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  • Wer entwickelt die Stdte?Akteure und Stakeholder, Beteiligte und Betroffene der Stadtentwick-lung wie sie zusammenwirken und welche Rolle Stadtplanung und Stadtentwicklungspolitik dabei spielen

    Stadtentwicklung, kann auf zweierlei Weise verstanden werden: Stdte entwickeln sich (->Lehrbaustein) und Stdte werden entwi-ckelt. Hier geht es um das aktive Entwickeln der Quartiere und Stdte und um die Frage, wer da mit wem ttig ist.

    Wer entwickelt die Stdte?(1) Auf die Frage, wer die Stdte entwickelt,

    gibt es nur eine richtige Antwort: Alle. Alle wirken in unterschiedlicher Weise an der baulich-rumlichen, sozialen, kologischen, konomischen oder kulturellen Entwicklung der Stdte mit. Das lsst sich leicht illustrieren:

    (2) Beginnen wir mit den Brgerinnen und Brgern. Diese tragen zum Beispiel zur Suburbanisierung bei, indem sie die Einfamili-enhuser an den Peripherien bauen. Oder ent-scheiden sich zum Beispiel fr Eigentums-wohnungen an integrierten Standorten und tragen so zur Reurbanisierung bei. Und wo sie nicht selbst bauen sind sie Nachfrager von Wohnraum und beeinflussen mit ihren Prfe-renzen die Angebote der Wohnungsproduzen-ten. Das gilt auch fr jene Haushalte mit nied-rigem Einkommen: Auch ihre Standortwahl kann (unter Bedingungen von Nachfrager-mrkten) ber die Geschicke von Stadtquartie-ren entscheiden.

    Aber sie wohnen ja nicht nur; sie kaufen auch ein, gestalten ihre Freizeit, bewegen sich in Stadt und Region: Ihr Mobilittsverhalten etwa prgt ganz wesentlich die Stadtstruktur und Umweltqualitt und entscheidet auch da-rber, ob die groen SB-Mrkte jenseits der Stadtgrenze ihre Kunden finden oder ob die lieber im eigenen Stadtzentrum einkaufen ge-hen.

    Brgerinnen und Brger gestalten zudem auf unmittelbare Weise ihre Lebenswelt nicht nur in den eigenen vier Wnden, sondern mit Wir-kung auf das soziale und kulturelle Leben in der Stadt. Ob die Elterngruppe nun eine KiTa

    grndet, ob ein Haus der offenen Tr, ein Tanzprojekt fr arbeitslose Jugendliche initiiert, ein lokaler Rotary-Klub das Projekt Hausauf-gabenhilfe in Gang setzt, der Kunstverein Gelder fr eine Ausstellung sammelt, der Na-turschutzverband die Patenschaft fr einen Kinderwald bernimmt oder ob eine Br-gerinitiative das rtliche Freibad in die eigene Bewirtschaftung bernimmt es ist die Summe dieser vielen Einzelaktivitten, die das Stadt-leben ausmacht.

    Und natrlich sind die Brgerinnen und Br-ger auch dort aktiv, wo sie die professionellen Stadtentwickler vor allem vermuten: Unter-schriften sammelnd gegen die Bebauung der Flussaue, auf der Brgerversammlung protes-tierend gegen die Reduzierung von Parkplt-zen im eigenen Viertel oder vor Gericht gegen den geplanten Brckenbau klagend.

    Und nicht zu vergessen: Wir reden hier auch von Whlerinnen und Whlern, die zumindest in greren Abstnden auch Einfluss auf die lokale Politik nehmen, sofern sie nicht selbst unmittelbar politisch aktiv sind.

