of 24/24
„Parallelgesellschaften“ von Zuwanderern in Deutschland? Susanne Worbs Abstract Der vorliegende Beitrag setzt sich mit der Diskussion über „Parallelgesellschaften“ von Zuwande- rern in Deutschland auseinander. Ziel ist dabei, die oft undifferenzierte Verwendung dieses Begriffes zu hinterfragen und das verfügbare Wissen aus theoretischen Diskursen und empirischen Arbeiten für ausgewählte Bereiche zusammenzutragen. Dazu werden zunächst die vorliegenden Definitions- ansätze für „Parallelgesellschaften“ vorgestellt und diskutiert, ebenso wie verwandte Begriffe und Konzepte. Nach einem Blick auf frühere Epochen und in andere Länder erfolgt die Darstellung des wissenschaftlichen Kenntnisstandes zu verschiedenen Aspekten von „Parallelgesellschaften“ (Rolle von ethnischen Kolonien im Integrationsprozess, Mediennutzung und räumliche Segregation von Zuwanderern, Mehrindikatorenstudien). Im Fazit erfolgt eine Einschätzung, wie real die Gefahr von „Parallelgesellschaften“ in Deutschland ist, und inwieweit das Konzept für weitere Analysen geeig- net erscheint. 1 Einführung 1 Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem Begriff, der seit einigen Jahren immer wieder auftaucht, wenn es um die Integration von Zuwanderern (nicht nur) in Deutschland geht. Fast könnte man sa- gen: Ein Gespenst geht um. Es ist das Gespenst der „Parallelgesellschaften“, deren Existenz von manchen vorausgesetzt, von anderen bestritten wird. Einige Beispiele aus aktuellen Medien- und Wissenschaftsbeiträgen: Bei einem Kongress zur Zukunft der Städte im November 2006 fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel von Zuwanderern, „die zum Teil quasi in Parallelgesellschaften versuchen, ihr Leben zu ge- stalten, und von vornherein nicht bereit sind, die deutsche Sprache zu lernen“, einen Mentalitätswan- del. Alles andere führe zu einer „nicht akzeptablen Entwicklung“ (Merkel 2006). In einem Artikel für „Spiegel Online“ begründet im gleichen Monat der türkischstämmige Grü- nen-Politiker Cem Özdemir seine Entscheidung für einen Umzug in den Berliner Bezirk Kreuzberg. Unter der Überschrift „Hinziehen statt Weggucken“ plädiert er dafür, „keine Parallelgesellschaft bzw. Parallelgerichtsbarkeit [zu] dulden, wo radikale Organisationen ‚Abtrünnige’ bestrafen, Schutzgelder erpresst werden, Arbeitgeber ihre Angestellten verprügeln und Drogenhändler unbe- helligt ihren Geschäften nachgehen können“ (Özdemir 2006). Aus dem baden-württembergischen Rastatt wird im Januar 2007 bekannt, dass die Stadt beschlossen hat, den muttersprachlichen Unterricht an den Schulen abzuschaffen. Einem Bericht der „Frankfurter Rundschau“ zufolge begünstigt der Zusatzunterricht nach Ansicht des Oberbürgermeisters die Bil- 1 Die Verfasserin dankt Peter Schimany, Axel Kreienbrink, Stefan Rühl und Harald W. Lederer für ihre An- merkungen und Hinweise zu diesem Text.

„Parallelgesellschaften“ von Zuwanderern in Deutschland? · Nach einem Blick auf frühere Epochen und in ... einen Mentalitätswan-del. Alles andere führe zu einer ... Migrantenkinder

  • View
    214

  • Download
    0

Embed Size (px)

Text of „Parallelgesellschaften“ von Zuwanderern in Deutschland? · Nach einem Blick auf frühere...

  • Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?Susanne Worbs

    Abstract

    Der vorliegende Beitrag setzt sich mit der Diskussion ber Parallelgesellschaften von Zuwande-rern in Deutschland auseinander. Ziel ist dabei, die oft undifferenzierte Verwendung dieses Begriffeszu hinterfragen und das verfgbare Wissen aus theoretischen Diskursen und empirischen Arbeitenfr ausgewhlte Bereiche zusammenzutragen. Dazu werden zunchst die vorliegenden Definitions-anstze fr Parallelgesellschaften vorgestellt und diskutiert, ebenso wie verwandte Begriffe undKonzepte. Nach einem Blick auf frhere Epochen und in andere Lnder erfolgt die Darstellung deswissenschaftlichen Kenntnisstandes zu verschiedenen Aspekten von Parallelgesellschaften (Rollevon ethnischen Kolonien im Integrationsprozess, Mediennutzung und rumliche Segregation vonZuwanderern, Mehrindikatorenstudien). Im Fazit erfolgt eine Einschtzung, wie real die Gefahr vonParallelgesellschaften in Deutschland ist, und inwieweit das Konzept fr weitere Analysen geeig-net erscheint.

    1 Einfhrung1

    Dieser Beitrag beschftigt sich mit einem Begriff, der seit einigen Jahren immer wieder auftaucht,wenn es um die Integration von Zuwanderern (nicht nur) in Deutschland geht. Fast knnte man sa-gen: Ein Gespenst geht um. Es ist das Gespenst der Parallelgesellschaften, deren Existenz vonmanchen vorausgesetzt, von anderen bestritten wird. Einige Beispiele aus aktuellen Medien- undWissenschaftsbeitrgen:

    Bei einem Kongress zur Zukunft der Stdte im November 2006 fordert Bundeskanzlerin AngelaMerkel von Zuwanderern, die zum Teil quasi in Parallelgesellschaften versuchen, ihr Leben zu ge-stalten, und von vornherein nicht bereit sind, die deutsche Sprache zu lernen, einen Mentalittswan-del. Alles andere fhre zu einer nicht akzeptablen Entwicklung (Merkel 2006).

    In einem Artikel fr Spiegel Online begrndet im gleichen Monat der trkischstmmige Gr-nen-Politiker Cem zdemir seine Entscheidung fr einen Umzug in den Berliner Bezirk Kreuzberg.Unter der berschrift Hinziehen statt Weggucken pldiert er dafr, keine Parallelgesellschaftbzw. Parallelgerichtsbarkeit [zu] dulden, wo radikale Organisationen Abtrnnige bestrafen,Schutzgelder erpresst werden, Arbeitgeber ihre Angestellten verprgeln und Drogenhndler unbe-helligt ihren Geschften nachgehen knnen (zdemir 2006).

    Aus dem baden-wrttembergischen Rastatt wird im Januar 2007 bekannt, dass die Stadt beschlossenhat, den muttersprachlichen Unterricht an den Schulen abzuschaffen. Einem Bericht der FrankfurterRundschau zufolge begnstigt der Zusatzunterricht nach Ansicht des Oberbrgermeisters die Bil-

    1 Die Verfasserin dankt Peter Schimany, Axel Kreienbrink, Stefan Rhl und Harald W. Lederer fr ihre An-merkungen und Hinweise zu diesem Text.

  • dung von Parallelgesellschaften. Migrantenkinder vergeudeten damit nur wichtige Zeit, die siesinnvollerweise mit der Konversation deutscher Sprache nutzen knnten (Irle 2007).

    Andere Autoren sind dagegen der Meinung, die Bildung von Parallelgesellschaften durch Zuwande-rer sei eine Legende (Gaitanides 2001), ein deutscher Mythos (Nowak 2006), der Terminus einverheerender Kampfbegriff (hler 2005). Auch renommierte Vertreter der Migrations- und Inte-grationsforschung gehen auf Distanz: Parallelgesellschaften im strengen Sinne gbe es in Deutsch-land kaum (Bade 2006), das Problem wrde schlimmer gemacht als es ist (Esser 2007).

    Der vorliegende Beitrag versucht, diesen widersprchlich anmutenden Sichtweisen und Entwicklun-gen auf den Grund zu gehen. Im Kern geht es bei der Debatte ber Parallelgesellschaften umfolgende Fragen:

    1. Gibt es empirische Hinweise, dass sich Zuwanderer in Deutschland beziehungsweise bestimm-te Gruppen von Zuwanderern von der Mehrheitsgesellschaft abschotten? Nehmen solche Ab-schottungstendenzen im Zeitverlauf zu, und welche Ursachen knnten sie haben? Erfolgt derRckzug in die Parallelgesellschaften freiwillig oder gezwungenermaen?

    2. Wie sind Abschottungstendenzen, wenn es sie denn gibt, im Hinblick auf den Integrationsprozesszu beurteilen?

    3. Erweist sich im Endergebnis der Begriff Parallelgesellschaften als ein Konzept, das der Reali-tt in der Bundesrepublik angemessen ist und sich fr sozialwissenschaftliche Analysen eignet?

    Zur Beantwortung dieser Fragen wird in Kapitel 2 zunchst ein breiterer Rahmen gesteckt, indem dieHerkunft des Begriffes Parallelgesellschaften und seine Karriere im ffentlichen Sprachgebrauchrekonstruiert werden. Anschlieend werden Definitionsanstze verschiedener Autoren sowie ver-wandte Begriffe vorgestellt. Ein Blick in die Geschichte und ber die Landesgrenzen hinweg soll esdem Leser ermglichen, das Phnomen Parallelgesellschaften nicht nur im Kontext der gegenwr-tigen deutschen Migrationsdebatte zu sehen.

    Kapitel 3 gibt einen berblick ber den einschlgigen wissenschaftlichen Diskurs. Dieser besteht ei-nerseits aus einem theorieorientierten Strang, der sich bis ins 19. Jahrhundert zurckverfolgen lsstund um den Begriff der ethnischen Kolonie kreist. Andererseits gibt es empirische Arbeiten, ausdenen sich konkrete Hinweise auf die Existenz oder Nicht-Existenz von Parallelgesellschaften ab-leiten lassen. Beispielhaft werden hierbei fr die aktuelle Zuwanderungssituation in Deutschland dieBereiche Mediennutzung und rumliche Segregation betrachtet. Zudem wird auf Studien eingegan-gen, die die Fragestellung nach den Parallelgesellschaften und deren Wirkungen auf die Integrati-on von Zuwanderern anhand mehrerer Indikatoren zu beantworten suchen. Diese Studien greifenzum Teil das Konzept der ethnischen Kolonie aus dem theoretischen Diskurs auf und wenden es aufkonkrete Zuwandererviertel in deutschen Stdten an.

    Im Kapitel 4 erfolgt eine Zusammenfassung sowie eine Einschtzung des Phnomens Parallelge-sellschaften in Deutschland anhand der vorliegenden Erkenntnisse. Damit sollen auch die oben ge-stellten Fragen vorlufig beantwortet werden. Abschlieend werden Empfehlungen fr knftigeForschungsaktivitten gegeben.

    8 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • 2 Zum Begriff Parallelgesellschaften

    2.1 Herkunft und Verwendung des Begriffes

    Der Terminus Parallelgesellschaften bezog sich zunchst auf die Lnder des frheren Ostblocksund die dortigen Versuche von oppositionellen Gruppen, eigene und unabhngige gesellschaftlicheInstitutionen aufzubauen, z.B. Gewerkschaften und Verlage (Meyer 2002: 193f). Damit hatte der Be-griff im Westen auch zuerst eine positive Bedeutung, weil er mit Widerstand gegen die kommunisti-schen Regimes assoziiert wurde. Dies nderte sich, als der Terminus in den 1990er Jahren Eingang indie Migrationsdebatte fand. Als einer der ersten Verwender des Begriffes in diesem Kontext gilt derBielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer. Er uerte in einem Interview mit der ZEIT im Jahr1996, es bestehe die Gefahr, dass religis-politische Gruppen eine schwer durchschaubareParallelgesellschaft am Rande der Mehrheitsgesellschaft aufbauen knnten (Heitmeyer 1996).Hintergrund war eine Untersuchung der Forschungsgruppe um Heitmeyer zu islamischem Funda-mentalismus unter trkischen Jugendlichen.

    Verstrkten Auftrieb erhielt die Debatte durch die Terroranschlge vom 11. September 2001, und be-sonders ab dem Jahr 2004, ausgelst durch die Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh in denNiederlanden. Im gleichen Jahr belegten die Parallelgesellschaften im Wettbewerb zum Wort desJahres der Gesellschaft fr deutsche Sprache den zweiten Platz, geschlagen nur von Hartz IV. DerBegriff wird inzwischen kontinuierlich sowohl in wissenschaftlichen Beitrgen, als auch in politi-schen Statements verwendet. Er ist jedoch in der Sache schillernd und weitgehend unbestimmtgeblieben (Meyer 2002: 195).

