird noch eine Detailfrage mit der FHSchmalkalden über die Bildung von dualen Master-studiengängen zu klären sein. Alle diese Aspektehalte ich für lösbar. Mir ist daran gelegen, dass wireines deutlich machen: Dass es Thüringen in demWettbewerb der unterschiedlichen Hochschulstand-orte im Freistaat gut zu Gesicht steht, mit der dua-len Hochschule einen weiteren Baustein in einerdifferenzierten Hochschullandschaft zu haben, dietrotzdem auch in den unterschiedlichen Einrich-tungen wettbewerbsfähig ist.

Warum soll die duale Hochschule nicht auch Teileunserer Fachhochschullandschaft dazu bringen,noch einmal selbst darüber nachzudenken, was ihreigenes Profil ist? Warum soll nicht dadurch in derFachhochschullandschaft stärker darüber nachge-dacht werden, was uns von Universitäten abgrenzt.Das ist etwas, was in dem Hochschuldialog, denSie anstreben, sicherlich auch eine Rolle spielenwird – die Profilierung und Differenzierung.

Kollege Schaft, Kollege Matschie und ich waren amMontag bei einer Veranstaltung zum Thema „Exzel-lenzinitiative“. Wenn wir uns das anschauen, istvollkommen klar, dass es uns bewegen wird, wiedie duale Hochschule sich in einer Exzellenzinitiati-ve, die erst einmal prioritär an die Universitäten ge-richtet ist, trotzdem auch Raum verschaffen kann,um weiter zu wachsen. Es muss unser gemeinsa-mes Ziel sein, die duale Hochschule auch weiterwachsen zu sehen. Deswegen freuen wir uns, die-se Debatte dann im Ausschuss zu führen und daauch die nötigen Anhörungen zu machen. Darummüssen wir heute keinen längeren Sermon ma-chen. Ich denke, es ist gut, dass dieses Gesetz daist. Es hätte früher da sein können. Jetzt ist es da.Lassen Sie uns jetzt in der Sache reden. SchönenDank.

(Beifall CDU, SPD)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3547

(Abg. Dr. Voigt)

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Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion Die Linke hat Abgeordneter Schaftdas Wort.

Abgeordneter Schaft, DIE LINKE:

Sehr geehrte Präsidentin, liebe Kolleginnen undKollegen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer aufder Tribüne und am Livestream! Ja, Herr Voigt, dasist ein besonderer Tag, nicht nur, weil wir hier jetztden Gesetzentwurf zur Dualen Hochschule Gera-Eisenach auf den Weg bringen, sondern weil ichhier jetzt auch einmal sagen konnte: Das war einseltener Moment. Ich konnte auch einmal zu Be-ginn einer hochschulpolitischen Debatte klatschen,die wir hier führen. Sonst treten diese Debatten we-niger einmütig – vor allem zwischen uns beiden –hier zutage. Insofern bin ich bei dem ganzen Pro-jekt doch sehr positiv gestimmt, dass wir das ge-meinsam auf den Weg bringen.

(Beifall CDU, DIE LINKE, SPD, BÜND-NIS 90/DIE GRÜNEN)

Mit dem heute vorliegenden Gesetzentwurf derLandesregierung – Minister Tiefensee hat es schongesagt – kommen wir der Stärkung der ThüringerHochschullandschaft ein ganzes Stück näher. Diebeiden Standorte der staatlichen Berufsakademienin Gera und Eisenach sollen zur dualen Hochschuleaufgewertet und damit auch mit allen Rechten undPflichten in das Thüringer Hochschulgesetz einge-gliedert werden. Auch das hat Herr Minister Tiefen-see schon gesagt. Wir haben dann zehn Hoch-schulen und acht Hochschulstandorte in Thüringen.Mit den 1.200 Studierenden, sowohl in den grund-ständigen Bachelorstudiengängen als auch in denberufsbegleiteten Masterstudiengängen, die in Ko-operation, beispielsweise mit dem Hochschulstand-ort Schmalkalden, laufen, zeigt sich, dass hier einegrundlegende Strukturentscheidung zugunsten derbeiden Einrichtungen und der Berufsakademie inGänze getroffen wird.

Wir situieren hier nicht wie in anderen Bundeslän-dern, wo das duale Studium an Fachhochschulenimplementiert wird, einen künstlichen Bedarf, son-dern es gibt bereits seit Jahren eine kontinuierlicheNachfrage in den beiden Regionen in West- undOstthüringen. Damit muss hier nichts neu geschaf-fen werden, sondern den integralen Bestandteilenin diesen beiden Regionen soll mit der Umwand-lung der dualen Hochschule nun weiter Rechnunggetragen werden. Anfang des Monats hatte ichaber auch mit Blick auf die anstehende Gesetzes-änderung ein Treffen mit Studierenden der Berufs-akademie in Gera, um mir einen Einblick zu ver-schaffen, was dieser Schritt ganz konkret für sie be-deutet. Zum einen ist positiv hervorzuheben, dasshier auch ein Schritt in der Demokratisierung getanwird, denn die Studierendenvertretung an den bei-den Standorten bekommt nun auch die Rechtssi-

cherheit durch die Überführung in das ThüringerHochschulgesetz mit den Regelungsbereichen in§§ 73 bis 75 im Thüringer Hochschulgesetz. DieseRechtssicherheit war bisher in der Form nicht gege-ben. Der zweite wichtige Punkt – auch das hat derMinister Tiefensee schon angesprochen – ist, dassdie Studierenden natürlich begrüßen, dass ihre Ab-schlüsse nun auch mit den Abschlüssen der ande-ren Hochschulen gleichgestellt werden, und dasauch über die Landesgrenzen des Freistaats hi-naus. Nicht nur, dass gegenüber den Praxispartne-rinnen und Praxispartnern nun auch das wissen-schaftliche Niveau der Ausbildung noch einmalstärker fokussiert wird, auch die Wahrnehmung alsnicht vollwertige akademische Ausbildung hat mitder Umwandlung der Berufsakademie zur dualenHochschule nun bald ein Ende. Bisher sahen sichdie Studierenden zum Teil auch dem Problem aus-gesetzt, dass ihre Ausbildung als Zwischenmodellzwischen der akademischen Bildung und der dua-len Berufsausbildung betrachtet wurde und ihnenauch manchmal das wissenschaftliche Niveau ab-gesprochen wurde. Auch das haben sie mir berich-tet. Aber das wird nun auch mit dem Schritt zur Um-wandlung in eine duale Hochschule und mit derGleichwertigkeit der Abschlüsse, die dann darausresultiert, nun geändert. Wir geben also den Studie-renden an den Standorten Rechtssicherheit bei derklaren Verfasstheit ihrer Studierendenschaft undauch Rechtssicherheit bei der Gleichstellung undbesseren Anerkennung ihrer Abschlüsse.

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich jetzt bei dem ge-samten Prozess, der jetzt ansteht, trotz all der posi-tiven Entwicklung, nicht auch noch einmal einen kri-tischen Blick darauf wagen würde und vielleichtauch noch ein paar Herausforderungen ansprechenwürde. Die Studierenden erhoffen sich nämlichnoch mehr. Die Qualität der Praxispläne in dempraxisintegrierenden Ausbildungsbestandteil unddie Zeiten seien in einigen Fällen derzeit problema-tisch, nicht in der Fläche, aber in Einzelfällen. DieFrage nach der Qualitätssicherung im Praxisbetriebund die bessere Verzahnung von Theorie und Pra-xis im dualen Studium sind dabei zwei wesentlicheHerausforderungen, die wir alleine mit dem hiervorliegenden Gesetzentwurf nicht lösen können.Aber darum geht es hier auch nicht, denn zunächstmüssen die Voraussetzungen geschaffen werden,um die Governance- und Gremienstrukturen an dasThüringer Hochschulgesetz anzupassen. In einemzweiten Schritt müssen wir dann intensiver überdiese Punkte sprechen, wie wir eben auch die Stu-dien- und Ausbildungsbedingungen an der dualenHochschule genauso wie an den anderen Hoch-schulstandorten in Zukunft verbessern. Denn esgeht mit dieser Novellierung auch um die Akademi-sierung des dualen Studiums. Da muss ich ganzkurz Herrn Prof. Dr. Utecht, Leiter der aktuellen Be-rufsakademie und dann Übergangspräsident derHochschule nach dem Gesetzentwurf, den ich für

3548 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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sein Engagement sehr schätze, in einem Punkt wi-dersprechen, den er am 22. April letzten Jahres ineinem Gespräch mit dem MDR angedeutet hat. Ermeinte damals, dass mit der Umwandlung der Be-rufsakademie keine Akademisierung einhergehe.Doch genau das sollte eigentlich das Ziel sein,denn ja, die duale Hochschule wird eine Hoch-schule eigener Art, aber sie wird eine vollwertigeakademische Einrichtung im Sinne des ThüringerHochschulgesetzes und hat damit auch alle Rechteund Pflichten. Darüber hinaus bekommt sie noch ei-ne weitere Aufgabe, nämlich die der kooperativenForschung im anwendungsbezogenen Bereich, derhier nicht hinten runterfallen sollte.

Darüber hinaus geht mit der Gesetzesnovelle auchdie Umwandlung der Personalkategorien einher;Herr Voigt hat das gerade schon gesagt. Die der-zeit fest angestellten Dozentinnen und Dozentenwerden in ein Beamtenverhältnis als Professorin-nen und Professoren in Stufe W2 überführt. Die fi-nanzielle Grundlage dafür ist mit dem Doppelhaus-halt 2016/2017 zu Teilen schon gelegt worden. DerGesetzentwurf wird damit den Empfehlungen desWissenschaftsrats Rechnung tragen, aber – daswird in der Erläuterung im Gesetzentwurf ganzselbstkritisch dargelegt – nur am unteren Randedes Vertretbaren, da der Anteil der Lehrbeauftrag-ten bei 60 Prozent bleiben wird. Auch hier müssenwir die nächsten Jahre sehen, wie wir das Stück fürStück angleichen, um auch hier den akademischenAnspruch der dualen Hochschule weiter zu stärkenund auch die Qualität der dualen Hochschule weitervoranzutreiben.

Mit Blick auf die Etablierung demokratischer Ent-scheidungsstrukturen und die Garantie der Freiheitvon Forschung und Lehre zeigt der Gesetzentwurfaus unserer Sicht auch noch an der einen oder an-deren Stelle Nachbesserungsbedarf. Wenn ich mirdie Beteiligung der Studierenden in den Hochschul-gremien, beispielsweise in der Studienkommission,hinsichtlich der paritätischen Besetzung anschaue,aber auch bei der paritätischen Verteilung zwischenden Praxispartnerinnen und Praxispartnern und denSozialpartnerinnen und Sozialpartnern, sollten wirhier, denke ich, in der Ausschussberatung, aberdann auch mit den relevanten Akteuren, die dannauch hier angehört werden, noch einmal über deneinen oder anderen Punkt diskutieren.

Die Grundsätze wie Vereinbarkeit von Studium undFamilie, die Möglichkeit zur Überschreitung der Re-gelstudienzeit aufgrund der Flexibilisierung und diedes Teilzeitstudiums müssen auch in dem bereitsexistierenden und dann weiter bestehenden dualstudierbaren Angeboten besser berücksichtigt undauch ermöglicht werden, wenn wir an der DualenHochschule Gera-Eisenach genauso wie an denanderen Hochschulen unseren Beitrag dazu leistenwollen, dass Studium und Familie vereinbar sind,aber auch beispielsweise Studierende mit Behinde-

rung und/oder chronischer Krankheit gleicherma-ßen die Möglichkeit haben, ein Studium an der dua-len Hochschule aufzunehmen. Um den Studieren-den die finanzielle Absicherung in diesem Studien-und Ausbildungsverhältnis zu gewährleisten, dürfenwir auch eines nicht aus dem Auge verlieren: Im ak-tuellen Thüringer Berufsakademiegesetz wird ganzkonkret in § 1 die Mindestausbildungsvergütung ge-regelt. Das soll jetzt zwar mit dem aktuellen Ge-setzentwurf über eine Satzung geregelt werden, diedann letztendlich auch der Genehmigung des Mi-nisteriums bedarf, ich finde aber, wir sollten dasWort „Mindestausbildungsvergütung“ nicht gänzlichaus dem Gesetz streichen, um hier die duale Hoch-schule nicht unattraktiver gegenüber dem aktuellenGesetz zu machen und den Studierenden auch ei-ne finanzielle Sicherheit zu gewährleisten.

All das sind Punkte, die wir gern intensiv und kon-struktiv im Ausschuss und auch bei der Anhörungmit den relevanten Hochschulakteuren diskutierenkönnen. Herr Voigt, noch ganz kurz eine Ergän-zung: Ich denke, wir werden auch da der dualenHochschule gemeinsam entgegenkommen können,wenn wir beispielsweise die Übergangsfristen nocheinmal angucken. Ja, es gab eine zeitliche Verzö-gerung im Kabinett, aber ich denke, wenn wir dieÜbergangsfristen so anpassen, dass alle Hoch-schulgremien die Möglichkeit haben, in dem Jahrauch die Anstrengungen und Aufgaben bewältigenzu können, dann sind wir hier ein gutes Stück wei-tergekommen. Daher bitte ich auch hier um die Zu-stimmung zur Überweisung dieses Gesetzentwurfsan den Ausschuss für Wirtschaft und Wissenschaft.Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion der SPD hat sich die AbgeordneteMühlbauer zu Wort gemeldet.

Abgeordnete Mühlbauer, SPD:

Guten Tag, Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damenund Herren im Publikum und am Livestream, werteKolleginnen und Kollegen, heute ist ein guter Tag.Ich begrüße natürlich auch das Thüringer Gesetzzur Dualen Hochschule Gera-Eisenach, freue michauf die Diskussionen in der Anhörung. Gut Ding willWeile haben – an Sie, Herr Kollege Voigt. Ich den-ke, wir wissen alle, dass wir hier für eine gute Sa-che stehen und diese dann auch schnellstmöglichin die Wege leiten sollten.

Lassen Sie mich ein paar Dinge aus der allgemei-nen Sicht beitragen. Deutschlandweit wurden dualeStudienangebote in den vergangenen Jahren mas-siv ausgebaut. Die meisten Studiengänge gibt es inden Bereichen Ingenieurwesen – 39 Prozent –,

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3549

(Abg. Schaft)

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Wirtschaftswissenschaften, gefolgt von der Informa-tik und dem Sozialwesen. Im Zeitraum 2009 bis2014 hat sich die Anzahl der dualen Studiengängevon 712 auf 1.500 verdoppelt. Thüringen hält davonderzeit nur einen kleinen Anteil von 47 Studiengän-gen, das ist der Stand von 2014.

Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf wollen wir dieduale Hochschulausbildung in Thüringen ausbauenund verbessern. Was erwartet die Wirtschaft vonden Bachelorstudiengängen? Die Deutsche Indus-trie- und Handelskammer hat in einer Studie imJahr 2014 insgesamt 2.003 Unternehmen zu ihrenAnforderungen und Erwartungen an Bachelor- undMasterabsolventen befragt. Die Erwartungen derUnternehmen an Bachelorstudiengänge bewegensich auf einem sehr hohen Niveau. Von Absolven-ten erwarten die befragten Unternehmen überwie-gend Kompetenz, die sich vorwiegend erst durchdie Verbindung des im Studium erworbenen Wis-sens mit der beruflichen Wirklichkeit entwickelt. Sosind soziale Kompetenz, Teamfähigkeit, Einsatzbe-reitschaft, Kommunikationsfähigkeit einige Schlag-worte, die von den Unternehmen gefragt werden.Bei der persönlichen Kompetenz dominiert die Fä-higkeit zum selbstständigen Arbeiten mit 86 Pro-zent. Von der inhaltlichen Ausgestaltung erwartendie Unternehmen von den Bachelorstudiengängeneinen starken Praxisbezug, an dem es nach Ein-schätzung der befragten Unternehmen im normalenBachelorstudiengang Defizite gibt und dies vor al-lem in den technischen Bereichen. Angesichts die-ser Ergebnisse wundert es nicht, dass die Nachfra-ge der Unternehmen nach den dualen Studienan-geboten, die akademische Ausbildung und Praxiskombinieren, ansteigt.

Was sieht die Wirtschaft für Vorteile der dualen Stu-diengänge? Im Hinblick auf das duale Studiumidentifiziert die Studie ein bereits hohes Engage-ment der Unternehmen und einen steigenden Be-darf an dualen Studienangeboten. Der Anteil derje-nigen Betriebe, die Dualstudierende in einem Ba-chelorstudium beschäftigten, liegt laut Umfrage desDeutschen Industrie- und Handelskammertags ak-tuell bei 35 Prozent. 47 Prozent der Betriebe planendies übrigens für die Zukunft. Das ist, denke ichmal, wichtig und wesentlich. Nicht besonders großist übrigens der Anteil der Kooperationsbetriebe fürduale Bachelorstudiengänge im Banken- und Versi-cherungsbereich sowie im produzierenden Gewer-be. Unterdurchschnittlich aktiv sind Vertreter desHandels, des Tourismus, des Gaststättengewerbesund der Dienstleistungen. Auch wenn die meistenKooperationsbetriebe Großbetriebe sind, identifi-ziert die Studie einen Trend, laut dem sich insbe-sondere kleinere Betriebe künftig stark in dualenBachelorstudiengängen engagieren wollen. 22 Pro-zent der Betriebe planen, duale Bachelorstudenteneinzustellen.

Weniger ausgeprägt ist die Häufigkeit dualer Mas-terstudiengänge. Der Anteil der Unternehmen, dieduale Masterstudiengänge beschäftigen, betruglaut dieser Umfrage 14 Prozent. Aber dort ist derTrend steigend, er steigt an auf 22 Prozent der be-fragten Unternehmen, die dieses planen. Aus die-sem Grund sind wir mit diesem Angebot genaurichtig aufgestellt. An dieser Stelle möchte ich michauch noch mal herzlich bei Prof. Dr. Utecht bedan-ken, der mir mitgeteilt hat, dass zum gegenwärtigenZeitpunkt bereits 96 Ausbildungsverträge abge-schlossen sind und er erwartet, dass bis zum kom-menden Oktober 500 Studienanfänger auf diesesAngebot zurückgreifen wollen. Er führt – und ichkann ihn da nur bestätigen – diese hohe Dynamikauf die Umwandlung der Berufsakademie in dieduale Hochschule zurück. Aus diesem Grunde – ichdenke mal, das ist auch hier Konsens – sind wir aufdem richtigen Weg, das Angebot zwischen Praxisund Akademisierung der Berufe hier anzubieten.Ich freue mich auf die Debatte im Ausschuss, bitteum Überweisung an den Ausschuss für Wirtschaftund Wissenschaft und bedanke mich.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN; Abg. Helmerich, fraktionslos)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion der AfD hat Abgeordneter Brand-ner das Wort.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Meine Damen und Herren, liebe Jugend auf der Tri-büne! Liebe Frau Mühlbauer, vielen Dank für Ihrenerfrischenden Vortrag. Der hat uns wirklich von denSitzen gehoben, muss ich sagen.

(Beifall AfD)

Frau Mühlbauer, wie ist eigentlich das Gefühl, wennSie hier vorn stehen und sehen, dass 50 ProzentIhrer Fraktion am Rednerpult stehen? Das mussdoch auch deprimierend sein, oder? Und warumhaben Sie nicht Herrn Matschie als Experten ausIhrer Fraktion für Bildung und Schulen hier redenlassen. All das sind Fragen, die wir vielleicht imNachgang dann klären können.

(Zwischenruf Abg. Höcke, AfD: Fragen überFragen!)

Zum Gesetz: Die Landesregierung hätte dieses Ge-setz, wenn sie richtige Prioritäten gesetzt hätte, be-reits fertig haben können, Herr Tiefensee. Im letz-ten Jahr hätten wir es beschließen können, aberSie haben lieber Ihre Kraft für Schaufensterredenund abstrakte Ideologieprojekte aufgewendet unddie eine oder andere Frist verpennt. Wir hatten dasvorhin schon beim Nachbarrechtsgesetz. Mehrfachmussten im Dezember Gesetze entfristet werden.Gott sei Dank und nur mehr oder weniger zufällig

3550 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Mühlbauer)

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kam es dazu, dass die Berufsakademien in Thürin-gen in diesem Jahr nicht ganz schließen mussten.Also Hals über Kopf ganz am Ende Knall auf Falldie Entfristung, jetzt gehen wir in die Gesetze. Jetztliegt das Gesetz vor und das ist auch erst mal gutso.

Mit der Dualen Hochschule Thüringen soll die At-traktivität des dualen Studienangebots in Thüringenund vor allem in Gera erhöht werden. Es geht umdie Verknüpfung von Theorie und Praxis, die einGarant des Erfolgs der dualen Ausbildung inDeutschland und ein Exportschlager ist. Sie hilft un-serem Mittelstand und sie macht unseren Mittel-stand.

Gleichwohl lehnen wir Bachelor und Master ab, weilwir der Überzeugung sind, dass das deutsche Bil-dungssystem mit akademischen Diplomstudiengän-gen auf der einen Seite und einer praxisorientiertendualen Ausbildung auf der anderen Seite hervorra-gend war.

(Beifall AfD)

(Zwischenruf Abg. Höcke, AfD: Einwandfrei,Stephan!)

Geht dir das auch so? Ja.

Ob es eine duale Hochschule also überhauptbraucht, ist eine grundsätzliche Frage für uns. Abernun soll es sie geben und dann muss man sie auchoptimal gestalten.

Zwar haben Sie, Herr Tiefensee, und Ihr Kabinettdie ursprünglich geplante Gründung der dualenHochschule in Thüringen zum 1. Januar 2016 ver-schlafen. Aber heute wurde es immerhin, wennauch mit monatelanger Verspätung, geschafft, dasGesetz in der ersten Beratung hier in den Landtageinzubringen. Damit ist die Hochschule zwar nochlange nicht gegründet, aber immerhin ist ein ersterSchritt getan – danke schön dafür.

(Beifall AfD)

Die duale Hochschulausbildung in Thüringen hat inihrem kurzen Leben eine recht wechselvolle Ge-schichte hinter sich. Die Berufsakademie in Thürin-gen wurde 1998 gegründet, 2006 wieder aufgelöst.Ihren Platz nahmen die Berufsakademien in Geraund Eisenach ein, die durch die Staatliche Studien-akademie Thüringen als Anstalt des öffentlichenRechts vertreten wurden. Nun stehen wir vor einerneuen Gründung, nämlich der Gründung der Dua-len Hochschulen Gera und Eisenach als hoffentlichletztes Kapitel in der Geschichte.

Meine Damen und Herren, die Landesregierung hatdas Problem der in den letzten Jahren sinkenden,zuletzt stagnierenden Studienzahlen, wenn mandas auf Gera bezieht, wohl erkannt. Man kann sichzunächst auch die Frage stellen, ob Gera für Stu-

denten überhaupt attraktiv ist – dazu von mir alsGerschem ein klares Ja.

Die Landesregierung geht mit der beabsichtigtenGründung der dualen Hochschule

(Unruhe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

– Bitte, Frau Henfling, habe ich sechsmal die Sechsgewählt, oder warum stöhnen Sie mir hier einfachin meine Rede rein?

(Zwischenruf Abg. Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Altherrenwitz!)

Halten Sie sich mit Stöhnen einfach zurück. Stöh-nen Sie anderen Leuten ins Ohr, aber nicht mir hiervorn, wenn ich am Rednerpult stehe. –

(Beifall AfD)

einen auch aus Sicht der AfD-Fraktion grundsätz-lich, Frau Henfling, richtigen Weg. Denn auch wirhatten schon in unserem Wahlprogramm vor etwazwei Jahren – und damit offenbar der Ramelow-Re-gierung voraus – gefordert, die Hochschulstudien-gänge in Thüringen zu fördern und zu stärken.

Doch wie so oft liegen die Probleme in den Details.Die duale Hochschule soll erstmals dazu befugtsein, akademische Grade anstelle der bisherigenstaatlichen Abschlussbezeichnungen zu verleihen,was für Studenten einen erheblichen Unterschiedund natürlich einen großen Teil der Attraktivität aus-macht. Problematisch ist aber die Nachgraduie-rung, beispielsweise in § 10 des Gesetzentwurfs.Der Student hat sich ursprünglich für einen be-stimmten Studiengang entschieden; das auch imHinblick auf die Konsequenz, möglicherweise kei-nen akademischen Grad erlangen zu können. Dasssich eine solche Bildungseinrichtung im Laufe derGeschichte wandelt, kommt vor. Dass man dannaber auf Antrag eine Abschlussbezeichnung ineinen akademischen Grad umwandeln können soll,das erscheint uns nicht redlich, hier sehen wir ganzdringenden Änderungsbedarf.

(Beifall AfD)

Die Einstellung von zusätzlichen Professoren istebenfalls zu begrüßen, wenngleich es für uns inak-zeptabel ist, wie die Lehrbeauftragten, die an derHochschule einen großen Teil der Lehraufgabenwahrnehmen, behandelt werden, nämlich unsozial,und ausgebeutet werden sie.

(Beifall AfD)

Dieses Thema haben wir schon öfter mal angespro-chen. Dass Sie von den Linken für diese Gruppewenig übrig haben und überhaupt der Intelligenzauch historisch gesehen mehr als skeptisch gegen-überstehen, unterstrichen schon Ihre Initiativen inder Vergangenheit,

(Beifall AfD)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3551

(Abg. Brandner)

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in der die Lehrbeauftragten nie eine Rolle spielten.Wir legen den Schwerpunkt auf die Lehrbeauftrag-ten, die müssen besser ausgestattet werden.

Wenn wir schon bei der Intelligenz sind, meine Da-men und Herren bei den Linken, da sehen Sieauch, was bei Ihrer Fraktion fehlt, auch wenn HerrHarzer gerade mal draußen ist. Trotzdem fehlt esan Intelligenz in Ihrer Fraktion.

Ich bin überzeugt, dass keiner von Ihnen die Aufga-ben eines Lehrbeauftragten für 14 bis 18 Euro proStunde übernehmen würde, zumal davon auchnoch Altersvorsorge, Krankenkasse und Urlaub be-stritten werden müssen. Wir wissen selbst, wie Siesich hier mit Händen und Füßen wehren, wenn wiran die Diäten und Versorgungsprivilegien der Abge-ordneten herangehen wollen. Auf der anderen Seitespeisen Sie die Lehrbeauftragten mit 14 bis18 Euro pro Stunde ab; das ist auch unredlich, mei-ne Damen und Herren.

(Beifall AfD)

Nutzen Sie also den Gesetzentwurf dazu, entwederdie Bezahlung der Lehrbeauftragten zu verbessernoder aber mehr akademisches Personal einzustel-len.

Vizepräsidentin Jung:

Herr Abgeordneter Brandner, Abgeordneter Voigtmöchte Ihnen bitte eine Frage stellen. GestattenSie das?

Abgeordneter Brandner, AfD:

Das ist ungewöhnlich, aber bitte, wenn es nicht umIntelligenz geht.

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Ich bin mir nicht sicher, ob ich intelligente Fragenstellen kann, die Ihnen angemessen sind. Ich wür-de es trotzdem probieren, und zwar, weil Sie jetztgerade über die angemessene Bezahlung vonLehrbeauftragten sprechen. Ich durfte selbst an derFSU schon mal Lehrbeauftragter sein, aber lassenwir mal die Lehrbeauftragten außer Betracht. Wiesehen Sie denn die angemessene Bezahlung vonReferenten in Landtagsfraktionen? Was ist denn daein angemessener Betrag?

(Beifall CDU, DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN)

Abgeordneter Brandner, AfD:

Wir haben uns da eine ganz klare Linie gesetzt undzahlen deutlich mehr als die 1,90, die die Grünenbezahlen, muss ich Ihnen sagen.

(Beifall AfD)

Da haben wir uns auf eine ganz klare Linie festge-legt – ansonsten geben wir natürlich gern so wenigGeld aus wie möglich, das wird Ihnen nicht andersgehen, oder? Sie haben Geld für die Einstellungvon mehr akademischem Personal vorgesehen –1,3 Millionen Euro 2016, 1,6 Millionen Euro 2017.Das ist wohl gut angelegt, aber gleichwohl viel zuwenig. Jetzt müssen Sie sich die Zahlen mal aufder Zunge zergehen lassen: 1,3 Millionen Euro wol-len Sie 2016 in neues akademisches Personal odermöglicherweise in die Besserbezahlung von Lehr-beauftragten investieren. Das ist der Betrag jähr-lich, den Sie täglich für Ihren Einwanderungsunsinnausgeben. Also, meine Damen und Herren, da istnoch viel Luft nach oben, um richtige Prioritäten zusetzen.

(Beifall AfD)

Zumal wenn man sich noch die mehr als 4 MillionenEuro jährlich ansieht – das ist mehr als das Dreifa-che –, was in dieses unsinnige Programm für De-mokratie, Toleranz und Weltoffenheit hinein-gesteckt wird, mit dem Sie verkrachte und geschei-terte Existenzen aus Ihrem Dunstkreis versorgen.

(Beifall AfD)

Da ist noch Potenzial vorhanden, um die Lehrbe-auftragten ordentlich zu vergüten und vielleichtauch die Ansprüche der Referenten in den Land-tagsfraktionen zu befriedigen. Oder, Herr Voigt? Al-so, tun Sie was daran!

Meine Damen und Herren, es gibt wenige Dinge,von denen eine Stadt langfristig so profitieren kannwie von der Ansiedlung einer Hochschule. Auchwenn sich Gera und Eisenach wahrscheinlich vor-läufig erst einmal nicht mit renommierten Universi-tätsstädten werden messen können, so bieten die-se Standorte eine Reihe von Vorteilen, die dafürsorgen werden, dass sich die Studentenzahlen wie-der erholen und hoffentlich auch steigen. Ich denkedabei an günstigen Wohnraum, günstige Wege,kurze Wege, ein hohes Maß an Praxisnähe undmoderne Ausstattungen. Erst vor ein paar Wochenwurde in Gera ein wunderschöner Hörsaal wiedereröffnet. Das ist also ganz anders als in den altenBundesländern, wo so Sachen heruntergewirt-schaftet sind. Wir haben hier schöne Ausbildungs-standards anzubieten.

Sie sehen also, wir stehen dem Gesetzentwurf po-sitiv gegenüber, wenngleich er in einigen Punktenverbesserungswürdig und auch verbesserungs-pflichtig ist. Wir hoffen daher wie auch Sie alle – sohabe ich das herausgehört – auf den Gedanken-austausch im Ausschuss. Wenn die Beratungen be-endet sind, werden wir hoffentlich zeitnah der StadtGera den von ihr so gewünschten Titel „Hochschul-stadt“ verleihen, um damit die Attraktivität meinerinzwischen Heimatstadt zu erhöhen und ihr zu einerrosigen Zukunft zu verhelfen.

3552 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Brandner)

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(Zwischenruf Abg. Dr. Voigt, CDU: Ist schon!)

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat Abge-ordnete Henfling das Wort.

Abgeordnete Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN:

Meine sehr geehrten Damen und Herren, sehr ge-ehrte Präsidentin! Herr Brandner hat wieder ver-sucht, Politik mit Altherrenwitzen zu machen. Ichfrage mich, wer darüber noch lachen soll. Aber gut,das scheint auch eine Tradition Ihrer Partei zu wer-den.

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Wenn Sierot werden, ist alles gut!)

Ich werde nicht rot, schon gar nicht, wenn Sie et-was sagen. Von daher überschätzen Sie sich damal nicht!

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: Wir arbeitendaran!)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, es istschon vieles gesagt, nur noch nicht von jedem. Ichglaube, wir sind uns unter den demokratischen Par-teien hier einig, dass die Einführung der dualenHochschule eine sehr gute Grundlage ist, um ins-besondere duale Studiengänge und die Ausbildungin Theorie und Praxis voranzubringen. Auch das isthier schon mehrfach gesagt worden.

Herr Voigt – ich möchte Ihnen in einer Sache wider-sprechen: Das Wirtschafts- und Wissenschaftsmi-nisterium hat hier nichts verschlafen. Wenn Sie sichden normalen Gang angucken, dann wird Ihnenaufgefallen sein, dass das der frühestmögliche Zeit-punkt nach Verabschiedung von Haushalt und Rah-menvereinbarungen IV ist. Von daher ist es nichtganz wahr, wenn Sie hier behaupten, es ist ver-schlafen worden, sondern es ist in dem Zeitplaneinfach so eingetaktet. Man kann natürlich immerdarüber reden, ob es noch schneller geht, aber wirsind ja dafür bekannt, dass wir Gründlichkeit vorSchnelligkeit wagen.

(Zwischenruf Abg. Dr. Voigt, CDU: Ich sagenur Wassercent!)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, durch denZusammenschluss von Berufsakademien zu einerdualen Hochschule gewinnen duale Studiengängemehr Strahlkraft. Auch das ist hier heute schonnach vorn gestellt worden. Mit der rechtlichen Auf-wertung gewinnt deren Studienangebot an Gewichtund kann damit auch eventuelle Bewerberinnen

und Bewerber nach Thüringen ziehen. Wir habenalso nicht mehr Studienabschlüsse zweiter Klasse,sondern vollwertige akademische Hochschulab-schlüsse und ihre besondere Funktion als Schnitt-stellenfunktion im Bildungssystem. Die neue Ko-operationsform von Hochschulen und Praxispart-nern macht die duale Hochschule besonders attrak-tiv. Das sagt unter anderem auch die Empfehlungdes Wissenschaftsrats, die Ihnen sicherlich allenbekannt ist.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, meineFraktion begrüßt diesen Gesetzentwurf ausdrück-lich. Wir freuen uns auf die Anhörung und auf diedarauffolgenden Diskussionen. Sicherlich wird esim Detail noch einmal Diskussionen geben, wo wirauch noch mal darüber beraten werden, ob andereSachen noch anders gemacht werden müssen.Aber im Großen und Ganzen, denke ich, verfolgenwir hier das gleiche Ziel, die schnellstmögliche Ver-abschiedung dieses Gesetzes. Ich freue mich da-rauf, im Ausschuss für Wirtschaft und Wissenschaftzu diskutieren. Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die CDU-Fraktion hat sich AbgeordneterDr. Voigt zu Wort gemeldet.

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Herzlichen Dank, Frau Präsidentin! Werte KolleginHenfling, nichts für ungut, wir sind ja alle im Kon-sens für die duale Hochschule. Aber jetzt will ich Ih-nen schon noch mal sagen: In der Hochschulstrate-gie 2020 stand drin – und das ist ja auch einbisschen eine Orientierung für die Hochschulen imFreistaat –, dass mit dem Start am 01.01.2016 eineduale Hochschule im Freistaat zu ermöglichen istbzw. umgesetzt sein soll. Das ist quasi eine klareZeitsetzung. Jetzt sagen Sie, wir hätten erst aufRahmenvereinbarungen oder auf die Gesetzge-bung warten müssen.

(Zwischenruf Abg. Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Das ist so!)

Mit Verlaub, Sie hätten doch das Gesetz schon vor-legen können, um über die Sachfragen und dieStruktur zu reden. Die Wirksamkeit des Gesetzesist doch bitte schön nicht daran gebunden, wie eineduale Hochschule in Thüringen strukturiert ist undwie sie dann am Ende finanziert wird. Im Übrigenhätten Sie den 01.01.2016 auch halten können,weil sowohl Ihr Haushalt als auch die dazugehörigeRahmenvereinbarung vor dem 01.01.2016 be-schlossen wurden. Also bitte uns hier nicht im Ho-hen Haus für dumm verkaufen. Es ist okay, dassSie sich da jetzt heldenmütig vor den Minister wer-fen wollten.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3553

(Abg. Brandner)

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(Unruhe AfD)

Fakt ist, Sie haben ein halbes Jahr bei dem Themagepennt, sind da zu spät eingestiegen. Dann gabes Verhandlungen, Sie haben was Ordentlichesvorgelegt, das habe ich auch hier gesagt. Trotz-dem, da brechen Sie sich keinen Zacken aus derKrone, kann man hier in aller Ruhe sagen: Sie sindzu spät dran! Wir wollen es gemeinschaftlich imparlamentarischen Verfahren dadurch heilen, dassdann zum 01.10.2016 die duale Hochschule imFreistaat gilt. Das ist unser gemeinschaftlicher Wil-le, das habe ich auch hier gesagt. Trotzdem unsbitte nicht für dumm verkaufen! Das Gesetz zurDualen Hochschule hat nichts mit der Finanzierungzu tun. Im Übrigen hätten Sie beides zeitgerechtzum 01.01.2016 hinkriegen können. SchönenDank.

(Beifall CDU, AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Landesregierung hat sich Minister Tiefen-see zu Wort gemeldet.

Tiefensee, Minister für Wirtschaft, Wissenschaftund Digitale Gesellschaft:

Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen undHerren! Lieber Dr. Voigt, ich würde ganz gern dochnoch mal Klarheit in diese Sache bringen. Selbst-verständlich hat die Verabschiedung dieses Ge-setzes sowohl in zwei Kabinettsdurchgängen mitden entsprechenden juristischen Prüfungen und dieZuleitung zum Landtag etwas mit dem Haushalt zutun. Ganz einfach: Wenn Sie die Hochschule mitden darauffolgenden Mitteln in das Hochschulkapi-tel, in die Hochschulfinanzierung einbringen wollen,dann müssten Sie diese Entscheidung entweder2014/2015 schon gefällt haben, um Sicherheit zuhaben, dass diese Hochschule tatsächlich partizi-piert an der Rahmenvereinbarung IV oder nicht. Esist zwingend, dass wir parallel zur Erstellung undVerabschiedung des Haushalts die Frage beden-ken und klären und dann später im Haushalt veran-kern, in welcher Position und mit welchen finanziel-len Aufwüchsen in der Rahmenvereinbarung – jaoder nein – koppeln. Aus diesem Grund hat meinHaus den ersten Kabinettsdurchgang parallel zurEinbringung des Haushalts im Oktober gehabt undwir sind jetzt nach der Verabschiedung des Haus-halts im Kabinett in zweiter Lesung gewesen, umIhnen schnellstmöglich dieses Gesetz zuzuleiten –ad 1.

Ad 2: Wenn in der Hochschulstrategie steht, dasszum 01.01. diese Schule errichtet werden soll, dannzielt es darauf, dass wir im Herbst 2016 mit dieserneuen Form der praxisnahen dualen Ausbildungstarten wollen. Und es ist völlig unerheblich, ob dieduale Hochschule am 01.01., am 01.04., am 01.06.

oder am 01.07. gegründet wird. Da kann ich FrauHenfling nur zustimmen, hier geht Gründlichkeit vorSchnelligkeit. Sie können sich alle Zeit lassen, da-rüber nachzudenken – alle Zeit nicht, aber bitte so,dass wir noch vor der Sommerpause diese Hoch-schule in Gang setzen können, damit wir dann mitdiesen Studiengängen im Herbst 2016 werben kön-nen und sie in Gang setzen können.

Lieber Dr. Voigt, keine Prinzipienreiterei, kein An-griff, wir würden hier etwas verschlafen haben, son-dern das ist eine ganz reguläre Praxis. Ich bin froh– ich unterstreiche das noch einmal –, dass es inrelativ schwierigen Verhandlungen, insbesondereim Blick auf den Haushalt und die Verankerung die-ser Hochschule in der Rahmenvereinbarung IV ge-lungen ist, das parallel auf den Weg zu bringen.Wenn ich jetzt im Oktober 2015 hier stünde und ichmüsste Ihnen verkünden, ich weiß aber noch nicht,wie diese Hochschule finanziert wird, was darausfür eine Auswirkung auf die Qualität der Hoch-schule entsteht, würden Sie sagen: Herr Tiefensee,warum haben Sie Ihre Hausaufgaben nicht ge-macht und haben nicht für die finanziellen Grundla-gen gesorgt? Aus diesem Grund lassen Sie unsnach vorn schauen!

(Beifall DIE LINKE)

Vizepräsidentin Jung:

Herr Minister Tiefensee, gestatten Sie eine Nach-frage des Abgeordneten Voigt? Bitte, Herr Abge-ordneter Voigt.

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Schönen Dank. Ich hätte jetzt auch noch mal vorge-hen können, Herr Minister. Sie haben schon8,5 Millionen Euro für die Berufsakademie im Haus-halt etatisiert, vollkommen unabhängig, in welcherOrganisationsform diese Hochschule stattfindet, seies als Berufsakademie oder sei es als duale Hoch-schule. Sie verändern jetzt die Strukturen. Sie über-führen die Berufsakademie in das Hochschulrechtund Sie überführen gleichzeitig auch den Haus-haltstitel in den Hochschultitel. Nichts anderes tunSie. Das heißt, das Geld ist vorher schon etatisiertgewesen. Zu aller Wahrheit gehört natürlich auchdazu, dass …

Vizepräsidentin Jung:

Herr Abgeordneter Voigt!

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Ja, die Frage kommt gleich. Es ist ein längerer Vor-lauf.

Vizepräsidentin Jung:

Gut.

3554 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Dr. Voigt)

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Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Stimmt es nicht, dass Sie seit März des vergange-nen Jahres schon mit dem Haushaltstitel rund10 Millionen Euro mit den Berufsakademien ver-handelt haben, dass es auch Teil der Debatten in-nerhalb der Landesrektorenkonferenz gewesen ist,sodass die Landesregierung schon vor der Som-merpause 2015 diesen Landtag mit einem Gesetz-entwurf hätte beglücken können?

Tiefensee, Minister für Wirtschaft, Wissenschaftund Digitale Gesellschaft:

Jetzt hat er doch noch die Kurve zu einer Frage ge-schafft. Herr Dr. Voigt, der entscheidende Punktwar, dass wir im Jahr 2016 verhandelt haben, obdiese 10 Millionen Euro in die RahmenvereinbarungEingang finden. Der entscheidende Punkt ist nichtnur die vollwertige Verankerung dieser Hochschuleim Hochschulrecht, sondern der im Rahmen derRahmenvereinbarung IV zugesagte Finanzauf-wuchs um jeweils 4 Prozent. Das ist Gegenstandder Haushaltsberatung gewesen, damit wir in derPerspektive 2016 und 2017 schon mit einem Auf-wuchs von 4 Prozent diese Hochschule startenkönnen. Wir können ohne einen Haushalt 2016/2017, der von einem Startpunkt von 7,8 MillionenEuro ausgeht und einen jährlichen Aufwuchs von4 Prozent zusichert, nicht Auskunft über die aus-kömmliche Finanzierung dieser Hochschule geben.Aus diesem Grund – lassen wir es als unterschiedli-che Meinung stehen – halte ich es für klug, Ihnennicht nur etwas zur Qualität dieser Hochschule zusagen, sondern auch zur langfristigen Finanzie-rung. Das kann ich Ihnen jetzt bei der Einbringungdieses Gesetzes auf der Basis des Haushalts undder Rahmenvereinbarung IV zusagen. Ich denke,das ist der bessere Weg, als Sie darüber im Unkla-ren zu lassen. Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN; Abg. Helmerich, fraktionslos)

Vizepräsidentin Jung:

Es liegen jetzt keine weiteren Wortmeldungen vor.Es ist Ausschussüberweisung an den Ausschussfür Wirtschaft und Wissenschaft beantragt. Werdem zustimmt, den bitte ich um das Handzeichen.Gegenstimmen? Stimmenthaltungen? Damit ist derGesetzentwurf in Drucksache 6/1744 an den Aus-schuss für Wirtschaft und Wissenschaft überwie-sen.

Ich schließe den Tagesordnungspunkt und rufe aufden Tagesordnungspunkt 23

Mitgliedschaft von Mitgliedernder Landesregierung in Lei-tungs- und Aufsichtsgremien

auf Erwerb gerichteter Unter-nehmenhier: Zustimmung des Land-tags gemäß Artikel 72 Abs. 2der Verfassung des FreistaatsThüringenAntrag der Landesregierung- Drucksache 6/1761 -

Wünscht die Landesregierung das Wort zur Be-gründung? Das kann ich nicht erkennen. Ich eröffnedie Aussprache. Herr Abgeordneter Möller.

Abgeordneter Möller, AfD:

Wir beantragen die Aussprache.

Vizepräsidentin Jung:

Ich habe die Aussprache eröffnet.

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Entschul-digung!)

Herr Abgeordneter Brandner, Sie haben das Wort.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Kurz vor der Mittagspause, meine Damen und Her-ren, ich will Sie nicht unnötig strapazieren

(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN: Wir haben heute keineMittagspause!)

– vor der Fragestunde, Entschuldigung! Wir habenzwei Probleme mit diesem Tagesordnungspunkt.Das erste Problem ist die ThEGA an sich. DieseGesellschaft halten wir für so überflüssig wie einenKropf für einen staatlich geförderten Lobbyladen,um die unsinnige Energiewende durchzusetzen.Deshalb lehnen wir die ThEGA sowieso ab.

(Beifall AfD)

Das zweite Problem sehen wir hier nicht. Aber ge-nau das ist das Problem. Das Problem ist nämlichdie Person, die bei dieser ThEGA in den Aufsichts-rat reinrücken soll. Das ist die sehr umtriebige Mi-nisterin Siegesmund, die, Gott sei Dank, nachdemsie im letzten Jahr ihre Rente abgesessen hat, zu-mindest mal ihr Parlamentsmandat zurückgegebenhat, aber die nicht mal in der Lage ist, an dieserwichtigen Landtagssitzung teilzunehmen, bei einemTagesordnungspunkt, der sie betrifft. Meine Damenund Herren, man schaut auf der Netzseite dieserMinisterin nach und sieht dann, sie ist Mitglied beiBündnis 90/Die Grünen – okay, das ist nicht verbo-ten –, Mitglied im Bundesrat, Mitglied im Aufsichts-rat der LEG, stellvertretendes Mitglied im Beirat derBundesnetzagentur, bei DAKT e. V., in der Deut-schen Gesellschaft für die Vereinten Nationen, inder Heinrich-Böll-Stiftung, im Montessori-Pädago-gik-Jena e. V., im Geburtshaus Jena e. V.,

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3555

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(Zwischenruf Abg. Adams, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Eine engagierte Person!)

im Förderverein des Instituts für Politikwissenschaftder FSU, in der Kammer der EKD für Bildung, Er-ziehung und Jugend, im Förderkreis ErinnerungsortTopf & Söhne, Förderverein „Park Hohenrode“e. V., Sierra Club, BUND und nebenbei führt dieseMinisterin noch für 14.000 Euro im Monat ein Minis-terium mit 700 Mitarbeitern. Das muss mir mal je-mand erklären, meine Damen und Herren, wie die-se Frau dann auch noch ordnungsgemäß diesesAufsichtsratsmandat wahrnehmen will. Das kannsie nicht, deshalb lehnen wir das ab.

(Beifall AfD)

(Zwischenruf Abg. Adams, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN: Das ist für Sie unvorstellbar, dasglaube ich!)

Vizepräsidentin Jung:

Es liegen keine weiteren Wortmeldungen vor, es istauch keine Ausschussüberweisung beantragt. Des-halb stimmen wir über den Antrag der Landesregie-rung in Drucksache 6/1761 ab. Wer für den Antragstimmt, den bitte ich um das Handzeichen. Gegen-stimmen? Bei den Gegenstimmen der AfD-Fraktionund der Zustimmung aller anderen Abgeordnetendes Hauses ist dieser Antrag angenommen.

Ich schließe diesen Tagesordnungspunkt und rufeauf den Tagesordnungspunkt 26

Fragestunde

Ich eröffne die Fragestunde. Ich rufe die Mündli-chen Anfragen auf und bitte die Abgeordneten, ihreFrage vorzutragen.

Als Erstes rufe ich die Anfrage des AbgeordnetenWalk, CDU-Fraktion, in der Drucksache 6/1737 auf.

Abgeordneter Walk, CDU:

Danke, Frau Präsidentin!

Asylbewerber als Informanten des Amtes für Ver-fassungsschutz

Medienberichten zufolge hat es durch den Bundes-nachrichtendienst und das Bundesamt für Verfas-sungsschutz offenbar Versuche bei Asylbewerberngegeben mit dem Ziel, diese als Informanten anzu-werben. Demnach ist man von 2000 bis 2013 an850 Asylbewerber herangetreten, um von diesennachrichtendienstliche Informationen abzuschöp-fen.

Ich frage die Landesregierung:

1. Hat es derartige Anwerbeversuche auch in Thü-ringen gegeben? Wenn ja, mit welchem Ergebnis?

2. Wie begründet die Landesregierung ihr Vorge-hen in diesem Zusammenhang?

Vizepräsidentin Jung:

Für die Landesregierung antwortet Minister Pop-penhäger.

Dr. Poppenhäger, Minister für Inneres und Kom-munales:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr verehr-ten Damen und Herren Abgeordnete! Sehr geehrterHerr Walk, Ihre Anfrage beantworte ich für die Lan-desregierung wie folgt:

Zu Fragen 1 und 2: Die Landesregierung ist sichder besonderen Bedeutung des Frage- und Infor-mationsrechts des Thüringer Landtags bewusst.Dieses Recht unterliegt jedoch verfassungsrechtli-chen Grenzen. So kann von einer Beantwortungunter anderem dann abgesehen werden, wenn demBekanntwerden des Inhalts gesetzliche Vorschrif-ten, Staatsgeheimnisse oder schutzwürdige Inte-ressen Einzelner, insbesondere des Datenschut-zes, entgegenstehen, so Artikel 67 Abs. 3 Satz 1Nr. 1 der Verfassung des Freistaats Thüringen. Zu-dem erstreckt sich der parlamentarische Informa-tionsanspruch nur auf Gegenstände in der Zustän-digkeit in der Landesregierung. Der Einsatz von V-Leuten durch das Landesamt für Verfassungs-schutz unterliegt generell der Geheimhaltung. EineOffenlegung dieser Informationen würde Rück-schlüsse auf nachrichtendienstliche Zugänge er-möglichen und somit die Arbeit des Amtes für Ver-fassungsschutz, aber auch die dem Terrorkampfunabdingbare Zusammenarbeit mit anderen Sicher-heitsbehörden gefährden. Deshalb ist es ange-sichts einer Offenlegung der nachrichtendienstli-chen Arbeitsweise sowie der mit einer möglichenEnttarnung etwaig verdeckt eingesetzter Personenverbundenen Risiken nicht möglich, die Frage imSinne einer Positiv- oder Negativantwort zu beant-worten.

Ich danke insoweit für Ihre Aufmerksamkeit.

Vizepräsidentin Jung:

Es gibt keine Nachfragen. Dann rufe ich die Anfra-ge des Abgeordneten Krumpe, fraktionslos, in derDrucksache 6/1743 auf.

Abgeordneter Krumpe, fraktionslos:

Qualitätssicherung bei der Bereitstellung von Thü-ringer Daten-Downloaddiensten gemäß derINSPIRE-Richtlinie – nachgefragt

In der Drucksache 6/1621 führte die Landesregie-rung aus, dass bei der Bereitstellung von INSPIRE-Downloaddiensten von Standardregelungen desOpen Geospatial Consortiums abgewichen worden

3556 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Brandner)

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ist, weil die Konfiguration des technischen Stan-dards von den bisher am Markt gängigen Produk-ten nicht unterstützt wird. Das Image und die Inno-vationskraft der nationalen Geoinformationswirt-schaft sind wichtig für die Umsetzung der hohenZielsetzungen in der nationalen wie in der europäi-schen Umweltpolitik.

Nach Kenntnis des Fragestellers existieren amMarkt gängige kommerzielle sowie freie Produkte,die unter anderem OGC-zertifiziert sind und sichaufgrund dieser Eigenschaft für eine standardkon-forme Bereitstellung von INSPIRE-Downloaddiens-ten qualifizieren.

Ich frage die Landesregierung:

1. Auf welche der am Markt gängigen Produkte be-zog sich die Antwort der Landesregierung?

2. Könnte aus Sicht der Landesregierung auch dasQualifikationsniveau der behördlichen Mitarbeiterim Umgang mit dem am Markt gängigen Produktenbeigetragen haben, dass Downloaddienste nichtstandardkonform bereitgestellt werden können, undwenn nein, wie begründet die Landesregierung ihreAuffassung?

3. Welche Auffassung vertritt die Landesregierungzu der Tatsache, dass die fehlenden Funktionalitä-ten der am Markt gängigen Produkte dafür verant-wortlich sind, dass INSPIRE-Downloaddienste vonder Landesregierung nicht standardkonform bereit-gestellt werden können, obwohl bekannt ist, dassbereits Softwarelösungen zur Bereitstellung vonsolchen Downloaddiensten existieren?

4. Welcher Zweig der Geoinformationsbranche soll-te aus Sicht der Landesregierung gefördert werden,damit die am Markt gängigen Produkte den Anfor-derungen der Landesregierung entsprechen?

Vizepräsidentin Jung:

Für die Landesregierung antwortet das Ministeriumfür Infrastruktur und Landwirtschaft, Frau MinisterinKeller.

Keller, Ministerin für Infrastruktur und Landwirt-schaft:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Da-men und Herren Abgeordnete, die Mündliche Anfra-ge des Abgeordneten Krumpe beantworte ich fürdie Thüringer Landesregierung wie folgt:

Zu Frage 1: Die Antwort zu Frage 1 der Drucksa-che 6/1621 bezieht sich auf die bei den Nutzern derGeodateninfrastruktur Thüringen eingesetzten Soft-wareprodukte.

Zu Frage 2: Nein, die standardkonforme Bereitstel-lung wird nicht durch das Qualifikationsniveau mei-ner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – das würde

ich gern auch noch betonen –, an dem ich im Übri-gen keinen Grund zur Kritik entdecken kann, beein-trächtigt. Eine weitere Stellungnahme hierzu würdeich in diesem Rahmen nicht geben.

Zu Frage 3: Es werden in der GeodateninfrastrukturThüringen INSPIRE-Downloaddienste standardkon-form bereitgestellt. Da insbesondere die in der Lan-desverwaltung eingesetzten Softwareprodukte dieOGC-Regelung 09-048r3 nicht unterstützen, wirdbei einigen Downloaddiensten ein anderer OGC-Standard verwendet, um die Nutzbarkeit sicherzu-stellen.

Zu Frage 4: Eine derartige Förderung ist nicht vor-gesehen.

Vizepräsidentin Jung:

Es gibt eine Nachfrage des Antragstellers.

Abgeordneter Krumpe, fraktionslos:

Herzlichen Dank, Frau Ministerin, für die Ausfüh-rungen. Ich möchte zunächst darauf hinweisen,dass ich mit meiner Frage nicht die Intelligenz derMitarbeiter diskreditiert habe, sondern die Personal-wirtschaft, die meines Erachtens zu unflexibel ist,um geeignetes Personal in Spezialbereichen zu in-stallieren.

Vizepräsidentin Jung:

Sie haben die Möglichkeit, zwei Fragen zu stellen.

Abgeordneter Krumpe, fraktionslos:

Vor diesem Hintergrund stelle ich die Frage 2 er-neut: Könnte aus Sicht der Landesregierung eineunflexible Personalwirtschaft dazu beigetragen ha-ben, dass Downloaddienste nicht standardkonformbereitgestellt werden können? Wenn nein, wie be-gründet die Landesregierung Ihre Auffassung?

Keller, Ministerin für Infrastruktur und Landwirt-schaft:

Ich habe – denke ich – in meiner Antwort schon da-rauf hingewiesen, dass es um eine eigene Softwa-re-Produkte-Zurverfügungstellung ging. Ich will in-sofern vielleicht anschließen, dass Sie sicher auchwissen, dass zwar durch die OGC-Regelung nurausgewählte INSPIRE-Dienste hiermit umgesetztwerden können, aber durchaus eine Kompatibilitätmöglich ist und die sich auch im Laufe der Zeit –das werden Sie auch wissen – entsprechend an-gleichen wird. Also es hat weniger mit Personal zutun als mit der Software, die verwendet wird.

Vizepräsidentin Jung:

Ihre zweite Frage.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3557

(Abg. Krumpe)

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Abgeordneter Krumpe, fraktionslos:

Frau Ministerin, Ihre Antwort auf Frage 1 ist nichtzufriedenstellend. Ich habe gefragt, welche amMarkt gängigen Produkte – und darauf bezog sichauch die Kleine Anfrage –, also welche Firmen, dieOGC-Werkzeuge anbieten, unterstützen die techni-sche Kompatibilität aus Ihrer Sicht nicht?

Keller, Ministerin für Infrastruktur und Landwirt-schaft:

Das kann ich Ihnen jetzt nicht beantworten. Aberich erlaube mir jetzt an der Stelle mal, sehr geehrterHerr Abgeordneter Krumpe, zu sagen, dass wir Ih-nen mehrfach die Gelegenheit gegeben haben, mitden entsprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbei-tern Ihre Fragestellung zu beraten. Ich mache Ih-nen dieses Angebot in diesem Zusammenhangjetzt erneut. Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE)

Vizepräsidentin Jung:

Ich kann keine weiteren Fragesteller dazu erken-nen. Ich rufe auf die Anfrage des Abgeordneten Dit-tes, Fraktion Die Linke, in Drucksache 6/1759.

Abgeordneter Dittes, DIE LINKE:

Polizeiliche Personendatenbank im Bereich Fuß-ballfanszene in Thüringen

In den letzten Monaten wurde durch Medienbericht-erstattungen, Presseverlautbarungen von Fanpro-jekten sowie diverse parlamentarische Anfragenbekannt, dass in verschiedenen Bundesländerndurch sogenannte szenekundige Beamte der jewei-ligen Landespolizeien unabhängig von der bekann-ten bundesweiten Datei „Gewalttäter Sport“ weitereDatenbanken mit personenbezogenen Daten vonAngehörigen, insbesondere der Fußballfanszene,geführt werden.

Ich frage die Landesregierung:

Führt die Thüringer Landespolizei unabhängig zurVerbunddatei „Gewalttäter Sport“ eine oder mehre-re weitere Personendatenbanken im Zusammen-hang mit Sportfanszenen, und wenn ja, bitte auf-schlüsseln nach Art, Errichtungsjahr, rechtlichen Er-mächtigungsgrundlagen und führender Behörde?

2. Wenn nein, aus welchen sowohl rechtlichen alsauch sachlichen Gründen wurde gegebenenfallsauf die Errichtung einer oder mehrerer Personenda-tenbanken der vorbeschriebenen Art in Thüringenverzichtet?

3. In welcher Form hat die Thüringer LandespolizeiZugriff auf die vorbeschriebenen in anderen Bun-desländern geführten Personendatenbanken?

4. In welchen und in wie vielen Fällen hat die Thü-ringer Polizei von diesen Zugriffsmöglichkeiten Ge-brauch gemacht bzw. hat Auskunftsersuchen an diediese Personendatenbanken führenden Bundeslän-der in der Vergangenheit gerichtet?

Vizepräsidentin Jung:

Es antwortet für die Landesregierung das Ministe-rium für Inneres und Kommunales, Herr Staatsse-kretär Götze.

Götze, Staatssekretär:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Da-men und Herren Abgeordnete, die Mündliche Anfra-ge des Abgeordneten Dittes beantworte ich für dieLandesregierung wie folgt:

Zu Frage 1: In der Thüringer Polizei werden keineweiteren Personendatenbanken im Sinne der An-frage geführt.

Zu Frage 2: Die bestehenden Datenbanken werdenzum gegenwärtigen Zeitpunkt als geeignet erachtet,um den polizeilichen Auftrag zu erfüllen. In fachli-cher Hinsicht wird daher zur Zeit kein Bedarf an derEinrichtung weiterer Datenbanken gesehen. Über-legungen, eine zusätzliche Datei einzuführen, wel-che erweiterte Daten über Angehörige der Fußball-szene enthält, wurden bereits im Jahr 2008 aus da-tenschutzrechtlichen Gründen verworfen.

Zu Frage 3: Über die Verbunddatei „GewalttäterSport“ hinaus besteht gegenwärtig kein direkter Zu-griff auf die in anderen Bundesländern geführtenDatenbanken im Bereich der Fußballfanszene.

Zu Frage 4: Derartige Anfragen an andere Bundes-länder sind regelmäßig Teil der polizeilichen Vor-gangsbearbeitung und erfolgen unter Beachtungder einschlägigen Rechtsgrundlagen. Darüber hi-naus liegen keine statistischen Angaben über Aus-kunftsersuchen Thüringer Polizeibehörden an an-dere Bundes- oder Landesbehörden vor.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Vizepräsidentin Jung:

Es gibt eine Nachfrage des Antragstellers.

Abgeordneter Dittes, DIE LINKE:

Die Einrichtung einer eigenen erweiterten Perso-nendatenbank wird aus datenschutzrechtlichenGründen in Thüringen nicht weiter verfolgt und ab-gelehnt. Herr Staatssekretär, dann antworten Sieauf die Frage 4, dass über Abfragen auch ein Zu-griff auf diese Personendatenbanken aber entspre-chend den rechtlichen Vorgaben möglich ist. Wieverhält es sich denn, wenn man aus datenschutz-rechtlichen Gründen auf eine eigene Personenda-tenbank verzichtet, aber dann plötzlich daten-

3558 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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schutzrechtskonform auf die anderen Personenda-tenbanken der anderen Bundesländer zugreifenwill? Das erschließt sich mir nicht. Vielleicht könnenSie dazu noch einmal Ausführungen machen.

Götze, Staatssekretär:

Ich gehe davon aus, dass auch die anderen Bun-desländer datenschutzkonform arbeiten und dieseZugriffe dann unproblematisch möglich sind – oderdiese Anfragen, es ist ja in dem Fall kein Zugriff.

Vizepräsidentin Jung:

Ich kann keine weiteren Fragen erkennen. Ich rufeauf die Anfrage des Abgeordneten Dr. Voigt, CDU-Fraktion, in der Drucksache 6/1774.

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Werte Frau Präsidentin!

Thüringer Ministerpräsident als Schirmherr einerRegierungsinitiative als „neuer strategischer An-satz“?

Medienberichten war zu entnehmen, dass die Lan-desregierung am 16. Januar 2016 die Einrichtungdes Projekts „Zukunft Thüringer Wald“ beschlossenhat. Geplant sei eine „konzertierte Aktion“ vonLand, Kommunen, Unternehmen und Verbänden,um die touristische Entwicklung in Südwestthürin-gen voranzubringen. Die Leitung des Projekts sollim Thüringer Wirtschaftsministerium liegen. Be-kannt wurde auch, der Landesregierung gehe esdabei um „einen neuen strategischen Ansatz“.

Ich frage die Landesregierung:

1. Welche Erwartungen verbindet die Landesregie-rung damit, den Ministerpräsidenten zum Schirm-herren eines Projekts der Landesregierung zu ma-chen und wie verhält sich diese Funktion zur Richt-linienkompetenz des Ministerpräsidenten?

2. Welche genauen Aufgaben soll der Ministerpräsi-dent in seiner Funktion als Schirmherr übernehmenund inwiefern sind diese für den Projektfortschrittrelevant?

3. Wie viele Schirmherrschaften hat der Minister-präsident inne?

4. Plant der Ministerpräsident, weitere Schirmherr-schaften über besonders herausgehobene Projekteder Landesregierung zu übernehmen, um ihren Er-folg sicherzustellen, beispielsweise die Kommunal-und Gebietsreform, wenn ja, über welche, undwenn nein, warum nicht?

