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Ethos, Pathos, PowerPoint Zur Epistemologie und (Silicon-Valley-)Rhetorik digitaler PrsentationenWolfgang Hagen

PowerPoint (im folgenden: das PP, als Neutrum dekliniert) wurde in den 1980er Jahren erdacht und entwickelt, in einem kleinen, stets am Rande des Ruins agierenden Start-up namens Forethought aus Sunnyvale, behei-matet im Herzen des Silicon Valley. PPs Autor ist Robert Gaskins (2012), der die Software mit den beiden Programmierern Dennis Austin (2009) und Tom Rudkin nach drei Jahren Entwicklung im April 1987 auf den ersten Apple-Macintosh Gerten (ohne Festplatte und Beamer) zum Laufen brach-te. Nach dem Prinzip What-You-See-Is-What-You-Get (WYSIWYG) soll-ten mit PP an den kleinen Neun-Zoll-Bildschirmen eines Apple-Macin-tosh Overhead-Folien (PP 1.0, 1987), Prsentations-Dias (PP 2.0, 1990) und Screenings aller Art (PP 3.0, 1992) so gestaltet werden, wie sie anschlie-end eins zu eins aus dem Drucker kamen. Im Folgenden mchte ich schil-dern und erlutern,

wie PP aus dem Leitbild eines medial geschlossenen Computer-Interface hervorgeht, das als Maschinen-Paradigma (PC) in den spten 1970er Jahren entwickelt wird;

wie in diesem opaken Interface ein in beschwrender Selbst-Prsentation gut gebte Unternehmungskultur mit PP ihren Ausdruck findet;

wie die immanente Rhetorik einer unter dem Name Presenter entwi-ckelten Software, als PP in die Welt gelassen, den digitalen Glanz der Computer-Oberflche, den sie affirmiert und prsentiert, immer wieder zerbricht;

und wie die Offenlegung der faktischen Formularrhetorik von PP die Grenzen aufzeigt, in denen das Programm bedingt ntzlich gemacht wer-den kann.

Dabei gilt es auch zu erklren, warum ein Vierteljahrhundert und zehn Soft-ware-Versionen spter (Stand 2014) PP so berwltigend populr geworden ist (verwendet auf mutmalich mehr als einer Milliarde Computern (Mac &

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Windows)) und dabei zugleich zu einem der skandalsesten Schreckgespens-ter des Digitalen mutierte.

Schafft Powerpoint ab! forderte schon 2003 der Publizist Roger de Weck: Der Feind des Erfolgs, der Erzfeind des gesunden Menschenver-stands und der Todfeind in jeder Sitzung ist: PowerPoint. Dieses Programm von Microsoft ist genau besehen kein Programm, sondern ein Virus, der die ganze Wirtschaft befallen und verdummt hat. (de Weck 2003: 66)

Death by Powerpoint hie die entsprechende Parole in den US-ameri-kanischen Wirtschaftsblttern kurz nach dem Platzen der Dot-Com-Blase 2002, so als habe die dnis schlechter Slides die Krise verursacht (Farkas 2009: 28).

Unter dem Titel How Powerpoint Makes You Stupid the faulty cau-sality, sloppy logic, decontextualized data and seductive showmanship that have taken over our thinking erinnerte wenig spter Franck Frommer dar-an, dass eine der folgenreichsten politischen Lgen im ersten Jahrhundert-jahrzehnt vom US-Aussenminister Colin Powell stammte, dessen PP-Folien vor dem Sicherheitsrat am 5. Februar 2003 beweisen sollten, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitze (Frommer 2012). Der USA-Krieg gegen den Irak war die Folge, der bisher einer halben Million Menschen das Leben kostete und den anhaltenden desolaten Zerfall einer ganzen Region bewirkt hat. Nicht zuletzt von daher ist PP wohl auch im US-Militr, nach jahr-zehntelangem intensiven Gebrauch in Meetings und Briefings vor allem im Kontext des Afghanistan-Krieges, inzwischen in Verruf geraten: thus senior decision makers are making more decisions with less preparation and less time for thought (Hammes 2009).

Mit diesen kurzen Schlaglichtern ist nur die Spitze der Anti-PP-Suaden angefhrt. Die berhmteste und schrfste, weil auf den kognitiven Stil der Software zielend, stammt vom Ex-Princeton- und Yale-Professor Edward Tufte:

Foreshortening of evidence and thought, low spatial resolution, a deeply hierarchical singlepath structure as the model for organizing

every type of content, breaking up narrative and data into slides and minimal fragments, rapid temporal sequencing of thin information rather than focused spa-

tial analysis, conspicuous decoration and Phluff, a preoccupation with format not content,

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an attitude of commercialism, that turns everything into a sales pitch. (Tufte 2004: 4)

Tufte lsst seine Verdammnis mnden in dem Hinweis auf eine Chart der NASA vor dem Columbia-Flug, die unter ferner liefen im verstmmelten Bullet-Stil auf mgliche Probleme mit den Hitzeschildern verwies und in dieser Unterbetonung insofern mitverantwortlich gewesen sei fr den Ab-sturz des Shuttles. Fr den Zeitraum 1998 bis 2009 finden sich auf der Web-Seite sooper.org ber 190 kritische Verffentlichungen, wobei die deutschen, englischen und franzsischen gar nicht erwhnt sind. Die kann man zum Teil auf einer Seite der Universitt Giessen nachlesen (Mertens 2005).