    Weniger unbestimmt sind hingegen die Zuwanderergruppen, auf die der Begriff in Deutschland an-gewandt wird. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf trkischen Migranten, wofr es mehrere nahelie-gende Grnde gibt. Es handelt sich erstens um die mit Abstand grte und damit sichtbarste Gruppevon auslndischen Staatsangehrigen in Deutschland (ca. 1,7 Millionen Menschen), die noch ergnztwird durch schtzungsweise 700.000 eingebrgerte Personen trkischer Herkunft. Zweitens wird dieIntegration der trkischstmmigen Migranten allgemein als unzureichend eingeschtzt, und die Dis-kussion um Parallelgesellschaften greift vielfach auf Zahlen und Fakten aus dem allgemeinen Inte-grationsdiskurs zurck. Drittens handelt es sich um eine berwiegend muslimische Zuwanderergrup-pe. Wie die obige Darstellung der Karriere des Begriffes Parallelgesellschaften gezeigt hat, ist ereng mit einer mglichen fundamentalistischen oder terroristischen Bedrohung durch den Islam ver-bunden. Migranten aus muslimisch geprgten Lndern stehen damit weitaus strker im Verdacht,gefhrliche Parallelgesellschaften zu bilden, als Angehrige anderer Religionsgemeinschaften(Luft 2002, Pfahl-Traughber 2005).

    Neben den trkischstmmigen Migranten tauchen im Diskurs um Parallelgesellschaften gelegent-lich noch die (Spt-)Aussiedler auf, die ebenfalls eine groe Zuwanderergruppe in Deutschland dar-stellen. Andere Nationalitten spielen nur unter Sammelbegriffen wie arabisch eine Rolle. Nichtverwendet wird der Begriff im Hinblick auf illegale Migranten, was im ersten Moment erstaunlichscheint. Diese nach Herkunftslndern heterogen zusammengesetzte Gruppe knnte man durch denfehlenden Aufenthaltsstatus und die daraus resultierende Lebensweise in der Anonymitt durchausals Parallelgesellschaft ansehen. Zugleich handelt es sich hierbei aber um Zuwanderer, die im All-

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 9Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • tag weitgehend unsichtbar sind und somit vielleicht eher in einer Schattengesellschaft leben.2 Die De-batte um Parallelgesellschaften konzentriert sich hingegen ganz offensichtlich auf groe und sichtbareGruppen, deren Aufenthalt an sich nicht in Frage gestellt wird, wohl aber ihre Lebensweise. Dabei wirdein hoher Grad an interner Homogenitt der Gruppe unterstellt (siehe dazu auch Kapitel 4).

    2.2 Definitionen und verwandte Begriffe

    Es wurde bereits erwhnt, dass der Begriff Parallelgesellschaften trotz seiner hufigen Anwen-dung inhaltlich unbestimmt geblieben ist. Den wohl bekanntesten Versuch, konkrete Kriterien fr ei-ne Definition vorzulegen, hat der Politikwissenschaftler Thomas Meyer unternommen. Er bezeich-net als Parallelgesellschaften soziale Kollektive, auf die in ausschlaggebendem Mae die folgendenMerkmale zutreffen:

    sozial homogen oder heterogen;

    ethno-kulturell bzw. kulturell-religis homogen;

    nahezu vollstndige lebensweltliche und zivilgesellschaftliche sowie weitgehende Mglichkeitender konomischen Segregation;

    nahezu komplette Verdoppelung der mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen;

    formal freiwillige Form der Segregation;

    siedlungsrumliche oder nur sozial-interaktive Segregation, sofern die anderen Merkmale alle er-fllt sind (Meyer 2002: 196; Hervorhebung im Original).

    In hnlicher Weise hat der Historiker Klaus J. Bade (2004) folgende vier Merkmale einer Parallelge-sellschaft genannt:

    eine monokulturelle Identitt,

    ein freiwilliger und bewusster sozialer Rckzug auch in Siedlung und Lebensalltag,

    eine weitgehende wirtschaftliche Abgrenzung,

    eine Doppelung der Institutionen des Staates.

    Insbesondere gegen den differenzierten Kriterienkatalog von Meyer kann man einwenden, dass erdie Latte fr die Existenz von Parallelgesellschaften relativ hoch legt (Halm/Sauer 2006b). Dies be-trifft vor allem die Doppelung von Institutionen des Staates bzw. der Mehrheitsgesellschaft, die inkompletter Form wohl kaum je gegeben sein wird. Meyer hat diesen Punkt selbst im Hinblick auf dasRechtssystem aufgegriffen. Von einem eigenstndigen Rechtskreis kann seiner Meinung nach fak-tisch [] auch dann gesprochen werden, wenn ein erheblicher sozialer oder sozio-kultureller Druckinnerhalb der betreffenden Gemeinschaft besteht, wesentliche staatlich garantierte Grundrechtenicht zu nutzen oder im Streitfall nicht die staatlichen Gerichte, sondern eigen-ethnische bzw. kul-turell-religise Schiedsstellen anzurufen und sich deren Urteil zu unterwerfen (Meyer 2002: 196).Es gibt Hinweise, dass solche Phnomene in bestimmten Zuwanderermilieus in Deutschland tatsch-lich existieren; sie werden beispielsweise von zdemir (2006) in seinem eingangs zitierten Artikelunter dem Stichwort Parallelgerichtsbarkeit beschrieben. Meyer schlgt vor, in Fllen, wo nurdieses eine Kriterium einer Verdoppelung des Rechtssystems formal nicht erfllt ist, von unvoll-stndigen Parallelgesellschaften zu sprechen.

    10 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    2 Vgl. den Titel eines von 1993-1998 in den Niederlanden durchgefhrten Projektes zu illegaler Migration:Die unbekannte Stadt (Burgers/Engbersen 1999).

  • Trotz dieser Relativierungen man beachte auch die Worte in ausschlaggebendem Mae in derEinleitung zu Meyers Definition bleibt der Eindruck bestehen, dass die beiden genannten Kriter-ienkataloge bei einer statischen Betrachtungsweise wahrscheinlich nie als erfllt gelten knnen. Siebeschreiben quasi den imaginren Endpunkt einer parallelgesellschaftlichen Entwicklung. Halm undSauer (2006b: 19) pldieren deshalb fr eine dynamische Sicht der entsprechenden Indikatoren unterder Fragestellung, ob es eine Entwickung hin zur oder weg von einer Parallelgesellschaft gibt. Sie ha-ben diesen Anspruch auch mit eigenen empirischen Daten umgesetzt (siehe Kapitel 3.2.3). Auf derEbene der Definitionen hat Kandel (2004) dementsprechend eine Minimaldefinition von Parallel-gesellschaften vorgeschlagen, die bereits dann greift, wenn sechs Grundelemente im Entstehenbegriffen sind und dieser Entstehungsprozess empirisch einigermaen przise beobachtet werdenkann:

    1. Kommunikationsabbruch zur Mehrheitsgesellschaft durch nachhaltige sprachliche, religis-kul-turelle und alltagsweltliche Segregation,

    2. sozial-konomische Segregation (Aufbau alternativer konomien und Arbeitsmrkte),

    3. Abgrenzung durch Aufbau von Parallelinstitutionen (z.B. im Bereich Bildung und Freizeit),

    4. Verdichtung sozialer Kontrolle gegenber den Mitgliedern des sozialen Kollektivs bis zu psychi-schem und physischem Zwang (das Kollektiv wird zum Gefngnis),

    5. faktische Verhinderung der Inanspruchnahme der von der demokratischen Rechtsordnung ge-whrten individuellen Menschen- und Grundrechte,

    6. Forderungen nach Ausbildung eines selbstverwalteten Rechtsbezirkes, in dem islamisches Recht[] neben der fr alle geltenden Rechtsordnung Anwendung finden soll (Kandel 2004: 10).

    Abgesehen von dem bereits erwhnten Zeitaspekt unterscheidet sich diese Definition inhaltlich vondenen Meyers und Bades vor allem in zwei Punkten: Eigens hervorgehoben werden die sprachlicheSegregation und der Kommunikationsabbruch, und die Frage der sozialen Kontrolle und eines eige-nen Rechtssystems wird in drei eigene Punkte 4) bis 6) aufgefchert. Dies ist vor dem Hintergrundder eigentlichen Thematik von Kandels Beitrag zu sehen, nmlich des organisierten Islams inDeutschland. Auffallend ist zudem, dass der Autor die siedlungsrumliche Segregation nicht eigenserwhnt, die in der Alltagswahrnehmung hufig den Kern von Parallelgesellschaften bildet. hn-lich zu den bereits vorgestellten Definitionen sind hingegen die Punkte einer religis-kulturellen undsozialen (lebensweltlichen) Segregation, der konomischen Segregation und der Ausbildung paral-leler Institutionen. Diese Kriterien knnen damit als Kernbestand der bisherigen Definitionsversuchevon Parallelgesellschaften gelten.

    Abschlieend zu diesem Kapitel soll noch auf einige Begriffe eingegangen werden, die gelegentlichsynonym zu Parallelgesellschaften verwendet werden.3 An erster Stelle ist das Ghetto zu nen-nen. Der wesentliche Unterschied zu Parallelgesellschaften ist darin zu sehen, dass Ghettos durchueren Zwang entstehen, also nicht durch freiwillige Segregation. Zudem bezieht sich dieser Be-griff typischerweise auf Wohngebiete, die fast ausschlielich Angehrige einer (ethnischen oder reli-gisen) Gruppe beherbergen, beispielsweise die von Schwarzen bewohnten Teile amerikanischer

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 11Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    3 Es gibt einen weiteren Begriff, der zwar nicht synonym, aber relativ hufig komplementr zu den Parallel-gesellschaften verwendet wird, nmlich die Leitkultur. Dieser Terminus wurde allerdings mit dem Zu-satz europisch von Bassam Tibi geprgt (Tibi 1998). In seinen Schriften findet sich auch die damit ver-bundene Warnung vor der fortschreitenden Ausbreitung von Parallelgesellschaften. Im Zusammenhangdiskutiert werden beide Konzepte auch von Oberndrfer (2001), Meyer (2002) und Nowak (2006).

  • Stdte (Huermann/Siebel 2001: 41). Solche Konzentrationen sind in deutschen Stdten vereinzelt inbestimmten Wohnblcken und Straenzgen gegeben, nicht jedoch auf der Ebene ganzer Stadtteile(vgl. Kapitel 3.2.2).

    Schwieriger ist die Grenzziehung zu den Begriffen ethnische Enklaven oder ethnische Kolonien,die sich als Formen sozialer, kultureller, religiser und politischer Selbstorganisation ethnischerMinderheiten (Heckmann 1992: 96) definieren lassen. Hier geht es um freiwillige Organisationsfor-men, die auch nicht zwingend mit segregierten Wohnbezirken verbunden sein mssen. Im Unter-schied zu den Parallelgesellschaften steht bei diesen Begriffen nicht die Abschottung zur Mehr-heitsgesellschaft im Vordergrund. Statt dessen werden die positiven Potenziale der Koloniebildungfr die Integration der Zuwandernden betont. Die zugrunde liegenden empirischen Phnomene sindjedoch sehr hnlich zu denen des Parallelgesellschafts-Diskurses. Wie im Kapitel 3.1 gezeigt wird,stammen deshalb auch wesentliche Elemente dieses Diskurses ursprnglich aus theoretischenDebatten der Migrationsforschung ber ethnische Kolonien.

    Nicht vorrangig auf Zuwanderer und ethnische Minderheiten angewandt werden schlielich die Be-griffe Subkultur und Milieu. Sie zielen auf die soziokulturelle Pluralisierung moderner Gesell-schaften im Allgemeinen, auf die Ausdifferenzierung von Lebenslagen und Lebensstilen, die imPrinzip auch ohne Zuwanderung stattgefunden htte (aber von ihr verstrkt wird). Gegner der Redevon den (gefhrlichen) Parallelgesellschaften von Zuwanderern argumentieren in diesem Sinne,dass es keine homogene Mehrheitsgesellschaft gibt, sondern dass auch diese in zahlreiche kleine undgroe Parallelgesellschaften zerfllt. Diese Argumentationsfigur wird im Kapitel 2.3 noch einmalaufgegriffen.

    Am Ende der definitorischen Betrachtungen bleibt festzuhalten, dass der Begriff Parallelgesell-schaften eine spezifische Konnotation hat, die keinem der anderen genannten Begriffe innewohnt.Prgend ist die Vorstellung einer freiwilligen, sich auf alle Lebensbereiche erstreckenden Segregati-on einer als homogen wahrgenommenen ethno-kulturellen bzw. ethno-religisen Minderheit. Damitverbunden ist die Befrchtung, innerhalb der Parallelgesellschaften liefen undurchsichtige, krimi-nelle und/oder gegen die Werteordnung der Mehrheitsgesellschaft gerichtete Vorgnge ab, welchedie staatliche Sicherheit gefhrden.