Vizepräsidentin Jung:

Für die Landesregierung antwortet das Ministeriumfür Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesell-schaft, Herr Staatssekretär Maier.

Maier, Staatssekretär:

Sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrte Besuche-rinnen und Besucher, ich beantworte die MündlicheAnfrage des Abgeordneten Herrn Dr. Voigt für dieThüringer Landesregierung wie folgt:

Zu Frage 1: Als Schirmherr wird im heutigenSprachgebrauch eine Persönlichkeit bezeichnet,die mit ihrem Namen eine Veranstaltung, ein Pro-jekt oder eine gemeinnützige Organisation unter-stützt. Eine Schirmherrschaft hebt die Bedeutungder Veranstaltung, des Projekts bzw. der Organisa-tion im besonderen Maße hervor. Die Schirmherr-schaft des Ministerpräsidenten unterstreicht damitdie politische Bedeutung, die die Landesregierungdem Projekt „Zukunft Thüringer Wald“ beimisst. DerSchirmherr, in diesem Fall der Ministerpräsident,setzt darüber hinaus seine guten Kontakte und sei-ne Bekanntheit dafür ein, weitere Unterstützerinnenund Unterstützer für das Projekt zu gewinnen. DieRichtlinienkompetenz des Ministerpräsidenten ge-mäß Artikel 76 Abs. 1 Satz 1 der Verfassung desFreistaats Thüringen ist hiervon nicht berührt.Richtlinienkompetenz bedeutet, die Grundlinien derRegierungspolitik zu bestimmen, also die allgemei-ne politische Ausrichtung, nicht dagegen jedes De-tail der Regierungspolitik, da nach Artikel 76 Abs. 1Satz 2 der Verfassung des Freistaats Thüringen je-der Minister nach dem Ressortprinzip seinen Ge-schäftsbereich selbstständig und eigenverantwort-lich, aber innerhalb dieser Richtlinien leitet.

Zu Frage 2: Wie bereits zu Frage 1 ausgeführt,setzt der Schirmherr seine guten Kontakte dafürein, weitere Unterstützer für das Projekt zu gewin-nen. Zudem unterstreicht die Übernahme derSchirmherrschaft durch den Ministerpräsidenten dieBedeutung des Projekts und der Region ThüringerWald für die Landesregierung. Außerdem wird derMinisterpräsident durch den Lenkungsausschussregelmäßig über den Fortgang des Projekts unter-richtet. Somit wird sichergestellt, dass der Minister-präsident an den strategischen Entscheidungendes Lenkungsausschusses mitwirkt.

Zu Frage 3: Der Ministerpräsident hat zum Stand22. Februar 2016 neben der Schirmherrschaft indem genannten Projekt „Zukunft Thüringer Wald“zehn ständige Schirmherrschaften, eine Einjahres-Schirmherrschaft und 27 veranstaltungsbezogeneSchirmherrschaften inne.

Zu Frage 4: Die Entscheidung über Übernahme vonSchirmherrschaften ist kein abgeschlossener Pro-zess. Die Entscheidung für eine Übernahme einerSchirmherrschaft erfolgt nach entsprechender An-frage. Eine Übernahme weiterer Schirmherrschaf-ten für Projekte der Landesregierung ist nicht aus-geschlossen, aber derzeit nicht geplant.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3559

(Abg. Dittes)

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Vizepräsidentin Jung:

Es gibt eine Nachfrage des Antragstellers.

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Herr Staatssekretär, recht herzlichen Dank. Schö-nen Dank auch für die Definition. Ich habe verstan-den, Schirmherrschaft hebt ein Projekt hervor undder Ministerpräsident nutzt gute Kontakte, um wei-tere Menschen für das Projekt zu gewinnen. Kön-nen Sie sich dementsprechend eine Schirmherr-schaft des Ministerpräsidenten zu dem Projekt „Ge-bietsreform“ vorstellen? Wenn ja, wie könnten dieAufgaben des Schirmherrn an dieser Stelle ausse-hen?

Maier, Staatssekretär:

Erstens: Dieses Thema ist nicht mein Beritt.

(Heiterkeit DIE LINKE)

Zweitens bin ich nicht der Ministerpräsident undkann mich nicht hineinversetzen, um diese Frage,die Sie gestellt haben, ob er sich das vorstellenkann, zu beantworten.

Präsident Carius:

Vielen Dank. Wir kommen zur Anfrage der Abge-ordneten Leukefeld, Die Linke, in der Drucksa-che 6/1775, vorgetragen durch ihre Vertretung.

Abgeordnete Mitteldorf, DIE LINKE:

Geplantes Viersternehotel in Oberhof

Wie der MDR Thüringen vor einigen Tagen berich-tete, soll sich der Bau eines Viersternehotels inOberhof aufgrund von Finanzierungsproblemenverzögern. Der Investor aus Österreich sei auf derSuche nach Kapitalgebern, nachdem die DeutscheKreditbank AG (DKB) ihre Zusage zurückgenom-men hat, das 30-Millionen-Euro-Projekt mitzufinan-zieren. Ziel sei, das Projekt überwiegend aus Kredi-ten und Fördermitteln zu finanzieren. Mit der Eröff-nung eines solchen Luxushotels in Oberhof sei bisEnde 2018 zu rechnen.

Ich frage die Landesregierung:

1. Seit wann ist dem Thüringer Wirtschaftsministe-rium die neuerliche Absicht bekannt, dass einViersternehotel in Oberhof errichtet werden soll,nachdem in den letzten Jahren solche Überlegun-gen immer wieder ad acta gelegt wurden?

2. Wie wird diese private Investition in Oberhof hin-sichtlich Planung, Finanzierung, Grundstückser-werb und Einordnung in das Gesamtkonzept derEntwicklung des Tourismus- und Wintersportstand-orts durch den Freistaat Thüringen unterstützt?

3. Ist es sachlich richtig, dass das Thüringer Wirt-schaftsministerium dem Investor für das Projektun-ternehmen DOiT GmbH (Der Österreicher in Thü-ringen) einen vorläufigen Förderbescheid überge-ben hat?

4. Wenn ja, aus welchem Förderprogramm und inwelcher Höhe sollen diese Fördermittel ausgereichtwerden?

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Mitteldorf. Für die Landesregie-rung antwortet das Ministerium für Wirtschaft, Wis-senschaft und Digitale Gesellschaft. Herr Staatsse-kretär Maier, bitte.

Maier, Staatssekretär:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damenund Herren Abgeordnete, liebe Besucher, ich be-antworte die Mündliche Anfrage der AbgeordnetenLeukefeld, vorgetragen durch Frau Mitteldorf, fürdie Thüringer Landesregierung wie folgt:

Zu Frage 1: Im Rahmen des HandlungskonzeptsWintersport und Tourismuszentrum Oberhof wurdedie Suche nach einem Interessenten für eine Ho-telinvestition wieder intensiviert, um die bestehendeAngebotslücke zu schließen. Die ersten diesbezüg-lichen Gespräche wurden im April 2014 geführt.

Zu Frage 2: Die Akquisition derartiger Projekte so-wie deren Begleitung über den gesamten Pla-nungs- und Realisierungsprozess obliegt der damitvom Land beauftragten Landesentwicklungsgesell-schaft Thüringen. Seitens der Landesentwicklungs-gesellschaft wurde dazu ein auf Beratung, Entwick-lung und Realisierung von internationalen Hotelpro-jekten und touristischen Destinationen spezialisier-tes Unternehmen eingeschaltet und gebeten, mögli-che Interessenten zu identifizieren und den Erst-kontakt herzustellen.

Zu Frage 3: Es ist richtig, dass der Investor einenmit einer Auflage versehenen rechtskräftigen Zu-wendungsbescheid für das Vorhaben erhalten hat.

Zu Frage 4: Die in Aussicht gestellten Fördermittelstammen aus der Gemeinschaftsaufgabe „Verbes-serung der regionalen Wirtschaftsstruktur“. Für dasInvestitionsvorhaben wurde ein Zuschuss in Höhevon 11.282.250 Euro bewilligt.

Präsident Carius:

Gibt es Nachfragen? Frau Leukefeld.

Abgeordnete Leukefeld, DIE LINKE:

Herzlichen Dank, Herr Staatssekretär, für die Ant-wort. Meine Frage ist: Welche Auflagen hat es ge-geben? Können Sie dazu etwas sagen?

3560 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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Maier, Staatssekretär:

Ja, kann ich. Der Zuwendungsbescheid wurde mitder Auflage versehen, dass vor Auszahlung desZuschusses eine vorbehaltlose Durchfinanzierungs-bestätigung vorzulegen ist. Andernfalls kann derZuschuss nicht ausgezahlt werden. Der Zuwen-dungsbescheid ist dann zu widerrufen.

Präsident Carius:

Bitte, noch eine weitere Frage.

Abgeordnete Leukefeld, DIE LINKE:

Ist das befristet? Gibt es da ein Zeitlimit, wie langedas gelten kann?

Maier, Staatssekretär:

Das muss ich im Bescheid nachschauen. Das habeich nicht parat. Ich würde es Ihnen nachträglich zurVerfügung stellen.

(Zwischenruf Abg. Leukefeld, DIE LINKE:Das wäre nett!)

Danke.

Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Staatssekretär. Damit kommenwir zur nächsten Anfrage der Frau AbgeordnetenFloßmann, CDU-Fraktion, in der Drucksa-che 6/1776. Frau Floßmann, bitte.

Abgeordnete Floßmann, CDU:

Vielen Dank, Herr Präsident.

Abwasserentsorgung im Landkreis Hildburghausen

Im Jahr 2013 wurden durch das Thüringer Landes-amt für Statistik im Landkreis Hildburghausen6.336 Einwohner errechnet, die nicht oder nur teil-weise an die öffentliche Kanalisation angeschlos-sen waren. Davon wiederum haben 6.236 Einwoh-ner durch Kleinkläranlagen entsorgt. Laut ThüringerLandesamt für Umwelt und Geologie nehmen imLandkreis vier Abwasserzweckverbände die Aufga-ben wahr sowie die Gemeinde Masserberg in eige-ner Entsorgung. Laut Koalitionsvertrag der ParteienDie Linke, der SPD und Bündnis 90/Die Grünen un-ter Punkt 4.1 und durch die Unterschriften der Koa-litionspartner darunter will die Landesregierung beider Abwasserentsorgung vor allem im ländlichenRaum neue Wege gehen.

Ich frage die Landesregierung:

1. Wie schätzt die Landesregierung die Gewässer-qualität im Landkreis Hildburghausen ein?

2. Welche Maßnahmen plant die Landesregierung,um die Gewässerqualität zu erhöhen?

3. Sollen die Abwasserzweckverbände künftig fürdie Errichtung, Instandsetzung und den Betrieb derKleinkläranlagen im Landkreis verantwortlich seinund wie begründet die Landesregierung ihre ent-sprechende Antwort?

4. Sieht die Landesregierung bei veränderten Rah-menbedingungen die Gefahr von Gebührenerhö-hungen und wenn ja, in welcher Größenordnung?

Präsident Carius:

Für die Landesregierung antwortet das Ministeriumfür Umwelt, Energie und Naturschutz, Herr Staats-sekretär Möller.

Möller, Staatssekretär:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren! Sehr geehrte Frau Abgeordne-te Floßmann, Ihre Fragen möchte ich im Namender Landesregierung wie folgt beantworten:

Zu den Fragen 1 und 2: Zur Gewässerqualität undden geplanten Maßnahmen in Thüringen verweiseich zunächst auf die umfangreichen Veröffentli-chungen im Internetauftritt unseres Ministeriumsunter dem Stichwort „Flussgebiete Thüringen“ so-wie auf den Internetauftritt der Thüringer Landesan-stalt für Umwelt und Geologie unter dem Stichwort„Aktion Fluss“. Die Gewässer im Landkreis Hild-burghausen verfehlen weitestgehend den gutenökologischen Zustand. Je nach Belastungsart wur-den entsprechende Maßnahmen im Thüringer Lan-desprogramm „Gewässerschutz“ für den Zeitraum2016 bis 2021 aufgenommen. Hierzu gehören ins-besondere Maßnahmen zur Verbesserung der Ge-wässerstruktur und der Durchgängigkeit sowie na-türlich auch Maßnahmen zur Nährstoffreduzierungaus Einträgen der Landwirtschaft und aus demkommunalen Abwasser. Mit Blick auf die im Weite-ren hinterfragte Abwasserentsorgung ist die Ge-wässerqualität jedoch zweitrangig, da der § 57 desWasserhaushaltsgesetzes des Bundes und die da-zu erlassene Abwasserverordnung unabhängig vonder Gewässerqualität eine mindestens biologischeBehandlung jeglicher häuslicher Abwässer verlan-gen. Diese Regelung aus dem Wasserhaushaltsge-setz des Bundes und der Abwasserverordnung giltunmittelbar gegenüber allen Abwasserbeseiti-gungspflichtigen.

Zu Frage 3: Bereits im Septemberplenum 2015 hat-te Frau Ministerin Siegesmund deutlich gemacht,dass das Thüringer Ministerium für Umwelt, Ener-gie und Naturschutz im Zuge der Novellierung desThüringer Wassergesetzes beabsichtigt, die Ver-antwortung der kommunalen Abwasserbeseiti-gungspflichtigen für die dezentrale Abwasserbe-handlung zu erhöhen. Die für diesen und andereZwecke notwendigen Änderungen des ThüringerWassergesetzes diskutieren wir aktuell und damit

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3561

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bereits in einer sehr frühen Gesetzgebungsphasemit einer Vielzahl möglicher Betroffener. Dazu ge-hören natürlich auch die Zweckverbände. Ziel dervon Ihnen hinterfragten Regelung ist es, der Entso-lidarisierung bei der gemeinsamen Kostentragungvon Einrichtungen der Abwasserentsorgung, wiesie in den letzten Jahren entstanden ist, entgegen-zuwirken.

Zu Frage 4: Wie bereits zu Frage 3 ausgeführt,besteht das Ziel etwaiger neuer Regelungen darin,eine solidarische Kostentragung für die Abwasser-entsorgung im Land Thüringen wiederherzustellen.Dies wird nur möglich sein, wenn die weit überwie-gende Zahl der Bevölkerung, für die eine öffentlicheAbwasserentsorgung bereits errichtet wurde undnoch errichtet werden soll, die spezifisch höherenKosten derjenigen Bevölkerung solidarisch mitträgt,für die eine dezentrale Abwasserentsorgung errich-tet wird.

Wer in diesem Zusammenhang von der Gefahr ei-ner Gebührenerhöhung spricht, verkennt offenkun-dig, dass eine vollständige Errichtung aller notwen-digen Abwasserbehandlungsanlagen und die Un-terhaltung aller bereits vorhandenen Anlagen mitden aktuellen Entgelten ohnehin nicht finanzierbarist. Welche unterschiedlichen Entgelterhöhungenkünftig bei welchen Aufgabenträgern notwendigsein werden, ist von hier aus nicht vorhersagbar.Fest steht allerdings, dass Thüringen aktuell mit ei-ner durchschnittlichen Mengengebühr von2,15 Euro je Kubikmeter Abwasser und einer durch-schnittlichen Grundgebühr von 69,59 Euro pro Jahr– also bei Kosten von 29 Cent je Bürger und Tagfür alles, also Klospülung, Duschen usw. –, darausergeben sich Jahreskosten von 105,16 Euro, eineim Vergleich mit anderen Ländern deutlich unter-durchschnittliche Belastung aufweist.

Vielen Dank.

Präsident Carius:

Weitere Nachfragen? Das sehe ich nicht. Dannkommen wir zur nächsten Anfrage des Abgeordne-ten Kuschel für die Fraktion Die Linke in der Druck-sache 6/1779. Herr Kuschel.

Abgeordneter Kuschel, DIE LINKE:

Danke, Herr Präsident.

Kredite für energetische Sanierungsmaßnahmen

§ 63 der Thüringer Kommunalordnung wurde imJahr 2014 dahin gehend erweitert, dass Kredite fürenergetische Sanierungs- und Unterhaltungsmaß-nahmen auch dann bewilligt werden dürfen, wenndie dauerhafte Leistungsfähigkeit der Gemeindenicht gegeben ist. Es genügt vielmehr, wenn dieGemeinde nachweist, dass die Einsparungen derlaufenden Kosten aufgrund der einzelnen Maßnah-

me höher sind als der für die einzelne Maßnahmeaufzubringende Kapitaldienst und der Kredit für alleenergetischen Sanierungs- und Unterhaltungsmaß-nahmen zusammen ein Zehntel der im Verwal-tungshaushalt veranschlagten Einnahmen desHaushaltsjahrs nicht übersteigt. Nach § 63 Abs. 2Satz 1 Thüringer Kommunalordnung ist für die Ge-nehmigung eine Haushaltssatzung Voraussetzung.

Ich frage die Landesregierung:

1. Inwiefern besteht unabhängig vom Vorliegen ei-ner Haushaltssatzung die Möglichkeit, einen Kreditnach § 63 Thüringer Kommunalordnung für energe-tische Sanierungsmaßnahmen aufzunehmen?

2. Soweit dies nicht möglich ist, welche Möglichkei-ten haben die Gemeinden während der vorläufigenHaushaltsführung, einen Kredit zur energetischenSanierung nach § 63 Thüringer Kommunalordnungaufzunehmen, insbesondere dann, wenn sie dieVoraussetzungen nach § 63 Abs. 2 Thüringer Kom-munalordnung nicht erfüllen?

Präsident Carius:

Für die Landesregierung antwortet das Ministeriumfür Inneres und Kommunales. Herr StaatssekretärGötze, bitte.

Götze, Staatssekretär:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damenund Herren Abgeordnete, die Mündliche Anfragedes Abgeordneten Kuschel beantworte ich für dieLandesregierung wie folgt, wobei ich die Antwort fürbeide Fragen zusammen geben möchte.

Die Regelungen in § 63 Thüringer Kommunalord-nung betreffen nicht die vorläufige Haushaltsfüh-rung und schaffen auch keine Ausnahmen für dieAufnahme von Krediten in der vorläufigen Haus-haltsführung. Die genannten Bestimmungen ermög-lichen aber, dass Kredite für energetische Sanie-rungs- oder Unterhaltungsmaßnahmen, die keineInvestitionen oder Investitionsförderungsmaßnah-men sind, schon dann genehmigt werden können,wenn die Gemeinde nachweist, dass die Einspa-rungen der laufenden Kosten aufgrund der einzel-nen Maßnahmen höher sind als der für die einzel-nen Maßnahmen aufzubringende Kapitaldienst.Hierfür braucht es aber immer einen Haushalt derGemeinde.

In der vorläufigen Haushaltsführung sind gemäߧ 61 Abs. 2 Thüringer Kommunalordnung Kreditauf-nahmen nur unter sehr engen Voraussetzungen,nämlich in einer begrenzten Höhe zur Fortsetzungder Bauten, der Beschaffungen und der sonstigenLeistungen des Vermögenshaushalts zulässig. Da-von sind allerdings keine Kreditaufnahmen zur Fort-setzung von energetischen Sanierungs- oder Unter-haltungsmaßnahmen im oben genannten Sinne er-

3562 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Staatssekretär Möller)

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fasst, weil es sich dabei nicht um Investitionen han-delt.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Präsident Carius:

Herr Kuschel bitte, eine Nachfrage.

Abgeordneter Kuschel, DIE LINKE:

Danke, Herr Präsident. Herr Staatssekretär, würdenSie meine Auffassung teilen, dass diese Regelunggerade deshalb geschaffen wurde, damit Kommu-nen auch dann in energetische Sanierungsmaß-nahmen investieren können, wenn sie nicht leis-tungsfähig sind? Das Nichtvorhandensein einesHaushalts ist ein Kriterium für nicht vorhandeneLeistungsfähigkeit. In einer solchen Zeit dann einesolche Investition zu realisieren, könnte auch einenKonsolidierungsbeitrag dazu leisten, dass die Ge-meinde wieder in eine geordnete Haushaltsführungkommt.

Die zweite Frage wäre: Würden Sie dem Gesetzge-ber empfehlen, diesbezüglich den § 63 der Thürin-ger Kommunalordnung zu überarbeiten, sodassdas auch in der haushaltslosen Zeit – wenn derNachweis erbracht wäre, dass die energetischeMaßnahme sich selbst finanziert – ermöglicht wird?

Götze, Staatssekretär:

Ich gebe Ihnen insoweit recht, als wir hier eine ge-wisse Entkopplung von der dauernden Leistungsfä-higkeit haben, was die Frage betrifft: Können Ge-meinden Kredite aufnehmen – ja oder nein? Wo ichIhnen nicht zustimmen würde, ist, dass man jetzt ei-ne gesetzliche Norm schafft, nach der es dannmöglich wäre, Kredite quasi in der vorläufigenHaushaltsführung aufzunehmen, weil wir damit indas Königsrecht des Gemeinderats eingreifen. DieKreditaufnahme ist ja immer an den Haushalt ge-bunden.

Ich denke, das bedarf auch einer sehr sorgfältigenBeratung im Gemeinde- oder Stadtrat und daraufsind die Regelungen der Thüringer Kommunalord-nung ausgerichtet. Da würde ich spontan sagen,wir haben hier keinen Änderungsbedarf.

Präsident Carius:

Vielen Dank. Weitere Nachfragen gibt es nicht, so-dass wir nun zur Frage der Frau AbgeordnetenScheringer-Wright von der Fraktion Die Linke in derDrucksache 6/1780 kommen.

Abgeordnete Dr. Scheringer-Wright, DIE LINKE:

Vielen Dank.

Trinkwasserqualität in den Gemeinden Hohengan-dern und Kella

Im vergangenen Jahr hat es in den Gemeinden Ho-hengandern und Kella Probleme mit der Trinkwas-serqualität gegeben. So kam es in Hohengandernzu Grenzwertüberschreitungen bei Sulfat und beiden Parametern coliforme Bakterien und Entero-kokken. Auch in Kella wurde eine Überschreitungdes Grenzwerts bei den Parametern coliforme Bak-terien und bei Escherichia coli festgestellt.

Ich frage die Landesregierung:

1. Wie wurden und werden die Einwohner beiGrenzwertüberschreitungen informiert?

2. Wie oft wurden in den letzten fünf Jahren Grenz-wertüberschreitungen für Bakterien und andere Kei-me in den beiden Gemeinden festgestellt?

3. Wie oft werden bei auffällig gewordenen ProbenNach- bzw. Kontrolluntersuchungen durchgeführt?

4. Was wird unternommen, um Grenzwertüber-schreitungen dauerhaft auszuschließen?

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Scheringer-Wright. Für die Lan-desregierung antwortet das Ministerium für Arbeit,Soziales und Gesundheit, Frauen und Familie. FrauMinisterin Werner, bitte schön.

Werner, Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesund-heit, Frauen und Familie:

Herzlichen Dank, Herr Präsident. Sehr geehrte Da-men und Herren, namens der Landesregierung be-antworte ich die Mündliche Anfrage wie folgt undich möchte sagen, die Mündliche Anfrage ergänztdie Kleine Anfrage 747 der Abgeordneten FrauDr. Scheringer-Wright vom 18. Dezember 2015. DieAntwort meiner Kollegin Anja Siegesmund liegtdem Hohen Haus bereits vor und wird in Kürze alsDrucksache veröffentlicht.

Zu Frage 1 – Wurden bzw. werden die Einwohnerbei Grenzwertüberschreitungen informiert? –: BeiGrenzwertüberschreitungen mikrobiologischer Pa-rameter wie coliformer Bakterien wird geprüft, obdie Grenzwertüberschreitung auf fäkale Verunreini-gungen zurückzuführen ist. Ist dies der Fall, wirdentsprechend den Leitlinien des Umweltbundes-amts gehandelt, die Bevölkerung informiert und einAbkochgebot durch das Gesundheitsamt ausge-sprochen. Dies hatte sich in Kella 2012 und 2013nicht bestätigt. Bei Grenzwertüberschreitungen mi-krobiologischer Parameter fäkalen Ursprungs, zumBeispiel E. coli und Enterokokken, wie 2015 in Ho-hengandern und Kella, wurden die Verbraucher derbeprobten Einrichtung informiert. Es wurde ein Ab-kochgebot ausgesprochen. Die sofortigenNachkontrollen waren ohne Beanstandung. Im Fallder bestehenden Grenzwertüberschreitung des Sul-fatgehalts wurde laut Information des Gesundheits-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3563

(Staatssekretär Götze)

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amts die Bevölkerung durch den Wasserversorgerinformiert.

Zu Frage 2 – Wie oft wurden in den letzten fünfJahren Grenzwertüberschreitungen für Bakterienund andere Keime in den beiden Gemeinden fest-gestellt? –: Mikrobiologische Grenzwertüberschrei-tungen traten in Hohengandern zwischen 2010 und2014 nicht auf. Im Jahr 2015 gab es positive Befun-de, zweimal mit coliformen Bakterien, einmal mitE. coli und einmal mit Enterokokken. In Kella sind inden Jahren 2010, 2011 und 2014 keine mikrobiolo-gischen Grenzwertüberschreitungen festgestelltworden. In den Jahren 2012 und 2013 kam es je-weils zu einer Grenzwertüberschreitung mit colifor-men Bakterien und im Jahr 2015 zu einer Über-schreitung mit coliformen Bakterien und E. coli.

Zu Frage 3 – Wie oft werden bei auffällig geworde-nen Proben Nach- bzw. Kontrolluntersuchungendurchgeführt? –: Es erfolgt bei mikrobiologischenÜberschreitungen sofort eine Nachkontrolle undwenn notwendig erfolgen weitere Kontrollen, bis dieParameter entsprechend der Trinkwasserverord-nung eingehalten werden. Der Sulfatgehalt imTrinkwasser in Hohengandern wird zweimal im Jahrgeprüft.

Zu Frage 4 – Was wird unternommen, um Grenz-wertüberschreitungen dauerhaft auszuschlie-ßen? –: Das Wasser der Gemeinden Hohengan-dern und Kella wird ständig mit Natriumhypochloritdesinfiziert, um die bakteriologischen Grenzwerteeinzuhalten. Wie die Ergebnisse aus dem Jahr2015 zeigen, entsprach die Trinkwasserqualität bei-der Anlagen trotz dieser Maßnahmen nicht immerden Anforderungen der Trinkwasserverordnung.Für beide Anlagen sind Maßnahmen erforderlich,die auch bei Starkniederschlägen eine ordnungsge-mäße Trinkwasserqualität garantieren. Eine Aufbe-reitungsanlage würde die mikrobiologische Qualitätverbessern, senkt aber nicht den Sulfatgehalt. DasGesundheitsamt sucht gemeinsam mit dem Was-serversorger Lösungen, um diese Probleme lang-fristig abzustellen. Es wird für die Anlage in Hohen-gandern langfristig eine Lösung angestrebt, welcheeine Reduzierung des Sulfatgehalts unter 250 Milli-gramm pro Liter ermöglicht. Derzeit besteht dieMöglichkeit, durch eine Trinkwasserleitung dasWasser aus der Wasserversorgungsanlage Arens-hausen nach Hohengandern zu transportieren.

Herzlichen Dank.

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Ministerin. Es gibt eine Nachfra-ge von Frau Abgeordneter Scheringer-Wright. Bitteschön.

Abgeordnete Dr. Scheringer-Wright, DIE LINKE:

Wie genau wurden denn die Einwohner in Hohen-gandern und Kella informiert?

Werner, Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesund-heit, Frauen und Familie:

Das muss ich Ihnen schriftlich nachreichen.

Präsident Carius:

Eine weitere Nachfrage.

Abgeordnete Dr. Scheringer-Wright, DIE LINKE:

Ja. Die zweite Nachfrage bezieht sich auf die Ant-wort auf Frage 4, und zwar haben Sie ausgeführt –das wurde auch in der Antwort zur Kleinen Anfragedeutlich –, dass es eine Leitung von Arenshausennach Hohengandern gibt. Damit könnte auch dasWasser in Hohengandern, das durch geogene Be-dingungen so hoch mit Sulfat belastet ist, gemischtwerden. Meine Frage ist jetzt: Warum ist das – dadie hohen Werte bekannt sind – nicht passiert?

Werner, Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesund-heit, Frauen und Familie:

Es gibt wohl technische Gründe, aber die genauenGründe kann ich Ihnen leider auch nur schriftlichnachreichen.

Präsident Carius:

Damit sind die Nachfragemöglichkeiten erschöpftund alles wird nachgeliefert. Vielen Dank, Frau Mi-nisterin.

Jetzt kommt die Anfrage des Abgeordneten Kowal-leck für die CDU-Fraktion in der Drucksache6/1786. Bitte, Herr Abgeordneter.

Abgeordneter Kowalleck, CDU:

Vielen Dank, Herr Präsident.

Facebook und die Persönlichkeitsrechte von Thü-ringerinnen und Thüringern

Das soziale Netzwerk Facebook ist seit geraumerZeit in der Kritik, da Hasspostings nicht oder nurunzureichend gelöscht wurden. Die Bundesregie-rung hat sich gegenüber Facebook dafür starkge-macht, dass derartige Meinungen in dem sozialenNetzwerk gelöscht werden. Es kursieren weiterhinFotos, unter anderem von politischen Mandatsträ-gern, die mit ehrverletzenden Texten besetzt sind.Auch Fotos von Mitgliedern des Thüringer Landtagswerden zweckentfremdet und widerrechtlich ver-wendet. Das soziale Netzwerk Facebook reagiertbisher nicht auf Hinweise der Betroffenen.

Ich frage die Landesregierung:

3564 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Ministerin Werner)

Page 61: Thüringer Landtag Plenarprotokoll 6/43 6. Wahlperiode 25.02 · Trinkwasserqualität in den Gemeinden Hohengandern und Kella - Drucksache 6/1780 - 3563, wird von Ministerin Werner

1. Inwieweit ist der Landesregierung bekannt, dassFotos von Thüringerinnen und Thüringern auf Face-book zweckentfremdet und widerrechtlich verwen-det werden?

2. Welche Möglichkeiten sieht die Landesregierungfür Betroffene in Thüringen, insbesondere auch fürpolitische Mandatsträger, Verletzungen der Persön-lichkeitsrechte auf Facebook abzustellen bzw. denbetroffenen Account sperren zu lassen?

3. Welche konkrete Unterstützung gibt es dabeivonseiten der Landesregierung?

4. Inwieweit gab es in der Vergangenheit vonseitender Thüringer Landesregierung gerichtliche Ausei-nandersetzungen aufgrund von Beiträgen in sozia-len Netzwerken?

Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Kowalleck. Für die Landesregie-rung kommt das Ministerium für Migration, Justizund Verbraucherschutz, Herr Minister Lauinger, zuWort.

Lauinger, Minister für Migration, Justiz und Ver-braucherschutz:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren Abgeordneten, die MündlicheAnfrage des Abgeordneten Kowalleck beantworteich für die Landesregierung wie folgt:

Frage 1: Inwieweit ist der Landesregierung be-kannt, dass Fotos von Thüringerinnen und Thürin-gern auf Facebook zweckentfremdet und wider-rechtlich verwendet werden? Antwort: Über die vomAbgeordneten Kowalleck hinaus geschilderten An-gaben wurden der Landesregierung keine entspre-chenden Vorfälle bekannt gemacht. Eine gesonder-te statistische Erfassung derartiger Vorkommnisseerfolgt nicht.

Frage 2: Welche Möglichkeiten sieht die Landesre-gierung für Betroffene in Thüringen, insbesondereauch für politische Mandatsträger, Verletzungen derPersönlichkeitsrechte auf Facebook abzustellenbzw. den betroffenen Account sperren zu lassen?Antwort: Der Betroffene hat in der Regel selbst sei-ne Ansprüche, insbesondere Abwehransprüchenach § 1004 Abs. 1 BGB analog, § 823 Abs. 1 BGBin Verbindung mit Artikel 2 Abs. 1 Grundgesetz, ge-genüber dem Verursacher bzw. Facebook geltendzu machen. Insbesondere ist das allgemeine Per-sönlichkeitsrecht nicht abtretbar, da es sich inso-weit um ein höchstpersönliches Recht handelt.

Frage 3: Welche konkrete Unterstützung gibt es da-bei vonseiten der Landesregierung? Antwort: Wiesoeben bei der Antwort zu Frage 2 ausgeführt sinddie Abwehransprüche gegen die Verletzung derPersönlichkeitsrechte höchstpersönliche Rechte.Eine konkrete Unterstützung vonseiten der Landes-

regierung gibt es im Rahmen der Fürsorgepflicht fürBedienstete des Freistaats Thüringen. Hier gilt derim Einvernehmen mit dem Thüringer Finanzministe-rium geschaffene Runderlass des Thüringer Minis-teriums für Inneres und Kommunales über denRechtsschutz für Bedienstete des Freistaats Thü-ringen vom 20.09.1994. Den Bediensteten könnenbei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzun-gen die notwendigen Kosten für eine Rechtsvertei-digung erstattet werden. Voraussetzung für einesolche Erstattung ist unter anderem ein dienstlichesInteresse an der zweckentsprechenden Rechtsver-folgung.

Frage 4: Inwieweit gibt es in der Vergangenheitvonseiten der Thüringer Landesregierung gerichtli-che Auseinandersetzungen aufgrund von Beiträgenin sozialen Netzwerken? Antwort: Die Landesregie-rung war bislang nicht in gerichtliche Auseinander-setzungen wegen der Verletzung von Persönlich-keitsrechten durch Beiträge in sozialen Netzwerkeninvolviert.

Vielleicht noch eine grundsätzliche Bemerkung vonmir zum Abschluss. Ich unterstütze ausdrücklichdas, was der Bundesjustizminister im Moment an-strebt, nämlich in Gesprächen mit Facebook Bedin-gungen zu erreichen, dass es in Zukunft schwieri-ger wird, solche Sachen zu posten oder dass diesetatsächlich im Netz erscheinen. Aber das sind Ge-spräche des Bundesjustizministers mit Facebook,in die ich auch nicht näher involviert bin und Ihnendazu auch keine näheren Angaben machen kann.Aber meine grundsätzliche Unterstützung findet dasallemal.

Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Minister Lauinger. Bitte schön,Herr Abgeordneter Kowalleck.

Abgeordneter Kowalleck, CDU:

Danke, Herr Minister Lauinger. Danke, Herr Präsi-dent. Dann möchte ich mal konkret werden in mei-ner Fragestellung: Inwieweit kann die Landesregie-rung den Abgeordneten Kowalleck bei seinem Vor-haben gegenüber Facebook unterstützen, damit indem sozialen Netzwerk dessen Foto nicht mehrzweckentfremdet für das Angebot von Finanzie-rungsmöglichkeiten verwendet wird?

Lauinger, Minister für Migration, Justiz und Ver-braucherschutz:

Das habe ich versucht, Ihnen zu beantworten. Eshandelt sich um höchstpersönliche Rechte, die kön-nen Sie nur selbst geltend machen. Und da Sie,wenn Sie mich nicht eines Besseren belehren, nichtLandesbediensteter dieses Landes sind, gilt das,was ich eben gesagt habe, nicht, sodass wir Sie daeigentlich nur moralisch unterstützen können, aber

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3565

(Abg. Kowalleck)

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nicht in anderer Art und Weise. Es sind Ihre höchst-persönlichen Rechte, die können nur Sie geltendmachen.

Präsident Carius:

Eine weitere Nachfrage, bitte schön.

Abgeordneter Kowalleck, CDU:

Die Landesregierung, Herr Minister, kann sich dannauch nicht vorstellen, bei gehäuftem Missbrauchvon Fotos oder Darstellungen der Mitglieder desThüringer Landtags hier in Gespräche mit Face-book zu treten?

Lauinger, Minister für Migration, Justiz und Ver-braucherschutz:

Ich habe gerade gesagt, ohne dass Sie das gefragthatten, dass es diese Gespräche vonseiten desBundesjustizministers mit Facebook gibt. Ich weißnicht, ob es besonders sinnvoll ist, wenn die einzel-nen Landesjustizminister jetzt parallel zu diesenGesprächen auch noch Gespräche mit Facebookführen. Ich würde zunächst einmal abwarten wol-len, was der Bundesjustizminister an dieser Stelleerreicht.

Präsident Carius:

Vielen Dank. Und wenn ich noch einen Hinweis ge-ben darf an die Landesregierung, der wir ja keineVorschriften machen wollen: Da die Abgeordnetendie Fragen schon vorlesen, erübrigt es sich eigent-lich, dass die Minister dann noch mal die Fragenvorlesen. Es reicht uns, wenn Sie die Antworten rei-chen. Vielen Dank!

Wir kommen nun zur Anfrage des AbgeordnetenTischner, CDU-Fraktion, in der Drucksache 6/1787.Bitte, Herr Tischner.

Abgeordneter Tischner, CDU:

Vielen Dank, Herr Präsident.

Genehmigung von Schülerauslandsfahrten imSchulamtsbereich Mittelthüringen

Auf Antrag der Fraktion der CDU ist im ThüringerLandtag vielfach über Probleme bei der Durchfüh-rung von Klassenfahrten diskutiert worden. DieLandesregierung erklärte dazu, dass die Schulbud-gets für die Durchführung von Maßnahmen im Rah-men von Lernen am anderen Ort aufgehoben undkünftig alle genehmigungsfähigen Maßnahmenauch stattfinden werden.

Ich frage die Landesregierung:

1. Können alle genehmigungsfähigen Fahrten derSchulen im Rahmen von Lernen am anderen Ort im

Jahr 2016 wie von der Landesregierung angekün-digt stattfinden?

2. Wie viele Anträge für Maßnahmen im Rahmenvon Lernen am anderen Ort liegen derzeit im Staat-lichen Schulamt Mittelthüringen zur Genehmigungfür das Haushaltsjahr 2016 vor?

3. Entspricht es den Tatsachen, dass Schüleraus-landsfahrten im Schulamtsbereich Mittelthüringengeprüft und zur Entlastung des staatlichen Schul-amtes Mittelthüringen mit der Begründung zurück-geschickt werden, dass – entgegen der Beantwor-tung der Mündlichen Anfrage in Drucksache 6/1652(hier zu Frage 1) in der 41. Plenarsitzung am29. Januar 2016 durch die Landesregierung – biszum Zeitpunkt der Schulbudget-Zuweisung für dieJahre 2016 und 2017 von der Schule keine Ver-pflichtungen einzugehen sind?

4. Unter welchen Bedingungen können SchulenVerträge für Klassenfahrten und Studienreisen fürdas Schuljahr 2016/2017 abschließen?

Präsident Carius:

Vielen Dank. Es antwortet für die Landesregierungdas Ministerium für Bildung, Jugend und Sport.Frau Staatssekretärin Ohler, bitte schön.

Ohler, Staatssekretärin:

Sehr geehrter Präsident, sehr geehrten Damen undHerren Abgeordnete, die Mündliche Anfrage desAbgeordneten Tischner beantworte ich namens derLandesregierung wie folgt:

Zu Frage 1: Ja. Dabei ist zu beachten, dass eineUmstellung des Verfahrens von Haushaltsjahrenauf Schuljahre vorgenommen wurde. Alle Fahrten,die die fachlichen und haushalterischen Genehmi-gungsvoraussetzungen tatsächlich erfüllen, könnenstattfinden. Genehmigungsfähig sind Fahrten insbe-sondere dann, wenn es sich bei ihnen tatsächlichum Maßnahmen des Lernens am anderen Ort han-delt, die erforderlichen Haushaltsmittel vorhandensind und dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit undSparsamkeit Rechnung getragen wird. Hinsichtlichder Voraussetzung des Vorhandenseins von Haus-haltsmitteln als eine der Genehmigungsvorausset-zungen wurde bereits mehrfach mitgeteilt, unter an-derem in der Beantwortung der Mündlichen Anfra-gen des Abgeordneten Tischner zur Thematik derKlassenfahrten – Drucksachen 6/1652 und6/1416 –, dass für das Schuljahr 2015/2016 die er-forderlichen Haushaltsmittel bereitstehen.

Für das Schuljahr 2016/2017 werden die Haus-haltsmittel den staatlichen Schulämtern gerade zu-gewiesen. Im Rahmen der zur Verfügung stehen-den Haushaltsmittel werden somit Fahrten imSchuljahr 2016/2017, wenn auch die weiteren Vo-

3566 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Minister Lauinger)

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raussetzungen vorliegen, genehmigt werden kön-nen.

Zu Frage 2: Eine statistische Erfassung der einge-henden Anträge erfolgt nicht. Erfasst und mitgeteiltwerden können aber die genehmigten Dienstreise-anträge für Lehrkräfte bei beabsichtigten Klassen-fahrten im Schuljahr 2015/2016 im Bereich desStaatlichen Schulamts Mittelthüringen. Das warenin der Summe 957, davon 159 für Auslandsfahrten.

Zu Fragen 3 und 4: Wie schon in Beantwortung zuFrage 1 dargestellt, ist wegen der Umstellung vonHaushalts- auf Schuljahre eine schuljahresbezoge-ne Sicht einzunehmen. Für das Schuljahr2015/2016 wird auf die Antwort zu Frage 1 verwie-sen. Für das Schuljahr 2016/2017 ist festzustellen,dass die staatlichen Schulämter bisher noch keineAnträge abschließend bearbeiten konnten, da ihnendie Haushaltsmittel für dieses Schuljahr und dasneu anzuwendende Verfahren noch nicht abschlie-ßend mitgeteilt worden sind. Dies wird in dennächsten Tagen geschehen. Die staatlichenSchulämter waren gebeten, die Schulen darauf hin-zuweisen, dass bindende Verträge erst nach erteil-ter Genehmigung geschlossen werden dürfen, vor-her lediglich, wenn die Vertragsbedingungen einekostenlose Stornierung zulassen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Präsident Carius:

Gibt es Nachfragen? Bitte, Herr AbgeordneterTischner.

Abgeordneter Tischner, CDU:

Vielen Dank, Frau Staatssekretärin. Das ist ja einThema, was momentan tatsächlich massiv eilt,dass die Schulen Klarheit darüber bekommen, obsie nächstes Jahr bestimmte Klassenfahrten ma-chen können. Deshalb meine Nachfrage: Wannkonkret wird den Schulen mitgeteilt, was in der neu-en Verordnung steht?

Und die zweite Nachfrage: Verstehe ich Sie richtig,dass zukünftig eine Budgetierung an den Schuläm-tern stattfinden wird und nicht mehr an denSchulen?

Ohler, Staatssekretärin:

Zu Ihrer ersten Frage: Das wird in den nächstenTagen sein, ich denke, nächste Woche. Ich kannIhnen jetzt nicht sagen, ob Montag, Mittwoch, Frei-tag.

Wir haben Haushaltsmittel zur Verfügung, die ver-teilt werden müssen. Dann werden die Schulämterauf Antrag sehen unter den sonstigen Bedingun-gen, welche Klassenfahrten genehmigt werden.Das hat aber nichts mit einem Schulbudget zu tun,weil es sein kann, dass die eine Schule fast gar kei-

ne Fahrten anmeldet, die andere dafür mehr. DasSchulamt entscheidet dann unter den sonstigen Be-dingungen, welche Fahrten genehmigt werden kön-nen.

(Zwischenruf Abg. Tischner, CDU: DieSchulämter haben Budgets?)

Präsident Carius:

Herr Tischner, das hat jetzt niemand verstehenkönnen.

Ohler, Staatssekretärin:

Er fragt, ob die Schulämter die Budgets haben. – Jaund nein, im Rahmen der zur Verfügung stehendenHaushaltsmittel.

Präsident Carius:

Gut. Frau Staatssekretärin Ohler, vielen herzlichenDank. Wir kommen jetzt zur Anfrage des Abgeord-neten Möller für die AfD-Fraktion in der Drucksa-che 6/1790. Bitte, Herr Möller.

Abgeordneter Möller, AfD:

Vielen Dank, Herr Präsident.

Ausweisung des ehemaligen Truppenübungsplat-zes Tautenhain als Naturerbe

Am 27. März 2015 ließ der Staatssekretär des Thü-ringer Ministeriums für Umwelt, Energie und Natur-schutz verlautbaren, das Ministerium plane, beimBundesumweltministerium einen Antrag zu stellen,um die bundeseigene Fläche des ehemaligen Trup-penübungsplatzes auf den Gemarkungen Tauten-hain und angrenzender Gemeinden als Naturerbe-fläche ausweisen zu können.

Ich frage die Landesregierung:

1. Hat das Thüringer Ministerium für Umwelt, Ener-gie und Naturschutz beim Bundesumweltministe-rium den oben genannten Antrag gestellt?

2. Wann wurde der Antrag gestellt?

3. Wie wurde der Antrag vom Bundesumweltminis-terium beschieden?

4. Welche einmaligen und wiederkehrenden Kostenwürden, unabhängig von der tatsächlichen Antrag-stellung und Entscheidung, mit einer Ausweisungdes oben genannten Areals als Naturerbeflächeeinhergehen?

Präsident Carius:

Danke schön, Herr Möller. Es antwortet für die Lan-desregierung das Ministerium für Umwelt, Energieund Naturschutz, Herr Staatssekretär Möller.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3567

(Staatssekretärin Ohler)

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Möller, Staatssekretär:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damenund Herren Abgeordnete, im Namen der Landesre-gierung beantworte ich die Mündliche Anfrage desAbgeordneten Möller wie folgt:

Die Fragen 1 und 2 möchte ich zusammen beant-worten: Das Thüringer Ministerium für Umwelt,Energie und Naturschutz hat mit Schreiben vom3. März 2015 beim Bundesumweltministerium denAntrag gestellt, die Liegenschaft Tautenhain in diesogenannte dritte Tranche des nationalen Naturer-bes aufzunehmen.

Zu Frage 3: Das Bundesumweltministerium hat da-raufhin einen Antrag beim Bundesfinanzministeriumgestellt. Mit Schreiben vom 23. Juli 2015 teilte dasBundesumweltministerium mit, dass das Bundesfi-nanzministerium die Liegenschaft Tautenhain in dieNachrückerliste für die dritte Tranche aufgenom-men hat. In der aktuellen Liste, die das Bundesum-weltministerium mit Schreiben vom 21. Januar 2016versendet hat, ist die Liegenschaft Tautenhain nichtenthalten. Das heißt, der Nachrückefall ist bishernicht eingetreten.

Zu Frage 4: Grundsätzlich sind mit der Beantra-gung beim Bund noch keine Kosten verbunden. Siefallen erst im Übernahmefall an. Die Übernahmekann von ganz verschiedenen Stellen geschehen.Als übernehmende Stelle kommt grundsätzlich zumBeispiel die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, diein diesem Fall auch den Südteil der Bundesliegen-schaft Tautenhain im Himmelsgrund in einer Größevon 860 Hektar übernommen hat, es kommen Na-turschutzverbände oder Naturschutzstiftungen in-frage, zum Beispiel auch die Bundesstiftung Um-welt, es kommt die Landesforstanstalt infrage. Aberes käme zum Beispiel auch die erfüllende Gemein-de Bad Klosterlausnitz infrage. Wenn es zu einersolchen Übernahme kommt, dann muss die über-nehmende Stelle Personal- und Sachkosten für dasBundesforstpersonal an den Bund abführen. Wei-terhin können im Fall einer Übernahme Kosten fürAltlastenbeseitigung, in diesem Fall auch zum Bei-spiel für die Beseitigung von alten Kampfmitteln,anfallen und es müssten gegebenenfalls Waldum-bau- oder Biotopentwicklungsmaßnahmen finan-ziert werden, um einen naturnäheren Zustand zuerreichen, der dann auch Nullnutzungen zulassenwürde.

Zu möglichen Kosten für die Liegenschaft Tauten-hain liegen dem Thüringer Ministerium für Umwelt,Energie und Naturschutz keine Informationen vor,da die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben nurfür Liegenschaften der aktuellen Liste, also die, dietatsächlich in die dritte Tranche der Nationales-Na-turerbe-Liegenschaften aufgenommen sind, ent-sprechende Kostenermittlungen vornimmt und auchden Ländern übermittelt.

Vielen Dank.

Präsident Carius:

Danke schön. Weitere Nachfragen sehe ich nicht.Damit kommen wir nun zur Anfrage des Abgeord-neten Bühl, CDU-Fraktion, in der Drucksache 6/1788. Bitte, Herr Bühl.

Abgeordneter Bühl, CDU:

Mittelverteilung der örtlichen Jugendpauschale inThüringen

Die kommunale Jugendhilfe leistet in Thüringen ei-ne hervorragende Arbeit. Investitionen in Kinder-und Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit sowie Kinder-und Jugendschutz sind Investitionen in die Zukunft.Es ist zu begrüßen, dass schlussendlich eine Erhö-hung der örtlichen Jugendpauschale im Doppel-haushalt 2016/2017 verankert wurde.

Ich frage die Landesregierung:

1. Nach welchem Modus bzw. welchem Berech-nungsverfahren erfolgt die Verteilung des gestei-gerten Ansatzes in der örtlichen Jugendpauschalefür das Haushaltsjahr 2016 auf die Landkreise undkreisfreien Städte?

2. Wie soll die Verteilung dieser Mittel in den fol-genden Jahren erfolgen?

3. Ist dabei, bezogen auf Frage 2, eine Änderungder bisherigen Quotenregelung geplant und wennja, in welche Richtung?

4. Wie soll eine Evaluierung der Wirksamkeit desMitteleinsatzes in den Landkreisen und kreisfreienStädten im Hinblick auf die Förderung der örtlichenJugendverbandsarbeit zukünftig erfolgen?

Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Bühl. Für die Landesregierungantwortet Frau Staatssekretärin Ohler.

Ohler, Staatssekretärin:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damenund Herren Abgeordnete, die Mündliche Anfragedes Abgeordneten Bühl beantworte ich namens derLandesregierung wie folgt:

Zu Frage 1: Nach Ziffer 5.3.1 der Richtlinie „ÖrtlicheJugendförderung“ vom 17. Januar 2014 wird diePauschale auf der Grundlage der zur Verfügungstehenden Haushaltsmittel des Landes sowie derAngaben des Thüringer Landesamts für Statistik zuden Zahlen der Kinder, Jugendlichen und jungenVolljährigen im Alter von 10 bis unter 27 Jahren inden Landkreisen und kreisfreien Städten errechnet.Dieses Verfahren ist auch für den gesteigerten An-satz im Rahmen der örtlichen Jugendförderung2016 vorgesehen.

3568 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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Zu Fragen 2 und 3: Seit Dezember 2015 wird dieRichtlinie „Örtliche Jugendförderung“ durch das Or-ganisationsberatungsinstitut ORBIT evaluiert. DieErgebnisse sollen etwa zur Mitte des Jahres vorlie-gen. Diese sollen dann genutzt werden, um mit derÜberarbeitung der Richtlinie zu beginnen.

Zu Frage 4: Erst wenn die Evaluierungsergebnissevorliegen, sind begründete Aussagen zur Wirksam-keit der Förderung nicht nur der örtlichen Jugend-verbände, sondern auch der anderen gefördertenTätigkeitsbereiche möglich.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Staatssekretärin. Weitere Nach-fragen? Bitte schön, Herr Bühl.

Abgeordneter Bühl, CDU:

Wenn das jetzt aktuell nach der jetzigen Richtliniegemacht wird, könnten Sie vielleicht die Zahlen be-nennen für die jeweiligen Landkreise und kreisfrei-en Städte, wie die Verteilung sich aktuell gestaltet?Und falls das aktuell nicht möglich ist, könnten Siees vielleicht nachliefern?

Ohler, Staatssekretärin:

Das könnte nachgeliefert werden, ja.

Präsident Carius:

Bitte schön, Frau Abgeordnete König.

Abgeordnete König, DIE LINKE:

Frau Staatssekretärin Ohler, erinnere ich mich rich-tig, dass die Jugendpauschale unter der CDU-Re-gierung damals massiv um ein Drittel in Höhe von5 Millionen Euro gekürzt wurde und dass jetzt unterder neuen Regierung erstmalig wieder eine Auf-stockung der Mittel der örtlichen Jugendförderungerfolgt?

Ohler, Staatssekretärin:

Sie erinnern sich richtig.

Präsident Carius:

Wir könnten noch einmal fragen, unter welcherCDU-Landesregierung, aber wir lassen das so ste-hen. Ich komme nun zur Anfrage mit der Drucksa-chennummer 6/1791 des Abgeordneten Gentele.

(Zwischenruf Abg. König, DIE LINKE: Unterjeder vielleicht?)

Ja, da ist es aber auch eingeführt worden. HerrGentele, bitte schön.

Abgeordneter Gentele, fraktionslos:

Danke, Herr Präsident.

Qualitätsverluste im Schienenpersonennahverkehrin Thüringen?

Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2015müssen Bahnkunden in Thüringen massive Quali-tätsverluste durch lange Umsteigezeiten hinneh-men. So werden Zugfahrten von Saalfeld über Je-na-Göschwitz nach Erfurt durch zu lange Umsteige-zeiten in Jena-Göschwitz – am Wochenende circa40 Minuten – mehr als unattraktiv. Doch Einschnittegibt es auch zwischen Halle–Eisenach, Linie RB20.An Wochenenden verkehren die Züge auf dieser Li-nie ohne umzusteigen nur noch alle zwei Stunden.Anschlüsse werden durch fehlende Kommunikationder unterschiedlichsten Eisenbahnunternehmen oftnicht gewährleistet.

Ich frage die Landesregierung:

1. Welche Maßnahmen plant die Landesregierung,um kurzfristig den Schienenpersonennahverkehr inThüringen attraktiver für Bahnkunden zu gestalten?

2. Warum müssen Bahnkunden aufgrund neuer An-bieter und durch fehlende Kommunikation unter-schiedlichster Eisenbahnunternehmen längereWartezeiten hinnehmen und was beabsichtigt dieLandesregierung dagegen zu unternehmen?

3. Warum werden nicht mehr Flügelzüge einge-setzt, um die Takte zu verbessern?

Präsident Carius:

Für die Landesregierung antwortet das Ministeriumfür Infrastruktur und Landwirtschaft. Frau MinisterinKeller, bitte.

Keller, Ministerin für Infrastruktur und Landwirt-schaft:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damenund Herren Abgeordneten, die Mündliche Anfragedes Abgeordneten Gentele beantworte ich für dieLandesregierung wie folgt:

Zu Frage 1: Die Landesregierung ist der Auffas-sung, dass der Schienenpersonennahverkehr inThüringen weiterhin auf einem hohen Qualitätsni-veau erbracht wird. Gerade die im Dezember 2015neu aufgenommenen Verkehre gewährleisten ins-besondere im Hinblick auf die neu eingesetztenFahrzeuge sowie die neu geschaffenen Direktver-bindungen einen attraktiven Nahverkehr auf derSchiene. In Bezug auf die aktuellen Qualitätspro-bleme hat die Nahverkehrsservicegesellschaft Thü-ringen mbH gemeinsam mit den Eisenbahnver-kehrsunternehmen insbesondere folgende Aspekte,an denen zur Verbesserung der Qualität anzuset-zen ist, identifiziert: rechtzeitiges Anstoßen derFahrgastinformation bei verspäteten Zügen, um

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3569

(Staatssekretärin Ohler)

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möglichst frühzeitig auf Verspätungen hinzuweisen;Einwirken auf den Infrastrukturbetreiber – hier dieDeutsche Bundesbahn Netzagentur – Baumaßnah-men und Baufahrpläne so zu konzipieren, dass dieAuswirkungen auf die Fahrgäste im tolerierbarenRahmen bleiben; weiterhin intensive Störungssu-che und Beseitigung an den Schnittstellen der Infor-mationssysteme der beteiligten Partner. Die Lan-desregierung wird im Sinne der betroffenen Fahr-gäste weiterhin die Qualität der Zugleistungen kri-tisch prüfen und erforderlichenfalls darauf hinwir-ken, dass Störungseinflüsse nach Möglichkeit be-seitigt werden.

Zu Frage 2: Eventuell entstehende längere Warte-zeiten bei Umsteigevorgängen sind grundsätzlichweder auf neue Anbieter noch auf fehlende Kom-munikation zurückzuführen. Im Rahmen der Auf-stellung des Jahresfahrplans werden durch dieNahverkehrsservicegesellschaft Thüringen mbH in-tensive Abstimmungen mit den Eisenbahnverkehrs-unternehmen geführt. Grundlage der Planungen bil-det insbesondere die jeweils zur Verfügung stehen-de Infrastruktur. Gerade im aktuellen Jahresfahr-plan gibt es eine Reihe von Baumaßnahmen, wel-che erhebliche Einschränkungen bei der Gestaltungdes Fahrplans, aber auch im täglichen Betriebsab-lauf nach sich ziehen.

Zu Frage 3: Nach Auffassung der Landesregierungführt der Einsatz von Flügelzügen grundsätzlich zukeiner Verbesserung des Taktangebots. Hinzukommt, dass die Eisenbahninfrastruktur auch überdie entsprechende Kapazität verfügen muss, umzusätzliche Züge aufzunehmen. Gleichwohl gibt esin Thüringen bereits eine Reihe von entsprechen-den Linien, da durch Flügelzüge zusätzliche um-steigefreie Direktverbindungen angeboten, Reise-zeiten verkürzt und Infrastrukturkosten gespart wer-den können. Allerdings gibt es auch betrieblicheEinschränkungen, die entsprechenden Modellenentgegenstehen, wie zum Beispiel fehlende Signali-sierung an den Bahnsteigen oder maximal mögli-che Zuglängen. Die Landesregierung wird entspre-chende Konzepte im Sinne der Fahrgäste weiterverfolgen, wie zum Beispiel die seit Fahrplanwech-sel im Dezember 2015 neu geschaffenen Direktver-bindungen der Erfurter Bahn GmbH auf der LinieLeipzig-Gera-Hof, bei der die Züge mit der beste-henden Linie Leipzig–Gera–Saalfeld im BahnhofWeida vereinigt bzw. getrennt werden.

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Ministerin. Weitere Nachfragensehe ich nicht. Frau Floßmann, eine Nachfrage?

(Zuruf Abg. Floßmann, CDU: Nein!)

Nein, gut. Dann schließe ich damit die Fragestun-de. Wir haben alle Fragen abgearbeitet.

Ich rufe auf den Tagesordnungspunkt 9, ZweitesGesetz zur Änderung des Thüringer Feiertagsge-setzes …

(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN: Wie wäre es mit TOP 8?)

Ach so, stimmt, aber wir könnten natürlich auch sofortfahren. Das war ein Aufmerksamkeitstest.Schön, dass Sie es bemerkt haben!

Gut, dann gehen wir zu TOP 8 über. Es wäre auchschön, wenn alle Fraktionen vielleicht wieder einbisschen stärker mitmachen. Also ich rufe auf denTagesordnungspunkt 8

Viertes Gesetz zur Änderungdes Thüringer Flüchtlingsauf-nahmegesetzesGesetzentwurf der Landesregie-rung- Drucksache 6/1753 -ERSTE BERATUNG

Ich frage: Wünscht die Landesregierung das Wortzur Begründung? Bitte, Herr Minister Lauinger.

Lauinger, Minister für Migration, Justiz und Ver-braucherschutz:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren Abgeordneten, im letzten Jahrhat es einen beispiellosen Zugang an Flüchtlingenin Deutschland gegeben, der sowohl den Bund, dieLänder als auch die Kommunen vor große Heraus-forderungen gestellt hat und stellt. Es kamen 2015über 1 Million Flüchtlinge nach Deutschland, davonkamen etwa 30.000 Menschen nach Thüringen. Fürdas laufende Jahr hat bisher weder das dafür zu-ständige Bundesinnenministerium noch das Bun-desamt für Migration und Flüchtlinge eine Prognoseherausgegeben. Die Landesregierung rechnet da-her weiterhin mit einer hohen Zahl von Flüchtlingen,deren Unterbringung und Versorgung vom Landund den Kommunen bewältigt werden muss.

Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeord-neten, viele dieser Menschen, die zu uns gekom-men sind, fliehen vor Krieg, Hunger, Verfolgungund existenzieller Not. In Thüringen angekommen,begegnet ihnen große Hilfe. Alle Beteiligten habensich in dieser schwierigen Situation beispiellos en-gagiert und alles daran gesetzt, eine menschenwür-dige Unterbringung der Flüchtlinge zu ermöglichen.Insbesondere auch die Landräte und Oberbürger-meister haben dabei eine großartige Arbeit geleis-tet. Sie haben aber auch letztes Jahr eindringlichdarauf hingewiesen, dass sie zwar selbstverständ-lich die ihnen zugewiesenen Flüchtlinge aufnehmenwürden, aber für eine Einrichtung von Gemein-schaftsunterkünften Hilfen für die dafür notwendi-gen Investitionen brauchen. In dieser Situation hat

3570 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Ministerin Keller)

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die Landesregierung sich entschlossen, der drin-genden Bitte der kommunalpolitisch Verantwortli-chen nachzukommen und die Flüchtlingskostener-stattungsverordnung zu ändern. Auf diese Weisewurden im letzten Jahr im kommunalen Bereich inkurzer Zeit seitens des Landes circa 9.500 Unter-bringungsplätze finanziert. Zum 1. Januar diesesJahres gibt es auch eine Förderung für Unterbrin-gungsplätze in dezentraler Unterbringung, eine Än-derung der Flüchtlingskostenerstattungsverord-nung, die der Landesregierung besonders wichtigwar. Die Ausgaben für die Investitionspauschalebelaufen sich insgesamt auf 71 Millionen Euro.Auch dank dieser finanziellen Unterstützung konn-ten die Landkreise und kreisfreien Städte die ihnenim letzten Jahr zugewiesenen Flüchtlinge men-schenwürdig aufnehmen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeord-neten, die Landesregierung wird die Kommunenselbstverständlich auch weiterhin bei der Schaffungvon Unterbringungsplätzen unterstützen. Die huma-ne Unterbringung dieser Menschen, die großesLeid erlitten haben, ist für uns Anspruch und zu-gleich oberstes Gebot unseres Handelns. Im Nor-malfall war die Mitteilung, die wir von der kommu-nalen Ebene bekommen haben, so, dass auch dieZusammenarbeit der Landkreise mit den Kommu-nen bei der Aufnahme von Flüchtlingen meistensgut funktioniert hat, allerdings hakte es durchaus anverschiedenen Stellen auch im Einzelfall. Verschie-dene Landräte haben bei der Landesregierung vonProblemen bei der Unterbringung der Flüchtlingeberichtet und sich mit der Bitte an die Landesregie-rung gewandt, sie hierbei zu unterstützen. Sie ha-ben darum gebeten, eine Regelung in das Flücht-lingsaufnahmegesetz aufnehmen, um die Kommu-nen zu verpflichten, Unterbringungsplätze auch be-reitzustellen. Die Landesregierung hat sich ent-schlossen, diesem Anliegen insoweit Rechnung zutragen, als das Vierte Gesetz zur Änderung desThüringer Flüchtlingsaufnahmegesetzes auf denWeg gebracht werden soll. Ähnliche Regelungen,wie wir Sie jetzt vorsehen, bestehen bereits inSachsen und Baden-Württemberg.