    Kurzum die Brgerinnen und Brger der Stdte wirken auf vielfltige Weise direkt oder indirekt, gezielt oder gleichsam nebenbei auf Stadtentwicklung ein. Sie entwickeln Stadt(vgl. hierzu auch den Lehrbaustein Stadtentwicklung und Kommunikation)

    (3)aber selbstverstndlich nicht allein. Noch fehlen die Akteure (ab Seite 5 wird auf die Rolle der Akteure ausfhrlicher eingegan-gen), die zumeist als erste unter den Stadt-produzenten genannt werden die Bau-, Bo-den- und Immobilienunternehmen, die Grund-eigentmer, Bauinvestoren, die Entwickler und Vermarkter, die Wohnungsunternehmen und Industriebetriebe, die Einzelhndler, die Logis-tik- und Verkehrsbetriebe, Entsorgungs- und Energieunternehmen und so fort. Mit ihren Aktivitten tragen diese Markt-Akteure auf vielfltige Weise zur Stadtentwicklung bei.

    Baustein Wer entwickelt die Stdte? | Selle 1|8

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  • Hier nur einige Schlaglichter: Die Immobili-entochter der Bahn verkauft nun doch nicht das Grundstck, das fr die Innenstadtentwick-lung von Bedeutung ist. Whrenddessen schlieen sich die Geschftsleute am anderen Ende der Innenstadt zu einer Standortgemein-schaft zusammen, um gegen den Kaufkraftab-fluss vorzugehen. Gemeinsam mit dem Einzel-handelsverband und der lokalen Werbege-meinschaft beschlieen sie zudem, ein In-nenstadtkonzept in Auftrag zu geben und es der Stadt zu schenken.

    Der Bautrger, der bislang auf einer in-nenstadtnahen Brache Geschosswohnungsbau realisieren wollte, zieht seine Absichten zurck und bringt eine Einfamilienhausbebauung ins Spiel.

    Die Industrie- und Handelskammer mischt sich in den Streit um den Brckenbau ein und bezeichnet ihn als unerlsslich fr die Umge-hungsstrae, die erst eine ausreichende Re-dundanz der Erschlieung des Wirtschafts-standorts gewhrleiste. Wenige Tage zuvor hatte ein lange ortsansssiges Unternehmen die Verlagerung von 200 Arbeitspltzen in das osteuropische Ausland angekndigt.

    Im Rahmen einer Corporate-Citizenship-Ak-tion bieten verschiedene Unternehmen Schnupperpraktika fr arbeitslose Jugendli-che in sozialen Brennpunkten an. Und so weiter und so fort

    (4) Last but not least sind die ffentlichen, insbesondere die kommunalen Akteure zu nennen: Sie fertigten zum Beispiel die Plne fr die Umgehungsstrae mitsamt umstrittenem Brckenbauwerk an und mssen sich nun den Klagen der Brger und den Mahnungen der Industrieverbnde erwehren. Auch waren be-reits die Bebauungsplne fr die zwei Brachfl-chen praktisch beschlussreif und hngen nun in der Luft, weil Grundeigentmer bzw. Investoren ihre Plne gendert haben. Gleich nebenan ist ein weiteres Grundstck mit f-fentlichen Investitionen bereits gekauft und hergerichtet worden: Ein Grnzug mit eingela-gerten Parks soll den neuen Standort fr Inves-toren attraktiv werden lassen.

    Zudem wurden von der Kommune, um im Spektrum der genannten Beispiele zu bleiben, die Mittel fr das Soziale-Stadt-Programm beantragt, dessen Auslaufen nun moderierend begleitet werden soll. Allerdings ist mit dem Ende der Frderung auch die Schlieung eini-ger sozialer Einrichtungen verbunden, wenn

    keine neuen Finanzquellen erschlossen werden knnen.

    Zugleich haben Stadtrat, Sozialverwaltung und Wirtschaftsfrderung das Programm Un-sere Stadt soll familienfreundlich werden auf-gelegt. Neben verbesserter Ganztagsbetreuung etc. soll dem auch bei der Baulandbereitstel-lung und im Wohnungsbau Rechnung getra-gen werden. Von alledem erhofft sich der Kmmerer, dass einkommensstarke Bewohner

    Baustein Wer entwickelt die Stdte? | Selle 2|8

    Abb. 1 af (Fortsetzung S. 3): Beitrge zur Stadtentwick-lung Illustrationen (von oben nach unten): Unternehmen und ihre Verbnde Aktivitten der Brgerinnen und Brger kommunale Planung und Politik

    (Fortsetzung auf der nchsten Seite)

  • nicht in Umlandgemeinden abwandern, son-dern weiter im Stadtgebiet ihre Steuern zahlen.Genug der Beispiele. Es versteht sich, dass die-se Liste, die im Wesentlichen eine Collage realer Zeitungsmeldungen aus verschiedenen Stdten darstellt, beliebig verlngerbar ist.