    Im folgenden Kapitel soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich dieser Vorstellung entspre-chende Erscheinungen auch schon in frheren Epochen und in anderen Lndern gezeigt haben, und obes auch noch andere Parallelgesellschaften auer denen von Zuwanderern gibt. Der in der ber-schrift angesprochene Tellerrand ist insofern der der gegenwrtigen deutschen Migrationsdebatte.

    2.3 Ein Blick ber den Tellerrand

    Historisch betrachtet ist es keineswegs neu, dass Immigranten im Aufnahmeland die rumliche undsoziale Nhe von Menschen gleicher Herkunft suchen. So wurden im Zuge der deutschen Amerika-auswanderung des 19. Jahrhunderts ganze Drfer durch Kettenwanderungen sukzessive in die neueHeimat verpflanzt (vgl. Kamphoefner 2006 fr die westflische Region). Auch in Grostdten wieChicago bildeten sich deutsche Kolonien, innerhalb derer praktisch alle Bedrfnisse befriedigt wer-den konnten, von lokalen Versicherungsgesellschaften bis zu Banken, von auf ethnische Produktespezialisierten Lebensmittellden bis zu Kneipen, von Kirchen bis zu Konfessionsschulen, von

    12 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • Turnvereinen bis zu Karnevalsgesellschaften, von Geheimlogen bis zu sozialistischen Klubs (Keil1984: 404).

    Ein hnliches Beispiel bildeten die Ruhrpolen in Deutschland, die sich bis Anfang des 20. Jahrhun-derts circa dreiig Jahre nach Beginn ihrer Einwanderung bereits ein umfangreiches Vereinsnetzund eine eigene Gewerkschaft der Bergleute und Httenarbeiter geschaffen hatten. Lucassen (2005)schildert fr diese Migrantengruppe, wie die entsprechende Infrastruktur auch in Reaktion auf denAssimilationsdruck des preuischen Staates entstand. Dieser versuchte beispielsweise nicht nur, diealleinige Verwendung der deutschen Sprache in der ffentlichkeit durchzusetzen, sondern richteteim Jahr 1909 sogar eine polizeiliche Polenbeobachtungsstelle in Bochum ein. Auch wenn dieseshistorische Beispiel im Vergleich zu den heutigen Zuwanderergruppen in Deutschland einige Beson-derheiten aufweist4, so zeigen sich doch auch verblffende Parallelen insbesondere zu trkischenMigranten: Perceived as alien group in the localities where they settled, coming from a lower-classbackground, and being allocated to inferior positions on the labour market, [] the Poles [] deve-loped a separate ethnic subculture, stimulated by residential concentrations, church affiliations, and arich associational life (Lucassen 2005: 73). Noch interessanter ist allerdings die lngerfristige Ent-wicklung: Durch externe und interne Prozesse (unter anderem interethnische Heiraten und Namens-nderungen) gingen die einst als Gefahr fr die Nation angesehenen polnischen Einwandererkolo-nien schlielich weitgehend in der deutschen Gesellschaft auf. hnliche Entwicklungen lassen sichauch fr die eingangs erwhnten deutschen Einwanderer in Amerika zeigen (Blaschke 1992).Insofern ist fr diese beiden Beispiele der Einschtzung von Walter (2006) zuzustimmen, dassanfngliche Segregation zur anschlieenden Integration gefhrt habe.

    Im Hinblick auf aktuellere Erfahrungen anderer Lnder mit Parallelgesellschaften drngt sich dasBeispiel der Niederlande auf. Dort lsst sich eine spezifische Kombination aus allgemeiner gesell-schaftlicher Entwicklung und der Integrationspolitik gegenber Zuwanderern nachvollziehen, diemit dem Begriff der Versulung umschrieben ist. Die niederlndische Gesellschaft war seit derMitte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger komplett in vier Sulen segmentiert (Protestanten,Katholiken, Sozialisten, Liberale), zwischen denen ein Austausch praktisch nur auf der politischenEbene und ber Eliten stattfand. Die lebensweltliche Segregation der genannten Bevlkerungsgrup-pen wurde fundiert durch das Recht, jeweils eigene, staatlich gefrderte Institutionen zu begrnden,z.B. Schulen, Krankenhuser, Rundfunkanstalten, Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen(Doomernik 2003: 170f.). Obwohl dieses Gesellschaftsmodell in der zweiten Hlfte des 20. Jahrhun-derts an Bedeutung verlor, prgte es die staatliche Politik gegenber Zuwanderern in den 1970er und1980er Jahren in hohem Mae. Dies geschah auf mehrere Arten: erstens durch die Definition der Im-migranten als ethno-kulturelle Gruppen bzw. Minoritten, zweitens durch die Mglichkeit, ebenfallseigene Institutionen auszubilden (z.B. islamische Grundschulen), drittens durch die bertragung deskonsensualen Politikstils, wie er fr die versulte Gesellschaft typisch war (Bruquetas-Callejo etal. 2006: 23).

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 13Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    4 Insbesondere ist damit die Tatsache angesprochen, dass bis 1919 kein eigener polnischer Staat existierteund man dementsprechend nationalistische Umtriebe der Polen in Deutschland frchtete. Dies verlieh demArgwohn gegen die polnischen Parallelgesellschaften einen besonderen Auftrieb. Andere Umstnde derdamaligen Zeit knnen dagegen als integrationsfrdernd angesehen werden, z.B. dass die Ruhrpolen an-ders als die heutigen Zuwanderergruppen in Deutschland in eine dnn besiedelte Region ohne etablierteMehrheitsgesellschaft kamen. Ein grerer Teil von ihnen ist zudem nach dem 1. Weltkrieg nach Belgienund Frankreich weitergewandert (Huermann/Siebel 2001: 67ff.).

  • Die niederlndische Integrationspolitik war damit, pointiert ausgedrckt, zunchst sogar eine aus-drckliche Einladung an Migranten zur Bildung von Parallelgesellschaften. Eigenethnische Orga-nisationen wurden grozgig gefrdert, die Einbindung ins politische Geschehen erfolgte gem derLandestradition ber die Eliten an der Spitze der jeweiligen Sulen. Allerdings ist inzwischen einedeutlich erkennbare Abkehr von dieser Politik erfolgt. Meyer (2002: 219) verweist in diesem Zusam-menhang auf die Ergebnisse einer Vergleichsstudie ber die Niederlande und Deutschland, die fest-stellt, dass das niederlndische Modell einer Versulungs-Integration zwar auf der sozio-kulturel-len Ebene der Anerkennung unterschiedlicher Identitten zum Erfolg gefhrt habe. Die sozio-kono-mische Integration sei auf diesem Weg jedoch nicht gelungen (Duyvene de Wit/Koopmans 2001).

    Kehrt man an dieser Stelle in den deutschen Diskurs zurck, so finden sich auch hier Argumente, dieauf allgemeine gesellschaftliche Differenzierungsprozesse rekurrieren und die Normalitt vonParallelgesellschaften nicht nur unter Zuwanderern hervorheben. Auch ohne eine ausgeprgte Ver-sulungstradition wie in den Niederlanden ist die Gesellschaft in Deutschland seit den 1970er Jahrendurch eine immer strkere soziokulturelle Pluralisierung gekennzeichnet, mithin durch eine Vielzahlvon Milieus, Lebenswelten, Subkulturen oder eben Parallelgesellschaften (vgl. die Begriffsdiskus-sion unter 2.2). Gern genannte Beispiele sind hierbei Yuppies, Punks, Lesben und Schwule sowieAussteiger aller Art. Autoren wie Oberndrfer (2001) und Gestring (2005) halten deshalb derAngst vor den Parallelgesellschaften von Zuwanderern entgegen, sie sei antimodern, antiurbanund blind fr die Wirklichkeit. Freie Gesellschaften erlaubten es eben gerade ihren Brgern, sich zuGruppen und Lebenswelten eigener Wahl zusammenzuschlieen, sich dabei von anderen abzuson-dern und nicht in einer homogenen Mischmasch-Gesellschaft mit jedermann Hndchen halten zumssen (Oberndrfer 2001). Noch weiter geht die Kritik von Kaloianov (2006), der argumentiert,es gbe akzeptierte Mainstream-Parallelgesellschaften und nicht akzeptierte parallelgesellschaft-liche Parallelgesellschaften. Den Mitgliedern der letzteren bliebe das Privileg versagt, ihrer Paral-lelgesellschaft problemlos angehren zu drfen ja, sie sollten durch den politischen und medialenAufschrei noch von ihrem letzten Zufluchtsort vor Diskriminierung seitens der Mehrheit vertriebenwerden (Kaloianov 2006: 9).

    Wie lsst sich der Blick ber den Tellerrand damit bilanzieren? Geschichtliche Erfahrungen legenzunchst einmal nahe, die rumliche und soziale Segregation von Zuwanderern mit einer gewissenGelassenheit zu sehen. Dergleichen hat es in Einwanderungslndern immer gegeben, mit gutenGrnden (siehe Kapitel 3.1) und zumeist ohne langfristig negative Folgen. Dabei sollte jedoch imHinblick auf die Zuwanderergruppen im gegenwrtigen Deutschland nicht vergessen werden, dassdie angefhrten historischen Integrationsprozesse beispielsweise die der Ruhrpolen sich bermehrere Generationen hinweg und teilweise unter anderen Voraussetzungen als heute vollzogen.

    Auch die Argumente hinsichtlich der Normalitt von parallelgesellschaftlichen Strukturen allerArt in modernen Gesellschaften haben ihre Plausibilitt. Sie beziehen sich aber bei genauerem Hin-sehen oft nur auf Subkulturen und Milieus, also nicht auf komplette Parallelgesellschaften. Zudemlaufen sie Gefahr zu bersehen, dass ein Rckzug in die eigene Gruppe durchaus problematischeWirkungen fr die Betreffenden haben kann, gerade im Fall von Zuwanderern. Die Diskussion desniederlndischen Versulungsmodells hat mit der nicht gelungenen sozio-konomischen Integrationhierzu ein wichtiges Stichwort geliefert. Im Folgenden soll daran anknpfend der im strengeren Sin-ne wissenschaftliche Diskurs ber die Erscheinungsformen und Wirkungen von Parallelgesell-schaften dargestellt werden, beginnend mit dem Begriff der ethnischen Kolonie.

    14 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • 3 Der wissenschaftliche Diskurs

    3.1 Beitrge zur Rolle von ethnischen Kolonien im Integrationsprozess

    Es wurde bereits dargestellt, dass sich schon im 19. Jahrhundert parallelgesellschaftliche Struktu-ren bei Immigrantengruppen in Amerika und Europa herausbildeten. Sie entstanden und entstehenbis heute vor allem durch Kettenmigrationsprozesse. Ebenfalls bis ins 19. Jahrhundert zurck rei-chen Schriften der Migrationssoziologie, die sich mit der Frage befassen, welche Auswirkungen die-se ethnischen Kolonien5 auf den Integrationsprozess der Zuwanderer im Aufnahmeland haben. Frdie deutsche Debatte war der Beitrag von Georg Elwert aus dem Jahr 1982 wesentlich. Er (re-)formu-lierte die sogenannte Binnenintegrationsthese: Eine strkere Integration der fremdkulturellen Einwan-derer in ihre eigenen sozialen Zusammenhnge innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft eine Bin-nenintegration also ist unter bestimmten Bedingungen ein positiver Faktor fr ihre Integration in eineaufnehmende Gesellschaft (Elwert 1982: 718; Hervorhebung durch die Verfasserin).

    Elwert nennt drei positive Wirkungen der Binnenintegration: die Vermittlung von Selbstbewusst-sein, kultureller Identitt und Handlungsfhigkeit, die Vermittlung von Alltagswissen, und die Kon-stitution der Einwanderer als pressure group im ffentlichen Diskurs. Ethnische Kolonien, so knnteman allgemeiner formulieren, sind ein Schutz- und Orientierungsraum fr ihre Mitglieder in einerzunchst fremden Umgebung. Heckmann (1992: 111) fhrt dementsprechend folgende Funktionender Kolonie an:

    Neueinwandererhilfe;

    Stabilisierung der Persnlichkeit/Entlastungsfunktion;

    Selbsthilfe;

    kulturspezifische Sozialisation der Nachfahren;

    soziale Kontrolle und

    Interessenartikulation und vertretung nach auen.