Bislang regelt das Thüringer Flüchtlingsaufnahme-gesetz zwar die Verpflichtung der Landkreise undkreisfreien Städte zur Schaffung und Unterhaltungvon Unterbringungseinrichtungen, es sieht jedochkeine Verpflichtung der kreisangehörigen Gemein-den zur Mitwirkung – ich betone an dieser Stelle:zur Mitwirkung – bei der Schaffung von Unterbrin-gungseinrichtungen vor. Nach Abwägung verschie-dener Regelungsmöglichkeiten, die es in diesemBereich gibt, hat sich die Landesregierung für eineRegelung entschieden, die einerseits die Kommu-nen nicht zu stark belastet, andererseits aber auchden Landkreisen effektiv helfen soll. Durch die vor-gesehene Neuregelung unterstützen wir die Land-kreise dahin gehend, dass die kreisangehörigen

Gemeinden nunmehr bei der Schaffung von Unter-bringungseinrichtungen mitzuwirken – ich betonenochmals: mitzuwirken – haben. Die kreisangehöri-gen Gemeinden sollen im Falle eines Unterbrin-gungsnotstands insbesondere geeignete Grund-stücke und Gebäude benennen oder zur Verfügungstellen. Eine Inanspruchnahme der Kommunen er-folgt allerdings erst dann, wenn sich der Landkreiszuvor selbst um die Schaffung entsprechender Un-terbringungsplätze bemüht und alle Mittel und allezumutbaren Möglichkeiten zur Unterbringung vonFlüchtlingen ausgeschöpft hat. Die Regelung istdeshalb ausgewogen.

Sie ermöglicht es, auf die Zahl der ankommendenFlüchtlinge zu reagieren und gegebenenfalls kurz-fristig humanitäre Notlagen abzuwenden. Gerade inden Wintermonaten können wir die Menschen nichtin Zelten übernachten lassen, wenn auf der ande-ren Seite ungenutzte Unterbringungsplätze zur Ver-fügung stehen. Durch die gesetzliche Neuregelungwird sichergestellt, dass diese ungenutzten Poten-ziale vor Ort aktiviert werden können und auch aufeinen hohen Zugang von Asylbewerbern reagiertwerden kann.

Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeord-neten, der Gesetzentwurf der Landesregierung istausgewogen. Er hilft insbesondere den Landkrei-sen bei der Unterbringung der Flüchtlinge und istein weiterer Baustein von vielen, mit denen derFreistaat Kommunen unterstützt. Ich bitte Sie daherum Zustimmung zu diesem Gesetz. Vielen Dank fürIhre Aufmerksamkeit.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Minister. Ich eröffne damit dieAussprache und das Wort erteile ich zunächst FrauAbgeordneter Rothe-Beinlich für die Fraktion Bünd-nis 90/Die Grünen.

Abgeordnete Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren, Minister Lauinger hat soebenausgeführt, dass die Landesregierung einen Ge-setzentwurf vorgelegt hat, der vorsieht, in § 2 desFlüchtlingsaufnahmegesetzes einen neuen Ab-satz 3 einzufügen, welcher dann festschreibt, dassdie kreisangehörigen Gemeinden bei der Schaffungvon Unterbringungsplätzen mitzuwirken haben undinsbesondere geeignete Grundstücke und Gebäudezur Verfügung stellen sollen.

Ich glaube, das ist der richtige Weg, den die Lan-desregierung damit geht. Minister Lauinger hat be-reits ausgeführt, dass in vielen Kommunen dieFlüchtlingsunterbringung trotz hoher Zahlen immer

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3571

(Minister Lauinger)

Page 68: Thüringer Landtag Plenarprotokoll 6/43 6. Wahlperiode 25.02 · Trinkwasserqualität in den Gemeinden Hohengandern und Kella - Drucksache 6/1780 - 3563, wird von Ministerin Werner

wieder sehr gut funktioniert. An dieser Stelle einherzliches Dankeschön an alle, die sich hier enga-gieren. Nichtsdestotrotz hat es immer wieder auchkreisangehörige Gemeinden gegeben, die sich die-ser Aufgabe nicht ganz so verpflichtet gefühlt ha-ben. Und es war ja, wie gesagt, auch eine Bitte, diean das Land herangetragen wurde, hier eine ent-sprechende Regelung zu schaffen.

Außerdem soll im Gesetz eine Regelung aufge-nommen werden, wonach die Flüchtlingsunterbrin-gung im Gemeindegebiet in den Fällen eines ge-genwärtigen, auf andere Weise nicht oder nichtrechtzeitig abwendbaren Unterbringungsnotstandsin diesem Landkreis zu dulden ist.

Wie ist das zu bewerten? Auch dazu hat unser Mi-nister hier schon ausgeführt. Wir hatten im letztenJahr mehr als 30.000 Geflüchtete, die nach Thürin-gen kamen. Wir haben auch in diesem Jahr vermut-lich wieder von einer ebenso hohen Zahl auszuge-hen. Wir konnten neulich erst alle in der Presse le-sen, dass uns leider vom Bund noch keinerlei Pro-gnosezahlen für dieses Jahr zur Verfügung stehen.

Fakt ist allerdings, dass wir natürlich auch in die-sem Jahr vor der Herausforderung stehen werden –und das betrifft sowohl das Land als auch die Land-kreise und die kreisfreien Städte und Gemeinden –,die Menschen menschenwürdig unterzubringen unddie Aufnahme entsprechend zu gewährleisten. Wirhaben auch schon im Koalitionsvertrag 2014 fest-gehalten, dass wir – und das ist uns auch jetztwichtig –, Zitat, „die Schaffung der gesetzlichen In-anspruchnahme der kreisangehörigen Gemeindendurch die Landkreise bei der Suche nach dezentra-len Unterkünften in Abstimmung mit dem Gemein-de- und Städtebund prüfen“ werden. Genau das istmit dem vorliegenden Gesetz jetzt auch passiert,meine sehr geehrten Damen und Herren.

Die Landkreise sind aufgrund der fehlenden eige-nen Wohnraumkapazitäten dabei einerseits auf An-bieter des privaten Immobilienmarkts und anderer-seits natürlich auch auf die Mitwirkung der Gemein-den mit ihren kommunalen Wohnungsbeständenangewiesen. In vielen Landkreisen gelingt diesesMiteinander von Landkreisen und Gemeinden imRahmen der Flüchtlingsunterbringung inzwischensehr gut. Viele kommunale Wohnungsunternehmen– ich kenne das auch gut aus Erfurt, wo ich selbstStadträtin bin – stellen entsprechend Wohnraum fürFlüchtlinge zur Verfügung. Das gelingt tatsächlichauch andernorts ausgezeichnet.

In einigen Landkreisen allerdings klappt das Mitei-nander leider nicht zu jedem Zeitpunkt immer sogut. So hat es zeitweise Kommunen gegeben, diesich nicht wirklich an der Bereitstellung von kommu-nalem Wohnraum beteiligt haben. Hinzu kommt,dass es immer noch Fördermittelanträge, und zwarin erstaunlichen Größenordnungen, für Wohnungs-abrisse in Thüringen gibt. Darüber sollten wir auch

noch einmal intensiver nachdenken. Nun soll alsodie Mitwirkungspflicht der Gemeinden im Gesetzfestgeschrieben werden.

Warum habe ich eben auf diese Problematik derWohnungsabrisse verwiesen? Ich möchte es an ei-nem Beispiel illustrieren. In etlichen Gemeindengibt es Anträge auf Wohnungsabriss und das, ob-wohl wir alle wissen, dass wir zusätzlichen Wohn-raum benötigen. So war das übrigens auch imLandkreis Greiz. Im Landkreis Greiz befindet sicheine Kommune, nämlich Weida, in der von derLandrätin Frau Schweinsburg, die wir alle kennen,jetzt viele Wohncontainer für Flüchtlinge aufgestelltwurden. Manch einer wird sich erinnern, dass imAugust 2015 in den Zeitungen die Überschrift„Landkreis Greiz schnappt sich Wohncontainer fürFlüchtlinge – Landesregierung geht leer aus“ zu le-sen war. Jetzt könnte man meinen, völlig nachvoll-ziehbar, der Landkreis wollte vorsorgen und hatentsprechend Wohncontainer geordert und war of-fenkundig wie auch immer schneller beispielsweiseals die Landesregierung. Frau Schweinsburg hatdas damals wie folgt kommentiert, Zitat: „Wir sindzwar eine kleine, aber schlagkräftige Truppe.“

Wie aber sieht die Realität im Landkreis Greiz oderin Weida konkret tatsächlich aus, wo jetzt ein Con-tainerstellplatz errichtet wurde? Es gibt eine Listedes Bestands städtischer Gebäude in Weida, ausder hervorgeht, dass dort 33 Wohnungen sofortnutzbar wären. Die stehen leer, die sind renoviertund wären sofort nutzbar, könnten also wunderbarzur Flüchtlingsunterbringung genutzt werden. Aberdie Landrätin Frau Schweinsburg hat sich offenkun-dig – anders kann ich es nicht bewerten – aus poli-tischen Gründen entschieden, lieber Container inWeida aufzustellen, die sie sich vielleicht – dasweiß ich nicht – auch vom Land mit der Investitions-pauschale finanzieren lassen hat und lässt Wohn-raum leer stehen. So kann aus unserer Sicht jeden-falls eine Zusammenarbeit nicht aussehen, das istunsolidarisch.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Das ist auch keine menschliche und gute Unterbrin-gung, so, wie wir sie uns vorstellen. Es gibt übri-gens noch weitere fast 100 Wohnungen in Weida,die leer stehen, die nur entsprechend hergerichtetwerden müssten. Auch das wäre an dieser Stellesicherlich eine geeignetere Unterbringung als inContainern. Da fand aus meiner Sicht ein relativschäbiger Wettlauf, der dort leider, wie ich meine,von der falschen Seite gewonnen wurde – zulastender Menschen, zulasten auch eines guten Miteinan-ders statt. Wir hoffen, dass wir mit diesem Gesetzjetzt vielleicht auch ein bisschen mehr Handlungs-spielraum haben, vor Ort genauer hinzusehen.

Wir werden jedenfalls selbstverständlich noch in-tensiv über den Gesetzentwurf im Ausschuss disku-

3572 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Rothe-Beinlich)

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tieren. Da können wir dann gern auch noch überdie weiteren Listen einmal ins Gespräch kommen,die Wohnungsabrisse etc. bislang nach wie vor vor-sehen, wofür Zuschüsse beantragt wurden, dieglücklicherweise im Moment nicht gewährt werden,weil wir natürlich immer Sanierungen vor der Bereit-stellung von Containern den Vorrang geben sollten,wenn wir ausreichend Wohnungen haben.

(Beifall DIE LINKE)

Noch einmal zur Erinnerung in Bezug auf die Unter-bringung: Seitens des Landes stellen wir für dieSchaffung von Unterbringungsplätzen Investitions-pauschalen zur Verfügung. Das sind 7.500 Europro Platz in Gemeinschaftsunterkünften. Seit Janu-ar allerdings gibt es auch eine Pauschale in Höhevon 1.000 Euro je geschaffenem Platz in Wohnun-gen. Ich meine, wir sollten dies nutzen, um den Be-stand zu schützen und die Wohnungen natürlichauch optimal zu nutzen. Zudem trägt es zur dezen-tralen Unterbringung bei, die selbstverständlichsehr viel mehr die Privatsphäre der Betroffenenschützt und auch, meine ich, zur besseren Integra-tion beiträgt. Insgesamt sind nach aktuellen Infor-mationen etwa 800.000 Euro für die Einrichtungvon Einzelunterkünften beantragt worden. Es zeigtsich also, dass dieses Instrument in den sechs Wo-chen seit Inkrafttreten bereits sehr gut genutzt wird.Damit wollen wir die dezentrale Unterbringung vonGeflüchteten und Asylsuchenden weiter unterstüt-zen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich dankeder Landesregierung noch einmal für die Vorlagedes Gesetzentwurfs und beantrage die Überwei-sung an den zuständigen Ausschuss für Migration,Justiz und Verbraucherschutz.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Danke schön. Als Nächster hat Abgeordneter Möl-ler für die AfD-Fraktion das Wort.

Abgeordneter Möller, AfD:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolle-ginnen und Kollegen, liebe Gäste! Wir sprechenwieder einmal über das Vierte Gesetz zur Änderungdes Thüringer Flüchtlingsaufnahmegesetzes. Viel-leicht erinnern Sie sich noch daran: Im August letz-ten Jahres gab es dazu schon einen Gesetzentwurfder AfD. Uns ging es damals darum, die enormenKosten für den Thüringer Steuerzahler und für dieKommunen abzusenken.

(Zwischenruf Abg. Berninger, DIE LINKE: Wirreden aber jetzt nicht über Ihren Gesetzent-wurf!)

Wir hatten uns damals unter anderem für mehr par-lamentarische Mitbestimmung, für eine Mitbestim-mung bei den Ausstattungs-, Versorgungs- und Un-terbringungsstandards und für eine Vollkostener-stattung gegenüber den Kommunen starkgemacht.Das ist damals von der ganz großen Koalition ausCDU und rot-rot-grünem Lager abgelehnt worden,auch in Anbetracht der absehbaren finanziellen Fol-gen, die wir dann auch beobachten konnten, als imHerbst der Haushalt verabschiedet worden ist.

Nun haben Sie sich also für ein Viertes Gesetz zurÄnderung des Thüringer Flüchtlingsaufnahmege-setzes entschieden, Herr Lauinger. Aber währendwir angeblich so antiparlamentarischen AfDler unsim letzten August für mehr parlamentarische Mitbe-stimmung starkgemacht haben, setzen Sie aufZwang. Zwang soll dazu führen, dass mitgewirktwird und geduldet wird, und zwar von den kreisan-gehörigen Gemeinden. Damit offenbaren Sie, washinter der Fassade der von Ministerpräsident Ra-melow immer wieder gebetsmühlenartig herbeige-sehnten Willkommenskultur steckt. Es ist nämlicham Ende eine handfeste Willkommensdiktatur.

(Beifall AfD)

Gezwungen, verfolgt, diffamiert, geächtet und alsTeil von Dunkeldeutschland ausgegrenzt werdensollen in Thüringen nach Ihrem Willen nicht nur die-jenigen, die gegen die faktisch grenzenlose Asylpo-litik von Angela Merkel, Siegmar Gabriel und BodoRamelow Position beziehen oder die es nicht ak-zeptieren, dass mit den Signalwörtern „Menschlich-keit“ und „Menschenwürde“ millionenfacher Rechts-bruch gerechtfertigt wird. Nein, in die linke Spur sol-len nun auch andere Akteure und Institutionen ge-zwungen werden, soweit sie den Kurs der rot-rot-grünen Koalition nicht mittragen. Dabei fällt Ihr Blicklogischerweise zuerst auf die Gemeinden. Denn dienegativen Auswirkungen Ihrer Asylpolitik zeigensich dort als erstes und führen verständlicherweisezu Widerstand, auch in der Gemeindeverwaltung.

(Beifall AfD)

Nehmen wir uns beispielsweise mal einen kleinenOrt vor aus der Rhön: Merkers. Der hat die volleWucht des Niedergangs der Bergbauindustrie nachder Wende zu spüren bekommen. Ein Teil desBahnhofs ist erst kürzlich weggerissen worden, weildie dazugehörige Bahnstrecke nämlich auch schonstillgelegt worden ist. Es ist also ein Ort, von demman mit Fug und Recht sagen kann: Da ist es zwarschön, vor allem gibt es viel Landschaft, aber sonstist da nicht mehr viel los. Vor allem aus dem Blick-winkel von 300 potenziellen Asylbewerbern ist danicht viel los, genauso viele sollen nämlich maximalin der ehemaligen Regelschule untergebracht wer-den. Da fragen wir uns: Was sollen die dort ma-chen? Nach der Tour von Syrien, Eritrea oder sonstwoher hier nach Deutschland werden die bestimmtkeine Lust haben, irgendwelche Wanderungen zur

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3573

(Abg. Rothe-Beinlich)

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Krayenburg zu unternehmen oder durch die Rhön.Die werden sich dort zu Tode langweilen, meineDamen und Herren, vor allem die, die dort jung undmännlich stranden.

Meine Damen und Herren, es ist absehbar, dass soetwas Konfliktpotenzial schafft. Ihnen mag das viel-leicht egal sein. Sie haben da scheinbar eine ande-re Einstellung, erklären mir sogar: Dann ist endlichmal wieder was los im Ort. Wir von der AfD-Frak-tion können jeden Bürgermeister gut verstehen, derso etwas nicht möchte, der sich in diesem Punktnämlich einfach um seine Gemeinde sorgt.

(Beifall AfD)

Man erkennt an diesem Beispiel auch, dass nichtjedes geeignete Gebäude einer Gemeinde undauch nicht jeder Ort für eine Asylbewerberunter-kunft geeignet sind. Das sind so typische Neben-sächlichkeiten, auf die Ihr rot-rot-grüner Gesetzent-wurf überhaupt keine Rücksicht nimmt.

Kommen wir zu der darin vorgesehenen Mitwir-kungspflicht der Gemeinden. Die ist reichlich nebu-lös formuliert. Es sollen geeignete Grundstücke undGebäude zur Nutzung zur Verfügung gestellt wer-den oder benannt werden. Das ist ein sehr weitge-hender Wortlaut, der auch aktuell für kommunaleAufgaben genutzte Gebäude und Grundstücke miterfasst. Jetzt hat Herr Lauinger natürlich gesagt:Nun gut, es geht hier aber primär um ungenutzteGebäude. Nur steht das auf dem Papier eben nicht.Bei der Auslegung spielen solche Sachen doch ei-ne ganz große Rolle. Man kann dann mal in die Be-gründung reingucken. In der Begründung schöpftman dann Hoffnung, da steht dann zumindest imZusammenhang mit der Mitwirkungspflicht etwasvon ungenutzten Potenzialen. Aber entsprechendeRechtsunsicherheiten sollten natürlich durch eineKlarstellung im Gesetz vermieden werden. Viel-leicht werden Sie sich dazu noch durchringen, dassman das ergänzt, dass von ungenutzten Gebäudendie Rede ist.

Es stellt sich uns aber auch die Frage, was ein ge-eignetes Gebäude oder Grundstück ist. Angesichtsder Tatsache, dass aktuell sogar offenkundig unge-eignete Gebäude – wie zum Beispiel Turnhallen –zu Asylbewerberunterkünften umfunktioniert wer-den, wird man bei einer weiten Auslegung diesesBegriffs eine Vielzahl von Gebäuden benennenmüssen. Bei einer engen Auslegung werden sichoft gar keine Gebäude finden, die man benennenkann. Das ist auch wieder eine Rechtsunsicherheit,die zulasten der Gemeinden geht, denn die habenja die entsprechende Pflicht. So etwas eignet sichnatürlich auch hervorragend, um Druck auf die Ent-scheidungsträger auszuüben und andererseitskann es auch willkommener Anlass dafür sein, denGemeinden außerhalb des parlamentarischen Pro-zesses per Verwaltungsanweisung die Details zudiktieren.

(Beifall AfD)

Vor diesem Hintergrund ist der Gesetzentwurf vorallem eins, nämlich eine rot-rot-grüne Mobbingat-tacke auf Gemeinden. Diese sollen an ihrer eige-nen Überforderung mitwirken, eine Überforderung,die eine verheerende Politik der offenen Grenzen,der Menschlichkeitsworthülsen und der Fehlanreizeauslöste und für die die Bundesregierung und dieLandesregierung verantwortlich sind, nicht die Ge-meinden.

(Beifall AfD)

Deswegen ist die Forderung der AfD-Fraktion indiesem Punkt ganz klar: Die asylpolitische Suppe,die die Landes- und die Bundespolitik unseren Bür-gern einbrockt, die sollen gefälligst auch Land undBund auslöffeln und nicht damit die Gemeinden be-lasten.

(Beifall AfD)

Das gilt auch für den zweiten wesentlichen Rege-lungspunkt Ihres Gesetzentwurfs, nämlich die Dul-dungspflicht von Gemeinden für die Einrichtung vonGemeinschafts- und Einzelunterkünften bei Unter-bringungsnotstand, also bei humanitären Notlagen.So steht es bei Ihnen im Gesetzentwurf in der Be-gründung. Das Problem ist, dass diese humani-tären Notlagen, die hier gemeint sind, nicht einfachirgendwie entstanden sind, wie zum Beispiel eineNaturkatastrophe. Nein, der Unterbringungsbedarf– also die humanitäre Notlage – wird hervorgeru-fen, weil wir eine Bundeskanzlerin und einen Innen-minister haben, die lieber millionenfachen Rechts-bruch dulden, als die Grenzen zu sichern. Und derUnterbringungsbedarf, also die humanitäre Notlage,besteht auch, weil alle Landesregierungen, an de-nen sich SPD, Grüne und Linke beteiligen, sichweigern, beim Abbau von Fehlanreizen für eineEinwanderung ins Sozialsystem mitzuwirken. DerUnterbringungsbedarf wird ebenfalls durch die Un-fähigkeit dieser Landesregierung und der Bundes-regierung verursacht, humanitäre Hilfe und Solidari-tät in einem begrenzten Rahmen auszuüben, derdie Akzeptanz der gesamten Gesellschaft unseresLandes findet.

(Beifall AfD)

Der Unterbringungsbedarf ist auch Folge des feh-lenden Willens dieser Landesregierung und insbe-sondere Ihres Hauses, Herr Lauinger, abgelehnteausreisepflichtige Asylbewerber konsequent undschnell abzuschieben.

(Beifall AfD)

Der Unterbringungsbedarf und damit die humani-täre Notlage nach diesem Gesetzentwurf, meineDamen und Herren, wäre bei einer realitätsbezoge-nen Bundes- und Landespolitik also durchweg ver-meidbar.

3574 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Möller)

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(Beifall AfD)

Er ist nämlich zwangsläufig die Folge einer Politikder offenen Grenzen, der Fehlanreize, der Phrasen,von denen „Wir schaffen das!“ nur die berühmtesteund gleichzeitig die berüchtigteste ist. Vor diesemHintergrund ist es inakzeptabel, dass gerade Sieals Mitverantwortliche den selbst verschuldeten Un-terbringungsbedarf als humanitäre Notlage darstel-len, hieraus Duldungspflichten für dritte Akteure,nämlich die Gemeinden, ableiten, die im schlimms-ten Fall auch noch schwerwiegende Eingriffe in diekommunale Selbstverwaltung zur Folge haben kön-nen,

(Beifall AfD)

jedenfalls was den Wortlaut des Gesetzes angeht.Denn bei der Duldungspflicht fehlt im Gesetz – an-ders als in Ihrer Rede oder auch in der Begründungübrigens – der Hinweis, dass die Duldungspflichtsich ausschließlich auf ungenutzte Potenziale vorOrt bezieht. Die entsprechende Duldungspflichtkönnte sich damit auch auf Gebäude und Grund-stücke beziehen, die bestimmungsgemäß ander-weitig, nämlich im Sinne der Widmung für ander-weitige Aufgaben der Gemeinde, genutzt werden.Da stellt sich die Frage: Soll mit diesem Entwurfdann trotzdem per landesrechtlichem Duldungs-zwang so verfahren werden wie in dem letzten hal-ben Jahr mit Turnhallen, die dem Schulsport oderdem Vereinssport entzogen worden sind und um-funktioniert wurden? Wenn Sie das verneinen, dannschreiben Sie es doch bitte in das Gesetz rein. An-sonsten spricht vieles für den Wortlaut und auch dieBegründung des Entwurfs, dass diese Landesregie-rung ihre verheerende Praxis, bei der alle anderenöffentlichen und vor allem kommunalen Belangedem rot-rot-grünen Lieblingsprojekt, der Landes-asylpolitik, untergeordnet werden sollen, nun auchnoch in Gesetze fasst. Doch was auf freiwilliger Ba-se vielleicht möglich ist,

(Zwischenruf Abg. Hey, SPD: Basis!)

kann man nicht auch unbedingt gesetzlich erzwin-gen. Möglicherweise haben Sie schon mal was vonder Verfassungsgarantie der kommunalen Selbst-verwaltung gehört. Unseres Erachtens stehen ge-nau deshalb die Chancen übrigens gar nichtschlecht, dass Ihr Gesetzentwurf am Ende vomVerfassungsgerichtshof beerdigt wird. Vielleicht istdiese von der Landesregierung entworfene uferlosweit gefasste Duldungspflicht der Gemeinden aberauch nur ein Versehen. Eine Lebensweisheit, andie ich mich schon seit Langem halte und die michim Vergleich zu meinen jungen Jahren deutlichnachsichtiger und – man sagt auch – toleranter hatwerden lassen, besagt: Schreibe nichts der Böswil-ligkeit zu, was durch – nun, ich drücke es mal soaus – Nachlässigkeit hinreichend erklärbar ist.

(Beifall AfD)

Wenden wir diese Lebensweisheit mal zugunstender rot-rot-grünen Koalition an. Grobe handwerkli-che Fehler – die Worte kennen Sie, Herr Lauinger –bei der Abfassung rechtlicher Regelwerke sind beider Landesregierung nichts Neues. Das hat Ihnenzuletzt der Verfassungsgerichtshof bei der Ver-handlung über den Winterabschiebestopp attestiert.

(Beifall AfD)

Gehen wir also gedanklich mal von einer für dieLandesregierung nicht untypischen juristischenFehlleistung aus, dann bestünde zumindest teilwei-se Hoffnung. Dann könnte man erwarten, dass Siedie Duldungspflicht noch einschränken. Die Chan-cen hierzu haben Sie im weiteren Verfahrensgangbei der Verabschiedung des Gesetzes ohne Weite-res. Unabhängig davon bleibt mir zu sagen, dassIhr Gesetzentwurf ein typisches Produkt linker Poli-tik ist. Sie verfolgen mit Ihrer Landesasylpolitik einutopisches Ziel und wer davon nicht überzeugt ist,der wird halt gezwungen, ob es Sinn macht odernicht, basta.

(Beifall AfD)

Da werden wir nicht mitmachen. Wundern wird Siedas sicherlich nicht, aber ich kündige es Ihnentrotzdem schon mal an, nicht, dass Sie dann imNachgang noch überrascht sind. Vielen Dank.

(Beifall AfD)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Möller. Als Nächste hat Abgeord-nete Berninger für die Fraktion Die Linke das Wort.

Abgeordnete Berninger, DIE LINKE:

Meine sehr geehrten Damen und Herren, sehr ge-ehrter Herr Präsident, ich will zunächst die in denRaum gestellte Frage beantworten, warum der imAugust eingebrachte Gesetzentwurf zur Änderungdes Flüchtlingsaufnahmegesetzes von einer großenKoalition abgelehnt worden ist, nämlich weil ausrassistischen und rechtspopulistischen Motiven re-sultierende Gesetzentwürfe so eine große Koalitionan Ablehnung herausfordern, meine Damen undHerren.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Frage der Schaffung der gesetzlichen Inan-spruchnahme der kreisangehörigen Gemeindendurch die Landkreise haben wir uns nicht erst imSommer ausgedacht, meine Damen und Herren.Wir haben das schon als eine unserer Aufgaben imKoalitionsvertrag beschrieben, den wir – wie Siewissen – am 4. Dezember 2014

(Heiterkeit BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

(Zwischenruf Abg. Becker, SPD: Es war amfünften!)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3575

(Abg. Möller)

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– genau – miteinander unterzeichnet haben. Ich zi-tiere: „Wir werden die Schaffung der gesetzlichenInanspruchnahme der kreisangehörigen Gemein-den durch die Landkreise bei der Suche nach de-zentralen Unterkünften in Abstimmung mit dem Ge-meinde- und Städtebund prüfen.“ Das hat eine Wei-le gedauert, die Prüfung. Wir haben uns tatsächlichabgestimmt, insbesondere auch mit den Landkrei-sen, und sind jetzt zu dem Vorgehen gekommen,das Ihnen als Gesetzentwurf der Landesregierungvorliegt. Ich danke dem Ministerium dafür, dass ichein weiteres Häkchen in mein rot-rot-grünes Koali-tionsheftchen machen kann

(Zwischenruf Abg. Dr. Voigt, CDU: Bummi-heftchen!)

– so was Ähnliches wie ein Bummiheftchen –, HerrDr. Voigt, Sie hatten auch schon Koalitionsverträgeund die haben Sie auch abgearbeitet. Sie habenheute auch schon ganz vehement eingefordert –nicht Sie, Herr Dr. Voigt, aber einer Ihrer Kolle-gen –, dass wir doch unseren Koalitionsvertrag um-setzen mögen. Und wir machen das, meine Damenund Herren.

Ich kann inhaltlich zu dem, was der Minister undAstrid Rothe-Beinlich schon ausgeführt haben,nicht viel mehr hinzufügen. Ich will auch nichts wie-derholen, was schon gesagt worden ist, außer dieZahlen, die genannt wurden: Über 9.500 neue Un-terbringungsplätze sind in den Gemeinden im ver-gangenen Jahr mit der Investitionskostenpauschaleentstanden und die Gemeinden, die Landkreise undkreisfreien Städte haben über 19.000 Flüchtlingeaufgenommen. Ich kann mich einfach nur mal imNamen meiner Fraktion bei all den Menschen be-danken, die sich in den Landkreisen und kreisfreienStädten – dazu gehören natürlich auch die kreisan-gehörigen Gemeinden, in denen Flüchtlinge sind –bemühen, den Flüchtlingen ein Willkommen zu bie-ten, ihnen eine gute Unterkunft anzubieten, auchden vielen, vielen Menschen in Behörden und denEhrenamtlichen, die sich dafür aufreiben und sichsehr engagieren. Herzlichen Dank an Sie alle.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Der eine Baustein, den wir jetzt aus unserem Koali-tionsvertrag beschließen, ist nur ein kleiner. Minis-ter Lauinger hat noch mal ganz deutlich darauf hin-gewiesen, dass es hierbei um die Fälle geht, wotatsächlich eine Notsituation entsteht, wo es derLandkreis eben nicht allein gestemmt kriegt und woes Gemeinden gibt, die nicht freiwillig bei der Unter-bringung von geflüchteten Menschen unterstützen.Dafür ist es gedacht. Es wird nicht passieren – dashaben bereits auch die Landrätinnen und Landrätesignalisiert –, dass jetzt am laufenden Band Kom-munen gezwungen werden, Flüchtlinge aufzuneh-men, wenn der Landkreis das sozusagen gar nichtnötig hat.

Ich möchte abschließend dieses Horrorszenarioentkräften, was der Vorredner gerade an die Wandgemalt hat. Gerade heute veröffentlichte „Monitor“eine Studie zur Frage der Belastung der Kommu-nen. Heute Abend wird sie im Fernsehen vorgestelltwerden und da titeln die meisten Zeitungen gerade„Flüchtlingskrise – Kommunen fühlen sich kaumüberfordert“.

(Beifall DIE LINKE)

50 Prozent der befragten Kommunen fühlen sichnicht überfordert, 16 Prozent der befragten Kommu-nen könnten noch mehr Flüchtlinge aufnehmen.Das sind also über zwei Drittel der Kommunen, beidenen keine Überforderungssituation entstandenist. „Monitor“ hat auch mal nachgerechnet, wie vieleFlüchtlinge durchschnittlich in den Kommunen sind.Im Durchschnitt sind 14,5 Flüchtlinge auf 1.000 Ein-wohnerinnen und Einwohnern in den Kommunen.Den Spitzenwert in dieser Rechnung hat das baye-rische Lichtenfels. Wir haben mal gegoogelt. Dasist ein Landkreis, dort sind 78 Flüchtlinge pro1.000 Einwohnern. Aber auch dort fühlt man sich,glaube ich, offenkundig nicht überfordert mit derAufnahme der Flüchtlinge in diesem Landkreis, zu-mindest wird das aus den Schlagzeilen deutlich, dieman über Lichtenfels lesen kann. Ich denke, sogeht es den meisten Kommunen. Ich glaube, dieThüringer Kommunen sind ganz gut aufgestellt. Na-türlich gibt es immer noch Verbesserungen, auch inder Unterbringungssituation, aber gemeinsam kannman das schaffen. Das Gemeinsame von Landkreisund Kommune regelt jetzt auch der Gesetzentwurf,mit dem wir das Flüchtlingsaufnahmegesetz ändernwollen. Vielen Dank!

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Danke schön. Das Wort hat nun Abgeordnete Leh-mann für die SPD-Fraktion.

Abgeordnete Lehmann, SPD:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren Abgeordneten, liebe Gäste! Lie-ber Herr Möller, wir beschäftigen uns hier im Parla-ment so häufig mit der Frage der Flüchtlingspolitik.Vielleicht ist es an der Zeit, dass Sie Ihre Zahlenaktualisieren, denn es ist bei Weitem nicht mehr so,dass überwiegend junge Männer nach Deutschlandkommen, sondern es sind inzwischen viele Fami-lien und Kinder, die nach Deutschland kommen.Selbst wenn es nicht so wäre, steht für mich immernoch im Raum, das sind alles Menschen, die offen-sichtlich unsere Hilfe brauchen. Wir tragen natürlichVerantwortung dafür, dem erst mal nachzukom-men.

3576 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Berninger)

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Sie haben natürlich recht – das ist für uns immerschön –, deswegen haben wir das auch im Koali-tionsvertrag verankert, wir betonen das ja immerwieder, dass es schöner ist, geflüchtete Menschendezentral unterzubringen, lieber als in Gemein-schaftsunterkünften, weil es natürlich unterstützt,dass sie vor Ort besser integriert werden. Auchdeswegen haben wir – meine Kollegin Astrid Rothe-Beinlich hat es schon erwähnt – die Investitions-pauschale so verändert, dass auch die Förderungdezentraler Unterbringung vor Ort für die Kommu-nen gefördert werden kann.

Aber wenn jetzt schon das bloße Vorhandensein ei-ner Unterkunft ein Anreiz sein soll, nach Deutsch-land zu kommen, dann weiß ich tatsächlich nichtmehr, in welcher Welt Sie leben. Das hat dannauch mit der Situation in der Flüchtlingspolitik inDeutschland nicht mehr viel zu tun.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Ich glaube, wir erinnern uns alle an den Anstieg derFlüchtlingszahlen im letzten Jahr und auch an dieHerausforderungen, die damit für uns als Land undfür die Kommunen verbunden waren. Für uns allestand damals vor allem erst einmal im Mittelpunkt,wie wir es schaffen, die Menschen hier unterzubrin-gen. Bei all diesen Problemen finde ich es erfreu-lich, dass wir es geschafft haben, darauf zu verzich-ten, Menschen in Zelten unterbringen zu müssen.Stattdessen war klar, dass sie zumindest ein festesDach über dem Kopf haben werden. Es ist erst ein-mal ein sehr kleiner Schritt, aber in der Situation,mit der wir damals konfrontiert wurden, glaube ich,ein relativ wichtiger. Ich möchte an der Stelle auchnoch einmal den Kolleginnen und Kollegen in denLandkreisen und kreisfreien Städten, unserenLandrätinnen und Landräten, unseren Oberbürger-meisterinnen und Oberbürgermeistern danken, dieim letzten Jahr sehr viel geleistet haben. Wenn siedas nicht gemacht hätten, das ist uns klar, hättenwir im Land noch ganz andere Probleme undSchwierigkeiten gehabt, die Menschen tatsächlichnoch gut unterzubringen.

Aus genau diesem Grund liegt auch dieser Gesetz-entwurf jetzt vor, weil es nämlich ein ausdrücklicherWunsch der Landrätinnen und Landräte war, beider Unterbringung in den Gemeinden stärker unter-stützt zu werden, und zwar, indem wir zum einendiese Mitwirkungspflicht schaffen. Herr MinisterLauinger hat es schon erwähnt, kreisangehörigeGemeinden sollen verpflichtet werden, mitzuwirkenbei der Schaffung von Unterbringungsmöglichkeitenund Grundstücke und Gebäude zu benennen undzur Verfügung zu stellen, die zur Unterbringung vonFlüchtlingen geeignet sind. Außerdem soll einDurchgriffsrecht eingeführt werden, das es ermög-licht, Flüchtlingsunterkünfte im Gemeindegebiet zuerrichten, wenn es einen Unterbringungsnotstand

gibt, den der Landkreis auch nachweisen muss.Den Landkreisen, die sich sehr bemühen, auch inAbstimmung mit den Gemeinden vor Ort, zu un-terstellen, dass das ein Zwang wäre, verhöhnt dieArbeit der Landrätinnen und Landräte vor Ort. Ichglaube, das haben sie nicht verdient. Ich dankedem Ministerium für den vorliegenden Gesetzent-wurf und bitte auch um Überweisung an den Aus-schuss für Migration, Justiz und Verbraucherschutz.Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Danke schön, Frau Lehmann. Als Nächster hat Ab-geordneter Herrgott für die CDU-Fraktion das Wort.

Abgeordneter Herrgott, CDU:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen undHerren – ich bin ein bisschen erkältet, aber dasschadet nichts –, liebe Gäste auf der Besuchertri-büne und am Livestream, die vierte Änderung desThüringer Flüchtlingsaufnahmegesetzes ist eineentscheidende Frage an dieser Stelle, denn dasProblem in Thüringen ist klar. Die Kapazitäten sindbegrenzt und die Suche nach neuen Unterbrin-gungsmöglichkeiten ist mühsam. Das gilt für denländlichen Raum genauso wie für Erfurt oder Jena.Das gute kommunale Miteinander ist hier vielerortszu spüren, aber es gibt an dieser Stelle auch Aus-nahmen. Das Reservoir an Immobilien der Kreiseund kreisfreien Städte ist an dieser Stelle begrenztund nicht jede Gemeinde war in der Vergangenheitbereit, hier auch die Landkreise zu unterstützentrotz der Möglichkeiten, die die Gemeinden haben.Die hier vorgesehene Verpflichtung der Gemeindenzur Mitwirkung muss sensibel noch einmal im Aus-schuss von allen Seiten beleuchtet werden, meineDamen und Herren. Ich hoffe da auf eine bessereDiskussionsbereitschaft als in der letzten Sitzungdes Infrastrukturausschusses zum Thema „Wind“,das wir zwar auf der Tagesordnung hatten, dannaber nicht diskutiert haben. Deswegen erwarte ichan dieser Stelle, dass wir wirklich diskutieren undes auch von allen Seiten beleuchten.

(Zwischenruf Abg. Berninger, DIE LINKE: Siehätten mal in der letzten Legislatur da seinmüssen!)

Es muss diskutiert werden, weil es viele Beispielegibt, wo es gut funktioniert, aber eben auch Bei-spiele, wo es nicht funktioniert. Ich kenne einen ent-sprechenden Fall, wo eine Kommune ein Gebäude,das in den letzten fünf Jahren nicht genutzt wurde,leer steht und für das es keine angedachte zukünfti-ge Nutzung gibt, dem Landkreis nicht zur Verfü-gung gestellt hat mit der Begründung: ohne Be-gründung. Das kann nicht sein, meine Damen und

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3577

(Abg. Lehmann)

Page 74: Thüringer Landtag Plenarprotokoll 6/43 6. Wahlperiode 25.02 · Trinkwasserqualität in den Gemeinden Hohengandern und Kella - Drucksache 6/1780 - 3563, wird von Ministerin Werner

Herren, denn in der letzten Konsequenz hätte derLandkreis Zelte aufbauen müssen, wenn die Kom-mune dieses Gebäude nicht hätte zur Verfügungstellen wollen; ein völliger Schildbürgerstreich andieser Stelle. Wir müssen aber auch darüber reden,wie weit diese Regelung der Mitwirkung greift, gera-de bei Objekten, die eine perspektivische Nutzunghaben, die beispielsweise nur noch auf eine Förder-mittelzusage warten oder Ähnliches. Man darf andieser Stelle das Kind nicht mit dem Bade aus-schütten, denn es gibt weder nur renitente Kommu-nen, noch gibt es nur freundliche und mildtätigeLandkreise. Nicht jedes Gebäude ist wirklich in je-dem Ort auch geeignet als Unterkunft für Asylbe-werber und Flüchtlinge.

(Zwischenruf Abg. Berninger, DIE LINKE:Das stimmt!)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, weiterhinmüssen wir darüber reden, was denn die Konse-quenz einer Verweigerung dieser Mitwirkung seinwird und wie schnell diese greift. Ein Unterbrin-gungsnotstand ist ein Notstand, bei dem schnellkonsequent zu handeln ist.

Meine Damen und Herren der rot-rot-grünen Lan-desregierung, sie können dazu beitragen – das sa-ge ich an dieser Stelle ganz deutlich –, dass so einNotstand, wie er im zweiten Teil des Gesetzent-wurfs steht, gar nicht erst entsteht. Hier kommenwir nämlich zu einem aktuellen Problem, dass die-ses vorgelegte Gesetz den zu regelnden Zustand,in dem es Objekte nicht mehr gibt, die freiwillig be-reitgestellt werden, gar nicht umfasst. Die Realitätvor Ort sieht nämlich aktuell in vielen Fällen deut-lich anders aus.

Im Haushalt des Landes sind über 70 MillionenEuro für die Schaffung neuer Plätze in Gemein-schaftsunterkünften und Wohnungen – die Vertreterder Regierungskoalition haben es vorhin mehrfacherwähnt – eingestellt. Das ist gut und richtig, diekommunale Ebene hier zu unterstützen. Ich habeaber eine ganze Liste von Landkreisen, die seit An-fang des Jahres darauf warten, dass Fördergelderendlich vom Landesverwaltungsamt für die Schaf-fung neuer Unterkunftsplätze ausgezahlt werden.Wir haben inzwischen Ende Februar. Es ist nur einBruchteil ausgezahlt worden. Der Rest wartet aufeine Bescheidung. Und keiner dieser entsprechen-den Antragsteller kann anfangen. Jeder, der nur einbisschen was vom Bauen versteht, weiß, dass jetztbegonnene Projekte, auch wenn sie heute beschie-den werden, erst Ende des Jahres zur Verfügungstehen werden. Die Unterkunfts- und Wohnungska-pazitäten im ländlichen Raum sind in vielen Land-kreisen nahezu erschöpft.

Bei mir zu Hause im eigenen Landkreis, im Saale-Orla-Kreis, ist der Landkreis bewusst die Strategiegefahren, dezentral unterzubringen, nur mit weni-gen kleinen Gemeinschaftsunterkünften und vielen

Menschen in dezentraler Wohnungsunterbringung.Über 80 Prozent der Asylbewerber und Flüchtlingesind in Wohnungen untergebracht. Aber wenn derLandkreis inzwischen über 250 Wohnungen ange-mietet hat, dann ist der restlich verfügbare Wohn-raum auch in Wohnungsgenossenschaften und instädtischen kommunalen Wohnungsgesellschaftendeutlich endlich. Das weiß ich von den Geschäfts-führern, mit denen ich sehr oft im Kontakt stehe.Man kann aus dem Stand heraus nicht schnell zu-sätzlichen Wohnraum, auch nicht in Wohnungen,schaffen.

Nun sagen Sie, wir wissen nicht genau, wie vieleAsylbewerber und Flüchtlinge in diesem Jahr zuuns kommen werden, wie diese neue Struktur derBearbeitung der Asylverfahren mit dem Heidelber-ger Modell entsprechend dazu führen wird, dass dieVerfahren verkürzt werden und wie schnell sie ver-kürzt werden. Die reine Mathematik zeigt aber et-was anderes. Im Januar dieses Jahres kamen91.000 Menschen nach Deutschland, inzwischensind es über 150.000. Das sind natürlich deutlichweniger als im November letzten Jahres, aber imVergleich zum Januar und Februar des Jahres2015 sind es annähernd dreimal so viel.

Wenn die Zahlen nur gleich bleiben, weil alle Maß-nahmen greifen, die die Bundesregierung entspre-chend mit den europäischen Partnern ergriffen hat,werden wir Ende des Jahres im Extremfall dennochbis zu 30.000 Menschen in Thüringen aufnehmenmüssen. Denn auch wenn durch das HeidelbergerModell, dessen Einführung und Umsetzung wir sehrbegrüßen, selbst 50 Prozent dieser Menschenschnell und zügig eine Entscheidung bekommen,verbleiben immer noch 45 bis 50 Prozent, also15.000 Menschen, die nach den Erfahrungen desletzten Jahres mit dem Heidelberger Modell nichtschnell entschieden werden können. Diese 15.000werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Kom-munen verteilt werden, wenn die Verfahren überdrei Monate dauern.

Sehr geehrte Damen und Herren der Landesregie-rung, unterstützen Sie bitte die Kommunen, die dasbereits jetzt im Guten miteinander hinbekommen,und zahlen Sie die Gelder schnellstmöglich aus,insbesondere für die Projekte, die auch für sozialenWohnraum, falls der Flüchtlingsstrom innerhalb dernächsten fünf Jahre unverhofft abrupt endet undkeine Kapazitäten mehr benötigt werden, umge-nutzt werden können. Das Geld jetzt zurückzuhal-ten, um es vielleicht Mitte des Jahres in Projekte fürsozialen Wohnungsbau mit neuen Förderrichtlinien,neuen Antragsverfahren und neuen Verteilungs-quoten zu stecken, schafft in den nächsten zweiJahren keine einzige neue Wohnung in Thüringen.Wir brauchen die Kapazitäten aber jetzt und nichterst Mitte 2018 oder Anfang 2019. Für die wenigenverbliebenen Fälle, die dieses neue Gesetz nun re-geln soll, lassen Sie uns im Ausschuss umfassend

3578 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Herrgott)

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diskutieren und zu einer klugen Entscheidung kom-men. Vielen Dank.

(Beifall CDU)

Präsident Carius:

Vielen Dank. Weitere Wortmeldungen aus demKreis der Abgeordneten? Bitte, Herr Brandner.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Frau Berninger, zunächst mal zu Ihnen: Es offen-bart Ihr Rechtsverständnis und die Auffassung, wieman sich hier im Parlament verhält, wenn Sie gleich10 Minuten, nachdem der Präsident gesagt hat,„Rassismus“ soll hier nicht mehr geäußert werden,das Wort wieder in den Mund nehmen. Das ist diegleiche krude Rechtsauffassung, die Sie gesternAbend zeigten, als Sie trotz mehrfacher Wünscheund Aufforderungen rechtswidrig aufgehängteTransparente vom Landtagsgebäude nicht abge-nommen haben. Vielleicht überlegen Sie sich wirk-lich mal, was Sie mit Rechtsstaat am Hut haben,Frau Berninger.

(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN: Sie sollten ganz vorsichtigsein, Herr Brandner!)

Tut mir sehr leid, Sie hier überhaupt in dem Land-tag zu sehen.

(Beifall AfD)

Tricksen, Tarnen und Täuschen, meine Damen undHerren – deshalb wollte ich eigentlich hier ans Red-nerpult –, was die Zahlen angeht. Herr Lauinger,ich hatte Sie im Ausschuss schon mal gefragt, dahaben Sie nur groß geguckt. Herr Ramelow hatsich am 23.01.2016 in der Thüringer Landeszeitungzitieren lassen: „Wahrscheinlich werden wir40.000 Flüchtlinge in diesem Jahr bekommen.“Meine Damen und Herren, da habe ich den Drei-satz bemüht und komme dann auf 1.481.481,48,gerundet auf 1.481.481, ich habe abgerundet. Dassind also fast 1,5 Millionen Flüchtlinge, die Herr Ra-melow, obwohl ja angeblich keine Zahlen vorliegensollen, für Deutschland in diesem Jahr erwartet,50 Prozent mehr als im letzten Jahr. Und Sie wis-sen genau, welche katastrophalen Zustände imletzten Jahr geherrscht haben. Da wollen Sie unsallen Ernstes von hier vorne aus weismachen, alleswürde gut und alles würde zum Besten und Siewüssten von nichts! Vielleicht fragen Sie mal IhrenRegierungschef, oder sehen Sie den auch so seltenwie ich? Vielleicht fragen Sie ihn mal, wie er zu denZahlen kommt. Der scheint eine andere Quelle zuhaben, aber eine weitaus realistischere jedenfallsals die, die Sie hier zu meinen haben. Dankeschön.

(Beifall AfD)

Präsident Carius:

Danke schön. Nun hat Frau Marx für die SPD-Frak-tion das Wort.

Abgeordnete Marx, SPD:

Tja, Herr Brandner, also mit dem Randalieren undmit dem Stil-des-Parlaments-in-Misskredit-Bringen,ich glaube, da gibt es Vorbilder in diesem Hause,die wir bisher nicht hier hatten.

(Zwischenruf Abg. Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Die keine sind!)

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: Bei den gutenVorbildern, Frau Marx!)

Negative Vorbilder, ja. Und Sie immer mit Ihren –na ja, ich will es jetzt nicht sagen –, mit Ihrer über-bordenden Selbstgerechtigkeit. Aber wenn Sie sa-gen, im Ausschuss würde ein Minister doof gucken– also es ist einfach grottig, unterste Schublade.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Hat dochkeiner gesagt!)

Man fragt sich hier – also die Niveausenkung …Das hat eben Herr Brandner gesagt. Ich höre Ihnenimmer zu, das ist ja das Schlimme, dass ich Ihnenzuhöre, dann kriege ich ja eben Ihre Dummheitennoch alle mit.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Ich würde ja auch lieber die Zeit anders verbringen.Aber die Wähler haben Sie uns hier nun mal alsAnmutung zur Verfügung gestellt und deshalb setzeich mich auch mit Ihnen auseinander.

Aber ich bin nur deswegen hierhergekommen, weilwir ja gesagt haben, wir wollen die Kommunen unddie regionalen Gebietskörperschaften auch hierentlasten und ihnen Hilfestellung geben in der Ver-teilung oder in der Verschaffung menschenwürdigerUnterkünfte, auch dezentraler Unterkünfte. Deswe-gen betrifft dieses Gesetzesvorhaben nicht nur denAusschuss für Migration, Justiz und Verbraucher-schutz, sondern natürlich auch den Innenaus-schuss. Ich möchte ergänzend zu dem Antrag aufÜberweisung an den federführenden Ausschussauch noch einmal darum bitten, dass dieser Ge-setzesvorschlag zur Mitberatung an den Ausschus-ses für Inneres und Kommunales mit überwiesenwird. Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3579

(Abg. Herrgott)

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Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Marx. Weitere Wortmeldungensehe ich jetzt nicht.

Damit kommen wir direkt zur Abstimmung über dieAusschussüberweisung. Zunächst einmal ist bean-tragt worden, den Gesetzentwurf an den Ausschussfür Migration, Justiz und Verbraucherschutz zuüberweisen. Wer dafür ist, den bitte ich jetzt um dasHandzeichen. Vielen Dank. Das sind die Stimmenaus allen Fraktionen bis auf die AfD-Fraktion. Ge-genstimmen? Aus der AfD-Fraktion. Danke schön.Damit mit Mehrheit an diesen Ausschuss überwie-sen.

Wir kommen dann zur Überweisung an den Innen-und Kommunalausschuss. Wer dafür ist, den bitteich jetzt um das Handzeichen. Das sind die Koali-tionsfraktionen und die fraktionslosen Abgeordne-ten. Danke schön. Gegenstimmen? Aus der AfD-Fraktion. Enthaltungen? Aus der Unionsfraktion.Damit mit Mehrheit auch an den Innen- und Kom-munalausschuss überwiesen.

Jetzt stimmen wir über die Federführung ab. Diesoll beim Ausschuss für Migration, Justiz und Ver-braucherschutz liegen, jedenfalls ist das so bean-tragt worden. Wer dafür ist, den bitte ich jetzt umdas Handzeichen. Vielen Dank. Das sind die Koali-tionsfraktionen und die fraktionslosen Abgeordne-ten sowie die CDU-Fraktion. Und Gegenstimmen?Enthaltungen? Aus der AfD-Fraktion. Die Federfüh-rung liegt beim Ausschuss für Migration, Justiz undVerbraucherschutz.

Damit kann ich diesen Tagesordnungspunkt schlie-ßen. Wir rufen jetzt auf den Tagesordnungs-punkt 9

Zweites Gesetz zur Änderungdes Thüringer Feiertagsge-setzes (Gesetz zur Einführungeines Gedenktages für die Op-fer des SED-Unrechts)Gesetzentwurf der FraktionenDIE LINKE, der SPD und BÜND-NIS 90/DIE GRÜNEN- Drucksache 6/1769 -ERSTE BERATUNG

Ich frage: Wünscht jemand das Wort zur Begrün-dung? Das sieht nicht so aus, sodass ich die Aus-sprache eröffne. Ich erteile das Wort der Frau Ab-geordneten König.

Abgeordnete König, DIE LINKE:

Meine sehr geehrten Kollegen und Kolleginnen, lie-be Gäste auf der Tribüne und liebe Zuschauerinnenund Zuschauer am Livestream! Wir haben heutehier vorliegen den Gesetzentwurf der FraktionenDie Linke, SPD und Bündnis 90/Die Grünen, das

Zweite Gesetz zur Änderung des Thüringer Feier-tagsgesetzes, Gesetz zur Einführung eines Ge-denktages für die Opfer des SED-Unrechts. ZumHintergrund: Wir hatten bereits in der letzten Legis-latur den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschis-mus als ersten Gedenktag in Thüringen beantragtund dann auch im letzten Jahr, im 70. Jahr der Be-freiung, verabschiedet. Wir haben damals schon er-klärt, dass wir als Rot-Rot-Grün uns nicht nur die-sem einen Gedenktag widmen werden, sondernuns natürlich auch der Aufarbeitung der SED, derAufarbeitung des DDR-Unrechts, der Diktatur unddessen, was vor den hinter uns liegenden 25 Jah-ren passiert ist, widmen. Es ist sehr häufig davongesprochen worden, dass wir bereit sind, uns derAufarbeitung zu stellen. Wir haben dazu klare Posi-tionen schon im Koalitionsvertrag – und das im Üb-rigen in der Präambel, also allem vorweg stehend –verfasst. Der heute vorliegende Gesetzentwurf istein weiteres Beispiel dafür, dass wir es ernst mei-nen und dass wir es ehrlich meinen.

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

In diesem Jahr, am 12. April, ist der 35. Todestagvon Matthias Domaschk. Matthias Domaschk ist ei-ner derjenigen, der definitiv noch am Leben seinkönnte, wenn er nicht damals in Stasihaft gekom-men wäre und wenn er nicht unter bis heute unge-klärten Umständen ums Leben gekommen wäre.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Unser Ziel ist es, mit diesem Gedenktag, für den wirheute das erste Mal in die Debatte gehen, die Auf-arbeitung weiter voranzutreiben. Das ist schmerz-lich. Das ist schmerzlich insbesondere und an ers-ter Stelle für diejenigen, die es betrifft, für diejeni-gen, die Unrecht erfahren haben in der DDR. Dasist aber auch schmerzlich und zeigt, wie ernsthaftwir das meinen, für einige, zumindest in meinerPartei, in meiner Fraktion, und auch für andere, diemit der DDR andere Biografien verbinden und dieSorge haben, dass ihre gesamte Lebenszeit, diesie in der DDR verbracht haben, damit in Misskreditgebracht werden soll. Dem ist nicht so. Wir wolleneine ehrliche Aufarbeitung. Was wäre eine ehrlicheAufarbeitung, wenn dabei kein Schmerz entstünde?

Allem voran wollen wir allerdings die Chance stel-len, auch mit diesem Gesetzesentwurf, denSchmerz der Betroffenen wahrzunehmen. Ob wirihn lindern können, weiß ich zumindest nicht undich glaube, das ist auch eine Sache, die die Betrof-fenen selber entscheiden müssen. „Alles verändertsich, wenn du es veränderst, doch du kannst nichtgewinnen, solange du allein bist.“ Dieser Text auseinem Lied von „Ton Steine Scherben“ war für vielein der DDR oppositionell Aktive Losung und Lied.Das hat Roland Jahn gesagt in einer Rede in Berlinund er hat auch gesagt, dass sie damals von die-sem Lied, das für sie auch Losung war, in ihrem

3580 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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Engagement mitgetragen wurden. Dass es Leidgab, dass es Unrecht gab, wissen wir alle. Dass esnotwendig ist, dafür auch einen Gedenktag einzu-führen, halten wir für richtig,

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

denn wir wollen zumindest versuchen, der Willkür,der Entrechtung, dem Mangel, dem Fehlen und derAbwesenheit von Freiheit in einer kontinuierlichenAuseinandersetzung, die nicht haltmacht vor de-nen, die Verantwortung getragen haben, sei es inÄmtern, in Behörden, sei es aber auch dadurch,dass sie viel zu spät oder vielleicht auch nie denMut hatten, die Stimme zu erheben, einen Raum zugeben, den wir am 17. Juni als den zukünftigen Ge-denktag hier in Thüringen sehen.

Ich möchte ein Beispiel bringen, was in der DDRgeschah. Matthias Domaschk, der 1981 in Stasihaftumkam, hatte einen operativen Vorgang der Staats-sicherheit, der lief gegen ihn und gegen seine Le-bensgefährtin Renate Ellmenreich. Die geheimeVerschlusssache des Ministeriums für Staatssicher-heit Nummer 100/76 aus dem Jahr 1976 verdeut-licht, was ein operativer Vorgang bezweckt – undhier zitiere ich –: die „systematische Diskreditierungdes öffentlichen Rufes [...] auf der Grundlage mitei-nander verbundener wahrer, überprüfbarer [...] so-wie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer unddamit ebenfalls diskreditierender Angaben; sys-tematische Organisierung beruflicher und gesell-schaftlicher Misserfolge zur Untergrabung desSelbstvertrauens einzelner Personen; [...] Erzeugenvon Misstrauen und gegenseitigen Verdächtigun-gen innerhalb von Gruppen“.

Diesem Unrecht, diesem fatalen Leid, was Men-schen in der DDR geschehen ist, dem gilt es sichzu stellen. Und das erhoffen wir auch mit der Ein-führung eines Gedenktags für die Opfer des SED-Unrechts, dass wir erinnern, dass wir gedenken,dass wir uns auseinandersetzen, dass wir in Ge-spräche mit Zeitzeugen gehen und somit die weite-re Aufarbeitung vorantreiben. Dazu ist es allerdingsnotwendig, sich der eigenen Biografie und auchdem eigenen Verhalten zu stellen und sich die Fra-ge zu stellen, immer wieder im Rückblick und auch– ich sage mal – in Reflexion: Anpassen oder wi-dersprechen? Roland Jahn hat dazu in seiner Redein Berlin gesagt, dass es eine tägliche Entschei-dung in der DDR gewesen sei und dass der Wider-spruch eben keine einfache Entscheidung gewesensei, denn dem System der Angst und den Folgeneines Widerspruchs konnte man sich nicht entzie-hen.

Ich bin froh darum, dass ich in einer Familie großgeworden bin, die den Widerspruch gewagt hat.Und ich hoffe, dass es uns gelingt, in Auseinander-setzung zu gehen: Wie konnte es dazu kommen,

dass so wenige den Mut hatten, den Widerspruchzu wagen und dass unter den Wenigen, die denMut hatten, den Widerspruch zu wagen – und ichrede nicht von 1989 und dem November, sondernvon den Jahren davor –, dass unter denen so vielewaren, die bis heute darunter leiden, und auch vielewaren, die letztlich 1989 gar nicht mehr erlebenkonnten.

Roland Jahn fragt auch: Was ist noch okay in derAnpassung an die Verhältnisse? Wo ist Schluss,wo geht man zu weit? Einfache Wahrheiten gibt esnicht. Und immer wieder stellen sich die gleichenoder ähnliche Fragen: Anpassen oder widerspre-chen? Mitmachen oder verweigern? Wer verhältsich wie in welcher Situation?

Ich vermisse das Bekenntnis zur Biografie – beiden Funktionären, aber auch bei den Mitläufern. Ichvermisse das Bekenntnis zur Verantwortung unddas Hinterfragen des eigenen Handelns. Es gehtnicht um Abrechnung oder Vergeltung, sondern umAufklärung.

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Es geht darum, zu begreifen, wie eine Diktaturfunktioniert. Es geht darum, zu begreifen, warum esso lange gedauert hat, bis die Menschen die Angstverloren haben, den Widerspruch zu leisten.

Mit dem Gedenktag 17. Juni, mit einem Gedenktagfür die Opfer des SED-Unrechts stellen wir uns zu-mindest in einem weiteren Schritt der Verantwor-tung und stellen uns der Aufarbeitung.

Ich möchte zuletzt denjenigen danken, die das En-de der DDR vorangetrieben haben, den unange-passten und frei denkenden Menschen, den Enga-gierten in den Jahren vor 1989. Ich möchte, dasses uns gelingt, den Opfern zumindest unsere Erin-nerung zu geben und unsere Möglichkeiten derAufarbeitung. Dazu gehört auch der Gedenktag,den wir heute hier in erster Lesung im ThüringerLandtag behandeln. Danke schön.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Danke schön. Als Nächste hat das Wort Frau Abge-ordnete Rothe-Beinlich für die Fraktion Bündnis90/Die Grünen.

Abgeordnete Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren, liebe Schülerinnen und Schü-ler, liebe Gäste, liebe Zuhörerinnen! Ich bin Kathari-na König ausgesprochen dankbar für ihre Rede, diesie eben hier gehalten hat anlässlich der ersten Be-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3581

(Abg. König)

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ratung unseres Gesetzes für einen Gedenktag andie Opfer der SED-Diktatur am 17. Juni.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich bin ihr so dankbar, weil sie auch auf das verwie-sen hat, was vielleicht nicht unbedingt immer anerster Stelle steht – auf Biografien, auf persönlicheVerantwortung, darauf, dass es eben nicht um Ab-rechnung geht, sondern um Aufklärung und umAufarbeitung und um den Rahmen, in dem das ge-schehen kann. Uns als rot-rot-grüner Koalition wares wichtig, Raum zu geben in Form eines Gedenk-tags, in Form eines Tages, der nicht verordnet wird,sondern in Form eines Tages, der gelebt wird, derauch mit Leben gefüllt werden muss. Das kann undmuss auf ganz unterschiedliche Weise geschehen,denn wir wissen alle – das haben wir nicht zuletztreflektiert bei der Debatte rund um den Thüringen-Monitor –, dass sehr viele nur wenig über die Ge-schichte der SED-Diktatur wissen, auch über sol-che Tage wie den 17. Juni zu wenig wissen unddas, obgleich dieser Tag, meine ich, eine ganz zen-trale, besonders wichtige Rolle spielen sollte im –ich nenne es einmal so – kollektiven Gedächtnis.

Gedenktage sind Tage, an denen es zu erinnerngilt, an denen sehr genau nachgedacht werden soll-te, an denen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ge-sprochen werden kann, an denen an Biografien, anMenschen erinnert werden sollte, die dem SED-Un-recht zum Opfer gefallen sind. Gedenktage solltenwir aber auch dazu nutzen, dass jede und jeder ein-mal über die eigene Rolle, über die Rolle des klei-nen Rädchens im Getriebe nachdenkt. Das meineich tatsächlich bezogen auf alle.

Wir als die drei Fraktionen Die Linke, SPD undBündnis 90/Die Grünen haben sehr intensiv disku-tiert. Uns ging es gerade nicht um Beliebigkeit beiden Gedenktagen, da eine Fraktion hier im Hausemeint, dass, weil wir bereits über einen zweiten Ge-denktag sprechen, dies Beliebigkeit darstellen wür-de. Ganz im Gegenteil: Wir stellen uns unserer Ver-antwortung auch und gerade als rot-rot-grüne Koali-tion, die im Koalitionsvertrag ganz unmissverständ-lich dargelegt hat, dass die Aufarbeitung der SED-Diktatur in all ihren Facetten weder überflüssignoch rückwärtsgewandt ist. Wir hatten auf langeSicht angelegte Projekte der politischen Bildungvereinbart, mit denen die Vergangenheit der DDRvielfältig und beispielhaft für die gesamte Bundesre-publik aufgearbeitet wird.