Es erhoben sich auch freundlichere Stimmen (u.a. Dan Brown und David Byrne), die jeweils auf ihre Weise gegen den inhrenten Technikde-terminismus der PP-Verchter zu Felde zogen. All seiner Kunstfertigkeit und Erfahrung zum Trotz ist fr Tufte also der Mensch eine willenlose Ma-schine, die sich in jede beliebige Richtung, vorzugsweise abwrts, schicken lsst. Wie immer, wenn es um neue Medien geht. Denn die Debatte um PowerPoint beherbergt alte Argumente der Medienkritik als untote Wieder-gnger (Mertens/Leggewie 2004) meinte beispielsweise Claus Leggewie; Wiedergnger, die den Informatiker Jrg Pflger an ltere Auseinanderset-zungen ber die Wertfreiheit von Wissenschaft und Technik erinnern: Ist Gebrauch und Missbrauch eines Werkzeugs oder technischen Mediums nur in die Verantwortung der Nutzer gestellt, oder vermittelt das Medium per se einen Brauch, der einen Missbrauch nahelegt?. Pflger schliet mit ei-ner Pointe, die einen dritten Weg der Interpretation zu erffnen versucht: Es geht also primr um eine Organisationskultur, die ein fr viele Zwecke ungeeignetes Werkzeug allgegenwrtig macht. [] Dementsprechend sollte der ubiquitre Einsatz von PowerPoint-Prsentationen weniger als Verursa-cher denn als Abbild der betroffenen Organisationen begriffen werden und als Symptom, dass mit ihnen etwas im Argen liegt. (Pflger 2009: 155) Jrg Pflgers Vermutung, nicht PP verderbe Firmenkulturen, sondern sei eher Ausdruck ihrer Verdorbenheit, erstirbt ein wenig schnell in polemischer Erstarrung, ohne zunchst das Bild zu konkretisieren, das diese Umkehrung der Perspektive erffnet.

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1. Epistemologie

Die Entstehung von PP hat zwei Seiten, nmlich eine technisch-algorith-mische und eine gouvernemental-unternehmerische. Beide Seiten sind eng verflochten, auf dem Entwicklungsstrang des Personal Computers zwischen 1970 und 1990 aufsetzend (und ihn vorantreibend), der, weitere zwanzig Jahre spter, unverndert die Achsen dessen ausmacht, was in aller Unschrfe heute unter das Schlagwort Digitale Kultur subsummiert wird. Das Re-lease von PP 1987 steht auf einem Sattelpunkt einer Entwicklung, den das Programm von da an massiv mit befrdert hat.

1.1 Software Epistemologien

Was aber ist unter der Epistemologie einer Software berhaupt zu verstehen? Software, so John Tukeys Namensgebung von 1958, besagt: Carefully pl-anned interpretive routines, compilers, and other aspects of automative pro-gramming in Abhngigkeit von Hardware mit ihren transistors, wires, tapes and the like (Tukey 1958: 2). Software hat epistemologisch also mehr-fach verschachtelte Aspekte. Zunchst enthlt sie als implizites signifikantes Element die historisch gegebenen Prozessoren und ihre jeweilige Steuerungs-sprache. Zudem trgt sie als diskursive Struktur selbst noch einmal (ob nun imperativ, funktional oder objektorientiert) die Ideologie der Schreibbar-keit der Welt in die Welt (Pflger 2004: 315). Eine Software verkrpert also maschinelle Machbarkeiten und zugleich auch eine rhetorische Maschine. Das gilt umso mehr fr ein Prsentationsprogramm wie PP. Es ist fr einen bestimmten Maschinentypus programmiert, nmlich einen Stand-Alone-Personal-Computer mit grafischer Bildschirm-Oberflche, deren Elemente mit einer Maus manipuliert werden knnen.

1.2 Die Paradigmen in PowerPoints Software Design

Als eine Besonderheit, die nicht vielen Applikationen eigen ist, enthlt PP zudem in rudimentrer Form das Konzept einer Software in der Software. Datenstrukturell sind in ihre Slides (in denen Grafiken, Bilder und Tex-telemente verschachtelt sind) als Elemente eines Documents definiert. Funktional unterscheidet die Software zwischen einem development mode

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der Slides und einem presentation mode des Dokuments. Im Prsenta-tionsmodus bernimmt PP die Regie ber das Display und spult die ein-zelnen Slides in der vorgesehenen Reihenfolge linear automatisch oder auf Tastendruck ab, ohne dass dynamische Eingriffe oder Variationen mglich wren. Grafische Effekte im Ablauf der Prsentation sind programmierbar, allerdings nur linear und im Voraus.

Die PP-Epistemologie enthlt insofern drei Aspekte. Der erste wird durch die technisch-algorithmische Architektur des Personal Computers beschrie-ben, als Paradigma etabliert seit den spten 1970er Jahren, wie genau, wird gleich zu zeigen sein. Hinzukommt die benannte Doppelmodus-Struktur des Programms. Ein dritter epistemologischer Aspekt bezieht indessen sich auf den groen Einfluss dessen, was ich vorlufig die Silicon-Valley-Struktu-ration nennen mchte, geprgt durch einen bestimmten Typus von Start-ups aus dem Sektor der Mikroelektronik, geprgt durch Venturekapitalismus, riskante Geschftsmodelle, eine hohe Volatilitt und spezifische Familiari-tt hoch spezialisierter Akteure, organisiert in flachen Hierarchien und Ent-scheidungswegen. Als PP in die Welt kam, war der Personal Computer als Inkarnation einer neuen, revolutionren Man-Machine-Symbiosis nur im Kontext dieser Unternehmenskultur

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