    Diese positiven Wirkungen werden in der wissenschaftlichen Debatte bislang nicht ernsthaft bestrit-ten. Sie sind auch unmittelbar eingngig, wenn man sich die Situation eines Neuzuwanderers vor Au-gen hlt: Der enge rumliche und soziale Kontakt zu Landsleuten untersttzt ihn oder sie bei den ers-ten Schritten in der Aufnahmegesellschaft, z.B. bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Die entschei-dende Frage ist jedoch, ob die ethnische Kolonie im Zeitverlauf eine Durchgangsstation, eineSchleuse ist oder ob sie sich zu einer Falle wandelt, die Migranten lngerfristig vom Zugang zurund vom Aufstieg in der Mehrheitsgesellschaft fern hlt. An diesem Punkt setzt die Kritik an derBinnenintegrationsthese an. Elwert selbst hat bereits Formen der Binnenintegration beschrieben,die gesellschaftliche Integration ausschlieen oder verhindern. Er benennt das Infragestellen des ge-sellschaftlichen Gewaltmonopols, soziale Isolatbildung und Nicht-Lernfhigkeit der Kultur der Im-migranten (Elwert 1982: 724f.). Die Beispiele hierfr muten erstaunlich aktuell an, so weist er z.B.fr den ersten Punkt auf innerfamilire Gewalt in trkischen Familien hin, die unter Hinweis auf dievermeintliche Stammeseigenart nur zgerlich strafverfolgt wrde.

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 15Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    5 Der Begriff Kolonie hat seinen Ursprung wahrscheinlich auch darin, dass (angeworbene) auslndischeArbeitskrfte zunchst hufig in bestimmten Regionen angesiedelt wurden und in Gemeinschaftsunter-knften oder eigens von den jeweiligen Unternehmen errichteten Werkssiedlungen wohnten.

  • Andere Autoren haben diese Kritikpunkte aufgegriffen und weiter ausgebaut. So rumt zwar auchEsser (1986; 2001) die persnlichkeitsstabilisierende Wirkung von ethnischen Kolonien fr ihreMitglieder ein. Er sieht jedoch die Gefahr einer kulturellen und sozialen Abschottung und der Aus-gliederung aus den strukturellen Aufstiegsmglichkeiten der Aufnahmegesellschaft, fr die die eth-nische Kolonie die erforderlichen Qualifikationen nicht bereitstellen kann. Besondere Bedeutung ha-ben in diesem Zusammenhang die erstmals von Wiley (1970) beschriebenen Mobilittsfallen: Eth-nische Kolonien bieten bei einer gewissen Gre und institutionellen Ausstattung immer auch dieMglichkeit von Karrieren innerhalb ihrer Grenzen, z.B. als Hndler von herkunftslandspezifischenLebensmitteln. Diese internen Karrieren erscheinen attraktiv, weil sie oftmals leichter und mit h-herer Erfolgswahrscheinlichkeit zu realisieren sind als ein mhsamer Aufstieg in der Mehrheitsge-sellschaft. Sie sind jedoch zugleich eine Falle, weil sie vorhandene Potenziale nicht nutzen und ethni-sche Schichtungen verfestigen. Diese Gefahren bestehen besonders fr die Folgegenerationen derZuwanderer (Esser 2001: 69). In diesem Sinne spricht auch Heckmann (1992: 115) von der Gefahreiner ethnischen Selbstgengsamkeit. Bade (2006: 6) bezeichnet die Inklusion von Immigranten inethnischen Kolonien als Umweg mit einer mehr oder minder langen Verzgerung des Integrations-prozesses. Schlielich gibt es auch Stimmen wie die des Politikwissenschaftlers Stefan Luft, derethnische Kolonien ausschlielich mit sich dynamisch entwickelnder Desintegration in deutschenStdten (Luft 2006: 66) in Verbindung bringt.

    Zusammengefasst geht es also beim Diskurs ber ethnische Kolonien weniger um die Frage von de-ren Existenz, sondern um ihre Funktionen und Wirkungen fr die betreffenden Zuwanderer und dieGesamtgesellschaft. Die meisten Autoren sehen fr die Kolonien eine Ambivalenz zwischen persn-licher Sttzungsfunktion und gesellschaftlichem Integrationshindernis (Meyer 2002: 219). Gefahrenfr die Integration ergeben sich vor allem daraus, dass sozio-konomische Aufstiegsprozesse behin-dert und ethnische Schichtungen verfestigt werden, wie es im Kapitel 2.3 bereits fr die Niederlandeerwhnt wurde. Dies kann besonders dann eintreten, wenn sich ethnische Kolonien nicht nur durchkonstante Neuzuwanderung erhalten, sondern eine Eigendynamik entwickeln, die durch Abschot-tungsprozesse von beiden Seiten Mehrheitsgesellschaft und Zuwanderer gefrdert wird. Es er-folgt dann quasi kein Durchlauf bei den Koloniemitgliedern. Auf ein weiteres Problem solcherVerfestigungen weist wiederum Meyer (2002: 204f.) hin: Ein bestimmtes Ma an Vertrauen und ver-bindendem Sozialkapital zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft sei grundlegend fr die politi-sche Kultur der Demokratie. Ethno-kulturelle bzw. kulturell-religse Parallelgesellschaftenerzeugten jedoch eine Form der ausschlieenden Gruppensolidaritt, die dieses Vertrauen geradenicht entstehen lasse, sondern die gesellschaftlichen Gruppen einander entfremde.

    3.2 Ausgewhlte empirische Befunde fr die Bundesrepublik Deutschland

    Nachdem bislang die definitorischen und theoretischen Aspekte des Diskurses ber Parallelgesell-schaften beleuchtet wurden, soll nun die empirische Realitt in Deutschland in den Blick rcken.Hierfr knnte eine Vielzahl von Einzelindikatoren und studien herangezogen werden, z.B. zurSprachverwendung, zu den sozialen Kontakten, zum Heiratsverhalten und zu den konomischenAktivitten von Zuwanderern. Da eine solch breite Betrachtung jedoch den Rahmen dieses Aufsatzessprengen wrde, sollen beispielhaft nur zwei Bereiche untersucht werden, nmlich die Mediennut-zung (3.2.1) und die rumliche Segregation (3.2.2). Fr diese beiden Bereiche liegt ein vergleichs-weise breiter Korpus an Literatur vor. Das Kapitel 3.2.3 befasst sich mit Studien, die sich der Frage

    16 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • nach den Parallelgesellschaften bzw. den ethnischen Kolonien in Deutschland anhand mehrererIndikatoren nhern.

    3.2.1 Mediennutzung

    Die Mediennutzung von Zuwanderern in Deutschland wird schon seit den 1960er Jahren untersucht.6

    Ein besonderer Schwerpunkt lsst sich auch hier wieder bei Studien zu trkischen Migranten feststel-len. Gerade fr diese Zuwanderergruppe gibt es inzwischen ein breites Angebot an muttersprachli-chen Zeitungen sowie Radio- und Fernsehkanlen, die ber Satellit und Kabel empfangen werdenknnen. Die parallelgesellschaftliche Vermutung lautet in diesem Falle: Trkische Migranten nut-zen berwiegend oder ausschlielich trkischsprachige Medien, was ihre Integration in die deutscheGesellschaft behindert. Umgekehrt ist der Konsum deutschsprachiger Medien der Integration frder-lich, weil damit die Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache und mit modernen Gesellschafts-bildern gefrdert wird.

    Eine Sichtung der Forschungsliteratur erlaubt folgende Schlussfolgerungen:

    Im Vergleich zu anderen Zuwanderergruppen scheinen trkischstmmige Migranten tatschlich einevergleichsweise hohe Affinitt zu muttersprachlichen Medienangeboten zu haben. Dies ergeben Stu-dien, bei denen mehrere Nationalitten vergleichend zu ihrer Mediennutzung befragt wurden, bei-spielsweise die Reprsentativuntersuchung 2001 (Venema/Grimm 2002: 51f.) und die Untersu-chung Viele Welten leben ber junge Frauen mit Migrationshintergrund in Deutschland (Boos-Nnning/Karakasoglu 2004: 296ff.). Allerdings drfte dieser Befund auch damit zusammenhngen,dass fr die trkischen Zuwanderer in viel hherem Mae als bei anderen Gruppen berhaupt ein ent-sprechendes muttersprachliches Angebot vorhanden ist. Dieses grere Angebot wiederum entstandwahrscheinlich durch eine lohnende, weil groe Zielgruppe mit entsprechenden trkischen Sprach-kenntnissen.

    Praktisch alle Studien treffen ber trkische Migranten zugleich die Aussage, dass ein groer Teilvon ihnen komplementr zu den trkischen auch deutschsprachige Medienangebote nutzt. Dies giltbesonders fr das mit Abstand wichtigste Medium, das Fernsehen. Beispielhaft hierfr ist die im Jahr2000 durchgefhrte Studie von Wei und Trebbe im Auftrag des Bundespresseamtes zu nennen. An-hand einer Befragung von 1.842 trkischstmmigen Migranten kommen die Autoren zu dem Ergeb-nis, dass nur 17% aller Trken in Deutschland ausschlielich trkischsprachige Medien konsumie-ren. 28% whlen exklusiv Angebote auf Deutsch, jeder zweite nutzt beide Arten (Wei/Trebbe 2001:30). Zu den beiden letztgenannten Gruppen gehren wenig berraschend vor allem jngere, bessergebildete Zuwanderer mit entsprechenden deutschen Sprachkenntnissen. Eine aktuelle Studie imAuftrag des WDR besttigt dieses Ergebnis anhand einer fr Nordrhein-Westfalen reprsentativen

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 17Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    6 Einen berblick ber die Forschungsgeschichte bieten Mller (2005) und speziell fr das trkische Fernse-hen Aumller (2006). In jngster Zeit hat sich ein spezieller Forschungszweig zur Mediennutzung entwi-ckelt, der hier nicht nher behandelt werden soll. Dabei geht es um die Frage, inwiefern (exzessiver) Me-dienkonsum die Schulleistungen und die Kriminalittsraten von deutschen und auslndischen Kindern be-einflusst.

  • Befragung von 503 Personen trkischer Herkunft im Alter von 14-49 Jahren (Simon/Kloppenburg2006: 21).7

    Die Dominanz des Fernsehens unter trkischen Zuwanderern ist mit einer enormen Unterhaltungs-lastigkeit (Mller 2005: 381) verbunden, sprich mit einem bevorzugten Konsum trkischer wiedeutscher Privatsender. Der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez hat in einer ebenfalls fr dasBundespresseamt durchgefhrten qualitativen Untersuchung darauf hingewiesen, dass dieser Um-stand zu einem Loch der politischen Information gerade bei jngeren Trken fhren knne (Hafez2002: 68). Sie nutzen trkische Zeitungen und Nachrichtensendungen nicht (mehr), unter anderemwegen Verstndnisschwierigkeiten, und sind in den deutschen Medien auf Unterhaltungsangebotefixiert. Letzteres drfte allerdings auch fr groe Teile ihrer deutschen Altersgenossen gelten, wasdie Frage aufwirft, was Integration im Medienkontext bedeutet.

    Der vielleicht wichtigste Befund liegt jedoch darin, dass der Zusammenhang zwischen Mediennut-zung und Integration im Lichte empirischer Ergebnisse keineswegs so eindeutig erscheint wie ein-gangs postuliert. So bildet Hafez (2002) in seiner Studie, die auf 93 Tiefeninterviews mit trkischenMigranten basiert, sechs Nutzertypen. Drei von ihnen nutzen zwar ausschlielich oder ganz berwie-gend trkische Medien, sie beinhalten aber Personen, die beispielsweise deutsche Freunde haben,keine Rckkehrplne hegen und dem deutschen politischen System strker vertrauen als dem trki-schen (sog. Diaspora-Nutzer). Umgekehrt werden auch Assimilationsnutzer beschrieben, die nurdeutsche Medien nutzen, aber dennoch bestimmte Integrationsvorbehalte haben knnen (beispiels-weise keine Ehe mit Deutschen wollen). Einen nochmals anderen Blickwinkel bietet die vom Berli-ner Institut fr Vergleichende Sozialforschung durchgefhrte Analyse von trkischen Fernsehpro-grammen (Aumller 2006). Hierfr wurden die kompletten Programme von zwlf in Deutschland zuempfangenden Sendern zwei Wochen lang einer Inhaltsanalyse unterzogen. Betrachtet wurde unteranderem, inwieweit traditionelle Wertvorstellungen, Frauen- und Familienbilder und religise Inhal-te eine Rolle spielen. Obwohl die meisten der trkischsprachigen Fernsehangebote in Deutschlandnach wie vor in der Trkei produziert werden, konnte insgesamt keine Behinderung der Integrationdurch trkische Sendeinhalte festgestellt werden (Aumller 2006: 309).

    Abschlieend ist bei der Mediennutzung zu erwhnen, dass sich die genannten Studien ganz ber-wiegend auf klassische Medien (Zeitungen, Zeitschriften, Hrfunk und Fernsehen) beziehen. DieNutzung neuer Medien wie des Internets ist fr Migranten vergleichsweise noch wenig untersucht,allerdings gibt es Hinweise, dass hier deutschsprachige Angebote bevorzugt werden (Schulte 2003).