Wir haben in dieser Verantwortung auch die ge-setzliche Verankerung eines Gedenktags für dieOpfer des SED-Unrechts als geeignete Form gese-hen, um das Gedenken und die Erinnerung auch inder gesamtgesellschaftlichen Debatte zu veran-kern. Der 17. Juni steht eben gerade – das habenwir auch in unserer Begründung dargelegt – vordem Hintergrund der differenzierten Geschichtesehr beispielhaft für das Aufbegehren von Men-

schen gegen Unrecht in dem von der SED geführ-ten Staat DDR.

Wenn man sich auf Quellensuche begibt, dannkann man eine Broschüre aus der Reihe „Quellenzur Geschichte Thüringens“ aus 2003 finden, he-rausgegeben von der Landeszentrale für politischeBildung, in der sehr viele Fakten zusammengetra-gen wurden. Ich möchte einiges daraus hier sinnge-mäß wiedergeben. Der 17. Juni, der als Datum zu-gleich einen größeren Geschehenszusammenhangbeschreibt, gehört, meinen wir, unwidersprochen zuden intensivsten politischen Ereignissen der jünge-ren Landesgeschichte in Thüringen. In allen Bezir-ken herrschte fundamentales politisches Interesse.Bezirke sind hier gemeint in der ehemaligen DDR,in Thüringen sind das Gera, Erfurt und Suhl. Querdurch alle Bevölkerungsschichten entfalteten sichAufbruchsstimmung und Bürgerbewusstsein. Man-cherorts entlud sich schwelender, elementarer Zornauf heftige Weise.

Wenn man sich anschaut, wo sich die Aufbruch-stimmung in Thüringen konzentriert hat, dann stößtman schnell auf Jena, auf Gera, auf Weida, aufKahla, auf Mühlhausen, Bad Tennstedt, Sömmer-da, Erfurt, Eisenberg, Silbitz, auf Camburg, aufSchmölln oder auch auf Weimar. Aber zu Protest-äußerungen kam es überall – in den Betrieben, aufden Dörfern, in Versammlungen, in Kneipen, inSchulen und Bahnhöfen. Zu den Beteiligten – auchdas gilt es zu erinnern –, die man später inhaftierteoder beruflich bestrafte, zählten Arbeiter, Arbeiterin-nen, Bauern, Handwerker, Schülerinnen und Schü-ler, Gewerkschafter, Pfarrer und Polizisten. Die Ge-schehen rund um den 17. Juni waren örtlich in derTat sehr verschieden. Manche Orte, Betriebe undLandstriche blieben außerhalb des Geschehens, ananderen wiederum waren sich viele Menschenganz schnell über den notwendigen fundamentalenPolitikwechsel einig. Während in Nordthüringen dieLandbevölkerung und Kleinstädte aktiv wurden, wa-ren es im Osten die Zeiss-Arbeiter, die Wismut-Kumpel, die Maschinenbauer und Stahlwerker, diezudem ganze Volksmassen und Nachbarorte mitris-sen. In den Grenzregionen mit Grenzregimen –man muss hier natürlich auch erinnern an dieZwangsaussiedlung 1952, die 1953 massiv nach-wirkte – und im dünn besiedelten Thüringer Waldwar größere spontane Gruppenbildung kaum mög-lich. Und so dominierte hier eine Mischung aus Re-pressionsfurcht und artiger Zustimmung zum neuenKurs. Und während manche in Gotha beispielswei-se am 12. und 16. Juni bereits streikten, wurde Er-furts Arbeiterschaft interessanterweise erst am 18.und 19. Juni richtig aktiv, als bereits sowjetischeund deutsche Truppen die Werksgelände von au-ßen abriegelten. Und als man im Juli in Gera, Jena,Silbitz große Solidarstreiks plante, hatten die Kah-laer Porzellanmaler oder die Nordhäuser IFA-Wer-ker längst reuevolle Worte verfasst. Es gibt weitere

3582 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Rothe-Beinlich)

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ganz viele Faktoren für örtliche Besonderheiten, Si-tuationen und Personen, aber auch Gerüchte, Infor-mationen, Hoffnungen und Zweifel, Schnelligkeit,Gegenwehr und vieles mehr. Man kann sich das inder heutigen Zeit, wo jeder schnell auf sein Smart-phone guckt, gar nicht mehr vorstellen, wie schwie-rig es in der Zeit auch war, an Informationen zu ge-langen.

Manche Unterschiede erklären sich aus der Kürzedes Zeitfensters, auch der machtpolitischen Mach-barkeit, denn so kamen beispielsweise diejenigennicht zum Zuge, die am 17. Juni noch in kleinenKreisen debattierten oder nur mit Streik drohten.

Trotz Vielfalt kann man im Prinzip drei übergreifen-de Ereignisformen benennen und da auch Paralle-len finden. Zum einen gab es auf Straßen und Plät-zen unterschiedlichste Formen des Protestes, vorallem in Jena, Kahla und Camburg, Gera und Wei-da, Sömmerda, Mühlhausen, Bad Tennstedt, Apol-da, Schmölln, Eisenberg und Unterwellenborn. Da-zu kamen auch Straßenaktivitäten auf Dörfern, wokleinere Teilnehmerzahlen durchaus das Gros derBevölkerung umfassten.

Die Betriebe bildeten gewissermaßen einen zwei-ten großen Ereigniskomplex. Sie hatten nicht nurInitialfunktion für viele Volksdemonstrationen oderführten mit ihren großen Belegschaften Massenbil-dung herbei, auch an Orten ohne Straßengesche-hen kam es zur Arbeitsniederlegungen und betrieb-lichen Protesten. Der genaue Umfang, der formalunter 10 Prozent der Thüringer Arbeiterschaft lag,lässt sich kaum ermitteln, weil manche Streiks imNachhinein auch als Betriebsversammlungen gal-ten und kleine Privatbetriebe in keine Statistik ka-men, weil manche Betriebe ihre Forderungen zu-nächst nur mit Streikandrohung versahen, und drit-tens auch, weil die Polizeiberichte eher dort aus-führlicher sind, wo es Betriebspolizisten gab, sprichin Großbetrieben.

Interessant auch auf dem Land die Formen massi-ven Handelns, die vielleicht so gar nicht in ersterHinsicht für alle erkennbar waren. Trotz dringlicherFeldarbeit und Viehversorgung herrschte auch hierBewegung oder Aufruhr. Typisch war die bleibendeSkepsis gegenüber den Versprechen des neuenKurses, denn zu tief gingen Narben der vorherigenZwangs- und Strafpolitik. Letztere bestimmten wohlauch die bleibende Angst in mehreren Landstri-chen.

Wie gesagt, es gibt, glaube ich, sehr vieles, was esan diesem Tag zu gedenken und zu erinnern gilt.Auf der Seite 35 der Broschüre der Landeszentralefindet man dann die Originalquellen und da sind in-teressanterweise auch politische Witze abgedruckt,einen will ich hier vortragen: Der Kaderleiter fragtden Bewerber: „Wie lange arbeiten Sie schon in ei-nem VEB?“ Antwort: „15 Jahre.“ „Na, hören Siemal, VEBs gibt es doch erst acht Jahre lang.“ Da-

rauf der Arbeiter: „Überstunden, alles Überstun-den.“ Sicher lässt sich das nur im Wissen um diedamalige Zeit verstehen. Ich glaube, wir habenheute hier einen guten Anfang für eine intensivehistorische, aber nicht rückwärtsgewandte Debattegelegt. Wir stellen uns der Verantwortung und ichfreue mich auf die intensive Fortberatung im Aus-schuss. Vielen herzlichen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion der AfD hat Abgeordneter Brand-ner das Wort.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Meine Damen und Herren, wir haben in dieser nochrecht jungen Legislaturperiode bereits wiederholtüber Fragen der Geschichtspolitik diskutiert undüber Gedenktage debattiert. Das ist begrüßens-wert, denn auch die parlamentarische Debatte überGeschichte ist geeignet, nicht nur Geschichtsver-gessenheit, sondern auch der Geschichtsklitterungund der falschen politischen Vereinnahmung vonGeschichte vorzubeugen. Das Letzteres allerdingsnicht immer gelingt, zeigte die Einführung des8. Mai als Gedenktag, der als Gedenktag für dieBefreiung vom Nationalsozialismus etabliert ist,Frau König, von Faschismus kann ich hier im Ge-denktagsgesetz nichts lesen. Da war wahrschein-lich bei Ihnen der Wunsch Vater des Gedanken.Wir haben keinen Gedenktag zur Befreiung vomFaschismus hier in Thüringen, jedenfalls habe ichdavon noch nichts mitbekommen, sondern vom Na-tionalsozialismus. Jedenfalls wurde bei der Imple-mentierung dieses Gedenktags der Ambivalenz die-ses Datums nicht genügend Rechnung getragen.Deshalb hat die AfD-Fraktion damals gesagt, dasmachen wir nicht mit. Immerhin hat unsere Plenar-debatte über dieses Datum daran erinnert, dass esdie angesprochene Ambivalenz des 8. Mai 1945gibt. Die Thüringer Bürger wissen natürlich sehrwohl, dass der 8. Mai 1945 die Befreiung vom Na-tionalsozialismus – Frau König – bedeutet. Sie wis-sen aber ebenso gut, dass der 8. Mai viel Leid undSchmerz auch für die Deutschen brachte. Und siewissen insbesondere, dass auf die Befreiung vonder einen unmittelbar die Etablierung einer anderenDiktatur folgte, nämlich der Diktatur der SED, diesich auf die bewaffnete Macht Moskaus stützte unddie heute noch hier sitzt und zu meiner Irritationauch noch regiert.

(Beifall AfD)

(Zwischenruf Abg. Marx, SPD: Wer hatgestern nach Putin gerufen?)

Nach der gesetzlichen Einführung des 8. Mai alsGedenktag konnte man zu Recht fragen, ob dieser

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3583

(Abg. Rothe-Beinlich)

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nun einzige Gedenktag nicht eine einseitige Formdes offiziellen Gedenkens sei. Denn jetzt wurdezwar der Opfer der braunen Diktatur, nicht aberderjenigen der roten Diktatur gedacht, und noch an-dere bedeutsame historische Daten blieben unbe-rücksichtigt. Diese Überlegung hat dann wahr-scheinlich die Unionsfraktion dazu veranlasst,gleich einen ganzen Strauß weiterer Gedenktagezu fordern. Eine entsprechende Häufung von Ge-denktagen hätte aber nach unserer Auffassung dasUnternehmen „Erinnerungspolitik“ vollends entwer-tet. Deshalb haben wir das auch abgelehnt. Immer-hin wollte die Union auch den 17. Juni als weiterenGedenktag eingeführt oder wieder eingeführt se-hen, es gab ihn ja schon mal. Im Sinne einer ge-schichtspolitischen Auseinandersetzung und Aus-gewogenheit ist dieser Gedanke keinesfalls abwe-gig. Das hat nun wiederum die Regierungskoalitionaufgegriffen und will nun ihrerseits den 17. Juni alsGedenktag für die Opfer des SED-Unrechts einfüh-ren. Natürlich kann man sich fragen, warum die Re-gierungskoalition selber nicht gleich auf die Ideegekommen ist, zumal wenn man die weihevollenWorte der Frau König vorhin hier gehört hat. DieWorte an sich wären, wenn sie nicht von Frau Kö-nig gekommen wären, ganz vernünftig und auch or-dentlich rübergekommen, aber das, was hier vonFrau König gesagt wurde, das grenzte – aus mei-ner Sicht – an ganz tiefe primitive Heuchelei. FrauKönig, Sie wurden von Ihrer Fraktion ausgenutzt.Wahrscheinlich haben Sie es gar nicht gemerkt. Diehaben extra ein junges Mädel hier vorn hingestellt,das historisch unbelastet ist,

(Zwischenruf Abg. Dittes, DIE LINKE: Kannden jetzt mal jemand abstellen? Das ist ein-fach widerlich!)

(Heiterkeit AfD)

und es war bestimmt auch kein Zufall, dass wäh-rend Ihrer Ausführungen die Genossen Blech-schmidt und Leukefeld genauso wie der GenosseKuschel gar nicht im Raum waren. Also, Sie wur-den hier vorgeführt, Frau König, Sie wurden zumnützlichen Idioten der Fraktion gemacht und habenes wahrscheinlich gar nicht gemerkt, was hier mitIhnen passiert ist.

(Zwischenruf Abg. Becker, SPD: Das kanndoch wohl nicht wahr sein!)

Vizepräsidentin Jung:

Herr Abgeordneter Brandner. Für den „nützlichenIdioten“ erteile ich Ihnen einen Ordnungsruf.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Die Frage war, warum Sie nicht gleich auf die Ideegekommen sind, zumal das ja so eine tolle Redewar von Ihnen, Frau König. Die Antwort aus unse-rer Sicht ist einfach. Im linken Lager ist man zwar

besessen von der Diktatur der Nationalsozialisten,bei der Auseinandersetzung mit den diktatorischenUntaten und Verbrechen von Sozialisten und Kom-munisten linker Couleur allerdings muss man erstzum Jagen getragen werden und trägt links einedicke Augenklappe.

Frau Marx, das macht uns deshalb nichts, denn wirsagen „Potius sero quam numquam.“ und wissen,immerhin ist da etwas Gutes auf dem Wege.

(Beifall AfD)

Nun steht die AfD-Fraktion einem staatsoffiziellenGedenktagswesen grundsätzlich skeptisch gegen-über, auch weil es jeweils den jeweiligen Mehrhei-ten unterworfen ist. Wenn aber infolge der Mehr-heitsverhältnisse die Etablierung von Gedenktagennicht zu verhindern ist, so können wir doch mit dem17. Juni als einem zweiten Gedenktag in Thüringensehr gut leben. Das habe ich vor einigen Wochenvon hier aus auch schon gesagt – ich glaube, ichhabe es schon mehrfach gesagt – und ich freuemich, dass nun auch die Linke dieser Auffassungist. Denn mit dem 17. Juni wird an ein Verbrecher-regime erinnert, das genauso wenig wie das DritteReich vergessen werden darf. Und das Risiko desVergessens ist keineswegs gering, Frau Rothe-Beinlich hatte darauf hingewiesen. Studien bele-gen, dass erschreckend viele Schüler heutzutagebekanntlich weder eine Ahnung vom gelebtenDDR-Sozialismus noch vom Nationalsozialismushaben. Das wirft natürlich ein Licht auf den Ge-schichtsunterricht in den Schulen. Der HistorikerKlaus Schroeder äußerte vor Kurzem sinngemäßdazu, dass die Zeitgeschichte ein Stiefkind des Ge-schichtsunterrichts sei, die immer am Ende einesSchuljahrs stünde, zumal dann, wenn bereits Stun-den ausgefallen seien. Im Osten käme erschwe-rend hinzu, dass jedenfalls ältere Lehrer sich un-gern mit diesem Thema beschäftigen. Wahrschein-lich wäre es daher sinnvoller, einen soliden Ge-schichtsunterricht in Thüringen durchzuführen undzu organisieren als Gedenktage einzuführen. Daskönnen wir dann einmal in einer bildungspolitischenDebatte besprechen, meine Damen und Herren.

(Beifall AfD)

Wir finden, jedenfalls gerade auch in der jungenGeneration, allzu oft ein bisweilen nostalgischesBild der DDR und des gelebten DDR-Sozialismusvor. Das wird allzu oft von sentimentalen Rück-blicken einer älteren Generation bestätigt und auchmassiv von der zweitgrößten Fraktion hier im Land-tag unterstützt. Solche Geschichtsbilder, die Sievon den Linken vermitteln, lassen leicht vergessen,dass die DDR eine handfeste sozialistische Diktaturwar, ein Unrechts- und ein Unterdrückungsstaat,der die Menschen bevormundete, knechtete, ein-sperrte, auch umbrachte, und mit Freiheit undRecht nichts am Hut hatte. Geführt war das Ganzedurch die SED und die – die CDU soll auch nicht

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(Abg. Brandner)

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ungeschoren davonkommen – Blockparteien. Ge-nau dies offenbarte sich besonders deutlich an je-nem 17. Juni 1953 und in den sich daran anschlie-ßenden Tagen. Die meisten Menschen in der da-mals sogenannten Zone wollten dieses Regimenicht. Sie wollten Rechtsstaatlichkeit, sie wolltenDemokratie, sie wollten eine prosperierende Wirt-schaft. Daher gab es, anders als im sogenanntenDritten Reich, in der DDR eine breite Gesellschaftder Opposition gegen das diktatorische Regime derSED, und zwar eine Opposition, die sich am 17. Ju-ni 1953 die Bahn brach.

Meine Damen und Herren, im Gesetzentwurf derRegierungsfraktionen wird daran erinnert, dass der17. Juni in der alten Bundesrepublik bereits Feier-tag und nationaler Gedenktag war. Es wird aller-dings behauptet – das wundert mich –, es sei einGedenktag gewesen, der zum Ritual verkommenwar. Wenn man diese Sicht der Dinge teilt, kommthier einmal mehr die Problematik solcher staatsver-ordneter historischer Gedenk- und Feiertage zumVorschein. Es droht die Gefahr, dass sie zum Ritualwerden. Aber vermutlich war gerade dieser 17. Junivor allem aus Sicht der Linken oder der DKP, wiesie damals bei uns hieß, ein Ritual. Tatsächlich ha-ben die Vernünftigen in der alten Bundesrepublikden 17. Juni sehr ernst genommen und an der For-derung der Deutschen Einheit, zu Recht, wie manjetzt sieht, festgehalten. Die Vernünftigen warenfreilich meist nicht solche, die in der SPD, bei denGrünen oder in der DKP beheimatet waren. Vorstö-ße, den 17. Juni als Tag der Deutschen Einheitschon in der alten Bundesrepublik abzuschaffen,gab es häufig und die kamen meist von links. Daswollen wir nicht vergessen. In diesem Zusammen-hang muss ich auch mal an eine Sternstunde derSozialdemokratie im negativen Sinn erinnern, näm-lich an das unsägliche SED-SPD-Papier aus demJahr 1987, mit dem die Sozialdemokraten West –ich hoffe, Sie schämen sich dafür immer noch – defacto die SED-Herrschaft noch in der Spätphasestützten und unbegreiflicherweise den Gegensatzvon republikanischem Rechtsstaat und Diktatur auf-weichten.

(Beifall AfD)

Meine Damen und Herren von der SPD, wenn Siedas verstanden haben, was ich gerade gesagt habe

(Zwischenruf Abg. Becker, SPD: Kein Wort!)

– Soll ich es noch mal wiederholen? –,

(Zwischenruf Abg. Becker, SPD: Nein, dasmuss nicht sein!)

ist eine gewisse Konsequenz zu sehen, denn Ihrejetzige Unterwerfung, die Unterwerfung der einststolzen SPD unter die Herrschenden von früher.Das ist eigentlich dann eine zwingende Logik,oder? Peinlich für eine ehemals so stolze Partei.Nichtsdestotrotz, meine Damen und Herren, ist es

erfreulich, dass die Regierungsfraktionen, wennauch nun mit einiger Heuchelei gekrönt, die Ereig-nisse des 17. Juni mit einem Gedenktag ehren wol-len. Wir werden uns dem nicht verweigern und hof-fen dabei, das meine ich so, dass es wirklich ernstvon Ihnen, und vor allem von Ihnen links, gemeintist. Vielen Dank.

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion der CDU hat sich AbgeordneterWalk zu Wort gemeldet.

Abgeordneter Walk, CDU:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolle-ginnen Frau König und Frau Rothe-Beinlich, sehrgeehrte Kolleginnen und Kollegen hier im Plenum,werte Besucher auf der Besuchertribüne und im Li-vestream, wir befassen uns heute im Plenum er-neut mit einem Gesetzentwurf zur Änderung desThüringer Feiertagsgesetzes, der insgesamt dritteinnerhalb weniger Monate. Ich denke, es machtSinn – Frau Abgeordnete König hat auch schon zu-rückgeschaut –, dass ich noch mal aus Sicht derUnion den bisherigen Werdegang skizziere. Zu-nächst legte Rot-Rot-Grün im Mai 2015 ihren Ge-setzentwurf vor, der die singuläre Aufnahme des8. Mai als Gedenktag vorsah. Meine Fraktion be-gleitete dieses Vorhaben mit einem Änderungsan-trag, der zusätzlich die Aufnahme weiterer Gedenk-tage vorsah. Der 8. Mai sollte nicht isoliert als allei-niger politischer Gedenktag aufgenommen werden,sondern im Kontext stehen mit weiteren geschicht-lich wegweisenden Tagen und Ereignissen, die dasRingen um einen parlamentarisch demokratischverfassten Staat verdeutlichen. Namentlich der18. März, als Tag der parlamentarischen Demokra-tie, der 17. Juni, dazu später, sowie der 25. Oktoberals Tag der Verfassung des Freistaats und desThüringer Landtags. Das Ergebnis der seinerzeitsehr lebhaften Debatte am 2. Oktober ist bekannt,mit rot-rot-grüner Stimmenmehrheit wurde der Ge-setzentwurf der Koalition verabschiedet und damiteben nur der 8. Mai. Ende Oktober 2015 brachtedann unsere Fraktion einen Gesetzentwurf zur Än-derung des Feiertagsgesetzes ein. Dieser sieht vor,neben den bisherigen, von uns vorgeschlagenenGedenktagen 18. März, 17. Juni, 25. Oktober nun-mehr zusätzlich den 9. November zu normieren,denn in diesem deutschen „Nachdenktag“ verdich-ten sich Höhen und tiefste Abgründe deutscher De-mokratiegeschichte in ganz besonderer Weise.

Der Grund für die neuerliche Gesetzesinitiative wareinfach: Zum einen hatten sich Abgeordnete – unddas fraktionsübergreifend – für eine fortzuführendeDiskussion in der Frage der Aufnahme weiterer Ge-denktage ausgesprochen und zum anderen war dieFestlegung auf den 8. Mai – ich erwähnte es – als

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(Abg. Brandner)

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einzigen Gedenktag nach unserer Auffassung zukurz gegriffen. Insbesondere Ministerpräsident Ra-melow – von hier aus viele Grüße nach Rom, ichhoffe, das es morgen mit der Audienz noch klappt –hat sich ausdrücklich dafür ausgesprochen, zeitnaheine neue parlamentarische Initiative auf den Wegzu bringen. Soweit in Kurzform die Genese.

Nun zum vorliegenden Gesetzentwurf von Rot-Rot-Grün: Auch wenn es eine gewisse Zeit gedauerthat, diesen Entwurf vorzulegen, der bereits für An-fang Januar angekündigt war, begrüßen wir aus-drücklich, dass der 17. Juni, dem für uns als Ge-denktag für die Opfer der SED-Diktatur eine beson-dere und herausragende Bedeutung zukommt, jetztBerücksichtigung finden soll. Insofern freue ichmich über einen offensichtlichen Erkenntniszuge-winn bei Rot-Rot-Grün, zumindest was die Aufnah-me dieses Gedenktages anbetrifft.

(Beifall CDU)

Ich möchte gern noch mal auf Frau AbgeordneteKönig eingehen und ausdrücklich begrüßen, dasssie sagt, wir wollen eine ehrliche Aufarbeitung unddiese wollen wir weiter vorantreiben. Auch sprachsie davon, es gab Unrecht und fatales Leid, diesemgilt es sich zu stellen. Ein dritter Punkt, Frau Kolle-gin: Wir wollen den Opfern unsere Erinnerung ge-ben. Dem ist ausdrücklich zuzustimmen. Ja – Aus-rufezeichen!

(Beifall CDU, DIE LINKE)

Ich bedanke mich auch bei Kollegin Rothe-Beinlich,die nochmals zum 17. Juni sehr ausführlich und dif-ferenziert historisch die Abläufe dargestellt hat.

Leider wurde aus unseren Vorschlägen, weitereGedenktage aufzunehmen, bisher nichts aufge-nommen. Dies ist insofern bedauerlich, als bei derPlenardebatte am 2. Oktober 2015 ein anderer An-schein erweckt wurde. Zudem finde ich es zumin-dest erwähnenswert, dass der Wunsch des Minis-terpräsidenten in den eigenen rot-rot-grünen Rei-hen bisher jedenfalls offenbar ergebnislos verhallte.Ich würde es gern noch mal anführen, Ministerprä-sident Ramelow bereicherte seinerzeit die erwähnteDebatte wie folgt – ich darf zitieren, Frau Präsiden-tin –, er sagte: „Ich finde den Vorschlag, den HerrMohring unterbreitet hat, über den 17. Juni, überden 18. März, über den 25. Oktober zu reden, rich-tig. Ich habe ihn ergänzt um den 9. November. Ichfinde, diese Diskussion sollten wir führen.“ So weitMinisterpräsident Ramelow am 2. Oktober hier indiesem Hohen Haus. Richtig, Herr Ministerpräsi-dent, auch wir finden, diese Diskussion sollten wirführen. Das Plenarprotokoll vermerkte übrigenszum Beitrag des Ministerpräsidenten: Beifall ausden Reihen der Fraktion Die Linke, der SPD undvon Bündnis 90/Die Grünen.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, geradeauch bei der Aufnahme weiterer Gedenktage neben

dem 8. Mai und neben dem 17. Juni sehe ich unsnoch nicht am Ende der Diskussion angekommen.Das habe ich auch eben in den Beiträgen so ver-nommen und das ist auch gut so. Nachdem sich,wie eben beschrieben, bereits Herr Ramelow vehe-ment für den 9. November eingesetzt hat, scheintmir die politische und öffentliche Auseinanderset-zung hierzu keineswegs bereits abgeschlossen –ganz im Gegenteil. Wenn ich die öffentlichen Äuße-rungen meiner Landtagskollegen richtig interpretie-re, scheint sich dieser Erkenntnisprozess erfreuli-cherweise noch fortzuführen und dies entsprächeauch im besten Sinn einer sich entwickelnden undgelebten parlamentarischen Meinungsbildung. AlsBeleg dessen will ich gern auf den aktuellen Dis-kussionsbeitrag von Kollegen Matthias Hey einge-hen. Laut Medienberichterstattung haben Sie Fol-gendes gesagt: „Ich würde zum Beispiel den18. März gut finden.“ Und Sie spielen darauf an,den 18. März als Tag der parlamentarischen Demo-kratie mit zu normieren.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, lassen Siemich nach diesem Rückblick noch abschließend zu-sammenfassend, dass wir erstens nach wie vor anunserem Gesetzentwurf und den darin verankertenGedenktagen – wie ich finde – aus guten Gründenauch festhalten und zweitens einer Überweisung anden Innen- und Kommunalausschuss sowie derDurchführung einer schriftlichen Anhörung zustim-men werden. Ich bedanke mich für die sachlicheDiskussion, für Ihre Aufmerksamkeit, hoffe auf einebreite Beteiligung im Rahmen der Anhörung undfreue mich auf die kommenden Diskussionen undDebatten zu diesem wichtigen und spannendenThema und stimme abschließend, Frau KolleginRothe-Beinlich, ausdrücklich Ihnen noch mal, zu.Sie haben die heutige Debatte als guten Anfang füreine zukunftsorientierte Debatte erkannt. Dem kannich nur beipflichten. Herzlichen Dank für Ihre Auf-merksamkeit.

(Beifall CDU, DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion der SPD hat sich Abgeordnete Pel-ke zu Wort gemeldet.

Abgeordnete Pelke, SPD:

Frau Präsidentin, mein sehr verehrten Damen undHerren, bevor ich mich den vernünftigen Redebei-trägen zuwende – ich mache das nicht gern –,muss ich aber noch mal zwei Sätze zu HerrnBrandner sagen.

Herr Brandner, zunächst mal eine Vorbemerkungganz persönlich von meiner Seite: Wenn Sie sich –und Sie haben das hier sehr deutlich gemacht – umdie Erinnerungskultur in diesem Land sorgen und

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(Abg. Walk)

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diese werten und bewerten, dann macht mir dasAngst.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Und wenn Sie dann hier eine Form von Geschichts-klitterung betreiben, was die Sechziger angeht,dann muss ich mal sagen: In den Sechzigern, fallsIhnen das entgangen ist – irgendwie hatte ich jamal gehört, dass Sie auch aus dem ehemals ande-ren Teil des Landes gekommen sind –, gab es einThema, das nannte sich „Ostpolitik“. Und wenn wirheute schon mal ganz viel beim Dankeschön-Sa-gen sind, dann könnte man mal stellvertretend fürviele andere Egon Bahr und Willy Brandt an dieserStelle ganz deutlich Danke sagen

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN; Abg. Helmerich, fraktionslos)

für eine Ostpolitik, die sich „Wandel durch Annähe-rung“ nannte, und Egon Bahr nannte diese Politikimmer die „Politik der kleinen Schritte“. Und ich be-haupte mal, wenn Egon Bahr und Willy Brandt nichtseinerzeit deutlich gemacht hätten, dass der Wes-ten sich annähern muss an damals die Sowjetunionund damit auch die DDR, dann wäre vieles vondem, was später zustande gekommen ist, nicht zu-stande gekommen. Vielleicht nimmt man das ein-fach mal mit auf.

(Beifall SPD)

Aber ich weiß nicht, vielleicht haben Sie irgendwasabgeguckt bei einer Rede von Franz-Josef Straußoder so was. Also die Diskussion und die Kritik ander Ostpolitik damals, da kann ich mich noch gutdran erinnern, letztendlich war sie Grundlage dafür,dass gerade auch die Sozialdemokratie immer fürein wiedervereintes Deutschland gestritten hat. Dasan dieser Stelle noch mal vorneweg.

An diesem Punkt will ich auch noch mal deutlich sa-gen: Wir haben uns mit der Thematik „Gedenktag8. Mai“ beschäftigt und wir haben festgelegt, der8. Mai ist Gedenktag anlässlich der Befreiung vomNationalsozialismus und der Beendigung des Zwei-ten Weltkriegs in Europa. Gerade weil dieser Tageine so besondere Bedeutung hat und damit auchein Alleinstellungsmerkmal war es den Koalitions-fraktionen seinerzeit wichtig, dieses separat zu dis-kutieren und separat zu beschließen. Dazu stehenwir heute nach wie vor.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN; Abg. Helmerich, fraktionslos)

Alle Diskussionsredner haben in dieser Debatteauch darauf hingewiesen, dass es bei Gott wichtigist, noch weitere Gedenktage mit einzubeziehen.Ich habe für meine Fraktion schon ganz deutlich aufden 17. Juni hingewiesen und die Kolleginnen undKollegen aus den anderen koalitions- und regie-rungstragenden Fraktionen haben sich dazu auch

geäußert. Also es ist überhaupt keine Idee, die neuist, sondern wir haben damals schon den Kollegin-nen und Kollegen der CDU gesagt, sehr wohl wer-den wir über weitere Gedenktage sprechen. Unddas tun wir an dieser Stelle.

Deswegen bin ich sehr froh, dass die Koalitions-fraktionen heute den Antrag für den weiteren Ge-denktag des 17. Juni vorgelegt haben. Ich habe inder Diskussion schon gesagt: Für mich waren undsind diejenigen, die am 17. Juni 1953 aufbegehrten– ich zitiere aus meinen eigenen Worten –, die denAufstand gewagt haben, heute immer noch die Vor-kämpfer derjenigen, die dann 1989 die friedlicheRevolution umsetzen konnten. Dazu stehe ich unddeswegen ist das Erinnern sehr wichtig.

(Beifall SPD)

Zu dem, was Frau König auch berechtigterweiseangesprochen hat: Es geht hier nicht um Vergel-tung und um Rache und um andere Dinge. Es gehtdarum, sich einer Situation bewusst zu werden,was es damals für Menschen bedeutete, auf dieStraße zu gehen und sich zu wehren, und was esauch bedeutete, auch wenn nur einer geschwiegenhat, was für Ängste möglicherweise in dem Men-schen steckten, weil er vielleicht gern etwas gesagthätte, aber Angst hatte. Auch Ängste müssen wirzur Kenntnis nehmen, Ängste sind bei Menschenvorhanden. Es ist angesprochen worden, mit wieviel Leid dann diejenigen, die aufgestanden sind,auch zu rechnen hatten. Sie wurden inhaftiert, siewurden verfolgt, sie wurden im Zweifelsfall auch ge-tötet. Deswegen will ich an dieser Stelle auch nochmal darauf hinweisen: Bei manchen von denjeni-gen, die heute regelmäßig davon profitieren, dasses in unserer Demokratie eine Demonstrationsfrei-heit gibt, die geschützt ist, sodass wir jederzeit aufdie Straße gehen können, ist es mittlerweile eineSelbstverständlichkeit, sodass sie überhaupt nichtmehr wertgeschätzt wird.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN; Abg. Helmerich, fraktionslos)

Das war für andere Menschen ganz anders, auchnoch im November 1989, als man auf die Straßeging und nicht wusste, wie und ob man wieder nachHause kommt. Insofern ist für mich der 17. Juni einTag des Erinnerns, ein Tag des Gedenkens, einTag, der mit dazu beitragen soll, dass auch die jün-gere Geschichte der DDR-Diktatur nicht vergessenwird, dass das SED-Unrecht nicht vergessen wird,und ich sage dann auch – so offen muss man dasansprechen und das haben ja auch die Kolleginnenund Kollegen der CDU schon selbst gesagt –, esgeht um die DDR-Staatsstrukturen, es geht um Sta-si, es geht um die SED, aber es geht auch um dieBlockparteien, die ihre Verantwortung auch getra-gen haben, der man sich auch stellen muss.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3587

(Abg. Pelke)

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(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Ich bin sehr froh, dass mit der Aufarbeitung dieserGeschichte jetzt auch in der CDU begonnen wird.Sie haben das sehr deutlich gemacht mit Gutachtenund mit anderen Dingen. Ich halte das für ganzwichtig. Demzufolge möchte auch ich diesen Antragan den Innenausschuss überweisen und möchteauch weiter diskutieren, denn wenn man versucht,das eine von dem anderen abzuleiten – das sageich jetzt ganz für mich persönlich, können wir dieseGespräche sowohl innerhalb der Koalition als auchin dem Ausschuss insgesamt noch führen –, gehörtfür mich sehr wohl zumindest auch der 9. Novem-ber zu einer Erinnerungskultur, möglicherweise ge-rade deshalb, weil er so ambivalent ist.

Ich sage selbst, wenn ich darüber nachdenke undwenn man sich an diesen 9. November an das, wasvon Menschen hier in der ehemaligen DDR geleis-tet worden ist, erinnert, dann kommt auch gleich im-mer wieder die Erinnerung an die Reichspogrom-nacht. Insofern ist es immer eine Schwierigkeit,Freude und Leid an diesem Tag in einem Miteinan-der in Erinnerung zu behalten. Aber trotz alledemmöchte ich an dieser Stelle sagen, ich hoffe undwünsche, dass wir gegebenenfalls auch noch überden 17. Juni hinaus über eine weitere Gedenkkulturund damit Gedenktage in dem Ausschuss sprechenkönnen. Ich hoffe und wünsche, dass die demokra-tischen Parteien hier zu einer Einigung kommen.Herzlichen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN; Abg. Helmerich, fraktionslos)

Vizepräsidentin Jung:

Aus den Reihen der Abgeordneten liegen mir jetztkeine weiteren Wortmeldungen vor – doch, HerrAbgeordneter Brandner.

(Beifall CDU)

Abgeordneter Brandner, AfD:

Frau Pelke, Sie haben mich jetzt korrigiert, was die60er-Jahre angeht, obwohl ich meiner Erinnerungnach zu den 60er-Jahren gar nichts gesagt habe.Dann haben Sie einen deutschen Politiker erwähnt,Willy Brandt, geboren als Herbert Frahm, der 1988historisch verbürgt gesagt hat: „Die Wiedervereini-gung ist die Lebenslüge der zweiten Deutschen Re-publik“. Sie haben andere Zitate gebracht, was irri-gerweise dann vielleicht hier den einen oder ande-ren dazu verleitet hat, zu klatschen, obwohl er dasgar nicht getan hätte, wenn er gewusst hätte, wasHerr Brandt sonst noch so vom Stapel gelassenhat. Die Lebenslüge der zweiten Deutschen Repu-blik wäre die Wiedervereinigung – ich weiß nicht,warum man da klatschen soll.

(Unruhe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vielleicht sehen Sie sich mal genau an, was HerrWilly Brandt überhaupt so verzapft hat in seinemLeben. Abgesehen davon ist es auch nicht so, dassandere führende SPD-Politiker – ich erinnere da anHerrn Lafontaine, an den Sie ja vielleicht nicht mehrso gern denken, Joseph Fischer von den Grünen,das waren auch alles andere als Befürworter derWiedervereinigung. Vielleicht machen wir bei derzweiten Lesung mal so einen kleinen Exkurs durchdie Geschichte, wie Sie sich hier alle – Sie sowieso,aber auch die Linken und die Grünen und die SPD– historisch gesehen verbiegen. Ich freue mich aufdie zweite Lesung.

(Beifall AfD)

Bei der zweiten Lesung können Sie sich dann auchmal darauf vorbereiten, das haben Sie leider auchso übergangen oder vielleicht haben Sie es nichtverstanden. Dann lesen Sie mal genau durch, wasSie 1987 da als SPD mit der SED vereinbart haben.Ich freue mich ganz gewaltig auf diese Diskussion.Danke schön.

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Landesregierung hat Staatssekretär Götzedas Wort.

Götze, Staatssekretär:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Da-men und Herren Abgeordnete, zu dem Entwurf derFraktionen Die Linke, der SPD und die Bündnis90/Die Grünen für ein „Zweites Gesetz zur Ände-rung des Thüringer Feiertagsgesetzes“ möchte ichwie folgt Stellung nehmen:

Der Hintergrund dieses Gesetzes ist bekannt. ImVorfeld des 70. Jahrestags der Befreiung von dernationalsozialistischen Gewaltherrschaft und damitdem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa mach-ten es sich die Koalitionsfraktionen im vergangenenJahr zum Anliegen, nach dem Vorbild einiger ande-rer Bundesländer den 8. Mai als Gedenktag in dasFeiertagsgesetz des Landes einzufügen. Die Frak-tion der CDU wollte diese singuläre Bestimmung ei-nes Gedenktages eingebettet wissen in eine Mehr-zahl weiterer Gedenktage. Sie schlug den 18. Märzals Tag der parlamentarischen Demokratie vor, den17. Juni als Gedenktag für die Opfer der SED-Dik-tatur und den 25. Oktober als Tag der Verfassungdes Freistaats Thüringen und des Thüringer Land-tags einzufügen. Dieser Erweiterung wurde in derparlamentarischen Behandlung zwar nicht entspro-chen und es blieb bei der Benennung des 8. Mai,jedoch hatten Vertreter der Koalitionsfraktionen so-wohl im Ausschuss für Inneres und Kommunalesals auch im Plenum zu erkennen gegeben, eine Er-

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(Abg. Pelke)

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weiterung in Betracht zu ziehen. Daraufhin legte dieCDU-Fraktion zum Novemberplenum den Entwurfeines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Thürin-ger Feiertagesgesetzes“ vor, welches die drei so-eben genannten Tage zuzüglich des 9. Novemberals Tag der demokratischen Selbstbesinnung alsweitere Gedenktage in das Feiertagsgesetz einfüh-ren soll. Zudem wird der Name des Gesetzes durcheinen Hinweis auf die in ihm enthaltenen Gedenkta-ge erweitert. Diese Vorlage wird derzeit im Aus-schuss für Inneres und Kommunales behandelt.

Die Koalitionsfraktionen haben nunmehr einen ei-genen Entwurf für ein Zweites Gesetz zur Änderungdes Thüringer Feiertagsgesetzes vorgelegt. Siemöchten sich in der Erweiterung des Katalogs aufden 17. Juni beschränken und im Übrigen, wie derOppositionsentwurf auch, den Titel des Gesetzesgeändert wissen. Letzteres bedarf keiner weiterenErklärung, denn das Thüringer Feiertagsgesetz alsRecht der öffentlichen Sicherheit und Ordnung trifftfür bestimmte oder im Einzelfall zu bestimmendeTage Regelungen, die konkrete Rechtsfolgen bein-halten, etwa die allgemeine Arbeitsruhe oder sons-tige Verhaltensvorschriften für besonders geschütztTage. Ein Gedenktag kennt solche Rechtsfolgennicht und ist deshalb auch nicht per se Bestandteileines Feiertagsgesetzes. Er stellt vielmehr einenAppell an die Öffentlichkeit dar, sich eines Ereignis-ses von allgemeiner Wichtigkeit zu erinnern. Nichtvon ungefähr gibt es kein Monopol darauf, einenGedenktag auszurufen. Es können die Parlamente,es kann im Bund der Bundespräsident und in denLändern eine Ministerpräsidentin oder ein Minister-präsident, es können aber auch ebenso gesell-schaftliche Gruppen solche Appelle ausgeben. Na-türlich ist aber die Bestimmung durch Gesetz dieherausgehobenste Form eines solchen Appells, al-lerdings kann sie, wie dargestellt, mit dem Anliegeneines Feiertagsgesetzes wenig gemeinsam habenund deshalb ist die Erweiterung des Gesetzesna-mens ohne Weiteres richtig und wünschenswert.

Diese Überlegungen leiten über zu einem zweitenPunkt. Die Bestimmung von Gedenktagen durchein Gesetz – ich erinnere an die zahlreichen weite-ren Möglichkeiten – sollte einer gewissen Systema-tik folgen. Sie sollte in sich schlüssig sein. Der8. Mai 1945 ist ein Tag unmittelbaren Erlebens derBevölkerung in Thüringen, in Deutschland und inEuropa insgesamt gewesen. Er ist Bestandteil derkollektiven Erinnerung der Bevölkerung und hatsich als Tag des Kriegsendes und der Befreiungvon der nationalsozialistischen Herrschaft einge-brannt. Diese unmittelbare Wirkung hat nuracht Jahre später auch der 17. Juni 1953 entfaltet,mit welchem endgültig deutlich wurde, dass sichauf dem Gebiet der DDR erneut ein Unrechtsre-gime etabliert hatte oder etabliert worden war,wenn auch nur bedingt vergleichbar mit jenem, vondem man befreit worden war. Auch dieses Datum

ist für breiteste Teile der Bevölkerung in Thüringenund in den neuen Ländern prägend gewesen undgehört in der Unmittelbarkeit des Erlebens zur kol-lektiven historischen Erfahrung der Menschen. Diesrechtfertigte es, dass man den 17. Juni als einen –wenngleich unglücklichen – Meilenstein der Nach-kriegsgeschichte Deutschlands gleichfalls als ge-setzlichen Gedenktag festlegt. Dabei freilich sollteman es bewenden lassen. Die der Erinnerung andie Entwicklung des deutschen und jüngeren Thü-ringer Parlamentarismus gewidmeten Tage sindtrotz ihrer historischen Wichtigkeit nicht annäherndin gleicher Weise im breiten Bewusstsein der Be-völkerung verankert. Mit Blick auf den 9. Novemberwird dem Gedenken an die Wiedervereinigung unddie Nachkriegsgeschichte Deutschlands dadurchRechnung getragen, dass der 3. Oktober als bun-desweiter gesetzlicher Feiertag eingeführt wordenist. Die weiteren Bezüge zum nationalsozialisti-schen Unrecht, zu Schoah und Holocaust, aberauch zur Errichtung einer deutschen Republik undzu anderen Ereignissen, die sich im Laufe der Ge-schichte mit diesem Datum verbanden, ergeben ei-ne solch ungeheure Komplexität, dass dem Ver-such, den 9. November auf Landesebene als eineneinheitlichen Gedenktag der nationalen Selbstbe-stimmung einzuführen, eher mit Skepsis begegnetwerden muss. Er sollte in der Vielfalt seiner Aspek-te so wie bisher erhalten bleiben.

Lassen Sie mich zum Ende meiner Ausführungenkommen. Aus den dargelegten Erwägungen be-grüßt die Landesregierung den von den FraktionenDie Linke, der SPD und Bündnis 90/Die Grünenvorgelegten Gesetzentwurf und wünscht ihm einezügige Behandlung. Ich danke für Ihre Aufmerk-samkeit.

(Beifall im Hause)

Vizepräsidentin Jung:

Es liegt eine weitere Wortmeldung vor. Frau Abge-ordnete Pelke, Sie haben das Wort.

Abgeordnete Pelke, SPD:

Herr Brandner, ich bin mir manchmal nicht sicher,ob Sie zu der Kategorie Mensch gehören, die erstwissen, was sie denken, wenn sie hören, was siesagen – das wäre eine Möglichkeit. Die andereMöglichkeit ist, dass Sie hier ganz bewusst Dingeansprechen, die in eine ganz bestimmte politischeEbene gehören. Ich bitte Sie nur, darüber nachzu-denken, wenn es Ihnen möglich ist. Willy Brandt ist

(Zwischenruf Abg. Höcke, AfD: Kein Heili-ger!)

1934 ins Exil gegangen, er musste ins Exil gehen.Jetzt denken Sie bitte mal mit Ihrer Denke, die Sieständig hier draußen rumkrakeelen, warum er 1934

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3589

(Staatssekretär Götze)

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ins Exil gegangen ist. Denken Sie einfach mal da-rüber nach!

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Mir liegen jetzt keine weiteren Wortmeldungen vor.

Es ist Ausschussüberweisung an den Innen- undKommunalausschuss beantragt. Wer dieser zu-stimmt, den bitte ich jetzt um das Handzeichen. Ge-genstimmen? Stimmenthaltungen kann ich nicht er-kennen. Damit ist das Gesetz an den Innen- undKommunalausschuss überwiesen.

Weitere Ausschussüberweisungen sind nicht bean-tragt. Ich schließe damit diesen Tagesordnungs-punkt und rufe auf den Tagesordnungspunkt 10

Zweites Gesetz zur Änderungdes Thüringer SchulgesetzesGesetzentwurf der Fraktion derAfD- Drucksache 6/1762 -ERSTE BERATUNG

Wünscht die Fraktion der AfD das Wort zur Begrün-dung? Frau Abgeordnete Muhsal, Sie haben dasWort.

Abgeordnete Muhsal, AfD:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Abge-ordnete, Sie erinnern sich vielleicht, Ende letztenJahres habe ich die Landesregierung in einer Klei-nen Anfrage danach gefragt, wie viel Sportunter-richt im letzten Jahr ausgefallen ist, weil Sporthallenals Asylbewerberunterkünfte zweckentfremdet wer-den und wurden. Neben der Information, dass zwi-schen dem 8. September und dem 2. Dezember2015 sage und schreibe 1.116 Sportstunden auf-grund der Einquartierung von Asylbewerbern inSporthallen ausgefallen sind, teilte die Landesregie-rung lapidar mit, dass der Unterricht bei guten Wit-terungsbedingungen jedoch im Freien stattfindenkönnte. Das heißt doch nichts anderes, als dassnicht nur 1.116 Stunden ausgefallen sind, sonderndass zusätzlich noch der Sportunterricht, der erteiltwurde, in seiner Ausrichtung eingeschränkt wurde.

Außerdem teilte die Landesregierung mit, dass ihrkein belastbares Zahlenmaterial vorliegt, wie vieleSportvereine von der Unterbringung von Asylbe-werbern in Turnhallen betroffen waren. Das wun-dert mich wenig, denn das dürften ja einige gewe-sen sein und für die Landesregierung ist es ja ganzpraktisch, wenn sie unliebsame Informationen garnicht erst einholt.

Der Präsident des Landessportbunds forderte imSeptember letzten Jahres jedenfalls, dass für den

Schul- und den Vereinssport durch die Unterbrin-gung von Asylbewerbern kein Nachteil entstehendürfe, denn – ich zitiere –: „[...] sonst wird denSportvereinen die Basis ihrer Arbeit entzogen.“

Mir persönlich ist nur ein Fall bekannt, in dem derProtest gegen die Belegung einer Turnhalle mitAsylbewerbern Erfolg hatte, und das betrifft dieLeichtathletiklaufhalle in der Oberaue in Jena. Dorttrainiert der Speerwerfer Thomas Röhler für Olym-pia und außerdem wäre der BundesstützpunktLeichtathletik durch die Zweckentfremdung der Hal-le in Gefahr geraten. So sehr ich die Entscheidung,die Laufhalle nicht zu belegen, begrüße, so sehrmuss ich aber auch fragen: Was ist denn mit all denanderen Betroffenen? Was ist mit den Schulkin-dern, deren Sportunterricht ausfällt? Was ist mit de-nen, die im Freien rumspringen müssen und hoffendürfen, dass es nicht regnet oder friert? Was ist mitden Sportvereinen, die ihr Sportangebot einschrän-ken müssen und die – das sei nur nebenbei er-wähnt – auch Begegnungsstätten bieten sollen, indenen Menschen integriert werden könnten? Undnicht zuletzt: Was ist mit den Schülern der beidenFörderschulzentren, die gleich komplett und dannauch noch Hals über Kopf aus ihren Schulen raus-geworfen wurden und jetzt in Ausweichstandortemüssen?

(Beifall AfD)

Die Regel, dass Schulgebäude und Sporthallennicht als Asylbewerberunterkünfte zweckentfremdetwerden, sollte für alle gleichermaßen und vor allemfür die Schwächsten in der Gesellschaft gelten undnicht nur für die Elite.

Die Landesregierung hat das Recht auf Bildung al-len Schülern zu garantieren und vor allem hat sieden lehrplanmäßigen Unterricht sicherzustellen. Dadie Landesregierung das offenbar nicht freiwillig tut,zielt unser Gesetzentwurf darauf ab, das Recht aufBildung unserer Schüler umfassend zu gewährleis-ten.

(Beifall AfD)

Schulgebäude, Schulräume, Schulsporthallen unddas Schulgelände sollen innerhalb der Unterrichts-zeit nur im Katastrophenfall für andere als schuli-sche oder sportliche Zwecke genutzt werden kön-nen. Das häufigste Argument, warum eine Schul-sporthalle als Asylbewerberunterkunft zweckent-fremdet wird, ist die Behauptung, es gäbe ja keineandere Möglichkeit als die Belegung einer Turnhal-le. Da sage ich: Selbstverständlich gibt es andereMöglichkeiten. Selbstverständlich kann man illegaleMasseneinwanderung durch konsequente Anwen-dung geltenden Rechts und durch die Beendigungvon Fehlanreizen verhindern und damit die Situa-tion entspannen. Und das auch nur nebenbei: Zubehaupten, es gäbe keine Alternative, ist kein Argu-ment, sondern die Errichtung eines Denkverbots.

3590 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Pelke)

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Wir als AfD stehen bekanntlich für eine Politik ohneDenkverbote, für eine ehrliche Politik.

(Beifall AfD)

Weil das so ist, bringt unser Gesetzentwurf die Lan-desregierung im Fall seiner Umsetzung dazu, Far-be zu bekennen. Entweder Sie kriegen dasAsylchaos unter Kontrolle, dann brauchen Sie keineTurnhallen als Asylbewerberunterkünfte. Oder Siekriegen das Chaos nicht unter Kontrolle, dann müs-sen Sie aber den Leuten auch klar sagen: DieseLandesregierung führt Thüringen in eine Katastro-phensituation. Diese Landesregierung ist nichtmehr Herr oder – für Frau Rothe-Beinlich – Frauder Lage. Diese Landesregierung stellt eine ideolo-gisch fehlgeleitete Asylpolitik über die Interessendes eigenen Volks. – Sehen Sie, jetzt werde ich so-gar von der Sonne beschienen. – Wir als AfD wol-len, dass der Sportunterricht der Thüringer Kindergewährleistet wird und dass Thüringer Sportvereineihr Vereinsleben normal durchführen können. Ge-nau das sieht unser Gesetzentwurf vor. Deswegenfreue ich mich – Frau Rothe-Beinlich – auf die De-batte. Sie dürfen dann auch das Wort ergreifen,vermute ich, Sie müssen nicht die ganze Zeit rein-brüllen. Ganz besonders würde ich mich freuen,wenn Ihr einziges Argument nicht wäre: Die Zweck-entfremdung von Sporthallen ist alternativlos. Dan-ke.

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Abgeord-neter Tischner, Fraktion der CDU.

Abgeordneter Tischner, CDU:

Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen undHerren, die Thematik, die wir nun beraten wollen,ist keine neue. Die Thematik haben wir alle verant-wortungsbewusst bereits mehrfach im Landtag undin seinen Gremien thematisiert.

Auf seiner Mitgliederversammlung im Novem-ber 2015 hat sich auch der Landessportbund Thü-ringen mit einer Grundsatzerklärung unter dem Titel„Thüringer Sportvereine sind ein Motor der Integra-tion und brauchen Sportstätten für ihre Integrations-arbeit“ entsprechend positioniert. Der Landessport-bund appelliert darin an die Kommunen, das Enga-gement von Sportvereinen und -verbänden bei derIntegration von Flüchtlingen unbürokratisch undspürbar zu unterstützen und die Belegung vonSporthallen mit Flüchtlingen nur als Notlösung zuberücksichtigen.

Da diese Entwicklung schon früh an unsere Abge-ordneten herangetragen wurde, hat sich der Bil-dungsausschuss des Thüringer Landtags auf An-trag der CDU-Fraktion gleich zu Beginn des Schul-

jahrs im September 2015 mit der Landesregierungüber die Situation, über die aktuelle Unterbrin-gungssituation von Flüchtlingen, über die voraus-sichtliche Dauer der zweckentfremdeten Nutzung,über die Auswirkungen auf den Schul- und Breiten-sport und über mögliche Ausweichmöglichkeiten,informieren und berichten lassen. Dies ist sehr of-fen und transparent auch im Ausschuss passiert.Das Ministerium hat glaubhaft versucht darzustel-len, dass es kein Dauerzustand für die einzelneSchule sein wird. Wir sehen den Ausschuss für Bil-dung, Jugend und Sport hier als geeignetes Gre-mium an, derartige Problemlagen miteinander zubesprechen. Wir sehen den Ausschuss und das zü-gige Gespräch mit dem Ministerium auch als gutesMittel, um vor Ort zu bewerten und gegebenenfallskorrigierend einzugreifen. Eine Änderung desSchulgesetzes ist an dieser Stelle aus unsererSicht nicht nötig.

Die Thüringer AfD kommt nun mit einem äußerstkreativen Gesetzentwurf um die Ecke und eilt ein-mal mehr Frauke Petry und der sächsischen AfDhinterher. Ihr Antrag ist fast völlig mit Copy-and-paste von einem Antrag aus dem SächsischenLandtag übernommen.

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Das warein guter, ja!)

Wenn Sie tatsächlich mit Blick auf lokale Gegeben-heiten in Thüringen Politik machen würden, hättenSie nicht abgeschrieben, sondern Sie hätten tat-sächlich geschaut, was in Thüringen los ist, unddementsprechend reagiert.

(Beifall CDU, DIE LINKE, SPD; Abg. Gente-le, fraktionslos)

Ihr Antrag ist bis auf wenige Anpassungen komplettabgeschrieben und zeugt von völliger Unkenntnis.Ich habe mir mal die Arbeit gemacht, habe es malmarkiert. Es sieht aus wie bei einem Schüler, derdas Abschreiben noch nicht gelernt hat – fast allesübernommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, bildungs-politische Sacharbeit der AfD ist der AfD völligfremd. Bildungspolitik der Thüringer AfD bestehtaus Abschreiben bei der CDU und anderen Fraktio-nen. Ich denke an die freien Schulen, ich denke andie Schulgesetzänderungen, ich denke an Ihre Ver-lautbarungen zum Thema „Schreibschrift“, zumThema „Spezialgymnasien“ oder auch jetzt in denletzten Wochen das Thema „Horte“. Ihnen geht esnicht um die Verbesserung der Situation in denThüringer Schulen, sondern um Stimmungsmache.Bisher haben wir von Ihnen leider keinerlei Vor-schläge zur Stärkung der Thüringer Schule erlebt.Diese Bildungspolitik ist keine Alternative, sie istmaximal naiv.

(Beifall CDU, DIE LINKE; Abg. Gentele, frak-tionslos)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3591

(Abg. Muhsal)

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Meine sehr geehrten Damen und Herren, nebendiesen parteitaktischen und parteisystemischen Kri-tikpunkten gibt es aber auch viele sachpolitischeGründe, dieser Initiative der AfD nicht zuzustim-men. Die Unterbringung der bei uns Schutz su-chenden Flüchtlinge ist eine humanitäre Aufgabe,deren Erfüllung größte Anstrengung von allen Be-troffenen verlangt. Durch die große Anzahl vonAsylsuchenden standen und stehen viele Kommu-nen in den letzten Monaten vor großen Herausfor-derungen. Einige wenige mussten, um die Unter-bringung zu gewährleisten, unkonventionelle Wegebeschreiten und bei der Unterbringung auch aufTurnhallen ausweichen. Dies kann dazu führen,das in diesen Turnhallen kein Sportunterricht mehrerteilt werden und auch keine Nutzung durch Sport-vereine stattfinden kann. Das ist ärgerlich, das darfkein Dauerzustand sein und das darf uns auchnicht befriedigen. Vor allem, weil solche Situationenein Nährboden für rechtsextreme Gruppierungensind, die die Menschen vor Ort gegeneinander aus-spielen.

Auch die CDU-Fraktion ist gegenüber einer länger-fristigen Unterbringung von Flüchtlingen in Sport-hallen sehr kritisch eingestellt. Diese Möglichkeitsollte tatsächlich nur im Notfall von den Kommunenhinzugezogen werden. Dennoch lehnen wir, wie ge-sagt, die vorgesehene Gesetzesänderung ab, daeine Regelung, die eine solche Nutzung aus-schließlich im Katastrophenfall vorsieht, unseresErachtens zu rigide ist.

Solche Festlegungen greifen in die kommunaleSelbstverwaltung ein und diese Festlegungen grei-fen durch auf das Eigentum der Schulträger. Daswollen wir nicht. Niemand hat das Recht, in dieKompetenzen der kommunalen Familie einzugrei-fen und das Recht, diese Kompetenzen immermehr zu reduzieren. Es bleibt dabei – in diesemFall sind sich linke und rechte Ideologen einig –,Zentralisierung, Aushebung des Subsidiaritätsprin-zips und Einschränkung von Entscheidungsfreiheit,solche Politik wird es mit uns nicht geben.

(Beifall CDU)

Mit der CDU wird es solch eine Politik zu keinemZeitpunkt geben. Die kommunale Entscheidungs-freiheit hat Thüringen in Stadt und Land in den ver-gangenen 25 Jahren starkgemacht und wir trauenden Kommunen durchaus zu, dass sie in sehr sorg-samen Abwägungsprozessen selbst entscheiden,wie sie mit Sporthallen umgehen und wie lange siediese zweckentfremden. Denn die Unterbringung istfür alle Beteiligten nicht das Ideale, denn erstenserfüllen Turnhallen in keiner Weise die Kriterien ei-ner menschenwürdigen Unterbringung und solltendaher allenfalls als eine erste, vorläufige Unterbrin-gungsmöglichkeit genutzt und keinesfalls dauerhaf-te Provisorien werden.

Zweitens kann der dadurch entstehende Ausfallvon Schul- und Vereinssport schnell zu einerschlechten Grundstimmung in der Bevölkerung füh-ren und Integration vor Ort erschweren. Dort, wowir kommunale Verantwortung tragen, werden wirals CDU uns dafür einsetzen, derartigen Hallenbe-legungen zu vermeiden. Bei mir im Landkreis istdiese Sicherstellung sogar Chefsache.

Sollte eine temporäre Unterbringung in Schul- undVereinssporthallen aber unumgänglich sein, ist da-rauf zu achten, dass Schüler, Eltern und Lehrer so-wie die Vereine und Verbände möglichst frühzeitigund offiziell über das Vorhaben informiert werden,Ausweichstandorte benannt werden und Organisa-tionsfragen seitens der Kommune gut und vernünf-tig begleitet werden. Denn es sind vor allem Sport-vereine, die vor Ort schon jetzt einen entscheiden-den Beitrag für gelungene Integration leisten. Damitdie Sportvereine diesen Beitrag auch zukünftig leis-ten können, ist eine Unterstützung durch zusätzli-che finanzielle Mittel wichtig. Insofern ist es ebenauch eine gute Sache, dass die Landesregierungschon frühzeitig Mittel zur Umsetzung des Projekts„Integration durch Sport“ bereitgestellt hat. Nochwichtiger ist es jedoch, dass den Vereinen auchentsprechende Sporthallen zur Verfügung stehen,um Flüchtlingen Angebote zu machen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich fassezusammen, mit Blick auf diese Gesetzesänderungund alle anderen geplanten offenen und verdecktenAngriffe auf unser erfolgreiches Schulsystem: DieCDU Thüringen wird Änderungen am Grundgesetzdes Thüringer Schulsystems, also dem Schulge-setz, aus ideologischen und populistischen Motiva-tionen von rechts und von links zu keinem Zeitpunktin dieser Wahlperiode zustimmen. Dabei bleibenwir.

(Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion Die Linke hat sich AbgeordneterWolf zu Wort gemeldet.

Abgeordneter Wolf, DIE LINKE:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehr-ten Kolleginnen und Kollegen, beginnen möchte ichmit einer Zeitungsmeldung von gestern, TLZ Jena:Die Montessori-Schüler gestalten Willkommens-schild für Gemeinschaftsunterkunft. Gucken Siesich das bitte an, Frau Muhsal, das ist die Realitätan den Schulen. Sie wollen in Jena aufräumen.

(Beifall DIE LINKE)

Ich würde mal sagen, das ist die richtige Antwortauf Ihre hetzerische Politik, die Sie auch mit diesemAntrag verfolgen.