    Aber sie drfte ihren Zweck schon erfllt und verdeutlicht haben, dass viele Akteure, wir al-

    le, Stadt entwickeln und dass sich diese Akti-vitten im Raum berlagern:

    (5) Fr dieses Einwirken vieler Akteure auf die Stadtentwicklung wurden in den letzten Jahren viele Formulierungen und Bilder gefun-den wie etwa das Beispiel in Abbildung 1ad, deren Aufgabe es ebenfalls ist, den Prozess der Stadtentwicklung als Resultat des Handelns von Akteuren aus drei Sphren (Markt, Staat, Gesellschaft) darzustellen (s. Abb. 1e).

    Das wird hier grafisch stark vereinfacht, denn es fehlen noch die vielen Zwischenwel-ten (intermedirer Bereich) und Doppelzu-ordnungen (etwa: ffentliche Betriebe, die marktfrmig agieren etc.). Aber um solche Feinheiten kann es hier nicht gehen.

    Entscheidend an einem Schema wie diesem und der zuvor aufgelisteten (gnzlich un-vollstndigen) Aktivittenvielfalt vieler Akteure, die zur Stadtentwicklung beitragen, ist vor al-lem, die Tatsache, dass sie sich im Raum ber-lagern und untereinander in Wechselbeziehung stehen.

    Denn, um an den Beispielen anzuknpfen: Der Protest gegen die Brcke hngt mit der Umgehungsstrae zusammen und die mit der Forderung der Industrieverbnde nach optima-ler Erschlieung stdtischer Standorte.

    Oder: Der Rckzug des Bautrgers von sei-nen ursprnglichen Absichten ist auf die Nach-fragesituation am Wohnungsmarkt und wo-mglich das Interesse der Stadt, bestimmte Einkommensgruppen im Stadtgebiet zu halten, zurckzufhren.

    Baustein Wer entwickelt die Stdte? | Selle 3|8

    die Aktivitten berlagern sich im Raum,was sich auf verschiedene Weise grafisch darstellen lsstund zur Konsequenz hat, dass wichtige Aufgaben der

    Stadtentwicklung nur in der Zusammenarbeit aller fr einen Raum relevanten Akteure bewltigt werden kn-nen (BMVBS/BBR 2007)

  • Die KiTa-Grndung hngt mit Einsparungen der Stadt zusammen, die Aktivitten fr be-nachteiligte Gruppen mit den Arbeitsplatzver-lusten und dem Auslaufen der Frderung, das Innenstadtkonzept mit dem Kaufkraftverlust und den schwindenden Planungsressourcen der Kommune und so weiter und so fort.

    Das heit: Viele Akteure handeln im Raum. Und: Ihre Aktivitten weisen oft Zusammen-hnge auf auch wenn sie nicht ausdrcklich aufeinander bezogen sind.

    Stadtentwicklung ist(6) Aus diesen vielen Aktivitten entsteht

    und entwickelt sich Stadt. Sie ist also als Gan-zes nicht Produkt einer zentralen Planung, sondern ein wildes, chaotisch anmutendes, hybri-des Gemisch aus Akten jedweder Art (Wolf Reuter 2004, 73) Niederschlag vieler unterschiedlicher Be-mhungen ber lange Zeitrume (Gerd Al-bers 1988, 2)

    gelungen oder misslungen, kultiviert oder trbsinnig Gruppenausdruck und Ausdruck der Geschichte von Gruppen, ihrer Machtent-faltung und Untergnge (Mitscherlich 1965, 32).