    3.2.2 Wohnsegregation

    Wie in fast allen Zuwanderungslndern konzentrieren sich in Deutschland Migranten in groen Std-ten und dort in bestimmten Stadtteilen. Diese rumliche Segregation ist einer der meistbenutztenAufhnger der Debatte um Parallelgesellschaften und in gewisser Weise ihr Kern. Die FormulierungTrkenviertel als soziale Brennpunkte, wie sie krzlich in einem Interview zu lesen war, macht dieweit verbreitete Bewertung von Zuwandererquartieren deutlich: Sie werden als ethnisch homogen

    18 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    7 Im Sinne einer objektiven Betrachtung soll an dieser Stelle erwhnt werden, dass es auch Gegenstimmenzum Befund der Komplementrnutzung gibt. Mller (2005) fhrt neben methodischen Einwnden vor al-lem Studien der Marktforschungsgesellschaft Data 4U an, die zu dem Ergebnis kommen, dass zwardeutschsprachige Medien durchaus genutzt werden, jedoch in viel geringerem zeitlichem Umfang als tr-kischsprachige. Auch dazu gibt es jedoch gegenteilige Befunde (Salentin 2004), so dass eine eindeutigeTendenz in dieser Frage nicht festgestellt werden kann.

  • und als sozial problematisch, sprich integrationshemmend wahrgenommen. Als integrationsfr-dernd wird demgegenber eine Mischung von Zuwanderern und Einheimischen in den verschiede-nen Wohngebieten einer Stadt angesehen. Dieser desegregative Ansatz hat lange Zeit die Wohnungs-und Stadtpolitik in Deutschland geprgt, wird allerdings inzwischen kritisiert.8

    Segregation als ungleichmige Verteilung von Bevlkerungsgruppen im stdtischen Raum ist einuniverselles Phnomen, das sich weit in die Geschichte zurckverfolgen lsst. Neben ethnischer Seg-regation gibt es auch solche nach religisen, sozialen oder demographischen Kriterien, beispielswei-se nach Altersgruppen. Ferner ist zwischen freiwilliger und erzwungener Segregation zu unterschei-den. Erstere ist vor allem bei Gruppen mit hohem sozio-konomischem Status zu beobachten, dieentsprechende Wahlmglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt haben. An den Reichenvierteln lsstsich auch die durchaus unterschiedliche Bewertung ablesen, die Segregation von Fall zu Fall erfhrt:Rumliche Konzentration wird nur dann als Problem betrachtet, wenn es sich um die Absonderungvon Gruppen handelt, deren Andersartigkeit von der Mehrheit als bedrohlich definiert wird. Nichtdie Perfektion oder der Grad der Abgrenzung, sondern die Akzeptanz der durch Abgrenzung sichtbarwerdenden Kultur ist das Problem (Huermann/Siebel 2001: 52). Dementsprechend hat auch nochniemand die soziale Durchmischung oder gar die Auflsung von Wohnquartieren gefordert, indenen berwiegend wohlhabende Menschen leben.

    Die in Deutschland vorhandenen rumlichen Konzentrationen von Migranten sind zum Teil freiwil-lig entstanden, also durch eine subjektive Neigung, dorthin zu ziehen, wo schon viele Landsleuteoder zumindest Auslnder wohnen. Entsprechende Prferenzen wurden in empirischen Untersu-chungen fr verschiedene Zuwanderergruppen gezeigt (Brkner 1998 fr Sptaussiedler, Vene-ma/Grimm 2002 fr Trken, Jugoslawen, Italiener und Griechen). Im Sinne der unter 2.2 behandel-ten Definitionen wre dies freiwillige Segregation und damit ein Kriterium von Parallelgesell-schaften. Als mindestens ebenso bedeutsam fr die Wahl des Wohnstandortes mssen allerdingsobjektive Zwnge eingeschtzt werden. So werden einige Zuwanderergruppen in den ersten Jahrenihres Aufenthaltes in Deutschland bestimmten Wohnorten und dort Stadtvierteln mit Bestnden dessozialen Wohnungsbaus zugewiesen; dies gilt insbesondere fr Sptaussiedler (Worbs et al. 2005).Weiterhin haben auch Migranten ohne Wohnortzwang im Durchschnitt ein geringeres Einkommenals Einheimische und deswegen geringere Wahlmglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt. Verstrktwird dies durch offizielle oder inoffizielle Zuzugssperren bzw. Auslnderquoten in bestimmtenStraenzgen oder Wohnblocks und durch Diskriminierungen seitens einzelner Vermieter. Zudemsuchen Migranten Wohnraum sehr viel hufiger durch informelle Kanle und weniger ber Zei-tungsanzeigen und Makler als das bei Deutschen der Fall ist, was wiederum die Wahrscheinlichkeiterhht, dass sie in ethnisch segregierten Vierteln fndig werden. Die vorhandenen Konzentrationenmssen also als Resultat verschiedener Prozesse gesehen werden. Entgegen der Interpretation imSinne freiwilliger Parallelgesellschaften sehen Autoren wie Huermann und Siebel (2001: 35)und die Beauftragte der Bundesregierung fr Migration, Flchtlinge und Integration (2005:119) die

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 19Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    8 Diese Kritik ist durchaus grundstzlicher Art. Beispielhaft lsst sich das Expertenforum im Projekt Zu-wanderer in der Stadt der Schader-Stiftung zitieren: Wir mssen uns von der Vorstellung lsen, dass dieMischung von Zuwanderern und Einheimischen in den Wohnquartieren der Stdte ein handhabbares In-strument zur Integration der Zuwanderer in die Aufnahmegesellschaft ist. Freiwillige ethnische Segregati-on ist weder zu vermeiden noch ist sie von vornherein schdlich fr eine erfolgreiche Integration von Zu-wanderern (Verbundpartner 2005: 19). Wie diese Einschtzung zustande kommt, wird in den folgendenAbschnitten des hier vorliegenden Textes verdeutlicht.

  • gegenwrtige Wohnsegregation von Zuwanderern in Deutschland als weitgehend durch diebeschriebenen Faktoren erzwungen an.

    Wie gro das absolute Ausma der rumlichen Segregation ist, lsst sich nicht ohne Weiteres beant-worten. Bei einer Betrachtung einzelner deutscher Stdte bzw. Stadtteile wird zumeist der Ausln-deranteil herangezogen, der ber alle Nationalitten summiert. Auf stdtischer Ebene werden hierbeiWerte bis zu 26% erreicht9, auf Stadtteilebene knnen die Werte noch hher liegen. Zudem unter-schtzt der Auslnderanteil die tatschliche Zahl zugewanderter Bewohner durch die Nichtberck-sichtigung von Eingebrgerten und Sptaussiedlern mit deutscher Staatsangehrigkeit.10 Durch dasgeringere Durchschnittsalter der auslndischen Bevlkerung ergibt sich auerdem der Effekt, dassdie Segregation z.B. in Kindertagessttten und Schulen im Einzelfall bis zu 100% erreichen kann.Alle diese Zahlen beziehen sich aber wohlgemerkt auf Auslnder als Sammelgruppe und eineberschaubare Zahl an Stadtteilen in Deutschland.

    Im internationalen Vergleich wird dagegen immer wieder darauf verwiesen, dass die Segregation inDeutschland relativ moderat sei und dass die Zuwandererviertel zumeist multiethnisch sind, andersals beispielsweise in Frankreich, Grobritannien oder den USA. Eine aktuell laufende Untersuchungder Berliner Arbeitsstelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration kommt zudem Ergebnis, dass Trken nur in 121 der untersuchten 1.810 kleinrumigen Gebietseinheiten in 33westdeutschen Stdten zehn oder mehr Prozent der Bevlkerung stellen. Sie sind auerdem durchausnicht immer die dominierende Migrantengruppe: In jeweils einem Drittel der Untersuchungsgebieteleben entweder mehr Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien oder aus der ehemaligen Sowjet-union (Schnwlder 2006: 23).11

    Im zeitlichen Verlauf wird die Segregation der auslndischen Bevlkerung durch so genannte Segre-gationsindizes abgebildet.12 Entsprechende Untersuchungen fr deutsche Stdte (Friedrichs 1998 frKln, Dsseldorf und Duisburg, Kapphan 2000 fr Berlin, Bartelheimer 2000 fr Frankfurt/Main,Grabowski et al. 2002 fr Hamburg) zeigen eine abnehmende Segregation von Auslndern, also ei-nen Trend zur gleichmigeren Verteilung im Stadtgebiet. Strohmeier (2006: 30f.) findet fr sechsStdte in Nordrhein-Westfalen eine teils abnehmende, teils zunehmende Segregation. Das Konzeptdes Segregationsindex weist allerdings einige Schwierigkeiten bei seiner Interpretation auf. Beson-ders hervorzuheben ist, dass eine statistisch abnehmende Konzentration von Auslndern soziale Po-larisierungen verdecken kann: Wenn erfolgreich integrierte Zuwanderer bestimmte Stadtviertel ver-

    20 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    9 Stadt Offenbach am Main, Stand 31.12.2005, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes.

    10 Umgekehrt kann durch die Betrachtung nach der Staatsangehrigkeit auch nicht verfolgt werden, wenn die-se Gruppen in bessere Stadtviertel ziehen. Dies drfte insbesondere bei Eingebrgerten relevant sein, dienach den vorliegenden empirischen Untersuchungen im Vergleich zu Auslndern derselben Herkunft bes-ser integriert sind.

    11 Basis dieser Untersuchung sind Daten der Innerstdtischen Raumbeobachtung des Bundesamtes fr Bau-wesen und Raumordnung, die sich auf Gebietseinheiten mit durchschnittlich 8.000 Bewohnern beziehen.

    12 Diese Indizes beziehen sich auf die Verteilung einer Bevlkerungsgruppe im Bezug auf die Gesamtbevl-kerung einer Gebietseinheit. Sie lassen sich interpretieren als der prozentuale Anteil der Gruppe, der umzie-hen msste, um eine Gleichverteilung im jeweiligen Gebiet zu erzielen. Je hher der Index, desto grer istalso die Segregation.

  • lassen, nimmt zwar die Streuung der Wohnstandorte zu.13 Zugleich konzentrieren sich jedoch in denursprnglichen Quartieren in zunehmendem Mae sozial schwache Gruppen, und zwar Zuwandererund Einheimische. Diese soziale Entmischung, das Zurckbleiben von Armen, Alten, Arbeitslosenund Auslndern in bestimmten Stadtteilen, wird mittlerweile als eines der grten Probleme derStadtentwicklung angesehen. Es handelt sich dabei also weniger um ethnische als um Unterschich-ten-Konzentrationen. Das Leben in diesen Stadtteilen ist in mehrerer Hinsicht problematisch: Zumeinen steigen die interethnischen Spannungen, weil gerade die Bevlkerungsgruppen aufeinander-treffen, die zu wechselseitiger Toleranz am wenigsten bereit und in der Lage sind. Zum anderen sindLebensqualitt und Lebenschancen der Bewohner insgesamt gravierend beeintrchtigt, beispielsweisedadurch, dass allein ihre Wohnadresse als Ausschlusskriterium bei der Arbeitssuche wirken kann.