3592 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Tischner)

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(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Wir unterstützen natürlich die Schulen, die Schul-träger in ihrem wichtigen Anliegen, dort auch die In-tegration von Flüchtlingen sicherzustellen. Die AfD-Fraktion meint, mit dem Gesetzesvorschlag dengroßen bildungspolitischen Wurf gelandet zu ha-ben, indem sie ihn hier eingebracht hat. Nachdemim Bildungsausschuss schon von Frau Muhsal bis-her keinerlei bildungspolitische Schwerpunktset-zung zu sehen ist, schauen wir nun alle gespannt,was die selbst ernannte Alternative

(Unruhe AfD)

– Sie können jetzt gern mal ruhig sein oder meldenSie sich – als bildungspolitische Schwerpunktset-zung gern im Gesetz geändert haben möchte. Zufragen wäre hier: Ist es eine Diskussion zum The-ma „Qualität in der Bildung“ wie individuelle Förde-rung im Umgang mit Heterogenität und Inklusion,Ganztagsschule, Einbindung in kommunale Bil-dungslandschaften, Stärkung der Abschlussfähig-keit oder Ähnliches? Komplette Fehlanzeige. Ist eseine Diskussion zum Thema „Lehrerbildung“, derFrage der Stärkung der Fachlehrerausbildung, derAusgestaltung der zweiten Phase der Lehrerbildungoder gar: Wie ist im Bereich der Lehrerbildung mitHeterogenität umzugehen? Alles wichtige Themen,die die Hochschulen, die Studienseminare und na-türlich auch das ThILLM beschäftigen. Diejenigen,die letzte Woche beim Netzwerktreffen Lehrerbil-dung in Jena waren, konnten sich dort ein lebendi-ges Bild davon machen, wie weit dort die Schulenauch sind – völlige Fehlanzeige. Oder ist es einBeitrag der Diskussion um Schularten, der Möglich-keit der Öffnung verschiedenster Bildungsgänge aneiner Schule und damit der Stärkung gerade desländlichen Raums? Wieder völlige Fehlanzeige.Stattdessen macht die AfD-Fraktion mit ihrem Ge-setzentwurf wieder einmal deutlich, wie viel sie vonden derzeitigen und zukünftigen Herausforderun-gen – darauf ist Kollege Tischner schon eingegan-gen – an und in den Schulen versteht,

(Unruhe AfD)

nämlich genau null – nichts. Stattdessen meint dieAfD wieder einmal, ein Thema gefunden zu haben,welches besonders für Hetze und menschenfeindli-che Parolen auf den Thüringer Marktplätzen taugt,die zeitlich befristete Nutzung von kommunalen Im-mobilien – hier: Schulen und Schulsporthallen – zurUnterbringung von Menschen, die Schutz und Auf-nahme in Deutschland suchen, die nach langerFlucht ankommen wollen und dabei menschenwür-dige Aufnahme auch in unseren Kommunen finden;darunter natürlich viele Kinder und Jugendliche, diezu ihrem Pech leider nicht blond und blauäugig sindund daher offensichtlich für Frau Muhsal und dieFraktion rechts hier im Haus nicht die entsprechen-de Schutzbedürftigkeit haben. Denn die Abgeord-

nete Muhsal meint sogar, eine Benachteiligungdeutscher Kinder auszumachen, wie sie im Dezem-ber in der TLZ kundtat. Damit macht die AfD-Frak-tion – im Übrigen müssten Sie mal im ThüringerSchulgesetz nachlesen, aber das wird Ihnen viel-leicht in den nächsten dreieinhalb Jahren auchnoch gelingen;

(Unruhe AfD)

ich hoffe, dass der Thüringer Wähler bis dahin zurVernunft gekommen ist und Ihnen eine zweite Le-gislatur hier nicht gönnt und uns das vor allen Din-gen erspart – wieder einmal klar, sie ist eine Ein-Themen-Partei, die keine Konzepte und Lösungenfür Herausforderungen hat,

(Zwischenruf Abg. Muhsal, AfD: Bildung warschon immer unser Thema!)

die zum Glück nirgendwo Verantwortung trägt. Da,wo Sie die Möglichkeit sehen, Kindern einen rassis-tischen und aufgehetzten Mob wie in Clausnitz vordie Tür zu stellen, dann tun Sie dies auch, wie dasIhre Vorsitzende Petry jetzt auch öffentlich machte.

(Zwischenruf Abg. Muhsal, AfD: Das stimmtüberhaupt nicht!)

Doch worum geht es? In einer Zeit, die Ministerprä-sident Ramelow völlig zu Recht als die größte He-rausforderung nach der deutschen Wiedervereini-gung bezeichnet, trafen einige Schulträger die Ent-scheidung, zwischenzeitlich in ihren Schulsporthal-len und nicht benötigten Schulgebäuden Kindern,Frauen und Männern eine Unterkunft zu geben, dieansonsten bei Minustemperaturen und jedem Wet-ter in nicht befestigten Aufenthaltsorten hätten un-tergebracht werden müssen. Ebenso wie die Thü-ringer Landesregierung nehmen die Kommunenund Landkreise ihre Verantwortung damit wahr,Menschen eine sichere und feste Unterkunft zu ge-ben in Abwägung anderer Möglichkeiten und in ho-her Verantwortung gegenüber diesen Menschenund unserer Gesellschaft. Wie wir bereits im Bil-dungsausschuss besprochen haben, wurden vonAugust bis Anfang Dezember 2015 ganze zehnSchulsporthallen und zwei Förderschulen zur Un-terbringung von Flüchtlingen genutzt. Weiterhinwurde festgestellt, dass von August bis Anfang De-zember 1.116 Sportstunden ausgefallen sind. Mitdiesen Zahlen läuft nun die Abgeordnete Muhsalund ihre Nichtalternative durchs Land und startet ei-ne Kampagne, die polemisiert mit dem Ziel, darausauch entsprechend politisch Kapital zu schlagen.Was Frau Muhsal nicht erklären kann oder will, ist,

(Zwischenruf Abg. Muhsal, AfD: Sagen Siedoch noch mal meinen Namen!)

wie groß der Anteil der betroffenen Sportstundenbzw. Sportstätten ist. Mit Blick in die Statistik stelleich fest, dass gerade einmal 0,13 Prozent allerSportstunden betroffen waren und dass dadurch

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3593

(Abg. Wolf)

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gerade einmal 0,0125 Prozent aller Schulstandortebetroffen sind. Dies interessiert Frau Muhsal natür-lich überhaupt nicht. Denn diese Zahlen machengerade deutlich, wie verantwortungsvoll die Kom-munen und Landkreise mit der Nutzung kommuna-ler Immobilien als Schulträger umgehen. Frau Muh-sal würde wirklich reichlich dumm aussehen, wennsie vor ihrem grölenden Mob verkünden müsste,dass nicht einmal 0,2 Prozent aller Sportstundenausgefallen sind und dass jede Grippewelle deut-lich mehr Sport- und andere Unterrichtsstundenausfallen lässt.

(Unruhe AfD)

Würden dann wohl die AfD-Anhänger „Lügen-Muh-sal“ brüllen? Unwahrscheinlich bei der AfD-Klientel,die jeder Halbwahrheit gern Glauben schenkenmag. Lassen Sie mich, meine sehr geehrten Kolle-ginnen und Kollegen der demokratischen Fraktio-nen, zu einer rechtlichen Würdigung kommen.

(Unruhe AfD)

Der Gesetzesvorschlag der AfD verstößt gegen in-ternationales Recht, gegen die Thüringer Landes-verfassung und letztlich den Geist und Inhalt desThüringer Schulgesetzes. Die BundesrepublikDeutschland hat sich in Artikel 11 Abs. 1 desUN-Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturel-le Menschenrechte verpflichtet und bekennt sichdazu, dass jeder Mensch ein Recht hat, Zitat: „[…]auf einen angemessenen Lebensstandard für sichund seine Familie […], einschließlich ausreichenderErnährung, Bekleidung und Unterbringung, sowieauf eine stetige Verbesserung der Lebensbedin-gungen. Die Vertragsstaaten unternehmen geeig-nete Schritte, um die Verwirklichung dieses Rechtszu gewährleisten […].“ Nun kann man mutmaßen,dass auch dieses Recht für die AfD nur für Deut-sche gilt. Rechtsgrundlage ist es allerdings nichtund auch die Kommunen und Landkreise sind na-türlich verpflichtet, sich daran zu halten.

Zweitens: Der Regelungsvorschlag verstößt gegendie Thüringer Verfassung. Im konkreten Fall derUnterbringung von Flüchtlingen in Schulräumenwird das besonders deutlich.

(Zwischenruf Abg. Höcke, AfD: Sind Sie jetztVerfassungsrechtler?)

Denn die ankommenden Flüchtlinge befinden sichohne eine Lösung für ihre Unterbringung durch öf-fentliche Stellen in einer Situation der Obdachlosig-keit. Das kann besonders für Kinder, ältere Men-schen und kranke Menschen zu einer lebensbe-drohlichen Situation werden. Davon unabhängig istdas Recht auf angemessenen, menschenwürdigenWohnraum ein Menschenrecht und Grundrecht. Esgilt also unabhängig der Staatsbürgerschaft der Be-troffenen. Entsprechend dieser Vorgaben sieht dieThüringer Landesverfassung in Artikel 15 als einStaatsziel die Schaffung von angemessenem

Wohnraum für alle Menschen, für alle Menschen inThüringen vor.

(Unruhe AfD)

Ein Staatsziel bindet alle öffentlichen Stellen. Beijeglichem Handeln müssen sie darauf hinwirken,dieses Staatsziel umzusetzen.

Ich möchte – ich habe da auch geschaut und michin meinem Wahlkreis mit dem Schulträger unterhal-ten –, wenn Frau Präsidentin das erlaubt, kurz aufeine Stellungnahme, die mir die Stadt Jena zu Ih-rem Gesetzesvorschlag hat zukommen lassen, ein-gehen. Die Stadt Jena, also der Schulträger sagt:

Erstens: Der Inhalt der Gesetzesänderung stellteinen Eingriff in die kommunale Selbstverwaltungdar und beschneidet bzw. beschränkt das Grund-recht der Thüringer Schulträger im freien und öf-fentlichen Sektor auf Eigenverantwortung und Ge-staltungsfreiheit im Schulbereich. Ebenfalls greiftder Änderungsantrag oder der Antrag der AfD indas Nutzungsrecht der Schulträger von eigenenFlächen und Gebäuden ein.

Zweitens: Im Gesetz über die Finanzierung derstaatlichen Schulen, § 3, beschreibt der Gesetzge-ber den vom Schulträger zu verantwortendenSchulaufwand. Hierbei spricht er bewusst vonSchulanlagen und Sportstätten, ohne diese weiterzu benennen. Damit überlässt der Freistaat Thürin-gen den örtlichen Verantwortungsträgern, den amInhalt orientierten Schulbedarf mit geeigneter Infra-struktur zu bedienen. –

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der demo-kratischen Fraktionen, die Anfrage der Abgeordne-ten Muhsal und auch die Diskussion im Bildungs-ausschuss hat ergeben, dass von den zehn Schul-sporthallen 60 Prozent nämlich drei im LandkreisGotha und drei in Jena lagen. Nun kann man zu je-der einzelnen Schulsporthalle – und da bin ich na-türlich auch beim Kollegen Tischner – sagen, unddie Schulträger sorgen dort auch dafür und guckendort auch in ihrer Verantwortung, dass das einezeitlich begrenzte Nutzung ist und dass mit allenVerantwortlichen vor Ort auch gesprochen wird.Aber nun kann man natürlich zu einzelnen Schul-sporthallen viel sagen. Ich sage mal etwas dazu,was Jena angeht. Jena ist, wie Ihnen ja sicher be-kannt ist, eine prosperierende Stadt und hat eineLeerstandsquote an Wohnungen von 1 bis 2 Pro-zent. Das ist mit fast nichts anderem vergleichbar.Jena nennt sich auch gern das München desOstens, was sich manchmal auch oder meistensauch in den Mieten niederschlägt. Aber warum istJena eine so attraktive Stadt, die im Übrigen nachwie vor wächst, und zwar wächst an jungen Fami-lien und vor allen Dingen an Fachkräften? Jena istein Hochschulstandort, ein sehr erfolgreicher Hoch-schulstandort. Jena ist ein Standort für Institute derangewandten Forschung. Jena besitzt ein großes

3594 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Wolf)

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Universitätsklinikum. Jena hat – und das ist aucheine Stärke von Thüringen – sehr attraktive Arbeit-geber, mit dem höchsten Akademikeranteil inDeutschland. Nicht zuletzt ist Jena

(Unruhe AfD)

eine weltoffene – hören Sie doch mal zu, HerrBrandner, da können Sie noch was lernen oderkommen Sie mal vorbei,

(Unruhe AfD)

vielleicht trauen Sie sich sogar, durch die Jenaer In-nenstadt zu laufen – Jena ist eine weltoffene undtolerante Stadt, die sich klar, Herr Brandner, gegenFremdenfeindlichkeit bekennt, wie unter anderemzur Hass-Demo der Rechtspopulisten der AfD am20.01. und zu dem am 20.04. von den Rechtsradi-kalen geplanten Fackelmarsch. Es ist eine lebendi-ge, eine wachsende und menschenfreundlicheStadt, in der die Abgeordnete Muhsal nach eige-nem Bekunden ja unbedingt aufräumen will. Die Je-naer freuen sich schon darauf.

(Zwischenruf Abg. Muhsal, AfD: Ja!)

Das Problem, dass wir einen begrenzten Woh-nungsmarkt haben, ist in Jena nicht neu und meineFraktion im Stadtrat hat erst gestern einen eigenenAntrag zum sozialen Wohnungsbau eingebracht.Wenn in solch einer Stadt in kurzen ZeitabständenHunderte Menschen, die als Neubürger – und in Je-na gilt das auch als Willkommenskultur – seitensder Stadt und ihrer Bürger herzlich willkommen ge-heißen werden, ankommen, so macht dieser Um-stand eine planvolle Unterbringung fast unmöglich.Obwohl alle vorhandenen Ressourcen seitens derStadt eingesetzt wurden und werden, ließ sich eineNutzung von Schulsporthallen nicht vermeiden.

Lassen Sie mich hier auch noch mal anschließendaus der Stellungnahme der Stadt Jena einen weite-ren Punkt, Frau Vorsitzende, zitieren. Die Stadt Je-na sagt: Deshalb werden zentralistische Nutzungs-einschränkungen der Ausgestaltung von Schule so-wohl in der inneren als auch in der äußeren Schul-verwaltung als Schulträger in Thüringen abgelehnt.– Der Schulträger verweist hierbei insbesondereauf das uneingeschränkte Nutzungs- und Haus-recht seiner Schulanlagen und unterstützt eine Un-terrichtsgestaltung, die epochal in Inhalt und Aus-gestaltung alle regionalen zeitlichen Möglichkeitenin und außerhalb der Schule einschließt. Ebenfallszeichnen sich moderne Ganztagsschulen – jetzt hö-ren Sie mal zu, Herr Höcke, Sie waren früher malverantwortlich dafür bei sich; alles vergessen? –durch Wechselseitigkeit und Interaktion mit demSchulumfeld, das heißt Dorf, Stadt, Stadtteil, Ge-sellschaft, aus. Dieser Austausch beinhaltet auchdie gemeinsame Nutzung von Infrastruktur inner-halb und außerhalb von Schule. Regionale Aus-handlungsprozesse in Untersetzung freiheitlicherWerte sind stets zentral verordneten Erlassen vor-

zuziehen. Das, was Sie hier vorhaben, ist genausolch ein zentral vorgegebener Verordnungserlassbzw. Gesetz in dem Fall.

Lassen Sie mich zusammenfassen, sehr geehrteDamen und Herren, sehr geehrte Kolleginnen undKollegen der demokratischen Fraktionen: Für denVorschlag der AfD zur Änderung des Schulge-setzes besteht erstens – das habe ich ausgeführt –keine Regelungsnotwendigkeit, zweitens ist es grobrechtswidrig, drittens ist es ohne pädagogischenHintergrund und viertens auch schon aufgrund derxenophobischen Grundausrichtung des Gesetzes-vorschlags hier abzulehnen. Das werden wir auchtun. Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion der AfD hat Abgeordneter Höckedas Wort.

Abgeordneter Höcke, AfD:

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Sag waszur deutschen demokratischen Ramelow-Fraktion!)

Sehr verehrte Frau Präsidentin, sehr verehrte Kolle-gen Abgeordnete, sehr verehrter Besucher auf derTribüne! Herr Wolf – wo ist er denn?

(Zwischenruf Abg. Emde, CDU: Der sitztdoch da!)

Ist er rausgelaufen? Schade, ich wollte ihm geradezu seiner wunderbaren – Herr, Wolf, Entschuldi-gung, ich habe Sie übersehen – ich wollte Ihnenganz herzlich gratulieren zu Ihrer Volkskammerre-de, die Sie hier gehalten haben.

(Beifall AfD)

Eine Phrase hat die nächste Phrase gejagt. Aberich muss auch Fortschritte bei Ihnen erkennen. Ichglaube, Sie haben gerade so einen Rhetorikkursabsolviert. Das hat Ihnen richtig gutgetan und dieseHandbewegung nenne ich jetzt nur noch die „Wolf-Acht“, die wird in die Rhetorikschulung eingehenund in der Didaktik noch eine große Zukunft haben.Nicht wahr, Herr Wolf?

(Beifall AfD)

Herr Tischner, zu Ihnen muss ich auch ein Wort sa-gen. Ich bin – wie würde Ihre Kanzlerin mit derRaute sagen –, ich bin betroffen. Ich bin wirklich be-troffen, Herr Tischner, weil Sie tatsächlich in denzentralen Passagen Ihrer Rede ununterscheidbargeworden sind zu den linken Fraktionen im HohenHause. Ich befürchte fast, dass uns ein neues 1946bevorsteht, diesmal aber nicht als Zwangsvereini-gung, sondern, Herr Tischner, als freiwillige Ver-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3595

(Abg. Wolf)

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schmelzung aller demokratischen Fraktionen imHaus.

Das Recht auf Bildung, und es geht tatsächlich inunserem Gesetzänderungsantrag um die Bildung,ist ein Menschenrecht gemäß Artikel 26 der Allge-meinen Erklärung der Menschenrechte. Und in Arti-kel 20 der Thüringer Verfassung heißt es – ich zitie-re –: „Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung.“

(Beifall AfD)

Zur Durchsetzung des Rechts auf Bildung bestehtin Deutschland Schulpflicht und das Recht auf Bil-dung wird damit zur Bringpflicht des Staates. Des-halb steht nicht ohne Grund in § 43 des von Ihnen,sehr verehrte Herren, auch zitierten thüringischenSchulgesetzes, dass die Schüler ein Recht auf dieErfüllung des Lehrplans haben und damit natürlichein Recht auf die Erfüllung der Stundentafel. Einoriginärer Bestandteil der Stundentafel ist – Gott seiDank – das Fach Sport.

(Beifall AfD)

Unsere Kinder haben ein Recht auf den Sportunter-richt. Und es ist ein Armutszeugnis für unserenFreistaat Thüringen, dass dieses Recht auf Bildungin einem zentralen Bereich nicht mehr voll umfäng-lich verwirklicht ist, sehr verehrte Kollegen Abge-ordnete.

(Beifall AfD)

Die Bedeutung des Fachs Sport für den Bildungs-und Erziehungsauftrag kann gar nicht überschätztwerden. Die Körper- und Bewegungserfahrungen,wie sie im Schulsport vermittelt werden, sind wichti-ge Elemente der Persönlichkeitsentwicklung. DasVertrauen in den eigenen Körper, in die eigene kör-perliche Leistungsfähigkeit ist ein Fundament derIdentitätsentwicklung. Ein weiterer Aspekt sind Ge-sundheit und Wohlbefinden. Diese bilden dieGrundlage für Lebenszufriedenheit und Lebensqua-lität. Gerade in Anbetracht der vielfältigen gesund-heitlichen Gefährdungen durch Bewegungsmangel,körperliche Fehlbelastung und Stress erhält derSchulsport eine unersetzliche Bedeutung im Kon-text unserer Schulen im Rahmen der Gesundheits-erziehung.

(Beifall AfD)

Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dassdie Thüringer Schüler beim Übergewicht leider inder Spitzengruppe zu finden sind. Im Schuljahr2012/13 waren 11,4 Prozent der Einzuschulenden,17,5 Prozent der Viertklässler und sogar 20,7 Pro-zent der Achtklässler übergewichtig.

Sehr verehrte Kollegen Abgeordneten, das sindalarmierende Zahlen. Dass es sich in Anbetrachtdieses Befundes lohnt, um jede Sportstunde hart zuringen, davon können wir ausgehen. Und das tunwir als AfD-Fraktion.

(Beifall AfD)

Neben der Körper- und Bewegungserfahrung, derGesundheitserziehung und der Krankheitsprophyla-xe möchte ich noch auf die vielen Gelegenheitenzum sozialen Lernen hinweisen. Gerade das Inter-agieren mit Gegenspielern, das Nach-Regeln-Le-ben und das Befolgen der Fairness sind ganz zen-trale Lerninhalte des Faches Sport. Gerade in einersich weiter individualisierenden Gesellschaft, in dersich der Gameboy- und Smartphone-Autismus –das kann man am Hohen Haus und seinen Mitglie-dern studieren – ausbreitet, bietet oft nur noch derSchulsport die Möglichkeit, Urlaub vom Ich zu ma-chen und das Wir wieder einmal zu leben.

Wir als AfD-Fraktion sind vom Wert des Schul-sports überzeugt und wir wissen, dass für die Ertei-lung eines hochwertigen, abwechslungsreichen und– darauf kommt es gerade in unseren Breiten an,Frau König – wetterunabhängigen Sportunterrichtseine gut ausgestattete Schulsporthalle unerlässlichist.

(Beifall AfD)

Schulsporthallen sind auch unerlässlich für die Um-setzung des Vereinssports. Darauf hat meine Kolle-gin Muhsal schon hingewiesen. Die Sportvereinegelten als wichtigste Quelle des sozialen Kapitals inDeutschland. Kein anderer gesellschaftlicher Be-reich aktiviert solch eine Zahl von freiwillig Enga-gierten. Keine vergleichbare Freiwilligenvereinigungleistet so Großartiges bei der Eingliederung von Mi-granten wie unsere Sportvereine. Ich denke, ichnutze die Gelegenheit einmal, ein herzliches Dan-keschön an die Aktiven in den thüringischen Sport-vereinen in den öffentlichen Raum zu stellen. Herz-lichen Dank.

(Beifall AfD)

Jenseits des Vereinslebens ist im Übrigen auch dassonstige Gemeinschaftsleben von Turnhallenbele-gungen mit Asylsuchenden betroffen. Gerade nachdem Sterben der Dorfkneipen und Dorfgemein-schaftshäuser finden in den Turnhallen oft Bürger-versammlungen und durchaus auch mal Feiernstatt. Wer den Bürgern diesen Teil ihres Gemein-schaftslebens vorenthält, provoziert natürliche Ab-wehrreflexe. Das muss unserer Meinung nachüberhaupt nicht sein.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch mal ein Wortzu den Folgekosten verlieren. Der Tagesspiegelaus Berlin berichtet von der Polizeisporthalle in Ber-lin-Spandau, die für drei Tage – meine sehr verehr-ten Kollegen Abgeordneten – Asylsuchende beher-bergte. Der Berliner Landesvorsitzende der deut-schen Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf, erklärtein diesem Artikel, dass massive Schäden in denDuschen behoben werden mussten. Zudem hättendie Asylsuchenden die Abflussrohre in den Du-schen als Toiletten benutzt. Der Schaden in den

3596 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Höcke)

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zwei Hallen betrug – nach drei Tagen –700.000 Euro. Diese Zahlen sprechen für sich.

(Beifall AfD)

Zurzeit werden in Thüringen zehn Schulsporthallenfür die Unterbringung von Asylbewerbern zweckent-fremdet. Sie stehen nicht für den Schulsport zurVerfügung, Herr Kollege Hey. Sie stehen nicht fürden Vereinssport zur Verfügung. Sie stehen nichtfür das sonstige Gemeindeleben zur Verfügung. Siedürften wahrscheinlich – wir gucken nach Berlin –nach ihrer Freigabe erst einmal kostspielig saniertwerden müssen. Deswegen kann – ich sprechenoch mal in den Worten des von meiner KolleginMuhsal schon zitierten Präsidenten des Landes-sportbundes, Thomas Gösel – die Belegung vonTurnhallen als Notunterkunft

(Zwischenruf Abg. Emde, CDU: Sie wissen janoch nicht einmal, wie der Präsident heißt!)

nur die allerletzte Option sei, Herr Emde, wenn alleanderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Ja, ichpuste Ihnen auch noch den Gehörgang durch. DieLautsprecheranlage ist wunderbar in diesem HohenHaus.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wenn keine andere Möglichkeit besteht, Herr Em-de, dann ist Ehrlichkeit gefordert. Aber mit Ehrlich-keit, da haben es die Altparteienfraktionen ja nichtso. Und wenn man ehrlich sein will, muss man indiesem Kontext dann eben das tun, was das Ge-setz auch vorsieht, nämlich das Thüringer Brand-und Katastrophenschutzgesetz, und dann mussman eben den Katstrophenfall auch ausrufen. Unddiese Ehrlichkeit im Umgang mit Schülern, dieseEhrlichkeit im Umgang mit Eltern, diese Ehrlichkeitim Umgang mit Vereinssportlern und allen Bürgernnimmt sich unser Gesetzentwurf zum Maßstab.

(Zwischenruf Abg. Kalich, DIE LINKE: Ehr-lichkeit und AfD in einem Satz!)

Die von uns ausgearbeitete gesetzliche Regelungist notwendig, um den Thüringer Eltern die Angstdavor zu nehmen, dass ihren Kindern das Rechtauf Bildung genommen wird. Denn erst belegt manSchulturnhallen und später belegt man Schulen.Und wir wollen nicht, dass die Fanale von Heiligen-stadt und Waltershausen Schule machen.

Sie haben die Asylkrise im Land – und das gilt füralle Altparteienfraktionen – vorsätzlich herbeige-führt durch Fehlanreize, mangelnden Gesetzesvoll-zug und permanenten Rechtsbruch. Jeder Politiker,der das respice finem verinnerlicht hat, hätte dieFolgen dieses Handelns oder dieses Fehlverhal-tens absehen können und hätte das Ergebnis ent-sprechend auch voraussehend analysieren können.Aktuelle Zahlen weisen darauf hin, dass sich dieLage 2016 dramatisch zuspitzen wird; sie wird sicheben nicht entspannen und es wird aller Voraus-

sicht nach nicht bei zehn Schulsporthallen bleiben,die in Thüringen mit Asylsuchenden belegt werden.Im Januar 2016 wurden 158 Prozent mehr Anträgeauf Asyl in Thüringen gestellt als im Vorjahresmo-nat.

Also um das noch einmal zusammenfassen: BauenSie die Fehleranreize ab. Wenden Sie die Gesetzean und schieben Sie endlich ab, Herr MinisterLauinger, dann brauchen Sie auch keine Turnhallenzweckentfremden. Das ist die Zielrichtung des AfD-Gesetzentwurfs bzw. der Gesetzesnovellierung.Deswegen beantrage ich für diesen guten Zweckund für dieses wertvolle Ziel die Überweisung anden Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport.

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Aus den Reihen der Abgeordneten liegen mir jetztkeine weiteren Wortmeldungen mehr vor. Für dieLandesregierung hat sich Ministerin Klaubert zuWort gemeldet. Entschuldigung, Frau Klaubert.Frau Muhsal, bitte, Sie haben noch 2 Minuten.

Abgeordnete Muhsal, AfD:

Danke schön, Frau Präsidentin. Ich glaube, HerrWolf, Sie träumen von mir. Mehr will ich dazu ei-gentlich gar nicht sagen, außer Ihnen noch einmalerklären, dass Sie nicht rechnen können, und zwardas mit den 0,1 irgendwas Prozent, das propagie-ren Sie ja schon länger. Sie haben aber den Fehlergemacht, Sie haben das auf das ganze Jahr ausge-rechnet und Sie müssten eigentlich für den Teil be-rechnen, wo dann auch tatsächlich eine Asylbewer-berbelegung der Turnhallen stattfand. Das war abSeptember. Vielleicht überdenken Sie noch einmalIhre Rechnung. Und unabhängig von dieser Rech-nung muss man einfach sagen, dass bei denSchulen, wo die Kinder betroffen sind, der Sportun-terricht ausfällt. Wenn Sie in Jena-Göschwitzschauen, da sollen 58 Sportstunden erteilt werden,es werden sechs erteilt, die anderen fallen aus. Da-durch werden die deutschen Schüler, die dort zurSchule gehen, und auch alle anderen Schüler, diedort zur Schule gehen, benachteiligt.

Herr Tischner, ich glaube, er ist schon weggerannt– ach, da sind Sie.

(Zwischenruf Abg. Tischner, CDU: BrauchenSie auch eine Brille?)

Nein, ich wusste nicht, dass Sie neuerdings dortvorne sitzen. Herr Tischner, ich weiß nicht, ob Sieselber darüber nachgedacht haben, was Sie da er-zählen. Sie erzählen, die Landesregierung hat„glaubhaft versucht darzustellen“ und weil die Lan-desregierung „glaubhaft versucht darzustellen“, fin-den Sie irgendwas nicht gut. Dann meinen Sie, dieÄnderung des Schulgesetzes sei nicht nötig, da

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(Abg. Höcke)

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sind Sie natürlich vollkommen auf Merkel-Linie –was sollen Sie da auch anderes sagen! Zu der Zu-sammenarbeit mit den anderen Fraktionen: Ichmuss sagen, es wird ja immer suggeriert, die AfDsei wer weiß wie zerstritten. Das genaue Gegenteilist der Fall. Selbstverständlich arbeiten wir mit denAfD-Fraktionen in Brandenburg, in Sachsen – undbald auch in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz undBaden-Württemberg – gut zusammen, tauschenuns aus und wir bringen auch regelmäßig ähnlicheoder gleiche Anträge ein, zum Beispiel auch unsereAktuelle Stunde zum Waffenrecht, die gab es inBrandenburg auch mit sehr großem Erfolg.

(Beifall AfD)

Das Letzte: Sie haben vorhin – ich weiß nicht, obSie das bemerkt haben –, Sie haben gesagt, nichtdie Kriterien einer menschenwürdigen Unterbrin-gung würden durch die Unterbringung in Turnhallenerfüllt werden, deswegen soll das nur ein Proviso-rium sein. Da sagen Sie doch ernsthaft, Sie findenes gut, dass die Landesregierung Leute in men-schenunwürdigen Unterbringungssituationen unter-bringt. Und Sie heißen das gut, weil es nur für kur-ze Zeit ist. Ich heiße das nicht gut.

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Frau Abgeordnete Muhsal, Ihre Zeit ist um.

Abgeordnete Muhsal, AfD:

Menschen sind menschenwürdig unterzubringen,egal woher sie kommen und wer sie sind. Dankeschön.

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Landesregierung hat nun Frau MinisterinKlaubert das Wort.

Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend undSport:

Frau Präsidentin, sehr verehrte Damen und HerrenAbgeordnete! Recht herzlichen Dank an die beidenMitglieder des Landtags, Herrn Tischner und HerrnWolf, die sowohl in der formalen als auch in der in-haltlich-fachlichen Bewertung dieses Antrags zahl-reiche Dinge vorweggenommen haben, die ich inder Stellungnahme der Landesregierung bekanntgeben könnte. Demzufolge die kurze Bewertungaus der Sicht der Landesregierung:

Mit dem vorliegenden Gesetzesvorhaben soll dieMöglichkeit, zu Schulzwecken genutzte Einrich-tungen als Unterkunft für Flüchtlinge zu nutzen –jetzt hören Sie genau zu, weil es mehrfach wieder-

holt worden ist – an das Vorliegen der Feststellungeines Katastrophenfalls geknüpft werden. Aus-gangspunkt für das Gesetzesvorhaben ist insbe-sondere die Nutzung von Schulsporthallen zur Un-terbringung von Asylbewerbern. Die derzeit derLandesregierung bekannte Sachlage erfordert kei-ne gesetzliche Regelung hinsichtlich der Absiche-rung des Sportunterrichts im Falle der Belegungvon zeitweilig als Sporteinrichtungen genutzten Ob-jekten zur Unterbringung von Flüchtlingen. Es sindseit Monaten keine großflächigen Beeinträchtigun-gen des planmäßigen Sportunterrichts an denSchulen zu verzeichnen. Erkenntnisse über eineabweichende Entwicklung liegen der Landesregie-rung nicht vor. Aus rechtlicher Sicht bleibt anzumer-ken, dass bei der Auswahl von Objekten zur Unter-bringung von Flüchtlingen seitens der Kommunenbei bisheriger anderweitiger Nutzung der Gebäudegegebenenfalls eine Güterabwägung erfolgenmuss. Bei der Entscheidung für die Unterbringungvon Asylbewerbern zum Beispiel in Sporthallen istauch die Absicherung des in den Rahmenstunden-tafeln verpflichtend vorgesehenen Sportunterrichtsmit einzubeziehen. Sollte für die Absicherung desSportunterrichts in diesem Fall ein anderes Objektebenso gut geeignet sein, kann die Umwidmung ei-ner Sporthalle erfolgen. Es stellt sich die Frage,warum der Gesetzentwurf in diesem Fall eine Nut-zung der vorgesehenen Sporthalle als Unterbrin-gungsmöglichkeit verhindern soll. Die Nutzung derSportanlagen als eine Unterbringungsmöglichkeitfür Flüchtlinge setzt rechtstechnisch eine Umwid-mung der entsprechenden Einrichtungen gemäߧ 14 Abs. 1 in Verbindung mit den §§ 1 Abs. 2 bis4, 2 Abs. 1 und 2 und 1 bis 8 Satz 1 der ThüringerKommunalordnung voraus. Damit also ist die Nut-zung einer zu Schulzwecken genutzten Einrichtung,wie es Schulgebäude, Schulräume, Sporthallenusw. darstellen, als solche zum Zwecke der Unter-bringung von Asylbewerbern ohne eine Umwid-mung rechtlich nicht möglich. Insofern läuft der Ge-setzentwurf an dieser Stelle ins Leere.

Insofern der Gesetzentwurf im Sinne einer beab-sichtigten Einschränkung der Kommunen hinsicht-lich der Widmungsmöglichkeiten kommunaler Ein-richtungen ausgelegt werden soll, ist dies mit aufdas Recht, auf kommunale Selbstverwaltung kri-tisch zu sehen. Der Gesetzentwurf kann im Übrigennur für die Fälle gelten, in denen die genutztenSporteinrichtungen im kommunalen Eigentum ste-hen. Somit greift der Entwurf in den Konstellationennicht, in denen der Schulträger die Absicherung desSportunterrichts durch eine Anmietung von Gebäu-den Dritter sicherstellt. Aus den von mir genanntenGründen ist aus Sicht der Landesregierung der vor-geschlagene Gesetzentwurf abzulehnen. VielenDank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN; Abg. Helmerich, fraktionslos)

3598 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Muhsal)

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Vizepräsidentin Jung:

Es liegen mir jetzt keine weiteren Wortmeldungenvor. Es ist Ausschussüberweisung an den Aus-schuss für Bildung, Jugend und Sport beantragt.Wer dem zustimmt, den bitte ich um das Handzei-chen. Das sind die Stimmen der Fraktion der AfD.Die Gegenstimmen? Das sind die Stimmen der an-deren Fraktionen und fraktionslosen Abgeordneten.Damit ist die Ausschussüberweisung abgelehnt.

Ich schließe die heutige Beratung dieses Tagesord-nungspunkts und rufe auf den Tagesordnungs-punkt 11

Gesetz zur Verbesserung derFinanzkontrolle hinsichtlichUntreuehandlungen in Thürin-genGesetzentwurf der Fraktion derAfD- Drucksache 6/1758 -ERSTE BERATUNG

Wünscht die Fraktion der AfD das Wort zur Begrün-dung?

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Ja!)

Herr Abgeordneter Höcke, Sie haben das Wort.

Abgeordneter Höcke, AfD:

Sehr verehrte Frau Präsidentin, sehr verehrte Kolle-gen Abgeordnete, sehr verehrte Besucher auf derTribüne! Die Verschwendung von Steuermitteln istein bei Politikern unbeliebtes Thema. Es ist so un-beliebt, dass der Bundesgesetzgeber den Begriffder „Steuerverschwendung“ gar nicht verwendet.Auf die Frage nach den Maßnahmen gegen dieSteuerverschwendung erfährt der überraschteSteuerzahler, dass dieser Begriff nur der Medien-und Umgangssprache entlehnt sei. Zum Leidwesendes Steuerzahlers ist die Steuerverschwendungaber sehr real. Das zeigt auch der letzte Berichtdes Thüringer Landesrechnungshofs, der Mehrkos-ten für das Land Thüringen in Höhe von zumindest60 Millionen Euro aufgedeckt hat. Die Verwaltung –das wissen wir – ist zur sparsamen Verwendungvon Steuergeldern angehalten und die wirksameBekämpfung der Steuerverschwendung muss beieinem verantwortungsbewussten GesetzgeberPriorität haben.

(Beifall AfD)

Nun wäre der Bund aufgrund der Kompetenzen imStrafrecht und der Bundeshaushaltsordnung prä-destiniert, um gegen die Steuerverschwendung vor-zugehen. Aber, wie gesagt, dieser Begriff gehörtgar nicht zu seinem Sprachgebrauch. Seit fast zweiJahrzehnten wurde deswegen in dieser Frage keineeinzige Gesetzesinitiative mehr gestartet, weder auf

Bundes- noch auf Landesebene. Es lässt sich nichtanders sagen: Da hat die Politik eindeutig versagt.

(Beifall AfD)

Während die Steuerverschwendung die Altparteiennicht zu interessieren scheint, wurden im gleichenZeitraum 20 Gesetze und Gesetzesänderungen er-lassen, um die Steuerhinterziehung zu verhindern.Während der Gesetzgeber also das System derKontrolle seiner Bürger immer weiter perfektioniert,gehört der Begriff der „Steuerverschwendung“ nichtzu seinem Sprachgebrauch. Das erinnert mich, daserinnert die AfD-Fraktion ein wenig an die Gutsher-renart in der Königsherrschaft, wo die Steuern nichtselten in nutzlose Großprojekte flossen. Das Parla-ment hat sich in den letzten Jahrhunderten nichtumsonst das sogenannte Königsrecht dagegen er-stritten.

Also hier hält sich noch ein Restmuff des Obrig-keitsstaats in unseren Parlamenten. Reißen wir dieFenster auf und lüften wir kräftig durch, sehr ver-ehrte Kollegen Abgeordnete.

(Beifall AfD)

Schade, dass Frau Siegesmund jetzt nicht mehrhier ist. Frau Siegesmund, natürlich nur stoßlüften,alles andere wäre natürlich klimafeindlich.

Durch eine bessere Zusammenarbeit zwischendem Rechnungshof und den Strafverfolgungsbe-hörden lassen sich Untreue und damit verbundeneSteuerverschwendung logischerweise besser be-kämpfen. Die im Rahmen der richterlichen Unab-hängigkeit ausgeübten Pflichten und Kompetenzendes Rechnungshofs werden mit diesem Gesetz er-weitert. Diese Gesetzgebung liegt in der Hand desLandes. Wir müssen also nicht den Bund ermun-tern, wir müssen nicht auf den Bund warten oder et-wa eine Bundesratsinitiative anstoßen.

Karl Dreßler prägte in seiner Ausführung zur Stel-lung und Aufgabe des Bundesrechnungshofs schonim Jahre 1964 das Bild vom Ritter ohne Schwert.Dabei ist es Thüringen trotz aller Lippenbekenntnis-se auch geblieben.

Sehr verehrte Kollegen Abgeordnete, ich weißnicht, wie es Ihnen geht. Mir geht es jedenfalls so:Ein Ritter ohne Schwert ist in meinen Augen einsehr trauriger Anblick und letztlich doch ein würde-loser Zustand. Die AfD-Fraktion setzt sich dafür ein,diesen Zustand zu beenden oder – um im Bild zubleiben –: Geben wir unserem Ritter Rechnungshofendlich ein scharfes Schwert in die Hand! VielenDank.

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Abgeord-neter Kowalleck für die Fraktion der CDU.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3599

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Abgeordneter Kowalleck, CDU:

Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen undHerren! Ich begrüße an dieser Stelle natürlich auchden Präsidenten des Thüringer RechnungshofsHerrn Dr. Dette – herzlich willkommen.

(Beifall AfD)

Wir sehen anhand des Gesetzentwurfs, dass hierverschiedene Dinge miteinander vermischt werden.Aber ich denke, wir werden im Laufe der Debatteauch auf die einzelnen Punkte eingehen und ent-sprechend für Aufklärung sorgen. Eines steht fest:Der Thüringer Rechnungshof hat bereits die Mög-lichkeit, bei Verdacht auf strafbare Handlungen An-zeigen an die Staatsanwaltschaften zu richten. Inder vorgeschlagenen Gesetzesänderung soll derStraftatbestand der Untreue nach § 266 Strafge-setzbuch in die Anzeigepflicht aufgenommen wer-den.

Da steht allerdings auch die Frage: Warum gehenSie da nicht konsequent weiter vor und nehmenzum Beispiel auch Straftatbestände wie Betrug,Subventionsbetrug, Amtsstraftaten usw. auf. Dasteht der Verdacht, dass diese demnach nicht ver-folgt werden sollen. Aber wir sehen auch, dass hieran diesem Punkt die Gesetzesänderung systema-tisch an der falschen Stelle greift. Deswegen brau-chen wir nicht weiter darauf einzugehen, was ande-re Straftatbestände in dieser Gesetzesänderung zusuchen haben.

Die Bemerkungen nach § 97 Thüringer Landes-haushaltsordnung sind Zusammenfassungen derPrüfungshandlungen für eine Unterrichtung desLandtags. Daher werden auch die Zusammenfas-sungen selbst keine Tatsachen ergeben können.Mögliche Tatsachen werden in den Prüfungshand-lungen bzw. in den Prüfungsergebnissen nach den§§ 89 bis 96 Thüringer Landeshaushaltsordnungfestgestellt.

Dass mit dem Bezug auf ein Dokument, das imLandtag und seinem Haushaltsausschuss beratenwird, nun eine Rechtsverbindlichkeit konstruiertwerden soll, zeugt eher von einem Schaufensterge-setzentwurf mit der Kritik der Steuergeldverschwen-dung statt eines sachlich-fachlichen Verbesse-rungsvorschlags. Da werden eben verschiedeneThemen hier zusammengeworfen. Das haben wirauch in der Einbringungsrede gehört.

Der Gesetzentwurf respektiert nicht die verfas-sungsrechtliche Stellung des Thüringer Rechnungs-hofs. Nach Artikel 103 Abs. 1 unserer ThüringerVerfassung ist der Landesrechnungshof eineselbstständige, nur dem Gesetz unterworfeneoberste Landesbehörde. Seine Mitglieder besitzenrichterliche Unabhängigkeit. Dem steht wiederumeine Staatsanwaltschaft entgegen, die der parla-mentarischen Kontrolle über das Justizministeriumunterliegt. Diese Gewaltenteilung zwischen Gesetz-

geber, Regierung und Justiz ist ein Garant für diefreiheitlich-demokratische Grundordnung. Mit derdurch den Gesetzentwurf geplanten Unterstützungder Strafverfolgungsbehörde rücken die Mitgliederdes Rechnungshofs aber genau in eine Abhängig-keit von der Staatsanwaltschaft, ohne sich gegebe-nenfalls parlamentarisch verantworten zu müssen.

Der Sinn und Zweck des vorliegenden Gesetzent-wurfs ist nicht klar, denn Prüfer sollen aufgrund ih-rer Unabhängigkeit Kontrolle ausüben. Diese Unab-hängigkeit soll nun aber nach der Gesetzesbegrün-dung mit der Institutionalisierung, Ausweitung undVerpflichtung der Unterstützung der Strafverfol-gungsbehörden eingeschränkt werden. Der Gesetz-entwurf verschleiert ebenso die rechtlichen Proble-me, die unter dem Begriff der Haushaltsuntreue zu-sammengefasst werden. Die Grundsatzdiskussion,die zu führen wäre, ist vielmehr eine europäische,denn die Rechnungshöfe zum Beispiel der südli-chen Mitgliedstaaten der Europäischen Union sinddurchaus mit Kompetenzen von Strafverfolgungs-behörden und Gerichten ausgestattet. Bisher ver-folgt die Bundesrepublik hier mit guten Ergebnisseneine andere Linie und es ist auch nicht erkennbar,dass eine Änderung notwendig ist. Die bisherige Li-nie hat sich dabei bewährt.

Was notwendig ist, ist der politische Wille, Ausga-ben insgesamt einer konsequenten Kritik zu unter-ziehen und sie zu reduzieren. Der Staat hat ange-sichts der Rekordsteuereinnahmen nicht im Ansatzein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem.Uns allen sind noch die Diskussionen zum Landes-haushalt in guter Erinnerung. Noch im April 2015hat die Landesregierung mit der Vorlage der Mittel-fristigen Finanzplanung 2014 bis 2018 für den Dop-pelhaushalt 2016/2017 mit einem Haushaltsvolu-men von 9,159 bzw. 9,244 Milliarden Euro geplant.Beinhaltet waren dabei noch Schuldentilgung in Hö-he von 49 bzw. 31 Millionen Euro. Die notwendigeDeckung der Ausgaben durch die Einnahmen warjedoch in Höhe von 126,7 bzw. 164,4 MillionenEuro noch offen und als Konsolidierungsbedarfausgewiesen.

Mit der Aufstellung des Haushaltsentwurfs im Sep-tember 2015 wurden die Schuldentilgung ausge-setzt und insbesondere die zuvor ausgewiesenenKonsolidierungsbedarfe nicht mehr eingespart.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, bei dieserAusgabenorgie der rot-rot-grünen Landesregierungist der vorliegende Gesetzentwurf keine wirklicheHilfe. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall CDU, SPD)

Vizepräsidentin Jung:

Für die SPD-Fraktion hat Abgeordneter Dr. Piddedas Wort.

3600 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

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Abgeordneter Dr. Pidde, SPD:

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren, wieüblich unterstellt die AfD etwas. Sie behauptet,dass etwas nicht funktioniert, sie behauptet, dassetwas dringend geändert werden muss. Heute stehtder Thüringer Rechnungshof auf ihrer Agenda. Die-ser würde anscheinend nicht ordentlich arbeitenbzw. er kann nicht ordentlich arbeiten ohne die Än-derung des Gesetzes. Die Finanzkontrolle in Thü-ringen müsse dringend verbessert werden. ImGrunde ist der vorgeschlagene Gesetzentwurf einMisstrauensvotum gegenüber dem Thüringer Rech-nungshof und seinem Kollegium.

Sie trauen dem Rechnungshofkollegium nicht zu, inFällen, in denen ein Untreueverdacht aufkommt,sachgerecht zu handeln. Anders ist dieser Gesetz-entwurf nicht zu deuten. Meine Damen und Herren,ich bin der Auffassung, dass die bestehenden Ins-trumente der Finanzkontrolle in Thüringen sehrwohl gut funktionieren und dass die von Ihnen vor-geschlagene Gesetzesänderung deshalb überflüs-sig ist.

Der Rechnungshof ist ein unabhängiges Prüforgan;Herr Kowalleck hat es gerade dargestellt. Die Un-abhängigkeit des Rechnungshofs ist ein hohes Gutund ein Wesensmerkmal der Demokratie. Wir soll-ten es dem Rechnungshof wie bisher selbst über-lassen, zu entscheiden, wie er mit auffälligen Prüf-feststellungen umgeht. Ich persönlich bin nun seitvielen Jahren Mitglied im Haushalts- und Finanz-ausschuss des Landtags. So habe ich in zahlrei-chen Fällen erlebt, in denen der Rechnungshofauch staatsanwaltschaftliche Verfahren angeregtund auch selbst angestoßen hat. Einer Belehrungund Aufforderung dazu hat es zu keiner Zeit bedurftund bedarf es auch heute nicht.

Meine Damen und Herren, ich möchte die Gelegen-heit nutzen, mich an dieser Stelle recht herzlich beiallen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Rech-nungshofs für die geleistete Arbeit und die kritischeBegleitung unserer Arbeit zu bedanken, und ich bit-te den Präsidenten, das auch weiterzutragen.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Der Rechnungshof ist ein sachverständiger Mah-ner, wenn es um die Entwicklung geht, aber auchein Berater, auf den sich die Politik verlassen kann.Das, was wir hören, stößt nicht immer auf Begeiste-rung. Das ist so. Aber, und das sage ich dem Präsi-denten auch extra, Ihre Worte bleiben nicht unge-hört. Manchmal sind dicke Bretter zu bohren, aberes bleibt nicht ungehört, der Einsatz des Rech-nungshofs bewegt doch einiges. Ich bedanke michwegen des Bewusstseins beim Rechnungshof fürdie Verantwortung, die er hat, und auch für seineNeutralität gegenüber allen Fraktionen des HohenHauses. Kompetent und mit hoher Professionalitätgeht er seine Aufgaben an. Ich kann nur für mich

und für meine Fraktion sagen: Die Finanzkontrollein Thüringen funktioniert.

Meine Damen und Herren, der vorgelegte Gesetz-entwurf der AfD-Fraktion ist so inhaltsleer, dass ei-ne Beratung in den Ausschüssen weder angezeigtnoch zielführend ist. Ich danke für die Aufmerksam-keit.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion der AfD hat sich AbgeordneterBrandner zu Wort gemeldet.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Herr Pidde, nicht inhaltsleer, inhaltsschwer ist unserGesetzentwurf. Das versuche ich Ihnen jetzt auchnäherzubringen. Das hat mit Misstrauen gegenüberdem Landesrechnungshof nichts zu tun, sonderneher mit dem Misstrauen gegenüber solchen – ichsage mal – SPD-Funktionären wie Ihrem GenossenLippert, der auch mal ganz klar gezeigt hat, wie Un-treue funktionieren kann.

(Beifall AfD)

An dieser Stelle ist diese Untreueblase zufällig odernicht, jedenfalls aufgeplatzt. Aber ich will gar nichtwissen, was bei den Altparteien noch so unter derOberfläche wabert, wo wahrscheinlich die Angst aufder Stirn geschrieben steht, dass dieses Gesetzumgesetzt wird, weil man dann Angst hat, das Un-treuevorwürfe herauskommen, und zwar nicht nureinmal, so wie bei dem Bürgermeister von Eisen-berg, der der SPD angehört, sondern vielfach. Undgenau darauf zielt unser Gesetzentwurf ab.

Herr Dr. Pidde, wenn Sie sagen, wir legen immerGesetzentwürfe vor, die was ändern wollen – Hal-lo? Sie sind doch schon länger in diesem Landtag.Haben Sie schon jemals einen Gesetzentwurf ge-sehen, der nichts ändern will? Da müssen Sie sichschon entscheiden. Wenn Sie dem Landtag hiernicht angehören wollen, dann machen Sie was an-deres. Aber hier werden meistens Sachen geändertoder inszeniert.

Herr Kowalleck, auch interessant. Ich dachte, ichhöre dem charmanten Menschen der CDU mal zu.Aber als Sie dann den Satz herausgehauen haben,die Staatsanwaltschaft stünde unter parlamentari-scher Kontrolle des Justizministers, da dachte ichmir: Nein, komm, jetzt schalte ich ab, und empfehleHerrn Kowalleck mal, so einen kleinen Kurs zu be-legen, zusammen mit dem Herrn Lauinger, was Ge-waltenteilung heißt und wie Gewaltenteilung funk-tioniert.

(Beifall AfD)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3601

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Vielleicht setzen Sie sich mal mit dem KollegenLauinger zusammen und lassen sich da von denReferenten auf den neuesten Stand bringen. Abersolchen Unsinn hat nicht mal jemand aus der AfDbisher hier von sich gegeben, das muss ich Ihnensagen. Ich lasse mir das gern noch mal auf derZunge zergehen.

Meine Damen und Herren, Steuerverschwendungist die Kehrseite der Steuererhebung. Steuerver-schwendung muss deshalb wirksam bekämpft wer-den, genauso wie Steuerhinterziehung. Dazu müss-te das Bundesstrafrecht geändert werden, und dieSteuerverschwendung in das Strafgesetzbuch alsStraftatbestand aufgenommen werden. Das geht imThüringer Landtag nicht, zu gegebener Zeit wird dieAfD das im Bundestag beantragen, und dann wahr-scheinlich auch durchsetzen.

Ein erster Schritt kann aber beim Landesrecht da-durch gemacht werden, dass der Rechnungshof imRahmen seiner Finanzkontrolle jeden Verdacht aufUntreue der Staatsanwaltschaft melden muss. Esgeht also nicht darum, dem Landesrechnungshofstaatsanwaltschaftliche Privilegien oder Vollmach-ten einzuräumen, sondern ganz einfach um eineMeldepflicht, um eine zwingende – vom Rech-nungshof an die Staatsanwaltschaft. Ich sage Ihnenauch, warum. Bisher findet eine Einzelfallprüfungstatt, ob bei Vorliegen des Verdachts auf eine Straf-tat die Staatsanwaltschaft informiert wird. Mit derGesetzesänderung wäre diese Weiterleitung zwin-gend und nicht mehr von der Entscheidung desRechnungshofkollegiums abhängig, dessen Mitglie-der ja von den Parteien bestimmt sind. Es würdeauch einfacher im Kollegium, dann müsste mannicht mehr streiten, denn man müsste es abgeben.

Ein Beispiel, wie es nicht sein sollte, aus dem Saar-land: Mitte des Jahres 2014 wurde der Vorwurf derUntreue gegen die SPD-Landtagsfraktion des Saar-lands laut. Der Vorwurf der Manipulation der Buch-haltung stand im Raum von 2004 bis 2009. Frak-tionsvorsitzender damals: Heiko Maas, der selbsternannte und gleichwohl oder gerade deshalb un-glaubwürdige Kämpfer gegen rechts, jedenfalls der-jenige „Maas macht mobil“ – Sie kennen denSpruch. Und mobil machte Maas auch im Saarland,denn der abgerechnete Kraftstoff seiner Fraktionwar Benzin, das Fahrzeug allerdings ein Diesel undda war „Maas macht mobil“ mal so ein bisschen vordie Wand gefahren. Es kam heraus, man hat damitdie eine oder andere Fußballsause finanziert unddas hat den Rechnungshof auf den Plan gerufen.Der Landesrechnungshof wusste davon, denn erhatte die Fraktion in seinem Prüfbericht darüber un-terrichtet. Statt aber die Staatsanwaltschaft direkteinzuschalten, empfahl der Rechnungshof derSPD-Fraktion, dies zu tun. Die tat das dann und dieStaatsanwaltschaft musste dann die entsprechen-den Unterlagen beim Rechnungshof anfordern. Ob-wohl also alle wussten, dass Steuergeld veruntreut

wurde, bestand kein Automatismus. Genau solcheSzenarien sollen in Thüringen ab sofort nicht mehrmöglich sein.

(Beifall AfD)

Der Rechnungshof überstellt ab sofort direkt undzwingend an die Staatsanwaltschaft.

Herr Kowalleck, wenn Ihnen zu wenige Straftatbe-stände bei uns im Gesetz sind, dann nutzen Siedoch die Chance, einen Änderungsantrag zu ma-chen. Dann nehmen wir auch gern noch andere Sa-chen auf. Der Subventionsbetrug steht, glaube ich,schon drin, Abgabenordnung auch. Das haben Siewahrscheinlich nicht gesehen. Aber andere Tatbe-stände wie Betrug können wir gern mit aufnehmen.Ich denke, da sind wir offen. Wenn es um Steuer-verschwendung geht, dann muss ich sagen, dakönnen die Thüringer Bürger auf uns zählen, undzwar vollständig. Die anderen scheint das hier we-nig zu interessieren, ob Steuerverschwendung be-trieben wird oder nicht.

Mit der Änderung des Gesetzes über den Rech-nungshof und die Landeshaushaltsordnung solldem Ritter nun ein Schwert oder ein Degen gege-ben werden. Björn Höcke hat das Bild bereits ge-zeichnet. Zukünftig sollen die Prüfberichte an dieStrafverfolgungsbehörde gehen, wenn sie einenVerdacht auf Untreue nach § 266 StGB beinhalten.Eine solche Pflicht zur Zusammenarbeit mit denStrafverfolgungsbehörden besteht derzeit nur – ichhabe es gerade erwähnt – im Subventionsbereichund in der Abgabenordnung. Wenn der Rechnungs-hof in anderen Fällen bisher Ungereimtheiten aus-machte, erfolgte eine Einzelfallprüfung durch dasKollegium, das – ich erwähnte es bereits – von denAltparteien bestückt ist, und da der Verdacht nahe-liegt, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.Deshalb soll, auch um die Arbeit im Kollegium zuvereinfachen, dieser Automatismus hergestellt wer-den.

Herr Dette ist da. Herr Dette führt den Rechnungs-hof tadellos.

(Beifall AfD)

Doch leider – Herr Dette, auf Sie bezogen – wirdder Präsident eines Rechnungshofs in Thüringennicht auf Lebenszeit gewählt. Deswegen mussauch vorgebeugt werden, wenn mal ein Nachfolgerkommt, der das nicht mehr so tadellos macht. Des-wegen muss der Zwang zur Abgabe mutmaßlicherStraftaten im Gesetz festgeschrieben werden. Esgibt dann faktisch einen Strafverfolgungszwang,wenn Sie so wollen. Das ist also nichts anderes alsdie Umsetzung des Legalitätsprinzips auf denRechnungshof bezogen.

Schauen Sie sich die Jahresberichte 2014 oder denfür die Kommunalprüfung 2015 an. Sie finden dortviele Beispiele, die für uns einen Anfangsverdacht

3602 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Brandner)

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auf strafbares Verhalten begründen. LaborneubauLeibniz-Institut – Mehrkosten 1,6 Millionen; Ver-kehrsmesstechnik für 2 Millionen angeschafft, abernur zur Hälfte ausgelastet; Objekt in Nordhausenkostet statt 10 Millionen 14 Millionen; in Gera drohteine Straßenbahnlinie zur Investitionsruine zu wer-den, weil plötzlich der Eigenanteil fehlt, der Scha-den lässt sich zurzeit gar nicht beziffern, die Stadtsagt dazu nichts. In den Ministerien des Landes fin-den sich ebenfalls weit überzogene Ausgabenpos-ten, wenn zum Beispiel für den Bau und gleich da-rauf Abriss derselben Anlage 240.000 Euro insNichts verpulvert werden, liegt für uns der Verdachtder Untreue nahe. Konsequenzen in all den Fällen,meine Damen und Herren, keine. Diese Beispielezeigen deutlich den Kardinalfehler der bisherigenFinanzkontrolle.

Mit dem Rechnungshof – noch ein paar Lobe jetztan Herrn Dette – besitzt der Freistaat eine poten-ziell wirksame und mächtige Institution. Sie verfügtüber Kompetenz und den Sachverstand, um einekritische Prüfung der Mittelverwendung durchzufüh-ren und sie verfügt über einen integren, gründlichenund durchsetzungsfähigen Präsidenten.

(Beifall AfD)

Doch – bei aller Lobhudelei auf den Präsidenten –das Schwert fehlt, genau wie dem Cowboy der Coltoder Frau König die Kamera.

(Heiterkeit AfD)

Mag die Position des Rechnungshofs in der Verfas-sung festgeschrieben sein, seine Berichte habenkeine direkten Auswirkungen. Seine Arbeit entfaltetihre politische Wirkung nur durch den öffentlichenDruck und die Autorität der Institution. Denn letzt-lich obliegt es dem Parlament, wirksame Maßnah-men zu ergreifen, um der Steuerverschwendungund unsachgemäßen Mittelverwendung entgegen-zutreten. Doch wir wissen aus den vergangenenDebatten und aus der Erfahrung überhaupt, dassdie jeweilige Mehrheit hier keine Kritik an der jewei-ligen Regierung übt, weil man wechselseitig vonei-nander abhängig ist. Auch die Altparteienoppositionübt keine Kritik. Man weiß ja nie, wann man malwieder in der Regierung sitzt, also hält man sich dagern schön bedeckt. Das Parlament nimmt also imErnstfall die Berichte in einer Pflichtübung zurKenntnis und das war es dann. Rechnungshofbe-richte dürfen aus diesem Grund nicht unverbindlichsein. Sie dürfen erst recht nicht allein in die Händeder Altparteienabgeordneten gelegt werden, die inder Logik der praktizierten parlamentarischen De-mokratie mit der Regierung in einem Boot sitzen.Da fällt einem der Spruch mit den Fröschen unddem Sumpf und dem Trockenlegen ein. Die Forde-rung nach einer zwingenden Meldung bei Verdachtauf Untreue hat auch schon der Bund der Steuer-zahler erhoben. Die von uns geforderte Änderungist also nicht irgendetwas Spinnertes, sondern eine

ganz solide Forderung, die dringend im Sinne derSteuerzahler und der Bürger umgesetzt werdenmuss.

Das ist im Prinzip das Gegenstück zum automati-schen Abgleich, der in der Steuerverwaltung zulas-ten der Steuerzahler stattfindet. Für uns ist nichteinzusehen, warum die Steuerzahler schlechter be-handelt werden sollen als diejenigen, die Steuernausgeben und über fremde Gelder verfügen.

Der Gesetzentwurf nimmt sich darüber hinaus ei-nes weiteren Problems an. Jetzt kommen wir nocheinmal zu der Staatsanwaltschaft und dem Justiz-minister. Bei der Ermittlung gegen Behörden undMinisterien zeigt sich deutlich das Hemmnis derWeisungsgebundenheit der Staatsanwaltschaft. Wirwerden das an anderer Stelle noch mal gesondertvon hier vorn verfolgen und auch dazu entspre-chende Vorschläge, Herr Dr. Pidde, einbringen. Sokann von der Strafverfolgung abgesehen werden,wenn der Justizminister dies anordnet. Der Justiz-minister jedoch, Herr Kowalleck, ist Mitglied derExekutive und damit Mitglied jenes Kreises, gegenden potenziell ermittelt wird. Es steht ihm also je-derzeit frei, die Staatsanwaltschaft anzuweisen, Er-mittlungen gar nicht erst aufzunehmen oder wennsie aufgenommen wurden, einzustellen. Die Exeku-tive – das ist die Gewaltenteilung, Herr Kowalleck –interveniert in die Judikative. Eine solche Durchbre-chung der Gewaltenteilung an dieser Stelle undüberhaupt ist für uns nicht weiter hinnehmbar.

(Beifall AfD)

Der vorliegende Gesetzentwurf greift das Problem,ich hatte es erwähnt, auf. Denn wenn der Rech-nungshof in seinen Berichten die Öffentlichkeit überdie Weiterleitung des Tatverdachtes an die Staats-anwaltschaft informiert, können eventuelle Weisun-gen aus dem Justizministerium an die Staatsan-waltschaft – guckt mal da nicht so genau hin oderfangt da gar nicht erst an zu ermitteln – von der kri-tischen Öffentlichkeit besser aufgedeckt und auchverfolgt werden. Im Sinne der Steuerzahler und desRechtsstaats sollten Sie daher unseren Gesetzent-wurf nicht, wie üblich, sofort ablehnen, sondernÜberweisungen an den Ausschuss für Inneres undKommunales und an den Ausschuss für Migration,Justiz und Verbraucherschutz zustimmen. Feder-führend sollte der letztgenannte Ausschuss sein.Die entsprechenden Anträge stelle ich. VielenDank!

(Beifall AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Als nächster Redner hat sich Abgeordneter Krumpezu Wort gemeldet.

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Geht abernicht um Geodaten, das weißt du?)

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3603

(Abg. Brandner)

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(Zwischenruf Abg. Krumpe, fraktionslos: Hörzu, da lernst du noch was, das tut dir gut!)

Abgeordneter Krumpe, fraktionslos:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Da-men und Herren Abgeordnete, mit dem vorliegen-den Entwurf soll die korrekte Anwendung der Haus-haltsgrundsätze durch drohende Sanktionen bei wi-dersprechender Haushaltsführung sichergestelltwerden. Die Umsetzung dieses Ansinnens istdurchaus ein hehres Ziel, doch ist meines Erach-tens der vorliegende Gesetzentwurf nicht geeignet,das angestrebte Ziel zu erreichen. Lassen Sie michbitte meine Bedenken kurz erläutern. Bereits im De-zember vergangenen Jahres habe ich anlässlich ei-nes fachpolitischen Gesprächs auf den Handlungs-bedarf bei der Gesetzesfolgenabschätzung hinge-wiesen. Vor dem Hintergrund gestiegener Informa-tions- und Erfüllungskosten ist festzustellen, dassdie für Bund und Länder gesetzlich geregeltenGrundsätze der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeitals Leitbild des Verwaltungshandelns ausgedienthaben.

Werte Kollegen Abgeordneten, hier wissen alle,dass die Verwaltung bei der Wahrnehmung ihrerAufgaben grundsätzlich verpflichtet ist, die Folgenihres Handelns unter dem Aspekt der Wirtschaft-lichkeit abzuschätzen. Das tut sie allerdings nichtumfassend. Um dieses Problem zu lösen, ist dieForderung von stärkeren Sanktionen nach unsach-gemäßer Verwendung von Haushaltsmitteln jedochder falsche Weg. Die Missachtung des Wirtschaft-lichkeitsgrundsatzes ist in vielen Fällen bereitsschon in der Entwurfsphase eines Gesetzes in deneinzelnen Ministerialressorts virulent. Genau des-halb ist es erforderlich, gesetzgeberische Vorhabenbereits im Erstehungsprozess zu evaluieren unddamit alle verbundenen Kosten frühzeitig abzu-schätzen, damit im Ergebnis kostengünstigere Al-ternativen erwogen werden können. Allein bei derStadtverwaltung Erfurt sind die Personalkosten seit2009 um mehr als 30 Millionen Euro gestiegen undder Erfüllungsaufwand staatlichen Handelnsschwächt damit die erstarkte Wirtschaftskraft derLandeshauptstadt und führt beispielsweise dazu,dass der Spielraum für Infrastrukturausgaben ein-geschränkt werden soll. Aus meiner Sicht sind neueHandlungsmuster im Gesetzgebungsverfahren oderdie Einsetzung eines unabhängigen Normenkon-trollrats zum Bürokratieabbau notwendig, denn Bü-rokratieabbau hilft auch, Steuergelder zu sparen.Um Objektivität, Transparenz und Kostenkontrollezu sichern, sollten wir uns zukünftig vielleicht stär-ker an der US-amerikanischen Sunset Legislationorientieren. Danach beinhaltet ein Gesetz bei sei-ner Verabschiedung eine Befristung und legt demGesetzgeber die Pflicht auf, den Vollzug des Ge-setzes und dessen Kosten nach einer gewissenZeit zu evaluieren. Auf diesem Wege wäre die Si-

cherstellung einer effizienten Mittelverwendungmöglich, wenn auch im Worst Case nach einer kos-tenintensiven Probezeit.

Dagegen bewirkt die Einrichtung eines Normkon-trollrats, dass zunächst eine formalisierte Wirt-schaftlichkeitsprüfung nach dem Standardkosten-modell in den Ministerialressorts erfolgt und dabeidie dem Bürger, der Wirtschaft und der Verwaltungentstehenden Informations- und Erfüllungskostenevaluiert werden. Erscheint diese Evaluierung alsfehlerhaft, prüft der Normkontrollrat die Berech-nung. Nur auf diese Weise ist es möglich, dieGrundsätze der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeitvollumfänglich einzuhalten.

Verehrte Kollegen, anhand dieser kurzen Ausfüh-rungen konnten Sie erkennen, wie wichtig einefunktionierende und umfassende Gesetzesfolgen-abschätzung ist, auch für die Einhaltung der Grund-sätze der Wirtschaftlichkeit. Die alleinige Fokussie-rung auf die Beurteilung der ordnungsgemäßenVerwendung von Haushaltsmitteln nach Verab-schiedung eines Gesetzes ist dagegen zu kurz ge-dacht und insofern kann ich den Antrag der AfD-Fraktion nicht unterstützen. Herzlichen Dank.

Vizepräsidentin Jung:

Aus den Reihen der Abgeordneten liegen mir jetztkeine weiteren Wortmeldungen vor. Frau MinisterinTaubert für die Landesregierung.

Taubert, Finanzministerin:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen undHerren Abgeordneten, zunächst zwei persönlicheBemerkungen: Ich muss davon ausgehen, dass Ju-ristinnen und Juristen, die das zweite Staatsex-amen haben, sich im Recht außerordentlich gutauskennen.

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: Gucken Siemal Herrn Helmerich an, das geht nicht!)

Zumindest ist es ja so, der vorgelegte Gesetzent-wurf der Fraktion der AfD ist mit Sicherheit von sol-chen Juristen geschrieben worden. Und da frageich mich: Wo bleibt die Selbstanzeige der AfD?

(Beifall DIE LINKE)

Ich habe kürzlich in der Presse gelesen, dass sierechtswidrig Gelder, die Sie vom Landtag zur Verfü-gung gestellt bekommen, für Parteienwerbung aus-gibt. Das zumindest konnten Sie doch selbst anzei-gen, wenn Sie denn allen anderen schon unterstel-len, dass sie sich nicht an Recht und Gesetz halten.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: Das ist keinGrund!)

3604 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Vizepräsidentin Jung)

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Und ein Zweites: Herr Höcke sprach von dem neu-en Wind, der hier wehen müsste. Stellen Sie sichmal vor, Bismarck schwebt wieder durch dieseRäume. Das

(Zwischenruf Abg. Möller, AfD: Macht erdoch permanent!)

ist ja der Wind, den Herr Höcke so mit sich bringt.

Meine Damen und Herren, der eingereichte Ge-setzentwurf sieht vor, dem Thüringer Rechnungshofverpflichtend aufzugeben, bei einem Untreuever-dacht unverzüglich die Strafverfolgungsbehördeneinzuschalten. Ein solcher Gesetzentwurf ist wedernotwendig, noch ist der sachgerecht.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Der Rechnungshof selbst, der sich seit langer Zeitmit der Problematik auseinandersetzt, hat sich dazuwie folgt geäußert, ich zitiere: Die vorgesehene Än-derung der Landeshaushaltsordnung und desRechnungshofgesetzes sehen wir kritisch, da siedie Arbeit des Rechnungshofs beeinträchtigenkönnte. Bei der Finanzkontrolle und der Strafverfol-gung handelt es sich um unterschiedliche Funk-tionskreise, die getrennt gehalten werden sollten.Etwaige Durchbrechungen sollte es nur für wenigeherausgehobene, ausdrücklich gesetzlich festge-legte Fälle geben. Nach der Landeshaushaltsord-nung besteht nämlich eine Auskunftspflicht der ge-prüften Stellen gegenüber dem Rechnungshof. AlleBehörden sind quasi zur Kooperation verpflichtet.Etwaige Verweigerungsrechte, wie sie die Strafpro-zessordnung kennt, sieht das Haushaltsrecht dage-gen nicht vor. Über den Umweg des Haushalts-rechts müssten sich Betroffene unter Umständenselbst belasten, das Strafprozessrecht würde um-gangen. Der Rechnungshof als Organ der Fi-nanzkontrolle verfolgt einen ganz anderen Ansatzals eine Strafverfolgungsbehörde. – Lediglich Be-hörden, meine Damen und Herren, denen Strafver-folgungsaufgaben obliegen, und für die deshalb dasLegalitätsprinzip gilt, sind, soweit sie in diesem Auf-gabenbereich tätig werden, verpflichtet, beim Ver-dacht strafbarer Handlungen einzuschreiten, und,soweit sie nicht selbst tätig werden, die zuständigeStrafverfolgungsbehörde zu unterrichten. Erhaltenmithin Strafverfolgungsbeamte von StraftatenKenntnis, sind sie stets zur Anzeige verpflichtet. Ichwill auch gern die Paragrafen zitieren: Das sind§ 152 Abs. 2, § 160 und § 163 der Strafprozessord-nung. Dagegen besteht für Beamtinnen und Beam-te, die selbst keine Strafverfolgungsaufgaben wahr-nehmen können und wahrzunehmen haben, keineallgemeine Anzeigepflicht. Sie sind nur dann zur Er-stattung einer Anzeige verpflichtet, wenn sich eineentsprechende Dienstpflicht aus besonderen ge-setzlichen Bestimmungen ergibt. Hier gehe ich aufein BGH-Urteil vom 30. April 1997 ein.

Meine Damen und Herren, den Prüferinnen undPrüfern im Geschäftsbereich des Rechnungshofsobliegt mithin keine allgemeine Verpflichtung zurErstattung einer Strafanzeige, wenn sich bei Prü-fungen der Verdacht strafbarer Handlungen ergibt.Diese Rechtsauffassung steht mit der Verschwie-genheitspflicht der Beamtinnen und Beamten nach§ 37 Abs. 1 Beamtenstatusgesetz in Einklang. DieVerschwiegenheitspflicht gilt nicht, soweit gegen-über der zuständigen obersten Dienstbehörde – inThüringen in das die Leitstelle Innenrevision beimInnenministerium –, einer Strafverfolgungsbehördeoder einer durch Landesrecht bestimmten weiterenBehörde oder außerdienstlichen Stelle, ein durchTatsachen begründeter Verdacht einer Korruptions-straftat nach den §§ 331 bis 337 Strafgesetzbuch –das sind, wer das nicht aus dem Kopf weiß, Vor-teilsannahme, Bestechlichkeit, Vorteilsgewährung,Bestechung usw. – angezeigt wird. Im Übrigenbleibt auch die gesetzlich begründete Pflicht, ge-plante Straftaten anzuzeigen, unberührt.

Ergänzend ist für die überörtliche Kommunalprü-fung darauf hinzuweisen, dass Prüferinnen undPrüfer gemäß § 2 Abs. 5 Thüringer Prüfungs- undBeratungsgesetz verpflichtet sind, beim Verdachtstrafbarer Handlungen, bei sonstigen schwerwie-genden Feststellungen oder bei besonderen Vor-kommnissen die erreichbaren Beweismittel zu si-chern und den Präsidenten des Rechnungshofs un-verzüglich zu unterrichten. Der Präsident wiederumsetzt dann die zur Dienstaufsicht befugten Perso-nen unverzüglich in Kenntnis. Besondere Anzeige-pflichten ergeben sich beispielsweise auch nochaus der Abgabenordnung, hier verweise ich auf§ 116, die Anzeige von Steuerstraftaten, oder § 6Subventionsgesetz, das ist der Verdacht des Sub-ventionsbetrugs. Außerhalb dieser speziellen An-zeigepflichten besteht, wie dargelegt, jedoch für diePrüferinnen und Prüfer vom Rechnungshof keineallgemeine Verpflichtung, Strafanzeige bei derStaatsanwaltschaft zu erstatten, wenn sich bei Prü-fungen der Verdacht strafbarer Handlungen ergibt.

Meine Damen und Herren, ich will zur Praxis etwassagen. Der Rechnungshof kann Strafverfolgungs-behörden Prüfergebnisse mitteilen, soweit er diesaus besonderen Gründen für erforderlich hält.Besteht der begründete Verdacht strafbarer Hand-lungen, wirkt der Rechnungshof in der Regel zu-nächst darauf hin, dass vom zuständigen Ministe-rium das Erforderliche veranlasst wird. Bleibt diesesuntätig oder wird durch seine Stellungnahme derVerdacht nicht ausgeräumt, unterrichtet der Rech-nungshof die Strafverfolgungsbehörden jedenfallsin schwerwiegenden Fällen unmittelbar, sofernnicht durchgreifende Belange der Finanzkontrolleentgegenstehen.

Im Hinblick auf die vorgeschlagene Änderung von§ 97 Landeshaushaltsordnung ist außerdem festzu-stellen, dass die Generalstaatsanwaltschaft ohne-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3605

(Ministerin Taubert)

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hin den Jahresbericht des Rechnungshofs zur Ver-fügung gestellt bekommt. Durch die vorgeschlage-ne Regelung wurde der Thüringer Rechnungshofzu einer Art Hilfsbehörde von Polizei und Staatsan-waltschaft degradiert. Dies entspricht aber wederder Stellung des Thüringer Rechnungshofs nochden originär in der Verfassung beschriebenen Auf-gaben des Thüringer Rechnungshofs. Der Gesetz-entwurf ist daher aus Sicht der Thüringer Landesre-gierung klar abzulehnen. Herzlichen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Ministerin. Weitere Redemeldun-gen liegen mir nicht vor.

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Hier!)

Doch. Bitte, Herr Brandner.

Abgeordneter Brandner, AfD:

Das kann man jetzt so nicht im Raume stehen las-sen, Frau Taubert. Ich hoffe, ich habe Sie falschverstanden, als Sie gesagt haben, dass die AfD-Landtagsfraktion Ihrer Auffassung nach Fraktions-gelder zur Parteienfinanzierung eingesetzt hat.Denn wenn Sie das gesagt haben, Frau Taubert,dann wird demnächst eine einstweilige Verfügungfällig. Wir werden das prüfen, was Sie hier von die-sem Pult aus gesagt haben. Ich vermute mal, daswar zumindest etwas oberflächlich, was Sie hierwiedergegeben haben.

(Unruhe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wahrscheinlich haben Sie morgens bei Kaffee undBrötchen in der Tagespresse geblättert und da ir-gendwelche Gerüchte aufgeschnappt, die Sie jetzthier vom Pult aus als Ministerin verbreiten. Sie soll-ten sich so ein bisschen ans Neutralitätsgebot hal-ten und auch bei Experten informieren, nicht in dieTagespresse gucken, bevor sie hier so unhaltbareDinge sagen, Frau Taubert.

(Beifall AfD)

Sie haben auch sonst, Entschuldigung, ziemlichenUnsinn erzählt.

(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN: Jetzt reicht es aber lang-sam!)

Warum sollten wir uns selbst anzeigen, Frau Tau-bert, wenn Sachen in der Zeitung stehen? WissenSie, was eine Selbstanzeige ist? Denken Sie maldarüber nach, ob das Sinn macht, sich selbst anzu-zeigen, wenn es schon in der Zeitung stand. Wersich selbst anzeigen sollte, das sind Sie, Frau Tau-bert. Denn seit gestern wissen wir, dass Sie, warum

auch immer, mit Kreditkarte Autos kaufen. So wasfinde ich ganz seltsam, muss ich sagen. Das ist mirbisher noch nicht geglückt, mit meiner Kreditkarteein Auto zu kaufen. Da sollte man mal schauen, obda nicht vielleicht eine Vorteilsnahme im Raumsteht, warum Sie solche Kreditkartenkonditionenbekommen, mit denen Sie Autos kaufen können.Ich bin mal gespannt, was da die Aufklärung ergibt.In der Sache selbst ging es noch um ein paar Tas-sen und ein paar Lineale, die angeschafft zu habenuns als Fraktion vorgeworfen wurde, was nichtsachgemäß wäre.

(Unruhe DIE LINKE)

Wir haben mal nachgeguckt, die Linken verbreitenStrampelhosen, Handschuhe, Feuerzeuge – ohje –; bei der CDU kann man Chardonnay und Waf-feleisen beziehen; bei den Grünen Pfannenwender,Badeenten und Brausepulver – wir hoffen, da istauch Brausepulver drin, wo Brausepulver drauf-steht –;

(Beifall AfD)

bei der Jungen Union gibt es Kondome, Eiswürfel,Bikinis und Badeschuhe und – ganz besondersschön –

Präsident Carius:

Herr Brandner, vielleicht kommen Sie bitte wiederzurück zum Thema.

Abgeordneter Brandner, AfD:

bei den Piraten gibt es Vaginaaufkleber, was immerdas sein mag.

(Unruhe DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Vielen Dank.

(Beifall AfD)

(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN: Sie können ja die Parteinicht einmal von der Fraktion unterscheiden!)

Präsident Carius:

Herr Brandner, es wäre vielleicht für alle im Hausgut, wenn wir auf Gerüchte nicht sofort draufsprin-gen, das gilt aber auch für Ihre Fraktion.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Jetzt möchte ich zu den Abstimmungen über dievorgeschlagenen Ausschüsse kommen. Es ist dieÜberweisung an den Ausschuss für Migration, Jus-tiz und Verbrauchschutz beantragt worden. Wer da-für ist, den bitte ich jetzt um das Handzeichen. Dassind die Kollegen von der AfD-Fraktion. Gegenstim-men? Die kommen aus allen anderen Fraktionen

3606 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Ministerin Taubert)

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und von den fraktionslosen Kollegen. Damit ist dasabgelehnt worden.

Es ist die Überweisung an den Innen- und Kommu-nalausschuss beantragt worden. Wer dafür ist, denbitte ich jetzt um das Handzeichen. Die Kollegender AfD-Fraktion teilweise.

(Zwischenruf aus der Fraktion der AfD)

Komplett. Gegenstimmen? Von allen anderen Frak-tionen und den fraktionslosen Kollegen. Damit hatsich die Federführungsabstimmung erledigt. Ichschließe diesen Tagesordnungspunkt.

Ich rufe auf den Tagesordnungspunkt 12

Gute Bildung braucht starkeSchulleiterAntrag der Fraktion der CDU- Drucksache 6/508 -dazu: Beschlussempfehlung des

Ausschusses für Bildung,Jugend und Sport- Drucksache 6/1644 -

dazu: Änderungsantrag der Frak-tion der CDU- Drucksache 6/1649 -

Herr Abgeordneter Grob hat das Wort zur Bericht-erstattung aus dem Ausschuss.

Abgeordneter Grob, CDU:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren, ich habe die Ehre, im Auftragdes Ausschusses für Bildung, Jugend und Sportüber den Antrag der CDU-Fraktion „Gute Bildungbraucht starke Schulleiter“ Bericht zu erstatten. Dervorliegende Antrag in der Drucksache 6/508 wurdedurch Beschluss des Landtags in seiner 15. Plenar-sitzung am 28. Mai 2015 nach einem Sofortberichtder Landesregierung an den Bildungsausschusszur Beratung überwiesen und dort in vier Sitzungenals Tagesordnungspunkt aufgerufen. In der 18. Sit-zung des Bildungsausschusses, am 19. Januar2016, wurde eine entsprechende Beschlussemp-fehlung formuliert.

Der Bildungsausschuss befasste sich unter meinerLeitung erstmals in seiner 8. Sitzung am 9. Juni2015 mit dem Antrag „Gute Bildung braucht starkeSchulleiter“. Der Antrag sieht vor, keine Schullei-terstellen länger als drei Monate unbesetzt zu las-sen und frei werdende Leitungsstellen frühzeitig be-kannt zu machen. Außerdem sollten Schulleiterstel-len in Grundschulen durch höhere Leistungszula-gen und mehr Entlastungsstunden attraktiver ge-macht werden. Weiterhin sollte die Eigenverant-wortlichkeit der Schulleiter, zum Beispiel bei Perso-nalfragen, gestärkt werden. Schließlich solltenSchulleitern und künftigen Schulleitern die Teilnah-me an Qualifizierungsmaßnahmen erleichtert wer-

den. Mit diesem Bündel an Maßnahmen sollte er-reicht werden, die Anzahl der unbesetzten Schullei-terstellen in Thüringen dauerhaft abzusenken unddie Stellung des Schulleiters als solche attraktiverzu machen.

Fraktionsübergreifend wurde im Ausschuss aner-kannt, dass die Thematik eine große Bedeutunghabe, allerdings wurden von Vertretern der Regie-rungsfraktionen Zweifel an der Umsetzbarkeit derim Antrag formulierten Ideen laut. Es wurde geäu-ßert, dass zum Beispiel einige unbesetzte Schullei-terstellen wegen laufender Klageverfahren, ange-strengt von unterlegenen Bewerbern, nicht binnendrei Monaten besetzt werden können.

Es wurde beschlossen, den Antrag nicht abschlie-ßend zu beraten, sondern nach Beginn des Schul-jahrs 2015/2016 wieder aufzurufen, um etwaigeEntwicklungen beobachten zu können. Dies ge-schah in der 12. Sitzung des Bildungsausschussesam 1. September 2015. In der genannten Sitzungwurden mehrere Bitten an die Ministerin gerichtet,weitere Angaben zur Schulleiterbesetzung vorzule-gen. Auch deshalb wurde entschieden, den Antragzu einem späteren Zeitpunkt erneut aufzurufen,was in der 17. Sitzung am 8. Dezember 2015 ge-schah. Da zu diesem Zeitpunkt durch die Ministerinnoch nicht alle von den Ausschussmitgliedern ge-wünschten Angaben vorgelegt werden konnten,wurde eine erneute Vertagung beschlossen. DerAusschuss verständigte sich darauf, den Antrag ab-schließend in dessen 18. Sitzung am 19. Januar2016 zu beraten.

In der 18. Ausschusssitzung gab die Ministerin dieaktuellen Zahlen zu unbesetzten Schulleiterstellenbekannt. Die CDU-Fraktion legte mit der Vorla-ge 6/862 einen geänderten Antrag vor, verbundenmit der Bitte um Berücksichtigung und Zuleitungdes Antrags in der Drucksache 6/508 ans Plenum.Ausschussmitglieder der Regierungsfraktionen be-tonten zwar die Bedeutung des Themas, doch lehn-ten sie die Unterstützung des Antrags der CDU ab,da die darin gestellten Forderungen nicht zu erfül-len seien. Somit wurde folgende Beschlussempfeh-lung gefasst:

„Der Bildungsausschuss lehnt den Änderungsan-trag der CDU-Fraktion in der Vorlage 6/862 mehr-heitlich ab. Der Ausschuss empfiehlt daher mehr-heitlich, den Antrag der CDU-Fraktion in der Druck-sache 6/508 ‚Gute Bildung braucht starke Schullei-ter‘ abzulehnen.“

Bevor ich jetzt vielen Dank sage, möchte ich nochkurz meine Meinung sagen. Ich glaube, liebe Abge-ordnete, wir sollten wirklich die Chance nutzen, un-seren Grundschulen zu helfen. In diesem Sinnemöchte ich an Ihr Gewissen appellieren. Jetztkommt mein „vielen Dank“.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3607

(Präsident Carius)

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Präsident Carius:

Herr Kollege Grob, als Berichterstatter berichtenSie bitte aus dem Ausschuss und können gern inder Debatte Ihre Empfehlung abgeben.

Vielen Dank, Herr Grob, für den sehr ausführlichenBericht aus dem Ausschuss.

(Beifall DIE LINKE)

Ich eröffne die Aussprache und das Wort erhält Ab-geordneter Wolf für die Fraktion Die Linke.

Abgeordneter Wolf, DIE LINKE:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolle-ginnen und Kollegen der demokratischen Fraktio-nen und sehr geehrte fraktionslose Kollegen! DieCDU-Fraktion hat im Frühsommer letztes Jahreseinen Antrag vorgelegt mit dem Titel „Gute Bildungbraucht starke Schulleiter“. Um es vorweg zu sa-gen, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen derCDU-Fraktion, wir haben uns – Kollege Grob hat eseben berichtet – im Ausschuss mehrfach darüberausgetauscht und ich denke nicht, dass es das letz-te Mal sein wird, dass wir uns mit dem Thema be-schäftigen werden, denn wenn man sich die demo-grafische Entwicklung ansieht, dann weiß manauch, dass wie insgesamt in der Lehrerschaft inThüringen natürlich auch die Schulleiterinnen undSchulleiter in den nächsten Jahren in Größenord-nungen in den Ruhestand gehen. Aber ich muss esvorwegnehmen, in Titel und Anspruch sprechen wireine Sprache. Inhalt und Umsetzungsvorschläge Ih-res Antrags sind weitgehend – ich muss es sagen –leider nicht realisierbar. Dieser Antrag bezweckteeinen Bericht der Landesregierung, listete gleich-zeitig eine Reihe von Vorschlägen auf, mit denendie CDU die Problemlage in diesem Bereich zu be-arbeiten vorschlägt. Im Mai wurde der Antrag imPlenum behandelt, von dort an den Ausschussüberwiesen.

Zunächst einmal, meine Damen und Herren vonder CDU, haben Sie mit der Frage der Besetzungder Schulleiterstellen an den Thüringer Schulen völ-lig zu Recht eine Problematik angesprochen, dieauch die Bildungspolitikerinnen und Bildungspoli-tiker der Koalitionsfraktionen und das Bildungsmi-nisterium sehr umtreibt. Wir alle wissen, dass dieSchulleiterinnen und Schulleiter für den ordnungs-gemäßen Ablauf, die Gestaltung und die Weiterent-wicklung der Thüringer Schulen vor Ort eine wichti-ge, ja entscheidende Rolle spielen: sowohl für dieSchülerinnen und Schüler sowie für die Eltern anihrer Schule, für die an ihrer Schule tätigen Päda-goginnen und Pädagogen, für die lokalen Schulträ-ger, für die lokalpolitischen Verantwortungsträger,für die Weiterentwicklung kommunaler Bildungs-landschaften, für die Umsetzung unserer und derfür den bildungspolitischen Anspruch in demokrati-schem Konsens gewonnenen Bildungsziele. Sie se-

hen, schon diese Auflistung macht deutlich, wiegroß die Verantwortung und das Tätigkeitsfeld vonSchulleitern ist. Wir haben es hier mit einem zentra-len Bereich der Bildung zu tun. Alle Schulleiterinnenund Schulleiter verdienen unseren Dank und unse-re politische Unterstützung.

(Beifall AfD)

In diesem Sinn verstehe ich auch den Antrag derCDU.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wir allewissen auch, dass es an den Thüringer SchulenStellen im Bereich der Schulleitung gibt, die aus un-terschiedlichsten Gründen leider immer noch nichtbesetzt sind. Wir wissen auch, dass es momentannoch zu viele sind, die leider unbesetzt bleiben. DieGründe dafür sind vielfältig und durch das Ministe-rium allein und auch in Zukunft so nicht zu lösen.Sie liegen einerseits in den dienst- und beamten-rechtlichen Vorschriften, andererseits in rechts-staatlichen Grundsätzen, die zur Sicherung desRechtsfriedens oftmals einen langen Atem erfor-dern.

(Beifall Abg. Höcke, AfD)

Auch und besonders tarifrechtliche Vorgaben wiedie passive Phase der Altersteilzeit sind hier zu be-achten. Aber all dies war auch unter einer CDU-ge-führten Landesregierung nicht anders. Ich will aucheinmal darauf verweisen, dass BildungsministerinDr. Klaubert bei Übernahme des Amts 2014 mit et-wa 90 unbesetzten Schulleiterstellen zu tun hatte.

Andererseits – dies hat die Diskussion zu Ihrem An-trag auch erbracht – hat Frau Ministerin Dr. Klau-bert gerade hier einen Schwerpunkt ihrer Arbeit de-finiert, da sie auch weiß und sich dies in ihrer Amts-führung durch die deutliche Reduzierung der Altfäl-le manifestiert, wie wichtig Schulleiterinnen undSchulleiter für gelingende Schule, für gute Bildungsind.

Die Schulen und auch die Fraktion der Linken danktIhnen, Frau Ministerin, für Ihr Engagement dortausdrücklich.

Am 4. Januar 2016 war an 59 Schulen von insge-samt 811 staatlichen Schulen in Thüringen die Po-sition des Schulleiters unbesetzt. Dies sind 7,2 Pro-zent aller staatlichen Schulen. An 39 von diesen59 Schulen arbeitet allerdings ein leitungserfahre-ner ständiger Vertreter des Schulleiters in der Funk-tion, solange noch kein neuer Schulleiter rechts-wirksam bestellt ist. Nur an 20 von rund800 Schulen ist derzeit eine kommissarische Rege-lung unterhalb dieser Schwelle in Kraft.

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordneten, imBildungsausschuss haben wir uns in drei Sitzungenmit den im Antrag aufgeworfenen Fragen in allerBreite beschäftigt. Die Ministerin hat umfassendausführlich auf alle Fragen geantwortet. Sie hat

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breit berichtet und auch durchaus einige Punkteaus Ihrem Antrag aufgegriffen, sehr geehrte Kolle-ginnen und Kollegen der CDU-Fraktion, so die An-regung, zu besetzende Schulleiterstellen durch einegeeignete Übersicht im Thüringer Schulportal leich-ter zugänglich zu machen – gute Idee. Ihr Gedan-ke, den Schulen mehr Mitsprache bei Stellenbeset-zungen zu geben und die Entscheidungskompetenzder Schulleiter zu stärken, ist nicht neu und wirdschon seit Längerem Schritt für Schritt umgesetzt,aber richtig ist sie deswegen trotzdem und wirdauch weiter verfolgt.

Über das bestehende Verfahren der Stellenbeset-zung wurde breit informiert und auch darüber, dassdie Entscheidung, ob eine Ausschreibung schul-scharf erfolgt oder nicht, bereits auf örtlicher Ebenevom zuständigen Schulamt in Abstimmung mit denbetreffenden Schulen getroffen wird. Loben kannich allgemein natürlich auch die Korrektheit des An-trags, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen derCDU. Manches, das sage ich Ihnen noch mal, kannaufgegriffen werden. Aber andere Ihrer Vorschläge– und das sind die wichtigeren – sind gut gemeint,aber leider nicht realisierbar. Sie legen eher denSchluss nahe, dass Sie die Ursachen für längereZeit unbesetzt bleibender Leitungsstellen nicht soim Detail kennen, dass Sie sich im Personal- undBeförderungsrecht eher unsicher fühlen und dassSie die Dinge zu sehr vom Wunsch als von derSachkenntnis her angehen wollen.

Was soll vor allem der von Ihnen eingebrachte Vor-schlag, ein Schulleiterversprechen mit einer angeb-lichen Garantie abzugeben, dass keine Schulleiter-funktion länger als drei Monate unbesetzt bleibt?Wünschenswert – natürlich, keine Frage –, aber,liebe Kolleginnen und Kollegen der CDU, ich frageSie: Wollen Sie damit die Landesregierung auffor-dern, gegen Artikel 33 Abs. 2 des Grundgesetzeszu verstoßen? Nichts anderes wäre ein Schulleiter-versprechen, welches sich schwungvoll anhört,aber völlig jenseits der Realisierbarkeit ist. Wir ha-ben, lieber Herr Tischner, im Ausschuss darauf hin-gewiesen. Leider erfolgte in diesem Punkt keineÄnderung.

Ich möchte trotzdem noch mal kurz darauf einge-hen. Das würde heißen, Bewerberinnen und Be-werber, welche sich bei dem Ergebnis der Ent-scheidung bezüglich der Besetzung der Positionnicht berücksichtigt fühlen, haben natürlich inDeutschland die Möglichkeit, über den Rechtswegdiese Rechtmäßigkeit des Verwaltungsakts prüfenzu lassen. Die sogenannte Konkurrentenklage beiArbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die eingrundgesetzlich verankertes Instrument zur Prüfungeiner Nichtberücksichtigung darstellt, würde überIhr gefordertes Schulleiterversprechen ignoriertoder gar hintergangen. Sie ist aber genau derGrund für eine Vielzahl von Fällen. Wir haben dasja wirklich intensiv erörtert. Im Übrigen – das muss

man auch sagen: Wir wissen, dass wir in denGrundschulen eine andere Problematik haben alsin den A 16-Stellen der Gymnasien und berufsbil-denden Schulen. Sie ist aber gerade der Grund füreine Vielzahl von Fällen, der auf längere Zeit dieUmsetzung von Stellenentscheidungen verzögert.Herr Tischner, ich schätze Sie als engagierten Pä-dagogen mit einer hohen Kontaktdichte in denSchulen. Hier aber – es tut mir leid, das so sagenzu müssen – verrennen Sie sich in Ihrem Anliegen.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wie – sofrage ich – soll aus der Arbeit der Schulleiter mit pe-riodischen Beurteilungen ein zwingender Beförde-rungsanspruch für engagierte Lehrerinnen und Leh-rer in der Fläche abgeleitet werden, wie Sie das imPunkt 6 fordern? Beurteilungen, gerade auch an-lassbezogene Beurteilungen, gibt es natürlich. Abersie stehen auch immer unter dem Vorbehalt desHaushaltsrechts, wonach die entsprechenden Be-förderungsstellen auch auszubringen sind. Mankann sich natürlich darüber unterhalten, wo wir dortim Thüringer Schuldienst stehen. Das sollten wirhier auch machen. Aber das in solch einen Antragreinzupacken, halte ich für verfehlt.

Ich sage das auch mal ganz zugespitzt: Mal ganzehrlich, die wesentlichen Verschlechterungen imBesoldungsgesetz, die heutzutage auch noch wirk-sam sind, wurden unter CDU-Finanzministern alleinrealisiert. Sie meinen, wir haben da Schuld? Wirhaben heute die Verantwortung und werden diese –und jetzt schaue ich auch mal in Richtung von Fi-nanzministerin Taubert – auch wahrnehmen unddie Thüringer Lehrer, Schulleiter, Seminar- undFachleiter wieder an den bundesdeutschen Schnittheranführen, um konkurrenzfähig zu sein, um guteLehrer in Thüringen zu halten oder an Thüringen zubinden. Unter anderem in der sich in der notwendi-gen Höhe befindlichen Bezüge der Schulleiterinnenund Schulleiter aber auch im Elementarbereich so-wie an kleinen Schulen sehen wir sehr kritisch, wieder Abstand der Fachleiter ohne eigenes Amt – inThüringen eine CDU-Errungenschaft – wieder daist. Das wird uns in den nächsten Jahren nochschwer zu schaffen machen, wenn es um die Ge-winnung von Fachlehrern geht. Wir haben zum Teildie Entwicklung heute schon bei der Besetzung vonStellen.

Das Problem ist erkannt und für 2017 hat die Minis-terin eigene Schritte zur Verringerung dieser besol-dungsrechtlichen Ungerechtigkeiten angekündigt.Verhandlungen mit dem TFM sind sicherlich nichtimmer einfach und können im Sinne der Lehrer,Schulleiter und Fachleiter durch Sie hier auch mitunterstützt werden. Eine echte Lehrerentgeltord-nung wäre ein starkes Signal, auch um die Tarif-und Besoldungslücke ab 2017 für die ThüringerLehrerinnen und Lehrer zu schließen. Ich verweisedarauf, rund um uns herum wird verbeamtet. Sach-sen, als Bundesland, welches nicht verbeamtet, hat

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(Abg. Wolf)

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eine tarifrechtliche Regelung von B 13 für alle ab2017. Das wird richtig schwierig.

Außerdem werden weitere Möglichkeiten, die Über-nahme von Funktionsstellen gerade in den Grund-schulen attraktiver zu machen, im Ministerium wei-terhin geprüft. Es gibt die feste Zusage, gemeinsammit dem Landtag am Thema – wie man so schönsagt – dranzubleiben. Hier ist es natürlich auch einberechtigtes Anliegen zu fragen, ob die ausgereich-ten Stunden in der Schulpauschale für die Schullei-tung tatsächlich ausreichen. An vielen kleinenSchulen müssen die Schulleiter mit in den Unter-richt und können ihre schwere Aufgabe, ihre großeAufgabe oftmals nur in der Freizeit erledigen. VieleSchulleiterinnen und Schulleiter stehen nah amBurn-out oder sind schon mittendrin. Das geht na-türlich nicht.

Anschließend möchte ich noch einmal betonen,dass es uns ein wichtiges Anliegen ist, bestehendeund sich abzeichnende Vakanzen von Schullei-terstellen und die Thüringer Schulen für die bevor-stehenden Generationenwechsel unter den Schul-leitern gut zu begleiten. Aber, meine Damen undHerren, ob uns das gefällt oder nicht, der Anspruch,die Vakanzzeiten von Schulleiterpositionen deutlichzu verkürzen, ist und bleibt ein Langzeitprojekt, ei-ne Daueraufgabe.

Es ist vollkommen richtig, meine sehr geehrten Kol-leginnen und Kollegen, dass wir hier im ThüringerLandtag die Thematik erörtern und gemeinsam wei-ter nach Wegen suchen. Aber da auch Ihre Wege,sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der CDU,zumindest wie in diesem Antrag vorgetragen, unge-eignet sind, um die Problematik, wie von Ihnen ge-fordert, tatsächlich zu lösen – stattdessen hantierenSie hier mit einer rechtlich schwierigen und unreali-sierbaren Idee als große Symbolpolitik –, lehnen wirden Antrag ab.

Das Ministerium und der Ausschuss für Bildung, Ju-gend und Sport haben sich geeinigt, zu einem spä-teren Zeitpunkt, wenn es uns der Arbeitsstand er-laubt, erneut zum Thema zu diskutieren. Auch hier-für noch mal meinen Dank an Frau MinisterinDr. Klaubert. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Danke schön, Herr Abgeordneter Wolf. Das Worthat nun Abgeordneter Höcke für die AfD-Fraktion.

Abgeordneter Höcke, AfD:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrte Kolle-gen Abgeordnete, sehr verehrte Besucher auf derTribüne! „Gute Bildung braucht starke Schulleiter“,so formuliert die CDU-Fraktion den Antragstitel und

ich kann sagen: Ja, diesem Titel kann ich aus vol-lem Herzen zustimmen. Ich denke, dass alle Frak-tionen in diesem Hohen Haus ein Interesse daranhaben, dass alle frei werdenden Schulleiterstellenschnellstmöglich besetzt werden, dass Schulleitervor der Amtsübernahme umfangreich und qualitativhochwertig fortgebildet werden und Schulleiter auchentsprechend über Durchgriffsrechte an ihrenSchulen verfügen, um Schule gestalten zu können.

Auch nach den umfassenden Beratungen im Aus-schuss sind allerdings die Probleme, die uns seitJahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten bekanntsind, nicht vom Tisch. Der CDU, die diesen Antrageingebracht hat – daran sei noch mal erinnert –, istes in 25 Jahren Regierungszeit nicht gelungen, dassogenannte Schulleiterproblem zu lösen. Nach ei-nem Jahr in der Opposition stellen Sie, liebe CDU,Forderungen nach der transparenten Übersicht derfrei werdenden Leitungsstellen, höheren Leistungs-zulagen und qualitativ hochwertigen Qualifizie-rungsmöglichkeiten. Das ist eben ein typischer Op-positionsantrag. Aber Sie wissen selbst, dass eini-ge Forderungen, wie das Versprechen, dass keineSchule länger als drei Monate ohne einen Schullei-ter auskommen muss, einfach unrealistisch sind,denn da gibt es das große Problem – Kollege Wolfhat das richtigerweise angesprochen – der Konkur-rentenklagen, die innerhalb eines gewissen Zeit-raums – also dieser drei Monate – einfach nicht ab-geschlossen werden können. Deswegen gehen Ih-re Forderungen im Bereich der Drei-Monats-Fristfür die Besetzung von Schulleitern an dieser Stellevöllig ins Leere.

(Beifall AfD)

Sie fordern mehr Zeit und mehr Geld, Sie fordernDinge, die unmöglich sind – wie gerade gesehen –,und Sie fordern Dinge, die es bereits gibt. Sehr ver-ehrte Fraktion der CDU, man sieht, Sie sind in derOpposition angekommen.

Werfen wir einen Blick auf die aktuelle Situation. ImJahr 2016 waren insgesamt 59 Schulleiterstellen inThüringen nicht besetzt, davon 25 Schulleiterstellenan Grundschulen, fünf an Regelschulen und sechsan Gymnasien. Das entspricht jeweils einem Anteilvon 2,5 bis 7 Prozent. Für jede einzelne Schule be-deutet die Vakanz in der Leitung eine besondereHerausforderung. Das wissen wir alle. Aber vieldramatischer ist noch, wenn in 14 von 41 berufsbil-denden Schulen – also in jeder dritten – der Postendes Schulleiters nicht besetzt ist. Hier brauchen wirganz offensichtlich dringend eine Lösung. Deswe-gen appelliere ich auch an Sie, Frau Dr. Klaubert.Hier ist wirklich Handlungsbedarf angezeigt. Hiermüssen Sie schnell und bitte auch unbürokratischreagieren.

Die kritische Lage, in der wir uns befinden, war seitJahren vorauszusehen. 11.000 von 17.000 Lehrernan den Thüringer Schulen sind heute älter als

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(Abg. Wolf)

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50 Jahre. Das ist eine gewaltige Pensionswelle, diesich hier aufbaut und die uns in den nächsten Jah-ren noch sehr beschäftigen wird. Einfach zu warten,bis die Stellen nicht mehr besetzt werden können,ist tatsächlich unverantwortlich. Um die Situationabzumildern, müssen Lehrer aus dem Kollegiumbestimmt werden, die dann vorübergehend die Auf-gabe des Schulleiters übernehmen. Sie müssendiese Aufgabe zusätzlich übernehmen und trotz-dem noch weiterhin Unterricht halten. Aber die Lei-tung einer Schule, sehr verehrte Kollegen Abgeord-nete – und es gibt ja auch Lehrer hier im HohenHaus –, kann man grundsätzlich eben nicht einfachso nebenbei machen. Heute bedeutet dieser Beruf– Schulleiter ist tatsächlich ein eigenständiges Be-rufsbild und hat sich in den letzten Jahren auch zueinem eigenständigen Berufsbild entwickelt – mehrdenn je eine vielfältige Aufgabe. Ein Schulleiter istheute Personalleiter, er ist Qualitätsmanager,Moderator, Finanzbuchhalter, Datenerfasser, Büro-kraft in einem und nebenbei – und nicht nur in denkleinen Systemen, sehr verehrter Herr Wolf – unter-richtet dieser Schulleiter überall in allen Schulendieses Landes weiterhin als Lehrer.

(Beifall AfD)

In meinen Augen gibt es kaum ein komplexeres Be-rufsbild als Schulleiter. Man macht alles, aber mankommt letztlich nicht mehr dazu, irgendetwas richtigzu machen. Das, sehr verehrte Kollegen Abgeord-nete, ist – jeder, der in diesem Bereich schon ein-mal unterwegs war, weiß das – ein unerträglicherZustand, der die Berufszufriedenheit der Betroffe-nen massiv untergräbt. Genau an dieser Stellemüssen wir ansetzen. Die zunehmende Bürokrati-sierung, Evaluation und Qualitätssicherung anSchulen haben dazu geführt, dass heute im Schul-bereich enorm viel dokumentiert und rechtssicherentschieden werden muss. Ich hatte auch schonbei der ersten Beratung des Antrags darauf hinge-wiesen, unsere Schulen – alle Schulen, von derGrundschule bis zu den Berufsschulen und demGymnasium – stehen heute in einem Spannungs-feld zwischen Demokratisierung, Zentralisierungund Autonomisierung. Demokratisierung, sehr ver-ehrte Kollegen Abgeordnete, meint dabei die Öff-nung von Schule. Alle Statusgruppen sollen an derSchulentwicklung beteiligt werden, Eltern, Schüler,Vereine etc. sollen vor Ort miteinander Schule ent-wickeln. Aber Demokratisierung beruht auf Kommu-nikation. Kommunikation kostet Zeit. Das müssenwir uns immer bewusst machen. Immer wiedermüssen sich diese Statusgruppen an den Schulenzusammenfinden, um über die Gelingensbedingun-gen von Schule zu beratschlagen und Projekte, diegemeinsam angestoßen werden sollen, zu konsen-sualisieren. Sehr verehrte Kollegen Abgeordnete,wenn man sich einig darüber ist, dass das ein un-verzichtbares Vorgehen ist, und man kann zu die-sem Ergebnis kommen, dann muss man auch die

notwendigen Ressourcen bereitstellen, seien siemonetärer oder zeitlicher Art.

(Beifall AfD)

Aber man kann nicht voraussetzen, dass sich dieseAufgaben einfach so nebenbei erledigen lassen.

Als Zweites ist die Zentralisierung zu nennen. DieTeilautonomisierung kann der Schule tatsächlichein unverwechselbares Profil geben. Sie kann mitihrem Umfeld tatsächlich verwachsen und sich indiesem Umfeld und mit diesem Umfeld weiterent-wickeln. Trotzdem muss der Staat – Sie wissendas, Frau Dr. Klaubert – seiner Aufsichtspflichtnachkommen. Hieraus resultiert die sogenannteKoppelungsproblematik, die über einen entspre-chenden Zentralisierungsprozess gelöst werdenmuss.

(Beifall AfD)

Auch hier gilt, wer dokumentiert, kann sich nichtmehr um das Kerngeschäft von Schule kümmern.Dokumentation oder Unterricht – beides zusammengeht nicht, jedenfalls dann nicht, wenn nicht mehrGeld und mehr Zeit in unseren Schulen zur Verfü-gung stehen.

(Beifall AfD)

Es gibt viele Studien, die darauf hinweisen, dassdie internen Verwaltungsaufgaben einen enormgroßen Anteil der Arbeit der Schulleiter ausmachen.In Deutschland sind das durchschnittlich im Monat41 Stunden pro Schulleiter. Das bedeutet, dass ei-ne von vier Wochen im Monat von der Schulleitungnur dazu genutzt wird, interne Verwaltungsaufga-ben zu bearbeiten. Wir von der AfD-Fraktion haltendas für einen unhaltbaren Zustand.

(Beifall AfD)

Aufgaben dieser Art, Verwaltungsaufgaben, dürfennicht von Schulleitern, die stellenweise – der Kolle-ge Wolf hat darauf hingewiesen – A 16 verdienen,ausgeführt werden müssen. Zur Entlastung in die-sem Bereich sind deswegen unbedingt Verwal-tungsangestellte und Assistenten an den Schulennotwendig, um die Schulleiter von diesen Verwal-tungsaufgaben zu befreien.

(Beifall AfD)

Ich komme zum letzten Eckpunkt des Spannungs-felds von Zentralisierung und Demokratisierung,nämlich der Autonomisierung. Dieser Begriff zeigtan, dass an unseren Schulen von Schulleitung undLehrern Unterrichtsentwicklung, Personalentwick-lung und Organisationsentwicklung betrieben wer-den sollen. Hier wird der Schulleiter zum Manager,zum Personalreferenten, zum Personalentwickler,zum Controller und natürlich soll der Schulleiterauch weiter als der beste Lehrer Vorbildfunktion ha-ben.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3611

(Abg. Höcke)

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Sehr verehrte Kollegen Abgeordnete, wer sich heu-te oft nicht einschlägig ausgebildet – wobei ich sa-gen muss, dass sich die Schulleiterfortbildung,auch die Fortbildung vor der Amtsübernahme, inden letzten Jahren tatsächlich zum Positiven ent-wickelt hat, das möchte ich auch mal herausstellen,aber nicht nur in Thüringen, sondern überall in derBundesrepublik Deutschland –, wer sich also heuteoft nicht einschlägig ausgebildet als Schulleiter indas Spannungsfeld von Demokratisierung, Zentrali-sierung und Autonomisierung begibt, der begibtsich in einen Zustand permanenter Überlastung, ineinen Zustand permanenter Rechtfertigung und ineinen Zustand permanenter Selbstausbeutung. Im-mer weniger Kollegen wollen das und ich kann die-se Kollegen sehr gut verstehen.

(Beifall AfD)

Die Beratungen im Bildungsausschuss haben abereinen weiteren wichtigen Punkt aufgezeigt. Geradein den ländlichen Gebieten bestehen Probleme, dieStellen für die Schulleiter zu besetzen. Frau Minis-terin Klaubert sprach in diesem Zusammenhangdavon, dass eine urbane Neigung der Bewerber zuspüren sei. Auch hier sehen wir als AfD-Fraktionfruchtbare Ansatzpunkte. Die Attraktivität des ländli-chen Raums muss dringend aufgewertet werden.Das ländliche Gebiet muss vor allem für unsere jun-gen Familien attraktiv gemacht werden. Dazu ge-hört der Breitbandausbau im ländlichen Raumebenso wie kostengünstige Kredite für Familien, dieImmobilien in diesem ländlichen Raum erwerbenund natürlich auch der Ausbau der Infrastruktur aufdem Land.

Ich fasse also noch mal zusammen, sehr verehrteKollegen Abgeordnete:

(Zwischenruf Abg. Dittes, DIE LINKE: Nein,bitte nicht!)

Wir brauchen eine Strukturänderung, die Schulleitervon Verwaltungsaufgaben entlastet oder im best-möglichen Fall sogar befreit. Wir brauchen den gu-ten Lehrer und Generalisten in der Gesamtverant-wortung als Schulleiter, der aber nur dann Ideenge-ber sein kann – und um Ideengeber zu sein, mussman Muße haben –, wenn man ihm die Zeit zumNachdenken lässt und ihn nicht im Schulalltag zer-reibt.

(Beifall AfD)

Wir brauchen Verwaltungsleiter mit betriebswirt-schaftlichen und juristischen Kenntnissen in unse-ren Schulen und wir brauchen eine Diskussion da-rüber, was eigentlich das Kerngeschäft von Schuleist. Dann, sehr verehrte Kollegen Abgeordnete,können wir das Problem Schulleiter, das seit25 Jahren in diesem Hohen Hause diskutiert wird,vielleicht doch noch mal abschließend und endgül-tig lösen. Aus den dargelegten Gründen können wir

leider als AfD-Fraktion dem Antrag so in seinerForm nicht zustimmen. Vielen Dank.

(Beifall AfD)

Präsident Carius:

Danke schön, Herr Höcke. Als Nächste hat Abge-ordnete Rothe-Beinlich für die Fraktion Bündnis90/Die Grünen das Wort.

Abgeordnete Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren, Herr Wolf hatte es schon aus-geführt, es gibt in der Tat wenige Anträge, die der-art intensiv im Ausschuss beraten worden sind. ImRahmen des Bildungsausschusses waren es sogarfünf Termine, an denen wir uns diesem wichtigenThema gewidmet und auch beraten haben, wie un-besetzte Schulleiterstellen besser und schneller be-setzt werden können. Schon in der ersten Beratunghaben wir deutlich gemacht, dass die langjährigeVakanz – so muss man es nennen – von ungefähr60 unbesetzten Schulleitungsstellen in der Tat einProblem darstellt. Ich glaube, da sind wir uns auchalle einig. Allerdings gehört zur Wahrheit auch – ichwill die Zahl einfach mal nennen –, dass 853 Schul-leitungsstellen besetzt sind, die Vakanz also ledig-lich 6 Prozent beträgt, was es nicht besser macht,meine sehr geehrten Damen und Herren, das willich selbstverständlich auch einräumen. Wir wissenallerdings um die Schwierigkeiten, insbesondere imGrundschulbereich, denn da sind es nicht die Kon-kurrentenklagen, sondern eher die Fragen der man-gelnden Attraktivität, ausreichend Bewerberinnenfür diese Dienstposten zu finden. Gerade die klei-nen Schulen im ländlichen Raum – viele werden eswissen – haben Probleme bei der Besetzung dieserFunktionsstellen.

Weiterhin wissen wir, dass es aktuell im Rahmender Besetzung der Funktionsstellen etwa zehn Kon-kurrentenklagen gibt. Das betrifft insbesondere dieGymnasien und die Berufsschulen, das ist misslich,ganz klar. Aber wenn Zweifel an der Rechtmäßig-keit des Besetzungsverfahrens nach der Besten-auslese bestehen, steht der Rechtsweg nun einmaloffen, auch das haben wir bei der ersten Beratunghier schon einmal diskutiert und im Ausschuss aus-führlich erörtert.

Viele der von der CDU vorgeschlagenen Maßnah-men, insbesondere das Schulleiterversprechen –auch darauf ist Torsten Wolf schon eingegangen –,keine Stelle länger als drei Monate unbesetzt zuhalten, helfen leider nicht weiter, weil sie schlichtunrealistisch und durch uns nicht einzulösen sind.Stellen Sie sich vor, wir beschließen jetzt, wir ver-sprechen, nur maximal drei Monate bleibt eine Stel-le unbesetzt. Was tun wir dann, wenn es anders

3612 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Höcke)

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ist? Was tun wir, wenn wir keine Schulleiterin, kei-nen Schulleiter im ländlichen Raum gefunden ha-ben? Was tun wir, wenn sich die Konkurrentenkla-gen zu dem Zeitpunkt nicht geklärt haben? Dannkönnen wir nicht sagen, wir machen die Schuledicht oder wie auch immer. Im Gegenteil, wir wer-den uns noch intensiver bemühen müssen, abersolche Versprechungen jedenfalls helfen da nichtwirklich weiter.

Gegen das grundsätzliche Ziel des Antrags derCDU, eine schnellere Bestellung von Schulleitun-gen und mehr Eigenverantwortung für unsereSchulen sowie auch Transparenz – das ist ein ent-scheidender Punkt – bei der Besetzung der Schul-leiterstellen zu gewährleisten, spricht an und fürsich nichts. Die Ministerin hat im Ausschuss mehr-fach und ebenfalls in der letzten Plenardebattedeutlich gemacht, dass das Ministerium das Verfah-ren zur Stellenbesetzung von Schulleitungsstellenständig optimiert, insbesondere auch, was Aus-schreibungsverfahren anbelangt. Wir werden ganzsicher – und etliche von ihnen, unterstelle ich mal,haben in letzter Zeit das Gespräch auch mit demThüringer Beamtenbund geführt – noch einmal rundum das Besoldungsrecht darüber beraten müssen,ob es für gewisse Funktionsstellen im SchulbereichAmtszulagen oder Stellenzulagen geben könnte.Das ist im Moment so nicht möglich, das wissenwir. Es ist eine schwierige Situation, aber auchnicht einfach mal eben zu beheben. Das Beamten-besoldungsgesetz jedenfalls wird uns als Parlamentin dieser Legislatur ganz sich noch einmal beschäf-tigen, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Auch der von der CDU eingebrachte Änderungsan-trag verbessert den Antrag nicht wirklich, muss ichan dieser Stelle sagen. Dass die Schulämter dieZuständigkeit für die Aufnahme von Kindern ge-flüchteter Familien haben, ist sachlich natürlich voll-kommen richtig, denn so wird gewährleistet, dasseinzelne Schulen nicht überfordert werden undauch ein fairer Ausgleich zwischen den Schulen er-folgt. Summa summarum lässt sich also konstatie-ren, dass wir im Zuge der Diskussion im Ausschussimmer wieder festgestellt haben, dass die Problemehierbei eher struktureller Natur sind und uns auchschon länger begleiten.

Wir sehen jedenfalls die Notwendigkeit einer lang-fristigen und stabilen Schulnetzplanung auch im all-gemeinbildenden Bereich, die attraktive und ausrei-chende, natürlich auch gut erreichbare und auchentsprechend qualitativ hochwertige Schulstandorteschafft. Dazu gehört auch Auswahl an den Schulen.

Ebenso müssen wir leider feststellen, dass auch wirdie soziostrukturellen Probleme im ländlichenRaum nicht mal eben par ordre du mufti beseitigenkönnen. Die gibt es, die existieren und denen müs-sen wir uns stellen. Aber per Akklamation ändertsich daran nichts. Deshalb können wir dem Antrag

nicht zustimmen, auch wenn wir das Ziel, die Schul-leitungsstellen zügig zu besetzen, durchaus teilen.Vielen herzlichen Dank.

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank. Als Nächste hat das Wort Abgeordne-te Rosin für die SPD-Fraktion.

Abgeordnete Rosin, SPD:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren, liebe Kolleginnen und Kolle-gen! Ich möchte in meiner Rede nicht all das wie-derholen, was ich zu den einzelnen Punkten desCDU-Antrags bei dessen erster Beratung im Aprilletzten Jahres bereits gesagt habe. Wichtiger er-scheint mir vielmehr die Feststellung, dass die Koa-litionsfraktionen die Vorlage gemeinsam mit derUnion und dem Bildungsministerium sehr intensiv inmehreren Ausschusssitzungen diskutiert haben,denn wir verschließen nicht die Augen vor der Tat-sache, dass seit vielen Jahren viel zu viele Schullei-terstellen in Thüringen unbesetzt sind und sich einguter Teil dieser Vakanzen jahrelang hinzieht. Da-her haben wir den CDU-Antrag im Bildungsaus-schuss immer wieder auf seine Umsetzbarkeit hingeprüft. Wenn ich mir die blanken Zahlen an-schaue, dann sind wir seit der ersten Beratung derVorlage bei der Schulleiterproblematik nicht wirklichweitergekommen. Im April 2015 habe ich hier imPlenum auf eine damals sehr aktuelle Kleine Anfra-ge der Kollegin Meißner zur Thematik hingewiesen,wonach seinerzeit 53 Schulleiterstellen in Thürin-gen nicht besetzt waren, davon allein 26 an Grund-schulen. Das Problem ballt sich offenbar im Grund-schulbereich, lautete damals mein Resümee hier imPlenum. Und heute? Nach einer Aufstellung desBildungsministeriums vom Januar zum Stichtag01.12.2015 sind in Thüringen insgesamt 58 Schul-leiterstellen nicht besetzt gewesen, darunter 25 anGrundschulen. Eine Verbesserung der Situation hates also in den letzten zehn Monaten nicht gegeben.Warum ist das so? In der Ausschussberatung ha-ben sich meines Erachtens zwei Problemkreiseganz deutlich herauskristallisiert. An den berufsbil-denden Schulen und an den Gymnasien handelt essich bei den Vakanzen oftmals um Stellen im städti-schen Umfeld, die zudem recht gut besoldet sind.Wie das Ministerium im Bildungsausschuss wieder-holt ausgeführt hat, gibt es für solche Stellen stetsgenügend Bewerber. Allerdings sind diese Stellendann auch so attraktiv, dass von unterlegenen Be-werbern sehr häufig Konkurrentenklagen erhobenwerden, was teilweise zu jahrelangen rechtlichenAuseinandersetzungen und Gerichtsverfahren führt.Somit kommt es dazu, dass die fraglichen Schullei-

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(Abg. Rothe-Beinlich)

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terstellen während des Verfahrens weiterhin unbe-setzt bleiben.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, der zweite Pro-blemkreis ist im Grundschulbereich zu verorten.Hier liegen die Ursachen für die Vakanzen deutlichanders als bei den weiterführenden Schulen. Unbe-setzte Schulleiterstellen finden sich nämlich in derRegel an kleinen Grundschulen im ländlichenRaum. Das ist hier schon mehrfach bemerkt wor-den. Diese Einrichtungen sind offenbar für qualifi-zierte Bewerber bereits aufgrund der regionalen La-ge der jeweiligen Schule wenig attraktiv. Das ma-chen die seit Jahren schon sehr geringen Bewer-berzahlen bei entsprechenden Stellenausschrei-bungen mehr als deutlich. Hinzu kommt, dass gera-de an kleinen Schulstandorten eine hohe Verant-wortung auf den Schulleitern lastet, während gleich-zeitig die Besoldungs- und Beförderungsmöglich-keiten wegen der geringen Schülerzahlen sehrüberschaubar sind. Zu der aus Bewerbersicht un-vorteilhaften Lage der fraglichen Grundschulenkommt also als zweites K.-o.-Kriterium noch derfehlende materielle Anreiz hinzu, sich ausgerechnetim ländlichen Raum als Leiter einer kleinen Grund-schule zu engagieren.

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass wir es beiden Stellenvakanzen im Schulleiterbereich mit ganzunterschiedlich motivierten Problemlagen zu tunhaben. Deshalb lässt sich auch keine befriedigendeStandardlösung für die Gesamtthematik finden. Anden berufsbildenden Schulen und an den Gymna-sien kann Landespolitik nun einmal wenig gegen-steuern, denn der Rechts- und Klageweg steht ver-fassungsgemäß jedermann offen, weshalb es auchimmer wieder Konkurrentenklagen geben wird, diedie eigentlich geplante Besetzung einer Schullei-terstelle im schlimmsten Falle jahrelang blockierenkönnen. Ein Schulleiterversprechen, wie es dieCDU in ihrem Antrag als zentralen Punkt formulierthat, hilft da wenig weiter, denn das Land kann kei-ne Garantie dafür geben, dass vakante Leitungs-stellen binnen drei Monaten wieder besetzt werden.Eine solche Vorstellung ist einfach unrealistisch.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, auch imGrundschulbereich müssen wir den Hebel andersansetzen. Dass Schulleiterstellen im ländlichenRaum per se für viele Bewerber wenig attraktivsind, können wir politisch kaum beeinflussen. Aberwir können als Landespolitik durchaus die Rechts-grundlagen für Funktionszulagen und eine verän-derte Ausgestaltung des Endamtes der Schulleiteran Grundschulen schaffen. Daher bin ich der Bil-dungsministerin sehr dankbar, dass sie sich im Bil-dungsausschuss offen für eine entsprechende No-vellierung des Besoldungsgesetzes gezeigt hat.

Gleichzeitig bitte ich aber das Bildungsministerium,einen zweiten Gedanken weiterzuverfolgen. Die Mi-nisterin hat in den vergangenen Monaten wieder-

holt die Gründung von Sprengelschulen angespro-chen, nicht zuletzt auch, um kleine Grundschulenim ländlichen Raum unter Beibehaltung der jeweili-gen Standorte zu größeren Einheiten zusammenzu-fassen und dadurch die Besoldung der Schulleitungzu verbessern. Ich finde, das ist ein guter und un-terstützenswerter Gedanke. Deshalb soll das Bil-dungsministerium seine Überlegungen zu denSprengelschulen in den kommenden Monaten kon-zeptionell vertiefen und abrunden, um anschließendmit interessierten Schulträgern eine modellhafteRealisierung dieses Konzepts vorzunehmen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich binmir sicher, dass sich daraus eine Vorbildfunktionauch für andere Regionen Thüringens entwickelnwird und dass uns die Bildung von Sprengelschulenbeim Erhalt und der qualitativen Weiterentwicklungdes schulischen Bildungsangebots im ländlichenRaum wesentlich weiterbringt als die derzeit vonmancher Seite betriebene Diskussion über eine reinschematische Schließung kleiner Schulstandorte.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie se-hen, wir haben im Bildungsausschuss eine intensi-ve Debatte zum vorliegenden Antrag geführt. Dabeiist die Schulleiterproblematik in all ihren Aspektenbeleuchtet und gemeinsam mit dem Bildungsminis-terium sehr sachlich diskutiert worden. Zumindestfür die Koalitionsfraktionen hat die Ausschussbera-tung auch deutlich gemacht, was landespolitischgeregelt werden kann und was nicht und was mandemzufolge bildungspolitisch versprechen kann undwas nicht. Ich finde es daher sehr schade, dass dieCDU trotzdem an ihrer rechtlich wie faktisch uner-füllbaren Forderung nach einem Schulleiterverspre-chen festhält. Insbesondere dieser Punkt macht esmeiner Fraktion dann auch unmöglich, diesem An-trag zuzustimmen. Vielen Dank.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Rosin. Als Nächster hat Abge-ordneter Tischner für die CDU-Fraktion das Wort.

(Beifall CDU)

Abgeordneter Tischner, CDU:

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrtenDamen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegenam Livestream! Alle haben uns recht gegeben,dass unser Antrag in die richtige Richtung zeigt. Zu-weilen habe ich mich dann wirklich gewundert,warum Sie unserem Antrag nicht zustimmen, dennes ist eine Willensabsicht, es ist ein Signal, was wirnach außen senden wollen, und eben keine Schul-gesetzänderung. Unser Thüringer Schulsystem istein leistungsfähiges und ein erfolgreiches Bildungs-system. Dieses zu erhalten und zu stärken mussAufgabe aller Verantwortungsträger im Bildungs-

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(Abg. Rosin)

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system sein. Die Verantwortungsträger das sindzum einen die Damen und Herren der Landesregie-rung, das sind die Beamten und das sind wir Abge-ordnete hier im Thüringer Landtag. Auf der anderenSeite sind es aber die Verantwortungsträger in un-seren Schulen, die Schulleiter, die stellvertretendenSchulleiter, die Oberstufenleiter und viele mehr, dieunser Bildungssystem erfolgreich machen.