    Ein weiterer Befund im Hinblick auf die rumliche Segregation ist, dass ein eigenstndiger negativerEffekt der ethnischen Konzentration im Wohnviertel auf die Integration von Zuwanderern inDeutschland bislang nicht nachgewiesen werden konnte. Eine ganze Reihe von Untersuchungenkommt hier zu bereinstimmenden Resultaten: Schon im Jahr 1990 zeigte Alpheis (zitiert in Huer-mann/Siebel 2001: 55) in einer Segregationsstudie in fnf deutschen Grostdten, dass die ethnischeStruktur des Wohngebietes keinen Einfluss auf die soziale Assimilation von Trken hat. Entschei-dend fr die Aufnahme von interethnischen Kontakten sind nach Alpheis individuelle Faktoren wiedie Sprachkenntnisse und das soziale Milieu im Elternhaus. Salentin (2004) konstatiert anhand einer2001 durchgefhrten Befragung unter trkischen, italienischen, vietnamesischen und srilankischenMigranten, dass das Leben in segregierten Wohnlagen nur schwach und nicht konsistent mit der Zahldeutscher Freunde, dem Konsum deutschen Fernsehens und dem Besuch deutscher Sportvereine zu-sammenhngt. Positiv formuliert bedeutet dies z.B., dass Bewohner von Auslndervierteln ten-denziell ebenso viele deutsche Freunde haben wie Zuwanderer, die auerhalb solcher Viertel leben.Eine ausfhrliche Untersuchung der Effekte rumlicher Konzentration hat schlielich Drever (2004)mit Daten des Sozio-konomischen Panels auf der Ebene von Postleitzahlenbezirken vorgelegt. Zu-wanderer in ethnisch segregierten Bezirken sind danach zwar weniger zufrieden mit der Lebensqua-litt in ihrer Nachbarschaft, ihre soziale und identifikative Integration und das Bewahren kulturellerTraditionen hngen aber nicht vom Wohnstandort ab. Entscheidend sind vielmehr individuelle Fak-toren wie Generationenzugehrigkeit und Bildungsstand, insbesondere aber der ethnische Hinter-grund. Trken neigen unabhngig vom Wohnort strker zu eigenethnischen Bezgen als Sptaus-siedler. Drever kommt deshalb zu der Schlussfolgerung, die rumliche Nhe von co-ethnics werdein ihren Effekten berschtzt, und zwar sowohl von ihren (wissenschaftlichen und politischen) Geg-nern als auch von ihren Befrwortern. Durch moderne Transport- und Kommunikationsmittel wr-den soziale Beziehungen auch ber grere Entfernungen geknpft und aufrechterhalten.14

    Einschrnkend muss an dieser Stelle bemerkt werden, dass sich die genannten Studien auf erwachse-ne Migranten und die Wirkungen des Wohnviertels beschrnken. Nicht im Fokus sind dabei die Fol-gen der Segregation im Bereich Kindertagessttten und Schulen, die fr die betroffenen Kinder undJugendlichen durchaus negativ sein knnen. Neben Auswirkungen auf die schulischen Leistungengeben noch nicht verffentlichte Untersuchungen Hinweise darauf, dass die sozialen Netzwerke von

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 21Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    13 Vgl. z.B. Zdrojewski und Schirner (2005), die entsprechende Umzugsbewegungen fr Trken in Nrnbergbelegen. Andererseits zeigt Strohmeier (2006), dass Trken in Kln im Jahr 2000 faktisch noch genausosegregiert wohnten wie 1980, so dass die Ergebnisse fr diese Gruppe uneinheitlich sind.

    14 hnlich auch Brkner (1998), der fr Sptaussiedler in acht deutschen Stdten Anfang der 1990er Jahrefeststellte, dass die Auswirkungen der kleinrumlichen Wohnsegregation auf das soziale Verhalten gering[bleiben] (Brkner 1998: 67).

  • Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund stark von der Schlerschaft der besuchtenSchule abzuhngen scheinen (Schnwlder 2006: 24). Dies wrde bei einer entsprechend segregier-ten Schule bedeuten, dass kaum inter-ethnische Kontakte mit Deutschen bestehen. Zudem wre eswnschenswert, dass die Datenbasis von Segregationsuntersuchungen insgesamt verbreitert wrde,da sich die vorgestellten Untersuchungen oft nur auf einzelne Stdte beziehen. Einen strker flchen-deckenden Ansatz versprechen die schon mehrfach zitierten Untersuchungen der Berliner Arbeits-stelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration, die mit Daten der innerstdtischenRaumbeobachtung fr eine grere Zahl von deutschen Stdten arbeiten (siehe Funote 11).

    3.2.3 Mehrindikatorenstudien

    Es gibt in Deutschland nur sehr wenige Untersuchungen, die sich dem Thema Parallelgesellschaf-ten anhand mehrerer Indikatoren nhern. An erster Stelle sind dabei die Verffentlichungen vonHalm und Sauer15 zu nennen. Sie beruhen auf den seit 1999 durchgefhrten Mehrthemenbefragun-gen des Zentrums fr Trkeistudien (ZfT) unter trkischstmmigen Migranten in Nordrhein-Westfa-len. Die Daten beziehen sich damit zwar nur auf ein Bundesland, jedoch lebt dort immerhin ein Drit-tel aller Trken in Deutschland. Pro Jahr werden rund 1.000 Personen ab 18 Jahren telefonischbefragt.

    Halm und Sauer beziehen sich in ihren Analysen explizit auf die Parallelgesellschafts-Definition vonMeyer (vgl. Kapitel 2.1) und setzen diese in Indikatoren um, die in den Mehrthemenbefragungen er-hoben werden. So wird das Kriterium der kulturell-religisen Homogenitt anhand der Religions-zugehrigkeit und der Religiositt operationalisiert, die lebensweltliche Segregation anhand derKontakte und Freizeitbeziehungen zu Deutschen, und die Verdoppelung von Institutionen anhandder Mitgliedschaft in Vereinen oder Verbnden. Weitere Indikatoren sind der Wunsch nach Kontak-ten mit Deutschen und die Diskriminierungswahrnehmung (fr das Kriterium freiwillige Segregati-on) und die Einschtzung der ethnischen Zusammensetzung des Wohnviertels (fr das Kriteriumsiedlungsrumliche Segregation). Die entsprechenden Querschnittsdaten werden jeweils im Zeit-verlauf betrachtet, um eine Entwicklung hin zu oder weg von Parallelgesellschaften beurteilen zuknnen. Zudem werden die Befragten anhand ihrer Angaben jeweils in segregiert und nichtsegregiert lebende Personen unterschieden, um so die zahlenmige Bedeutung und die Charakteris-tika der Angehrigen einer trkischen Parallelgesellschaft benennen zu knnen.

    Die aktuellste der vorliegenden Verffentlichungen (Halm/Sauer 2006a) betrachtet den Zeitraum1999-2005 und kommt hnlich wie die vorhergehenden zu dem Schluss, dass die untersuchten Merk-male nicht auf das Anwachsen von abgeschotteten Teilen der trkischen Zuwandererbevlkerunghindeuten. Nur die (muslimische) Religiositt ist im Untersuchungszeitraum relativ deutlich gestie-gen von 57 auf 76% der Befragten, die sich als eher oder sehr religis definieren. Die brigen Indika-toren zeigen ein stabiles Niveau der Einbindung in deutsche Lebenszusammenhnge. So hatten90% der Befragten im Jahr 2005 ber Grukontakte hinausgehende Kontakte zu Deutschen in min-destens einem Lebensbereich, 57% lebten in berwiegend deutsch geprgten Wohnvierteln und 40%waren in deutschen Vereinen oder Verbnden Mitglied (teilweise parallel zur Mitgliedschaft in trki-schen Organisationen). Ebenfalls stabil geblieben ist der Anteil der segregiert lebenden Migranten,die in mindestens drei der untersuchten Bereiche den Grenzwert berschritten (also z.B. sehr reli-gis, Organisation nur in trkischen Vereinen, Leben in einem Viertel mit berwiegend trkischerBevlkerung). Er betrug im Jahr 2005 16% der Befragten. Dabei handelt es sich berproportional

    22 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    15 Im Literaturverzeichnis unter Halm/Sauer 2004, 2006a und b sowie fr 2005 unter Sen/Halm/Sauer.

  • hufig um Angehrige der ersten Migrantengeneration, aber auch um als Erwachsene nachgereisteEhepartner der zweiten Generation (Halm/Sauer 2006a: 91). Diese Personengruppen weisen tenden-ziell eine schlechtere Bildungs- und Berufsposition und ein geringeres Einkommen auf. Die Autorenbemerken an dieser Stelle jedoch, dass der Zusammenhang von sozialer und struktureller Integrationinsgesamt nur gering ausgeprgt sei. Auch sozial gut integrierte Migranten wrden vielfach keineadquaten strukturellen Platzierungen erreichen, mithin verdecke die Parallelgesellschafts-Dis-kussion einen wesentlichen Teil von sozio-konomischen Desintegrationsprozessen.

    Einen anderen Mehrindikatoren-Ansatz verfolgte eine Untersuchung des Instituts fr interdisziplin-re Konflikt- und Gewaltforschung an der Universitt Bielefeld (Salentin 2004). Dabei hat man sich dem theoretischen Diskurs ber ethnische Kolonien folgend mit der Frage auseinandergesetzt, obdie Partizipation an der deutschen Gesellschaft und an der Migrantengesellschaft in Konkurrenz zu-einander stehen oder nicht. Herangezogen wurden dazu Befragungsdaten aus dem Jahr 2001 von tr-kischen, italienischen, vietnamesischen und srilankischen Migranten (jeweils rund 800 Personen ab16 Jahren). Diese Daten bilden u.a. die sozialen Kontakte, den Medienkonsum, den Besuch von Ver-einen, die Sprachkenntnisse, das Interesse an Wirtschaft und Politik und die stereotype Wahrneh-mung von Deutschen bzw. Landsleuten durch die untersuchten Personen ab. Im Ergebnis zeigte sichber alle untersuchten Nationalittengruppen hinweg, dass die Partizipation an der Migranten- undan der Mehrheitsgesellschaft nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Vielmehr sind die gut in dieMigrantengesellschaft integrierten tendenziell auch eng mit der Mehrheitsgesellschaft verbunden.Ein solcher Zusammenhang konnte auf der Ebene der informellen Sozialkontakte, des Medienkon-sums und der Einstellungen [] aufgezeigt werden (Salentin 2004: 114). Hinsichtlich des Integra-tionsverlaufs in der Generationenfolge werden fr die zweite Migrantengeneration deutlicheAssimilationsprozesse im Medienkonsum-, Kontakt- und Sprachverhalten sowie ein Rckzug ausMigrantenorganisationen festgestellt (ebd.).

    Sowohl die Bielefelder Studie als auch die Verffentlichungen des Zentrums fr Trkeistudien beru-hen auf quantitativen Umfragedaten. Hingegen hat Ceylan (2006) eine konkrete ethnische Koloniein Deutschland mittels qualitativer Forschung untersucht, nmlich den von trkischen Migranten do-minierten Duisburger Stadtteil Hochfeld.16 Im Mittelpunkt stehen dabei die Moscheen und Cafhu-ser des Stadtteils als Kristallisationspunkte des sozialen Lebens. Ceylan zeigt anhand der Entwick-lung und der Funktionen dieser Institutionen zunchst auf, wie stark sich die trkische Bevlkerungim Zeitablauf differenziert hat (und wie wenig angemessen es deshalb ist, sie aufgrund der rumli-chen Konzentration auch als soziale Einheit wahrzunehmen). Hinsichtlich der Wirkungen der Kolo-nie-Institutionen auf den Integrationsprozess stellt der Autor die gleichen Ambivalenzen fest, wie sieschon aus der theoretischen Diskussion bekannt sind: Integrative und desintegrative Funktionen ste-hen nebeneinander, die gesamte ethnische Kolonie als Parallelgesellschaft zu definieren ist deshalbzu undifferenziert (Ceylan 2006: 256). Er sieht deshalb im Resultat zwei mgliche Optionen fr dieknftige Entwicklung: Werden die Kolonien sich selbst berlassen, drohen Ausgrenzung, Stagnationund Regression, wie sie in der empirischen Untersuchung bereits im Cafhaus-Milieu von Hochfeldfestgestellt wurden (bis hin zu illegalem Glcksspiel und Prostitution). Die andere Option besteht ineiner Anerkennung, Strkung und Anbindung der ethnischen Kolonien durch die Kommunen, umdadurch ihre positiven Potenziale fr die gesamtstdtische Entwicklung zu nutzen.

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 23Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

    16 Ein hnlich gelagerter Beitrag (Retterath 2006) befasst sich mit der russlanddeutschen Kolonie in Freiburg.Der Autor hebt in der Tradition der Binnenintegrationsthese vor allem die positiven Aspekte der Kolo-niebildung hervor. Auf eine ausfhrliche Darstellung wird an dieser Stelle verzichtet, auch weil RetterathsBeitrag im empirischen Teil weit weniger ausfhrlich ist als der von Ceylan.

  • 4 Fazit und Ausblick

    Am Ende dieses Beitrages wird der Bogen zurck zum Anfang geschlagen: Wie real ist das Ge-spenst der Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland? Wie angemessen ist der Begriffals analytisches Konzept, und welche Forschungsperspektiven ergeben sich? Die Sichtung von theo-retischer und ausgewhlter empirischer Literatur hat folgende Resultate erbracht:

    1) Die angefhrten empirischen Untersuchungen legen nahe, dass die Abschottungstendenzen vonZuwanderern in Deutschland in ihrem Ausma berschtzt werden. Abgesehen vom Indikatormuslimische Religiositt in den Studien des Zentrums fr Trkeistudien gibt es auch keineHinweise auf eine Zunahme der Abschottung im Zeitverlauf (wobei man geteilter Meinung seinkann, ob Religiositt an sich schon mit einem Rckzug von der Mehrheitsgesellschaft gleichzu-setzen ist). Dieser Befund gilt auch und gerade fr trkische Migranten, ungeachtet der Tatsache,dass sie absolut gesehen strkere eigenethnische Bezge aufweisen als andere Zuwanderer-gruppen.