Die letzten Monate haben gezeigt, dass sich die Si-tuation der Leistungsträger in unseren Schulennicht verbessert hat. Im Gegenteil: Weitere Aufga-ben sind auf diese zugekommen, neue Entschei-dungseinschränkungen sind vom Ministerium ver-ordnet worden und qualifizierte Kollegen könnensich aktuell nicht auf Funktionsstellen bewerben,wenn diese nicht schon eine solche wahrnehmen.All diese Verschlechterungen sind durch Linke,SPD und Grüne zu verantworten in einer Zeit, wowir hier im Landtag – alle haben darauf hingewie-sen – einen Antrag sehr gemeinschaftlich diskutierthaben, um die Schulleiter in Thüringen zu stärken.

(Beifall CDU)

Immer noch ist der gegebene Anlass unseres Ple-narantrags insbesondere die Situation, dass in Thü-ringen zahlreiche Schulleiterstellen unbesetzt sind.Nach wie vor sind es – wir haben die Zahlen ebenalle genau gehört – um die 60 Schulleiterstellen, dienicht besetzt sind und davon ungefähr die Hälfte anden Grundschulen. Fehlende Schulleitungen be-deuten unabhängig von den Schularten immer einestarke Belastung für die jeweilige Schule vor Ort.Denn für eine nach vorn gerichtete Schulentwick-lung sind Schulleiter unverzichtbar. Durch temporä-re, manchmal auch sehr lange Vertretungen ausden Kollegien heraus kann diese Situation eben oftnur sehr unzureichend kompensiert werden. Bei derBeratung im Ausschuss für Bildung, Jugend undSport ist klar geworden, dass es vor allem bei denGrundschulen – Frau Rosin hat sehr deutlich daraufhingewiesen – zu den großen Problemen kommt.Viele Kolleginnen und Kollegen haben uns persön-lich und in Gesprächen mit den Lehrerverbändenimmer wieder dieselben Gründe für die mangelndeAttraktivität der Leitung einer Grundschule zurück-gemeldet. Fehlendes Verwaltungspersonal und im-mer mehr Verwaltungsaufgaben, die die Grund-schulleiter zu bewältigen haben. Zum Beispiel sindes die Statistiken, die Ablagenführung, die Proto-kollführung, Weiterleitung von Informationen anGremien oder der Bereich der Dokumentation Auf-gaben, die mehr und mehr belasten. Gerade in denGrundschulen führt das häufig dazu, dass dieSchulleitungen nicht besser besoldet werden oderEntlastungsstunden bekommen, so wie das in an-deren Schulen der Fall ist.

Das Aufgabenfeld von Schulleitern ist in den letztenJahren immer anspruchsvoller und komplexer ge-worden. Die Rahmenbedingungen werden jedoch

nicht unbedingt besser. So ist an den Schulen einezunehmende Bürokratisierung zu beobachten, eineZunahme von Schülern mit Verhaltensproblemenund gleichzeitig lässt die Unterstützung durch dieElternhäuser tendenziell nach. Auch eine Umfragedes Thüringer Lehrerverbands zeigte im vergange-nen November 2015, dass bei den Schulleitern inThüringen die Unzufriedenheit sehr groß ist. MitBlick auf diese sehr interessante Rückmeldung, dieauch in unseren Änderungsantrag einfließt, solltendie Verantwortungsträger in Regierung und Parla-ment heute unserem Antrag zustimmen. Das istauch die Forderung, die einige Lehrerverbände inden letzten Tagen formuliert haben. Es ist wichtig,dass wir die zunehmenden Sorgen und Herausfor-derungen unserer Kollegen ernst nehmen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, damit un-sere Kinder von der ersten Klasse an eine gute Bil-dung bekommen, will die CDU mit ihrem Antrag anverschiedenen Stellschrauben die Attraktivität vonSchulleiterpositionen steigern. Denn nur so kannder Schulleitermangel behoben und verloren ge-gangenes Vertrauen bei den Eltern zurückgewon-nen werden. Eine Zielstellung ist ein Schulleiterver-sprechen. Keine Schule soll länger als drei Monateohne ordentlich bestellten oder im Ergebnis einesBewerbungsverfahrens beauftragten Schulleiterauskommen müssen.

(Beifall CDU)

Auch wenn die Landesregierung und auch jetzt wie-der hier die Koalitionsfraktionen deutlich darauf hin-weisen, dass dieses Ziel unrealistisch sei, bleibt esdoch eine wesentliche und wichtige Messlatte. Esist falsch, wenn das Argument der beklagten Stel-len – auch heute haben Sie es immer wieder vorsich hergetragen – als Generalargument für dieseMesslatte herhalten muss. Wie wir nämlich im Aus-schuss und in Kleinen Anfragen gehört haben, sindes die wenigsten Schulen, die beklagt werden. Essind ganz andere Probleme. Auch Frau Rosin hatdarauf hingewiesen. Gerade bei den beklagtenStellen sollte man vielleicht darauf achten, dassman viel eher mit den Ausschreibungsverfahren be-ginnt, um manche Klageverfahren bis zur tatsächli-chen Besetzung des Schulleiters durchgeführt zuhaben. Es fehlt also am Willen, das Ziel ist nichtverkehrt.

Aufgrund der Diskussionen der vergangenen Mona-te haben wir an dieser Stelle noch die Forderungergänzt, dass die Bewährungszeit, die Beauftra-gung als Schulleiter, auf die Dauer von maximalzwölf Monaten zu begrenzen sei. Das ist auch eineSache, die immer wieder zurückgemeldet wordenist. Es kommt darauf an, dass dann schnell Klarheitentsteht und dass die Schulleitungen und dieSchulen zu einer kontinuierlichen Arbeit zurückkeh-ren können. Um diesem Ziel näher zu kommen undabsehbare Vakanzen frühzeitig erkennbar zu ma-

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(Abg. Tischner)

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chen, fordern wir außerdem, dass die Landesregie-rung im Thüringer Schulportal eine thüringenweitetransparente Übersicht über frei werdende Leh-rerstellen einrichtet, sodass sich Interessierte früh-zeitig darüber Gedanken machen können, ob siesich bewerben wollen. Ein erster Schritt istdurchaus gegangen, aber es ist nicht der Schritt,den wir tatsächlich wollen, denn es finden sich aufden Seiten des Thüringer Schulportals zwar die ak-tuellen Ausschreibungen, aber eben nicht der Vor-ausblick auf die in Zukunft frei werdenden Stellen.Hier wollen wir weitere Verbesserungen erreichen.Gerade im Grundschulbereich scheitert eine zügigeBesetzung nicht nur an unzureichenden Informatio-nen über frei werdende Stellen, sondern tatsächlichan einem Bewerbermangel. Viele Lehrer sind unterden jetzigen Bedingungen nicht bereit, eine solcheAufgabe zu übernehmen. Insofern muss gerade imGrundschulbereich die Attraktivität von Schulleiter-positionen gesteigert werden. Deshalb fordern wirim Grundschulbereich höhere Leistungszulagenund mehr Entlastungsstunden für die Leitungstätig-keit.

Für alle Schularten fordern wir, dass die Landesre-gierung die beamtenrechtlichen Möglichkeiten aus-schöpft, zeitnah zur Bestellung eines Schulleiterseine Beförderung in die für die Planstelle ausgewie-sene Besoldungsgruppe zu ermöglichen und fürTarifbeschäftigte entsprechend zu verfahren. Eskann nicht sein, dass jemand über Jahre hinweg ei-ne Schule leitet, ohne in die ausgewiesene Besol-dungsgruppe befördert zu werden. Auch solcheBeispiele wurden uns allen in den letzten Monatenmehrfach geschildert. Hier hat die Landesregierungim Dezember 2015 einen wichtigen, einen richtigenSchritt getan und 143 Thüringer Schulleiter undStellvertreter befördert, also höhergruppiert. Daswar ein wichtiger Schritt, um dem Beförderungsstauzu begegnen. Wir begrüßen das ausdrücklich. Da-mit ist es aber nicht getan. Deswegen möchte ichunsere Forderung nach einer dauerhaften Ver-pflichtung zeitnah zur Bestellung eines Schulleiters,nach einer erfolgten Beförderung, auch hier nocheinmal deutlich bekräftigen.

Neben monetären Anreizen kann eine höhere At-traktivität der Leitungstätigkeit aber auch durcheinen größeren Entscheidungsspielraum des Schul-leiters erreicht werden. Deshalb setzen wir uns da-für ein, Schulleitern mehr Verantwortung und Ent-scheidungskompetenzen zu übertragen, sodass ihrGestaltungsspielraum bei der Schulentwicklungsteigt. Wichtig ist hier vor allem ein größeres Mit-spracherecht bei der Personalentscheidung undmehr Steuerungsmöglichkeiten bei der Personal-entwicklung an der jeweiligen Schule. Nur mit ei-nem motivierten und engagierten Lehrerkollegiumkann Schulentwicklung vor Ort tatsächlich gewin-nen. Wir fordern erneut, dass Schulleiter mehr Frei-raum bei der Lehrereinstellung und bei der Auswahl

von Lehrerpersonal erhalten sollen. Manche Schrit-te werden hier auch im Bereich der Referen-darübernahme mit den schulscharfen Ausschrei-bungen gegangen. Das ist ein richtiger Weg.Schauen wir einmal, wie sich das entwickelt.

Wir sprechen uns erneut dafür aus, die Entschei-dungsmöglichkeiten von Schulleitern bei der Auf-nahme von Flüchtlingskindern an ihrer Schule bei-zubehalten, wie es bis vor Weihnachten war, dieseEntscheidung rückgängig zu machen und nicht eineZuweisung durch die Schulämter vorzunehmen.Das ist eine Kompetenzbeschneidung der Schullei-ter. Außerdem führt es zu einer Ungleichbehand-lung, denn bei deutschen Kindern darf der Schullei-ter entscheiden, ob er sie aufnimmt, bei ausländi-schen Kindern darf er nicht entscheiden. Drittensfordern wir Sie auf: Unterlassen Sie eine weitereEntmündigung der Schulleiter bei der Genehmi-gung von Klassenfahrten. Was derzeit mit IhrerVerordnung dazu geplant ist, ist ein weiterer Angriffauf die Kompetenzen der Schulleiter und nichts an-deres als Zentralisierung von Entscheidungen beider Schulaufsicht. Das werden wir nicht mittragen.

(Beifall CDU)

Ein völlig falsches Handeln zeigt sich leider auch ineinem anderen sehr wichtigen Bereich. Währendsich infolge unseres Antrags alle Kollegen im Bil-dungsausschuss – und das ist gerade wiedergege-ben worden – viele Gedanken über die Verbesse-rung der Situation zur Gewinnung neuer Schulleitergemacht haben, hat die Landesregierung die Mög-lichkeit zur Bewerbung auf Schulleiterstellen für be-stimmte Gruppen massiv eingeschränkt. In meinerKleinen Anfrage zur Besetzung von Funktionsstel-len in Thüringen vom Januar dieses Jahres bestä-tigt die Landesregierung, dass sich gegenwärtigkein Regelschullehrer, kein Gymnasiallehrer undkein Berufsschullehrer, der nicht schon Schulleiteroder Stellvertreter ist bzw. in der Vergangenheit be-fördert wurde, auf eine Schulleiterstelle bzw. auf ei-ne Stelle als stellvertretender Schulleiter bewerbenkann. Das ist ein völlig falsches Signal vor allem andiejenigen Kolleginnen und Kollegen, die beimThILLM Führungskräftefortbildungen machen, diedarauf warten, sich auf Stellen bewerben zu kön-nen. Sie beschneiden diese Möglichkeit. KehrenSie an dieser Stelle ebenfalls um!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Rück-meldungen der Lehrergewerkschaften und die Be-ratungen im Ausschuss haben gezeigt, dass derAntrag der CDU-Fraktion nach wie vor richtig unddass er nach wie vor wichtig ist. Wir waren im Aus-schuss schon ziemlich weit und eigentlich fast soweit, dass wir eine gemeinsame Sache hier im Ple-num vortragen könnten. Es ist schade, dass es auf-grund kleinerer Punkte dann nicht zu diesem ge-meinsamen Zeichen an die Kolleginnen und Kolle-gen gekommen ist.

3616 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Tischner)

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Wir werben deshalb noch einmal massiv, intensivfür Ihre Zustimmung. Stärken Sie den Schulleiterndie Rücken, stärken Sie den Schulen in unseremFreistaat den Rücken und stimmen Sie unseremAntrag zu! Vielen Dank.

(Beifall CDU)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Herr Abgeordneter Tischner. WeitereWortmeldungen aus den Reihen der Abgeordnetenliegen mir nicht vor. Frau Ministerin Klaubert, dannhaben Sie das Wort, bitte schön.

Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend undSport:

Herr Präsident, sehr verehrte Damen und HerrenAbgeordnete! Ich könnte ja jetzt damit beginnen: Esist alles schon gesagt worden, aber noch nicht vonmir. Ich möchte aber doch auf einige Dinge einge-hen, die insbesondere in Bezug auf den Antrag undauf den Änderungsantrag der CDU hier angespro-chen worden sind, und ein bisschen systematischnoch mal darauf eingehen, warum selbstverständ-lich die Beratung dieses Themas im Ausschuss ei-ne wichtige Angelegenheit für alle war – ich glaube,das hat auch für viele den Blick erhellt für dieSchwierigkeit mancher Entscheidungen, die es da-zu gibt –, und auf der anderen Seite aber sowohl imAntrag als auch im Änderungsantrag Dinge enthal-ten sind, die einfach nicht realisierbar sind.

Wenn ich das im Folgenden darlege, werde ich dasso strukturieren, dass ich immer darauf eingehe,was entweder im Antrag oder im Änderungsantragbenannt ist. Ich hoffe, Sie können das, wenn Sieparallel dazu die beiden Anträge vor sich haben,dann auch für sich der Reihe nach verstehen.

Wir haben diesen Antrag seit dem Mai des vergan-genen Jahres, als er im Plenum behandelt wurde,miteinander beraten. Er ist dann an den Ausschussfür Bildung, Jugend und Sport überwiesen worden– darauf sind mehrere Vorrednerinnen und Vorred-ner eingegangen – und der Bildungsausschuss hatsich in vier Sitzung mit diesem Thema befasst. Ichhabe in jedem Bildungsausschuss dann immerauch die aktuellen Zahlen der Schulleiterbesetzun-gen genannt, weil sich diese natürlich ständig ver-ändern. Es hat übrigens neben verschiedenen an-deren Gründen auch den Grund, dass wir dort eineAltersstruktur haben, infolge derer ich zahlreicheUrkunden unterschreibe, wonach Schulleiterinnenund Schulleiter mit dem Erreichen des Ruhestandsaus dem Dienst ausscheiden und wir dort die ent-sprechenden Nachbesetzungen vornehmen.

Ich kann auch – auch wenn es ziemlich spät ist,aber vielleicht wird es von unseren Kolleginnen undKollegen Schulleitern auch gehört – noch einmal

ausdrücklich betonen, dass diese eine sehr guteund eine sehr wichtige Arbeit leisten

(Beifall CDU, DIE LINKE, SPD, AfD)

– ja, das ist, glaube ich, wirklich einen Beifallwert –, dass sie mit ihrer Befähigung, größere oderkleinere Schulkollegien zu leiten, Impulse in dieSchule hinein zu geben, die Schule im sozialenNahraum zu verankern eine ungeheure Last aufsich genommen haben und dass sie mit der Kraft-anstrengung bei der Durchführung ihres Amts im-mer wieder auch an die Grenzen des Möglichen ge-langen und dass man ihnen dafür nur ein ganzherzliches Dankeschön sagen kann. Dieses Danke-schön soll gleichzeitig als Motivation für sie gelten.

Nun zu dem Antrag und den entsprechenden Punk-ten im Änderungsantrag.

Erstens – es ist durch verschiedene Abgeordneteangesprochen worden – zur Situation der besetztenSchulleiterstellen: Von den rund 900, also aktuell904, Schulleiterstellen in den staatlichen Schulen inThüringen sind aktuell 57 vakant. Ich habe in mei-nen Eingangsworten darauf hingewiesen, dass wirdort eine ständige Veränderung haben. Das kannvon Tag zu Tag, von Woche zu Woche sein, wennjemand ausscheidet aus unterschiedlichen Grün-den oder wenn wir Besetzungen vornehmen kön-nen.

Am Ende der vergangenen Legislaturperiode warenes übrigens 87. Nun könnte man sagen, wir sindganz großartig, damals waren es 87, jetzt sind esnur noch 57. Das würde aber völlig den Blick aufdie tatsächliche Situation verklären. Aber ich sageauch, man muss natürlich auch hier die Kirche oderdie Schule im Dorf lassen. Es ist ein prozentualerAnsatz, der nicht zu Alarmstimmung neigen sollte,sondern uns das Problem vor Augen führt, um im-mer wieder den Finger auf die Wunde zu legen,dass jede unbesetzte Schulleiterstelle natürlich Fol-gen im pädagogischen Prozess der jeweiligenSchule hat. Demzufolge könnte man diesen Antragbis zum Ende dieser Wahlperiode fortsetzen und je-des Mal wieder die aktuellen Besetzungszahlennennen. Das kann ich Ihnen aber – das habe ich imAusschuss schon gesagt – auch immer zuarbeiten.

Zum Zweiten, zum Schulleiterversprechen: Auf die-ses Schulleiterversprechen bin nicht nur ich im Maides vergangenen Jahres eingegangen, sondernsind auch die Kolleginnen und Kollegen aus denKoalitionsfraktionen eingegangen. Der Begriff klingtganz großartig, als ob ihn eine PR-Agentur erfun-den und gesagt hat: In Thüringen gibt es ein Schul-leiterversprechen – nach drei Monaten sind alleSchulen besetzt, an denen die Schulleiterstelle freigeworden ist.

Ich sage es aber noch mal in aller Sachlichkeit: Be-setzungsverfahren erfolgen nach dem Prinzip derBestenauslese. Dieses Prinzip der Bestenauslese

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3617

(Abg. Tischner)

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ist auch nicht von den Ländern abhängig, sondernes ist eine grundgesetzliche Regelung. Ich verwei-se in diesem Zusammenhang auf das Grundgesetz,Artikel 33 Abs. 2. Demzufolge muss diese Besten-auslese auch ihren Zeitraum in Anspruch nehmenkönnen, demzufolge dauert das seine Zeit.

Auf die Frage der Konkurrentenklagen ist bereitseingegangen worden. Sicher, die Masse der neu zubesetzenden Stellen ist nicht beklagt. Es gibt aberzahlreiche Konkurrentenklagen, die sich auf mehre-re Stellen an Schulen im Freistaat richten. DieseProzesse dauern oft außerordentlich lang und wirsind dann nicht in der Lage, eine Entscheidung zutreffen. Genau dort, wo wir die Probleme haben,sind solche Entscheidungen unmöglich. Wenn ichjetzt sagen würde, ich verpflichte mich, ein Schullei-terversprechen abzugeben, was ich gar nicht ein-halten kann, dann wäre das gelogen, und das ma-che ich nicht.

Drittens: Auch der dritte Punkt, den Sie jetzt im Än-derungsantrag der CDU-Fraktion eingeführt haben,scheint mir eher gut gemeint zu sein, als er sichumsetzen ließe. Wenn wir nämlich einer Beamtinoder einem Beamten einen höheren Dienstpostenübertragen, dann muss die Kandidatin oder derKandidat die Eignung nachweisen. Das steht nunwieder im Thüringer Laufbahngesetz. Damit gilt ge-nerell eine Erprobungszeit von sechs Monaten. Die-se sechs Monate wiederum sollen auf maximal einJahr verlängert werden, wenn es entsprechendenBedarf gibt, um diese Erprobung zu verlängern.Aber im Thüringer Laufbahngesetz steht auch, dassbei bestimmten Schwierigkeiten oder bei der Un-möglichkeit, die Entscheidung nach einem Jahrfestzulegen, eine Verlängerung – als zweite Chan-ce gewissermaßen – eingeführt werden kann. Dasmöchte ich, wenn es ein gesetzlicher Anspruch ist,auch nicht streichen und auch nicht dadurch, dassich den Landtag dazu bitte, einem solchen Ände-rungsantrag zuzustimmen, der die gesetzlichen Re-gelungen verletzt.

Viertens: Über die Ausschreibung der Schullei-terstellen haben wir im Bildungsausschuss wirklichumfangreich gesprochen. Es ist auch in den ver-schiedenen Beiträgen aus den Reihen der Abge-ordneten darauf eingegangen worden. Hier nocheinmal: Schulleiterstellen werden langfristig ausge-schrieben. Ich habe das schon mehrfach und, ichglaube, bereits im Mai des vergangenen Jahres ge-sagt. Sie werden im Oktober ausgeschrieben. Dannhat man einen Zeitraum von zehn bis zwölf Mona-ten vor sich. Innerhalb dieses Zeitraums kann mansich auf die entsprechenden frei werdenden Schul-leiterstellen bewerben. Wenn sich abzeichnet, dassman diese Bedarfe langfristig tatsächlich zur Verfü-gung gestellt bekommt, also dass jemand aus demSchulleitungsdienst ausscheiden möchte, dassLangzeiterkrankungen vorliegen und dann der Kol-lege oder die Kollegin dieses Schulleiteramt abge-

ben möchte, dann kann man das auch auf 20 bis24 Monate ausdehnen. Das heißt, die Langfristig-keit dieser Ausschreibungen ist sowieso schon ge-geben. Dann haben wir zwischendurch natürlich im-mer die Möglichkeit – das muss dann auch kurzfris-tig erfolgen können –, dass man auf offene Vakan-zen reagieren und dort Schulleiterstellen besetzenkann, wenn der Bedarf akut entstanden ist und wirdie entsprechende Nachbesetzung realisieren müs-sen.

Als Fünftes möchte ich anmerken: Dass Schullei-terstellen manchmal so schwer zu besetzen sind –darauf ist zum Teil eingegangen worden –, hatauch mit einer unterschiedlichen Entwicklung imländlichen und im städtischen Raum zu tun. Wir ha-ben in der Regel eine große Nachfrage nach Schul-leiterstellen in größeren Städten, wie wir auch einegrößere Nachfrage nach Lehrerstellen in den Städ-ten haben. Wir haben zunehmend Schwierigkeiten,nicht nur Lehrpersonal, sondern auch Schullei-terstellen im ländlichen Raum zu gewinnen. Erstheute haben mehrere Medien, insbesondere in derOstthüringer und westsächsischen Region, darüberberichtet, dass sich insbesondere die Besetzungvon Lehrer- und Lehrerinnenstellen und Schullei-terstellen im ländlichen Raum zunehmend schwieri-ger gestaltet. Demzufolge müssen wir über ver-schiedene Dinge nachdenken.

Auf der einen Seite plädiere ich – das habe ichauch dem Ausschuss gesagt – auf die Angleichungvon Gehältern zwischen den Schularten. Ich denke,da ist manches derart überholt, dass man es ein-fach ändern muss. Zum anderen – darauf ist FrauRosin eingegangen – haben wir natürlich im ländli-chen Raum insbesondere im Grundschulbereichdie Situation, dass wir sehr kleine Schulen habenund dass in diesen sehr kleinen Schulen auch dieSchulleiterin nicht unbedingt eine Besoldung erhält,die einer Schulleiterin würdig ist. Aber das liegt ander Größe oder an der Kleinheit dieser Schulen. Al-so müssen wir darüber nachdenken, wie wir dortzum Beispiel über Sprengellösungen andere Ver-bünde bekommen und dann wird die Schulleitungs-aufgabe anders besoldungsfähig sein. Hinzukommt, dass sich die Last der Leitungstätigkeit aufmehrere Schultern verteilen lässt. Das ist nämlichin den kleinen Schulen nicht so.

Als Sechstes möchte ich auf den Änderungsantragzu den Entscheidungsmöglichkeiten von Schullei-tern im Bereich der Flüchtlingsaufnahme eingehen.Wir hatten längere Zeit – insbesondere im Südthü-ringer Raum hat das sehr gut funktioniert – dieMöglichkeit, dass die Schulleiter allein entschiedenhaben, insbesondere zum großen Teil in der Ko-operation mit sozialen Verbänden, wie die Aufnah-me an ihren Schulen für die Flüchtlingskinder ist.

In dem Moment, in dem mehrere Zuweisungen ka-men und wir auch mehrere solcher Plätze an den

3618 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Ministerin Dr. Klaubert)

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Schulen benötigten, mussten wir eine Regelungtreffen, die wir am Ende sogar mit einer Schulge-setzänderung begleiten müssen. Eine Änderung,indem wir den Schulämtern zugeordnet haben,dass die Flüchtlingskinder in den entsprechendenSchulen, in denen Kapazitäten vorhanden sind, zu-gewiesen werden können. Dass das nicht vom grü-nen Tisch aus erfolgen kann, dürfte klar sein, undist im Allgemeinen auch nicht die Praxis. Wenn esso ist, dann möchte ich noch einmal darüber infor-miert werden, denn ein solcher Prozess geht nurtransparent und solidarisch miteinander, zwischender Schule und dem Schulamt.

Als Siebentes möchte ich das Thema der Eigenver-antwortlichkeit der Schule anfügen, die fest im Thü-ringer Schulgesetz verankert ist. Wer mich aus denfrüheren Zeiten als Landtagsabgeordnete kennt,weiß, dass ich natürlich diese Eigenverantwortungsehr gern noch verstärken möchte. Da ist in denvergangenen Jahren einiges geschehen. Ich kannmir auch vorstellen, dass man diese Eigenverant-wortung noch in ganz anderem Maße an dieSchulen überträgt. Aber dazu brauchen wir entspre-chende Bedingungen, und verschiedene Bedingun-gen haben wir noch nicht. Zu den Bedingungen, diewir nicht haben, zählen zum Beispiel die Möglich-keiten, Stellenzulagen zu geben. 2008 ist mit demdamaligen Besoldungsgesetz diese Möglichkeit ab-geschafft worden. Das war wahrlich nicht Rot-Rot-Grün. Diese Entscheidung wirkt nicht nur im Be-reich der Schule, sondern auch im Bereich der Thü-ringer Polizei. Es ist dringend erforderlich, dass wirdort etwas tun.

(Beifall DIE LINKE)

Herr Kräuter klatscht jetzt wahrscheinlich ausdrück-lich für den Bereich der Polizei. Wir müssen dortdringend etwas tun.

(Heiterkeit DIE LINKE)

Es gibt jetzt dazu ein Bundesverfassungsgerichts-urteil. Ich bin jüngst darüber informiert worden undvielleicht weiß es die eine oder der andere von Ih-nen auch. Ich lasse gerade im Haus prüfen, welcheFolgen dieses Bundesverfassungsgerichtsurteil aufunsere Möglichkeiten zur Entscheidungsfindunghat. Das dauert natürlich jetzt eine Zeit, sodass ichtrotzdem sage, wir müssen an die Besoldungsfrageheran, wenn wir dort überhaupt leistungsgerechtdie Möglichkeit schaffen und Anreize bieten wollen,tatsächlich diese Berufe im Bildungssystem attrak-tiv zu machen – Herr Kräuter, natürlich auch in derPolizei.

Präsident Carius:

Frau Ministerin, es gibt eine Anfrage des Abgeord-neten Höcke. Beantworten Sie sie?

Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend undSport:

Nein, ich möchte gern weitersprechen.

Präsident Carius:

Gut.

Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend undSport:

Um potenzielle Schulleiterinnen und Schulleiter zugewinnen, habe ich bereits im Mai des vergange-nen Jahres darauf verwiesen, dass wir vier Phasenin der Qualifikation von Schulleiterinnen und Schul-leitern haben. Da gibt es als Erstes die Orientie-rungsphase. Zwischen 2007 und 2014 haben dieseOrientierungsphasen für Kolleginnen und Kollegen,die gegebenenfalls ein solches Amt anstreben,757 Lehrkräfte durchlaufen. In der zweiten Phasebereitet man sich unmittelbar auf die Übernahmeeines solchen Amts vor, hier sind es 629 Lehrkräf-te. Dann gibt es in einer dritten Phase das Angebotüber das ThILLM, amtseinführend die Qualifizie-rung zu begleiten. Im Zeitraum 2007 bis 2014 wa-ren es 470, die dieses Angebot angenommen ha-ben. Die begleitende Qualifizierung in der viertenPhase haben im genannten Zeitraum 361 Schullei-terinnen und Schulleiter genutzt. Ich glaube, daszeigt auch, dass dieses Angebot genutzt wird undSchulleitung immer etwas mit Qualität zu tun hat.Auf die qualitativen Merkmale bin ich vorhin bereitseingegangen.

Präsident Carius:

Frau Ministerin, es gibt eine weitere Anfrage desAbgeordneten Tischner. Würden Sie die zulassen?

Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend undSport:

Ich würde die Frage gern zum Schluss beantwor-ten, weil ich sehe, es ist schon eine relativ langeZeit vergangen und ich versuche, mich

Präsident Carius:

Gut, ja.

Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend undSport:

an Ihrem Antrag und an Ihrem Änderungsantragdurchzuarbeiten. Vielleicht beantworte ich die Fra-ge schon, wenn ich zum Ende meiner Ausführun-gen gekommen bin.

Zu den Beförderungen sage ich auch noch einmalin aller Öffentlichkeit: Wir haben den Beförderungs-stau auflösen können. Das war eine harte Verhand-lung und wir haben dann die Möglichkeit geschaf-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3619

(Ministerin Dr. Klaubert)

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fen, dass wir in dem Pool der zur Verfügung ste-henden Kräfte, die eine Beförderung überhaupt inAnspruch nehmen konnten, nahezu alle Anträgerealisieren konnten. Aber ich muss sagen, an die-ser Stelle ist mit zwei Konkurrentenklageverfahrenein Eingriff genommen worden in zwei Gruppen vonSchulleiterinnen und Schulleitern. Diese musstendann erst wieder zurückgestellt werden. Jetzt ha-ben wir über eine Verhandlungsposition erreicht,dass wir einen Teil dieser Schulleiterinnen undSchulleiter doch noch befördern können. Das istdann immer sehr traurig, wenn man es erreicht hat,ein solches Verfahren zum Abschluss zu bringen,und in diesen Verwaltungsgerichtsstreitigkeiten dieMöglichkeit einfach ausgeschlossen worden ist.

Dazu möchte ich noch darauf hinweisen, dass mannatürlich in der Frage von Schulgestaltung, vonLehrergesundheit insbesondere auf Leitungsstellen,von Angeboten für zusätzliche Möglichkeiten derQualifizierung gerade für Schulleiterinnen undSchulleiter die Zusammenarbeit mit dem ThILLModer auch die Möglichkeiten auf dem deutschenSchulleiterkongress in der nächsten Woche und un-seren Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre nutzt,um mit den Schulleiterinnen und Schulleitern zudiskutieren.

Das Fazit ist: Die Überschrift „Gute Bildung brauchtstarke Schulleiter“ könnte mit hundertprozentigerZustimmung im Saal unterstrichen werden. Aberunter dem Ganzen sind Punkte, die aus Sicht desMinisteriums – das habe ich auch im Ausschussgesagt – vom Landtag nicht beschlossen werdenkönnen, damit sich die Situation ändert. Bei man-chem gibt es tatsächlich rechtliche Einschränkun-gen. Ich glaubte, mich im Ausschuss verständlichgemacht zu haben. Das ist mir offensichtlich nichtganz gelungen, ich habe es jetzt noch einmal ver-sucht

Demzufolge: Gute Schulleiter, gute Schulen – dasgehört zusammen. Vielen Dank an die Kolleginnenund Kollegen. Vielen Dank übrigens auch an dielebhafte Debatte im Ausschuss. Aber nicht alles,was in der Einwerbung zur Zustimmung zum Antragvon der CDU-Fraktion hier benannt worden ist,kann realisiert werden.

Präsident Carius:

Herr Abgeordneter Tischner, Ihre Frage bestehtnach wie vor? Bitte.

Abgeordneter Tischner, CDU:

Vielen Dank. Frau Ministerin, schade, dass Sieschon so in diesen ministeriellen Zwängen sind, wieSie sie zum Schluss jetzt beschrieben haben.

Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend undSport:

Das wissen Sie doch!

Abgeordneter Tischner, CDU:

Meine Frage bezieht sich auf einen Punkt, den Sieangesprochen haben während Ihrer Rede, wo ichgern noch mal auch für die Öffentlichkeit eine Aus-sage hätte, und zwar geht es um die Führungskräf-teweiterbildung. Es ist richtig und gut, dass das Mi-nisterium das macht, dass das beim ThILLM orga-nisiert wird. Aber ist Ihnen bekannt, Frau Ministerin,dass sich diese Lehrer, die diese Führungskräfte-weiterbildung gemacht haben, momentan nicht aufFührungsstellen bewerben können, auf Schullei-terstellen, auf stellvertretende Schulleiterstellen,weil diese in der Regel nicht in der entsprechendenBesoldungsgruppe sind, für die die Stellenaus-schreibungen passieren? Also man hat hier einenWasserkopf vor sich.

Dr. Klaubert, Ministerin für Bildung, Jugend undSport:

Ja, Herr Tischner, mir ist es bekannt. Sie wissendas auch, dass es mir bekannt ist, weil Sie mich,glaube ich, schon nicht öffentlich gefragt haben. Siewissen auch, dass es mich nicht befriedigt. Aberwas ich zurückweisen möchte – ich hoffe mit IhrerZustimmung –: Wir haben dort keinen Wasserkopfproduziert, sondern wir haben dort Leute, die –wenn wir den entsprechenden Durchbruch schaf-fen, entweder über eine entsprechende Änderungdes Besoldungsgesetzes oder die Möglichkeit einergenauen Überprüfung des Bundesverfassungsge-richtsurteils und die Anwendung auf unser Besol-dungssystem – hoffentlich immer noch motiviertsind, ihre Schulleiterlaufbahn einzuschlagen.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Ministerin. Weitere Wortmeldun-gen sehe ich jetzt nicht, sodass ich die Ausspracheschließe.

Wir kommen zur Abstimmung über den Änderungs-antrag der Fraktion der CDU in der Drucksa-che 6/1649, der eine Neufassung der Be-schlussempfehlung enthält. Wer dafür ist, den bitteich jetzt um das Handzeichen. Das sind die Kolle-gen aus der CDU-Fraktion, einige aus der SPD-Fraktion, die Kollegen Fraktionslosen. Gegenstim-men? Jetzt wird es interessant. Das sind die Ge-genstimmen aus den Koalitionsfraktionen und derAfD-Fraktion. Enthaltungen? Von Herrn Helmerichund Herrn Krumpe. Damit ist der Änderungsantragabgelehnt.

3620 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Ministerin Dr. Klaubert)

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Wir kommen damit zur Abstimmung direkt über denAntrag der Fraktion der CDU in der Drucksa-che 6/508. Wer dafür ist, den bitte ich jetzt um dasHandzeichen. Die CDU-Fraktion ist dafür. Gegen-stimmen? Aus den Koalitionsfraktionen und derAfD-Fraktion. Enthaltungen? Von den drei fraktions-losen Kollegen. Damit ist auch dieser Antrag abge-lehnt.

Herzlichen Dank. Ich schließe diesen Tagesord-nungspunkt.

Gemäß unserer Übereinkunft, dass wir Punkt 24auf jeden Fall aufrufen, würde ich dann auch sofortfahren und den Tagesordnungspunkt 24 aufru-fen.

Der Forschungs- und Hoch-schulstandort ThüringenBeratung der Großen Anfrageder Fraktion der CDU und derAntwort der Landesregierung –Drucksachen 6/962/1377 – aufVerlangen der Fraktion derCDUUnterrichtung durch den Präsi-denten des Landtags- Drucksache 6/1625 -

Ich frage: Wünscht die CDU das Wort zur Begrün-dung? Das ist nicht der Fall, sodass ich die Bera-tung eröffne. Ich erteile das Wort Frau Abgeordne-ter Muhsal für die AfD Fraktion.

Abgeordnete Muhsal, AfD:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Abge-ordnete! Nachdem die CDU nicht mehr in der Re-gierung ist, ist es verständlich, dass sie herausfin-den möchte, was die Landesregierung von der La-ge der Thüringer Hochschulen

Präsident Carius:

Frau Abgeordnete Muhsal, Entschuldigung nochmal, die Unruhe ist jetzt relativ groß. Ich würde Sieeinfach bitten, bleiben Sie drin, lauschen der Debat-te oder gehen Sie nach draußen und führen Ge-spräche, aber nicht beides hier drin. Frau Muhsal,jetzt haben Sie das Wort.

Abgeordnete Muhsal, AfD:

– danke schön – denkt und was sie weiter mit ihnenvorhat. Ich weiß nicht, wie intensiv die CDU die Ant-worten der Landesregierung zur Kenntnis genom-men hat, aber ich würde mich freuen, wenn dienoch fehlenden Anlagen in näherer Zukunft nach-geliefert werden würden.

Seit ihrer Entstehung kritisiert die Alternative fürDeutschland den Leistungsverfall nicht nur an

Schulen, sondern auch an Hochschulen. Es gibt im-mer mehr Schüler, die zwar einen Schulabschlusshaben, aber nicht ausbildungsfähig sind. Auf deranderen Seite gibt es zwar immer mehr Studenten,aber immer weniger Studenten, die den ehemalshohen Anforderungen des Deutschen Universitäts-systems auch gewachsen sind.

(Beifall AfD)

Jahrzehntelang galt im Deutschen Universitätssys-tem das Prinzip „Qualität vor Quantität“, und daswar auch gut so. Jetzt hätte ich fast gesagt, unddann kam Bundesbildungsministerin Annette Scha-van mit ihrem aberkannten Doktortitel, aber Fakt istdoch, dass das CDU-Bildungsspitzenpersonal auchschon vorher die Qualität des Hochschulsystemssystematisch abgebaut hat. Jetzt geht es nichtmehr darum, wie viel man in einem Studium lernt,sondern darum, wie schnell man ist. Jetzt geht esnicht mehr darum, wie gut eine Leistung ist, son-dern nur noch darum, wie viele Absolventen es gibt.Mit anderen Worten: Es geht um staatlich initiierteVolksverdummung.

(Beifall AfD)

„Masse statt Klasse“ ist das Motto der Bundesregie-rung und offenbar auch das der Landesregierung.Schwarz-Rot-Grün marschiert mal wieder imGleichschritt. Das sieht man beispielsweise in derAntwort auf Frage 70 der Großen Anfrage, in derdie Landesregierung mitteilt, dass die Zahl von50.000 Studenten an Thüringer Hochschulen auchin Zukunft gehalten werden soll. 50.000 Studentenbei sinkenden Bevölkerungszahlen in Thüringen!Zum Vergleich: 1998/1999 gab es in Thüringen nur33.000 Studenten. Im Jahr 2000 begannen in Thü-ringen 26 Prozent eines Jahrgangs ein Studium,2014 waren es dagegen schon über 40 Prozent.Die Studentenzahlen wurden in den letzten Jahrenalso massiv in die Höhe gedrückt und die Leistungder Studenten selbst und auch die Leistung desHochschulsystems leidet darunter. Noch jemandleidet unter dem Akademisierungswahn und dassind ganz klar die Thüringer Handwerker und dieThüringer Unternehmen.

(Beifall AfD)

Bei den Auszubildenden ist die Entwicklung näm-lich genau umgekehrt. 2004 gab es in Thüringennoch 51.000 Auszubildende, bis 2014 hat sich dieAnzahl der Auszubildenden nahezu halbiert auf26.000. Waren 2009 noch 335 Ausbildungsstellenunbesetzt, hat sich diese Zahl im Jahr 2015 auf1.270 unbesetzte Ausbildungsstellen fast vervier-facht.

Wenn wir also wollen, dass unsere Akademiker undunsere Unternehmen leistungsfähig bleiben, dannbrauchen wir nicht weiterhin eine Masse von50.000 Studenten, sondern wir brauchen ein höhe-res akademisches Niveau an den Unis und wir

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3621

(Präsident Carius)

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brauchen mehr ausbildungsfähige und ausbildungs-willige Thüringer Jugendliche.

(Beifall AfD)

Ebenfalls für die Zukunft der Thüringer Hoch-schulen und für die Leistungsfähigkeit der Studen-ten relevant ist die Aufteilung der finanziellen Mittelder Hochschulen in ein Grund- und in ein Leis-tungsbudget. Nach dem Willen der Landesregie-rung bekommen die Hochschulen 90 Prozent ihresGeldes als Grundbudget. Die restlichen 10 Prozentbekommen sie nur, wenn sie die sogenannten Ziel-und Leistungsvereinbarungen erfüllen. In meinenAugen sollte man schon die Ziel- und Leistungsver-einbarungen an sich abschaffen, denn die Hoch-schulen sind ja zwingend auf das Geld angewiesen.Letztlich handelt es sich um eine Gängelung derHochschulen durch den Staat und damit um eineEinschränkung der Wissenschafts- und For-schungsfreiheit.

(Beifall AfD)

Interessant wird es, wenn man sich den Inhalt derZiel- und Leistungsvereinbarungen anschaut. DieLandesregierung möchte nicht mehr auf das alteMittelverteilungsmodell klug zurückgreifen, sondernhat mittlerweile neue Ziel- und Leistungsvereinba-rungen geschlossen. Laut der Antwort auf Frage 86sollen an allen Hochschulen die Indikatoren Stu-denten in Regelstudienzeit, vereinnahmte Drittmit-tel, der Anteil ausländischer Studenten und der In-dikator Frauenanteil an der Neubesetzung von Pro-fessuren darüber entscheiden, ob die Mittel ausge-schüttet werden oder nicht. Am Indikator Studentenin Regelstudienzeit sehen Sie, dass die Landesre-gierung das Prinzip weiter fährt, das ich eingangsschon genannt habe. Jetzt geht es nicht mehr da-rum, wie viel man in einem Studium lernt, sonderndarum, wie schnell man ist. Mit Leistung hat daswenig zu tun. Der sprichwörtliche Blick über denTellerrand, der einst so wertgeschätzt wurde, wirddadurch immer seltener. Dass auch ausländischeStudenten an unseren Unis studieren, ist zwargrundsätzlich sehr zu begrüßen. Man kann sichaber schon fragen, wieso die Unis eine Prämie da-für bekommen sollen, dass sie vermehrt ausländi-sche Studenten haben, obwohl die Kosten für dieUnis vom deutschen Steuerzahler getragen wer-den.

(Unruhe DIE LINKE)

Die Frauenquote bei der Neubesetzung von Profes-sorenstellen ist Genderquatsch und keine Besten-auslese.

(Beifall AfD)

Da Sie ja alle auch innerparteilich Frauenquoten in-stalliert haben – soweit ich weiß –, wird für die eineoder andere Dame, vielleicht auch für den einenoder anderen Herren unter Ihnen vielleicht schwer

nachzuvollziehen sein, dass die meisten Frauentatsächlich aufgrund ihrer Leistungen und nichtdurch ihre Geschlechtsorgane Professor werdenwollen.

(Beifall AfD)

Und wenn man Frauen wertschätzt und wenn manWeiblichkeit wertschätzt, dann braucht man keineQuote, sondern man muss – Frau Henfling, hörenSie zu – toleranter werden. Man muss toleranterwerden, was Teilzeitarbeit und Karrierechancen an-geht und was die Akzeptanz der Notwendigkeit,Zeit in eine Familie zu investieren, angeht. Wirbrauchen keine Quote, wir brauchen Toleranz fürFamilien.

(Zwischenruf Abg. Höcke, AfD: Sehr gut!)

(Beifall AfD)

Auch den Indikator der Einwerbung von Drittmittelnsehe ich mit Sorge. Denn wenn Sie sich die Datenanschauen, dann sehen Sie, dass die Höhe derDrittmittel von 121 Millionen Euro im Jahr 2009 auf162 Millionen Euro im Jahr 2013, also um 33 Pro-zent, gestiegen ist. Die laufenden Grundmittel, alsodie Ausgaben des Landes für die Hochschulen,sind im gleichen Zeitraum nur um 15 Prozent ge-stiegen. Wenn Sie die absoluten Zahlen verglei-chen, 162 Millionen Euro Drittmittel im Vergleich zu429 Millionen Euro Grundmitteln, dann können Siesich schon fragen, wie frei die Forschung wirklichist. Es darf nicht sein, dass Hochschulen in so ho-hem Maße von Drittmitteln abhängig sind, und esdarf nicht sein, dass das Land sich bei der Finan-zierung der Hochschulen aus der Verantwortungstiehlt.

(Beifall AfD)

Fazit also: Der Indikator der Einwerbung von Dritt-mitteln geht genau in die falsche Richtung.

Alles in allem sehen Sie, dass die sogenanntenZiel- und Leistungsvereinbarungen zwar Ziele ver-folgen, diese Ziele aber weder leistungsfreundlichnoch im Interesse der Wissenschafts- und For-schungsfreiheit sind.

Zur Bologna-Reform meint die Landesregierung inder Beantwortung der Großen Anfrage, die bisheri-ge Umsetzung der Bologna-Reform sei erfolgreichverlaufen. Dabei hat sich längst gezeigt, dass nichtnur die Umsetzung der Bologna-Reform, sondernauch die Bologna-Reform an sich ein Fehler für diedeutschen Universitäten und das deutsche Bil-dungssystem war.

(Beifall AfD)

Der Versuch, dem deutschen Bildungssystem an-gelsächsische Strukturen überzustülpen, ist gründ-lich gescheitert. Der Abschluss „Bachelor“ wird we-der von der Wirtschaft geschätzt, noch wertet derStaat ihn als vollwertigen Abschluss, denn der Zu-

3622 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Muhsal)

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gang zum höheren Dienst beispielsweise ist mitdem Bachelor nicht möglich. Und wenn man ehrlichist, so ist die Sehnsucht nach dem guten alten Di-plom überall groß.

(Beifall AfD)

Ein bisschen Sehnsucht verspürt offenbar auchHerr Minister Tiefensee, der im Januar ankündigte,darüber nachdenken zu wollen, ob der Diplomab-schluss in Thüringen wieder eingeführt wird.

(Zwischenruf Abg. Kießling, AfD: Das wäreschön!)

So butterweich die Formulierung ist, so wenig wirdwahrscheinlich dabei herumkommen, wenn dasNachdenken beendet ist.

(Beifall AfD)

Denn wie auch aus den Punkten ersichtlich ist, dieich Ihnen jetzt vorgestellt habe, merkelt die Landes-regierung eigentlich die ganze Zeit an einem in sichverfehlten System herum. Wenn die Landesregie-rung weiterhin auf Masse statt Klasse setzt undleistungsferne Indikatoren über Geldflüsse ent-scheiden lässt, dann wird sich auch durch die Ein-führung eines Pro-forma-Diploms nichts ändern.Für die AfD-Fraktion sage ich: Wir brauchen in wei-ten Teilen eine komplette Rückabwicklung des ver-fehlten Bologna-Prozesses.

(Beifall AfD)

Wir müssen wegkommen von der Verschulung,wegkommen von staatlichen Eingriffen in die Wis-senschaftsfreiheit und wir müssen wegkommen vonder staatlich initiierten Volksverdummung.

(Beifall AfD)

Wenn Sie jetzt sagen sollten, die AfD sei rückwärtsgewandt, weil sie auf ein altbewährtes Systemsetzt, dann kann ich Ihnen nur antworten: Wennman auf einen Baum zufährt, dann sollte man nichtaufs Gas drücken, sondern dafür sorgen, dass manschnellstmöglichst die Kurve kriegt. Danke schön.

(Beifall AfD)

Präsident Carius:

Danke schön, Frau Muhsal. Als Nächste hat FrauAbgeordnete Mühlbauer für die SPD-Fraktion dasWort.

(Zwischenruf Abg. Brandner, AfD: Jetztkommt wieder so ein rhetorisches Feuer-werk!)

(Zwischenruf Abg. Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vielleicht sollten wir einfach versuchen, die Debattemit Anstand zu beenden, ohne vorab Wertungenabzugeben. Das gilt in jede Richtung.

Abgeordnete Mühlbauer, SPD:

Vielen Dank, Herr Präsident. Werte Damen undHerren, liebe Kolleginnen und Kollegen, zuerstmöchte ich mich beim Ministerium für die vollum-fängliche Beantwortung der Großen Anfrage derCDU bedanken. Es ist ein Thema, das uns alle be-wegt, und uns, glaube ich, auch weiterhin beschäfti-gen wird. Vor uns liegt nun eine gute Bestandsauf-nahme der Wissenschafts- und Hochschulpolitik inThüringen, für welche auch wir Sozialdemokratenhier schon seit Jahren über die letzte Legislatur unddiese stehen. Die Antworten der Landesregierungzeigen, dass das Wissenschafts- und For-schungsressort bei den Sozialdemokraten in gutenHänden war und ist.

Schon in der vergangenen Wahlperiode haben wireinen unserer Schwerpunkte auf Wissenschaft,Forschung und Technologieentwicklung als das Zu-kunftsthema dieses Landes gelegt.

(Beifall SPD)

In Thüringen gibt es ein großes Potenzial in derForschung und in der Technologieentwicklung. Umdieses Potenzial zu heben, wollen wir den einge-schlagenen Weg weitergehen. Hier sind drei Punk-te wesentlich.

Erstens erhöhen wir die Wettbewerbsfähigkeit unddie internationale Wahrnehmbarkeit der ThüringerHochschulen. Zu diesem Zweck hat das Land Thü-ringen, der Minister die Empfehlung des Wissen-schaftsrats umgesetzt, eine ausdifferenzierte Wis-senschaftslandschaft zu schaffen und den Hoch-schulen ermöglicht, jeweils eigenständige For-schungsprofile zu entwickeln. Beispiele, die sichauch in der Antwort zur Großen Anfrage wiederfin-den, sind etwa die Bauhaus-Universität Weimar mitdem Forschungsschwerpunkt Digitales Enginee-ring, die Universität Erfurt mit den SchwerpunktenBildung und Religion, die Fachhochschule Nord-hausen im Bereich GreenTech und last, but notleast die TU Ilmenau mit Schwerpunkten in Na-noengineering, Präzisions- und Messtechnik. Las-sen Sie mich als Lokalpatriotin natürlich nicht dieFSU Jena mit den Forschungsschwerpunkten Optikund Photonik vergessen. Viele weitere Hoch-schulen und Fachhochschulen ließen sich in dieserAufzählung noch ergänzen. Neben der eben skiz-zierten Profilbildung haben die Hochschulen wegender Hochschulrahmenvereinbarung die gültigenZiel- und Leistungsvereinbarungen umgesetzt unddementsprechend ihre Forschungsaktivitäten fokus-siert und ihre eigenen Profile geschärft. In diesemZusammenhang freue ich mich besonders über diezahlreichen Aktivitäten der TU Ilmenau. Die TU hatnicht nur in technischer, sondern auch in organisa-torischer Hinsicht innovative Ideen entwickelt. DasAufbrechen struktureller Grenzen zwischen den Fa-kultäten durch eine Matrixstruktur ermöglicht in Il-menau die interdisziplinäre Forschung in den sechs

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3623

(Abg. Muhsal)

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Forschungsclustern Nanoengineering, Präzisions-technik und Präzisionsmesstechnik, technische undbiomedizinische Assistenzsysteme, Antriebs-, Ener-gie- und Umweltsystemtechnik, Digitale Medien-technologie sowie Mobilkommunikation zu ent-wickeln. Dies ist ein innovatives Beispiel dafür, wieuniversitätsinterner Wissenschaftstransfer zwischenden Fakultäten und Disziplinen organisiert werdenkann.

Zweitens: Was ist uns weiter wichtig? Wir stärkendie Vernetzung zwischen Forschung, Wissenschaftund Wirtschaft. Die Antwort des Ministers lässt diegroße Bedeutung einer starken, außeruniversitärenForschungslandschaft für überregionale wettbe-werbliche Forschungsprogramme klar erkennen.Das ist gut für Thüringen und ganz besonders gutist die außeruniversitäre Vernetzung der For-schungslandschaft. Wir wollen daran arbeiten, die-se Verbindungen weiter zu stärken. Besondersdurch die Richtlinie zur Förderung der Forschungs-und Entwicklungsintensität in Thüringer Unterneh-men und Forschungseinrichtungen, die aus denMitteln des Europäischen Sozialfonds und des Frei-staats Thüringen finanziert wird, werden kleinereund mittlere Unternehmen bei der Gewinnung vonPersonal für Forschung und Entwicklung, bei derVermarktung von Innovation und der Vernetzung zuInnovationsketten unterstützt. Weiterhin fördert dasMinisterium mit der Richtlinie zur Förderung vonForschung, Technologie und Innovation FuE-Ko-operationen zwischen Unternehmen und For-schungseinrichtungen und den Transfer von For-schungsergebnissen zu Ideen für neue Produkte,Verfahren und Dienstleistungen. Damit steigern wirdie Innovationskraft der Thüringer Wirtschaft, insbe-sondere der KMU.

Drittens: Die Forschung in Thüringen bewegt sichauf einem sehr hohen Niveau. Laut dem aktuellenBericht der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenzbetrugen die staatlichen FuE-Ausgaben in Thürin-gen pro Kopf 129 Euro, in Sachsen-Anhalt lediglich113 Euro und in Brandenburg sogar nur 95 Euro.Nur Sachsen ist mit 135 Euro noch etwas vor uns.Thüringen lässt sich aber – das ist deutlich zu er-kennen – seine Forschungslandschaft etwas kostenund das lohnt sich.

Ein ebenfalls von der GWK Ende 2015 veröffent-lichter Finanzbericht analysiert, welche Beträge dieLänder in die Forschungsförderung einzahlen undwas im Gegenzug an Mitteln in die Länder fließt. ImJahre 2013 hat Thüringen beispielsweise knapp21 Millionen Euro an die deutsche Forschungsge-meinschaft zugewiesen. Im Gegenzug flossendurch die erfolgreiche Beteiligung an DFG-Pro-grammen knapp 48 Millionen Euro in den Freistaatzurück. Mit ähnlichem Erfolg beteiligt sich Thürin-gen an anderen Bund-Länder-Programmen wiedem Akademienprogramm oder an der gemeinsa-men Finanzierung von Bund-Länder-Forschungs-

einrichtungen wie den Einrichtungen und Institutender Leibniz Gemeinschaft und der Fraunhofer-Ge-sellschaft sowie der Helmholtz-Gemeinschaft.

Last, but not least mein Ausblick, unser Ausblick:Mit der kürzlich beschlossenen Hochschulrahmen-vereinbarung setzen wir diesen erfolgreichen Wegfort. Unsere Hochschulen sind attraktiv und wir wol-len, dass unsere Hochschulen weiterhin ein Magnetfür kluge Köpfe aus dem In- und Ausland bleiben.Denn kluge Köpfe sind immer noch der beste Ga-rant für kluge Ideen. Unsere Hochschulen sind derOrt der Innovation und selbst wichtige Wirtschafts-faktoren. Kurz: Unsere Hochschulen sind Motorender Zukunft unseres Freistaats. In der im Dezember2015 beschlossenen und in diesem Januar unter-zeichneten Hochschulrahmenvereinbarung IV ha-ben das Land und die Hochschulen verbindlicheZiele formuliert. Wir wollen die Zahl der Studieren-den von 48.000 bis 52.000 halten. Wir gehen davonaus, dass 10.000 Studienanfänger pro Jahr in Thü-ringen anfangen werden. Die Universitäten undFachhochschulen sollen und werden sich auf dreibis fünf bzw. zwei bis drei Schwerpunkte fokussie-ren. Wir werden eine noch stärkere Vernetzung mitUnternehmen und nicht wissenschaftlichen Anwen-dern mit Blick auf den Wissens- und Technologie-transfer erreichen. Wir werden eine stärkere Ko-operation insbesondere bei der Nachwuchsförde-rung umsetzen. Ich denke dabei vor allem an bes-sere Zugangs- und Unterstützungsmöglichkeiten fürgeeignete Fachhochschulabsolventen zur Promo-tion. Und wir werden eine Personalentwicklung imSinne guter Arbeit in der Wissenschaft realisieren.Die Vertragsdauer für das wissenschaftliche undkünstlerische Personal soll so bemessen werden,dass Qualifikationsziele im Rahmen der Befris-tungszeit erreicht werden können und Laufzeitenvon Drittmittelprojekten ausgeschöpft werden. ImGegenzug erhalten die Hochschulen vom Land ei-ne Finanzausstattung, die sich sehen lassen kann.Vier mal 4 Prozent, das sind zusammen 160 Millio-nen Euro mehr für die Hochschulen. Von 2016 bis2019 erhalten unsere Hochschulen insgesamt1,69 Milliarden Euro. Das ist die pure Wissen-schafts- und Forschungsförderung.

Meine Damen und Herren, Thüringen ist ein guterBoden für Forschung, Wissenschaft und Innovation.In den neuen Ländern belegen wir schon heuteeinen Spitzenplatz bei den Patentanmeldungen.2014 wurden in keinem anderen der neuen Bun-desländer so viele Patente angemeldet wie in Thü-ringen und in Sachsen. Das Beispiel zeigt: Schwer-punktbildung, kluge Investition und ein langer Atemmacht die Thüringer Forschung erfolgreich. DiesenErfolgsweg werden wir weitergehen. Vielen Dankfür Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

3624 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Mühlbauer)

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Präsident Carius:

Vielen Dank, Frau Mühlbauer. Als Nächster hat Ab-geordneter Schaft für die Fraktion Die Linke dasWort.

Abgeordneter Schaft, DIE LINKE:

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Abgeordneten-kolleginnen und Gäste auf der Zuschauertribüne!Frau Muhsal, ganz kurz zu Beginn: Dass Sie zu-rückwollen zu dem Diplomsystem und zur Hoch-schule der alten Art, wundert mich in keiner Weise,denn das alte System war geprägt von Elitismusstatt Chancengerechtigkeit. Was Sie hier heute ge-sagt haben, berücksichtigt in keiner Art und Weise,dass beispielsweise auch heute noch 77 von100 Studierenden aus Akademikerfamilien kommenund dort im Prinzip immer noch eine auch hier glä-serne Decke dafür verantwortlich ist, dass wir auchbei den Hochschulen noch lange nicht davon spre-chen können, dass hier ein gleichberechtigter Zu-gang zum System besteht.

Zur Frauenquote: Da will ich jetzt nicht vorgreifen,meine Kollegin Frau Henfling wird nachher sicher-lich noch einmal ausführlich darstellen, warum dieZahlen ein anderes Bild sprechen, dass eben nichtnur nach Leistung und im Prinzip der Bestenausle-se ausgewählt wird. Wenn dann hier noch heute je-der internationale oder ausländische Student undjede internationale Studentin als Verschwendungdeutscher Steuergelder bezeichnet wird, ist dasdoch letztendlich eine bodenlose Frechheit.

(Zwischenruf Abg. Muhsal, AfD: Das habeich nicht gesagt!)

Doch, das haben Sie implizit gesagt.

Das weise ich hier von uns und von der Landesre-gierung,

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

denn jeder internationale Student und jede interna-tionale Studentin und jeder internationale Wissen-schaftler und jede internationale Wissenschaftlerinist ein Zeichen dafür, dass der Hochschulstandortin Thüringen darüber hinaus nicht nur in der Bun-desrepublik, sondern weltweit auch bekannt wird.Das ist unglaublich wichtig.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Jetzt noch einmal ganz kurz zur Großen Anfrageder CDU: Beim ersten Blick auf die Fragen, aberauch auf die Antworten, ist mir – ganz ehrlich, HerrVoigt – nicht ganz klar geworden, was die Zielstel-lung dieser Großen Anfrage war, außer noch ein-mal die Zahlen von 2009 bis 2014 vorzulegen, umdamit zu zeigen, was sich in den letzten fünf Jahren

der alten Landesregierung hochschulpolitisch getanhat. Wenn Sie uns jetzt hier aus der Großen Anfra-ge dann möglicherweise nachher irgendeinen politi-schen Strick drehen wollen, was wir denn allesfalsch gemacht hätten, dann hat die Große Anfrageauf jeden Fall schon mal ihre …

(Zwischenruf Abg. Dr. Voigt, CDU: Das ma-che ich später!)

Okay, dann später. Aber ich bin trotzdem gespannt,was dann daraus wird, auch wenn ich mir die Fra-gen beispielsweise auf Seite 27 folgende zur Hoch-schulstrukturentwicklung angucke. Die Fragen sindallesamt so zu beantworten, indem man beispiels-weise die Hochschulentwicklungsplanung auf-schlägt und dort Stück für Stück nachliest. Es istauch zur Finanzierung ganz einfach nachlesbar,was in der Rahmenvereinbarung IV und auch inden Ziel- und Leistungsvereinbarungen steht. Alldas, was als Antworten in der Großen Anfrage kam,war insofern nicht neu. Deswegen waren wir daauch ziemlich verwundert, was letztendlich hier derErkenntnisgewinn sein soll, wenn ich auch sagenmuss, dass für uns die Anlagen natürlich dennochziemlich interessant waren. Ich würde auf einenPunkt insbesondere eingehen. Wir hatten als Linke-Fraktion im Jahr 2013 die Antworten auf die GroßeAnfrage der Fraktion zum Thema Beschäftigungs-verhältnis vorgelegt. Da war es dann tatsächlichnoch einmal ganz spannend, die Zahlen und Datenzu haben, auch für die Jahre 2012, 2013 und 2014.Das war zumindest für uns der Erkenntnisgewinn.Es war noch nicht ganz klar, was Sie dann darausim Prinzip noch einmal für Schlüsse ziehen wollen.Ich gehe einmal kurz darauf ein und bin gespannt,was Sie nachher zu den einzelnen Themenberei-chen noch einmal sagen.

Wenn wir uns die Anlage F 131 a zum hauptberufli-chen wissenschaftlichen und künstlerischen Perso-nal an den Hochschulen noch einmal genau an-gucken, zeigt sich nämlich, dass sich das im Prinzipweiter fortentwickelt hat, was wir im Prinzip schonaus den Antworten der Großen Anfrage aus demJahr 2013 vorgelegt haben. Die Tendenz der hohenZahlen von befristeten Beschäftigungsverhältnissenbeim wissenschaftlichen und künstlerischen Perso-nal ist bei ungefähr 80 Prozent befristet beschäftig-ten Angestellten faktisch gleich geblieben, darüberhinaus gibt es auch noch den vergleichsweise ho-hen Anteil von befristet Beschäftigten mit einemTeilzeitarbeitsverhältnis. Es gab also hier keine we-sentliche Veränderung in den vergangenen Jahren.Da will ich auch schon mal kurz vorgreifen. Ichglaube, genau hier ist es unglaublich wichtig, dasswir beispielsweise mit der Rahmenvereinbarung IV,aber auch mit den Ziel- und Leistungsvereinbarun-gen, wie auch im Koalitionsvertrag vorgenommen,mit dieser Landesregierung auch an den Hoch-schulen dafür gesorgt haben, dass das Thema „Gu-te Arbeit“ Einzug hält. Nicht nur dass die Vereinba-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3625

(Abg. Mühlbauer)

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rungen aus dem Jahr 2012, auf die in den Ziel- undLeistungsvereinbarungen Bezug genommen wird,umgesetzt werden sollen hinsichtlich der Frage,welche Leitlinien die Hochschulen erarbeiten sollen.Nein, ich war vor zwei Wochen an der FSU Jenaund hatte dort tatsächlich ein sehr interessantesund sehr aufschlussreiches Gespräch, sowohl mitdem Personalratsvorsitzenden als auch mit der ge-samten Hochschulleitung, und habe dort beispiels-weise auch mal das Konzept vorgelegt bekommen,was jetzt im Senat entsprechend diskutiert werdensoll, wo ganz konkret auch unabhängig davon, waswir beispielsweise mit der großen ThürHG-Novellenoch vorhaben, schon daran gearbeitet wird, diePerspektiven für den wissenschaftlichen Nach-wuchs tatsächlich zu verbessern. Was beispielswei-se die Fragen von der Mindestqualifizierungsdauerbis hin zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Fa-milie und Beruf, aber darüber hinaus auch denQualifizierungsanteil etc. angeht, da sind die Hoch-schulen doch hier zumindest auch durch den Druckschon ein ganzes Stück, aber auch in der gemein-samen Kooperation vorangegangen. Ich glaube, mitden Vereinbarungen, die in den Ziel- und Leis-tungsvereinbarungen getroffen wurden wie auch inder Rahmenvereinbarung IV haben wir hier einwichtiges Zeichen gesetzt. Die Hochschulen habensich des Themas angenommen. Nun müssen wirgucken, dass wir das dann mit der ThürHG-Novelleauch noch rechtlich so in eine Form gießen, dasswir hier für das wissenschaftliche Personal an denThüringer Hochschulen langfristig tatsächlich tiefgreifende Verbesserungen erreichen können.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Darüber hinaus – ich habe es gerade noch mal ge-sagt, auch da zeigt die Anfrage nämlich die deutli-chen Zahlen, warum das noch mal dringend not-wendig ist. Bei den Befristungsdauern – das ist dieAnlage F 131 c – zeigt sich das hier beispielsweise,um noch mal kurz die Zahlen zu nennen. Beim wis-senschaftlichen und künstlerischen Personal liegtdie Befristungsdauer bei 1,2 an der HochschuleNordhausen bis 2,1 Jahren an der Universität Er-furt. Von einer Planungsperspektive, die tatsächlichlangfristig ist und wo man beispielsweise auch fami-liär planen kann, kann hier noch lange nicht die Re-de sein. Das ist nämlich auch ein Grund dafür,warum hinsichtlich der Perspektiven für den wis-senschaftlichen Nachwuchs tatsächlich noch inten-siv daran gearbeitet werden muss, das eine oderandere zu verbessern, um dann auch tatsächlich zuschauen, wie für Wissenschaftlerinnen und Wissen-schaftler hier in Thüringen nicht nur beruflich, son-dern auch langfristig eine Perspektive am Wissen-schaftsstandort eröffnet werden kann.

Vielleicht schon mal, um einer Sache vorzugreifen:Herr Voigt, ich glaube, Sie werden wahrscheinlichwieder darauf eingehen, dass ja im Prinzip die Zahl

der Studierenden in Thüringen rückläufig ist, natür-lich auch mit Blick auf die Frage, was bedeutet dasdann für die Hochschulpaktmittel in der Spitzab-rechnung, die dann ansteht. Aber da will ich jetztnoch nicht mal mehr die Große Anfrage, wo das zu-mindest auch noch mal kurz Thema war, in das Ge-dächtnis rufen, sondern die Antwort auf die KleineAnfrage, die Sie letztens bekommen haben. Ichglaube, auch die Zahlen zeigen, dass wir da auf ei-nem anderen Weg sind, als es hier die letzten Wo-chen skizziert wurde. Ja, wir haben insgesamt zwareinen Rückgang bei den Zahlen der Studierendenin Thüringen im Vergleich zum Vorjahr von 1,5 Pro-zent. Aber die Zahl der Studienanfängerinnen undStudienanfänger ist erst mal einigermaßen konstantgeblieben, das zeigt auch die Beantwortung durchdas Ministerium, mit einem – tatsächlich vielleichtnur geringfügigen – Anstieg von 0,2 Prozent. Aberdas zeigt, dass man hier tatsächlich, wenn mansich die Zahlen anguckt, wie viele Studierende anden Thüringer Hochschulen sind und wie sich dieAnfängerinnenzahlen entwickeln, noch mal genaudifferenzieren muss, wenn man langfristig darausSchlüsse ziehen möchte, was das für die Hoch-schulpaktmittel bedeutet, bevor man hier quasi indie Panikmache einsteigt.

Ansonsten vielleicht noch ein dritter Punkt, auf denich noch ganz kurz eingehen möchte. Da will ichkurz aufzeigen, dass wir auch da im vergangenenJahr als rot-rot-grüne Koalitionsfraktionen schon einwichtiges Zeichen gesetzt haben. Das ist noch maldas Thema „Drittelmittelfinanzierung“. Die Anlagenin der Großen Anfrage zeigen auch hier: Das Dritt-mittelvolumen ist in den letzten Jahren von 2009 bis2013 um 33,7 Prozent gestiegen. Der Grundmittel-anstieg in derselben Zeit war weitaus geringer. Nunkönnte man natürlich sagen, wenn ich darauf hi-naus will, was bedeutet das dann überhaupt für dieDrittmittel der gewerblichen Wirtschaft. Da gab es –das ergeben auch die Zahlen – einen Rückgangvon 5,6 Prozent. Das bedeutet aber in absolutenZahlen, dass wir immer noch einen Drittmittelanteilder gewerblichen Wirtschaft von 20,58 MillionenEuro an den Thüringer Hochschulen haben. Wir ha-ben im letzten Jahr auch gemeinsam mit unserenKoalitionspartnern einen Antrag zur Transparenz-richtlinie auf den Weg gebracht, wo wir dieses Jahrgemeinsam mit dem Ministerium auch sicherlich in-tensiv daran arbeiten wollen, die jetzt auch in dieUmsetzung zu bringen, um transparent zu machen,was tatsächlich letztendlich hinter diesen Drittmittel-projekten steht. Dies nicht nur bei den Drittmittelnaus der gewerblichen Wirtschaft, sondern auch beiden sogenannten Zweitmitteln, die über Bundes-und Landesprogramme an die Hochschulen gehen.Denn ich glaube, die Transparenz zu schaffen, wasdurch solche Projekte auch tatsächlich anwen-dungsorientiert letztendlich den Bürgerinnen undBürgern in Thüringen zugutekommt, schärft dannauch wieder den Sinn dafür, welche Bedeutung der

3626 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Schaft)

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Hochschulstandort Thüringen tatsächlich für denAlltag jenseits der wissenschaftlichen Erkenntnissehaben kann. Insofern ist dies ein Bereich, den wirim letzten Jahr schon längst auf der Agenda hattenund vorangetrieben haben.

Ich will das gar nicht weiter aufdröseln, im Zweifelsage ich nachher noch mal etwas, wenn Sie, HerrVoigt, dargelegt haben, was möglicherweise die In-tention der Großen Anfrage war. Wie gesagt, wirhaben uns lange darüber ausgetauscht, was mögli-cherweise dahinterstehen könnte, aber eine politi-sche Aussage lässt sich für mich momentan ausdem, was jetzt hier vorliegt und was hier diskutiertwerden soll, noch nicht schließen, außer dass Rot-Rot-Grün das, was angegangen werden muss, aufdem Schirm hat, dass wir die ersten Pfeiler gesetzthaben – mit der Rahmenvereinbarung, mit den Ziel-und Leistungsvereinbarungen, mit den Anträgenaus den letzten Jahren – und wir sicherlich die Zah-len dann auch noch mal gern auf den Hochschul-dialogforen mit den beteiligten Akteuren dann abApril auch noch mal intensiv diskutieren können.Vielleicht ergibt sich daraus noch das eine oder an-dere für den anstehenden Gesetzgebungsprozess.Danke schön.

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion der CDU hat AbgeordneterDr. Voigt das Wort.

Abgeordneter Dr. Voigt, CDU:

Werte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnenund Kollegen! Ich sage gleich etwas dazu, HerrSchaft. Ich war sehr überrascht, wie stark die Sche-re im Kopf ist, dass man immer antizipiert, was derandere damit vorhat. Manchmal geht es nur um denpuren Erkenntnisgewinn. Dass Sie das als Wissen-schaftspolitiker nicht mal in den Fokus nehmen,fand ich beachtlich.

Aber vorher will ich noch etwas zur Kollegin Muhsalsagen: Jetzt kann man über Elitebegriffe gern dis-kutieren, ist auch alles in Ordnung. Ich fand IhrenElitebegriff ein bisschen eindimensional, den habenSie ja letztlich nur quantitativ unterlegt. Sie habendie Frage gestellt: Sind 50.000 zu viel oder zu we-nig? Intelligenz wird bekanntlicherweise weiterhinnach Mendel vererbt. Da gibt es mal ein paar Leu-te, die haben da etwas, ein paar Leute haben esnicht. Aber es gibt trotzdem eine Gaußsche Nor-malverteilung. Ich glaube ernsthafterweise, dass wirin Thüringen mindestens 50.000 kluge Leute ha-ben, junge Leute, die an den Hochschulen studie-ren können. Deswegen finde ich Ihren Leistungsbe-griff und Ihren Elitebegriff relativ eng. Ich will sogarnoch einen Punkt weiter gehen: Wenn Sie dieses

Humboldtsche Bildungsideal vor sich hertragen, fin-de ich es – offen gestanden – wahnsinnig schwie-rig, dass Sie gerade die Frage, wie viele ausländi-sche Studenten wir in Thüringen an den Einrich-tungen haben, als ein Problem charakterisieren.Wenn Sie mal zurückgehen, was eigentlich derAusgangspunkt von Universitas – einer Universität– gewesen ist, dann ist es eben genau die Gemein-schaft der Lehrenden und der Lernenden, und dasist eine sehr internationale Orientierung gewesen.Ich gebe Ihnen mal heute zu später Stunde einenkleinen Buchtipp, weil, Sie interessiert ja immerdeutsche Kulturgeschichte – Peter Watson: „Derdeutsche Genius“. Lesen Sie mal nach – die Leute,die dort in den deutschen Hochschulen im 17. und18. Jahrhundert waren, das waren auch Leute, dievon überall aus Europa gekommen sind, um sichhier weiterzubilden. Sie haben so eine Engführungdarauf, das finde ich – offen gestanden – schwierig.Das wollte ich Ihnen einfach nur mal mitgeben, weilmich das schon in der Sache beschäftigt.

(Beifall CDU, DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN)

Herr Kollege Schaft, Große Anfrage: In der Tat, esging uns zuerst mal nur um die Frage des Erkennt-nisgewinns. Sie haben es sich gerade par excel-lence selbst beantwortet. Da gab es eine Anfrageder FDP im Jahr 2011, da gab es eine Anfrage derLinken im Jahr 2013 – beides Große Anfragen.Lasst uns doch einfach mal sehen, wohin sich dieThüringer Hochschullandschaft entwickelt. Die Ver-gleichszahlen auch in der Tiefe zu haben, das kannuns alle nicht dümmer machen, sowohl Sie in derRegierung, da wahrscheinlich sowieso nicht, aberauch uns in der Opposition nicht.

(Beifall CDU)

Deswegen ist die Große Anfrage erst mal im Hin-blick darauf gestellt, was wir an Weiterentwick-lungsstrategien für die Thüringer Hochschulland-schaft brauchen, denn – und das habe ich nicht oh-ne Grund auch in den Diskussionen zum Hoch-schuldialog gesagt – mir geht es schon einbisschen um den Fokus.

Ich werde nachher noch mal darauf abheben, dassich mir schon gewünscht hätte, das wir vielleicht mitEckpunkten in die Debatte gegangen wären, damitman eine klarere Präzisierung hat und nicht so eineAll-over-the-board-Debatte führt. Aber für uns ist esschon wichtig, das auf einer substanziellen Grund-lage zu machen. Jetzt zu sagen, wir haben das jaalles in der Rahmenvereinbarung stehen: Mit Ver-laub, als wir die Große Anfrage gestellt haben, dahaben Sie noch in den Windeln Ihrer Rahmverein-barungsverhandlungen gesessen. Deswegen kannich einfach nur sagen, dass wir da viel schnellerwaren. Dass wir das jetzt so spät diskutieren, liegtauch ein bisschen daran, dass natürlich die Antwortauf so eine Große Anfrage mindestens sechs Mo-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3627

(Abg. Schaft)

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nate dauert – hier an der Stelle sogar etwas länger.Deswegen will ich das wirklich in aller Offenheit sa-gen.

(Zwischenruf Tiefensee, Minister für Wirt-schaft, Wissenschaft und Digitale Gesell-schaft: August bis November war das!)

Ich danke dem Ministerium, den Mitarbeitern im Mi-nisterium und auch den nachgelagerten Institutio-nen, also das heißt sowohl den Hochschulen wieauch dem Studentenwerk und allen anderen, dasssie sich die Mühe gemacht haben, die Anfragenauch so zu beantworten. Ich glaube, das sind einegute Chance und ein gutes Potenzial für uns hier imHaus, wirklich substanziiert zu diskutieren. Deswe-gen finde ich, ist die Große Anfrage nicht nur in denFragen, sondern auch in den Antworten eine guteAnfrage. Sie hat für uns eine Handlungsanleitung,weil wir im Freistaat momentan darüber nachsin-nen, wie erfolgreich wir bei der Exzellenzinitiativesein werden und ob wir überhaupt erfolgreich sind,welche Fragen es bei den nächsten DFG-Pro-grammpauschalen gibt. Wir werden uns die Fragestellen: Was bedeutet das für die zweite Programm-phase für den Qualitätspakt Lehre? Wir werden dasvergleichen können mit den HSP-2020-Mitteln, dieeingesetzt werden, unterschiedliche Bundesförder-programme, Clusterprogramme. All das sind Ele-mente, die in der Großen Anfrage drin sind. Ichdenke, für uns wird das eine gute Fundgrube seinund dem Ministerium wird es auch geholfen haben,sich Klarheit darüber zu verschaffen, was eigentlichin der Wissenschaftslandschaft im Freistaat so alleszu tun ist.

Das ist die Ausgangsgrundlage, von der wir hantie-ren werden. Wir haben auf der einen Seite eineHochschulstrategie 2020, wir haben auf der ande-ren Seite eine Forschungsstrategie RIS3. Thürin-gen ist in der Tat im Hochschulbereich gut auf-gestellt. Aber – daran werde ich oder werden wirals CDU-Fraktion Sie auch messen – diese GroßeAnfrage ist natürlich auch die Benchmark, an derwir uns in drei Jahren hinstellen werden und sagen:Hat Rot-Rot-Grün den Hochschulstandort Thürin-gen besser gemacht oder hat Rot-Rot-Grün den gu-ten Hochschulstandort versaut? Das ist genau dieFrage und das ist die Benchmark, an der wir Siemessen wollen. Wenn Sie es besser gemacht ha-ben, freuen wir uns – das ist gut für Thüringen. Ichhabe nur die Sorge, dass es bei Ihnen Debattengibt, die letztlich nicht dazu führen, dass der Wis-senschaftsstandort besser wird und genau aus die-sem Grund stellen wir eine Anfrage, um zu wissen:Was ist die Ausgangsgrundlage, was ist der Opera-tus, von dem aus Sie agieren?

Fünf Schwerpunkte, auf die ich kurz eingehen will:Erstens – Finanzierung, zweitens – Entwicklung fürdie Studenten, drittens – Bedeutung für Studien-struktur und Personal, viertens – Verknüpfung von

Wirtschaft und Wissenschaft und fünftens – Interna-tionalisierung.

Wenn wir einmal auf die Finanzierung blicken – dawurde schon viel Gutes gesagt. Ich habe hier imHause schon gesagt, dass ich es gut finde, dassdie Hochschulentwicklungsstrategie in der Rah-menvereinbarung plus 4 Prozent umgesetzt wordenist. Das ist okay. Ich glaube, das ist ein Punkt, überden müssen wir auch nicht reden, genauso nichtüber das Verteilsystem, was sich verändert hat. Al-so dass wir letztlich klug reformiert haben, stärkerzu einer Globalisierung der Mittel gekommen sind,Töpfe eingeschmolzen haben, das ist der richtigeWeg. Das habe ich hier auch immer so gesagt. Dasist auch eine Grundlage unserer Großen Anfragegewesen. Nur ist in unserer Großen Anfrage auchdeutlich geworden, dass wir kamerale Reste von60 Millionen Euro haben, und davon auch ein grö-ßerer Anteil an HSP-2020-Mitteln. Wenn die Bau-haus-Universität in Weimar 12 Millionen Euro ka-meralen Rest hat, dann, finde ich, ist das eine Infor-mation, die für den Haushaltsgesetzgeber nichtganz unbedeutend ist. Weil das nämlich die Fragestellt: Führt das Ministerium die Hochschulen in derFrage der Hochschulautonomie ordentlich odernicht? Denn das ist auch eine Controlling-Einrich-tung und wenn wir Jahresberichte in den Hoch-schulen haben, dann muss letztlich auch ein Minis-terium an der Stelle steuernd eingreifen.

(Beifall AfD)

Offensichtlich hat es das nicht getan. Insofern:Große Anfrage, wichtiges Thema: Wie gehen wirmit kameralen Resten um und ist das ordentlichetatisiert?

Zweiter Punkt im Bereich der Finanzierung, BAföG:Der Minister hat sich hier hingestellt und auf meineDebatte, dass jetzt 160 Millionen Euro in die Rah-menvereinbarung geflossen sind, als ich ihm ge-sagt habe, es sind doch jährlich 24 Millionen EuroBAföG-Mittel übrig geblieben, die der Bund Ihnenjetzt erstattet, das sind, wenn ich auf die Laufzeitder Rahmenvereinbarung schaue, in der Summe96 Millionen Euro, die Sie von 160 Millionen Eurovom Bund geschenkt bekommen, gesagt, nein,nein, nein, das sind nicht alles BAföG-Mittel. Damuss man sich dann schon entscheiden. Wenn dasnicht alles BAföG-Mittel sind, sondern tatsächlicheLandesmittel, wo sind dann bitte schön diese24 Millionen Euro, die der Bund uns jedes Jahr alsFreifahrtschein, weil die BAföG-Mittel zu 100 Pro-zent finanziert werden, gegeben hat? Wo sind diehin? Das ist eine Frage, die wollten wir mit derGroßen Anfrage untersetzen. Da muss ich geste-hen, dass da noch einiges offengeblieben ist. Aberdas kann der Minister dann gern in seinem Vortraghier deutlich machen.

Dann schaue ich mir – dritter Punkt im Bereich derFinanzierung – die Landesmittel für den For-

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(Abg. Dr. Voigt)

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schungsbereich an und stelle fest, dass von 2009bis 2014 und sogar weiterführend die Landesmittelfür die FSU sich im Forschungsbereich mehr alshalbiert haben. Ich stelle mittlerweile fest durch An-fragen, dass die TU Ilmenau keinen einzigen Son-derforschungsbereich mehr hat. Da muss ich mirdoch als Landesgesetzgeber die Frage stellen: Istdas der richtige Weg, auf dem wir gehen? Oder:Was will das Ministerium besser machen? Das istder Anspruch, an dem ich Sie messe, weil, Sie sindRegierung, Herr Schaft. Dann stelle ich fest – unddas ist auch Teil Ihrer Großen Anfrage –, dass imForschungsbereich 42 Prozent BMBF-Förderungsind, 22 Prozent DFG. Da kann man sich jetzt dieFrage stellen, natürlich steigen die Mittel an, diedurch Zuflüsse von außen kommen, das ist auch zubegrüßen. Aber gleichzeitig muss ich mir doch dieFragen stellen: Sind wir da im Landesbereich gutunterwegs? Ist unsere Forschungsfinanzierung sta-bil? Was können wir besser machen? Da gibt es si-cherlich Entwicklungen, die ich dann in so einerGroßen Anfrage wiederfinden will.

Vierter Punkt im Bereich der Finanzierung – Dritt-mittel: Wenn die gewerbliche Drittmittelfinanzierungum 5,6 Prozent sinkt, dann liegt offensichtlich einProblem darin, dass unsere Unternehmen nicht nahgenug an unseren Wissenschaftseinrichtungensind. Oder: Sie haben nicht genügend Ressourcen,um in die Wissenschaft und Ideenfindung einzustei-gen. Egal, wie man es beurteilt, man muss an derStelle tiefer schauen und sich die Frage stellen:Was können wir da tun, um das zu verbessern?Das ist ein Anspruch, den ich an ein Ministeriumhabe. Ich habe mir die Zahlen mal genauer ange-schaut. Sie weisen in der Großen Anfrage aus,wenn wir bei der Drittmittelfinanzierung die Bundes-mittel mit dazu nehmen, dann ist Thüringen aufPlatz 8, weil wir 66 Prozent bekommen. Da habenSie aber clevererweise das UKJ mit hinzugerech-net, während bei manchen anderen Ländern ihreUniversitätsklinika bei den Drittmitteln nicht mit da-zugerechnet werden. Wenn ich diese 12 MillionenEuro, die das Klinikum bekommt, rausrechne, dannwird sehr schnell klar, dass der Anteil, den wir anBundesmitteln durch Drittmittel erhalten, Thüringenan die vorletzte Stelle führt. Das sind einfachAspekte, die kann ich durch so eine Große Anfrageviel besser verstehen und kann dann darüber nach-denken, wie wir zukünftig die Einwerbung sowohlvon Bundesmitteln als auch die Einwerbung vongewerblichen Drittmitteln verbessern können.

Das bringt mich zum zweiten Punkt – Studenten.Wir haben schon viel über Beschäftigungsverhält-nisse gesagt, ich glaube, da werden wir uns nochmal an einer separaten Stelle treffen und diskutie-ren. Aber wenn ich feststelle, dass sich die Anzahlder studentischen Hilfskräfte der FSU Jena von2009 bis 2014 halbiert hat, von 1.100 auf 500,wenn dasselbe an der TU Ilmenau und auch an der

FH Erfurt stattgefunden hat, dann scheint offen-sichtlich auch in den Finanzierungsströmen und inden Ausstattungsströmen unserer jeweiligen Lehr-stühle etwas falsch zu sein. Ansonsten kann ich mirnicht erklären, wie es sein kann, dass die Zahl derstudentischen Hilfskräfte in den größeren Einrich-tungen unseres Landes halbiert wird. Also: Wasmachen Sie als Ministerium dagegen? Dann guckeich mir die Graduiertenförderung und Stipendien-programme an und kann auch feststellen, dass dieAntworten mich zumindest nicht voll umfänglich be-friedigen, weil Sie keine Aussage darüber getroffenhaben, wie Sie eigentlich zukünftig mit der Eliten-und Leistungsförderung in unserem Freistaat um-gehen wollen.

Dann last, but not least der Bereich Studentenwerk:Ich finde es zum Beispiel begrüßenswert, dass un-sere Semesterbeiträge in Thüringen – das ist einebewusste Entscheidung – 15 Prozent niedriger lie-gen als der Bundesschnitt. Das finde ich gut, das istfür mich eine bewusste Entscheidung. Ich findeauch gut, weil das eine Form von Chancengerech-tigkeit ist, dass unsere Wohnheimmieten im Frei-staat die zweitgünstigsten im bundesdeutschenSchnitt sind. Was ich nicht gut finde, ist, dass eineLandesregierung zum 01.01.2015 eine Finanzie-rungszusage bzw. eine Finanzierungsnovelle fürden Studentenwerkzuschuss hätte machen müssenund es nicht getan hat. Das sind alles Aspekte, diekann ich durch so eine Große Anfrage besser her-auskitzeln, kann es besser verstehen und kann esfür mich eben auch besser einordnen.

Dritter großer Punkt – Personal und Studiengänge:Der demografische Wandel macht auch an denThüringer Hochschulen nicht halt. Jetzt liegen wir inallen wesentlichen Kennziffern leicht über demBundesschnitt, sowohl was das Durchschnittsalterbei den Professoren angeht als auch was dasDurchschnittsalter beim wissenschaftlichen Mittel-bau angeht, leicht darüber. Das ist noch etwas, wasman aushalten kann. Wenn ich aber weiß, dass202 Professoren in den nächsten fünf Jahren anden Thüringer Hochschulen in den Ruhestand ge-hen, dann stelle ich Ihnen die Frage: Wie wird dasgemanagt? Und zwar vor folgender Grundlage:Wenn unsere größten Einrichtungen, die FSU in Je-na 23 Monate braucht, um einen neuen Professorzu berufen, und die Bauhaus-Universität, dicht ge-folgt von der TU in Ilmenau, 24 Monate brauchen –zwei Jahre brauchen die Hochschulen, um einenneuen Professor zu berufen. Das ist internationalnicht satisfaktionsfähig! Genau aus dem Grundmöchte ich wissen: Wie können wir das besser be-fördern? Das ist eine Frage, die stelle ich Ihnenkonkret als Landesregierung. Dann gucke ich miran, wie die Befristungsdauern sind und stelle fest,dass wir an der Universität in Erfurt 5,3 Jahre Be-fristungsdauer für eine Professur haben. Ich stelleIhnen die Frage: Ist das okay oder ist es zu wenig

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3629

(Abg. Dr. Voigt)

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oder ist es vielleicht sogar zu viel – davon würdeich persönlich ausgehen –? Das sind Aspekte, woich von Ihnen Antworten verlange, weil ich möchte,dass Thüringen schneller wird, weil wir in einem in-ternationalen, globalen Wettbewerb um die bestenKöpfe stehen. Da muss eine Landesregierung auchInitiative zeigen, zumindest erklären können, wiesie solche Themen lösen kann.

Zu den Studienanfängerzahlen, die Sie damit garnicht traktieren, kennen Sie meine Position. Ich ha-be große Sorge, dass die erste Entscheidung desMinisters, die er überhaupt im Amt getroffen hat,nämlich Geld zurückzustellen, weil er Sorge da-rüber hatte, dass unsere Studienanfängerzahlen biszum Auslaufen der Hochschulpakt-2020-Periodeeben nicht ausreichen werden, auch zeigt, wie einePhilosophie im Kopf des Ministers abläuft. Das wür-de ich mir nicht wünschen. Ich hoffe auch, dass erda auf einem besseren Weg ist, aber es bewegtmich, weil ich glaube, dass wir viel mehr dafür tunmüssen, dass Leute hier nach Thüringen kommen.

Jetzt schauen Sie sich die grundständigen Studien-gänge an. Das habe ich in der alten Legislaturperi-ode genauso bemängelt, wie ich es jetzt hier ma-che. Deswegen ist es nicht gebunden an die politi-sche Couleur der Landesregierung. Wenn wir ba-chelor-grundständige Studiengänge haben, wo wirim Wintersemester 2014/2015 als Studienanfängerzwei Leute in einem Studiengang haben, dann dür-fen wir uns als Landesgesetzgeber doch mal dieFrage stellen, ob das der richtige Weg ist odernicht. Kann es vielleicht sein, dass Profilierung undFavorisierung von unterschiedlichen Interessenge-bieten der Professoren letztlich dazu führen, dasswir Steuergelder de facto nicht ordentlich verwen-den?

(Beifall CDU)

Das ist ein Punkt, mit dem wir uns einfach ausei-nandersetzen müssen. Wenn ich mir anschaue,vom Jahr 2013/2014 zum Jahr 2014/2015 Winter-semester in Schmalkalden-Meiningen fangen beimBachelor „Renewable Resources Engineering“ zweiLeute an. Im letzten Semester waren es 20. DerTrend ist quasi nach unten gehend. Da muss dochirgendwas falsch laufen. Wir als Landesgesetzge-ber und Sie als Kontrollinstanz, als Ministerium kön-nen schon mal die Frage stellen: Hat das nichtauch etwas damit zu tun, dass wir Probleme haben,alle Studienanfänger in den jeweiligen Bereichen zufinden?

Vierter Punkt – Verzahnung von Wirtschaft undWissenschaft: Ich habe zum Thema „Drittmittelein-werbung“ schon einiges gesagt. Gucken Sie sichdas Thema „Innovative Gründungen“ an. Wir sindbei den innovativen Gründungen in den letztenfünf Jahren von 283 auf 242 zurückgegangen. Da-durch entsteht offensichtlich eine Fragestellung imBereich der Förderung: Wie gehen wir damit um?

Wie können wir innovative Gründungen befördern?Jetzt haben Sie indirekt angedeutet – schon wie-der –, Sie wollen eine Zivilklausel. Ich kann Ihnenehrlicherweise sagen, dass ich von solchen Debat-ten nichts halte, und die sind auch in der Sachefalsch begründet. Weil Ihre Zivilklausel zum Bei-spiel dazu führen würde, dass Leute, die Biochemiehier in Thüringen studieren und sich die Frage stel-len, wie sie biochemische Waffen detektieren kön-nen, um damit zu verhindern, dass zum BeispielMenschen durch biochemische Angriffe gefährdetsind, von Ihrer Zivilklausel de facto ausgeschlossenwerden, in Thüringen ein Unternehmen zu gründen.Sie brauchen nicht mit dem Kopf zu schütteln, dasist so, Frau Henfling. Das ist ein Punkt, den musstemir in der letzten Legislatur schon Frau Kaschubazugestehen und den haben Sie auch in Ihrer Legis-laturperiode nicht aufgelöst. Das zeigt, dass Sie of-fensichtlich kontraproduktiv unterwegs sind, wennes um innovative Gründungen geht.

Akademische Ausgründung: Im Jahr 2014 und imJahr 2015 haben wir nicht mal 30 akademischeAusgründungen gehabt, bei 50.000 Studenten.Jetzt sagen wir, wir zählen erst mal nur diejenigen,die als Studienabgänger zählen, dann sind 30 aka-demische Ausgründungen trotzdem zu wenig, weilich am Ende doch möchte, das Geld vom Steuer-zahler, was wir hier investieren, soll dazu führen,dass Leute sich hier niederlassen, Unternehmengründen und damit neue Arbeitsplätze schaffen. Alldas sind Fragen, die wir bei der Verzahnung vonWirtschaft und Wissenschaft gern im Ausschussnoch mal diskutieren können.

Das bringt mich zum letzten Punkt – Internationali-sierung. Da wird ausgewiesen, dass bis zum Sep-tember 2015 über das wesentliche EU-Forschungs-programm „Horizont 2020“ von 231 Anträgen ledig-lich 27 positiv beschieden wurden. Da stelle ich mirdie Frage: Ist das Einwerben von Forschungsgel-dern ausreichend gut vernetzt und koordiniert imFreistaat oder müssen wir dort etwas ändern? Wiekönnen wir dieser hohen Ablehnungsquote entge-gentreten? Ich gucke mir den zweiten Punkt an beider Internationalisierung. Sie haben vorhin dasThema „Studentenmobilität“ angesprochen. WennSie sich die Austauschstudenten anschauen, dievon Thüringen ins Ausland gehen, da haben wir anden meisten Hochschulstandorten eher Stagnation,wir haben an manchen Standorten – an einem,zwei – mehr. An der Uni Erfurt sind es mittlerweilesogar ein Drittel weniger, die ins Ausland gehen.Das befriedigt mich nicht. An der Stelle müssen wiruns einfach die Frage stellen, können wir das denHochschulen selber überlassen, sind die Netzwer-ke, die es gibt, ausreichend oder was müssen wirda tun? Genauso auch bei den Incoming-Studen-ten. Der Anteil im bundesweiten Vergleich ist: Wirhaben 11,7 Prozent ausländische Studenten inThüringen, der Bundesdurchschnitt liegt bei

3630 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Dr. Voigt)

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11,9 Prozent, für die neuen Bundesländer sind es12,3 Prozent. Das heißt, wir sind hintendran. Waskönnen wir dafür tun, dass wir international attrakti-ver werden?

All das zusammen genommen zeigt mir, wir habenhier offensichtlich die richtige Anfrage gestellt, diesollten wir im Wissenschaftsausschuss weiter bera-ten. Wenn wir in Thüringen Exzellenzinitiativen ge-winnen wollen, dann müssen wir auch wissen, wasan unseren Hochschulen vorgeht. Ich glaube, dafürist die Hochschulanfrage ein guter Weg gewesen.Schönen Dank.

(Beifall CDU)

Vizepräsidentin Jung:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat sichdie Abgeordnete Henfling zu Wort gemeldet.

Abgeordnete Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-NEN:

Meine sehr geehrten Damen und Herren, sehr ge-ehrte Präsidentin! Nein, Herr Emde, ich bin nicht sogemein. Ich kann auch nett sein. Manchmal.

(Beifall DIE LINKE)

Es kommt immer drauf an.

(Heiterkeit CDU)

Herr Voigt, das ist auch eine Strategie. Man kannsich erst mal alles auf den Tisch werfen lassen unddann guckt man mal, ob man ein paar Fragen fin-det. Man kann aber auch andere Fragen formulie-ren zu dem, was Sie aufgeworfen haben. Fangenwir mal bei den Ausgründungen an. Warum soll ichdenn in Zeiten von Fachkräftemangel, wo ich ir-gendwo eine feste Stelle bekomme, das Risiko ein-gehen, auszugründen? Diese Frage könnte manauch stellen. Ich will nur sagen, Ihre Fragen sind davielleicht nicht unbedingt die richtigen. Deswegenlassen Sie uns da vielleicht an anderer Stelle nochmal drüber diskutieren.

Das Gleiche gilt zum Thema „Zivilklausel“. Ich willmal sagen, allen, die das fordern und die auch dieDiskussion darüber fordern, ist, glaube ich, klar,dass es Bereiche gibt, in denen wir Forschung si-cherstellen müssen, auch im Sinne beispielsweisedes zivilen Gebrauchs. Nehmen wir die Atomener-gie. Ich sage Ihnen, wir haben als Grüne eine rela-tiv harte Diskussion zu der Frage: Wie stehen wirdenn eigentlich zur Forschung in diesem Bereich?Und ich sage ganz klar: Natürlich müssen wir indiesem Bereich weiterforschen, denn wir haben dasZeug nun mal da und wir müssen dafür sorgen,dass es ordentlich behandelt wird. Von daher glau-be ich, dass unsere Positionen zur Zivilklausel undder Frage, was das dann am Ende heißt, deutlichdifferenzierter sind, als Sie das annehmen.

Sie haben Ihre Große Anfrage als Benchmark be-zeichnet. Wenn Sie das in dieser Tragweite tat-sächlich ernst nehmen, dann muss man auch da-rüber reden, was denn in dieser Großen Anfragefehlt. Wir haben relativ verzweifelt – und jetzt mussdie AfD die Ohren spitzen, jetzt geht es um Gender,so heißt das nämlich eigentlich richtig –

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

und relativ lange in dieser Anfrage nach Aspektenwie Geschlechtergerechtigkeit, Familienfreundlich-keit an Hochschulen gesucht und nicht wirklich vieldazu gefunden. Das ist schade. Vor allen Dingendann, wenn Sie sagen, das ist eine Benchmark.Insbesondere in den Ziel- und Leistungsvereinba-rungen haben wir uns oder hat das Ministerium sichdarum bemüht, dafür zu sorgen, dass so etwas Ein-zug hält. Im Einführungstext des Beitrages von Hil-degard Matthies und Karin Zimmermann im „Hand-buch Wissenschaftspolitik“ heißt es übrigens zudiesem Thema: „Folglich dürfte das Geschlecht derPerson in der Wissenschaft lediglich ein ‚Unter-schied sein, der keinen Unterschied macht‘.“ Dochbereits der Blick in die Statistik belehrt eines Besse-ren. Deutlich wird, dass das Geschlecht – übrigensnicht das Geschlechtsteil, Frau Muhsal, das ist einUnterschied – offenbar mehr Differenzen erzeugt,als zum Beispiel in modernisierungstheoretischenPrognosen angenommen wird. So sieht die Lageder Frauen an Hochschulen und in der Forschungeher bescheiden aus. Die Erhebung zur Chancen-gleichheit in Wissenschaft und Forschung der ge-meinsamen Wissenschaftskonferenz kommt zu fol-gendem Ergebnis: Vergleicht man ausschließlichdie Entwicklung der vergangenen zehn Jahre –2004 bis 2013 wurden hier erhoben –, hat sich anden Hochschulen der Anteil von Frauen an der Ge-samtzahl der Erstimmatrikulierten von 48,8 Prozentauf 49,8 Prozent, der Studienabschlüsse von49,6 Prozent auf 51,2 Prozent, der Promotionenvon 39,0 auf 44,2 Prozent, der Habilitationen von22,7 Prozent auf 27,4 Prozent, der Juniorprofessu-ren von 30,9 Prozent auf 39,9 Prozent und die derProfessuren von 13,6 Prozent auf 21,3 Prozent ver-ändert. Der Frauenanteil hat im Verlauf sowohl dervergangenen zehn Jahre als auch der vergangenen20 Jahre auf allen Karrierestufen kontinuierlich zu-genommen. Nach wie vor sinkt aber der Frauenan-teil mit jeder Stufe auf der Karriereleiter nach Auf-nahme eines Studiums. Insbesondere bei den Pro-fessuren ist mit einer Steigerung des Frauenanteilsvon jährlich durchschnittlich 0,77 Prozentpunkten inden letzten zehn Jahren nur ein begrenzter Zu-wachs zu verzeichnen. Zudem gilt: Je niedriger dieBesoldungsgruppe ist, desto größer der Anteil derFrauen und je höher die Besoldungsgruppe, destoniedriger der Anteil der Frauen. Im Vergleich zu ih-rem Anteil an den Professuren insgesamt sind dieProfessorinnen überdurchschnittlich häufig befristetund in Teilzeit beschäftigt. Insgesamt ist der Frau-

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3631

(Abg. Dr. Voigt)

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enanteil am befristet beschäftigten Personal undam teilzeitbeschäftigten Personal höher als derFrauenanteil am Personal insgesamt.

Es gibt also einen sukzessiven Drop-out vom Stu-dium über die Promotion und Habilitation bis zurProfessur, sodass in den wissenschaftlichen Spit-zenpositionen immer noch vergleichsweise wenigeFrauen ankommen. Dagegen steigt der Männeran-teil von Stufe zu Stufe spiegelbildlich erheblich an.Bei der Aufnahme des Studiums noch relativ aus-geglichen, sehen wir dann beim Abschluss des Stu-diums die ersten Einschnitte. Der größte Drop-outfindet in der Promotions- und erneut in der Habilita-tionsphase statt. Hier gehen die Frauenanteile je-weils um 10 Prozentpunkte zurück. Vor allem Geis-tes- und Sozialwissenschaften, Medizin, und Agrar-wissenschaft weisen einen relativ hohen Frauenan-teil auf, während er in der Naturwissenschaft undmehr noch in den Technik- und Ingenieurwissen-schaften weiter unter dem Durchschnitt aller Fächerliegt. Den größten Drop-out von Frauen haben Fä-cher mit einem überdurchschnittlichen Frauenanteil,während in Fächern mit einem besonders niedrigenFrauenanteil – beispielsweise die Ingenieurwissen-schaften – vergleichsweise mehr Frauen eine Pro-fessur erreichen. Hier ist der Frauenanteil an denErstberufungen etwa genauso hoch wie der Frau-enanteil bei den Studienanfängerinnen. Frauenscheinen also gerade in jenen Fächergruppen grö-ßere Erfolgsaussichten zu haben, in denen sie inder Unterzahl sind. Individuelle Motivationslagenbei der Karriereentwicklung spielen zwar eine Rolle,aber die der Wissenschaft eigenen institutionellenBarrieren wirken anscheinend stärker.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich kanndas jetzt noch sehr lange weitertreiben. Insbeson-dere nämlich in der Promotionsphase erleben Frau-en demnach Abwertungs- und Ausgrenzungsaktivi-täten und -mechanismen, die auch in späteren Kar-rierephasen weiterwirken. Beispielsweise: Das Wortvon Wissenschaftlerinnen hat nicht das gleiche Ge-wicht wie das ihrer männlichen Kollegen. Leistun-gen werden eher angezweifelt und Publikationennicht in den Kreis der wirklich substanziellen Arbei-ten aufgenommen. Dadurch steigt das Risiko, weni-ger zitiert zu werden. Beiträge werden oftmals nurunter dem Verlust ihrer Urheberschaft in den wis-senschaftlichen Diskurs aufgenommen bis hin zurNobelpreisträgerin, die nicht ernst genommen wird.Insbesondere bei jungen Frauen führt das vielfachzu Entmutigungen und zur Überlegung, aus derWissenschaft auszuscheiden. Das gemeinhin alsgeschlechtsneutral geltende Bild des idealen Wis-senschaftlers mit Attributen wie zum Beispiel inne-rer Berufung, Ausdauer, Disziplin Einsatzbereit-schaft und Frustrationstoleranz hat sehr geschlech-terdifferente Implikationen. Demgegenüber geltenFrauen tendenziell als weniger intrinsisch motiviert,weniger leidenschaftlich für die Sache der Wissen-

schaft engagiert, weniger leidensbereit, wenigerzeitlich verfügbar, mit der Konsequenz größererSkepsis, die idealtypischen Erwartungen einlösenzu können.

Selbst wenn sich Frauen den Mechanismen desCooling Out bewusst widersetzen und in ihrer Kar-riere erfolgreich sind, stehen sie als Wissenschaft-lerinnen unter kritischer Dauerbeobachtung. DiesesFaktum müssen wir auch für Thüringen konstatie-ren.

(Beifall Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Danke, Astrid.

(Heiterkeit DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Seit der ersten Erhebung der geschlechtsspezifi-schen Daten zu den Hochschulräten 2003 hat sichder Frauenanteil insbesondere in den Hochschulrä-ten oder vergleichbaren Gremien von 20 Prozentgegenwärtig – 2014, das ist der Erhebungszeitraum– um fast ein Drittel gesteigert. Zwischen den Bun-desländern gibt es jedoch große Unterschiede. DieSpannweite reicht hier mit Stichtag 31.12.2014 von14,8 Prozent bis zu 44,4 Prozent. Thüringen liegthier bei einem mageren Ergebnis von 18,8 Prozentund ist damit drittschlechtestes Bundesland.

All diese Problemlagen, lieber Herr Voigt, habenSie in Ihrer Großen Anfrage nicht abgefragt. Ich ha-be vorhin schon erwähnt, dass die Ziel- und Leis-tungsvereinbarungen ganz konkret insbesonderedas Kaskadenmodell aufgenommen haben. Ichglaube, dass man sagen kann, dass das Thema„Geschlechtergerechtigkeit“ in der Diskussion mitden Hochschulen hart errungen wurde. Ich glaube,das ist wichtig. Viel wichtiger wäre es im Übrigenaber, dass es ein Bewusstsein für diese Ungleich-heit gibt und dass wir mit diesem Bewusstsein auchVeränderungen anstoßen.

Von daher entschuldigen Sie die Ergänzungen zuIhrer Großen Anfrage. Ich glaube aber, dass dasheute eine durchaus starke Notwendigkeit hatte.Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Frau Muhsal, bitte.

Abgeordnete Muhsal, AfD:

Danke schön, Frau Präsidentin. Ich wollte nur nochmal ganz kurz auf Sie, Herr Dr. Voigt, und auf Sie,Herr Schaft, eingehen. Wenn ich Sie richtig ver-standen habe, Herr Dr. Voigt, haben Sie gesagt,dass Sie der Meinung sind, dass wir mindestens50.000 Studenten brauchen, weil Sie der Meinung

3632 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Abg. Henfling)

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sind, dass wir mindestens 50.000 kluge Köpfe ha-ben.

(Zwischenruf Abg. Dr. Voigt, CDU: Das habeich nicht gesagt!)

Ich bin bestimmt der Meinung, dass wir in Thürin-gen nicht nur 50.000 haben, sondern noch eineganze Menge mehr.

(Beifall AfD)

Aber ich weiß nicht, ob Sie damit sagen wollten,dass alle anderen dumm wären, denn das stimmtnatürlich nicht. Eine Hochschule hat einfach eineandere Ausrichtung als beispielsweise eine Ausbil-dung. Da muss man die entsprechende Leistung,die da erbracht werden muss, differenzieren.

Ich wollte eigentlich zu Herrn Schaft sagen, ideolo-gische Scheuklappen mal ablegen. Das sage ich zuIhnen auch. Ich weiß nicht, ob Sie nicht zugehörthaben oder ob Sie es nicht verstehen wollen. Des-wegen teile ich Ihnen das, was ich gerade gesagthabe, noch einmal in zwei Sätze auf. Ich habe näm-lich erstens gesagt, dass auch ausländische Stu-denten an unseren Unis studieren, ist grundsätzlichzu begrüßen. Das begrüße ich auch. Ich freue michüber die ausländischen Studenten, die hier inDeutschland und auch hier in Thüringen an denUnis sind.

Dann habe ich eine Frage gestellt. Das mag Ihnenzwar nicht gefallen, dass ich im Namen des deut-schen Steuerzahlers eine Frage stelle, aber ichdenke, dass ist durchaus zulässig. Ich wiederholenoch mal, was ich gefragt habe. Ich habe gesagt:Man kann sich schon fragen, wieso die Unis einePrämie dafür bekommen sollen, dass sie vermehrtausländische Studenten haben, obwohl die Kostenfür die Unis vom deutschen Steuerzahler getragenwerden.

(Zwischenruf Abg. Dr. Voigt, CDU: Das Stil-mittel der rhetorischen Frage ist Ihnen be-kannt?)

Das ist aus Sicht des Steuerzahlers durchaus einelegitime Frage, auch wenn Ihnen das nicht gefällt.Danke schön.

(Beifall, AfD)

Vizepräsidentin Jung:

Jetzt liegen keine weiteren Wortmeldungen mehrvor. Herr Minister Tiefensee, Sie haben das Wort.

Tiefensee, Minister für Wirtschaft, Wissenschaftund Digitale Gesellschaft:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehr-ten Damen und Herren Abgeordneten, liebe zweiMenschen auf der Besuchertribüne, es ist spät ge-worden, fünf nach halb acht, und wir behandeln die

Große Anfrage zur Hochschullandschaft Thürin-gens, 64 Seiten, knapp 200 Seiten Anlage. Sie sit-zen bequem, ich wollte jetzt mal stichpunktartig je-de zweite dieser 64 Seiten aufrufen, wenn Sie ge-statten, damit wir ein bisschen Information rüber-bringen.

(Heiterkeit und Beifall DIE LINKE, SPD,BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vielleicht mag es unüblich sein, ich möchte ganzbesonders denen, die da oben sitzen – es sindnämlich zwei Gekaufte aus dem Wissenschaftsmi-nisterium, Abteilungsleiter Herr Ebersold, Herr Zin-ner –, meinem Staatssekretär und Herrn Coenenmal ganz herzlich danken, dass sie eine Fleißarbeitsondergleichen geleistet haben. Es sind nicht im-mer nur die, die hier vorn sitzen, die Staatssekretä-re und Minister, sondern es ist ein ganzer Stab, dergearbeitet hat. Lieber Herr Dr. Voigt, Sie haben unssehr, sehr viele Fragen gestellt und wir haben sienicht etwa beantwortet in einer etwas verlängertenZeit über die sechs Monate, sondern eingegangenim August, abgeliefert an den Landtagspräsidentenim November. Dass sie jetzt erst beraten wird, hatandere Gründe.

(Zwischenruf Abg. Emde, CDU: Das ist sehrlöblich, Herr Minister!)

Das ist sehr löblich und wirft ein hervorragendesLicht auf die Menschen, die sonst im Dunkeln sind.Deshalb herzlichen Dank!

(Beifall CDU, DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN)

Herr Schaft hat die Frage gestellt: Wozu eigentlichdiese Große Anfrage? Wir haben jetzt gehört, wozusie auf dem Tisch liegt. Wir haben noch mal eineganz besonders fundierte Analyse. Herr Dr. Voigt,ich freue mich auf die Debatte über die Fragen, dieSie angeschlossen haben an diese Analyse. Siehaben ja offensichtlich eine Synopse zwischenganz unterschiedlichen Jahren, unterschiedlichenProgrammen vorgenommen. Ich meine das sehrernst. Wir sind sehr interessiert immer wieder an ei-nem Austausch über die Befunde, die Sie heraus-gelesen haben, damit wir vorankommen. Und es istauch schön, einmal ein solches Konvolut zu haben,das kann man auch anderen überreichen. Deshalbdanke für diese Anfrage. Sie müssen sich nicht ent-schuldigen, dass Sie sie gestellt haben. Ich hättemir allerdings gewünscht, wenn wir jetzt schon da-rüber reden, dass wir im Vorfeld diese Fülle derFragen, die Sie aufgeworfen haben, zur Kenntnisbekommen hätten, dann hätten wir jetzt in der De-batte nach vorne diskutieren können, Ihre Erkennt-nisse, unsere Erkenntnisse zusammenlegen kön-nen. Das machen wir jetzt im Ausschuss und ichfreue mich darauf.

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3633

(Abg. Muhsal)

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(Zwischenruf Abg. Dr. Voigt, CDU: Das he-ben wir uns für die nächste Große Anfrageauf!)

Zunächst einmal: Der Befund ist, dass wir in derHochschul-, Forschungs- und Wissenschaftsland-schaft in Thüringen hervorragend aufgestellt sind.Aber das Bessere ist des Guten Feind. Wir könnenimmer noch besser werden. Dass wir hervorragendaufgestellt sind, verdanken wir zuvorderst denjeni-gen, die in den Hochschulen und Forschungsein-richtungen arbeiten, den Rahmenbedingungen, diewir geben konnten und natürlich auch der intensi-ven Arbeit unserer, meiner Vorgänger. Deshalb, lie-ber Christoph Matschie, ich möchte als meinen un-mittelbaren Vorgänger Sie, dich ganz besondersnoch mal mit deinem Stab nennen – überall, wo ichgehe und stehe, bist du schon mehrfach bei Einwei-hungen von Forschungsgebäuden, neuen Studien-gängen und dergleichen dabei gewesen. Es istnicht selbstverständlich, wenn man ein solches Amtübernimmt, dass man eine so gute, fundierte Arbeitvorfindet, auf der wir aufbauen können. VielenDank, lieber Christoph Matschie dafür.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich will jetzt in ganz kurzer Zeit quasi in einem Hub-schrauberflug noch einmal kurz Bilanz ziehen, wowir stehen, und ein paar Dinge andeuten, wo wirhinwollen. Zunächst: Wir haben eine ganz vielfälti-ge, ausgeprägte Forschungslandschaft in unseren40 Hochschulen, Instituten, Forschungseinrich-tungen und dergleichen mehr. Sie wissen es, wirhaben die neun Hochschulen, eine wird dazu kom-men, darüber haben wir gerade vorhin gesprochen.Wir haben 14 Forschungseinrichtungen – Fraunho-fer, Helmholtz, Leibniz, Max-Planck. Es gibt viervom Land finanzierte Forschungseinrichtungen, esgibt acht Institute, die außeruniversitär dicht an denHochschulen forschen. Das ist eine vielfältige Ein-richtung von Hochschulen bis hin zu den Institutenund Initiativen, die diesem Land sehr gut ansteht.Diese Landschaft ist der Garant für die ProsperitätThüringens und deshalb ist es gut, dass wir uns da-mit beschäftigen.

Wir haben in der Vergangenheit Schwerpunkte ge-setzt und haben Erfolge gehabt bei der Interdiszipli-narität in den Hochschulen, bei der Vernetzung in-nerhalb der Hochschullandschaft, der Vernetzungder Hochschulen mit den Forschungseinrichtungenund Wissenschaftseinrichtungen. Wir können einestolze Bilanz vorweisen, wenn es zum Beispiel da-rum geht, wie bewertet die DFG, die Deutsche For-schungsgemeinschaft, in ihrem Forschungsatlasunsere Forschungsleistung. Wenn dort beispiels-weise die FSU Jena auf einem hervorragendenRang ist, aber Ilmenau, Weimar, Erfurt nicht nach-stehen, dann ist das ein Ranking, ein Benchmarkwo wir sagen können, diese Einrichtungen sind her-vorragend aufgestellt.

Herr Voigt hat die Drittmitteleinwerbung angespro-chen. Tatsächlich liegen wir hier auf dem 8. Platz,sind im Ranking sehr weit vorn und, Herr Dr. Voigt,das nur als eine der Antworten: Es stimmt ebennicht, dass die Statistik verfälscht wäre, denn wirmüssen uns natürlich auf die bundesweit vorliegen-den Statistiken beziehen. Aber auf der anderen Sei-te ist es natürlich so, dass eine Friedrich-Schiller-Universität mit dem Universitätsklinikum zusammenveranschlagt wird, obwohl die Drittmittel in der Re-gel in den Fakultäten, also in der Universität, einge-worben werden. Lassen Sie uns das näher untersu-chen, aber ich bin dennoch stolz darauf.

Es gibt einen weiteren Parameter: Wie viel Geldwendet der Staat in der Quote zu seinen Staatsaus-gaben bzw. zum Bruttoinlandsprodukt auf? Undauch da liegen wir mit 0,52 gut, deutlich über demBundesdurchschnitt mit 0,42 und an sechster Stelleim bundesweiten Ranking.

Ich bin auch sehr stolz darauf, dass sich unsereInstitute mit einer Reihe von Preisen nach außenzeigen und deutlich machen, hier arbeiten hervorra-gende Wissenschaftler. Sie wissen, dass Prof. Chri-stian Hertweck einen Leibniz-Preis gewonnen hat.Ich freue mich über den European Grand Awardvon Prof. Andreas Tünnermann aus dem Fraunho-fer-Institut in Jena und wir sind stolz, dass wir eineder fünf Humboldt-Professuren nach Thüringen ge-holt haben. Ich hoffe, dass wir Prof. Jasper mit sei-nem Schwerpunkt Altersforschung aus den USAhier nach Thüringen locken können. Wir sind da aufeinem sehr guten Weg.

Das sind nur einige herausgezogene Beispiele, diedeutlich machen, Thüringen steht hervorragend da.Jetzt können wir uns auf dieser Basis nicht ausru-hen, sondern wir müssen weiter vorangehen, wiegesagt, auch in der Diskussion sehr gern mit derCDU.

Zunächst rufe ich noch einmal und immer wieder inErinnerung, es ist keine Selbstverständlichkeit,dass wir die Finanzausstattung für unsere Hoch-schulen und Universitäten so gestaltet haben, wiesie jetzt gestaltet ist. Sie kennen den Spruch, derOnkel, der ein Geschenk bringt, ist lieber gesehenals die Tante, die Klavier spielt. Und deshalb ist esganz gut, dass der Freistaat mit einem Aufwuchsvon jeweils 4 Prozent per anno ein solches Finanz-volumen und auch Planbarkeit in Aussicht stellt.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Ich will jetzt nicht einmal mehr die Gelder anspre-chen, die wir zum Beispiel für die Studierenden inden Studentenwohnheimen und Mensen aufwen-den. Herr Dr. Voigt, einmal mehr: Sämtliche BAföG-Gelder fließen in die Erhöhung des Budgets derHochschulen ein und ich habe zum letzten Malschon gesagt, ich nehme ja gar nicht für uns in An-

3634 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016

(Minister Tiefensee)

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spruch, dass wir den Aufwuchs um circa 160 Millio-nen Euro nur aus Landesmitteln finanzieren. Daswäre ja auch vermessen. Der Hintergrund dieserBAföG-Zahlung, von Frau Prof. Wanka in jederSonntagsrede, in jeder Rede angeführt, ist ja gera-de, dass man auch auf Bundesseite gesehen hat,dass die Länder nicht in der Lage sind, diese Auf-wüchse allein zu bestreiten. Dennoch ist es wichtig,dass wir landeseigene Gelder drauflegen. Wie wirdes denn dann in der Zukunft weitergehen? Ich binsehr gespannt, ob wir den Bund dazu zwingen oderanimieren können, dass er auch nach dem Jahr2020 zum Beispiel den Hochschulpakt weiter finan-ziert, dass der § 91 b, also die Frage des Koopera-tionsverbots – oder gewendet der Kooperation –,dazu genutzt wird, dass wir auch Gelder für denHochschulbau bekommen und dementsprechendauch hier in dieser Angelegenheit vorankommen.Das ist die finanzielle Seite.

Und einmal mehr im kurzem Überflug: Ich rufe nocheinmal in Erinnerung, wir haben in der Rahmenver-einbarung IV in Kombination mit den Ziel- und Leis-tungsvereinbarungen genau das versucht, HerrDr. Voigt, was Sie jetzt in vielen Fragen angespro-chen haben, nämlich genau dafür zu sorgen, dasswir uns weiter profilieren, dass wir das Gesicht ei-ner Universität verbessern, dass wir im Rahmender regionalen Innovationsstrategie für diese beru-higenden fünf „I“ sorgen. Es geht um Innovation.Wie können wir unsere Hochschulen innovativermachen, den Mittelstand, der dranhängt? Wie kön-nen wir etwas für die Investitionen tun, zum Beispielauch in die Gründerszene, in den Mittelstand. Wiekönnen wir die Infrastruktur, den Transfer weiterverbessern? Wie können wir dafür sorgen, dass ei-ne Integration stattfindet, damit alle diejenigen, diein der Hochschullandschaft, in der Forschungsland-schaft tätig sind, noch stärker zusammenarbeiten?Und schließlich – auch von Ihnen angesprochen –:Wie können wir die Internationalisierung verbes-sern? Wir haben über 1.200 unterschiedliche Pro-jekte, die hier auf dem Weg sind, und ich denke,das lässt sich natürlich noch weiter verbessern.

Ich habe die regionale Innovationsstrategie ange-sprochen. In der Verbindung damit haben wir For-

schungsschwerpunkte gesetzt, die wir weiter imBlick haben, um die hervorragenden Bedingungen,die wir auch in der Wirtschaft haben, in der Verbin-dung von Wirtschaft und Wissenschaft für ganzThüringen nutzbar zu machen.

Alles das steht mit der Reform des Hochschulge-setzes, der Frage, wie gehen wir mit unserem wis-senschaftlichen Nachwuchs um, wie können wir diefinanziellen, die Arbeitszeitbedingungen verbessern– alles das steht jetzt auf der Agenda. Ihre Fragen,unsere Antworten geben hoffentlich eine gute Basisdafür.

Ich wünsche einen intensiven Diskussionsprozessdarüber, wie wir noch besser werden können undbedanke mich für das große Interesse an der Wis-senschaftspolitik des Freistaats Thüringen. VielenDank.

(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIEGRÜNEN)

Vizepräsidentin Jung:

Danke, Herr Minister. Herr Dr. Voigt hatte Aus-schussüberweisung an den Ausschuss für Wirt-schaft und Wissenschaft beantragt. Wer der Aus-schussüberweisung der Großen Anfrage zustimmt,den bitte ich um das Handzeichen. Gegenstimmen?Stimmenthaltungen? Damit ist die Ausschussüber-weisung abgelehnt.

(Unruhe CDU)

(Zwischenruf Abg. Mohring, CDU: Die ganzeZeit erzählt er von der Ausschussberatung!)

Ich schließe den Tagesordnungspunkt und diePlenardebatte und wünsche eine gute Nachhause-fahrt oder einen guten Nachhauseweg.

Ende: 19.48 Uhr

Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016 3635

(Minister Tiefensee)

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Anlage

Namentliche Abstimmung in der 43. Sitzung am25. Februar 2016 zu Tagesordnungspunkt 4

Zweites Gesetz zur Änderung des ThüringerArchitekten- und IngenieurkammergesetzesGesetzentwurf der Fraktion der AfD- Drucksache 6/1399 -

1. Adams, Dirk(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

nein

2. Becker, Dagmar (SPD) nein3. Berninger, Sabine (DIE LINKE) nein4. Blechschmidt, André (DIE LINKE) nein5. Brandner, Stephan (AfD) ja6. Bühl, Andreas (CDU) nein7. Carius, Christian (CDU) nein8. Dittes, Steffen (DIE LINKE) nein9. Emde, Volker (CDU)

10. Engel, Kati (DIE LINKE) nein11. Fiedler, Wolfgang (CDU)12. Floßmann, Kristin (CDU) nein13. Geibert, Jörg (CDU)14. Gentele, Siegfried (fraktionslos) nein15. Grob, Manfred (CDU) nein16. Gruhner, Stefan (CDU) nein17. Hande, Ronald (DIE LINKE) nein18. Harzer, Steffen (DIE LINKE) nein19. Hausold, Dieter (DIE LINKE) nein20. Helmerich, Oskar (fraktionslos) nein21. Henfling, Madeleine

(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)nein

22. Henke, Jörg (AfD) ja23. Hennig-Wellsow, Susanne

(DIE LINKE)nein

24. Herold, Corinna (AfD) ja25. Herrgott, Christian (CDU)26. Hey, Matthias (SPD) nein27. Heym, Michael (CDU) nein28. Höcke, Björn (AfD) ja29. Höhn, Uwe (SPD)30. Holbe, Gudrun (CDU) nein31. Holzapfel, Elke (CDU) nein32. Huster, Mike (DIE LINKE) nein33. Jung, Margit (DIE LINKE)34. Kalich, Ralf (DIE LINKE) nein35. Kellner, Jörg (CDU) nein36. Kießling, Olaf (AfD) ja37. Kobelt, Roberto

(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)nein

38. König, Katharina (DIE LINKE) nein39. Korschewsky, Knut (DIE LINKE) nein40. Kowalleck, Maik (CDU) nein41. Kräuter, Rainer (DIE LINKE) nein42. Krumpe, Jens (fraktionslos)43. Kubitzki, Jörg (DIE LINKE) nein44. Kummer, Tilo (DIE LINKE) nein45. Kuschel, Frank (DIE LINKE) nein46. Lehmann, Annette (CDU) nein47. Lehmann, Diana (SPD) nein48. Leukefeld, Ina (DIE LINKE) nein

49. Lieberknecht, Christine (CDU) nein50. Liebetrau, Christina (CDU) nein51. Lukasch, Ute (DIE LINKE) nein52. Lukin, Dr. Gudrun (DIE LINKE) nein53. Malsch, Marcus (CDU) nein54. Martin-Gehl, Dr. Iris (DIE LINKE)55. Marx, Dorothea (SPD) nein56. Matschie, Christoph (SPD)57. Meißner, Beate (CDU)58. Mitteldorf, Katja (DIE LINKE) nein59. Mohring, Mike (CDU)60. Möller, Stefan (AfD) ja61. Mühlbauer, Eleonore (SPD) nein62. Muhsal, Wiebke (AfD) ja63. Müller, Anja (DIE LINKE)64. Müller, Olaf

(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)nein

65. Pelke, Birgit (SPD) nein66. Pfefferlein, Babett

(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)nein

67. Pidde, Dr. Werner (SPD) nein68. Primas, Egon (CDU) nein69. Reinholz, Jürgen (fraktionslos)70. Rosin, Marion (SPD) nein71. Rothe-Beinlich, Astrid

(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)nein

72. Rudy, Thomas (AfD) ja73. Schaft, Christian (DIE LINKE) nein74. Scherer, Manfred (CDU) nein75. Scheringer-Wright, Dr. Johanna

(DIE LINKE)nein

76. Schulze, Simone (CDU) nein77. Skibbe, Diana (DIE LINKE) nein78. Stange, Karola (DIE LINKE) nein79. Tasch, Christina (CDU) nein80. Taubert, Heike (SPD) nein81. Thamm, Jörg (CDU) nein82. Tischner, Christian (CDU) nein83. Voigt, Dr. Mario (CDU) nein84. Walk, Raymond (CDU)85. Walsmann, Marion (CDU) nein86. Warnecke, Frank (SPD) nein87. Wirkner, Herbert (CDU)88. Wolf, Torsten (DIE LINKE) nein89. Worm, Henry (CDU) nein90. Wucherpfennig, Gerold (CDU) nein91. Zippel, Christoph (CDU) nein

3636 Thüringer Landtag - 6. Wahlperiode - 43. Sitzung - 25.02.2016