    2) Es lsst sich nicht feststellen, dass die Einbindung von Zuwanderern in eigenethnische Strukturenstets und eindeutig negativ mit der Integration in die Aufnahmegesellschaft zusammenhngt. Aufdie zumindest ambivalenten Wirkungen der ethnischen Koloniebildung haben zahlreiche theore-tische Beitrge hingewiesen. hnliche Aussagen finden sich in den zitierten empirischen Arbei-ten hinsichtlich der Mediennutzung und der rumlichen Segregation von (vorwiegend trki-schen) Zuwanderern in Deutschland, und auch in den Arbeiten, die den Koloniebegriff fr Unter-suchungen konkreter Stadtviertel anwenden. Teilweise ist die Aussage sogar umgekehrt: Zuwan-derer mit einer engen Einbindung in Binnenstrukturen sind tendenziell auch eng mit der Mehr-heitsgesellschaft verbunden (Salentin 2004).

    An dieser Stelle mag der Einwand erhoben werden, dass die Wissenschaft besorgniserrengende Ent-wicklungen bersehe, die die Schlagzeilen bestimmen und eben doch auf Parallelgesellschaften inDeutschland hindeuteten. Stichworte hierzu sind Ehrenmorde, die jngsten Gewaltausbrche vonMigrantenjugendlichen in Berliner Stadtteilen, oder die Entwicklung der islamistischen Szene. DieseFakten und Geschehnisse existieren unzweifelhaft und sind alles andere als erfreulich. Sie zeigen,dass es sowohl in bestimmten Teilen deutscher Stdte, als auch bei bestimmten Zuwanderergruppenmassive soziale Probleme gibt, die den Zusammenhalt der Gesellschaft gefhrden. Zudem entziehensich Phnomene wie die genannten zum Teil auch sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, weilsich die betreffenden Personengruppen nur schwer fr Befragungen oder Beobachtungen gewinnenlassen. Insgesamt ist zu vermuten, dass sich besser integrierte Zuwanderer generell strker anwissenschaftlichen Studien beteiligen als schlechter integrierte und dass dadurch eine positiveVerzerrung der Ergebnisse entsteht.

    Dennoch wre es verfehlt, der Wissenschaft deshalb Blindheit vorzuwerfen. Denn erstens haben vie-le der in diesem Beitrag vorgestellten Studien durchaus auf die mglichen problematischen Folgenvon ethnischer Koloniebildung hingewiesen oder sie empirisch benannt. Erinnert sei z.B. an die inden ZfT-Untersuchungen identifizierte Gruppe von segregierten trkischstmmigen Migranten,zu denen auch nachgezogene Ehepartner der zweiten Generation gehren. Zweitens vermag die wis-senschaftliche Sichtweise bestimmte Erscheinungen zu hinterfragen, die oft vorschnell mit Parallel-gesellschaften in Verbindung gebracht werden, obwohl es sich eigentlich um soziale und nicht umethnische Probleme handelt. Im Abschnitt ber die rumliche Segregation (3.2.2) ist dies besondersdeutlich geworden. Und drittens zeigen die vorliegenden empirischen Studien ebenso ein Stck Rea-

    24 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • litt wie die Negativschlagzeilen nur eben eine Realitt, die im medialen und politischen Diskursoft kaum wahrgenommen wird. Die bereinstimmung der wissenschaftlichen Befunde, die gegen ei-ne Verfestigung und Ausbreitung von Parallelgesellschaften sprechen, lsst den Schluss zu, dassdieser weniger furchterregende Realittsanteil de facto sehr gro ist.

    An dieser Stelle ist es auerdem unerlsslich, die Rolle der Aufnahmegesellschaft in den Blick zunehmen. Sie kann die Bildung von Parallelgesellschaften durch Zuwanderer unfreiwillig durchverschiedene Mechanismen frdern schon dadurch, dass sie deren Existenz als gegeben voraus-setzt und dabei die jeweils verdchtigen Gruppen als homogene Einheit wahrnimmt. Eine solcheHomogenitt ist aber in der Realitt kaum jemals gegeben. Die empirischen Befunde sprechen frZuwanderer in Deutschland eher vom Gegenteil, nmlich einer zunehmenden Differenzierung undPolarisierung von Lebenslagen innerhalb der einzelnen Gruppen. Negativ grundierte Fremdbilderwirken jedoch auf die von ihnen Betroffenen zurck und frdern Rckzugstendenzen, die vielleichtzuvor gar nicht in diesem Mae gegeben waren (vgl. Leibold/Khnel/Heitmeyer 2006 im Hinblickauf Muslime). Das Gleiche gilt fr bestimmte institutionelle Arrangements, die geeignet sind, dasGefhl der Nicht-Zugehrigkeit zu frdern, beispielsweise das bis zum Jahr 2000 in Deutschlandgeltende Staatsangehrigkeitsrecht. Und nicht zuletzt sind es ganz alltgliche Prozesse, die zu einerwechselseitigen Aufschaukelung von Abgrenzungen fhren knnen. Dies reicht von scheinbarharmlosen Vorgngen wie der Umgehung des Wohnortprinzips bei der Schulanmeldung von Kin-dern, um diese nicht in die Auslnderschule schicken zu mssen, bis hin zu gewaltttigenbergriffen auf den jeweiligen Gegner (sei dieser nun ein deutscher Polizist oder ein trkischerMigrant).

    Im Hinblick auf die Forschung muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass der vorliegendeBeitrag aus Platzgrnden nicht das gesamte Spektrum relevanter empirischer Untersuchungen be-rcksichtigen konnte. Exemplarisch ausgewhlt wurden mit der Mediennutzung und der rumlichenSegregation zwei Bereiche, ber die erstens viele negative Annahmen hinsichtlich einer Abschot-tung von Zuwanderern kursieren und die zweitens aber auch relativ gut erforscht sind. Ebenso wich-tig wren im Hinblick auf die im Kapitel 2.2 behandelten Definitionen des Begriffes Parallelgesell-schaften Indikatoren zum Sprachverhalten, zur Partnerwahl und zu den sozialen Kontakten von Zu-wanderern sowie zur Rolle ethnischer konomien. Ein ganz eigenes Feld bildet schlielich die Fra-ge, welche Rolle ethnische Selbstorganisationen und Eliten fr die Entwicklung von Zuwandererko-lonien spielen. Hierzu gibt es unterschiedliche Einschtzungen: Autoren wie Meyer (2002) und Kan-del (2004) vertreten eine skeptische Sichtweise und sehen ethnische Organisationen und Eliten inDeutschland eher als Identittswchter denn Integrationslotsen an (Kandel 2004: 14). Andere wiez.B. Walter (2006) verweisen darauf, dass sich in historischer Perspektive solche Strukturen genaudann aufgelst htten, als ihre Anliegen in der Mehrheitsgesellschaft Gehr fanden (self-eliminati-on by success).

    Fr die zuknftige Forschung erscheint das Konzept der Parallelgesellschaften durchaus anwend-bar, allerdings mit einigen Beschrnkungen. Es trifft erstens nach den bisher vorliegenden Erkennt-nissen nur sehr begrenzt auf die Realitt in Deutschland zu. Wichtig ist in diesem Zusammenhangder schon angefhrte Hinweis von Halm und Sauer (2006b), dass die Parallelgesellschafts-Diskus-sion vorhandene strukturelle Integrationsprobleme auch bei sozial gut integrierten Migranten nichterfasst. Der Begriff sollte daher nicht als (vermeintlich alles erklrendes) Schlagwort verwendet wer-den, sondern als Referenzpunkt fr die Beurteilung von Entwicklungen im Zeitverlauf. Hierbei kannauf die vorliegenden Definitionsanstze zurckgegriffen werden, die konkrete Kriterien fr Paral-lelgesellschaften benennen. Die Umsetzung in messbare Indikatoren ist dabei sicher noch verbes-

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 25Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • serbar, denn eine ex-post-Operationalisierung wie in den Verffentlichungen von Halm und Sauerwird meistens nicht ganz befriedigend ausfallen.

    Auch die Untersuchung konkreter ethnischer Kolonien wie in der Arbeit von Ceylan (2006) ver-spricht einen Erkenntnisgewinn, ebenso wie Kommunalanalysen, die sich unabhngig von der Zu-sammensetzung der Bewohnerschaft mit der Entwicklung in bestimmten Stadtteilen beschftigen.Das Zentrum Demokratische Kultur hat solche Arbeiten fr Berliner Quartiere vorgelegt und un-tersucht unter anderem islamistische Parallelgesellschaften in Kreuzberg (ZDK 2003). Schlielicherscheint auch eine weitere kontinuierliche Beobachtung von Einzelfeldern wie der Mediennutzungangezeigt. Hierzu knnen auch reprsentative, mglichst wiederholt durchgefhrte Querschnittsbe-fragungen verschiedener Migrantengruppen einen Beitrag leisten, beispielsweise die frher im Auf-trag des Bundesministeriums fr Arbeit und jetzt vom Bundesamt fr Migration und Flchtlingedurchgefhrte Reprsentativbefragung von groen Auslndergruppen in Deutschland.

    5 Literaturverzeichnis

    Aumller, Jutta (2006): Trkische Fernsehsender in Deutschland, Berlin: edition Parabolis.

    Bade, Klaus J. (2006): Integration und Politik aus der Geschichte lernen?, in: Aus Politik und Zeit-geschichte, 40-41, 3-6.

    Bade, Klaus J. (2004): Leitkultur-Debatte: Zuwanderung wird als Bedrohung empfunden, Interviewmit Spiegel Online vom 24.11.2004,Online: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,329285,00.html

    Bartelheimer, Peter (2000): Soziale Durchmischung am Beispiel Frankfurt am Main Problemwahr-nehmung und empirische Befunde, in: vhw FW, Zeitschrift fr Wohneigentum in der Stadtent-wicklung und Immobilienwirtschaft, 6, 219-229.

    Beauftragte der Bundesregierung fr Migration, Flchtlinge und Integration (2005): Bericht der Be-auftragten der Bundesregierung fr Migration, Flchtlinge und Integration ber die Lage derAuslnderinnen und Auslnder in Deutschland, Berlin.

    Blaschke, Monika (1992): Deutsch-Amerika in Bedrngnis: Krise und Verfall einer Binde-strichkultur, in: Bade, Klaus J. (Hg.): Deutsche im Ausland Fremde in Deutschland. Migrationin Geschichte und Gegenwart, Mnchen: Verlag C.H. Beck, 170-179.

    Boos-Nnning, Ursula/Karakasoglu, Yasemin (2004): Viele Welten leben. Lebenslagen von Md-chen und jungen Frauen mit griechischem, italienischem, jugoslawischem, trkischem und Aus-siedlerhintergrund, Berlin: Bundesministerium fr Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

    Burgers, Jack/Engbersen, Godfried (Hg.) (1999): De ongekende stad I: Illegale vreemdelingen inRotterdam, Amsterdam: John H. Boom.

    Bruquetas-Callejo, Maria/Garcs-Mascarenas, Blanca/Penninx, Rinus/Scholten, Peter (2006): Poli-cymaking related to immigration and integration. The Dutch Case. Country Report on the Nether-lands for the IMISCOE Cluster 9, Amsterdam (forthcoming).

    Brkner, Hans-Joachim (1998): Kleinrumliche Wohnsegregation von Aussiedlern in der Bundesre-publik Deutschland, in: Zeitschrift fr Bevlkerungswissenschaft, 23(1), 55-69.

    Ceylan, Rauf (2006): Ethnische Kolonien. Entstehung, Funktion und Wandel am Beispiel trkischerMoscheen und Cafs, Wiesbaden: VS Verlag fr Sozialwissenschaften.

    26 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • Doomernik, Jeroen (2003): Integration Policies towards Immigrants and Their Descendants in theNetherlands, in: Heckmann, Friedrich/Schnapper, Dominique (Hg.): The Integration of Immi-grants in European Societies. National Differences and Trends of Convergence, Stuttgart: Lucius& Lucius, 165-183.

    Drever, Anita I. (2004): Separate Spaces, Separate Outcomes? Neighbourhood Impacts on Minori-ties in Germany, in: Urban Studies, 41(8), 1423-1439.

    Duyvene de Wit, Thom/Koopmans, Ruud (2001): Die politisch-kulturelle Integration ethnischerMinderheiten in den Niederlanden und in Deutschland, in: Forschungsjournal Neue Soziale Be-wegungen, 14 (1), 26-41.

    Elwert, Georg (1982): Probleme der Auslnderintegration. Gesellschaftliche Integration durch Bin-nenintegration?, in: Klner Zeitschrift fr Soziologie und Sozialpsychologie, 34(4), 717-731.

    Esser, Hartmut (2007): Sprich dich aus! Wir haben weder Ghettos noch Parallelgesellschaften,Interview mit Telepolis Online vom 02.01.2007,Online: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24331/1.html

    Esser, Hartmut (2001): Integration und ethnische Schichtung. Arbeitspapier Nr. 40, Mannheim:Mannheimer Zentrum fr Europische Sozialforschung.

    Esser, Hartmut (1986): Ethnische Kolonien: Binnenintegration oder gesellschaftliche Isolation?,in: Hoffmeyer-Zlotnik, Jrgen (Hg.): Segregation und Integration. Die Situation von Arbeitsmi-granten im Aufnahmeland, Mannheim, 106-117.

    Friedrichs, Jrgen (1998): Ethnic Segregation in Cologne, Germany, 1984-94, in: Urban Studies,35(10), 1745-1765.

    Gaitanides, Stefan (2001): Die Legende der Bildung von Parallelgesellschaften, in: iza Zeitschriftfr Migration und soziale Arbeit, 3/4, 16-25.

    Gestring, Norbert (2005): Parallelgesellschaften ein Kommentar, in: Gestring, Norbert/Glasauer,Herbert/Hannemann, Christine/Petrowsky, Werner/Pohlan, Jrg (Hg.): Jahrbuch StadtRegion2004/2005. Schwerpunkt: Schrumpfende Stdte, Wiesbaden: VS Verlag fr Sozialwissenschaf-ten, 163-169.

    Grabowski, Werner/Michel, Ute/Podszuweit, Ulrich/Tietjens, Horst (2002): Das Tor zur Welt. Zu-wanderung und Segregation in Hamburg, in: Fassmann, Heinz/Kohlbacher, Josef/Reeger, Ursula(Hg.): Zuwanderung und Segregation. Europische Metropolen im Vergleich, Klagenfurt:Drava-Verlag, 143-159.

    Hafez, Kai (2002): Trkische Mediennutzung in Deutschland: Hemmnis oder Chance der gesell-schaftlichen Integration? Eine qualitative Studie im Auftrag des Presse- und Informationsamtesder Bundesregierung, Hamburg und Berlin.

    Halm, Dirk/Sauer, Martina (2006a): Desintegration und Parallelgesellschaft. Aktuelle Befunde zurIntegration trkeistmmiger Migranten, in: vorgnge, Zeitschrift fr Brgerrechte und Gesell-schaftspolitik, 176, 45(4), 84-94

    Halm, Dirk/Sauer, Martina (2006b): Parallelgesellschaft und ethnische Schichtung, in: Aus Politikund Zeitgeschichte,1-2, 18-24.

    Halm, Dirk/Sauer, Martina (2004) Das Zusammenleben von Deutschen und Trken Entwicklungeiner Parallelgesellschaft?, in: WSI-Mitteilungen, 57(10), 547-554.

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 27Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • Huermann, Hartmut/Siebel, Walter (2001): Soziale Integration und ethnische Schichtung. Zusam-menhnge zwischen rumlicher und sozialer Integration. Gutachten im Auftrag der Unabhngi-gen Kommission Zuwanderung, Berlin und Oldenburg.

    Heckmann, Friedrich (1992): Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Soziologie inter-ethnischerBeziehungen, Stuttgart: Enke Verlag.

    Heitmeyer, Wilhelm (1996): Fr trkische Jugendliche in Deutschland spielt der Islam eine wichtigeRolle, in: Die Zeit Nr. 35 vom 23.08.1996,Online: http://www.zeit.de/archiv/1996/35/heitmey.txt.19960823.xml?page=all

    Irle, Katja (2007): Migranten ohne Muttersprache, in: Frankfurter Rundschau vom 08.01.2007.

    Kaloianov, Radostin (2006): Die Parallelgesellschaft und ihre Feinde, in: berblick Zeitschrift desInformations- und Dokumentationszentrums fr Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen,12(2), 8-10.

    Kamphoefner, Walter D. (2006): Westfalen in der Neuen Welt. Eine Sozialgeschichte der Auswan-derung im 19. Jahrhundert, Gttingen: V&R unipress.

    Kandel, Johannes (2004): Organisierter Islam und gesellschaftliche Integration, Online:http://www.fes-online-akademie.de/send_file.php/download/pdf/Kandel_Organisierter_Islam.PDF

    Kapphan, Andreas (2000): Die Konzentrationen von Zuwanderern in Berlin: Entstehung und Aus-wirkungen, in: Schmals, Klaus M. (Hg.): Migration und Stadt. Entwicklungen, Defizite, Poten-tiale, Opladen: Leske+Budrich, 137-153.

    Keil, Hartmut (1984): Die deutsche Amerikaeinwanderung im stdtisch-industriellen Kontext: dasBeispiel Chicago 1880-1910, in: Bade, Klaus J. (Hg.): Auswanderer, Wanderarbeiter, Gastarbei-ter. Bevlkerung, Arbeitsmarkt und Wanderung in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhun-derts, Ostfildern: Scripta Mercaturae Verlag, Band 1, 378-405.

    Leibold, Jrgen/Khnel, Steffen/Heitmeyer, Wilhelm (2006): Abschottung von Muslimen durch ge-neralisierte Islamkritik?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte,1-2, 3-10.

    Lucassen, Leo (2005): A Threat to the Nation: Poles in Germany (1870-1940), in: ders.: The Immi-grant Threat. The Integration of Old and New Migrants in Western Europe since 1850, Urbanaand Chicago: University of Illinois Press, 50-73.

    Luft, Stefan (2006): Deutsche Grostdte zwischen Parallelgesellschaft und Integration, in: Politi-sche Studien, 57(409), 60-70.

    Luft, Stefan (2002): Droht die Gefahr islamisch geprgter Parallelgesellschaften in deutschen Std-ten?, in: Zehetmair, Hans (Hg.): Der Islam im Spannungsfeld von Konflikt und Dialog, Wiesba-den: VS Verlag fr Sozialwissenschaften, 82-109.

    Meyer, Thomas (2002): Parallelgesellschaft und Demokratie, in: Mnkler, Herfried/Llanque, Mar-cus/Stepina, Clemens K. (Hg.): Der demokratische Nationalstaat in den Zeiten der Globalisie-rung. Politische Leitideen fr das 21. Jahrhundert, Berlin: Akademie Verlag, 193-229.

    Merkel, Angela (2006): Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlsslich der internationalenKonferenz Urban Age am 10.11.2006 in Berlin, Online:http://www.bundesregierung.de/nn_1498/Content/DE/Rede/2006/11/2006-11-10-rede-urban-age-bkin.html

    28 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • Mller, Daniel (2005): Die Mediennutzung der ethnischen Minderheiten, in: Geiler, Rainer/Pttker,Horst (Hg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Pro-blemaufriss, Forschungsstand, Bibliographie, Bielefeld: transcript Verlag, 359-387.

    Nowak, Jrgen (2006): Leitkultur und Parallelgesellschaft Argumente wider einen deutschen My-thos, Frankfurt/Main: Brandes & Apsel.

    Oberndrfer, Dieter (2000): Vom Unsinn der Integration, in: Der Stern vom 02.11.2000.

    hler, Andreas (2005): Verheerender Kampfbegriff, in: Rheinischer Merkur vom 19.05.2005.

    zdemir, Cem (2006): Kreuzberg: Hinziehen statt weggucken. Beitrag fr Spiegel Online vom23.11.2006, Online: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,450005,00.html

    Pfahl-Traughber, Armin (2005): Vom Aufbau von Parallelgesellschaften bis zur Durchfhrung vonTerroranschlgen. Das Gefahren- und Konfliktpotenzial des Islamismus in Deutschland, in: Hil-debrandt, Mathias/Brocker, Manfred (Hg.): Unfriedliche Religionen? Das politische Gewalt- undKonfliktpotenzial von Religionen, Wiesbaden: VS Verlag fr Sozialwissenschaften, 153-177.

    Retterath, Hans-Werner (2006): Chancen der Koloniebildung im Integrationsprozess russlanddeut-scher Aussiedler?, in: Ipsen-Peitzmeier, Sabine/Kaiser, Markus (Hg.): Zuhause fremd Russ-landdeutsche zwischen Russland und Deutschland, Bielefeld: transcript Verlag, 129-149.

    Salentin, Kurt (2004): Ziehen sich Migranten in ethnische Kolonien zurck?, in: Bade, KlausJ./Bommes, Michael/Mnz, Rainer (Hg.): Migrationsreport 2004. Fakten-Analysen-Perspekti-ven. Frankfurt/Main und New York: Campus Verlag, 97-116.

    Schnwlder, Karen (2006): Bunter als die Politik behauptet. Abschottungstendenzen von Migran-ten werden berschtzt, in: WZB-Mitteilungen, 113, 21-24.

    Schulte, Joachim (2003): Die Internet-Nutzung von Deutsch-Trken, in: Becker, Jrg/Behnisch,Reinhard (Hg.): Zwischen kultureller Zersplitterung und virtueller Identitt. Trkische Medien-kultur in Deutschland III, Rehburg-Loccum: Evangelische Akademie Loccum, 115-123.

    Sen, Faruk/Halm, Dirk/Sauer, Martina (2005): Entwicklung zur Parallelgesellschaft? Die gesellschaft-liche und soziale Integration junger trkeistmmiger Migranten, ZfT-aktuell Nr. 114, Essen.

    Simon, Erk/Kloppenburg, Gerhard (2006): Das Fernsehpublikum trkischer Herkunft Fernsehnut-zung, Einstellungen und Programmerwartungen, in: Westdeutscher Rundfunk (Hg.): Zwischenden Kulturen. Fernsehen, Einstellungen und Integration junger Erwachsener mit trkischer Her-kunft in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse der Mediaforschung August/September 2006, Kln,16-31.

    Strohmeier, Klaus Peter (2006): Segregation in den Stdten. Herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik, Bonn.

    Tibi, Bassam (1998): Europa ohne Identitt? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft, Mnchen:C. Bertelsmann Verlag.

    Venema, Matthias/Grimm, Claus (2002): Situation der auslndischen Arbeitnehmer und ihrer Fami-lienangehrigen in der Bundesrepublik Deutschland. Reprsentativuntersuchung 2001, Teil A:Trkische, ehemalige jugoslawische, italienische sowie griechische Arbeitnehmer und ihre Fa-milienangehrigen in den alten Bundeslndern und im ehemaligen West-Berlin. Forschungsbe-richt im Auftrag des Bundesministeriums fr Arbeit und Sozialordnung, Offenbach undMnchen.

    Walter, Franz (2006): Mangelt es an Parallelgesellschaften? Essay in Spiegel Online vom18.06.2006, Online: http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,421967,00.html

    soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1 29Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?

  • Wei, Hans-Jrgen/Trebbe, Joachim (2001): Mediennutzung und Integration der trkischen Bevl-kerung in Deutschland. Ergebnisse einer Umfrage des Presse- und Informationsamtes der Bun-desregierung, Potsdam: Gfak Medienforschung.

    Wiley, Norbert F. (1970): The Ethnic Mobility Trap and Stratification Theory, in: Rose, Peter I.(Hg.): The Study of Society. An Integrated Anthology, 2. Auflage, New York und Toronto: Ran-dom House, 397-408.

    Worbs, Susanne/Sinn, Annette/Roesler, Karsten/Schmidt, Hans-Jrgen (2005): Rumliche Vertei-lung und Wohnsituation von Zuwanderern in Deutschland, in: Verbundpartner Zuwanderer inder Stadt (Hg.): Zuwanderer in der Stadt Expertisen zum Projekt, Darmstadt, 13-42.

    Zdrojewski, Simone/Schirner, Henning (2005): Segregation und Integration. Entwicklungstenden-zen der Wohn- und Lebenssituation von Trken und Sptaussiedlern in der Stadt Nrnberg, in:Verbundpartner Zuwanderer in der Stadt (Hg.): Zuwanderer in der Stadt Expertisen zumProjekt, Darmstadt, 75-146.

    Zentrum Demokratische Kultur (Hg.) (2003): Demokratiegefhrdende Phnomene in Kreuzbergund Mglichkeiten der Intervention ein Problemaufriss. Eine Kommunalanalyse im BerlinerBezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin.

    Autoreninformation

    Susanne Worbs ist Diplom-Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesamt fr Mi-gration und Flchtlinge. Zuvor war sie mehrere Jahre am europischen forum fr migrationsstudien(efms) in Bamberg ttig. Ihre Ttigkeitsschwerpunkte sind Statistiken in den Bereichen Migration,Integration und Asyl sowie Integrationsforschung und berichterstattung.

    Kontakt:

    Tel.: 0911-943-4502E-mail: [email protected]

    30 soFid Migration und ethnische Minderheiten 2007/1Parallelgesellschaften von Zuwanderern in Deutschland?